Frankensteins Braut

DIE HAARE ZU BERGE

7/10

 

frankensteinsbraut© 1935 Universal Studios

 

LAND: USA 1935

REGIE: JAMES WHALE

CAST: BORIS KARLOFF, COLIN CLIVE, VALERIE HOBSON, ELSA LANCESTER, ERNEST THESIGER U. A.

 

Kaum eine Nacht blieb so nachhaltig legendär wie jene auf dem Anwesen des Schriftstellers Lord Byron, wo dieser höchstselbst mit dessen Leibarzt John Polidori und dem Ehepaar Shelley bei Nacht, Sturm und Gewitter einen Wettstreit um Gruselgeschichten führte. In diesen paar Stunden trauter Stimmungsmache dürfte wohl die Grundidee zu Frankenstein entstanden sein, ebenfalls der Roman Vampyr, den Polidori zwar ersonnen, von Byron aber des Plagiats bezichtigt wurde. James Whale nimmt in der Fortsetzung seines Klassikers aus den 30er Jahren jene Zusammenkunft zum Anlass, um die blutjunge Mary Shelley eine Fortsetzung zu ihrem Bestseller erzählen zu lassen – nämlich Frankensteins Braut. Etwas hat also überlebt. und alle, die mit Frankenstein bereits eine Mußestunde fürs Retrokino genossen haben, möchten meinen, dass Frankensteins Monster in der brennenden Windmühle wohl nicht überlebt haben kann. Hat es doch. Und es ist wütend. Wäre ich auch, wäre ich das Monster. Keiner liebt mich, keiner will mich, jeder will mir an die Schrauben. Boris Karloff wäre mit einem einmaligen Auftritt als Kultmonster wohl sowieso nicht zufrieden gewesen. 4 Jahre später soll dann noch die letzte Episode mit ihm als finsterer Quadratschädel in die Kinos kommen – Frankensteins Sohn. Aber den hebe ich mir für nächstes Halloween auf.

Die geschundene, gedemütigte Kreatur irrt also nach dem Showdown in der Mühle durch die Lande, hungrig, durstig, müde. Und keine Menschenseele ist gewillt, dieser Schreckgestalt menschliche Grundrechte zuzugestehen. Das Monster muss sich also selbst nehmen, was es braucht, sonst gibt´s kein Morgen. Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner, das muss sich der klobige Riese mit den mächtigen Stiefeln wohl hinter die angenähten Ohren schreiben. Aber nicht alle Menschen sind schlecht. Boris Karloff wiederfährt auch diese Erkenntnis, doch leider viel zu kurz. Eine traurige Geschichte, wäre da nicht ein sinisterer Wissenschaftler namens Prätorius, der den traumatisierten Dr. Frankenstein dazu zwingt, nochmal durch die Hölle neuen Erschaffens zu wandeln. Wenn es schon einen künstlichen Adam gibt, dann darf eine Eva nicht fehlen. Wer macht schon gerne halbe Sachen? Und das Monster freut´s obendrein, denn dann wäre es nicht mehr ganz so allein. Der Good Will geht da mit dem Fanatismus Hand in Hand, und das ethische Gewissen hält brav die Klappe.

James Whale findet in seinem Sequel zum Original aus dem Jahr 1931 einen wunderbaren Zugang. Auch wenn der knapp 80 Minuten lange Streifen bereits schon 84 Jahre auf dem Buckel hat, erstaunt es, wie stilsicher der Brite seinen Gruselklassiker inszeniert hat. Wobei: auf der Gruselskala erreicht Frankensteins Braut wohl nicht mal die goldene Mitte, mittlerweile gruseln uns in Film und Fernsehen ganz andere Sachen und längst nicht mehr die Ikonen des Schwarzweißhorrors. Doch man staune: Der gediegene Schloss-und-Riegel-Grusel, den sich Whale hier mit aufwändigen Kulissen und ganzen Indoor-Waldszenen für eine Menge Dollars bezahlen lässt, hat nach so vielen Jahrzehnten nichts von seinem Charme verloren. Und für damalige Sehgewohnheiten dürfte dieser Blockbuster tricktechnisch sehr wohl State of the Art gewesen sein. Highlight ist ohnedies das Erwachen von des Monsters besserer Hälfte als die schillernde Geburtsstunde der wirren Stehfrisur, quasi der Grundstein der Gothic-Matte für Damen, mitsamt silbernen Strähnchen. Wie Elsa Lancaster als frisch geteaserte Königin der Untoten in mechanisch anmutenden Rundblicken ihre Umwelt wahrnimmt, ist nach wie vor eine kleine Sternstunde filmischen Expressionismus, die die Werke Robert Wienes oder Friedrich Wilhelm Murnaus ehrt. Der verwirrten Braut zur Seite natürlich Boris Karloff, der sich aber nur noch Karloff nennt, und beide zusammen sind, ob sie es wollen oder nicht, das wohl schaurig schönste Paar, wenn es ums Tindern von Freaks geht.

Frankensteins Braut

Frankenstein (1931)

DAS GRAUEN DER UNSCHULD

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frankenstein1931

Halloween ist schon eine Zeit her, aber immer noch harren haltbare Reste des herbstlichen dunklen Treibens nicht nur in der häuslichen Naschbox baldigem Verzehr entgegen, sondern treiben sich auch in digitaler Form auf der externen Festplatte meines Kabelanschlusses herum. Um genau zu sein handelte es sich hierbei um zwei schlicht uralte Klassiker des frühen Gruselkinos mit Furchenmine Boris Karloff in den Hauptrollen – Die Mumie und Frankenstein. Da hatte ich dann doch erst unlängst die Muße, meine Watchlist zu sehender Klassiker zu kürzen und cineastische Lücken zu füllen. Also her mit Frankenstein. Dem guten, alten, legendären Quadratschädel, dem ikonischem Vorbild aller späteren Interpretationen der Patchwork- Kreatur, die in Film und Literatur nur von einer einzigen Gier getrieben sein wird – der Gier nach Rache für ihre Erschaffung und Verstoßung. Mary Shelley schrieb im 19. Jahrhundert wohl die denkwürdigste und bis heute in seiner Aussage gültige Parabel über das Gottspielen des Menschen und das Rumdoktern an den Naturgesetzen. Die Geister, die im Dienste der Wissenschaft gerufen wurden, wird man gar nicht mehr oder nur unter großen Entbehrungen wieder los. Aber wem erzähle ich das.

Jeder kennt Frankenstein, wirklich jeder. Sei es nun die Buchvorlage, die Sitcom The Munsters oder die Gummimaske im nächstbesten Kostümladen. James Whale, britischer Filmemacher und späterer Schöpfer des Klassikers Der Unsichtbare, schuf sich und seinem Hauptdarsteller Boris Karloff 1931 ein ewiges Denkmal – einen beklemmenden Schwarzweiß-Grusel, der sich trotz seiner Unbeholfenheit, oder gerade deswegen, so unberechenbar gebärdet. Anders als in Tod Brownings Blutsauger-Klassiker Dracula mit Bela Lugosi weiß Whale zu erschrecken, indem er sein unschuldig zum Handkuss gekommenes Monster als tobsüchtiges Riesenbaby auf eine arrogante Gesellschaft loslässt. Lugosi als Dracula bleibt hingegen enttäuschend blutleer. Karloff trinkt zwar kein Blut, wirft aber unschuldige kleine Mädchen ins Wasser – die wohl verstörendste Szene des Filmes. In dieser Unschuld der jammernden, zeternden und dumben Kreatur steckt das ganze Grauen. Gequält und misshandelt, irrt das unbedarfte Wesen gefährlich fuchtelnd und staksend wie ein Zombie durch die Landschaft – so einer Kreatur will man nicht mal im Traum begegnen, und wirkt es auch noch so mitleiderregend. Denn böse ist das reanimierte Ungetüm ganz und gar nicht. Böse ist der Mensch, der es erschaffen, missbraucht und schlussendlich gejagt haben wird. Frankenstein´s Monster ist wie der Spiegel einer narzisstischen menschlichen Seele, das Bildnis des Dorian Gray oder das von Ungeziefer zerfressene Herz aus Wilhelm Hauff´s Märchen.

Laut Mary Shelley´s Vorlage, und auch in Kenneth Branaghs inszenierten Version mit Robert de Niro als das Monster, findet der dramatische Showdown im eisigen Norden statt, wobei der Wissenschaftler Dr. Frankenstein bis zum letzten Atemzug selbst gejagt wird. Vielleicht war das bittere Finale für das Kinopublikum der 30er Jahre kaum zuzumuten, daher ein Happy End für jene, die es eigentlich nicht verdient haben. Dass das Nichtmenschliche letzten Endes vernichtet wird, scheint niemanden weiter zu stören. Moral sucht man woanders. Denn alles, was nichtmenschlich ist, und noch dazu unberechenbar, kann das Schicksal ereilen, ohne dass die Ursache dafür hinterfragt werden muss. Aufgrund dieser Gesinnung erhält Frankenstein aus dem Jahre 1931 einen bitteren, betrüblichen, unreflektierten Nachgeschmack, der den modernen Menschen dadurch keineswegs sympathischer macht, ganz im Gegenteil. Sein Tun kennt keine Reue – zumindest glänzt sie in Whale´s Frankenstein durch Abwesenheit. Die Komplexität des Originals kann man gerne in Buchform nachlesen – der Film reduziert den Angriff auf den Ehrgeiz des menschlichen Fortschritts allerdings ohne vielen Erörterns auf einen Clash zwischen Monster und Mensch, der formal auf seine altmodische und naive Art fasziniert, das Bild der Kreatur für die spätere Popkultur prägt und für Themenabende voll schaurigen Retro-Horrors bestens geeignet ist.

 

Frankenstein (1931)