Sympathy for Mr. Vengeance

DAS ENDE DER RACHE

7/10


SympathyForMrVengeance© 2021 capelight pictures


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2002

BUCH / REGIE: PARK CHAN-WOOK

CAST: SONG KANG-HO, SHIN HA-KYUN, BAE DU-NA, LIM JI-EUN U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Ein Blick in den Nahen Osten reicht, um zu sehen, wie es ist, wenn auf Rache Rache folgt. Israel und Palästina kommen aus diesem Drehkreuz der gegenseitigen Vergeltung nicht mehr heraus. Das kaum unterdrückbare Verlangen, in einer aus mehreren Standpunkten gerechten Sache das letzte Wort haben zu wollen, bringt den Gewaltkreislauf womöglich erst dann zum Stillstand, wenn eine der beiden Parteien keinen Mucks mehr macht. Wie verlässlich dieses Grundprinzip funktioniert, und welche bizarren Wege Rache nehmen kann, hat der Südkoreaner Park Chan-Wook in seiner Rachetrilogie veranschaulicht, seinem großen Opus Magnum, das ihm sozusagen Tür und Tor in der Filmbranche geöffnet hat. Aus dieser Trilogie ist Oldboy natürlich das schillernde Mittelstück – mittlerweile längst ein Klassiker. Flankiert wird dieser irre Knüller von Mr. und Lady Vengeance. Zwei völlig andere Ansätze zu selbem Thema, und es ist auch ganz egal, in welcher Reihenfolge man sich diese Werke zu Gemüte führt, eines ist bei Park Chan-Wook aber gewiss: In Sachen Gemüt muss man hierbei schon einiges vertragen können, vor allem die drastische Darstellung von Gewalt.

Den Anfang dieses Triptychons macht ein blauhaariger, gehörloser junger Mann, dessen schwerkranke Schwester ganz dringend eine neue Niere braucht. Die eigene kommt aufgrund falscher Blutgruppe nicht infrage, und die Warteliste für Organe wie diese ist lang. Also geht Ryu andere Wege und lässt sich mit einer illegalen Organhändlerin ein, die das geforderte Geld und Ryus eigene Niere kassiert, mit dem in spe erstandenen Körperteil aber nicht rausrückt. Plan C ist es also, die Tochter eines Geschäftsmannes (Song-Kang-Ho, zuletzt in Parasite zu sehen) zu kidnappen und Lösegeld zu erpressen. Es wäre nicht Park Chan- Wook, würde dieser Plan nicht ebenfalls schrecklich schieflaufen. Wichtige Figuren in diesem Spiel des Schicksals verlassen vorzeitig ihr irdisches Dasein – und das ist Grund genug für die Rache am Rächer, der sich am Rächenden rächt.

Von allen drei Werken ist Sympathy for Mr. Vengeance (vom Original übersetzt: Mein ist die Rache) der wohl nihilistischste. Allerdings auch der introvertierteste, bedächtigste, der anfangs lange Luft holt und sich einfach die Zeit nimmt, die er ungeachtet eines nervösen Publikums braucht, um seine Charaktere und ihr gesellschaftliches Umfeld näher zu betrachten. Park Chan-Wook verschwendet dabei aber keine Spielzeit – sein fast über die ganze erste Hälfte des Film dauerndes Vorspiel macht die zweite Hälfte dann umso intensiver. Und dort bleibt kein Stein auf dem anderen, denn es ist, wie eingangs erwähnt, diese niemals anhaltende Drehtür aus Vergeltung und Gegenvergeltung, die wie ein Körper, der ins Wasser fällt, seine Kreise zieht. Die Eigendynamik der Rache spielt sich dann auch längst nicht mehr linear ab, sondern verzweigt sich und findet auf mehreren Ebenen und an mehreren Orten gleichzeitig statt. Sympathy for Mr. Vengeance nimmt dem Thema Rache seine Banalität, die nur zu gut und gern im Actiongenre stereotype Verwendung findet. Park Chan-Wook macht aus dieser scheinbar simplen Emotion ein kunstvolles Spektakel, das allerdings nichts mehr hat, woran man sich noch festhalten könnte. Hier stürzt alles ins Chaos, lässt andererseits aber seine strauchelnden und hasserfüllten Figuren übertrieben rasch zu sehr hässlichen Mitteln greifen, die man in ihnen keinesfalls vermutet hätte. Das macht den Streifen weniger plausibel. Und da auch des Weiteren all der Jammer wie Abwaschwasser in eine Richtung abläuft, bleibt aufgrund seiner makellos glatten Konsequenz überraschend wenig narrative Haptik.  

Allerdings: Sympathy for Mr. Vengeance mag zwar der schwächste Film der Trilogie sein – Park Chan Wooks Sinn für penibel arrangierte Tableaus, unorthodoxe Blickwinkel und schräge Details findet auch in diesem tiefschwarzen und bizarr bebilderten Klagelied seine praktische Entfaltung.

Sympathy for Mr. Vengeance

Bring Me Home

IN DIE HÖHLE DES RATTENFÄNGERS

6,5/10


bring-me-home© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc.


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2019

BUCH / REGIE: KIM SEUNG-WOO

CAST: LEE YEONG-AE, YOO JAE-MYUNG, KIM JONG-HO, LEE HANG-NA, PARK HAE-JOON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Schon Oldboy-Regisseur Park Chan-Wook hat sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen lassen, und zwar in seinem virtuosen Rachedrama Lady Vengeance: die Rede ist von Lee Yeong-ae. Die koreanische Schauspielerin mit den zarten Gesichtszügen ist auch hier, in diesem sehr düsteren Kriminalfilm, dem Unvorstellbaren ausgesetzt. Als Mutter kann einem auch nichts Schlimmeres passieren, als sein Kind zu verlieren. Allerdings ist dieses Kind nicht verstorben, sondern ganz einfach verschwunden. Das war vor sechs Jahren. Yung-Yeon wirft sich vor, nicht gut auf ihren Sohn geachtet zu haben. Schuldgefühle plagen sie, das Leben wäre schon lange nicht mehr lebenswert, hätten die Eltern die Suche längst aufgegeben. Wie es das Schicksal aber will, passiert doch noch, worauf alle hoffen, und Yeong-Jeon und ihr Mann erhalten entsprechende Hinweise. Es wäre kein koreanischer Film, wären diese Widrigkeiten schon nervenzehrend genug – auf der Suche nach dem Jungen stirbt der Vater bei einem Autounfall. Die am Boden zerstörte Mutter (noch gebrochener kann man kaum sein) steht nun allein da. Allerdings nicht allzu lange – denn bald folgt wieder ein Anruf, der sie aus der Resignation und an die Küste Südkoreas lockt.

Bring Me Home von Regiedebütant Kim Seung-Woo hat von Meister Bong Joon-Ho, der lange vor Parasite so gehaltvolle Krimidramen wie Memories of Murder oder Mother schuf, so einiges gelernt. Sein Inszenierungsstil wirkt selbstsicher, vor allem die schwierig zu timenden, konfliktreichen Szenen gegen Ende des Dramas sind geschickt ausbalanciert. Seung-Woo, der seinen Film auch selbst verfasst hat, lässt sein anfangs in sich ruhendes Vermisstendrama immer mehr und mehr eskalieren, aus der verzweifelten Suche nach dem Kind wird bald ein handfester, durchaus blutiger und auch kompromissloser Thriller, dem aber immer noch die verpeilte Melancholie innewohnt, die koreanische Filme so auszeichnet. Das ist großes, packendes und nur scheinbar pessimistisches Asia-Kino in naturalistischer Bildsprache, und dieses Drama hätte seine Wirkung fast verspielt, wäre es nicht so professionell inszeniert worden. Schuld an diesem Fast-Debakel hat die deutsche Synchronisation. Dafür lässt sich Seung-Woo natürlich nicht zur Rechenschaft ziehen. Den scheinbar ungeschulten Sprechern aber sei so manches vorzuwerfen – allen voran eine unachtsame Dialogregie, die wohl geduldet hat, dass der Sprachcontent wie abgelesen klingt – ohne Intonation und ohne ein Gespür für die Szene. Synchronstudio ist nicht gleich Synchronstudio, das wird spätestens bei diesem Film klar. Und man weiß dann auch wieder, was für Könner hinter der Eindeutschung großer Produktionen stehen, die sich mit dem Thema des Films zu hundert Prozent auseinandersetzen.

In Bring Me Home wäre die schlechte Qualität der Synchro kaum durchzustehen gewesen, hätte der Film nicht so dermaßen an Fahrt aufgenommen. Letzten Endes aber war die hochdramatische Geschichte weitaus dominanter als die emotionslos heruntergeleierten Dialoge. Mein Tipp: Diesen Film unbedingt in OmU sehen. So wie eigentlich fast jeden koreanischen Film, denn dann hat man das lokale Sprachkolorit auch gleich mit am Schirm. Ein Kniff, der das Filmerlebnis vieleicht noch intensiver macht.

Bring Me Home

Message from the King

DU KOMMST NOCH IN MEINE GASSE

4/10


message-from-the-king© 2018 Netflix

LAND / JAHR: USA 2016

REGIE: FABRICE DU WELZ

CAST: CHADWICK BOSEMAN, TERESA PALMER, LUKE EVANS, ALFRED MOLINA, NATALIE MARTINEZ, TOM FELTON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


So wirklich wohl würde ich mich in der Nähe dieses Mannes selbst dann nicht fühlen, hätte ich keinen Dreck am Stecken wie so viele dieser finsteren Visagen, die da in Los Angeles für Unrecht und Chaos sorgen. Chadwick Boseman, der, leider verstorben, womöglich nächstes Wochenende posthum mit einem Oscar geehrt werden wird, verbrachte 2016 noch seinen Auslandsurlaub im schmuddeligen US-Moloch an der Westküste, um seine Schwester zu suchen, die, so wie er befürchtet, irgendwelchen Schergen zum Opfer gefallen sein könnte. Aus Südafrika reist dieser Jacob King also an, finster und wortkarg und irgendwie fehl am Platz. Eingemietet in einer ebenso schmuddeligen Absteige, in der auch die alleinerziehende Kelly haust, scannt er bald das gesellschaftliche Umfeld seiner nahen Verwandten und sucht nach Namen und Spuren. Ein solcher fällt sehr bald, und die dazugehörigen Gesichter sind wenig einladend. Klar haben die was damit zu tun, und klar kreuzt King nicht nur einmal bei diesen Leuten auf, die das wiederum gar nicht gerne sehen.

Message from a King, direkt vom Toronto International Film Festival von Netflix aufgekauft und abgeholt, setzt den zur damaligen Zeit gerade mal als Black Panther ins Feld geführten Boseman (First Avenger: Civil War) als martialischen Schnüffler in Szene, der in stoischer Selbstjustiz und familiärem Pflichtbewusstsein unschöne Angelegenheiten vom Tisch räumt. Wie er das macht, das weiß zum Beispiel auch einer wie Liam Neeson, der ein Liedchen davon singen kann, wie man lästiges Geschmeiss von der Kernfamilie fernhält. Nur – Chadwick Boseman ist nicht Liam Neeson. Letzterer hat diese gewisse hemdsärmelige Attitüde, wie ein autodidaktischer Heimwerker, der bei seinen Bösen für den nötigen Wasserrohrbruch sorgt. Boseman hingegen gefällt sich in arroganter Selbstgerechtigkeit und weiß anscheinend immer, dass er besser ist als alle anderen. Diese Überheblichkeit macht den Marvel-Helden, dem als Adeliger von Wakanda dieses Gehabe gut zu Gesicht steht, zu einem enervierend einsilbigen Nachtfalken.

Das allerdings ist nicht das einzige Handicap des so blutigen wie derben Thrillers, wo Fahrradketten eine einschneidende Rolle spielen. Das Problem ist auch, in relativ kurzer Zeit einfach viel zu viele Figuren ins Spiel zu bringen, die noch dazu einen recht konfusen Krimiplot flankieren, der einfach zu viel will. Nebst diesem Kommen und Gehen an Personen, die irgendwas im Schilde führen oder auch nicht, gibt’s sogar noch eine zarte Romanze mit Teresa Palmer. Dabei verpasst der Film aufgrund der vielen moralisch verwirrten, halb angedachten Figuren die Möglichkeit, das Moralbewusstsein des Zusehers entsprechend zu reizen. Will heißen: Regisseur Fabrice du Welz wählt in dieser unheilvollen, urbanen Wildnis als Kampfplatz gerade mal die emotionale Sackgasse.

Message from the King

The Little Things

DER TÖDLICHE EIFER

7,5/10


the-little-things© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. / Nicola Goode


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JOHN LEE HANCOCK

CAST: DENZEL WASHINGTON, RAMI MALEK, JARED LETO, SOFIA VASSILIEVA, NATALIE MORALES, MICHAEL HYATT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Auf die kleinen Dinge kommt es an, auf die kleinen Dinge. Denzel Washington als schwerfälliger und desillusionierter Deputy Deke Craven wird nicht müde, diesen Umstand immer wieder zu betonen. Er weiß, wovon er spricht, er war mal Ermittler, so wie jetzt eben der geschniegelte Jung-Detective Baxter, gespielt von Ex-Freddy Mercury Rami Malek, der sich angesichts seiner Verantwortung noch nicht wirklich sicher im Sattel fühlt. Da kommt es wie gerufen, dass der andere, der längst erfahrene alte Knacker, bei einem Mordfall, der nach der Aufklärung eines lange gesuchten Serienkillers schreit, beratend zur Seite stehen könnte. Natürlich inoffiziell, denn Craven ist nur noch Botenjunge, der Beweisstücke von A nach B bringen soll. Dieser Mordfall allerdings – der hat auch was mit Cravens Vergangenheit zu tun. Und das nicht wenig. So nimmt sich der existenzmüde Beamte Urlaub, um nach eigenem Gutdünken vielleicht etwas aufzuklären, dass seit damals wie ein Mühlrad um seinen Hals hängt.

Serienkillerfilme gibt es viele. Auch so schön düster, depressiv und defätistisch wie dieser. Doch Regisseur und Drehbuchautor John Lee Hancock, der diesen seinen Film auch selbst geschrieben hat und mit Saving Mr. Banks schon so das richtige Gespür für Zwischenmenschliches mit sich bringt, bläst hier nicht zwingend ermittlerische Trübsal. Hancock will ein bisschen etwas anderes. Und genau dieses bisschen andere macht The Little Things zu etwas mehr oder weniger Besonderem. Weil es auf die kleinen Dinge ankommt, auf die kleinen Dinge. Unübersehbar aber ist hier natürlich der prominente Cast, dessen eingangs erwähntes Duo noch durch die bizarre Präsenz von Jared Leto ergänzt wird, der einen schwer verdächtigen Handwerker mimt, der verdammt noch mal so aussieht, als könnte er jedes Verbrechen begehen. Und irgendwie, wie es scheint, mit den vergangenen und gegenwärtigen Todesfällen in Verbindung steht. Die drei sind die Eckpunkte einer unheilvollen Dreiecksgeschichte aus Verdacht, Wahrheit und einer übergroßen Portion an selbstvergessenem Eifer. Dieser Eifer, diese verbissene Entschlossenheit, diese verstörende Beharrlichkeit, ist oft natürlich lobenswert – wer hätte nicht gern so einen langen Atem für sein Herzensprojekt. Doch irgendwann ist das Maß voll, und dann läuft es über. Und so bescheren sich Washington, Malek und Leto einen Reigen aus Aktion und Reaktion, der am eigentlichen Ziel weit vorbeitanzt.

Wer Denzel Washington kennt, weiß, dass er als gebeutelter und von seinen Geistern verfolgter Grübler einfach eine verdammt gute, wenn auch vom Schicksal gekrümmte Figur macht. Das ist expressives Schauspielkino, so wie Jared Letos mit Herzblut gemimte, gleichsam finstere wie kecke Figur, die in ihrem Erscheinungsbild einem offenen Buch gleich das potenzielle Verbrechen wie einen Bauchladen vor sich herträgt. Trotz dieser pessimistischen Färbung bleibt The Little Things nicht ortientierungslos in nihilistischem Blues hängen, sondern plant eben jene von Hancock gesetzte Wendung ein, die den ruhig erzählten, in sich gekehrten Film letzten Endes von Genrevorbildern unterscheidet. Relevant ist dann nicht mehr das Verbrechen, sondern der verhängnisvolle Eifer, was auch immer aufzuklären.

The Little Things

The Burnt Orange Heresy

DIE KUNST DES KRITIKERS

8/10


the-burnt-orange-heresy© 2019 Sony Pictures Classics


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: GIUSEPPE CAPOTONDI

CAST: CLAES BANG, ELIZABETH DEBICKI, MICK JAGGER, DONALD SUTHERLAND U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Alles ist Kunst. Kommt nur darauf an, ob und – wenn ja – wer es dazu erklärt. Da reicht ein Blick in die Kunstgeschichte, um Marcel Duchamps Pissoir hier als Querverweis zu vermerken. Ein Baum, der inmitten eines Waldes einfach umfällt und keiner war dabei, um es zu sehen – fällt nicht um. Erst durch die Beobachtung bekommt etwas seine Tatsächlichkeit. Durch die Beobachtung alleine aber wird etwas vom Menschen Erschaffenes noch nicht zur Kunst. Erst durch das Echo von außen bekommt Kunst überhaupt erst sein Bewusstsein. Durch den kritischen Beobachter wird diese als wertvoll – oder wertlos getauft. Eine Hymne auf den Kritiker? Wohl nicht zwingend eine Hymne – vielmehr die Klärung einer gerne verdrängten Tatsache, dass der akkreditierte Kritiker viel mehr Macht über Kunst hat, als ihm selber womöglich lieb ist. Wird die Kunst nicht offenbart, hat der Kritiker auch keine Macht.

Was Yasmina Reza bereits mit ihrem Theaterstück KUNST so sehr auf den Punkt gebracht hat, wird in dieser für mich völlig überraschenden Filmentdeckung noch um die Komponente eines leisen Thrillers ergänzt, der den Suspense einer Patricia Highsmith in sich trägt und eine egozentrisch-versponnene Gesellschaft an die Ufer des Comer Sees chauffiert. Es trifft sich dort der zynische Kunstkritiker James in Begleitung der amourösen Zufallsbekanntschaft Berenice in der stattlichen Villa von Kunstsammler John Cassidy. Dieser bietet schon seit längerem einem ganz besonderen Maler Zuflucht auf seinem Anwesen, der Zeit seines Lebens vom Pech verfolgt gewesen war, da seine Ateliers immer wieder mal in Flammen aufgingen. Kunstwerke von Jerome Debney gibt es also so gut wie keine. Zumindest keine für die Öffentlichkeit. Cassidy stellt James ein Interview mit dem exzentrischen Künstler in Aussicht – unter der Voraussetzung, er würde ihm eines der seltenen Gemälde des Mannes beschaffen, die dieser aber niemals herausgeben oder gar herzeigen würde. Kunstkritiker James, vom Eifer und der Gier nach Ruhm und Erfolg getrieben, versucht alles, um in das Atelier des eleganten Eigenbrötlers zu gelangen.

Filme wie diese sind selten. Sehr selten sogar. Dabei ist das Hinterfragen von Kunst ein hochgradig sozialphilosophisches Thema, das gleichzeitig auch viel über menschliches Verhalten und die Manipulation der Masse aussagt. Guiseppe Capotondi findet für diesen wunderbar scharfsinnigen und zur rechten Zeit hitzig formulierten Film genau die richtigen Darsteller. Claes Beng (als Dracula auf Augenhöhe mit Christopher Lee) ist wie geschaffen für diese eitle Figur des intellektuellen Machos, der weiß, was für eine Bedeutung seine Worte haben können. Elisabeth Debicki (Tenet, The Night Manager) ist als nicht weniger intellektuelle Schönheit sozusagen das Bindeglied zwischen dem Kritiker und dem Künstler – für diesen wiederum darf Donald Sutherland nochmal ordentlich den kecken Provokateur und Andersdenker mimen, während – wer hätte das gedacht – Mick Jagger nach langer Zeit wieder mal einen Ausflug vor die Kamera wagt. Exzentrik trifft also auf noch mehr Exzentrik – sein geckenhaftes Gehabe lässt ihn wie einen Gamemaster erscheinen, der das Perpetuum Mobile nur anzutauchen braucht, schon treten Naturgesetze in Kraft, die bald niemand mehr wird steuern können.

The Burnt Orange Heresy – benannt nach dem Titel eines Bildes besagten Malers – ist süffisantes und zugleich perfides Denkerkino, elegant erzählt, voll schwarzem Humor und entlarvender Analysen, die letztendlich eine Warnung davor sind, den Wert einer Sache nicht allzu sehr von privilegierten Obrigkeiten diktieren zu lassen.

The Burnt Orange Heresy

Lady Vengeance

UNSER ALLER IST DIE RACHE

8/10


lady-vengeance© 2005 D.R.


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2005

REGIE: PARK CHAN-WOOK

CAST: YEONG-AE LEE, MIN-SIK CHOI, SHI-HOO KIM, YAE-YOUNG KWON, SU-HEE GO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Verstörend, grotesk, mitunter lieblich und brutal – wer diese vier Adjektive im Film seiner Wahl nicht unter einen Nenner gebracht haben möchte, sollte Park Chan-Wook eher meiden. Wer Oldboy kennt – und den kennen sicher mehr als eine Handvoll meiner Leser – kann sich ungefähr vorstellen, was ihn erwartet, wenn Lady Vengeance als Abschluss einer lose verknüpften Themen-Trilogie über den Screen flimmert. Chan-Wooks Filme sind nichts für Zwischendurch. Ungefähr so, wie Filme von Peter Greenaway einfach nichts für zwischendurch sind. Sie entspannen nicht, sie bereichern nicht, sie erquicken nicht. Sie fühlen sich auch nicht gut an. Das Kuriose dabei aber ist, dass Filme wie Lady Vengeance auf gewisse Weise die Erzählparameter des Kinos neu definieren und dabei Wege beschreiten, die andere womöglich für unbegehbar halten. Quentin Tarantino hat sich für sein eigenes Œvre von Chan-Wook und Kollegen merkbar inspirieren lassen. Und blieb wohl bis heute auch der einzige, dessen Werke zugleich komisch, melodramatisch und explizit brutal sind. Diese Mixtur ist wie eine selten genutzte, chemische Formel und das Ergebnis dieses Experiments eigentlich erst nach auserzähltem Film erkennbar. Also heisst es: Augen auf und durch. Denn in seinen einzelnen Szenen betrachtet ist auch Lady Vengeance etwas unerhört Bizarres und Abstoßendes. Wäre da nicht diese melancholische Melodie, die darauf folgt, und wäre da nicht dieses bittere Schicksal, das auch das Undenkbare legitimiert.

Mit so einem Schicksal muss die junge Geum-ja leben, die für einen Kindsmord, den sie nie begangen hat, für rund 13 Jahre ins Gefängnis gehen musste. Der Film setzt da ein, als Geum-ja entlassen wird. Nachdem man allerdings glaubt, nun eine geradlinige Geschichte erzählt zu bekommen, zerschnipselt Park Chan-Wook seinen Rachethriller in Rückblenden und Nebengeschichten, die allesamt dazu verleiten, die Orientierung zu verlieren. Doch egal, Chan-Wook fordert sein Publikum heraus und schert sich nicht um Gefälliges. Erzählt aus dem Frauengefängnis, stellt einige Randfiguren vor, die sich alle irgendwie ähnlich sind, und die allesamt bei Geum-ja in der Schuld stehen. Wieder in Freiheit, kennt Geum-ja aber nur ein Ziel. Den wahren Mörder zu finden und ihn für den Knast und der damit verbundenen Zwangsadoption ihrer Tochter leiden zu lassen. Hinter dieser plumpen Rache steht aber ein ausgearbeiteter Plan, der nicht nur ihr selbst Genugtuung bringen soll, sondern auch all jenen, deren Leben durch die grausamen Taten von Bestie Mensch zerstört wurden.

Auch wenn man es kaum für möglich halten könnte – ein bisschen Agatha Christie schwingt hier auch mit, auch ein bisschen was von Fritz Langs M – eine Stadt sucht einen Mörder. Aber das nur peripher. Die Rache wird in diesem höchst faszinierenden Psychotrip zu einer theatralischen, rituellen Zeremonie, wie das letzte Dinner in Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber. Lady Vengeance versucht, diesen irrationalen und impulsiven Umstand auf kuriose Art zu institutionalisieren. 

Wie in Oldboy kennt Park Chan-Wooks Film kein Erbarmen. Nicht mit dem Zuseher, der sich dieses Kuriosum erst erarbeiten muss. Und nicht mit seinen Protagonisten, die Schlimmes oder gar arg Erniedrigendes erleiden müssen. Ich würde Lady Vangeance tatsächlich nur jenen empfehlen, die mit Park Chan-Wooks koreanischem Schaffen (Stoker ist da eher nur noch ein Schatten seiner Radikalität) zumindest ein bisschen vertraut sind. Oder auch jenen, die bereit sind, recht wertfrei Unerwartbares zuzulassen. Am Ende bekommt man ein perfekt geschliffenes Artefakt serviert, dessen Facetten jeweils ein anderes Lichtspektrum brechen. Bei koreanischen Filmen wie diesen hat man das Gefühl, etwas erlebt zu haben, auch wenn es im Grunde den eigenen Geschmack untergräbt. Sowas nenn ich ein Kunststück, das seiner selbst willen entstanden ist.

Lady Vengeance

Cherry

I GOT GUNS IN MY HEAD AND THEY WON´T GO

6,5/10


cherry© 2021 Apple+


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

CAST: TOM HOLLAND, CIARA BRAVO, JACK REYNOR, MICHAEL RISPOLI, JEFF WAHLBERG, FORREST GOODLUCK, MICHAEL GANDOLFINI U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN


Nur ein freundlicher Junge aus der Nachbarschaft? Mitnichten. Marvel-Shootingstar Tom Holland hat sich ja bereits schon mit der düsteren Ballade The Devil all the Time weit genug von seinem Spiderman-Image wegbewegt. Aber es geht noch weiter. Und zwar mit der Verfilmung eines Romans von Nico Walker, die vom Heldenmythos überhaupt nichts mehr wissen will und seinen Protagonisten in ein Wechselbad schlimmer Erfahrungen wirft, aus dem sich eigentlich kein Normalsterblicher herauswinden würde können. Dabei – und da würde Alanis Morisette zu ihrem Lied Ironic vielleicht noch eine Strophe hinzufügen ­– hängt in dieser überlangen Straße der Verdammnis das Schicksal des jungen Mannes namens Cherry von einem einzigen Umstand ab: und zwar vom Umstand von so etwas augenscheinlich Banalem wie Liebeskummer.

An dieser schmerzlichen Erfahrung ist Uni-Liebe Emily schuld. Nachdem die Beziehung längst schon nach etwas Fixem aussieht, entschließt sich die junge Dame, nach Montreal auszuwandern und mit Cherry Schluss zu machen. Wie denn jetzt? Spidey fällt aus allen Wolken, weiß nicht mehr, wo oben noch unten ist und beschließt aus einem Impuls heraus, die autoaggressive Selbstgeisselung in der Army zu suchen. Das Dumme aber: Emily macht einen Rückzieher, bleibt doch hier, will auch nicht Schluss machen, und kurz bevor Cherry in den Nahen Osten ausrückt, wird noch geheiratet. Völlig klar, dass die Gräuel des Krieges den jungen Mann zumindest psychisch komplett durch den Fleischwolf drehen. Wieder zurück in sicherer Heimat, geht´s nur noch bergab. Und zwar mit Drogen, soweit das blutunterlaufene Auge reicht.

Um zu zeigen, dass die Brüder Russo nicht nur Meister darin sind, im Superhelden- und Actiongenre die roten Fäden ihrer Plots fest in ihren Händen zu belassen, darf’s diesmal etwas Dramatisches sein. Und ja, sie verzetteln sich trotz dieser Fülle an Aspekten auch hier nicht. Ein überstilisierter und satter Abgesang auf den amerikanischen Traum ist ihr Film geworden, ein Abgesang auf Ruhm und Ehre beim Militär; auf die enden wollenden Kapazitäten einer menschlichen Psyche, die beileibe nicht alles aushält, schon gar nicht das von den Waffenlobbys angeheizte Abschlachten unter fremdem Himmel. Die Drogen sind da nur ein Symptom für eine soziale Dysfunktionalität und ein Vorbeiwirtschaften an der Volksgesundheit. Die literarische Vorlage ist mit Sicherheit ein galliges Werk – der Film der Russos zögert hier nicht, diesem Adjektiv nachzueifern, wenngleich hier sehr viele optische Stile ausprobiert werden, hinter denen aber kein System zu stecken scheint und die einfach gar willkürlich variiert werden. Natürlich, das lockert die straffe Abwärtsspirale etwas auf, macht sie nicht träge und larmoyant, sondern gibt ihr eine gewisse sarkastische Note. Zur Groteske ist es nicht mehr weit, und auch gegen Ende hin, wenn alle Stricke reißen, suhlt sich Cherry im heftigen Spiel von Tom Holland. Der hat´s wirklich drauf, vor allem in Szenen wie diese, in der er sich mit der Heroinnadel malträtiert und dabei den Frust seines Daseins gegen die Windschutzscheibe seines Autos brüllt. Direkt peinlich berührt will man da wegsehen, aber es wäre nicht Tom Holland, wenn in seiner Figur nicht noch ein Funken Überlebenswillen wäre. Ein Funke, der immer wieder durchkommt und den Film dann auch trotz seiner intensiven Szenen, die an Aaron Pauls Rolle in Breaking Bad erinnern, erträglich macht.

Erstaunlich einsam sind die beiden Liebenden und halb Sterbenden in diesem großzügigen Mix aus Kriegs-, Drogen- und Liebsdrama. Auf nichts scheint hier Verlass, weder auf Familie noch auf den Staat noch auf irgendeine helfende Hand. Aus dem Dreck, da muss man sich selber ziehen. Ganz allein.

Cherry

Du lebst noch 105 Minuten

MORD AUF DRAHT

6,5/10


sorry-wrong-number© 1948 Warner Bros. Studios


LAND / JAHR: USA 1948

BUCH: LUCILLE FLETCHER, NACH IHREM HÖRSPIEL

REGIE: ANATOLE LITVAK

CAST: BARBARA STANWYCK, BURT LANCASTER, ED BEGLEY, ANN RICHARDS, WILLIAM CONRAD U. A. 

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Das ukrainische Multitalent Anatole Litvak hat noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts einen Film gedreht, der so heutzutage nicht mehr funktionieren würde. Das Handicap von damals: das Festnetztelefon fernab günstiger Tarife. Aber was heißt Festnetztelefon – wenn’s doch nur das gewesen wäre. Barbara Stanwyck muss sich hier als herzkranke Industriellenerbin über die Hürden der Vermittlungsdamen hieven, die da, aufgefädelt wie Perlen an einer Kette – bedürftige Telefonierer in alle Welt zu verbinden hatten. Was für ein Job – den gibt es zum Glück auch nicht mehr. Mit Smartphones hätten Barbara Stanwyck und der blutjunge Burt Lancaster zumindest über entleerte Akkus und verlegte Devices stolpern können, doch der nostalgische Reiz von Wählscheibe und separiertem Sprechteil ginge natürlich flöten. Das wäre schon ein Film fürs technische Museum, Schauraum Fernsprechgeschichte. 

Der Leinwandstar von damals harrt also, in Habtacht-Position neben dem Apparat, dem Kommen ihres Gatten, der allerdings ausbleibt – und dem auch leider nicht in den Sinn kommt, seine bessere Hälfte über sein Fortbleiben zu informieren. Stanwyck versucht, Gott und die Welt an den Hörer zu bekommen. Letzten Endes muss sie sich mit zwei fremden Stimmen begnügen, deren Gespräch sie belauscht. Dabei kommt ihr Schreckliches zu Ohren: die beiden planen einen Mord. Und nicht nur irgendeinen, sondern einen Mord an einer unbekannten Dame, die anscheinend allein zu Hause sitzt. Um Viertel nach Elf soll das Kapitalverbrechen grünes Licht bekommen – bis dahin haben wir – so sagt uns der Filmtitel – 105 Minuten! Der bettlägerigen Barbara dämmert leise ein Verdacht… gar nicht gut fürs schwache Herz.

Zugegeben, Du lebst noch 105 Minuten (im Original: Sorry, Wrong Number) ist kein Hitchcock und nimmt sich trotz seiner knappen Spielzeit von 88 Minuten (da hätte man locker für den Echtzeit-Faktor 105 Minuten herausschlagen können) aufgrund einer gewissen Dialoglastigkeit doch so manches Mal die Eigendynamik und wäre fast ein bisschen schal. Hätte Litvak – oder eben Lucille Fletcher, die Autorin sowohl des zugrundeliegenden Hörspiels als auch des Drehbuchs, nicht die Idee gehabt, eine Geschichte zu erzählen, die eigentlich fast nur aus (leicht verwirrenden) Rückblenden besteht. Dabei ist es mit einer Zeitebene zurück nicht getan – Litvak eröffnet noch eine. So ein Konstrukt fiel mir zuletzt in der spanischen Psychogroteske Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden auf. Auch hier erzählten einzelne Figuren von Figuren, die wiederum von Figuren erzählen. Und Regisseur Aritz Moreno schraubt sogar noch eine Zeitebene runter. Du lebst noch 105 Minuten begnügt sich mit drei solcher Ebenen, was den Film schön genüsslich im Sud möglicher Motive fischen lässt, die vielleicht eben auch Burt Lancaster betreffen, der hier noch am Anfang seiner Karriere stand und entsprechend hölzern agiert.

Wie in den damaligen Krimis, inspiriert durch das Suspense-Kino Hitchcocks, handelt auch dieses gewiefte Drama von Psychospielen und inszenierten Abhängigkeiten, von Macht und Ohnmacht zwischen Mann und Frau. Der Spannungsfaktor kommt da etwas zu kurz – die fatale Psychologie dahinter jedoch nicht. Mehr Melodram als Thriller also, dafür aber eine runde Sache, die ihr Dilemma konsequent auserzählt.

Du lebst noch 105 Minuten

Echo Boomers

DIE RÜCKKEHR DER VANDALEN

6/10


echo-boomers© 2020 Saban Films


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: SETH SAVOY

CAST: PATRICK SCHWARZENEGGER, ALEX PETTYFER, NICK ROBINSON, HAYLEY LAW, MICHAEL SHANNON, GILLES GEARY, LESLEY ANN WARREN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Die Vandalen wurden ja geschichtlich betrachtet zu Unrecht mit ihrem ethnischen Namen dafür verwendet, als Begriff für Zerstörungswut herhalten zu müssen. Dabei haben die damals nicht mehr kaputt gemacht als all die anderen. Aber wir haben diesen Begriff nun mal, und er passt auch ganz gut auf die Gruppe von 5 Mitt- bis Endzwanzigern, die nichts Besseres zu tun haben als einen auf Revoluzzer zu machen und in neureiche Villen einzubrechen um a) alles Wertvolle mitgehen zu lassen und b) den übrigen Rest genussvoll zu zertrümmern. Da sieht Oasis-Frontmann Liam Gallagher mit dem Zertrümmern von Hoteleinrichtung ja geradezu blass aus. Gibt’s in diesen noblen vier Wänden genug Glas, freut das ganz besonders. Das gestohlene Zeug wird dann an einen Hehler vertickt. Da weiß man wieder, wofür man studiert hat, oder? Nun, die 5 hier wissen es nicht. Zumindest vorerst nicht. Bis einer von ihnen, und zwar der Neuzugang, das Ruder rumreißt und der destruktiven Gesinnung ein Ende macht.

In Midnight Sun war der junge Mann bereits zu sehen, jetzt nähert sich Arnies Filius Patrick Schwarzenegger langsam, aber doch, den Genregefilden seines Papas, wenngleich Echo Boomers von Regiedebütant Seth Savoy natürlich kein Actionkracher der alten Schule ist, sondern vielmehr ein Thrillerdrama irgendwo zwischen Die fetten Jahre sind vorbei (mit Daniel Brühl) und Ben Afflecks The Town. Sohn Schwarzenegger bemüht sich sichtlich, wirkt aber teils noch arg einstudiert, wenn er vom Schüchti zum Systemveränderer erstarken will. Da braucht´s noch Praxis, damit der junge Mann aus dem Schatten des elterlichen Ruhms treten kann und man aufhört, fortwährend zu überlegen, ob der Mime eigentlich irgend etwas von der markanten Gesichtsphysiognomie seines Papas übernommen hat.

Gegen ein Schauspielkaliber wie Michael Shannon bleibt Schwarzeneggers Darbietung auch noch etwas blass – ersterer wiederum darf als präpotentes Mastermind hinter den Raubüberfällen so richtig großkotzig andere niedermachen. Dieses Machtverhältnis zwischen den ungestümen Home-Invasoren und dem Hehlerkönig sorgt für knisterndes Tauziehen, die Kanadierin Haley Law lotet die emotionale Tiefe aus und Schnösel Alex Pettyfer in seiner Rolle als blitzgescheiter Studienabsolvent opfert seine Arroganz leider auch nicht dem niedersausenden Baseballschläger, der sonst nur ausgesuchtes Interieur zerstört. Auch wenn das Arm-Reich-Gefälle manchmal wirklich für Sodbrennen sorgt – zu sehen, wie alles kaputtgeht, tut richtig weh und lässt auch Anti-Materialisten über diese Notwendigkeit des Vandalismus sinnieren, die auch mit Graffiti-Statements nichts transportiert, worüber man nachdenken sollte. Somit lügen sich die Echo Boomers wohl selbst in die Tasche, und wo niemandem der Sinn nach Kompromissen steht, ist einem die Zerstörung dessen näher, was man selbst gerne hätte, aber unerreichbar scheint. Andere würden Neid dazu sagen.

Echo Boomers

Monos

CHILDREN FOR THE REVOLUTION

7,5/10 


monos© 2020 DCM


LAND / JAHR: KOLUMBIEN, ARGENTINIEN, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND, URUGUAY, SCHWEDEN 2019

REGIE: ALEXIS DOS SANTOS & ALEJANDRO LANDES

CAST: JULIANNE NICHOLSON, MOISES ARIAS, SOFIA BUENAVENTURA, JULIÁN GIRALDO, KAREN QUINTERO, DEIBY RUEDA, SNEIDER CASTRO, PAUL CUBIDES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Wohl eines der erschütterndsten und spannendsten Bücher, die ich je gelesen habe, ist die Leidensgeschichte der Politikerin Ingrid Betancourt, die als Geisel der kolumbianischen FARC jahrelang als wertvollster Besitz galt. Mit Geiseln, so die Rebellen, lässt sich politisch am meisten bewegen. Was das für Leute sind, beschreibt Betancourt mit fast schon sachlicher Genauigkeit. Der Film Monos von Alexis Dos Santos und Alejandro Landes nimmt so einen wilden Haufen junger Hunde ebenfalls unter die Lupe. Dafür steigt er hoch auf die unwirtlichen Hochebenen des südamerikanischen Landes, dort, wo man bereits über den Wolken weilt und auf ein Panorama blickt, dass erstens den Atem raubt und zweitens das unbändige Gefühl von Freiheit vermittelt.

Von dieser Freiheit hat die aus den USA stammende Journalistin, die als Geisel genommen wurde, leider überhaupt nichts. Sie dämmert hier oben, zwischen Gebirgssteppe und verfallenem Bunker (eine fast surreale Kulisse) mehr oder weniger vor sich hin, ohne Aussicht darauf, ersonnene Fluchtpläne in die Tat umzusetzen. Doch diese Doctora, wie sie genannt wird, ist an sich nur die Protagonistin im Hintergrund. Ganz vorne mit dabei, kalaschnikowschwingend und ständig am Feiern: eine achtköpfige Gang, die sich Monos nennt und die einer nicht näher benannten Rebellengruppierung angehört. Anführer dieser Soldaten ist ein muskelbepackter Zwerg, der den Greenhorns immer wieder die Leviten liest – und dann wieder verschwindet. Die Burschen und Mädchen müssen sich also allein organisieren und überdies auf eine Milchkuh achten, die ihnen zum Geschenk gemacht wird. Dass das schiefgeht, ist nur eine Frage der Zeit. Und irgendwann muss die Gruppe weiterziehen, runter ins Tal – in den tropischen Dschungel.

Monos war für mich einer der Filme, die letztes Jahr coronabedingt keine Kinoauswertung hatten. Glücklicherweise gab es dafür das Sommerkino, doch selbst diesen einen Termin konnte ich nicht wahrnehmen. Dabei wäre die große Leinwand für ein Werk wie dieses hervorragend geeignet gewesen, vor allem, weil das Rebellendrama so sehr mit der Opulenz und der Üppigkeit seiner Umgebung spielt. Monos ist allerdings kein klassischer Thriller, und folgt auch keiner gewöhnlichen Erzählweise. Lange Zeit bleibt vieles im Dunkeln, die einzelnen, teils clownesk agierenden Gestalten werden nach und nach bekannt, auch ihre Beziehungen zueinander. Ob hoch oben oder tief unten im stickigen Blätterwald – der spannungsgeladene Mikrokosmos zwischen den acht jungen Menschen und ihrer Geisel gebärdet sich als Psychostudie zwischen Herr der Fliegen und Coppolas Apocalypse Now, wenn man vom Aspekt der Geiselnahme absieht. Jeder einzelne, kaum Herr seiner Lage, versucht sich an die Macht zu boxen oder versucht, eine Lücke für seine eigene Macht zu finden. Nur die Zähen überleben hier, in diesem gesetzlosen Vakuum, in dieser schwül-düsteren Anarchie aus Ehrenkodex, Anbiederung und langsam übergreifenden Wahnsinn. Mensch und die Natur verschmelzen. Archaische Tänze ums Feuer, Gesichter hinter Schlamm- und Erdmasken, sei es zur Tarnung, sei es, um den eigenen erdachten Kult von jeder sonstigen bestimmenden Institution loszulösen.

Monos ist ein rauer, wilder Film ohne Sanftmut und Bedächtigkeit. Mag sein, dass diese unorthodoxe kleine Geschichte über das Wesen des Menschseins für manche schwer zugänglich ist. Mir ging’s anfangs ähnlich, doch mit der Zeit, wenn die Rolle der Doctora sich aus dem sozialen Gefüge herauszuschälen versucht, wird aus dem Gruppenportrait ein spannender Survivalthriller, der die Wildheit Kolumbiens in satten, schweren Bildern anhimmelt und das Ganze noch mit einem hypnotischen, kunstvoll verzerrten Folklore-Score ergänzt. Dieser Trip ins Herz der Finsternis und wieder hinaus lohnt sich.

Monos