Juliet, Naked

DER FAN IN MEINEM BETT

7,5/10

 

julietnaked© 2018 Thimfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: JESSE PERETZ

CAST: ROSE BYRNE, ETHAN HAWKE, CHRIS O’DOWD U. A.

 

Nerds können manchmal anstrengend sein. Über nichts lässt sich plaudern, außer über das Objekt der Begierde, der Lebenszeit verschlingenden Leidenschaft. Nerds können aber auch witzig sein, viel mehr belächelnd witzig, sodass der Lachende froh ist, nicht ganz so zu sein wie der, über den sich andere gerade amüsieren. Dieses Konzept hat bei The Bing Bang Theory eine Zeit lang gut funktioniert – und den Experten mit Tunnelblick für das Nicht-Wesentliche salonfähig gemacht. Nick Hornby hat sich auch damit beschäftigt. Also mit den Eigenheiten eines Fans. Noch dazu eines Fans, der in einer Beziehung lebt. Der hat in dessen komödiantischer Romanze ein unergründliches Faible für einen ganz gewissen Musiker, der irgendwie zum Mythos wurde, nachdem er nach wenigen Jahren des Ruhms plötzlich in der Versenkung verschwand. Einziger Hinweis über dessen Verbleib sind unscharfe Schnappschüsse, die ungefähr so aussagekräftig sind wie das Waldfoto von Bigfoot.

Tucker Crowe hieß also dieser geheimnisvolle Songwriter, und Lebensgefährte Duncan hat sich vor lauter Hingabe im häuslichen Keller eine Art Schrein errichtet, in welchem er den erdigen Balladen des Verschwundenen mit Hingabe lauscht und einen Fanblog unterhält, der gerade mal eine Handvoll Follower hat. Auch Freundin Annie liest mit, wagt leise Kritik an einem bisher unveröffentlichten Unplugged-Tape des Künstlers – und setzt damit eine ungewöhnliche Verkettung von Ereignissen in Gang, die Tucker Crowe auf der Bildfläche erscheinen lassen. Und zwar deutlicher, als manch einem lieb sein kann. Mitunter auch dem Fan selbst.

Wer sich an den literarischen Vorlagen von Nick Hornby vergreift, braucht sich um den Plot keine Sorgen mehr machen. Diese Bücher (die ich leider selbst noch nie gelesen habe) leben, wie es den Verfilmungen nach scheint, von recht unaufgeregt skurrilen, alltäglichen Verstrickungen und von kuriosen romantischen Konstellationen, vor allem Ausgangssituationen, die recht schnell und wortgewandt in die Substanz des Erzählten finden, ohne um den heißen Brei herumzustromern. Das war bei High Fidelity oder About a Boy schon der Fall, und das ist bei Juliet, Naked genauso. Wieder ist die Musik etwas, ohne der es sich nicht gut leben lässt, ist die nerdige Verspieltheit und ein irgendwie nicht ganz ernstzunehmender Ernst diversen geschmacksorientierten Schräglagen gegenüber Fokus dieser intellektuell angehauchten Boulevardkomödien. Schauspielerisch bietet sich hier einiges an Möglichkeiten, damit sich längst etablierte Stars nochmal fast intuitiv entfalten und auf komödiantisch tun können, ohne sich lächerlich zu machen. Denn Hornbys Komödien, die haben Niveau, Geschmack und Stil. Sind nicht hemdsärmelig, sondern gesprächsverliebt. Niemals mieselsüchtig, und wenn, dann höchstens trotzig, aber immer zuversichtlich. Genauso reagiert Rose Byrne auf den kuriosen Wink des Schicksals, der ihr Ethan Hawke nach Hause lotst – als Ex-Musiker im Gammel-Look, der in der Garage wohnt, nebenan die Exfrau, doch was tun bei einem gemeinsamen Kind? Irgendwas will der ehemalige Schwerenöter und Dauerbekiffte doch noch auf die Reihe bekommen. Und neben dem Filius könnte auch noch aus Anne ein neuer Lebensmensch werden. Dieser Versuch hat nun einige spaßige Situationskomik in petto, der souverän ergraute Ethan Hawke ist großartig, wie er versucht, sich händeringend all der Familie zu erwehren, die da die seine ist. Und spätestens wenn der Lieblingsschauspieler eines Richard Linklater zwischen Sonnenaufgang und -untergang eine rauchig-melancholische Version von Waterloo Sunset unter Keyboardbegleitung in die Runde schmettert, gehört Juliet, Naked ganz sicher zu meinen liebsten Komödien der letzten Zeit. Weil all die schmeichelnde Ironie dieses Films beweist, dass es auch ohne Slapstick und tiefer Kalauer gehen kann. Dass man einfach eine gute, kluge Geschichte braucht, um zu begeistern. Da muss man gar kein Fan sein, von irgendetwas. Und wenn doch, dann wäre es wohl besser, wenn die Person des öffentlichen Interesses weit genug wegbleibt, um die Wolke 7 aus Sehnsucht und Anbetung nicht abregnen zu lassen.

Juliet, Naked

Frankenstein (1931)

DAS GRAUEN DER UNSCHULD

* * * * * * * * * *

frankenstein1931

Halloween ist schon eine Zeit her, aber immer noch harren haltbare Reste des herbstlichen dunklen Treibens nicht nur in der häuslichen Naschbox baldigem Verzehr entgegen, sondern treiben sich auch in digitaler Form auf der externen Festplatte meines Kabelanschlusses herum. Um genau zu sein handelte es sich hierbei um zwei schlicht uralte Klassiker des frühen Gruselkinos mit Furchenmine Boris Karloff in den Hauptrollen – Die Mumie und Frankenstein. Da hatte ich dann doch erst unlängst die Muße, meine Watchlist zu sehender Klassiker zu kürzen und cineastische Lücken zu füllen. Also her mit Frankenstein. Dem guten, alten, legendären Quadratschädel, dem ikonischem Vorbild aller späteren Interpretationen der Patchwork- Kreatur, die in Film und Literatur nur von einer einzigen Gier getrieben sein wird – der Gier nach Rache für ihre Erschaffung und Verstoßung. Mary Shelley schrieb im 19. Jahrhundert wohl die denkwürdigste und bis heute in seiner Aussage gültige Parabel über das Gottspielen des Menschen und das Rumdoktern an den Naturgesetzen. Die Geister, die im Dienste der Wissenschaft gerufen wurden, wird man gar nicht mehr oder nur unter großen Entbehrungen wieder los. Aber wem erzähle ich das.

Jeder kennt Frankenstein, wirklich jeder. Sei es nun die Buchvorlage, die Sitcom The Munsters oder die Gummimaske im nächstbesten Kostümladen. James Whale, britischer Filmemacher und späterer Schöpfer des Klassikers Der Unsichtbare, schuf sich und seinem Hauptdarsteller Boris Karloff 1931 ein ewiges Denkmal – einen beklemmenden Schwarzweiß-Grusel, der sich trotz seiner Unbeholfenheit, oder gerade deswegen, so unberechenbar gebärdet. Anders als in Tod Brownings Blutsauger-Klassiker Dracula mit Bela Lugosi weiß Whale zu erschrecken, indem er sein unschuldig zum Handkuss gekommenes Monster als tobsüchtiges Riesenbaby auf eine arrogante Gesellschaft loslässt. Lugosi als Dracula bleibt hingegen enttäuschend blutleer. Karloff trinkt zwar kein Blut, wirft aber unschuldige kleine Mädchen ins Wasser – die wohl verstörendste Szene des Filmes. In dieser Unschuld der jammernden, zeternden und dumben Kreatur steckt das ganze Grauen. Gequält und misshandelt, irrt das unbedarfte Wesen gefährlich fuchtelnd und staksend wie ein Zombie durch die Landschaft – so einer Kreatur will man nicht mal im Traum begegnen, und wirkt es auch noch so mitleiderregend. Denn böse ist das reanimierte Ungetüm ganz und gar nicht. Böse ist der Mensch, der es erschaffen, missbraucht und schlussendlich gejagt haben wird. Frankenstein´s Monster ist wie der Spiegel einer narzisstischen menschlichen Seele, das Bildnis des Dorian Gray oder das von Ungeziefer zerfressene Herz aus Wilhelm Hauff´s Märchen.

Laut Mary Shelley´s Vorlage, und auch in Kenneth Branaghs inszenierten Version mit Robert de Niro als das Monster, findet der dramatische Showdown im eisigen Norden statt, wobei der Wissenschaftler Dr. Frankenstein bis zum letzten Atemzug selbst gejagt wird. Vielleicht war das bittere Finale für das Kinopublikum der 30er Jahre kaum zuzumuten, daher ein Happy End für jene, die es eigentlich nicht verdient haben. Dass das Nichtmenschliche letzten Endes vernichtet wird, scheint niemanden weiter zu stören. Moral sucht man woanders. Denn alles, was nichtmenschlich ist, und noch dazu unberechenbar, kann das Schicksal ereilen, ohne dass die Ursache dafür hinterfragt werden muss. Aufgrund dieser Gesinnung erhält Frankenstein aus dem Jahre 1931 einen bitteren, betrüblichen, unreflektierten Nachgeschmack, der den modernen Menschen dadurch keineswegs sympathischer macht, ganz im Gegenteil. Sein Tun kennt keine Reue – zumindest glänzt sie in Whale´s Frankenstein durch Abwesenheit. Die Komplexität des Originals kann man gerne in Buchform nachlesen – der Film reduziert den Angriff auf den Ehrgeiz des menschlichen Fortschritts allerdings ohne vielen Erörterns auf einen Clash zwischen Monster und Mensch, der formal auf seine altmodische und naive Art fasziniert, das Bild der Kreatur für die spätere Popkultur prägt und für Themenabende voll schaurigen Retro-Horrors bestens geeignet ist.

 

Frankenstein (1931)