I’m Your Woman

DIE FRAU IM HINTERGRUND

6,5/10


imyourwoman© 2020 Amazon Studios

LAND: USA 2020

REGIE: JULIA HART

CAST: RACHEL BROSNAHAN, ARINZÉ KENE, MARSHA STEPHANIE BLAKE, BILL HECK, FRANKIE FASON U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Wir kennen ja alle diese urbanen Gangsterdramen, in denen unheilbare Kleinganoven versuchen, auf illegale Weise das große Ding zu drehen und dabei von anderen Leuten, die das nicht gerne sehen, auf gut wienerisch „aufgeblattelt“ werden. Meist verorten wir da eine Bezugsperson in der storytechnischen Peripherie, eine Ehefrau zum Beispiel, wenn geht mit Kind, die ihren Gatten anfleht, endlich mit diesem Unfug aufzuhören. Oder aber ihn dabei unterstützt, weil sie selbst so einen moralfreien Freiheitsdrang in sich verspürt. Die Frau, die ist da aber meist die Figur am Rande, im Hintergrund, wird vielleicht auch entführt und als Druckmittel eingesetzt. Im Mittelpunkt steht aber der männliche Kriminelle mit Sympathiewerten.

Nicht so in Julia Harts Krimidrama. In I’m Your Woman wird das betrachtende Auge auf die andere Seite gelenkt, auf die, die so aussieht, als wäre sie nur die kleine zweite Erzählebene, um das Skript dichter zu machen. Siehe da: man kann auch mit einem Schauplatzwechsel wie diesem das Unwesentliche zum Wesentlichen deklarieren und die daheim ausharrende Ehefrau kurzerhand in ein Auto setzen, um den nachsetzenden Finsterlingen zu entkommen. Das passiert mit Golden Globe-Gewinnerin Rachel Brosnahan, die als Marvelous Mrs. Maisel bereits Fernsehgeschichte geschrieben hat. So marvelous scheint sie in diesem eher sachten und zögerlichen Selbstbehauptungs-Roadmovie vorerst gar nicht zu sein. Denn sie hinterfragt auch nichts, als der kriminelle Ehemann eines Tages ein Baby mit nachhause bringt. Das ist jetzt ihres, sagt dieser, und er hätte alles schon geregelt. Wie erfreulich für Filmgattin Jean, die ja selbst keine solchen bekommen kann, ihren Kinderwunsch nun aber endlich gestillt sieht. Kurze Zeit später verschwindet ihr Mann – sie bleibt als Hausfrau und Mutter zurück. Bis sie und das Baby flüchten müssen, mit einem Unbekannten namens Cal, der ihren Mann aber gut kennt.

Was sich dann anlässt, ist das Psychogramm einer erstarkenden Frau, der letzten Endes nichts anderes übrig bleibt, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Die „Supporting Role“ rückt ins Rampenlicht, das Drama rund um den Gatten wird irrelevant. Auch erfahren wir nicht, was es mit den kriminellen Machenschaften auf sich hat. Das liefern, wie eingangs schon erwähnt, bereits zahlreiche andere Filme. Diese Story jedoch variiert den klassischen Aufbau durchwegs neu und verknüpft lakonische Alltagsmomente einer Mutter mit erdigem Gangsterthrill im 70er-Couleur. Die junge Gena Rowlands wäre für diese Rolle prädestiniert gewesen. Brosnahan erfüllt die Ansprüche aber ebenfalls gut, und auch wenn hier zwischendurch ein paar zu elegische Bestandsaufnahmen die Story nur schleppend voranbringen – die Ambition dahinter, den Alltag schmeißende Mütter mit prickelnden kriminalistischen Abenteuern auf einen Nenner zu bringen, bleibt klar erkennbar.

I’m Your Woman

Strange But True – Dunkle Geheimnisse

WIE DIE JUNGFRAU ZUM KIND

4/10

 

strange-but-true© 2019 Tiberius Film

 

LAND: KANADA 2019

REGIE: ROWAN ATHALE

CAST: MARGARET QUALLEY, AMY RYAN, GREG KINNEAR, NICK ROBINSON, BRIAN COX, BLYTHE DANNER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN

 

Tarantinos Hippie-Girl aus Once Upon a Time… in Hollywood, Margaret Qualley, hat es auch in dieser Retail-Premiere eines Mysterydramas faustdick hinter den Ohren. Als ehemalige Freundin von Amy Ryans verstorbenem Sohn steht die Gute fünf Jahre nach dessen Tod vor der Türschwelle der trauernden Mutter, um ihr eine völlig absurde, fast schon kränkende Kuriosität unter die Nase zu reiben: das Bäuchlein, das Melissa nämlich vor sich herträgt, soll auf die Kappe des Verunglückten gehen. Wie das? Theoretisch und auch rein praktisch gar nicht möglich, oder? Naja, meint Melissa, dem Jenseits sei auch im Diesseits manchmal Tür und Tor geöffnet. Amy Ryan hört sich das natürlich nicht länger an und jagt das Mädchen aus dem Haus. Aber was in Dreiteufelsnamen ist da dran? Künstliche Befruchtung vielleicht? Mit einer postmortalen Spermaprobe? Mutter Ryan forscht nach. Und stößt, wie der Subtitel des Films schon vermuten lässt, auf dunkle Geheimnisse.

Roman Polanski, wo bist du, wenn man dich mal braucht? Dieses Script wäre doch ein Fall für den mittlerweile geächteten polnischen Filmemacher gewesen. Der hat aber schon mit Rosemaries Baby einen so gruseligen wie obskuren Film rund um eine ähnlich rätselhafte Schwangerschaft vorgelegt, da braucht es nicht noch so ein Werk. Womöglich wäre dieses Werk aber besser geglückt, denn mit Suspense kennt sich Regisseur Rowan Athale nicht ganz so gut aus. Basierend auf dem Roman von John Searles trommelt dieser immerhin einen ganz brauchbaren Cast zusammen, wobei es Richtung Nebenrollen immer austauschbarer wird. Und die Story selbst? Die fängt zwar vielversprechend an, stolpert aber in der zweiten Hälfte durch einen hemdsärmeligen, überkonstruierten Schubladenthriller, der seine anfangs sorgsam gesponnenen Charakterbilder in stereotype Verhaltensschablonen zwängt. Einzige Ausnahme bleibt Margaret Qualley, die lange geheimnisvoll bleibt, die zu Mutmaßungen anregt, die sich natürlich auch etwas an Mia Farrows naiver Figur der Rosemary aus Polanskis Film orientiert.

In Strange But True ist vieles seltsam, aber wahr. Besser wäre der Film aber mit folgendem Titel beraten: Zu seltsam, um wahr zu sein. Searles Roman weiß wahrscheinlich all die dunklen Geheimnisse besser auszuerzählen. Die Verfilmung hingegen scheint mit dem wuchtigen Unterbau der langsam ans Licht kommenden Geheimnisse öfters ziemlich überfordert zu sein.

Strange But True – Dunkle Geheimnisse

Horns

DEN TEUFEL AN DEN MANN GEBRACHT

5,5/10


horns© 2015 Universal Pictures Germany


LAND: USA 2013

REGIE: ALEXANDRE AJA

CAST: DANIEL RADCLIFFE, MAX MINGHELLA, JUNO TEMPLE, KATHLEEN QUINLAN, HEATHER GRAHAM, DAVID MORSE U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Harry Potter war gestern. Daniel Radcliffe muss mittlerweile eine Freude daran haben, einfach Rollen zu verkörpern, die quer durch alle möglichen Genres zumindest eines gemeinsam haben: dass sie nichts mit Rowlings Held verbindet. Auch sein in aller Hinsicht strauchelnder Antiheld im Fantasythriller Horns ist so eine losgelöste Figur, die allein auf weiter Flur sehen muss, wo sie bleibt. Denn nichts und niemand ist dem augenscheinlichen Loser gewogen. Wie denn auch – er wird des Mordes beschuldigt – des Mordes an seiner Geliebten. Anfangs erfährt der Zuseher so gut wie nichts darüber. Einzig wilde Horden an Reportern belagern das Anwesen des Mittdreißigers, der boulevardstudierte Pöbel wünscht den jungen Mann zur Hölle. Manch ein Schundblatt fragt sich gar, ob nicht der Teufel in Menschengestalt unter ihresgleichen weilt. Nichts, was sich gut anfühlt. Kann ja auch sein, dass, je mehr die breite Masse wettert, umso mehr der Beschuldigte zu dem wird, den diese an die Wand malt: eben zum Teufel.

So passiert es ganz plötzlich, und Daniel Radcliffe wachsen eines Morgens geschwungene Hörnchen aus der Stirn. Mit dieser seltsamen anatomischen Begebenheit ändert sich auch das Verhalten der Leute ihm gegenüber. Abgesehen davon, dass das Wunder des Hornwuchses niemanden sonderlich irritiert, scheint der gebrochene Einzelgänger die dunklen Gedanken eines jeden, der ihm begegnet, hervorzukehren. Nicht selten passiert es, und aus der Theorie wird Praxis.

Alexandre Aja, der letztjährig mit dem eher mittelmäßigen Alligatorenschocker Crawl im Kino für reptilophobe Anwandlungen gesorgt hat, nahm sich vor rund 7 Jahren Joe Hills gleichnamigen Roman zur Brust. Ein komplexes Stück Gesellschaftssatire muss das sein, ein ätzender Spiegel vor den Gesichtern bigotter Bürger. Aja fährt allerdings im Slalom, und so sehr sein Film auch szenenweise auf gerader Strecke auf Turbo stellt, bremst er sich selbst wieder ab, um auch jedem Detail der Vorlage gerecht zu werden. Was er besser nicht hätte tun sollen. Klüger wäre es gewesen, sich zumindest an Hills Vorlage zu orientieren, nicht aber den ganzen Stoff zu illustrieren, was vor allem im letzten Drittel etwas für prätentiöse Konfusion sorgt. Das beste Stück ist der Mittelteil des Films, wenn „Teufel“ Radcliffe das Volk gegeneinander aufhetzt und die Verkommenheit so manchen Individuums für alle sichtbar macht. Das ist zynisch und grotesk, das ist mitunter gar absurdes Theater, vor allem im Aspekt der jener Selbstverständlichkeit, in der Radcliffes Hornwuchs hingenommen wird. Der Mensch, der sich in seinem barschen Egoismus so sehr um sich selbst dreht, bekommt den Wandel gar nicht mit. Das erinnert auch wieder an die Serie Lucifer, in der Tom Ellis ebenfalls die Fähigkeit besitzt, die unzensierten Wünsche des Einzelnen herauszukitzeln.

Interessanterweise spielt der christliche Glauben trotz all der Satire eine konterkarierte fromme Rolle, und so sehr das auch gut gemeint ist, so sehr bringt es den erfrischend radikalen Drive aus dem Rhythmus. Am Ende bleibt von diesem auf- und überladenen Mix aus phantastischem Thriller und durchaus humorbefreiter Love-Story ein recht trivialer Showdown mit Blut und Budenzauber. Verschenkt hat Horns sein Potenzial aber auch nicht zur Gänze. Denn die Sache mit der selbsterfüllenden Prophezeiung durfte sich selten zumindest szenenweise zu ungehemmt austoben wie hier. Der gut gesampelte Soundtrack wirkt da löblich unterstützend.

Horns

Memories of Murder

JAGD AUF EINEN UNSICHTBAREN

8/10

 

memories-of-a-murder© 2003 WVG Medien GmbH

 

LAND: SÜDKOREA 2003

REGIE: BONG JOON-HO

CAST: SONG KANG-HO, KIM SANG-KYUNG, HIE-BONG BYEON, JAE-HO SONG U. A. 

LÄNGE: 2 STD 10 MIN

 

Was genau haben all die uns bekannten und so verehrten Meister des Filmschaffens eigentlich so berühmt gemacht? Steven Spielberg, Roman Polanski, Jean Pierre Jeunet oder Quentin Tarantino – sie alle konnten mit ihren ersten Arbeiten ihr außerordentliches Talent unter Beweis stellen, ihren Stil aus der Taufe heben oder zeigen, in welchen Kategorien sie bestimmt keinen Meister mehr bräuchten. Eines dieser sogenannten Lehrstücke oder Anfangswerke hat auch Oscarpreisträger Bong Joon-Ho vorzuweisen. Ein Werk, schon 17 Jahre alt, erstaunt mit einer narrativen Selbstsicherheit, hinter der ein wahres Naturtalent stecken muss. Ich bin sogar versucht zu sagen, dass das Kriminaldrama Memories of Murder zu den besten Arbeiten zählt, die der Koreaner jemals aufs Kinopublikum losgelassen hat. Dabei ist mein persönlicher Favorit immer noch die postapokalyptische Parabel Snowpiercer, unmittelbar gefolgt von einem Film, der stark an das Vokabular eines David Fincher erinnert, insbesondere an dessen True Crime Drama Zodiac.

Auch Memories of Murder beruht vage auf wahren Begebenheiten, oder sagen wir: hat sich davon inspirieren lassen. Schauplatz ist natürlich Korea, allerdings das Korea der 80er Jahre, das noch unter der Fuchtel des Militärs stand. Ein Frauenmörder treibt zu dieser Zeit sein Unwesen. Und zwar einer, der nirgendwo Spuren hinterlässt, der aber anscheinend immer zu einer bestimmten Wetterlage seine Verbrechen verübt. Darauf angesetzt werden ein Kommissar und seine Entourage, wobei diese alles andere als geeignet dafür scheint, gewissenhaft und fokussiert der Sache nachzugehen. Prestige unter den Kollegen ist immer noch oberstes Gebot. Der Fall will gelöst werden, unter welchen Voraussetzungen auch immer. Da kann es durchaus sein, dass so manch Unschuldiger, der sich nicht wehren kann, zum Handkuss kommen könnte.

Und genau hier schafft das koreanische Kino wieder mal etwas, was selbiges aus anderen Ländern sonst nicht kann – oder auch nicht will, weil die Gefahr vielleicht zu groß wäre, durch konterkarierende Elemente und Stimmungen den eigenen Film zu verhauen: es ist die Sache mit der selbstironischen Überzeichnung. Memories of Murder nährt mitunter den Eindruck, in einer genrebezogenen Parodie zu stecken, die mit grotesken Charakterstudien nur so um sich wirft. Kenner des österreichischen Kottan-Fernsehkults werden sich vielleicht manchmal daran erinnert fühlen, allerdings: sobald sich auch nur die geringste stilistische Tendenz für diesen Film manifestieren will, ist der Eindruck auch schon wieder weg. Joon-Ho kontert mit melodramatischen, teils epischen Versatzstücken. Lässt die Kriminaltragödie wie Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder wirken. Lässt seine imperfekten Figuren in ihrer Verantwortung straucheln wie in Dürrenmatts Krimiszenarien. Dazwischen das in fast schon abstrakten Details eingefangene Verbrechen, wie Panels einer Graphic Novel. Dieser Mix ist aber kein Potpourri roter Fäden, sondern ein wohlkomponiertes Stück großes Krimikino, das berührt, irritiert und sich selbst nicht immer ernst nimmt. Sowas kann leicht in die Hose gehen, sowas kann geschmacklos und fahrig sein. Nicht in Memories of Murder: hier ist die Psyche der Ermittelnden genauso relevant wie die Psyche des Mordenden, hier findet die Ohnmacht vor etwas Unberechenbarem seine Bühne für irrationales Verhalten. Dieses Versagen einer Mission – ob resignativ, schadenfroh oder einfach nur melancholisch traurig – so dermaßen facettenreich herauszuarbeiten, ist beeindruckende Filmkunst, auch wenn man fernab jeglicher Genugtuung ratlos zurückbleibt.

Memories of Murder

Code Ava – Trained to Kill

WORK-LIFE-BALANCE FÜR AUFTRAGSKILLER

4,5/10


Ava© 2020 Voltage Pictures


LAND: USA 2020

REGIE: TATE TAYLOR

CAST: JESSICA CHASTAIN, JOHN MALKOVICH, COLIN FARRELL, COMMON, GEENA DAVIS, IOAN GRUFFUDD, JOAN CHEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Auf diversen Karriereplattformen findet man solche Jobangebote wohl vergebens: Problemlöser gesucht, zwecks effizienter Beseitigung unliebsamer Individuen oder jener, die sich Böses zu Schulden kommen ließen. Kenntnisse in Martial Arts, Zielgenauigkeit und mangelnde Neugier wünschenswert. Ex-Soldatin und -Alkoholikerin Ava war wohl die ideale Kandidatin dafür. Statt nach ihrem Einsatz in Übersee mit Bürojobs zu liebäugeln, zählt für die junge Dame wohl eher das nicht ganz legale Beseitigungsbusiness. Ihren neuen Job erledigt Ava mit der notwendigen Kaltblütigkeit – jedoch nicht, ohne Fragen zu stellen. Recht unüblich für einen Auftragskiller. Normalerweise taucht dieser auf – tötet – und verschwindet. Ava macht es ähnlich, aber nicht ganz. Vor dem Terminieren stellt sie ihren Opfern stets dieselbe Frage: was mag der Grund gewesen sein, um über die Klinge springen zu müssen? Meist wissen die Opfer selbst nicht weiter, stattdessen betteln sie um ihr Leben. Mit ihren Methoden macht sie sich bei ihrem Brotgeber, einem Killersyndikat, nicht wirklich beliebt – ganz im Gegenteil. Bald ist auf Ava kein Verlass mehr, und folglich soll auch sie ins Gras beißen.

Ava – oder im deutschen, weitaus reißerischerem Verleihtitel Code Ava – Trained to Kill – bedient sich wieder mal der mittlerweile zum stereotypen Soll erstarkten, knallharten Frauenfigur, die den Männern in die Kronjuwelen tritt und sie auf andere unschöne Arten ausschaltet. Das hat schon Charlize Theron im Retro-Agententhriller Atomic Blonde so gemacht. Auch in Luc Bessons Anna trickst die titelgebende toughe Jungrussin Sasha Luss alle aus. Jetzt würzt auch noch Charaktermimin Jessica Chastain den Alltag einflussreicher Bösewichte mit potenziell niedriger Lebenserwartung. Dabei muss man ihr zugutehalten: sie ist anders als die anderen. Und obwohl Jessica Chastain in ihrer Rollenauswahl meist auf unterkühlt, apart und berechnend setzt – in Code Ava ist da Luft nach oben. Chastain gibt sich irritierend natürlich, fast schon als Underdog, teilweise gar im Grunge-Look, mit kürzeren Haaren und meist auch ungeschminkt. Von einem Charakter wie aus Molly’s Game ist kaum eine Rede mehr. Die Figur der Ava ist, wäre die Killer-Komponente nicht, einfach eine Frau mit Problemen. In dieser Charakterisierung allerdings werden ihre Probleme zu den Problemen des Films. Code Ava will sowohl Actionthriller als auch Familiendrama sein.

Ersteres gelingt Regisseur Tate Taylor (bekannt für The Help oder Girl on a Train) szenenweise ganz routiniert, hat das Hickhack aber auch nicht neu erfunden. Zweiteres gelingt ihm gar nicht, und wirft damit auch der grundsätzlich vorhandenen Dynamik des Thrillers, der durch seine simple Struktur wenig dramaturgische Ablenkung besser vertragen hätte, einen Knüppel zwischen die Beine, der ihn ordentlich straucheln lässt. Die Mutter-Tochter-Komponente mit Geena Davis ist an schwafeliger Larmoyanz kaum zu überbieten, wirkt daher auch etwas seifig und träge, ist auch nicht Teil des roten Fadens des Films, denn Charakterstudie ist Code Ava eben keine, auch wenn Jessica Chastain gerne gewollt hätte, es wäre eine. Dafür ist der Fokus des Drehbuchs zu generisch, und Antagonisten wie Colin Farrell zu sehr auf B-Movie-Action festgelegt, in welcher Grauzonen kaum eine Rolle spielen. Bis auf John Malkovich, der auch noch Jahre nach R.E.D. ordentlich austeilen kann.

Code Ava – Trained to Kill

The Hater

DIE EIGENDYNAMIK GEKRÄNKTER EGOS

6,5/10


thehater© 2020 Netflix


LAND: POLEN 2020

REGIE: JAN KOMASA

CAST: MACIEJ MUSIALOWSKI, VANESSA ALEKSANDER, MACIEJ STUHR, AGATA KULESZA, DANUTA STENKA U. A.

LÄNGE: 2 STD 16 MIN


Böses, böses Internet. Wie konntest du dich für Manipulation, Hetze und Hass nur so instrumentalisieren lassen? Was ist aus dieser schönen neuen, viel einfacheren Welt des sozialen Lebens nur geworden? Ein neues Schlachtfeld 2.0 für Neider. Nichts ist derzeit perfider als die soziale Vernichtung. Das Erschreckende: bis vor nicht allzu langer Zeit war digitales Gelände noch eine einzige Grauzone. Langsam aber fallen die Schranken und folgt die Ahndung, doch immer noch zu wenig. Hass im Netz, sofern er nicht unterbunden und sträflich verfolgt wird, kann tödlich enden. Der polnische Social Media-Thriller von Jan Komasa, der unlängst mit dem oscarnominierten Corpus Christi in den Kinos war, läuft derzeit auf Netflix und zeigt das virtuelle Miteinander als Apocalypse Now für die Generation Like.

Im Zentrum des Geschehens steht ein charismatischer junger Jus-Student, der aufgrund eines Plagiatvorwurfs von der Uni fliegt. Das ist natürlich nicht gut fürs Selbstbewusstsein, aber wieso schreibt man auch von anderen ab? Anyway, das war schon mal die erste Kränkung – die zweite folgt auf dem Fuß. Der notorische Abhorcher und Mitlauscher bekommt bald mit, dass scheinbar wohlgesinnte Bekannte in Wahrheit nicht viel für ihn übrighaben. Kränkung wird zur Wut, Wut führt zu Hass, Hass zu perfidem Aktivismus. Als er bei einer windigen PR-Agentur voller Soziopathen (wie kalt können Menschen sein?) einen neuen Job anfängt, mutiert seine latente Leidenschaft für Lug und Trug bald noch mehr – und koordinierte Hetze nimmt ihren Lauf, alles auf Auftrag. Existenzen werden zerstört, Ansehen durch den Schmutz gezogen. Tomasz, so heißt er, schert das wenig. Im Gegenteil: langsam fragt er sich selbst, wie weit er gehen kann. Tomasz wird zum Reformator, zum diabolischen Schürer, mit Ringen unter den Augen und ausgezehrter Vitalität. Wie Patrick Bateman aus American Psycho seine Gräueltaten begeht, einfach weil er es kann, perfektioniert Tomasz sein Können darin, Gott und die Welt gegeneinander auszuspielen. Sich selbst beliebt zu machen, einzuschleimen, anzubiedern, gleichzeitig das Fußvolk aufzuhetzen, insbesondere politische Gegner aus dem linken und rechten Lager.

Der Journalist Mateusz Pacewicz, der auch das Drehbuch zu Corpus Christi schrieb, seziert in The Hater die Mechanismen der digitalen Kriegsführung auf anschauliche Weise. Die neuen Waffen sind Fake-User aus Indien und der Missbrauch persönlicher Daten anderer. The Hater ist ein dunkler, polemischer, hässlicher Film. Einer, der im Sündenpfuhl der Online-PR herumstochert und nichts Gutes aus dem finsteren World Wide Web lukrieren kann. Hasspostings und Cybermobbing sind die neuen Scheiterhaufen und Standgerichte, nichts hat sich geändert, nur das gekränkte Ich wechselt stets sein Gewand. Genau dieses gekränkte Ich verkörpert Maciej Musialowski mit gelackter Gefälligkeit und vorgetäuschter Naivität. Dahinter brodelt nicht nur das Ego, sondern auch Polens Politik und so mancher Psychopath – bis sich die Hölle auftut. In einer Szene, die in ihrem nackten Realismus bis an die Grenzen des Erträglichen geht.

Dennoch – The Hater übt rechtmäßigerweise und durchaus verständlich harte Kritik am Social Media-System und hemmungslosem Cybermobbing, gerät aber unterm Strich viel zu nihilistisch, um bereichernd zu sein. Mitnehmen lässt sich kaum etwas, nur ein unbequemes Gefühl in Kopf und Magengegend, und vielleicht der Entschluss, Facebook und Co gezielter und achtsamer zu nutzen. Oder gar nicht mehr zu nutzen. Gut, das ist zumindest etwas.

The Hater

The Devil All the Time

IN EINER KLEINEN STADT

7/10


the-devil-all-the-time© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: ANTÓNIO CAMPOS

CAST: TOM HOLLAND, BILL SKARSGÅRD, HALEY BENNETT, ROBERT PATTINSON, SEBASTIAN STAN, JASON CLARKE, RILEY KEOUGH, HARRY MELLING, MIA WASIKOWSKA, ELIZA SCANLEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Der größte und gemeinste Trick des Teufels ist doch der, all die armen sterblichen Sünder glauben zu lassen, es gäbe ihn überhaupt nicht. Wenn diese Rechnung aufgeht, dann wäre der Antichrist wohl schon sehr zufrieden mit sich und der Welt. Doch es geht noch perfider: was, wenn der arme sterbliche Sünder versucht, zu Gott zu finden, und dabei die Fährte des Teufels gerät? Und gar nicht mitbekommt, dass er sich in seiner Gier nach dem göttlichen Fingerzeig weiter vor der Herrlichkeit wegbewegt als ihm lieb wäre. In Knockemstiff, einem Kaff in Ohio, bewegt sich so ziemlich alles von Gott weg, während es offenkundig auf Knien zu ihm hin rutscht. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits ist es Frömmelei, andererseits Macht, andererseits das Hoffen auf Wunder durch Dauerbeten. Knockemstiff, der Geburtsort von Autor Donald Ray Pollock, muss diesem nicht sonderlich gut in Erinnerung geblieben sein. Heute ist dieses Kaff eine Geisterstadt, damals womöglich war diese von Albträumen geplagt. Fast wie eine Art Twin Peaks, sogar ein bisschen von Stephen Kings Derry geistert da mit. Ein Fass ohne Boden also für Geschichten, die den Fluch aufs Leben beschreibt.

In The Devil All the Time – nach Pollocks Roman Das Handwerk des Teufels – ist die zentrale Figur ein Junge namens Arvin (Tom Holland, gänzlich jenseits von Spiderman), der dem religiösen Extremismus seines Vaters Willard (Bill „Pennywise“Skarsgård) beiwohnen muss, beide Eltern verliert und später bei seiner Großmutter aufwächst, gemeinsam mit einer anderen Vollwaise namens Lenora, die bald zu einer guten Schwester wird, die er um alles in der Welt beschützen will. Doch der Teufel, der ist immer da, die ganze Zeit, und der verzerrende Fanatismus für einen Glauben ist, so könnte man sagen, die Quelle seiner Kraft. Es wird bald klar, dass alles, was hier in diesem Film passiert, den Bach runtergeht.

Viele namhafte Schauspielgrößen, die hier allesamt ihr Können unter Beweis stellen, treiben im wahrsten Sinne des Wortes ihr Unwesen. Und sie alle haben ihren ausgesuchten Platz in diesem kreisenden Perpetuum Mobile abwärts. Pollocks Vorlage für einen Film zu adaptieren, das war sicherlich eine Challenge. Regisseur António Campos war bei dieser Sache aber ganz der Profi und hat weder überhastet noch prätentiös all diese vielen kleinen Szenen in ein Arrangement gepackt, geradezu entknäuelt und so angeordnet, dass man beim Zusehen ein Gefühl dafür bekommt, wie sehr und wo all diese Schicksale miteinander vernetzt sind. Fast scheint es, als wäre The Devil all the Time ein ineinander verkeilter Episodenfilm, vielleicht ist er das ja auch, doch im Endeffekt ist es ein großes Ganzes, ein Bündel an menschlichen Schwächen und gestörten Empfindungen. Wäre The Devil all the Time ein Song, dann hätte diese Ballade womöglich Nick Cave geschrieben. So dunkel, entschleunigt und schwer sickern diese Schicksale durch die Straßen dieser Kleinstadt. Doch statt Nick Caves Songs unterlegt Campos seinen Film mit beschwingten Country-Klassikern und konterkariert den American Way of Life in seiner zynischsten Form.

Zynisch, das ist das richtige Adverb für dieses epische Thrillerdrama, das ein großes Gespür sowohl für seine finsteren als auch für seine verblendeten Charaktere hat, die aber alle unter einem Glassturz stehen, als wären sie Teil eines isolierten Experiments. Man ahnt, wie die Dinge sich entwickeln könnten, meistens tun sie es dann auch genau in diese Richtung, durch diese Vorsehung erhält man als Zuseher eine wissende Distanz. Und der Löffel mit der bitteren Medizin geht zum Glück an einem selbst vorbei.

The Devil All the Time

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

FLÜCHTIGE IM FUMMEL

4/10


outlaws© 2020 Koch Films


LAND: AUSTRALIEN, FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: GEORGE MACKAY, NICHOLAS HOULT, RUSSEL CROWE, ESSIE DAVIS, THOMASIN MCKENZIE, CHARLIE HUNNAM U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Edward „Ned“ Kelly ist eine Legende in Australien. Die einen sehen ihn als Verbrecher, die anderen als eine Art Down-Under-Robin Hood, stellvertretend für alle zwangsverschleppten Iren, die fernab ihrer Heimat mit den verhassten Briten das Land teilen mussten. Wenn es aber nur das gewesen wäre: die Briten hatten die Staatsgewalt. Die Iren: Menschen zweiter Klasse, mit denen man schließlich machen konnte, was man wollte. Besagter Kelly, aufgewachsen im Nirgendwo, aufgezogen von einer psychisch labilen Mutter und einem Vater als Nichtsnutz, wurde von einem Straßenräuber unter die Fittiche genommen, des Mordversuches an einem Polizisten beschuldigt. Verfolgt, bekämpft, hingerichtet. Er wäre aber keine Legende geworden, hätte sich der gerade mal 25 Jahre alt gewordene Anarchist einfach so mir nichts dir nichts festnehmen lassen. Er schlug sich also als Bushranger, wie Flüchtige dort in der Wildnis bezeichnet werden, in die Botanik, im Schlepptau allerhand schießwütige Anarchisten, auch dessen Bruder Dan, ein Pferdedieb. Kurioses Detail: die Bande kleidete sich bei ihren Überfällen stets in Frauenkleider, was sich womöglich auf den geheimen Fetisch des Vaters bezog. Für den direkten Shootout gab’s dann selbstgeklopfte Rüstungen aus Eisen.

Eine wüste Lebensgeschichte, die dieser Ned Kelly vorzuweisen hat. Justin Kurzel, am besten bekannt durch seine Videospiel-Verfilmung Assassin´s Creed, hat ein entsprechend wüstes Biopic gedreht, dass mit der völligen Fehlbesetzung von George McKay (grandios in 1917) beginnt und mit einer inferioren, völlig entarteten Schlammschlacht endet. Dazwischen ein verheddertes Coming-of-Bandit-Patchwork, das viel zu oft durchhängt, um ein Gefühl für das Thema zu entwickeln. Wobei: George McKay spielt seine Figur sicherlich nicht schlecht, wenngleich er stellenweise dem Overacting verfällt, vorwiegend gegen Ende, beim nachtschwarzen, in Stroboskoplicht getauchten Showdown (warum auch immer), bei dem man gar nicht richtig hinsehen kann. Doch Ned Kelly? Dafür hat er eine zu schöngeistige Attitüde. Weiters ist das Hauptproblem des Films die wenig plausibel dargestellte Entwicklung der Charaktere. Kurzel bekommt die Wende vom sozial rehabilitierten Ned Kelly zum Outlaw einfach nicht hin, dafür verliert sich die eigentliche Schlüsselszene zu sehr in zerfransten Szenen, die wiederum in drei Kapitel unterteilt sind und dessen Dialoge das paraverbale Spiel nicht ergänzen können. Dadurch geht der Trend des Films in Richtung mühsame Seifenoper, die zwischendurch wirklich stark langweilt. Ganz frappant auch Essie Davis als Ned Kellys Mutter – eine der enervierendsten Filmrollen seit langer Zeit. Ihre Figur ist die einer egomanischen Opportunistin mit permanent widersprüchlichem Verhalten. Ob dies so gedacht war? Keine Ahnung, jedenfalls bleibt am Ende Kurzels Sympathie für diese Rolle fragwürdigerweise bestehen. Neben diesen Besetzungen gibt’s noch allerlei namhaften Cast, wie Nicholas Hoult als Strapse tragenden Frank’n‘furter-Polizisten, Thomasin McKenzie – extrem farblos diesmal, und Russel Crowe als bärbeißiger Haudrauf mit Rauschebart – wohl der Lichtblick in dieser ganzen Zwölfton-Schicksalssymphonie.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang empfinde ich als  überzogenes Biopic, das seinen Erzählrhythmus nicht findet. Expressiv hingegen sind die Landschaftsaufnahmen und die Kamera an sich. Das Setting eines toten Baumbestandes, inmitten die Kelly-Ranch, verleiht dem Film schon eine gewisse grundlegende Atmosphäre, auch ganz ohne Aborigines. Wirklich retten kann das den Film aber trotzdem nicht, genauso wenig wie die Geschichte Ned Kelly.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

Feuerwerk am helllichten Tage

DER WÄRMENDE MANTEL DES SCHWEIGENS

7,5/10

 

feuerwerk-hellichter-tag© 2014 Weltkino

 

LAND: CHINA, HONGKONG 2014

REGIE: DIAO YINAN

CAST: LIAO FAN, GWEI LUN MEI, XUE-BING WANG, JING-CHUN WANG, AILEI YU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN

 

Ich weiß nicht genau, was es ist, aber Chinas Filmwelt ist neben historischem Ausstattungspomp unter anderem auch ein Spezialist dafür, melancholische Kriminaldramen zu erzählen. Wie macht es das? Und vor allem: wieso funktioniert das so gut, obwohl die Tempi der Geschichten aufs Notwendigste gedrosselt werden und der Kriminalfall als solcher mehr als ungeöffnete Büchse der Pandora im Hintergrund die Zeiten überdauert, während im Vordergrund menschliche, insbesondere zwischenmenschliche Dramen von Obsession, angeknackster Psyche und autoaggressiver Treue erzählen? Das sind haargenau jene Zutaten, die einen Film Noir erst so richtig sehenswert machen. Der beste seines Genres für mich: Der dritte Mann von Carol Reed, expressionistisch und innovativ, ein Nachkriegsfilm voller ramponierter Seelen und vieler Geheimnisse.

Feuerwerk am helllichten Tage erzeugt eine ähnliche Faszination, allerdings eindeutig rezenter, weniger abstrakter, aber die Zutaten stimmen: Regisseur Dao Yinan erzählt ein tragisches, diffuses Epos mit langem Atem, der sichtbar wird, wenn der Film druch die Wintermonate trägt. Im Zentrum ein Kommissar, der in dürrenmatt´scher Obesssion wie Kommissar Bärlach in Das Versprechen (eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe) einem Mordfall auf die Spur kommen will. Anfangs scheint es nämlich so, als könnten die vielen Puzzleteile noch zueinanderfinden. Und das sind sie, im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Leiche, die gefunden wird, ist zerstückelt und per Güterwaggons in alle Himmelsrichtungen der Stadt verteilt worden. Wie es das Schicksal aber will, werden wie durch Zufall all jene mundtot gemacht, die vielleicht etwas wissen könnten. Und da gibt es noch die junge Frau namens Wu, die Witwe des Ermordeten. Die aber nicht nur ihn, sondern auch schon einen anderen Liebhaber auf gewaltsame Weise verloren hat. Eine Männermörderin? Kommissar Zili geht der Sache nach – und kommt nicht mehr los von diesem unlösbaren Mysterium und genauso wenig von der aparten Schönheit, die als Verdächtige gilt.

Die Taiwanesin Kwai Lun-Mei ist eine unnahbare und gerade durch diese Attitüde faszinierende Gestalt. Liao Fan, der bereits in Asche ist reines Weiß seine Männlichkeit und seine Sicht auf die Welt eines mutigen Frauenbildes hinterfragen musste, liefert als grummeliger, obszöner und gleichzeitig leidenschaftlicher Inspektor außer Dienst, der diesen seinen Fall noch unbedingt lösen muss, eine wunderbar ergänzende, intensive Performance ab. In diesem entschleunigten Rhtythmus kann sich eine hochkomplexe, detailverliebte Geschichte wie diese bestens entfalten. Feuerwerk am helllichten Tage (ja, dieser Titel ist nicht nur so daherpoetisiert) erzählt von Mitschuld, Manie und Selbstaufgabe. Die Protagonisten sind, wie für einen Film Noir, allesamt und auf gewisse Weise traumatisiert, ein Opfer ihrer Pflicht und ihres verbissen gelebten Alltags. Identifikationen sind sie keine, dafür aber tastet sich das Genre des Kriminalfilms weg von der Plakativität des Ermittelns und Erhaschens. Hin zu einer balladenhaften Schwermütigkeit ohne eine Spur von Selbstmitleid. Dafür aber mit dem Stolz des verträumten Verlierers.

Feuerwerk am helllichten Tage

Berlin Alexanderplatz

FAREWELL FÜR DEN DEUTSCHEN TRAUM

6/10

 

berlinalexanderplatz© 2019 eOne Germany

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: BURHAN QURBANI

CAST: WELKET BUNGUÉ, ALBRECHT SCHUCH, JELLA HAASE, JOACHIM KRÓL, ANNABELLE MANDENG, NILS VERKOOIJEN U. A.

 

Dreimal strauchelt Franz, dreimal fällt er, dreimal steht er wieder auf, bis er endgültig niederbricht. Mit diesen ähnlich klingenden einleitenden Worten aus dem Off, gesprochen von Jella Haase, die ab Mitte des dreistündigen Opus Magnum noch wichtig werden wird, lädt uns Burhan Qurbani zu einer Achterbahnfahrt des Schicksals, inklusive einiger Faustschläge in die Magengrube. So, wie Jella Haase das sagt, klingt es wie aus einem Märchen, aus einer dunklen, unheilvollen Parabel über die Qualen einer determinierten Existenz, wie die von Flüchtling Francis eine sein muss.

Teilt sich die literarische Vorlage von Alfred Döblin in neun Teile, so beschränkt Qurbani seine epische, fast schon griechisch anmutende Tragödie der leichteren Verdaulichkeit wegen in fünf Teile. Was aber meines Erachtens immer noch zu massig scheint, da es auch so sichtlich schwerfällt, die narrativen Milestones an die richtige Stelle zu setzen. Berlin Alexanderplatz ist für wilde Dramatik ein üppiges Buffet, das nicht zur Neige zu gehen scheint. Eine Versuchung für Filmschaffende, ein Gabentisch freier Interpretation. Klar, dass man sich da voller Inbrunst hineintigert. An allen Ecken und Enden stehen Gleichnisse, Metaphern und Wendungen zur Schau. Es geht um Liebe, Emotionen, vor allem um Versuchung. Doch letzten Endes ist die Versuchung aber das Verhängnis, für den Filmemacher selbst wie für den Protagonisten Francis, der, wie wir bald ahnen werden, seine Seele dem Teufel verkauft, und nicht mehr von ihm loskommt. Von dieser Versuchung kommt Qurbani auch nicht los, er pinselt wie wild zwischen nächtlichem Neonschein, Halogenkreuzen und Zitaten aus der Bibel seine farbintensiven, schweren Kleckse auf die Leinwand, die jedoch in einem nicht ganz stimmigen Arhythmus die eigene Geschichte immer wieder ausbremsen. Die Apokalypse aus dem Off mag gewichtig sein, die wummernden Rhythmen durchtanzter Nächte bedeutungsschweres Parabelkino ordentlich abfeiern – vom Schicksalskitsch ist Berlin Alexanderplatz manchmal nicht weit entfernt.

Aber: Wie setzt man unter diesem begleitenden Brimborium mehrere Höhepunkte, ohne den dramaturgischen Höhepunkt vorwegzunehmen? Wann kommt der Breakeven, das Ende des Ereignishorizonts bei einem Film wie diesen? Natürlich gegen Ende. Doch was, wenn der vermeintliche Gipfel der Zuspitzung gar nicht der ist, für den wir ihn halten? Dann sumpft das, was danach kommt, in einem ausgewalzten Epilog, der gar nicht mal ein solcher ist, vor sich hin. Das eigentliche Nachspiel kommt dann übrigens noch. Und das ist wiederum eines, das ich gar nicht gebraucht hätte. Das ist eines, das die wuchtige Tragik von Francis´ Teufelskreis ad absurdum führt.

Trotz des verpeilten dramaturgischen Timings: Berlin Alexanderplatz ist fleissige Arbeit – zeitgemäß und vielschichtig. Der Kniff, besagten Franz mit einem Afrikaner zu besetzen, verpasst dem Film schlagartig mehrere Metaebenen. Nicht nur, dass Francis zu einem Werkzeug finsterer Ideen wird, die diesen auch bewusst faszinieren und verlocken, wie der Teufel eben fasziniert, wenn er nichts tut außer zu verführen. Francis ist auch ein Opfer seiner gebrandmarkten Biografie, ein sich selbst überlassener Eindringling. Das vorverurteilende Klischee des dealenden Schwarzen bedient er dennoch. Und fast wäre es ein thematisches Eigentor, ein stereotypes Gesellschaftsbild, das den Nationalisten des Landes auf den ersten Blick gelegen käme, gäbe es da nicht den Verführer und Blender himself – den verkrüppelten Psychopathen Reinhold, der für Flüchtlinge den deutschen Traum kolportiert. Der neugierig macht. Erst Francis, später dann seine große Liebe Mieze. Reinhold ist ein weißer Deutscher, ein perfides, unberechenbares Rumpelstilzchen voller eigentümlicher Manierismen. Albrecht Schuch hofiert diese Figur mit schillernder Intensität. Qarbani sieht in seiner Version einen Herrenmenschen, der die ethnische Fluktuation selbst initiiert hat, als Kolonialherr im fernen Afrika. In der Szene des Maskenballs wird auf groteske Weise deutlich, wo all diese Figuren im freien Spiel aus Betörung und der Gier nach Erlösung ihren Platz einnehmen müssen. Damals wie heute. Und diese Etikette lässt sich schwer aus dem Stoff entfernen, den die europäische Geschichte für jeden gewoben hat.

Berlin Alexanderplatz