Shelter (2026)

JEMAND IST EINE INSEL

5/10


Jason Statham und Bodhi Rae Breathnach sind im Actiondrama Shelter auf der Flucht© 2026 Black Bear


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

DREHBUCH: WARD PARRY

KAMERA: MARTIN AHLGREN

CAST: JASON STATHAM, BODHI RAE BREATHNACH, BILL NIGHY, NAOMIE ACKIE, DANIEL MAYS, ANNA CRILLY, HARRIET WALTER, CELINE BUCKENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Wie ist das jetzt eigentlich genau mit Jason Statham? Soll er, darf er, kann er verlieren? Die Gerüchteküche brodelt, wenn es heisst, der Actionstar wolle sich vertraglich schadlos halten, wenn es darum geht, seiner Filmfigur, die er gerade spielt, ein Leid zuzufügen oder diese gar – Gott behüte – sterben zu lassen. Dieses Gerücht ist nicht bestätigt, wenngleich es offensichtlich ist, dass diverse Filmemacher und Drehbuchautoren, die ihre Werke womöglich mit Hinblick auf Statham entsprechend konzipieren, diesen bis dato niemals unterliegen ließen.

Der neue Chuck Norris?

Dieser Umstand schränkt die Bandbreite der Charaktere, die Statham immer wieder gerne spielt, deutlich ein. Das Spektrum ist überschaubar, wir haben den Actionhelden maximal als Antihelden, mit dem Herzen am rechten Fleck, tierlieb und gut zu Kindern und all den Schwachen, die sich nicht so zur Wehr setzen können wie Statham. Selbst vor Riesenhaien macht er nicht halt, wobei man hier sehr wohl eine gewisse Selbstironie verorten kann, die sich der drahtige Glatzkopf irgendwann hat angedeihen lassen. Aber verlieren? Das will er nicht. Niemals.

Könnte man im Hinblick darauf nicht ihn als Erben des kürzlich verstorbenen Chuck Norris einsetzen? Unweigerlich denkt man bei Sichtung seines neuen Werkes mit dem Titel Shelter an Gevatter Tod, der nicht den Mut aufbringt, Jason Statham mitzuteilen, er habe zumindest als Filmfigur längst ins Gras gebissen. Kann es denn wirklich so sein, dass der Mann nichts anderes spielen will als den wortkargen Einzelgänger, der seine Karriere als Elitekämpfer, Profi-Killer oder Agenten-Tausendsassa an den Nagel gehängt hat, um ein stilles, einsames und von der Welt abgewandtes Leben zu führen, nur um dann, wenn eben Hunde, Kinder oder die besagten Schwächeren in Gefahr sind, wieder aus sich herauszugehen und ganze Armeen profilschwacher Finsterlinge, die nicht mehr sind als NPCs, über die Klinge springen zu lassen oder sie mit effektiver Handkante zu vermöbeln? Kann es denn sein?

Seemann, lass das Träumen

Nein. Auch in Shelter unter der Regie von Ric Roman Waugh, der unlängst erst einen anderen Recken, nämlich Gerard Butler, durch Greenland 2 geschickt hat, um ihn aber am Ende ins besagte Gras beißen zu lassen (denn Butler hat kein Problem damit), ist Statham wieder Statham, allerdings um eine Nuance differenzierter.

Fast scheint es, als würde er beim ersten Mal Hinsehen schauspielerisch fast schon aus sich herausgehen und Neues wagen. Die Stoppelglatze ist obligatorisch, Dreitagebart und Mütze ergeben das knorrige Bild eines Seemanns, der als Einsiedler mit Vergangenheit auf einer Insel der Hebriden ein Mädchen aus stürmischen Fluten rettet. Um bald darauf Besuch von einer nicht ganz offiziellen Staatsgewalt zu bekommen, die er natürlich aufmischt, als hätten all jene, denen er Mores lehrt, maximal einen Abendkurs an der Volkshochschule in Sachen Kriegsführung absolviert.

Der Sidekick als Sparringpartner

Doch auch hier: So ganz ohne Schrammen kommt Statham diesmal nicht davon, und vielleicht liegt diese Liebe am kantigen Detail wohl auch an der jungen Schauspielerin Bodhi Rae Breathnach, die eben erst an der Seite von Oscargewinnerin Jessie Buckley in Hamnet zu sehen war. Ein aufgewecktes, kluges Mädchen, mit einer Mimik, da könnte Statham noch etwas dazulernen, was er tatsächlich auch tut. Denn bei diesem Sidekick muss selbst ein Routinier wie er entsprechend reagieren – an die Wand spielen ist nicht, das wäre ja fast eine dieser Niederlagen, die er nicht will.

Oder doch der nächste Action-Opa?

Mit dieser jungen Bodhi Rae Breathnach (den Namen muss und sollte man erst mal auswendig lernen, denn diese Dame wird im Kino noch ordentlich mitmischen) hat Shelter aber seine besten Karten ausgespielt. Alles andere ist Schema F, auch wenn man glauben könnte, nach dem Tod eines gewissen besten Freundes ginge der John Wick mit Statham durch. Das passiert aber nicht, weder übertreibt Waugh noch findet sich eine gewisse Selbstironie in diesem abgemühten Szenario. Was Statham wohl dämmert, ist, das er langsam in Richtung Liam Neeson zieht, der schon längst den Action-Opa macht. Zugegeben, der Unwille zum Shootout steht ihm gut, und wenn der ganze Plot dann noch etwas mehr zwischenmenschliches Drama gehabt hätte, wäre auch der Rest vielleicht sogar richtig sehenswert.

Shelter (2026)

How to Make a Killing – Todsicheres Erbe (2026)

ICH HAB’S NICHT SO MIT FAMILIE

4/10


Glen Powell in der Thrillerkomödie How to Make a Killing© 2026 Ilze Kitshoff / STUDIOCANAL_SAS / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: JOHN PATTON FORD

KAMERA: TODD BANHAZI

CAST: GLEN POWELL, MARGARET QUALLEY, JESSICA HENWICK, ED HARRIS, BILL CAMP, ZACH WOODS, TOPHER GRACE, SEAN CAMERON MICHAEL, NELL WILLIAMS, JAMES FRECHEVILLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Wer erinnert sich noch an einen der besten britischen Filme aller Zeiten? Gemeint ist Adel verpflichtet aus dem Jahr 1949 mit Alec Guinness (Obi Wan aus Star Wars) in achtfacher Besetzung. Eine schwarzhumorige Krimikomödie jenseits gängiger Moral, allerdings mit ausgeprägtem Sinn für eine Sorte Gerechtigkeit, die sich deutlich zu wichtig nimmt.

Über den Jordan schicken muss man wegen einem Millionenerbe schließlich niemanden. Schon gar nicht, wenn man gar nicht mal noch berechtigt ist, zu erben. Um so etwas durchzuziehen, braucht es eine ganz schön niedrige Frustrationstoleranz, enorme Kränkung und wirklich, wirklich viel Kaltblütigkeit. Andererseits fällt es womöglich leichter, für den Tod von jemandem verantwortlich zu sein, den man ohnehin nicht kennt und den man mit allen anderen in einen Topf wirft, auf dem steht: Böse Sippschaft!

Die Ungeduld der Wut-Erben

Im Original sitzt Dennis Price als Louis Mazzini D’Ascoyne in der Todeszelle und erzählt dem obligaten Seelsorger wenige Stunden vor seiner Hinrichtung die ganze kranke Geschichte über eine ganz gemeine Familie, die seine Mutter einst verstoßen hat und die ihren Sohn, nämlich Louis Mazzini selbst, ganz allein und ohne Unterstützung der Verwandtschaft, aufziehen hat müssen. Dabei hat Mama wohl nicht vergessen, dem Jungen einzubläuen, dass er sich beizeiten gefälligst nehmen soll, was ihm zusteht – gemeint ist damit das Erbe. Oder überhaupt gleich den ganzen Besitz.

Wobei – darin steckt ist schon mal der erste Denkfehler in der Geschichte: Wäre Mama nicht verstoßen worden, wäre der ganze Besitz auch nicht der ihre. Sondern eben nur das Erbe. Und enterbt wurde weder sie noch ihr Sohn. Jedenfalls hat es den einfallreichen Jungspund nicht davon abgehalten, angetrieben von Rache und weniger von Gier, den eigenen ganzen Stammbaum zurechtzustutzen.

Zu charmant, um ein Killer zu sein

Soweit so verblüffend ähnlich sind sich Robert Hamers Klassiker und die mehr oder weniger bekennende Neuverfilmung von John Patton Ford (Emily the Criminal), die den Titel How to Make A Killing – Todsicheres Erbe trägt. Nicht zu verwechseln mit der französischen Weihnachtgroteske aus dem Jahr 2024 (How to Make a Killing), die sich genau so nennt und für Verwechslungen sorgen könnte, spätestens wenn beide Filme zu streamen sind.

Neu ist statt Alec Guinness ein nicht weniger charmanter Shootingstar, der sich seit Top Gun: Maverick hochgearbeitet hat in die A-Liga der sympathischen Action-und Abenteuerhelden – die Rede ist von Glen Powell. Ihm kann man einfach nicht böse sein, denn er ist einer von den Guten. Auch wenn er eiskalt Morde begeht, die gar nicht mal notwendig wären. Zumindest nicht für einen Charakter wie Becket Redfellow. Identifikationsfigur schön und gut – doch damit kickt sich die Krimikomödie sehr schnell ins Aus, wenn sie vorgibt, eine Person wie diese als verbitterten Racheengel darzustellen, der um sein Erbe betrogen wurde.

Falsche Figuren und ihre Intentionen

Die Wahrheit: Das wurde er gar nicht. Und ein verbitterter Racheengel ist dieser Redfellow auch nicht. Sondern einer, den man leiden kann, der nichts Böses will, der nur gerne die Chance hätte, zumindest auch jene Parameter zu nutzen, die all die anderen nutzen konnten, die Teil dieser Familie sind.

Der erste Mord mag vielleicht noch nachvollziehbar sein. Doch dann wendet sich das Blatt und die Story geht ganz andere Wege, nämlich die einer Karrierekomödie, die gar keinen Platz mehr dafür hat, noch weiteren Morden hinterherzujagen. Weil die Figur niemals die ist, der man die Mentalität eines Mörders abnimmt. Weil sie keinen Grund hat, das zu tun. Weil es plötzlich um die schnöde Gier nach dem schnöden Geld geht – und dafür ist Glen Powells Rolle völlig falsch angelegt. Von der Schmach, welche die Intention anfachen würde, erzählt der Film darüber hinaus zu wenig.

Es lebe die Amoral

Besser taugt da natürlich Margaret Qualley als hinterfotzige Freundin von früher. Wo die Rechnung aufgeht, ist in einer irreversiblen Amoral zu finden, die am Ende die Erwartungshaltung des Publikums unterwandert. Doch auch dafür stimmt die Intention der Figur nicht. Als psychologisch völlig undurchdachtes und somit auch völlig unglaubwürdiges Gentle Crime-Konstrukt verhebt sich How to Make a Killing in seiner Kausalität, wobei sich der Film anfühlt, als wäre er überlang.

John Patton Ford klappert seine Kills ab, as würde er zu Halloween von Tür zu Tür laufen – im ganzen wirkt die Inszenierung auch eher gelangweilt als erfrischend. Wofür Glen Powell nichts kann. Auch nicht Qualley oder Jessica Henwick. Schauspielerisch mag alles geglückt sein, allein vom Konzept her ist es das nicht.

How to Make a Killing – Todsicheres Erbe (2026)

To A Land Unknown (2024)

KEINE STERNE IN ATHEN

6,5/10



© 2024 Inside Out Films, Nakba Filmworks


LAND / JAHR: GRIECHENLAND, DÄNEMARK, VEREINIGTES KÖNIGREICH, NIEDERLANDE, SAUDI-ARABIEN, DEUTSCHLAND, KATAR, PALÄSTINA 2024

REGIE: MAHDI FLEIFEL

DREHBUCH: MAHDI FLEIFEL, FYZAL BOULIFA, JASON MCCOLGAN

KAMERA: THODORIS MIHOPOULOS

CAST: MAHMOOD BAKRI, ARAM SABBAH, MOHAMMAD ALSURUFA, ANGELIKI PAPOULIA, MOUATAZ ALSHALTOUH U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Ich war noch niemals in Athen, wenngleich die Akropolis eine Sehenswürdigkeit darstellt, die man einmal im Leben wohl mit eigenen Augen gesehen haben sollte. Die Geschichte Europas ruht hier, in einem Land, das hinten und vorne kein Geld hat, im Sommer vom Tourismus lebt und sonst vor allem mit jenen Menschen klarkommen muss, die man als Flüchtlinge über den Kamm schert. Viel davon mögen illegal ins Land gekommen sein und haben mit diesem Status natürlich keinerlei soziale Rechte. Sie können, außer kriminell zu werden, nichts anfangen oder aufbauen. Sie sind gestrandet, können weder vor noch zurück noch seitwärts, können vielleicht an lauen Abenden auf den Hügeln rund um Athen auf eine Stadt blicken, die in den Augen von Filmemacher Mahdi Fleifel nichts Erstrebenswertes in sich trägt noch verspricht. Athen ist ein Schmelztiegel, eine verarmte, trostlose Stadt. Ein düsteres Stück Griechenland und irgendwie doch nicht Teil des großen Europas. Denn das ist entweder Frankreich, Italien oder Deutschland. Vor allem Deutschland. Wer dort einmal landet, hat den Erfolg bereits gepachtet – das gute Leben, den eigenen kleinen Coffee Shop.

Wie man an Geld kommen kann

Von diesen illusorischen Idealen lassen sich Chatila und sein Cousin Reda durch eine Tristesse tragen, die man wohl selbst nur schwer ertragen würde, es sei denn natürlich, man wäre in einer Notlage wie die beiden aus dem Libanon geflüchteten, jungen Männer, die sich zumindest zeitweise von ihren Träumen motivieren lassen, wenn mal kein Geld für Drogen bleibt. Die spielen in diesem existenziellen Vakuum eine tragende, gleichzeitig auch verheerende Rolle. Vor allem der jüngere Reda kann nicht anders, als sich dem Rausch hingeben, während Chatila, der seine Frau und seinen Sohn im Libanon weiß, allerlei Pläne ausheckt, um an Geld für gefälschte Pässe zu kommen, die sie nach Deutschland bringen sollen. Dafür geht man sogar auf den Strich, raubt älteren Leuten die Handtaschen und traut sich gar an Menschenschmuggel heran, als ihnen der Waisenjunge Malik über den Weg läuft. Mit dieser Aktion tun sich neue Möglichkeiten auf – und gleichzeitig auch neue Schwierigkeiten. Ganz so, wie es im sozialen Realismus des Nahost-Kinos kommen muss. Dort mag das Glück des Einzelschicksals niemals zu einem herzeigbaren Paradebeispiel geraten, der vielleicht falsche Hoffnungen schürt.

Ganz plötzlich ein Film Noir

Man weiß im Film To A Land Unknown natürlich sofort, dass man sich kaum Hoffnung machen braucht. Hier regiert die knochenharte Tatsache eines Überlebens- und Lebenskampfes, in dem der Zweck fast alle Mittel heiligt. Somit gerät Feifels Lokalaugenschein ins Dunkel der Straßen Athens zum pessimistischen Abgesang auf das Wunder einer Chance. Die Figuren mögen stark sein, sind aber schwach, leicht beeinflussbar und werden von Selbstlügen aufrechterhalten. Dabei ist der Blick nicht nur auf die illegalen Migranten hier in Griechenland ein kritischer – auch die eigene Bevölkerung muss einer sozialen Traurigkeit angehören, in der sie sich mitunter kaum von jenen unterscheiden, die ihr Land bereits hinter sich gelassen haben.

Realismus hin oder her, zumindest schafft es Feifel, aus seinem europäischen Weltkino kein Betroffenheitskino zu machen, sondern strebt dank der stilistischen Komponente eines Noir-Thrillers eine melancholische Poesie an, die aus Chatila und Reda prosaische Figuren macht, die in ihrer Aufgabe, Abermillionen Menschen zu vertreten, die sich durch die Welt schlagen, zu cineastischen Ikonen auf Zeit werden. Am Ende entsteht daraus gar das klassische Kino einer an allen Ecken und Enden kriselnden Gegenwart.

To A Land Unknown (2024)

Marty Supreme (2025)

STRESSED FOR SUCCESS

9/10


© 2026 Tobis Film


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JOSH SAFDIE

DREHBUCH: RONALD BRONSTEIN, JOSH SAFDIE

KAMERA: DARIUS KHONDJI

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, GWYNETH PALTROW, ODESSA A’ZION, KEVIN O’LEARY, TYLER OKONMA, ABEL FERRARA, FRAN DRESCHER, KOTO KAWAGUCHI, SANDRA BERNHARD, EMORY COHEN, FRED HECHINGER, PHILIPPE PETIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Vielleicht muss man Tischtennis lieben, um mit Marty Supreme etwas anfangen zu können. Vielleicht muss man selbst mal Tischtennis gespielt haben, weit über den Status eines sommernachmittäglichen Ping-Pong-Spiels hinaus, ohne Match, ohne Zählen, ohne das bange Steigern bis zur 21 hin, denn da endet der Satz, und ein neuer kommt. Das Spielfeld ist überschaubar, der Ball viel kleiner als beim Tennis; es sieht zwar nicht so aus, als würde man sich groß verausgaben, doch der Schein trügt tatsächlich. Tischtennis erfordert die Beherrschung einer Technik bis zur Perfektion. Es gibt gefühlt tausende Möglichkeiten, wie der kleine Hartplastikball aufkommen und abprallen kann, und gefühlt tausend Möglichkeiten, wie man ihn annimmt. Eine von tausend ist die richtige, alles andere nur Glück. Man schwitzt, man keucht, man verrenkt und verdreht seinen Körper. Über allem: Hohe Konzentration, Fokus auf den Ball. Dieser mag weiß sein oder, wie bei Marty Supremes Spezialausgabe, eben Orange.

Marty gegen den Rest der Welt

In dieser Welt ist der auf einer wahren Biografie beruhende Marty Mauser ein Virtuose, lediglich die Japaner machen ihm bei einem wegweisenden Turnier in London einen Strich durch die Rechnung. Einer wie Marty kann sowas nicht auf sich sitzen lassen, will Weltmeister werden, will alles. Und noch viel mehr. Was muss er dafür tun? Das nötige Kapital für eine Teilnahme der Meisterschaften in Japan zusammenkratzen. Klingt extrem nach Sportfilm? Könnte man meinen. Doch wenn man einen Charakter wie Marty Mauser vor sich hat, weiß man: Dieser junge Herr, der es wie Theo gegen den Rest der Welt aufnehmen kann, der von sich selbst so sehr überzeugt ist, es als einziger auf diesem Planeten verdient zu haben, Ruhm zu erlangen – dieser junge Mann wird seinen Stressfaktor so hochschrauben, bis seine Wachsflügel Marke Ikarus die Sonne selbst herausfordern. Und so viel Stress, das kann nur eines sein: Ansteckend, mitreissend, da wird Atemholen zur Atemnot. Und ab und an vergisst man darauf, die Lungen zu blähen, weil einem die Luftzufuhr stockt, weil Marty wieder den Ball auflegt, am Ball bleibt, den Ball verliert, ihm nachjagt, immer und immer wieder.

Dann ist dieser Ball plötzlich kein rundes Ding mehr, keine Miniaturwelt, sondern er selbst in dieser Sphäre gefangen, die aus so vielen Faktoren besteht, die ineinandergreifen. Irgendwann geht’s gar nicht mehr um Tischtennis. Das, um die weniger sportaffinen zu beruhigen, wird wohl die meiste Laufzeit des überbordenden Films einnehmen – das Nicht-Sportliche, die unruhige Suche nach dem Mammon, nach den richtigen Leuten mit Einfluss, nach der Rechtfertigung eines solchen Egos, und weniger nach Verantwortung, Liebe, Geborgenheit und natürlich Werten, die nachhaltiger sind als die Nummerntafeln am Spielfeldrand eines Tischtennisturniers.

Im freien Fall wie eine Katze

Die Brüder Josh und Bennie Safdie haben sich getrennt, weswegen auch immer. Kreative und moralische Differenzen womöglich. Der eine, Bennie, hat sich Dwayne Johnson angenommen und ihn mit The Smashing Machine als Catcher ins Scheinwerferlicht eines Rings gerückt. Ein schaumgebremstes Stück Sportbiografie ohne Extras, dafür mit Extra Haarpracht für The Rock. Der andere, Josh Safdie, wird als der eine von beiden wohl schon immer das Zepter der Dramaturgie geschwungen haben. Er wird gewusst haben, auf wie vielen Ebenen sich Dialoge aufsplitten lassen, wie viele Figuren gleichzeitig aufeinander einreden können, ohne dass die Regie dem Chaos erliegt und nichts mehr geht. Josh Safdie hat mit seinem Marty Supreme alle Trümpfe behalten. Wie er Timothée Chalamet in den freien Fall befördert und ihm dabei zusieht, wie er während dieses Falls alles Menschenmögliche an sich rafft, um mit beiden Beinen aufzukommen, grenzt an draufgängerische Dreistigkeit und spiegelt so die Haupteigenschaft des Charakters.

Anpassung eines Unangepassten

Marty Supreme lässt die Faktoren eines Schicksals, das aus grimmigen Kausalitäten besteht und sich verästelt wie ein Gewitterblitz, aufeinanderprallen, überlagert sie wie Zwölftonmusik. So manches Wortgefecht wird zum hysterischem Konflikt – Marty Supreme ist laut und zeternd und ringend um Klarheit, dabei niemals ringend um den roten Faden, der sich durch dieses gehetzte Psychogramm zieht. Mittendrin plötzlich einer wie Abel Ferrara als hundeliebender Finsterling oder Kevin O’Leary als Alphamann mit Einfluss und reichlich Potenzial für Spott. Ihnen begegnet Chalamet stets auf unterschiedliche Weise, doch selten so wie Leonardo DiCaprio in The Wolf of Wall Street oder Catch Me if You Can. Chalamet ist da noch einen Tick fragiler und gleichzeitig amorpher, seine Anpassungsfähigkeit ist erstaunlich und funktioniert, weil er eben genau das nicht tut: sich anzupassen. Weit weg von Scorsese und Spielberg ist Marty Supreme positioniert, diese anarchische Wildheit trauen sich die beiden Regiestars wohl gar nicht mehr zu, weil sie bereits dermaßen etabliert sind. Josh Safdie aber komponiert seinen Urban-Survival-Thriller fast intuitiv, verkopft sich nie, fühlt die Geschichte und umgekehrt fühlt sie ihn.

Zwischen den Matchbällen

Oscar-Filme sind überraschenderweise wirklich nur in seltenen Fällen nicht die Mühe wert, sie zu nominieren. Marty Supreme hat diesen Ehrgeiz und diesen Eifer in sich, sowohl schauspielerisch als auch inszenatorisch und überhaupt auch, was den Sport betrifft. Dieses Mehrwollen, den Hals nicht voll kriegen; dieses fiebernde Streben nach Erfolg bugsiert diese Tischtennisnummer bis über den Spieltischrand hinaus in schweißtreibende Höhen. Es kommt der Punkt, da geht es nicht höher, und genau diese Neuerdung einer Figur wie jene des Marty Mauser ist der heilende Prozess, um die Dinge klarer zu sehen. Die Welt zwischen Egomanie und Zufriedenheit. Zwischen Lebensziel und Lebensglück.

Ein prachtvoll-derber, schmutziger Schinken also, obszön und liebevoll. Und mag man Tischtennis, gibt’s die Spannung beim Aufschlag obendrauf. Für alle anderen ist der Sport dann nur Platzhalter für ein Können, das uns wettbewerbsfähig macht. Fragt sich nur zu welchem Preis.

Marty Supreme (2025)

13 Tage, 13 Nächte (2025)

EIN LAND ERLIEGT DEM TALI-WAHN

6,5/10


© 2025 Panda Lichtspiele


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: MARTIN BOURBOULON

DREHBUCH: MARTIN BOURBOULON, ALEXANDRE SMIA, TRÂN-MINH NAM, NACH DEM GLEICHNAMIGEN BUCH VON MOHAMED BIDA

KAMERA: NICOLAS BOLDUC

CAST: ROSCHDY ZEM, LYNA KHOUDRI, SIDSE BABETT KNUDSEN, CHRISTOPHE MONTENEZ, SINA PARVANEH, YAN TUAL, FATIMA ADOUM, SHOAIB SAÏD, SAYED HASHIMI U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Vor nicht ganz drei Jahren hat uns der Franzose Martin Bourboulon mit einer übertrieben erdfarbenen zweiteiligen Version des wohl berühmtesten Werks von Alexandre Dumas verwöhnt – die Musketiere waren da schon alteingesessene Haudraufs, D’Artagnan wurde von Francois Civil verkörpert – als bittersüße Milady de Winter glänzte Eva Green. Ein schönes Stück Historienkino, wenngleich der zweite Teil niemals ins Kino kam und im Streaming- und Retail-Sektor komplett unterging. Ein unwürdiges Verfahren, um Filme zu verwerten.

Vakuum am Hindukusch

Jetzt aber ist das alte Frankreich vergessen, Bourboulon wendet den Blick über den Nahen Osten hinaus bis ins landschaftlich schöne Afghanistan – zumindest tut er so als ob, denn gedreht hat er diesen Film klarerweise woanders, in diesem Fall in Marokko. Die meisten von uns Zuseherinnen und Zuseher werden wohl kaum nach Afghanistan gereist sein (obwohl: ich kenne jemanden, einen alten Schulkollegen, der das getan hat), somit fällt der Unterschied wohl kaum wirklich ins Gewicht. Viel mehr konzentrieren wir uns in 13 Tage, 13 Nächte auf jene Stunde Null des August 2021, die den Untergang eines vor langer Zeit kultivierten, weltoffenen Landes einläutet: Mit dem Abzug der US-Streitkräfte wird das hinterlassene Vakuum am Hindukusch sehr schnell aufgefüllt, und zwar mit jenen Finsterlingen, die da als Taliban bezeichnet werden: Vorsintflutliche wilde Männer, fanatisch und misogyn, antiliberal und voll mit weiß der Teufel sonst noch an dem Frieden und der Freiheit zuwiderhandelnden Agenden, die wohl alle davonscheuchen, die nicht unbedingt die Hölle auf Erden erleben wollen.

Nichts wie weg

In diesen Tagen des August steht in Bourboulons Film eine reale Person im Mittelpunkt, die man durchaus als eine bezeichnen kann, die Nerven wie Drahtseile besitzt. Ein harter Hund, ein kühler Kopf, ein pragmatisch agierender Franzose, genannt Mohamed Bida, der als Kommandant einer Sicherheitseinheit die letzte noch intakte Botschaft sichert. Die von wehrhaften Betonmauern umgebenen Räumlichkeiten sind das letzte Leo, bevor es gar nichts mehr gibt. Das wissen so einige aus der Bevölkerung, und ehe es sich Roschdy Zem als eben dieser Bida versieht, hat er Hunderte Zivilisten an der Backe, die in Frankreich um Asyl ansuchen wollen. Nebst der eigenen Belegschaft müssen, da gibt es gar keine andere Wahl, alle diese Seelen quer durch Kabul zum Flughafen gebracht werden, um sie dann in die letzten noch verfügbaren Maschinen zu verfrachten und außer Landes zu schaffen. Ein Himmelfahrtskommando? Das kann man laut sagen.

Durch diese hohle Gasse müssen sie kommen

An Roschdy Zems Seite agiert die bildschöne Lyna Khoudri als eine der Flüchtigen, die zufällig die Sprache des Feindes beherrscht. In diesem dichten Wirrwarr an Personen und Bedürfnissen lässt sich auch Sidse Babett Knudsen (Die Wärterin) als Reporterin verorten, die bereit ist, zum Wohle anderer sehr viel einzustecken. 13 Tage, 13 Nächte lässt sich ab eines gewissen Zeitpunkts durchaus als Roadmovie betrachten – irgendwann setzt sich der Konvoi in Bewegung, der etliche Hürden bewältigen muss, die zwischen Schikane und ernsthafter Bedrohung die Nervenkostüme aller Beteiligten ordentlich ramponiert – bis auf Roschdy Zem. Ihn scheint nichts aus der Fassung zu bringen – ein Held inmitten einer humanistischen Katastrophe. Bourboulon bleibt nah an ihm dran, was dann doch noch auf Kosten jener geht, die das Ganze verursacht haben: Die Taliban.

Alles im Blick, auf Kosten der Details

Hier ist Ende Legende mit der Glaubwürdigkeit. Die Gesinnung, das Weltbild, die Mentalität dieser Leute: Bourboulon kann sie nicht greifen. Zumindest nicht so sehr, um ein Gefühl der Authentizität zu erzeugen. Schauspieler Shoaib Saïd als Gruppenführer der Invasoren fühlt sich viel zu feingeistig an, um ihn als jemanden anzunehmen, der Karriere bei den Taliban gemacht hat. Glaubhaft oder nicht: Zumindest liefert Bourboulon in seinem Politthriller, den er chronologisch erzählt und dabei versucht, nichts Wichtiges zu vergessen, was die True Story vervollkommnet, beeindruckende Schauwerte. Wenn die Bevölkerung Kabuls den Flughafen stürmt und dabei jedes Mittel recht scheint, um die letzte Hürde zu nehmen, lässt sich das Ausmaß der Tragödie erahnen. Umso mehr, da während des Abspanns die tatsächlichen Bilder dieser Tage zu sehen sind.

13 Tage, 13 Nächte – sie vergehen wie im Flug. Und obwohl der Film zumindest meint, einen Einblick zu gewähren, indem er den Paradigmenwechsel so groß als möglich und auch ziemlich straff inszeniert: Die Rekonstruktion der Ereignisse nimmt sich wenig Zeit für seine Figuren und erfasst sie lediglich im Ausnahmezustand. So, als würden sie nur dann existieren.

13 Tage, 13 Nächte (2025)

Crime 101 (2026)

AM ENDE LOCKT IMMER DER KLUNKER

6/10



© 2026 Amazon MGM Studios Content Services LLC


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: BART LAYTON

DREHBUCH: BART LAYTON, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON DON WINSLOW

KAMERA: ERIK WILSON

CAST: CHRIS HEMSWORTH, HALLE BERRY, MARK RUFFALO, BARRY KEOGHAN, MONICA BARBARO, COREY HAWKINS, NICK NOLTE, JENNIFER JASON LEIGH, TATE DONOVAN, DEVON BOSTICK, PAYMAN MAADI U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN



Wie viel Charme verträgt ein Verbrechen? Sofern keine menschliche Seele zu Schaden kommt, durchaus einigen. Vorausgesetzt, der Gesetzeswidrige hat Gesicht und Physiognomie wie zum Beispiel Bilderdieb Josh O’Connor (The Mastermind), Tageskassenplünderer Channing Tatum (Der Hochstapler) oder Juwelen-Entwender Chris Hemsworth. Gegen so viel Attraktivität macht die Moral gerne einen Kniefall, gerade bei letzterem wird Verbrechen zum Kavaliersdelikt, wenn der dann noch den geheimnisvollen Sinnierer gibt, der zwischen seinen Coups gerne gedankenverloren ins Narrenkästchen blickt oder das nächtliche Treiben der Großstadt beobachtet, als würde sie ihm gehören. Hemsworth ist zum Anhimmeln da, vorwiegend von der weiblichen Seite, so auch im Film Crime 101, einem anmutigen Kriminalkonstrukt, der verschiedene Parteien gleichzeitig aus ihren Tiefgaragen fahren lässt und zusieht, wohin sie abbiegen und ob sie sich dabei irgendwann in die Quere kommen.

Raus aus der Tiefgarage

Dabei kommt es ganz drauf an, von wo aus jede der Parteien startet. Letztlich folgen sie alle dem Highway 101, einem nicht erst seit Depeche Mode popkulturtauglichen Stück Straße, an welchem der eine oder andere Juwelier seine Zelte aufgeschlagen hat. Der zu entwendende Reichtum taucht dann als Inkognito-Lieferung auf, die für Hemsworths Figur aber alles andere als das ist: Der weiß längst, wer hier wann wem die Klunker rüberreicht, um im rechten Moment zuzuschlagen. Ein zerzauster, brummbäriger Mark Ruffalo, der als Prequel-Version eines Inspektor Columbo wirklich keine Anstalten mehr macht, Hulk sein zu wollen, darf als vom Leben recht enttäuschter Detektive dem Juwelendieb auf den Fersen sein. Von anderer Seite versucht Halle Berry ihr Karriereglück als Versicherungsmaklerin, was nun auf den ersten Blick nichts mit der ganzen Sache zu tun hat, aber da würde ich sagen: nur langsam mit den jungen Pferden, die Story braucht etwas, um den richtigen Gang einzulegen, nichts will schließlich überhastet passieren, denn Filme wie Crime 101 will man ja auch nicht hinhudeln und dann an Glaubwürdigkeit und Akkuratesse verlieren.

Die Reichen beklauen

Die Grenze zwischen Gut und Böse ist dabei so diffus gehalten wie nur möglich, wobei den genannten Figuren eindeutig die Seite des Lichts zufällt – auf der anderen hängt immerhin ein verbraucht wirkender Nick Nolte an den Fressbuden in Little China herum, während der immer wieder unberechenbare Barry Keoghan den Antagonisten mimt, und zwar den wirklichen, nicht nur den halbseidenen wie Hemsworth. Schließlich ist Klunkerklau nichts, was wir zwingend als falsch erachten würden, trifft es schließlich, wie wir finden würden, keinen Armen.

Da haben wir es wieder, das bisschen Neid und die Genugutuung – diese innere Zufriedenheit, wenn die, die nichts haben, plötzlich, uneinsehbar für Passanten, den Inhalt eines kleinen braunen Kuverts in die Handfläche plumpsen lassen. Ob Hemsworth verdient hat, damit Erfolg zu haben? Ob die Rechtschaffenen, die durch ihre Rechtschaffenheit übervorteilt werden, nicht auch mal mit der Illegalität liebäugeln dürfen? Robin Hood hat es doch längst schon vorgemacht, und längst finden wir diese Handhabe durchaus heldenmütig. Doch das war im Mittelalter – und Hemsworth klaut die Karat ja nicht für wohltätige Zwecke. Sondern um etwas zu verarbeiten, das irgendwo in seiner Vergangenheit liegt. Deswegen zeigt er sich ja so lakonisch und geheimnisvoll. Wer will so einem Typen dann nicht alles entschuldigen, was vielleicht nicht ganz des Gesetzen entspricht?

Stadtfahrt ohne Überholmanöver

Crime 101 von Bart Layton (American Animals mit Barry Keoghan) liegt eine Kurzgeschichte von Don Winslow zugrunde, der – wir erinnern uns – das Drehbuch zu Oliver Stones brutalem Drogenthriller Savages verfasst hat. So blutig wie damals geht es in diesem zündschlüsselintensiven Karren-, Knarren- und Karat-Thriller längst nicht zu, hier wählt Layton gediegenes urbanes Ambiente, das nicht sonderlich auffällt. In dieses durchschnittliche Umfeld bettet Layton eine durchschnittliche Handlung, die zwischen all den Figuren den Durchschnitt sucht, also einen gewissen gemeinsamen Nenner, um so alle Fäden zusammenzuführen. Wie schon erwähnt treiben diese Fäden noch lange Zeit den Highway entlang, und immer wieder, sobald Chris Hemsworth zähneknirschend bedeutungsschwer und gleichermaßen stocksteif die Szene dominiert, lässt einen das Gefühl nicht los, dass die Figur dieses James Davis längst nicht so interessant ist, wie sie scheinen möchte. Ruffalo und Berry kompensieren das Defizit mit deutlich mehr Lust, sich zu öffnen. Sobald Barry Keoghan die ungewollt duldsame Harmonie zwischen den Protagonisten stört, indem er für Reibung sorgt, dreht Layton an der Spannungskurve. Es scheint, als wäre der ganze Film von dieser einen Figur abhängig, als würde sich alles auf diesen Keoghan verlassen. Der Showdown wird zur dramaturgischen Artistennummer, und am Ende zählt, wie so oft, immer nur der Klunker.

Crime 101 (2026)

Dead of Winter – Eisige Stille (2025)

ES MUSS NICHT IMMER LIAM NEESON SEIN

6,5/10


© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: BRIAN KIRK

DREHBUCH: NICHOLAS JACOBSON-LARSON, DALTON LEEB

KAMERA: CHRISTOPHER ROSS

CAST: EMMA THOMPSON, JUDY GREER, MARC MENCHACA, GAIA WISE, BRÍAN F. O’BYRNE U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Sie hat wohl schon alles gespielt, was man sich nur vorstellen kann, vorzugsweise natürlich Charakterrollen in anspruchsvollen Filmen, dabei kaum Horror, dafür aber ab und an herzhaften Nonsens, wie seinerzeit an der Seite vom schwangeren Arnold Schwarzenegger in Junior. Zuletzt hat sie sich Callboy Daryl McCormack geangelt – im erfrischend intimen und dialogstarken Kammerspiel Meine Stunden mit Leo. Was ihr in ihrem Repertoire auch noch wirklich fehlt, wäre ein waschechter Thriller. Einer von der harten, straighten, kompromisslosen Sorte. Etwas, wo Emma Thompson die unfreiwillige Actionheldin raushängen lassen kann, trotz fortgeschrittenen Alters, denn was Sylvester Stallone, Dolph Lundgren oder die steirische Eiche können, kann die toughe Britin schon lange. Dafür muss sie gar nicht zum Expendable werden, sondern einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein.

Hüttengaudi für Hinterwäldler

Oder aber: Zur falschen Zeit  genau dort, wo Witwe Barb die Urne ihres verstorbenen Mannes hinbringen hätte sollen: An einem zugefrorenen See in Minnesota, irgendwo in der Wildnis, meilenweit entfernt vor der nächsten annähernd urbanen Infrastruktur, dort, wo aufgrund der Kälte niemand Gute Nacht sagt, sondern nur schmerzliche Erinnerungen von damals hochkommen, als Barb und ihre große Liebe sich zum ersten Mal verabredet hatten – zum Eisfischen.

Lang ist’s her, und der Weg dorthin eine Challenge durch Schnee, Sturm und Eis. Irgendwann trifft Barb auf eine Hütte im Wald – und wir wissen längst; Hütten im Wald bedeuten zumindest in den USA einfach nichts Gutes. Der wortkarge Hinterwäldler weist der Guten den Weg, nicht ohne bei dieser ein gewisses Gefühl des Unbehagens zu hinterlassen. Kurze Zeit später, bereits am See angekommen, ertönen Schreie durch den im Winterschlaf befindlichen Tann. Barb ist nun auf sich allein gestellt, um das Rätsel zu lösen und um ihr soziales Pflichtgefühl zu aktivieren, welches bedeutet: Menschen in Not muss geholfen werden.

Liam Neeson ist eine Frau!

Wie handhabt ihr das? Filme, die im Winter spielen, im Sommer ansehen? Filme, in denen der Schweiß aus allen Poren dringt, im Winter? Ich für meinen Teil hab’s nicht nur in natura gerne frostig – auch im heimeligen Kino oder den eigenen vier Wänden darf es auf dem Screen gerne der Jahreszeit entsprechen. Also ist Dead of Winter – Eisige Stille zur jahreszeitlichen Abstimmung der ideale, gut verpackte, handliche kleine Thriller, in welchem Judy Greer in kompromissloser Verbissenheit die Antagonistin gibt. Lange bleibt unklar, welche Ursachen dieses ganze Schlamassel weitab vom Schuss eigentlich hat, und Brian Kirk und sein Drehbuch schieben des Rätsels Lösung lange vor sich her. Währenddessen kann man den beiden Damen, die sich auf Augenhöhe begegnen, beim Hickhack und beim Shootout zusehen, wobei Thompson als Survival-Improvisationstalent dank ihrer Glaubwürdigkeit jede Menge Sympathiepunkte sammelt und obendrein noch Action-Opa Liam Neeson, der Rollen wie diese nicht ausschlägt, noch ein bisschen älter aussehn lässt.

Dass es am Ende, und zwar bei beiden Hauptdarstellerinnen, so richtig persönlich wird, hat zur Folge, dass Dead of Winter – Eisige Stille vom knackigen Winterthriller auf geradem Wege zum unerwartet düsteren, fast schon nach skandinavischem Kino anmutenden Arthouse-Drama mutiert, welches Trauer, Todesangst und Opferbereitschaft zwar nur kurz, aber dennoch intensiv genug thematisiert. Letztlich bleibt festzustellen, dass man Dead of Winter – Eisige Stille wohl ein bisschen unterschätzt haben könnte.

Dead of Winter – Eisige Stille (2025)

Zone 3 (2025)

EIN NEUES GESPENST GEHT UM IN EUROPA

7,5/10


© 2025 Studiocanal GmbH


ORIGINALTITEL: CHIEN 51

LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE: CÉDRIC JIMENEZ

DREHBUCH: CÉDRIC JIMENEZ, OLIVIER DEMANGEL, NACH DEM ROMAN VON LAURENT GAUDÉ

KAMERA: LAURENT TANGY

CAST: ADÈLE EXARCHOPOULOS, GILLES LELLOUCHE, LOUIS GARREL, ROMAIN DURIS, VALERIA BRUNI TEDESCHI, DAPHNÉ PATAKIA, ARTUS, STÉPHANE BAK, THOMAS BANGALTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Das Gespenst, das in naher Zukunft umgehen wird in Europa, ist nicht ein solches, von welchem Karl Marx seinerzeit gesprochen hat. Diesmal ist es ein Gespenst, das auf der anderen Seite der physischen, der unseren Realität operiert. Es ist, wie kann es anders sein, die künstliche Intelligenz, oder, wenn man salonfähig genug sein will, verwenden wir, wie schon seinerzeit Steven Spielberg: AI. Diese AI unterstützt uns alle, die auch nur irgendwie IT-Technologisches benutzen, bereits auf ungeahnte Weise. Es ist wunderbar, wenn vieles leichter geht, es ist weniger wunderbar, wenn die Erleichterung uns selbst ersetzt oder aber unsere Kreativität einschränkt, sodass wir im Endeffekt  kein Gehirnschmalz mehr benötigen, um Entscheidungen zu treffen oder uns Wissen anzueignen. Doch lassen wir mal die Kirche im Dorf. Ich denke, die Blase ist bereits soweit gedehnt, dass sie sich langsam zusammenzieht anstatt zu platzen. Aus der Welt schaffen lässt sie sich ohnehin nicht mehr, also besser, sich zu arrangieren, unabsehbar, welche Nebenwirkungen dies in naher Zukunft haben wird.

Ermittlungen per Knopfdruck

Die nahe Zukunft ist, um auf den Film zu sprechen zu kommen, in Frankreich diesmal eine, die wohl den Science-Fiction Autor Philipp K. Dick in Angst und Schrecken versetzt, bevor er vielleicht eine dahingehende Novelle verfasst hätte. Um Grunde hat er das auch, auf eine noch extremere Art, nämlich mit Minority Report. Diese Vision handelt von einer Methode, Gewaltverbrechen schon im Vorfeld zu erkennen, von wem und wie sie ausgeführt werden und so weiter. Im Film Zone 3 geht es allerdings vorrangig darum, Gewaltverbrechen, die passiert sind, zu rekonstruieren. Dabei hilft – und das ist mehr als aufgelegt – die künstliche Intelligenz, die alle möglichen Parameter scannt oder eben damit gefüttert wird. In weiterer Folge spuckt diese dann das nächstmögliche Szenario aus, um sich später dann als virtueller Sherlock Holmes feiern zu lassen, der alle Puzzleteile perfekt zusammenträgt. Was aber, wenn diese AI beginnt, zu halluzinieren? Wenn sie über ihre eigene Bias stolpert, die man unmöglich ausmerzen kann, schon gar nicht in einem Europa, in welchem die Gesellschaft in Zonen eingeteilt ist, von den Reichen bis hin zu den Armen, die in der dritten und letzten ausharren müssen. Die gesellschaftspolitische Ordnung erinnert an Neill Blomkamps Elysium, nur dort steht den Superreichen eine ganze Raumstation für im Erdorbit zur Verfügung, während Matt Damon mit Exoskelett die Revolution plant. Zone 3 ist da deutlich realistischer. Sollte sich das rechte politische Lager auf Dauer durchsetzen, sind Zonen wie diese durchaus vorstellbar. Und dann noch die AI, die vieles leichter macht. Leichter als möglich. Gar nicht gut, meinte schon Albert Einstein.

Am Anfang war kein Terminator

Statt Philipp K. Dick hat diese Idee Autor Laurent Gaudé auf Papier gebracht – und sie in einen futuristischen, nachtkalten, rauen High-Tech-Kriminalfilm verpackt. Chien 51 nennt sich die Vorlage, und Cédric Jimenez, der mit dem realitätsnahen und intensiven Terrordrama November schon überzeugt hat, gibt sich nun einer unbequemen, dystopischen Zukunft hin, die auf kluge Weise so manche Lücke füllt, die Filmklassiker wie James Camerons Terminator hinterlassen haben. Zone 3 fühlt sich an wie ein Prequel zum Killer-Androiden-Franchise, nur eben ohne Killer-Androiden und ohne Fiebertraum-Wahnsinn von James Cameron selbst, der ja im Rahmen eines solchen die Eingebung zum T1000 überhaupt erst erlangte. Roboter, die durch die Gegend stapfen und Menschen umnieten, ist stark von einer möglichen, zukünftigen Realität entfernt, dennoch aber lässt sich so eine Machtübernahme wie durch Skynet problemlos durchspielen, wenn man die Eigenheiten von ChatGPT und Konsorten potenziert. Spätestens dann öffnet sich die Büchse der Pandora und lässt sich nicht mehr schließen – nicht ohne Umwälzung, ohne Aufstand, ohne eines Sturms auf die Barrikaden, mit denen wir uns mit dem andauernden Drang nach Fortschritt selbst ummauern.

Antiheld im Regen

Gleich zu Beginn, wenn sich Gilles Lellouche frühmorgens aus seinen Laken erhebt, wird dieser ohne Umschweife zu einer Identifikationsfigur. Zwischen warmherzig, pragmatisch und auf sympathische Weise stur dringt dieser Protagonist durch ein Intrigen- und Indiziengeflecht, an seiner Seite eine auch sehr greifbare Adèle Exarchopoulos – anfangs noch die perfektionistische Exekutive, später dann, wenn sich das ungleiche Team eingespielt hat, bringen Emotionen die Ordnung ins Wanken. Das alles im dunklen, verregneten Blade Runner-Setting, mit Drohnen am Himmel und erstarkender Gefahren. Zone 3 ist manchmal so realistisch wie Children of Men, und hütet sich davor, nicht zu dick aufzutragen, um die akkurate Annäherung an eine Realität nicht zu verspielen. Vielen, die AI skeptisch gegenüberstehen, werden sich bestätigt fühlen. Viele, die das nicht tun, beschert der fesselnde Thriller zumindest ein gewisses Unbehagen. Zum Reflektieren der Lage regt Jimenez Werk aber bei jedem an.

Zone 3 (2025)

The Secret Agent (2025)

UND DER HAIFISCH, DER HAT ZÄHNE

7/10


© 2025 Port au Prince Pictures


ORIGINALTITEL: O AGENTE SECRETO

LAND / JAHR: BRASILIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: KLEBER MENDONÇA FILHO

KAMERA: EVGENIA ALEXANDROVA

CAST: WAGNER MOURA, MARIA FERNANDA CÂNDIDO, GABRIEL LEONE, CARLOS FRANCISCO, ALICE CARVALHO, ROBÈRIO DIÓGENES, HERMILA GUEDES, IGOR DE ARAÚJO, ÍTALO MARTINS, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Die Hai-Angst greift um sich, im Brasilien der Siebzigerjahre. Einmal in den lokalen Geschichtsbüchern geblättert, markiert diese Dekade die Epoche einer Militärdiktatur, die vehement gegen Liberale und linksgerichtete Denker vorging. Alles, was den politischen Dogmen von damals nur ansatzweise widersprochen und sich zumindest so angefühlt hat, als wäre revolutionäres Denken im Gange, war letzten Endes dazu verurteilt gewesen, beseitigt zu werden – sei es weggesperrt auf ewig, umgebracht und verscharrt oder nur ermordet und liegen gelassen. Viele blieben verschollen, und jene, die man fand, konnten nur schwer identifiziert werden, so als wären sie von einem Raubtier zerfleischt worden; von einem Räuber, einer unberechenbaren Bedrohung, die ohne Vorankündigung kurzen Prozess gemacht hat.

Spielbergs Sommerhit als symbolisches Trauma

Dieser Knorpelfisch wird zur Metapher für eine satirisch-tragikomische Parabel; für einen bisweilen schrägen Thriller, der die politische Geschichte Brasiliens völlig anders aufdröselt und nichts damit anfangen kann, als herkömmliches Betroffenheitskino seine Informationspflicht in der notwendigen Sachlichkeit, ergänzt durch routiniertes Drama, abzuarbeiten. In diesem monströsen Meerestier, gespickt mit rasiermesserscharfen Zähnen, steckt das Bein eines unbekannten menschlichen Opfers – mit diesem Mordfall schickt sich ein höchst ungewöhnlich konzipiertes Charakterdrama an, über eine Person zu erzählen, die, von Palme-Preisträger Wagner Moura verkörpert, als Universitätsprofessor Marcelo von den Häschern der Militärjunta in die Küstenstadt Recife flüchtet. Die Gegend ist für den Witwer Marcelo kein unbekanntes Terrain, leben dort doch seine Schwiegereltern und sein eigener kleiner Sohn, der panische Angst vor Haien hat, dabei aber unbedingt Spielbergs Weißen Hai sehen möchte – vielleicht, um das kleine Trauma loszuwerden, welches ihn plagt.

Den Opfern auf der Spur

So geistert der Hai und das Bein durch die scheinbar umständlich erzählte Chronologie eines Schicksals, das erst Jahrzehnte später – der Film macht zwischendurch immer wieder Zeitsprünge in die Gegenwart – von Geschichtsstudentinnen aufgearbeitet wird. Dabei sind beide – das Bein und der Hai – symbolische Bausteine, die für einen zerstörerischen Machtapparat stehen, der verbrannte Erde hinterlässt und es so unmöglich macht, das Ausmaß der Tragödien zu erfassen. Filmemacher Kleber Mendonça Filho, der mit seiner politischen Alien-Parabel Bacurau denkwürdiges brasilianisches Kino schuf, lässt surrealen Spuk auch hier, wenn auch deutlich dezenter, durch Recife geistern. Allein die erste Szene von The Secret Agent mutet an, als hätten wir es hier mit einem schwarzhumorigen, lakonischen Gaunerstück zu tun; als hätte einer wie Vince Gilligan (Breaking Bad, Better Call Saul) eine neue Spielwiese entdeckt. Letztlich aber ist Filhos Film bisweilen weniger originell als das episch-bizarre Seriendrama, das kein Auge trocken lässt. The Secret Agent lässt sich massig Zeit, beobachtet und sondiert zuerst, um dann erst spät die Karten auf den Tisch zu legen. Lange ahnt man nur, was hinter Marcelos Versteckspiel verborgen liegt – fast schon reduziert der Film seine Geschichte zu sehr auf indirekt stattfindende Wendungen. Mehr zur fiktiven Biografie wird diese tragische Geschichte, wunderlich und vielschichtig, während sich gegen Ende die Dinge überschlagen und der klassische Politthriller, wie er in den Siebzigern gern inszeniert wurde, findet seine Hommage.

Politthriller mal anders

Subtil und doch nicht, metaphysisch und gleichzeitig ernüchternd real: Filhos Mixtur ist bemerkenswert. Den Verdacht, hier ganz großes Kino aus Brasilien zu erleben, das falsche Erwartungen provoziert und gleichermaßen einen melodramatischen Film Noir darin einbettet, mag man hegen. The Secret Agent ist nicht leicht zu fassen, weil er fast schon als dynamischer Genre-Hybrid funktioniert. Mittendrin dann tatsächlich noch Udo Kiers letzte Rolle als gezeichneter jüdischer Holocaust-Überlebender, als Orakel einer politischen Sackgasse, in der er sich einst befand, und die nun Brasilien auf eigene Art variiert.

The Secret Agent (2025)

A House of Dynamite (2025)

19 MINUTEN BIS ZUM ENDE DER HOFFNUNG

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: KATHRYN BIGELOW

DREHBUCH: NOAH OPPENHEIM

KAMERA: BARRY ACKROYD

CAST: REBECCA FERGUSON, IDRIS ELBA, GABRIEL BASSO, JARED HARRIS, TRACY LETTS, ANTHONY RAMOS, MOSES INGRAM, JONAH HAUER-KING, GRETA LEE, JASON CLARKE, BRIAN TEE, GBENGA AKINNAGBE, WILLA FITZGERALD, KAITLYN DEVER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn dem Piloten in einem Flugzeug angesichts heftiger Turbulenzen die beschwichtigenden Worte ausgehen, und das Flugpersonal die spaßbefreite Miene aufsetzt, wird auch dem geeichtesten Vielflieger langsam anders. Wenn bei jenen, die an den Hebeln der Welt sitzen, die Kinnlade gen Erdmittelpunkt drängt, und sie alle gemeinsam nicht glauben können, was sich ereignen wird, dann wird der Mensch ungeachtet seiner Karriere und seiner Machtkompetenz, seines Standes, seines Erfolges oder seiner Wichtigkeit zu einem Häufchen fluchtinstinktivem Etwas, das mit Christian Morgensterns Zitat „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ die Übersprungshandlung zelebriert. Schließlich bahnt sich in A House of Dynamite eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes an, die, sollte man sie nicht verhindern können, wohl die gesamten Vereinigten Staaten und überhaupt die ganze Welt um den Verstand bringen wird.

Nicht danach, sondern davor

Filme, die ein Schreckensszenario sezieren und mit der allgegenwärtigen Bedrohung eines Atomkriegs den Horror tief ins Gemüt der Zusehenden versenken, gibt es nicht erst seit The Day After – Der Tag danach. Das Endzeitdrama von Nicholas Meyer schildert die Nachwirkungen eines verheerenden Atomschlags. Auch der an die Nieren gehende Trickfilm Wenn der Wind weht schildert wie kaum ein anderes Werk die Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht gegenüber einer irreversiblen Zerstörung, welche ein Atomschlag an sich und dessen Folgen auslösen kann. Kathryn Bigelow dreht nun in ihrem neuesten Werk den Spieß um und will dabei nicht auswalzen, was man ohnehin schon kennt. Ihr geht es darum, die Zeit davor zu schildern, nämlich nur 19 Minuten, bevor die Bombe einschlagen wird. Ihr Ziel: Chicago, eine Millionenmetropole. Keine Zeit, um irgendwen zu evakuieren. Kein Grund, Panik zu verbreiten, indem man die Bevölkerung davon unterrichtet, dass diese ausgelöscht werden wird. 19 Minuten – entschieden zu wenig Zeit, damit der Mensch als kognitiv denkendes Wesen das Drama in seiner Gesamtheit fassen kann.

Drehbuchautor Noah Oppenheim macht aus diesem furchtverbreitenden Notstand kurz vor dem Unmöglichen einen Episodenfilm und teilt diesen in drei Akte. So gesehen wäre A House of Dynamite, konzipiert als Dialogfilm an drei Orten, auch dafür geeignet, auf Bühnen zu reüssieren. Akt Eins findet im White House Situation Room statt – hier ringt Rebecca Ferguson um Fassung und versucht, das Richtige zu tun, während sie ihren Ehemann nochmal ans Telefon holen will und zeitgleich mit allen hohen Tieren der Regierung eine Videokonferenz abhält. Akt Zwei findet an einer Air Force Basis in Nebraska statt. Dort versucht man, die Langstreckenrakete unbekannter Herkunft abzufangen, bevor sie einschlägt. Der letzte Akt zeigt den Präsidenten, in diesem Fall, wie schon zuvor in der klamaukigen Actionkomödie Heads of State, Idris Elba, der herausfinden will, welche von den Staaten dieser Welt das Zeug, den Hass und den Willen dazu hat, die Welt aus ihren Angeln zu heben.

Wer es fassen kann, der fasse es

A House of Dynamite mag als weiteres toughes Meisterwerk einer akkuraten und stark auf militärische Themen fokussierten Filmemacherin gelten. Gesellschaft, Krieg, die Grenzen exekutierter Politik und selbige an sich sind Themen, die sie seit 2008, nach ihrem Erfolg mit The Hurt Locker über einen Us-Minenentschärfer im Irak, nicht mehr loslassen, schließlich gibt es aus diesem Dunstkreis eine Menge zu erzählen, und zwar nicht nur über beängstigende Szenarien, sondern vorwiegend über die Psyche jener Menschen, die in solchen Extremsituationen die Kontrolle behalten wollen: Jeremy Renners Figur ebendort, Jessica Chastain in Zero Dark Thirty oder John Boyega in Detroit. Nun aber ist A House of Dynamite ganz deutlich ein Ensemblestück mit vielen verschiedenen Charakteren, die alle Verantwortung tragen und in einem Umstand wie diesen bis zur völligen Überforderung an ihre Grenzen stoßen. Die Bildschirme alleine, die den Raketenflug zeigen; die Uhr, die tickt; der Nervenkrieg, der entsteht, wenn die Abfangraketen versuchen, ihr Ziel zu treffen: Statt reißerischer Action und einem ausladenden Katastrophensetting, das wohl Roland Emmerich gerne gesehen und umgesetzt hätte, ist A House of Dynamite reinste Reduktion, dafür aber so sehr Schauspielkino, dass das unvermeidliche Chaos bereits schon vorab in den Köpfen der Menschen ausbricht.

Bigelows Film ist ein seltener Hybrid zwischen Polit- und Psychothriller, ein beklemmendes Psychogramm der Ausweglosigkeit, der unterdrückten Panik und der Verdrängung des Unvermeidlichen. Ein Film, der mit allen expliziten Bildern der Welt niemals so nahe an die eigene Empfindung herandringen hätte können, als er es tut, indem er nichts zeigt, nur die völlige Fassungslosigkeit aller.

A House of Dynamite (2025)