The Mule

NEVER TOO LATE FOR BREAKING BAD

6/10

 

themule© 2018 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: CLINT EASTWOOD

CAST: CLINT EASTWOOD, BRADLEY COOPER, DIANNE WIEST, LAURENCE FISHBURNE, ANDY GARCIA U. A.

 

Taglilien sind das halbe Leben, zumindest für Kriegsveteran Earl Stone. Und das, obwohl sie nur einen Tag lang blühen. Aber schön sind sie, geruchsintensiv und für Gartenfreaks und sonstige ein gefälliger Blickfang. Earl Stone hat sich da ein Unternehmen aufgebaut, trotz seines relativ hohen Alters. Aber wo die Leidenschaft eben hinfällt, da kann einer wie er sich nicht dagegen wehren. Als dann aber das verhasste Internet mit Onlineshops einem analogen Verfechter wie Earl Stone das Geschäft madig macht, würde nichts mehr übrigbleiben, außer sich frühzeitig ins Grab zu legen, denn die Familie, die hat ihm den Rücken gekehrt, mit Ausnahme seiner Enkelin, die Opa immer noch gernhat. Und da die Enkelin für ihr Studium dringend Geld braucht, der Alte noch nicht ins Gras beißen will und es durchaus Wege gibt, sich relativ leicht genügend Mammon zu verdienen, sattelt Earl Stone um – vom Gewächshaus ins Cockpit eines Autos – um Drogen zu transportieren, von A nach B, ganz entspannt. Ein Blick ins Transportgut – wozu denn? Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, so die Devise des knorrigen Reaktionärs, der mit Smartphones genauso wenig umgehen kann wie mit Afroamerikanern oder der eigenen Tochter.

Was unser geschätzter Walter White alias Bryan Cranston bereits in standfestem Mannesalter durchgezogen hat, probiert der unverwüstliche Clint Eastwood erst viel später aus – und zwar mit 90 Lenzen. Denn: It´s never too late for Breaking Bad. Und Clint ist ja auch kein Giftmischer, sondern nur ein Drogenkurier. Gar nicht so schlimm, oder macht das doch keinen Unterschied? Walter White würde sich mit Earl Stone gut verstehen. Die beiden hätten kooperieren können. Eine vertane Chance. Dann zumindest diese hier nutzen. Und Clint Eastwood nutzt sie souverän.

Sein selbstinszeniertes True-Story-Drama nach den Erlebnissen von „El Tata“ Leo Sharp wagt natürlich keine allzu großen Sprünge mehr. So altersbedingt auch der ehemalige Westernheld über den Asphalt schlurft, so vorsichtig und nichts überstürzend bewegt sich auch der Film vorwärts. Eine gute Idee, Clint die meiste Zeit des Filmes hinter dem Steuer zu wissen. Obwohl – ein Bad Guy ist er trotzdem, trotz seiner eigenwilligen Auslegung einer Möglichkeit, Gutes zu tun. Die Mittel zum Zweck? Können unter dieser Zielerfassung so übel gar nicht sein. Oder was bezweckt Earl Stone wirklich? Auf der Schneespur des alten Mannes: Bradley Cooper, ungewöhnlich nichtssagend für sein Format, direkt austauschbar. Genauso Laurence Fishburne. Die beiden Rollenprofile hätten durch wen auch immer besetzt sein können – sie haben weder eine Vergangenheit noch charakterliche Skills. Ein Schwachpunkt im Drehbuch, den Breaking Bad nicht hatte. Gut, das hatte auch mehrstaffeliges Serienformat – The Mule hingegen ist da nur ein knapp zweistündiger Film, der aber den Schlendrian aus manchen Szenen durch mehr Sorgfalt auf der Gegenseite eintauschen hätte können. Clint Eastwood selbst hingegen war seit Gran Torino nicht mehr so gut. Ihm macht sein Film sichtlich Spaß. So zwischen den Grauzonen der Moral herumzueiern bietet die Möglichkeit, nicht nur verkniffen dreinzublicken, so wie er es immer tut, sondern auch eine gewisse Selbstironie mitschwingen zu lassen, eine gewisse aufmüpfige Gelassenheit, die er als Wendehals Stone den Kartell-Handlangern unter der Fuchtel von Andy Garcia entgegenpfeffert. Das ist natürlich ein Spiel mit dem Feuer, und Clint gibt angesichts waffenfuchtelnder Argumente dann auch mal klein bei – um dann letztendlich das Richtige zu tun. Ohne Rücksicht auf Verluste, in diesem Fall sogar ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben.

Wie sagte Murtaugh aus Lethal Weapon immer? „Ich bin zu alt für diesen Scheiß.“ Clint Eastwood sagt das nicht, und wir werden ihn ähnliches auch niemals sagen hören. Mit The Mule hat die Kinolegende eine zwar nicht unglaublich spannende, aber genussvolle Charakterstudie eines alten Draufgängers verfilmt, der mit all seinen vorgestrigen Ansichten und seinem Unwillen dem neumodischen Fortschritt gegenüber unglaublich authentisch wirkt. Um ihn herum verblasst die ganze Entourage an austauschbar schablonierten Randfiguren, die auf ihre Art schon gefühlt tausendmal besser skizziert wurden. Eastwood weiß das womöglich, aber das ist ihm genauso egal wie seiner Filmfigur, die das alles gar nicht mehr so genau wissen will, weil es sich einfach nur gut anfühlt, nochmal einen draufzumachen. So viel zu verlieren hat man mit knapp 90 nämlich nicht mehr.

The Mule

The Highwaymen

MÄNNER FÜRS GROBE

5/10

 

highwaymen© 2019 Photo by Hilary B Gayle / Courtesy of Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOHN LEE HANCOCK

CAST: KEVIN COSTNER, WOODY HARRELSON, KATHY BATES, JOHN CARROLL LYNCH, WILLIAM SADLER U. A.

 

Schön, Kevin Costner wohlauf zu sehen. Ein bisschen brummiger ist er geworden, im Hüftbereich spannt das Hemd und gesprochen wird nur mehr das Nötigste. Für einen Mittsechziger, der bald in die Rente hechten wird, nichts Ungewöhnliches, sofern er nicht der Filmbranche dient. Kevin Costner, der schnürt sich seine Hose gottseidank noch nicht bis zur Brust, und sein Fedora steht ihm gut, weil er noch dazu das auffällig selbstgefärbte Haupthaar verdeckt, das irgendwie lächerlich wirkt, ungefähr so wie bei Silvio Berlusconi. Natur wäre besser gewesen. Und die soziale Entfremdung? Womöglich seiner strafverfolgenden Laufbahn in vorliegendem Film geschuldet. Dort spielt er Frank Hamer, einen Texas Ranger außer Dienst, der aber wieder reaktiviert werden soll, weil womöglich ein ganz großer Fisch an seiner bald ausgeworfenen Angel baumeln könnte. Was heißt einer – zwei Fische: Nämlich das berüchtigtste Verbrecherpaar der Kriminalgeschichte – Bonny & Clyde.

Da denkt natürlich jeder Filmkenner an Arthur Penns bleihaltige Ballade selbes Titels, mit Warren Beatty und Faye Dunaway aus dem Jahr 1967. Die Bankräuber und mehrfachen Mörder mit einem kolportierten Sinn für Gerechtigkeit Marke Robin Hood waren ja tatsächlich Publikumslieblinge, allerdings der fragwürdigen Sorte. Soziale Gerechtigkeit sieht anders aus, jedenfalls nicht so wie Mord und Totschlag. Dieses Auflehnen gegen ein ungerechtes System heiligte anscheinend die Mittel, über die sich keiner der anfeuernden Normalbürger, die sich über ihre Veranda gelehnt und den beiden Turteltauben zugewunken hatten, den Kopf zerbrach. Oliver Stone hat dann Jahrzehnte später dem Benny & Clyde-Mythos mit Natural Born Killers die rosarote Brille vom Gesicht geschlagen. Bestien waren das, da braucht man gar nicht viel die Perspektiven wechseln. Und Bestien – die müssen gejagt werden. Also zurück zu Frank Hamer, der mit seinem Rentnerbuddie die R.E.D.-Gang um Bruce Willis aussehen lassen will wie ein Kaffeekränzchen. Nun, wenn Costner in den Waffenladen marschiert, um sich ein vom Staat gesponsertes Equipment von Faustfeuerwaffe bis Maschinengewehr zuzulegen, erinnert das ein bisschen an Michael Douglas in Falling Down, oder gar an einen Black Friday für Schwarzeneggers Cyborg-Alter Ego. Diesmal aber sind die beiden Opas aus Fleisch und Blut, und ihre mangelnde Agilität wird das Bleiarsenal schon ordentlich ausgleichen.

An Costners Seite agiert Woody Harrelson in zurücknehmender Haltung. Motivation sieht bei ihm meistens anders aus. Was das vielseitige Talent aus seiner Rolle des raubeinigen Mandy Gault herausholen kann, ist eine routinierte Hommage an Typen wie Clint Eastwood. Diese Interpretation hat aber auch schon Kevin Costner, also sind die beiden gesetzten Haudegen fast schon wie Brüder, obwohl Brüder ja meist grundverschieden sind. In The Highwaymen ergänzt Harrelson den anderen lediglich mit seinem lockereren Mundwerk, während Der mit dem Wolf tanzt in stoischer Nachdenklichkeit den schwer fassbaren, sträflich romantisierten Pistoleros in die Quere kommen will. Dabei stößt Costner relativ früh an seine schauspielerischen Grenzen, und auch John Lee Hancock, der unter anderem für das inhaltlich recht sperrige Hinter-den-Kulissen-Drama Saving Mr. Banks um Walt Disney einen recht geschmeidigen Zugang gefunden hat, verhaspelt sich dabei szenenweise vor allem in Sachen Tempo. Einerseits ist es ja schön und gut, die beiden Männer fürs Grobe näher kennenzulernen – aber ergiebig ist das nicht. Und ändert auch nichts daran, nicht unbedingt mehr von den beiden wissen zu wollen. Dadurch erzählt The Highwaymen relativ wenig und spult in ermüdendem Leerlauf die Chronik der Ereignisse ab. Spannender wäre es gewesen, Bonnie & Clydes Umstände nicht ganz auszusparen und mehr über den medialen Hype zu berichten. Verständnis für die beiden Kultkiller will der Film um nichts in der Welt aufbringen. So aber macht Hancock die „Bösen“ zu etwas unantastbar Besonderem, da das Konzept seines Thrillers es nicht vorsieht, von Costner und Harrelson abzurücken und das bürgernah Revolutionäre der Gesetzlosen zu hinterfragen. Am Ende lässt sich The Highwaymen zu einem Zugeständnis überreden, um nur für wenige Sekunden zum finalen Kugelhagel doch noch einen Seitenblick zu riskieren – auf eine personelle Staffage, die aber niemandem nützt.

Und so zieht sich die Netflix-Produktion in schnurgerader Eintönigkeit wie der Highway selbst durch karges Gelände, den Mördern beharrlich auf der Spur, was ein ganz gutes Bild der Fakten gibt, aber im Ganzen nur als der eine Teil eines komplexen Krimievents taugt, das Geschichte geschrieben hat. Sowohl im Film als auch im echten Leben.

The Highwaymen

Widows – Tödliche Witwen

VIER FRAUEN UND EIN TODESFALL

5,5/10

 

widows© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: STEVE MCQUEEN

CAST: VIOLA DAVIS, ELIZABETH DEBICKI, MICHELLE RODRIGUEZ, COLIN FARRELL, CYNTHIA ERIVO, LIAM NEESON, DANIEL KALUUYA, ROBERT DUVALL U. A.

 

Fünf Jahre ist es schon her, seit der Brite Steve McQueen mit seiner Leidensgeschichte 12 Years a Slave das Kinopopcorn im Halse stecken hat lassen. Eine Schaffenspause, schön und gut, nach so viel emotionaler Schwere durchaus legitim. Sein neuester Streifen ist zwar um einiges leichter, aber immer noch ein finsterer Brocken an Film, der sich sicherlich nicht auf die leichte Schulter nehmen lässt. Im Kern ist Widows – mit dem banalen deutschen Zusatz Tödliche Witwen – ein Heist-Thriller aus dem urbanen Randbezirk, voller windschiefer Politiker, Korruption und vertuschten Morden. Das gabs im amerikanischen Thriller-Genre natürlich schon des Öfteren, wie zum Beispiel The Drop, ein nicht weniger finsterer Krimi des Belgiers Michaël R. Roskam, mit James Gandolfini in einer seiner letzten Rollen. Auch Ben Affleck´s The Town fügt sich bequem ein in dieses Subgenre sozialkritischen Räuberpiostolen in diffuser moralischer Grauzone. Widows ist dann doch etwas anders, da sich der Film im Zuge der aktuellen weiblichen Casting- und Umbesetzungswelle männlich dominierter Franchises als reine Damen-Rochade behauptet. Ein feministischer Film Noir also, der das Schicksal von drei völlig unterschiedlichen Frauen herausfordert, die allesamt mehr oder weniger vor dem Nichts stehen, nachdem die überhebliche Dominanz ihrer risikofreudigen männlichen Partner zu nichts anderem geführt hat als zu den Kosten für eine Beerdigung, die garantiert nicht zur Seite gelegt wurden. Stattdessen rückt der sinistre schwarze Bezirkspolitiker Manning der trauernden Viola Davis auf die Pelle, um 2 Millionen Dollar zurückzufordern, die ihr verstorbener Gatte den politisch motivierten Gangstern abgeluchst zu haben scheint.

Es wären keine tödlichen Witwen, würden sich diese auch nur irgendwie einschüchtern lassen. Natürlich, mit der Angst bekommen Sie es sehr wohl zu tun. Doch mit diesen Wassern, mit denen gewiefte Frauen eben gewaschen sind, lässt sich die Sauerei an Männerwirtschaft, die da hinterlassen wurde, zumindest mal in der Theorie ganz gut wegschaffen. Mit einem 5 Millionen-Doller-Bonus, der da winkt, dank eines schlauen Notizbuches von Ganove Liam Neeson, der einmal mehr mit seinem knorrig-impulsiven Gastauftritt womöglich dank eines klugen Rollen-Managements jenseits seiner Action-Stereotypie zeigt, was er sonst noch kann. Allerdings nur in wenigen Szenen, doch diese sind wichtig, um dem Plot seine Twists machen zu lassen, die auch nicht von ungefähr kommen, da Starautorin Gillian Flynn (Gone Girl, The Girl on the Train) gemeinsam mit McQueen das Drehbuch verfasst hat. Was einige von euch womöglich nicht wissen: Widows beruht auf einer britischen TV-Serie, und die wiederum auf einer Romanvorlage von Lynda La Plante. Zum zweistündigen Kriminaldrama zusammenkomprimiert, ist Widows auf jeden Fall illustres Schauspielkino, das kernige Cameos wie die eines Robert Duvall durch den Sumpf des Verbrechens waten lässt. Die resolute Viola Davis ist wie meist von einer tief verwurztelten, spaßbefreiten Tragik erfasst, und Elizabeth Debicki als blond-blasser, verletzlicher Engel entgleitet wohl am Deutlichsten die Balance des Lebens. Als diabolisches Schreckgespenst des Kleinstadt-Terrors: Daniel Kaluuya, bekannt geworden aus Get Out.

Dennoch – auch wenn all diese strauchelnden und bedrohlichen Gestalten recht glaubwürdig agieren – bis auf wenige Momente weiß Widows nicht wirklich zu berühren. Die kalte, herbstgraue Ödnis der Chicagoer Peripherie ist die richtige Kulisse für kalte, herbstgraue Egozentriker, die nur sich selbst als Nächsten wähnen, auch wenn der Reverend der örtlichen Gemeinde das solidarische Soll mit Inbrunst predigt. Geliebt wird hier eigentlich niemand, maximal der Schoßhund von Viola Davis – die Idee, das Glück eines anderen zu schmieden, findet in einer Welt des Übervorteilens und Unterdrückens kein Gehör. Das macht all die Damen und Herren hier nicht wirklich sympathisch, und wieso soll ich als Zuseher Mitgefühl mit jenen haben, die, sozial isoliert, ausschließlich eigennützig agieren. Gut, es sei den vier Frauen der Erfolg ihres Unterfangens schon vergönnt, das demonstrativ emanzipierte Schnippchen natürlich sehr gerne geschlagen. Der unnahbare Stil des Filmes aber, die eigenwillige, zugegeben durchaus interessante Methode, gesprochene Dialoge zeit- und ortsversetzt zu platzieren, Gesprächspartner gar nicht mal zu zeigen und Sequenzen in relativ groben Cuts miteinander zu verflechten – das alles trägt nicht wirklich dazu bei, Berührungspunkte mit dem Publikum zu schaffen. Das macht Widows zu einem affektiert kaltschnäuzigen Thrillerdrama, das relativ ignorant sein Ding durchzieht. Ob dieses dann gelingt, ist bei solchen Leuten wie im Film für mich fast schon irrelevant.

Widows – Tödliche Witwen

Peppermint: Angel of Vengeance

DIE RACHE EINER MUTTER

6,5/10

 

peppermint© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: PIERRE MOREL

CAST: JENNIFER GARNER, JOHN GALLAGHER JR., JOHN ORTIZ, JUAN PABLO RABA, ANNIE ILONZEH U. A.

 

Es gibt nichts Fürchterlicheres als sein eigenes Kind zu verlieren. Noch dazu durch Gewalteinwirkung, erschossen von einem Killerkommando, am Geburtstag der Kleinen, ein paar Tage vor Weihnachten. Assoziationen mit tatsächlichen Ereignissen aus Straßburg oder Berlin werden wach. Da kommt wirklich alles, woraus die Hölle einer stolzen Mutter besteht, zusammen. Und nicht nur das – der Papa muss auch noch daran glauben. Das Böse nimmt vor gar nichts mehr Rücksicht, nicht mal mehr vor Kindern. Ein Pech für die Mörder, nämlich dass die letzte Bastion aus dem Mikrokosmos Familie dem Schicksalssturm weiterhin trotzt – und zwar nichts Geringeres als die Institution Mutter. Und der Zorn einer solchen, der kann endlos sein. Mindestens so verheerend wie jener eines John Wick, der nur sein Auto zurückwill und für seinen getöteten Hund Vergeltung übt. Die tödliche Effizienz von Jennifer Garner hat allerdings einen längeren Vorlauf. Ganz zu Beginn, da ist sie noch ein biederes, gebrochenes Häufchen Elend, seelisch zerrissen und auf Gerechtigkeit hoffend. Doch die macht sich rar – zu groß die Angst vor dem Damoklesschwert eines mächtigen Drogenkartells, zu korrupt die Justiz, um die angeklagten Mörder hinter Schloss und Riegel zu bringen. Was also bleibt, ist die Wahl der Waffen – zu denen Frau greift, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Um wie eine Nemesis die Unterwelt mit Vernichtung zu strafen.

Das tut Riley North aka Jennifer Garner dann auch. Und neben ihr wirken Gesinnungsgenossen wie Bruce Willis aus Death Wish maximal so, als hätten sie beim wöchentlichen Lotto-Jackpot nicht mal einen Dreier gemacht. Empfinden also halb so viel, wie Riley North es tut. Ein Glück, dass Garner ihr schauspielerisches Soll mit sehr viel Ehrgeiz erfüllt. Ihre Figur der wutentbrannten und verstörten Trauernden ist längst nicht so das plakative Abziehbild einer Killer-Queen, wie manch einer vielleicht vermuten würde. Selbstjustizler gibt es im Actionkino nämlich wie Sand am Meer, mehr davon männliche als weibliche. Im Grunde aber immer das gleiche Szenario. Was soll also an Peppermint anders sein? Eine berechtigte Frage. Überraschend sind solche Filme längst nicht mehr. Basierend auf dieser Bestandsaufnahme ist es viel wichtiger geworden, dem – sagen wir mal – Anti-Helden (denn Selbstjustiz kann niemals DIE rechtschaffene Lösung sein) mehr Struktur zu verleihen. Ihn nicht mehr nur mit einem markigen Spruch auf den Lippen ins Feld ziehen zu lassen, unzerstör- und vorhersehbar. Spätestens da wird der Thriller Marke Eigeninitiative zur Charakterstudie – und wieder sehenswerter und interessanter. Und wie Peppermint durchaus lohnenswert, gesehen zu werden. Garners Figur ist also weit mehr als ein zorniges Phantom-Kommando. Immer wieder fällt sie in ein tiefes, schwarzes Loch. Leidet, am Boden zerstört, wirkt plötzlich kraftlos, geschlagen, resignierend. Und dann rafft sie sich wieder hoch. Zu verlieren hat sie ja schließlich nichts mehr, außer die Gelegenheit auf Rache. Ob das ihren Schmerz tilgen kann, ob das Töten der Peiniger tatsächlich zur Katharsis wird – das wagt Pierre Morel nicht wirklich zu bejahen. Für den Zuseher ist es jedenfalls eine Genugtuung, das war zumindest in Morel´s Filmen der 96 Hours-Franchise mit Liam Neeson schon so. Nachgesehen hat man Actionopa Neeson damals alles. Und wenn das bei ihm schon so war, dann bei Jennifer Garner erst recht. Also punktet Peppermint weniger mit den bewährten Mechanismen einer blutigen Mission quer durch einen ganzen Drogenring, sondern vielmehr mit dieser bildlichen Verbissenheit einer der mütterlichen Verpflichtung verschriebenen Tötungsmaschine, die manchmal gar nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Diese Wut ist ansteckend. Trotz der vielen Leichen, die Riley North´s Weg pflastern, wird sie nicht kleiner, nur verzweifelter. Aber zumindest nachvollziehbar. Für jeden, der Kinder hat.

Wenn schon, dann reflektiert Peppermint etwas mehr als andere Genrekollegen die Effizienz einer solchen Lynchjustiz, wenngleich die bösen Buben, die als eindimensionale Schießbudenfiguren weitestgehend von jeglicher Biografie befreit sind,  wirklich nur dazu da sind, um tödlich bestraft zu werden. Das macht diesen schwermütigen Reißer immerhin wieder zu einer Art Popcornkino für Freunde projektilreicher Heimsuchungen, was er letzten Endes auch sein soll. Nur mit dem Bisschen mehr an bitterer Wut im Bauch.

Peppermint: Angel of Vengeance

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

DER LANGEN REDE KURZER ZAUBER

5/10

 

grindelwald© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID YATES

DREHBUCH: JOANNE K. ROWLING

CAST: EDDIE REDMAYNE, KATHERINE WATERSTON, DAN FOLGER, JOHNNY DEPP, JUDE LAW, EZRA MILLER, ZOË KRAVITZ U. A.

 

Das muss man Joanne K. Rowling einmal nachmachen – nämlich einen dermaßen zielgenauen Treffer zu landen, was den Geschmack des lesefreudigen Bürgertums betrifft. Phantastische Literatur ist sicherlich nicht jedermanns Sache, eine Welt wie die von Harry Potter hingegen schon. Das liegt vor allem daran, dass die ehemalige Englischlehrerin, die schon von Kindesbeinen an das Schreiben für sich entdeckt hatte, Charaktere erschuf, die in die eigene Kindheit des jeweiligen Lesers zurückführen und das Erwachsenwerden als magische Challenge interpretieren. In einem dualistischen Universum, wo das Böse schleichend und nicht immer wahrnehmbar ist, das Gute oft ins Grau chargiert und Geheimnisse lange gehütet werden. Dieses Universum wird jenseits der auserzählten Geschichte über den Jungen mit der Narbe auf der Stirn mittlerweile als Wizarding World bezeichnet. Rowling ließ ja unmissverständlich verlauten, dass mit Den Heiligtümern des Todes die Ereignisse um den Waisenjungen auserzählt seien – mit Ausnahme eines als ergänzenden Band angelegten Theaterstückes – Harry Potter und das verwunschene Kind (auch unaufgeführt absolut lesenswert). Das Kino liebäugelt da wohl mehr mit der Zeit vor dem Unheil, das nicht genannt werden darf. Um genau zu sein: rund 70 Jahre vor den uns allen wohlbekannten Ereignissen, die man immer und immer wieder lesen kann.

Ein gewisser Newt Scamander, der in Harry Potter und der Stein der Weisen namentlich erwähnt wird, reist mit einem Koffer nach New York, in geheimer Mission, wie es scheint. Und der eine ganze Menagerie an sonderbaren Kreaturen über den Atlantik schleust, die ihm dann auch teilweise entfleuchen. So ein animalisches Fangenspiel wäre für eine so komplexe Welt wie die des Harry Potter eindeutig zu wenig. Auch Übersee hat ein Zaubereiministerium voller Auroren, die einem Obskurus auf der Spur sind – der negativen Energie eines Zauberers, dessen magisches Handeln verboten wird. So viel zu Teil eins, Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Und ich rate tunlichst, vor Sichtung des eben erschienen zweiten Teils der Prequel-Reihe den Erstling dringend nachzuholen, sofern hier noch Unkenntnis herrscht. Bei Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen quer einzusteigen mag zwar durchaus machbar sein, führt aber zu noch mehr Konfusion, als diese ohnehin auf das vorab informierte Publikum hereinbricht. Schauplatz ist diesmal nämlich London und Paris, und neben dem ausgebüxten Grindelwald gilt es, dem rätselhaften Obscurus namens Credence Barebone habhaft zu werden. Warum gerade der schrullige Newt Scamander darauf angesetzt wird, weiß nur der junge Dumbledore. Im Grunde ist es so, als würde man Charles Darwin darum bemühen, geheimdienstlich aktiv zu werden. Ich würde da jemand anderen wählen, aber bitte – jedem seinen Nervenkitzel.

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen allerdings ist ein überlanges, wenig nervenaufreibendes Szenario mit natürlich allerlei Schauwerten. Die diesmal spärlicher eingestreuten Kreaturen – allen voran ein Fuchur-ähnlicher Glücksdrache – sind wiedermal enorm detailverliebt und in Vollendung gestaltet, und zur Freude leidenschaftlicher Harry Potter-Fans finden sich auch allerlei Reminiszenzen an das erste Jahr von Hogwarts, als der Stein der Weisen Voldemort´s erste Versuchung war. Mit diesen Bonmots aber hätte sich maximal ein Fanfilm ausgezahlt – nicht aber ein ganzer Film, der einem sagenhaft verworrenen und ermüdend redseligen Drehbuch unterliegt. Dafür verantwortlich: Joanne K. Rowling. Denn da wo Wizarding World draufsteht, ist die mächtige Autorin auch drin. Nichts geht hier ohne Abnicken der Urheberin, was prinzipiell durchaus verständlich ist. Und um ganz sicher zu gehen, dass ihre Welt auch nicht mit einer anderen kollidiert, bleibt das Leben des Newt Scamander auch niemand anderem überlassen. Doch genau darin liegt das Problem. Joanne K. Rowling ist eine großartige Schriftstellerin, die penibel genau ihre unzähligen Handlungsstränge beispiellos verwebt, zusammenführt und wieder aufdröselt. Auch ein Grund, warum die Harry Potter-Bücher so faszinieren. Das allerdings funktioniert so sagenhaft gut, wenn es sich um einen Roman handelt. Ein Drehbuch funktioniert ganz anders. Genauso wie ein Theaterstück. Da ich selbst Romane und Dramen verfasst habe, weiß ich, worauf es zu achten gilt. Beides sind zwar Medien der schreibenden Zunft, haben aber völlig unterschiedliche Regeln. Rowling scheint für Grindelwalds Verbrechen vergessen zu haben, dass sie nicht für den Ladentisch in der Buchhandlung, sondern für das Kino schreibt. Als Buch würde der Plot aus Grindelwalds Verbrechen verdächtig nach Bestseller aussehen. Eine vertrackte Geschichte voller Rätsel und Spuren, fast schon eine Verbeugung vor den Detektivkrimis eines John Huston. Seriöse Gestalten in schickem Trenchcoat und Fedora, einzig die Zauberstäbe unterm Ärmel lassen wissen, dass man hierbei niemand Gewöhnlichem auf der Spur ist. Als Vorlage für einen Film dieser Größenordnung lasse ich mal Rowling´s Talent außen vor: Ihr dichter Magierkrimi ist, was den inhaltlichen Aufbau betrifft, wie das Wedeln und Wischen mit angeknackstem Zauberstab. Folglich also ein Zauber, der nach hinten losgeht.

Ein Film fesselt dann, wenn der rote Faden des Erzählten stets erkennbar und das Handeln der Personen sowohl erwartbar als auch nachvollziehbar bleibt. Zumindest von jenen Personen, die als Identifikationsfiguren durch die Geschichte begleiten. Er fesselt dann, wenn der Plot nicht zerfranst und sich in einzelnen Charakterdramen verliert, die nicht wesentlich zum Vorwärtskommen der Story beitragen. Das ist Verzetteln auf hohem Niveau, auf welchem Komplexität gerne mit Komplikation verwechselt wird. Eine packende Story, die ist im darstellenden Medium eines Filmes oder Dramas so straff wie möglich, auf den Punkt genau gesponnen, sollte dabei aber tunlichst nicht unterfordern. Rowling erfüllt fast jedes dieser Do Not´s, und auch wenn sie als Romancier zu schreiben versteht – Drehbücher schreiben kann sie nicht.

Dennoch verspricht Grindelwalds Verbrechen einigen Filmgenuss, der weitgehend vom guten alten Johnny Depp verschuldet wird. Man kann über diesen exzentrischen Star sagen, was man will – schauspielern kann er, und wie! Nach der letzten Fluch der Karibik-Gurke und einiger Auszeit kann Depp wieder aus neuen, kreativen Ressourcen schöpfen. Und verpasst seinen Gellert Grindelwald eine ganz eigene charakterliche Note. Weder kokettiert er mit den diabolischen Allüren eines Voldemort, noch gibt er sich platter Boshaftigkeit hin. Grindelwald ist ein politischer Aktivist, ein perfider Taktiker. Gelassen und selbstbewusst, weniger manisch. Gegen die paar Minuten gachblonder Überlegenheit wirken Newt Scamander und seine Entourage geradezu blass. Und die Entourage ist breit gefächert, unzählige Figuren tauchen aus dem Dunst der magischen Historie empor und haben kaum genug Spielzeit, um nachhaltig aufzufallen. Das ist mitunter auch ein Handicap an dieser versuchten Entfesselung an hellen und dunklen Künsten, die auf das große Duell von Dumbledore und Grindelwald hinarbeiten. Seine Verbrechen markieren somit die bisher schwächste Filmepisode aus Rowling´s Welt, und so sehr ich Niffler, Bowtruckles und Kelpies liebend gern anfassen würde – der phantastische Zirkus weicht einem konfusen Who is Who vor der Kulisse eines magischen Europa, dass die mitreißende Effizienz jugendlicher Neugier, wie sie Ron, Hermine und Harry an den Tag legten, vermissen lässt. Hoffen wir, das Teil III die Zügel der Thestrale deutlich straffer zieht.

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

Nur Gott kann mich richten

DIE WUT DER VERZWEIFLUNG

8,5/10

 

nurgottkannmichrichten© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: ÖZGÜR YILDIRIM

CAST: MORITZ BLEIBTREU, BIRGIT MINICHMAYR, KIDA KHODR RAMADAN, EDIN HASANOVIC, PETER SIMONISCHEK U. A.

 

Alles für die Familie, oder nicht? Natürlich lässt sich dieser Leitsatz höchst unterschiedlich auslegen. In erster Linie habe ich hier gleich Marlon Brando vor Augen als Vorsitzender der italo-amerikanischen Mafia. In diesem Fall aber meine ich genau das, was unter Familie im biologisch-gesellschaftlichen Sinn zu verstehen ist: die Vernetzung und ewige Bindung, die das eigen Fleisch und Blut mit sich bringt. Vater, Bruder, Tochter, all das. Wenn alle Stricke im Leben reißen sollten, ist Familie das, was bleibt. Erschütternd für jene, die in dieser sozialen Basiskonstellation keinen Halt finden oder nie gefunden haben. Die stärkste Bindung ist aber die zwischen Mutter und Kind. Das ist natürlich nichts Neues, diese Intensität der Verbundenheit ist eigentlich überall auf der Welt gleich stark und unerschütterlich. Die Verpflichtung der Familie gegenüber, also Familie im weitesten Sinn, die verträgt global gesehen schon einige Diskrepanzen. In dem aufwühlenden Thriller Nur Gott kann mich richten ist die Treue zum nächstgelegenen Blutsverwandten sowohl Antrieb als auch Grund für einen verhängnisvollen Strudel in den Untergang.

Schauplatz ist ein düsteres Frankfurt am Main abseits aller Glasfassaden und Hochhäuser der Wirtschafts- und Handelsmetropole. Hier sind es dunkle Seitengassen, Lagerhallen und periphere Industrieviertel inmitten verwahrloster urbaner Ödnis. Spielhallen, Shisha-Bars und die Reviere türkischstämmiger Gangs. Da gibt es den Kriminellen Ricky, der mit seinem Bruder ein Ding dreht, dieses versemmelt und gleich zu Beginn in den Knast wandert. Womit wir die erste starke Bindung haben, nämlich die zwischen Brüdern. Moritz Bleibtreu als der Ältere, Edin Hasanovic als das Liebkind eines dementen, in schleichender Armut dahinsiechenden Übervaters, gespielt von Peter Simonischek in gewohntem Theaterdeutsch. Dieser Vater, der kann nur fordern, niemals danken. Die Pflicht des Sohnes den Altvorderen gegenüber, die hält den Tyrannen schadlos. Von einem ganz anderen Erzählstrang ausgehend bringt Regisseur Özgür Yildirim die alleinerziehende Mutter Diana ins Spiel, die eine Tochter hat, die an Herzinsuffizienz leidet. Dringend muss ein Spenderorgan her, doch das kann dauern. Es sei denn, Mama begibt sich auf illegalen Pfaden in den Sumpf des osteuropäischen Organhandels. Doch das wiederum kostet Geld. Geld, dass Diana, die gleichzeitig auch Polizisten ist, nicht hat. In Anbetracht dessen, dass das eigene Kind locker über allem, und eben auch über dem Gesetz steht, bleibt nichts unversucht, um für das Wohl des Nachwuchses zu sorgen. Als Cop in Uniform darf die von mir sehr geschätzte und stets famose Burgtheaterschauspielerin Birgit Minichmayr eine Rolle bekleiden, die sie meines Wissens so noch nie probiert hat. Mit diesem Genre des Film Noir betritt die Linzerin so gut wie Neuland. Und nicht anders zu erwarten meistert sie auch Genre des anspruchsvollen Actionkinos souverän. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass Minichmayr und Moritz Bleibtreu gemeinsam vor der Kamera stehen. (Taking Sides – Der Fall Furtwängler, an der Seite von Harvey Keitel).

Beide Handlungsstränge also, die des Gangsters Ricky und der Polizistin Diana, winden sich durch den anonymen Moloch der deutschen Stadt, um wie vom Schicksal geprüft scheinbar rein zufällig aufeinanderzutreffen. Dieser Aufprall, diese Verstrickung, die sich daraufhin Bahn bricht, verselbstständigt sich auch relativ bald und erhält eine Dynamik, die ihre Protagonisten nur hilflos mit den Armen rudern lässt. Dabei entsteht das virtuose Erlebnis eines nihilistischen Thrillerdramas, das nicht weniger fesselt als die episodenhaften urbanen Kunststücke eines Paul Haggis und so dicht und konsequent die Fatalität kausaler Zusammenhänge zelebriert wie eben Breaking Bad oder Ben Affleck´s Kriminaldrama The Town. Dem deutsch-türkischen Tatort-Regisseur Yildirim ist ein Film gelungen, der mich richtig überrascht hat und den ich voller Überzeugung nicht nur als ein Meisterwerk des Neo-Noir-Genres bezeichne, sondern auch als einen der besten Thriller, die vor allem in den letzten Jahren in Deutschland entstanden sind. Beachtlich, wie Yildirim, der eben auch das Drehbuch schrieb, seine Tragödie verdichtet und die so verirrten wie irrenden Seelen aneinandergeraten lässt. Eine dramaturgische Komposition von immensem Spürsinn, was die Fliehkraft eines sich immer schneller rotierenden Malstroms betrifft, der einer Physik aus Rache, Gerechtigkeit und höheren Mächten folgt. Mit dabei ein Soundtrack aus wütenden Rap-Songs.

Bei Nur Gott kann mich richten scheint Gott tatsächlich eine Auszeit zu nehmen, denn die, die richten, sind jene, bei denen Blut dicker als Wasser ist, und sich opfern für das, was die Bande der Familie an Tribut fordert. Der nachtschwarze Thriller ist so tollwütig, rabiat und impulsiv wie ein emotionales Blackout oder wie ein Mord im Affekt. Zwischen all dem Toben ist es das Streben nach der Geborgenheit einer vertrauensvollen Zuflucht, einer ruhenden Konstanten, die jeder hier erlangen will und ohne die sonst alles im Chaos versinkt.

Nur Gott kann mich richten

Hotel Artemis

EIN HERZ FÜR VERBRECHER

4/10

 

hotelartemis© 2000-2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: DREW PEARCE

CAST: JODIE FOSTER, STERLING K. BROWN, SOFIA BOUTELLA, DAVE BAUTISTA, ZACHARY QUINTO, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

In Anbetracht ihres selbstlosen Engagements für Notbedürftige ließe sich die ältere Dame mit dem Watschelgang ja gut und gerne mit karitativen Größen wie Mutter Theresa oder Ute Bock vergleichen – wenn wir die Klientel der Hilfesuchenden mal scheuklappenartig ausklammern würden. Doch das funktioniert vielleicht nicht ganz so gut, ist die dem Hochprozentigen nicht ganz abgeneigte, relativ verlebte Krankenschwester Jean Thomas einzig und allein für das körperliche Wohlbefinden diverser Schwer- und Leichtverbrecher verantwortlich, die in besagtem Hotel Artemis Zuflucht suchen. Diese Einrichtung ist Kopfteil eines baufälligen Hochhauses, beworben mit satter Leuchtreklame, inmitten eines tristen Los Angeles der Zukunft, in dem ein Aufstand geprobt wird, der einem Bürgerkrieg gleicht. Ein Zustand wie in John Carpenter ´s düsterem Klassiker Die Klapperschlange, oder als hätten wir wieder eine der Purge-Nächte durchzustehen. Aber immerhin gibt es eine Exekutive, die der ganzen Anarchie versucht, Herr zu werden. Umso schwieriger, wenn die bösen Buben und Mädels sich andauernd verarzten lassen, um erneut loszuschlagen. Aber was soll eine verlorene Seele wie Jean Thomas auch groß anderes machen, führt sie das spärlich besuchte Hotel wie die gutmütige Ausgabe einer Schwester Ratchet (ihr erinnert euch: Einer flog übers Kuckucksnest, Oscar für Louise Fletcher) und hat allerlei Spielregeln festgelegt, nach deren Pfeife selbst der Unterweltboss aller Unterweltbosse tanzen muss: Keine Waffen, keinen Streit, keine Toten. Ein Leo also, ähnlich wie das deutlich luxuriösere Elysium im Universum eines John Wick. Wenn dann aber plötzlich Killer und Zielperson gemeinsam das Etablissement aufsuchen, müssen Regeln einfach nur dazu da sein, um gebrochen zu werden. Mittendrin eine verzweifelt händeringende Jodie Foster, die nicht nur von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

Die seit Kindertagen in der Filmbranche umtriebige Jodie Foster, die hat sich für den dystopischen Thriller Hotel Artemis viele graue Haare wachsen lassen. Und nicht nur das – auch maskentechnisch hat die Gute Jahrzehnte übersprungen. Da eilt sie dahin, durch die spärlich beleuchteten Gänge eines alten, schmuddeligen Hotels im Art Deco-Stil, die Zimmer mit Palmenornamentik und Wasserfällen kunstvoll tapeziert. Jedes dieser Räume ausgestattet mit medizinischen Geräten am neuesten Stand, damit jeder kugeldurchsiebte oder aufgeschlitzte Gauner auch relativ diskret genesen kann. Die Grundelemente dieses Filmes, die wir hier zur Hand haben, mit denen ließe sich ja tatsächlich einiges anstellen. Nur Regisseur Drew Pearce war womöglich nicht so ganz klar, was genau. Wichtig dürfte womöglich gewesen sein, und wichtiger auch als alles andere, den Thriller so prominent zu besetzen wie möglich. Unter der Besetzungsliste finden sich Althasen wie Jeff Goldblum in der erschreckend blassen Rolle eines Geschäftsmannes, der da der Oberboss sein will, maximal aber so bedrohlich ist wie der Herr Sektionschef Lafite aus der lieben Familie, allerdings mit Schussverletzung. Und jede Menge trendiger Studiolieblinge wie Neo-Spock Zachary Quinto, Dave Bautista und die sinnliche Sofia Boutella, die szenenweise so richtig aufräumen darf. Spätestens bei diesen Sequenzen wird klar, dass Drew Pearce so etwas Ähnliches wie Gareth Evans machen wollte. So etwas wie The Raid. Die Besetzung eines Hotels, wo jeder gegen jeden antritt, und wo so viele Blutwunden versorgt werden wollen, dass Jodie Foster´s Krankenschwester-Figur unweigerlich in ein Burnout steuern würde, klingt natürlich reizvoll. Boutella fetzt wie Martial-Arts-Cop Rama im Abendkleid durch die roten Velourgänge und macht keine Gefangenen – beeindruckend bebildert, aber abgekupfert. Und als hätte Hotel Artemis nur begrenzte Zeit zur Verfügung, hudelt sich die Killerhatz mit Stethoskop und Wundverband zu einem fragmentarischen, ärgerlich unauserzählten Ende, das eigentlich nur eine Kompromisslösung sein dürfte – freiwillig bringt kein Regisseur sein Werk so derart geschludert bis zum Credit-Abspann. Und was noch mehr enttäuscht als die fadenscheinige Schundheftromantik eines Thrillers: Jodie Fosters gestelztes Spiel. Auch sie war schon mal um Hotellobbys besser, auch sie hatte schon mal mehr Subtext in petto als hier im weißen Kilt, der zwar relativ schnell blutig wird, aber sonst eigentlich für nichts anderes gut ist. Das Schicksal dieser Jean Thomas berührt obendrein nicht mal ansatzweise, was wohl an ihrer mangelnden Charakterisierung liegen mag.

Hotel Artemis ist wie der 90minütige Trailer zur einer ganz anderen, aber auserzählten Adrenalin-Social-Fiction, der vieles nachmacht und glaubt, dass Quantität in der Besetzung alle Lücken im Text wieder wettmacht. So viel Tupfer, Skalpell und Zwirn kann man gar nicht haben, um all das zu vernähen, was irgendwie wund läuft. Ein Teil des Ganzen aber bleibt verschontvielleicht, das Setting im Hintergrund, die Endzeit, die in explosionslastigem Kampflärm nebenbei erklingt. Das dramaturgische Kerngeschäft hingegen laboriert verblutend und wartet auf ein Pflegepersonal, das sich längt freigenommen hat.

Hotel Artemis