Evil Dead Rise (2023)

DIE VOLLKOMMENE DESTRUKTION DER MENSCHLICHEN PHYSIS

6,5/10


Lily Sullivan als Beth in Lee Cronin's Evil Dead Rise
© 2023 Warner Bros.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: LEE CRONIN

KAMERA: DAVE GARBETT

CAST: LILY SULLIVAN, ALYSSA SUTHERLAND, NELL FISHER, MORGAN DAVIES, GABRIELLE ECHOLS, JAYDEN DANIELS, MARK MITCHINSON, BILLY REYNOLDS-MCCARTHY, TAI WANO, ANNA-MAREE THOMAS U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN



Das wirklich Gruseligste an Lee Cronins Wiederbelebung von Sam Raimis bitterbösem Dämonenspuk ist nicht etwa das schauerliche Grinsen der von eben jenen transdimensionalen Destruktoren heimgesuchten und zweckentfremdeten Alyssa Sutherland, obwohl den Make Up-Künstlern hiermit eine Sternstunde ihrer Arbeit gelingt.

Wann das Grauen das limbische System kitzelt

Schon gar nicht sind das Gruseligste all die tödlichen Wunden, die einem ganzen Stockwerk an Hausparteien nacheinander zugefügt werden. Das Gruseligste wohnt einer Schallplatte unbekannten Titels inne, welche die Stimme eines Priesters aus dem Jahre 1923 ertönen lässt – und auch dann nur verständlich ist, wenn man mit dem Finger die Geschwindigkeit der sich drehenden Scheibe dementsprechend reguliert – wie ein Okkult-DJ, den die Neugier packt.

Diese Stimme, die Countenance bewahren muss, um der Nachwelt Bericht zu erstatten, die am Ende der dritten Pressung mit dem Nerven am Ende scheint und zugeben muss, das nichts, aber auch gar nichts das Böse wieder in seine Schranken weisen kann – bei diesem „Found Footage“ kann es zarteren Gemütern schon anders werden. Aber auch Gemütern, die längst nichts mehr dabei empfinden, wenn der Gorehound zubeisst, deren limbisches System aber die Angst kitzelt dank einer undeutbaren, unbekannten, seltsamen Bedrohlichkeit, die im Kontext antiquarischer Überbleibsel in blutdrucktreibender Gothic-Manier für angenehm-unangenehme Schauer sorgen, gefüttert und verstärkt durch Erinnerungen womöglich aus der Kindheit.

Nimm dir doch ein Buch!

Mit dieser Art und Weise des Umgangs mit den „Bösen Toten“, die noch dazu im Menschenhaut-Almanach des Necronomicon in feinsten, mit Rötelstift ausgearbeiteten Illustrationen zum begehrten Sammlerobjekt werden, will sich Lee Cronin (Lee Cronin’s The Mummy) aber nicht länger aufhalten. Obwohl gerade dieser Aspekt das Interessanteste gewesen wäre.

Doch ergründen wollte Sam Raimi seine chaosstiftenden Entitäten aus der Höllendimension schon damals nicht. Buch und Beschwörung reichen zu genau jenem Zweck, diesen ganz speziellen und unzimperlich-deftigen Horror-Workshop zu eröffnen, für den Fingerspitzengefühl ein Fremdwort ist und wo das Eingemachte, an das es gehen soll, zum launig vertilgbaren Überschuss wird.

Das Böse kommt in die Stadt

Von der „Cabin in the Woods“, dessen vermeintliches Geheimnis Drew Goddard in seiner satirischen Hommage desselben Titels ans Licht brachte, reist dasschreckensgeeichte Publikum einen Tag zurück in urbane Gefilde, in ein heruntergekommenes Mietshaus in Los Angeles, in dem Ellie (furchteinflößend: Alyssa Sutherland) mit ihren drei Kindern lebt, und die auch an diesem alles verändernden Abend Besuch von ihrer im Chaos dahinlebenden Schwester Beth bekommt.

Anscheinend muss das Böse erst an die Tür klopfen, damit einem selbst die eigenen Qualitäten bewusst werden. Beth nimmt also die Rolle des Kettensägen schwingenden Ash ein – damals Bruce Campbell: mit strahlendem Intellekt, der nötigen Portion Überlebenswillen und gutem Magen.

Die neue „Ash“?

Zu viel um die eigene Familie trauern darf man dabei nicht, das Leben – oder Überleben – geht weiter. Und so erwehrt sich Lily Sullivan, die absolut das Zeug dafür hat, in diesem Franchise immer wieder mal als Heroine aufzutauchen, die weiß, wo es langgeht, der ungebändigten Lust am Vernichten, die von ungesund aussehenden, ehemals Vertrauten ausgeht.

Zeter und Mordio 

Dabei wird Evil Dead Rise nach ungefähr einer halben Stunde zum munter drauflos metzelnden, ausgeprägt mechanischen Kraftakt, der die Physis menschlicher Körper bis zur Vollkommenheit kaputtmacht. Ein Film also, der die Zerstörung feiert, die Häme und den ganzen Shitstorm, der in den Sozialen Medien immerwährend wütet, der aber diesmal über die Lippen von Leuten kommt, bei denen man es nie für möglich gehalten hätte, das sie so etwas sagen würden.

Cronin weiß – er darf beim „Tanz der Teufel“ nur nicht zipoenters The Thing genauso inspirieren wie von Stanley Kubricks Shining, dazwischen isoliert er seinen monströsen Schauplatz wie in Stirb Langsam von der Außenwelt.

Zwischen den Zahnrädern

Evil Dead Rise macht vorallem technisch vieles richtig, doch was der Reißer nicht schafft, ist, Emotionen zu erzeugen. Als liefe Chaplin in Modern Times Gefahr, zwischen den Zahnrädern einer monströsen Maschine zermalmt zu werden, muss Lily Sullivan und jene, die es zumindest bis zur Halbzeit des Films geschafft haben, nicht besessen zu werden, zusehen, dass ihnen dieses Schicksal ebenfalls nicht blüht.

Krawall-Horror ohne Zwischentöne

Alle anderen werden verwurstet, in apokalyptischen Bildern, die den Nihilismus eines H. P. Lovecraft atmen, ihre Wirkung zwar nicht verfehlen, aber das bleiben, was sie sind: Eine entfesselte Wut-Orgie, in sprudelnd-schäumendes Rot getaucht, mit kreativen Ideen, die aber mit Suspense wenig anfangen kann, dafür aber kurios genug ist, um Zwischentöne gar nicht erst zu vermissen.

Evil Dead Rise ist Krawall, der alles, was in seine Finger gerät, instrumentalisiert. Das ist harte Kost, und doch von einem anpassungsfähigen Pragmatismus geprägt, der die Geschehnisse betrachtet, als wären sie eine spektakuläre Naturkatastrophe oder eine maschinelle Dysfunktion, die einen selbst (zum Glück) nicht betrifft.

Evil Dead Rise (2023)

Obsession – Du sollst mich lieben (2025)

DAS DÄMONISCHE IN SONGS WIE EVERLASTING LOVE

8/10


Inde Navarrette und Michael Johnston in Curry Bakers Horrorfilm Obsession© 2026 Focus Features LLC


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: CURRY BARKER

KAMERA: TAYLOR CLEMONS

CAST: MICHAEL JOHNSTON, INDE NAVARRETTE, COOPER TOMLINSON, MEGAN LAWLESS, ANDY RICHTER, HALEY FITZGERALD U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Sind Männer mal verliebt, bleibt diese Liebe oftmals unerwidert. Vielleicht, weil so manchen Männern der Mut fehlt, ihrem Gegenüber ihr Herz zu öffnen – aus Angst vor Ablehnung. Zugegeben, die Medaille lässt sich auch umdrehen. Dieses Unterfangen, jemandem seine oder ihre Liebe zu gestehen – damit setzt man sich ungeschützt einer Reaktion aus, die sich jeglicher Kontrolle entzieht.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Doch damit fängt die Liebe an – oder auch nicht. Zumindest lässt sich danach immer schon erhoffte Zweisamkeit leben, oder endlich ein Neuanfang starten, ganz woanders hin. Und dann gibt es die, die nicht akzeptieren wollen, dass, egal wie man es dreht und wendet, das Schicksal nicht manipuliert werden kann, und sind es auch noch so viele Liebesbriefe, Bekundungen und Gesänge unterm Balkon wie bei Romeo und seiner Julia. Die beiden hatten zumindest das Glück, dass sie sich sicher sein konnten, füreinander bestimmt zu sein, wenn schon nicht der Rest der ganzen Sippschaft damit einverstanden war.

Du gehörst zu mir wie dein Name an der Tür

Die Freiheit, in Liebesdingen zu wählen, wie man möchte, ist mancherorts auf dieser Welt immer noch nicht selbstverständlich. Hat man sie, ist das fast schon ein Privileg. Und gilt auch für die Freiheit, Nein sagen zu dürfen. Ein Problem? Nicht mit dem nötigen Zauber. Love Potion No. 9 fällt mir hier ein. Das Elixier der Liebe, mit dem Sandra Bullock 1992 im gleichnamigen Film ihrer Karriere Auftrieb verlieh. Damals war das noch entzückend, mitanzusehen, wie Zuneigungen und Gefühle erzwungen werden. Auch in der Serie Buffy, Staffel 2, Folge 16, kommt der beziehungstechnisch noch recht unbeholfene Xander (Nicholas Brendon) in den Genuss der Unwiderstehlichkeit für das weibliche Geschlecht – was schnell bedrohlich wird.

Mit diesem Schrecken der Obsession gelingt auch spielend einfach die Überleitung zu Curry Barker und seinem neuem Schocker Obsession – Du sollst mich lieben. Wobei hier der Imperativ für beide Seiten gilt. Von der zur Hingabe gezwungenen, magisch veränderten Nikki – oder vom sehnsüchtig und hoffnungslos verliebten Bear (Michael Johnston), der als enorm introvertierter und in Lebenserfahrungen völlig unbeschriebener Underdog nichts lieber hätte als eine Beziehung mit seiner besten Freundin.

I’D Do Anything for Love

Da fällt ihm gerade zur rechten Zeit ein ominöser Gegenstand in die Hände – der Zweig einer magischen Weide, der einen Wunsch erfüllt, wenn man diesen bricht. Und so passiert es dann tatsächlich, obwohl es keiner für möglich hält: Nikki verliebt sich in Bear. Bear kann es kaum glauben, ist aber anfangs auch ganz entzückt – bis die Verliebtheit zur bedingungslosen Liebe und von dieser zum absoluten Wahnsinn mutiert, und dabei so monströse Ausmaße annimmt, die so pointiert serviert werden, dass es einem ab und an aus dem Sitz hebt.

Dabei schließt sich Curry Barker, ebenfalls Youtuber ähnlich wie die Gebrüder Philippou, die mit Filmen wie Talk to Me und Bring Her Back den Horrorfilm auf erfrischende Weise rundumerneuerten, diesem kompromisslosen Trend des intellektuellen Genrekinos an und treibt dabei ein längst bekanntes Thema – nämlich Liebe, Obsession und Eifersucht – nicht nochmal durchs Dorf, sondern krempelt das Topic einfach um.

What is Love – Baby Don’t Hurt Me

Aus einem Liebesthriller wird der gespenstische Albtraum eines jeden Incel, der vor dem Erhofften in Wahrheit aber panische Angst hat. Curry Barker hat dabei so manche Vorbilder eingehend studiert, er weiß genau, wie was am besten funktioniert, um das Unheimliche aus dem Genre der Romanze zu ziehen: die Panik vor dem Valentinstag, vor dem Verlust der individuellen Freiheit, vor dem Quantum an Liebe, die man vielleicht stärker empfindet als der oder die andere.

Mit diesen Ungleichgewichten in einer Beziehung und dem von der Gesellschaft erforderten Soll, was Liebe ausmachen muss, kann Barker arbeiten. Und stellt mit Inde Navarette eine Newcomerin in den Mittelpunkt des Geschehens, die längst bekannte Kolleginnen mühelos an die Wand spielt. Ihre Performance ist so kraftvoll und furchteinflößend, da kann Natalie Grace als besessene Mumie aus Lee Cronin’s The Mummy nur klein beigeben.

Can’t Take My Eyes Off You

Der Horror, der von Nikki ausgeht, ist zumindest augenscheinlich kein Dämon, sondern potenziertes emotionales Verhalten. Dabei zieht Barker vor allem technisch alle Register, was Sound, unnatürliche Bewegungen und vor allem die Lichtsetzung betrifft. Mit Licht kennt er sich aus, das Licht ist neben Navarrettes genialem Spiel die zweite Monstrosität. Ganz besonders weiß er, wie es wirkt, wenn Gesichter im Gegenlicht betrachtet werden; wenn es dabei nicht nur die Silhouette ist, die man sieht, sondern im fahlen Restlicht diffuse Züge, die in unserer Fantasie gerne mal entgleisen. Letztlich spiegelt sich in einer Szene nur das Licht aus dem Zimmer, das wir nicht sehen, in den dunklen Augen Navarrettes – Gänsehaut pur.

Against All Odds

Zwischen diesen gezielt gesetzten, raffinierten Details wendet sich Barker auch vom klassischen Narrativ ab, beschützt letztlich keine seiner Figuren und will auch nichts erklären. Warum auch – dieser Vorhersehbarkeit will sich Obsession – Du sollt mich lieben einfach nicht anbiedern. Damit beweist er, dass vielleicht schon längst durchgekaut scheinende Themen mit dem nötigen Quäntchen an Selbstvertrauen variiert werden und dadurch komplett neu wirken können. Weg vom Erprobten, rein ins Ungewisse. Ganz ohne Beziehungsangst. Oder eben mit.

Obsession – Du sollst mich lieben (2025)

Primate (2025)

DEM HERRENTIER HERR WERDEN

5,5/10


© 2026 PARAMOUNT PICTURES. ALL RIGHTS RESERVED / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JOHANNES ROBERTS

DREHBUCH: JOHANNES ROBERTS, ERNEST RIERA

KAMERA: STEPHEN MURPHY

CAST: JOHNNY SEQUOYAH, TROY KOTSUR, JESSICA ALEXANDER, VICTORIA WYANT, BENJAMIN CHENG, GIA HUNTER, MIGUEL TORRES UMBA, CHARLIE MANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN



Was Schimpansen-Expertin Jane Goodall zu Primate wohl sagen würde? Sie würde sagen: Film ist Film, Realität ist Realität, beides muss man wohl streng auseinanderhalten. Denn was der Tierhorror aus primatologischer Sicht an schockierenden Schauwerten liefert, lässt Zoologen und Verhaltensforscher die Haare raufen. Menschenaffen, die mit Tollwut infiziert sind: was werden sie wohl tun? Im Grunde zeigen sie ganz ähnliche Symptome wie der Mensch, schon allein deshalb, weil die DNA beider Primatenarten (ja, das sind wir, wir zählen zoologisch gesehen immer noch zu den Primaten) zu mehr als 90% identisch ist. Bekanntestes Symptom bei Infektion mit dem Tollwut-Virus: Aggression, Wut, Reizbarkeit – all das. Doch selten geplantes, bösartiges Verhalten. Ben, der Affe, tut aber, als wäre er von einem Dämon besessen. Es stellt sich somit gar nicht mehr die Frage, wie würde sich ein Schimpanse wirklich verhalten – und schon gar nicht die Frage, wie würden sich seine kognitiv versierteren Verwandten verhalten, die diesem Affen ausgesetzt sind, der natürlich an dieser Krankheit sichtlich leiden muss?

Der Affe im gemachten Nest

In Primate unterliegt logischerweise alles dem Konzept des expliziten Slashers, der alle erdenklichen Parameter abliefert, die notwendig sind, um eine scheinbar ausweglose Situation zu erzeugen. Überraschend ist das nicht, und vielleicht will man sich ja auch als Horror-Affiner gerne in ein gemachtes Nest setzen, umgeben von vertrauten Versatzstücken, um mit Schadenfreude, Ekel und Schreckstarre in den Gliedern einem eskalierenden Szenario zu folgen, dass gleich zu Beginn eine aus dem Kontext der späteren Handlung gerissene Szene als Prolog zitiert. Das wirkt etwas undurchdacht, doch wie auch immer: Roberts hat große Lust, uns den Horror auf nüchternem Magen zu servieren, damit jeder weiß, wie sehr es später zur Sache geht. Will heißen: Wo auf einer Gewaltskala von eins bis zehn Primate seinen wie vom wilden Affen gebissenen Affen randalieren lässt. Die paar Mädels und Jungs, knapp beschürzt und natürlich kein bisschen ahnend, welche Nacht des Grauens sie wohl alle erleben werden, hat Johannes Roberts auch nicht gerade neu charakterisiert. Mal sehen, wie souverän der Macher vom Taucherhorror 47 Meters Down und 47 Meters Down: Uncaged den recht trivialen Plot auf Spur bringt.

Intelligenzbestien und menschliche Leuchten

In den Achtzigerjahren trieb ein Film mit dem Titel Link, der Butler vor allem in den Videotheken sein Unwesen. Synopsis des Thrillers: In diesem Fall randaliert – oder besser gesagt – erwehrt sich ein Orang-Utan im Hause eines Primatologen mit allen ihm zur Verfügung stehenden tödlichen Mitteln der Euthanasie. Tierhorror der alten, natürlich billigen Schule, obgleich mit Elisabeth Shue und Terence Stamp. Für den neuen Affenhorror verpflichtet sich der gehörlose CODA-Star Troy Kotsur als des Schimpansen Vertrauter, der, leider auf Geschäftsreise, besagter Handvoll Jugendlicher das abgelegene Luxusanwesen zwecks Sommerparty überlässt. Soweit aber kommet es hat nicht, stört doch der mit Tollwut infizierte Ben die Nachtruhe, um gezielt Terror und Tod zu verbreiten. So viel Verständnis kann man für die Erkrankung des Herrentieres gar nicht aufbringen, um dem blutrünstigen Berserker seine bewusst ausgeführten Verfehlungen nicht übelzunehmen. Das Tier wird so zum Monster, infolgedessen beantwortet man, was zu erwarten war, die Frage nach adäquatem Verhalten einer Handvoll Homo sapiens im Publikum wohl etwas anders als im Film. Es ist so wie bei der Millionenshow: Daheim ist man immer klüger, mittendrin wohl unterliegt die planende Intelligenz wohl jener des Schimpansen, was die felllosen, knapp beschürzten und im Pool vor sich hin winselnden Zweibeiner nicht gerade als Vorzeigeexemplare unserer Spezies ausersieht.

Hals- und Kieferbruch!

Film ist Film, könnte hier wieder Jane Goodall meinen. Schon in Ordnung, sehen wir uns einfach an, wie nun einer nach dem anderen über des Affen Klinge springt. Und da will Roberts die FSK-Freigabe ohne mit der Wimper zu zücken in den Rotbereich befördern. Wie Ben seine Opfer im wahrsten Sinne des Wortes mitunter auseinandernimmt, ist, als würde Evil Dead wiedermal risen. Der sabbernde Schimpanse hat den diabolisch grinsenden Finsterblick dermaßen gut drauf, da kann einem schon anders werden. Wie in der Prologszene von Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum ereifert sich der brachiale Tierkiller, um ordentlich einzudreschen. Zugegeben, das ist astrein gefilmt, ordentlich explizit und auch der Affe selbst überzeugt in so gut wie jeder Szene.

Viel Neues fällt Roberts aber auch nicht ein, ganz bewusst hält er an Bewährtem fest, womöglich, weil alte Besen eben gut kehren und das Genre-Publikum vorzugsweise in der Sektion gefährliche Tierarten gar nichts anderes will, als das Bewährte. Viel Spielraum scheint es dabei nicht zu geben. Wobei: Man müsste sich nur Dangerous Animals ansehen. Der Genremix aus Tierhorror mit klassischem Serienkillerthriller ist als Rechnung verhaltensauffällig gut aufgegangen.

Primate (2025)

Black Phone 2 (2025)

KEIN ANSCHISS UNTER DIESER NUMMER

5/10


© 2025 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: SCOTT DERRICKSON

DREHBUCH: SCOTT DERRICKSON, C. ROBERT CARGILL, NACH DER KURZGESCHICHTE VON JOE HILL

KAMERA: PÄR M. EKBERG

CAST: MADELEINE MCGRAW, MASON THAMES, ETHAN HAWKE, JEREMY DAVIES, MIGUEL CAZAREZ MORA, DEMIÁN BICHIR, ARIANNA RIVAS, MAEV BEATY, ANNA LORE U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN



Was war Scott Derricksons paranormaler Serienkillerthriller nicht für ein akkurater Filmleckerbissen, dahingleitend auf der Mystery-Schiene des Horror-Genres: Ein schwarzes Telefon im Keller eines Psychopathen, das, längst nicht mehr ans Netz angeschlossen, schauderhaft oft die Nerven des entführten Mason Thames kitzelt. Speziell in einem Punkt macht The Black Phone die erfrischende Wende: Nicht die Geister sind es diesmal, die die Lebenden quälen. Sie unterstützen diese, um der Bestie Mensch das Handwerk zu legen. Der von Thames verkörperte Finn ist der letzte einer ganzen Reihe ermordeter Kinder, die noch gar nicht wissen, dass sie überhaupt gestorben sind. Als spukhafte Vision manifestieren sie sich vor den Augen des Entführten und in den Visionen von dessen Schwester, die, daheim um ihren Bruder bangend, als Medium Hinweise genug erhält, um den Ort des Verbrechens letztlich ausfindig zu machen. Derricksons geradliniger Nägelbeisser besitzt ganz schön viel Atmosphäre, hat eine originelle Optik und das Herz am rechten Fleck. Zwar gerät die Sache ganz schon düster, doch letztlich ist The Black Phone zwar kein Feel Good-Horror, aber immerhin ein Feel-Better, je mehr sich die Dinge zuspitzen. Der verzweifelte Kampf Kind gegen Killer, der noch dazu eine so schaurige Maske trägt, weil sich die Mimik darauf auf geheimnisvolle Weise ändert, lässt sich wohl kaum eins zu eins auf ein Sequel übertragen, ohne dass sich dieses den Vorwurf gefallen lassen muss, einfach nur das Erfolgsrezept des Erstlings zu kopieren.

Ist so kalt der Winter

Eben da muss etwas Neues her. Oder eben etwas Altes, neu aufgegossen. Wie zum Beispiel die Idee von einem Psychopathen, der es geschafft hat, den Tod zu überwinden, um in den Träumen anderer aufzutauchen. Natürlich drängt sich da Nightmare – Mörderische Träume mit Antagonist Freddy Krüger auf, der sich mit gesottenem Gesicht, rotgrün gestreiftem Pulli und Klingenfingern durch die Träume argloser Teenies metzelt. Gut kopiert wird fast schon zum Original? In Black Phone 2 kehrt Ethan Hawke wieder zurück, doch anders als Freddy hat der Greifer nur dann freie Fahrt, wenn das Opfer den sechsten Sinn hat. In diesem Fall steht die Schwester des aus Teil eins entführten Finn im Mittelpunkt. Visionen von übel zugerichteten Kindern, die  Jungschauspielerin Madeleine McGraw in ein tief verschneites Wintercamp nach Colorado locken, machen bald deutlich, dass der totgeglaubte „Greifer“ noch lange keine Ruhe findet. Und seit Shining wissen wir: Die Isolation eines Ortes durch Schnee und Eis, diese für einen Thriller dramaturgisch eingegrenzte Spielfläche, auf der nur wenige Parameter über Sieg und Niederlage entscheiden, funktioniert als wohlige Zutat fast schon unter Garantie. Umso bedauerlicher, wenn die Story, die sich in dieses Setting zwängen will, plötzlich deutlich zu viel will.

Albträume in Super 8

Was an Black Phone 2 in Erinnerung bleibt, ist der Sound. Wenn Madeleine McGraw träumt, kippt die Geräuschkulisse in ein unheimliches Rauschen, Knistern und Knacken, der Bildstil gefällt sich als einer, den man von den Super 8-Filmen aus der Frühzeit des Home-Videos kennt. Schaurig ist das ausiovisuelle Experimentieren allemal, wenngleich Verpackung nicht alles ist. Um anders zu sein als das Original, erfinden Derrickson und  C. Robert Cargill ein bemühtes, komplexes Szenario und ziehen dabei die ganze Familie der Protagonisten mit hinein – inklusive Vergangenheitsbewältigung und jeder Menge Cold Case-Fälle, die der Reihe nach auftauen. Der gemeinsame Nenner von allem ist besagter Greifer, der plötzlich mehr ist, als er jemals war. Eine Figur wie diese braucht aber keine Biografie, sie nimmt ihr so manches Mysterium. Das Grauen, das in The Black Phone noch nach dem Zufallsprinzip zuschlägt, erhält in seiner Fortsetzung zu viel an Vorbestimmung und kollektiver Bewältigungspflicht, zu viel des Phantastischen und eine aufgesetzte Mystery, die nicht nur unter der Anstrengung leidet, den direkten Erzählfluss des Vorgängers beizubehalten, sondern sich selbst im Streben nach Originalität deutlich verkopft und verkonstruiert. Da helfen auch immer wieder die gleichen Visionen aus Blut und entstellten Gesichtern nichts, auch nicht Hawkes üppige Zombie-Visage. All das ist nur noch Brimborium mit zu vielen Charakteren, die alle wichtig sein und dem genre-eigenen Credo „Keep it simple“ nicht zuhören wollen. Was bleibt, ist der kämpferische Drang des Guten, dem Bösen die Leviten zu lesen. Die gesunde Wut auf den „Greifer“ ist nach wie vor befreiend – der Rest engt sich zu sehr selbst ein.

Black Phone 2 (2025)

Good Boy (2025)

BESTER FREUND MIT SECHSTEM SINN

7/10


© 2025 Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BEN LEONBERG

DREHBUCH: BEN LEONBERG, ALEX CANNON

KAMERA: WADE GREBNOEL

CAST: INDY, SHANE JENSEN, LARRY FRESSENDEN, ARIELLE FRIEDMAN, STUART RUDIN, ANYA KRAWCHECK U. A.

LÄNGE: 1 STD 12 MIN


Der Horror ist längst auf den Hund gekommen. Stephen Kings Cujo ist kein schlechtes Beispiel. Oder Underdog, die Dystopie des Ungarn Kornél Mundruczó, wohl eher eine gesellschafsphilosophische Zukunftsvision als blutiges Gemetzel. Der Hund ist dabei stets der Antagonist, der Aggressor, die sprintende Gefahr. Nicht so in dieser kleinen, feinen, höchst innovativen Hommage an alle Vierbeiner mit Köpfchen, die selten bellen, viel lieber zuhören und ihrem Lebensmenschen bis überallhin folgen, auch durch die Hölle, auch durch die schwierigsten Lebenslagen, die viel zu früh mit dem Tod enden. Dabei wird der Begriff des Tierhorrors gänzlich anders betrachtet.

Auf Augenhöhe mit dem Tier

Hunde sind tatsächlich die besten Freunde, das weiß auch Ben Leonberg, als er sich dazu entschlossen hat, seinem eigenen Hund Indy, einem Nova Scotia Duck Tolling Retriever, seinen ganz eigenen Film zu schenken und ihn darin zum Schauspieler zu befördern. Hundefilme mit vierbeinigen Helden gibt es zur Genüge, die muss ich hier gar nicht aufzählen, Lassie drängt sich da am stärksten auf. Doch auch diese Helden sind nicht vergleichbar mit diesem hier, mit diesem gewieften, empathischen Tier, dass die menschliche Spezies außen vorlässt. Wie das gemeint ist? Nehmen wir die Cartoons über Tom & Jerry her. Erzählt werden diese Episoden ausschließlich auf Höhe der Tiere, der Mensch ist maximal ein zeterndes Etwas, sichtbar nur bis zum Torso, der Blickwinkel ist jener der knuffig-frechen Katzen, Hunde und Mäuse, kein Zweibeiner soll ihnen die Show stehlen. So ist auch hier die Sicht des Hundes die Kerninnovation dieser atmosphärischen Besonderheit, während die Gesichter der Menschen, wenn überhaupt mal zu sehen, dann nur indirekt oder im Dunkeln bleiben.

Sehen, was der Mensch nicht sieht

In Good Boy (nicht zu verwechseln mit dem Psychohorror Good Boy aus 2022, indem es zwar auch um Hunde geht, aber auf eine destruktive, höchst menschliche Art) ist Indy ist hier nicht nur ein sympathischer Sidekick, sondern ihm gehört der Film, voll und ganz. Stolz präsentiert der knuffige Hauptdarsteller eine erstaunliche Palette an Mimiken, und wie selten bis noch gar nicht in dieser Konstellation jemals zu sehen gewesen kommt das Grauen hier, empfänglich für den sechsten Sinn eines Tieres wie dieses, auf leisen, schaurigen Sohlen herbei.

Das Unheimliche liegt vor allem darin, dass Indy anfangs ganz dezenten, aber unwohlig unnatürlichen Umtrieben gewahr wird – bizarren Geräuschen, dunklen Schatten, einer körperlosen Präsenz. Die neugierigen wie skeptischen Blicke des Tieres sprechen Bände, mehr noch als die schattenhaften Gestalten, die es vielleicht gar nicht gebraucht hätte, die aber wohldosiert eine Furcht im Nacken erzeugen, so unerklärlich, wie sie sind. Indys Mensch nimmt das ganze gar nicht wahr, ist schließlich todkrank, spuckt Blut, hustet und keucht vor sich hin. Was er allein mit seinem Hund im Hause seines Großvaters macht, in dem es, wie die Familie längst weiß, nicht mit rechten Dingen zugeht? Nach einem Spitalsaufenthalt will sich Todd auskurieren. Wie das gehen soll, bei all dieser dunklen Geschichte? Den Opa hat das Haus in den Abgrund getrieben, sein Hund, ebenfalls ein Retriever derselben Rasse wie Indy, verschwand auf unerklärliche Weise. Allein in der Wildnis, bei kaltem Regenwetter und düsteren Vorahnungen, ist der „gute Junge“ auf sich allein gestellt, um das Geheimnis hinter dem Grusel zwar nicht zu lüften, seinen Lebensmensch aber vor dem Schicksal zu bewahren.

Wir Menschen wollen den Horror, das Unerklärliche stets lüften. Ein Hund will das nicht, geht es ihm doch nur um das Wohl seines Begleiters, den es zu schützen gilt. Good Boy bleibt daher angenehm rätselhaft und völlig diffus, surreale Albträume von Indy selbst streuen effektive Jumpscares, im Grunde aber bleibt die Tonalität eine subtile, morbide, durch das treffsichere Spiel des Tieres so wärmend wie bedingungslose Treue.

Good Boy (2025)

Bring Her Back (2025)

STÖRE MEINE KREISE NICHT

7/10


© 2025 Sony Pictures / A24


LAND / JAHR: AUSTRALIEN, USA 2025

REGIE: DANNY & MICHAEL PHILIPPOU

DREHBUCH: DANNY PHILIPPOU, BILL HINZMAN

KAMERA: ARON MCLISKY

CAST: SALLY HAWKINS, BILLY BARRATT, SORA WONG, JONAH WREN PHILLIPS, SALLY-ANNE UPTON, MISCHA HEYWOOD, STEPHEN PHILLIPS U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Danny und Michael Philippou, bekanntgeworden auf Youtube unter dem Label RackaRacka, können es abermals nicht lassen, die menschliche Seele nach dem Tod ins Diesseits zu bemühen. Sowas hat man früher gern gemacht, mit Séancen, hierzulande als „Tischerlrücken“ bekannt. Die beiden sind nicht etwa interessiert, zu wissen, was nach dem Ableben noch auf uns zukommt; wie das Sterben selbst sich anfühlt. Das ist eine Dimension, diese zu erforschen überlassen sie gerne anderen Leuten. Was die Philippous wollen, ist, die gestorbene Identität, sofern es denn noch eine gäbe, wieder in die uns eigene Realität zurückzuholen. Die Neugier, ob dies gelänge, siegt über die Achtung der Totenruhe, heiligt aber dennoch die Mittel zum Zweck, um ganz deutlich zu signalisieren, dass man an diesen Tabus nicht rütteln soll.

Dem Tod ins Handwerk pfuschen

In Talk to Me, ihrem Regiedebüt, das erfrischend kreativ und demnach auch mit entsprechender Härte an den Horror herangeht, dient ein okkultes Artefakt, in diesem Fall eine mumifizierte Hand, als Sprachrohr für tote Seelen. Dafür schlüpfen sie in den Körper eines lebenden Individuums, um sich zu artikulieren. Solche Spielereien haben natürlich einen Pferdefuß, das ganze geht schief, der Schrecken bricht sich Bahn. Interessant dabei: Hier haben wir es nicht mit bösen Dämonen, dem Teufel oder anderen finsteren Gesellen aus der Hölle zu tun, die uns wie in Conjuring einfach nur quälen wollen. Bei den Philippous sind die Toten die Toten, und sie benehmen sich auch wie solche – abgekoppelt und dahintreibend in eine andere Welt, von der sie nicht wissen, was sie verspricht, weil das Licht sie angeblich noch nicht erreicht hat, und die daher eine brennende Sehnsucht danach verspüren, wieder in ihr altes Leben zurückzugelangen. Ganz normale Behaviours für Verstorbene, in Versuchung geführt von jenen, die sie eigentlich nichts mehr angehen. Auch in Bring Her Back sind okkulte Praktiken relativ funktionabel – in der paranormalen Welt der Philippous ist das Know-How zur Überbrückung der Dimensionen längst praxiserprobt.

Das Thema der Selbstverletzung

Was es dazu noch braucht, ist Trauer. Bittere, unheilbare, irreversible Trauer, die keinen Trost findet, es sei denn, wie der Titel schon sagt: die Verstorbene kehrt zurück. Bis zum Hals in diesem Nährboden der Erschütterung steckt Sally Hawkins als überbordend liebevolle Pflegemutter, welche die beiden elternlosen Geschwister Piper und Andy bei sich aufnimmt. Überrumpelt von all der Gastfreundschaft, wundern sich beide vorerst nur wenig ob des seltsamen Verhaltens ihres Patchwork-Bruders Ollie, der sichtlich Schwierigkeiten hat, zu kommunizieren und generell recht apathisch wirkt. Der Zuseher weiß aber längst, dass der Grund dafür in der Pervertierung von Naturgesetzen liegt, die selbst dem Paranormalen inhärent sind. Diese zu verbiegen oder gar zu brechen, davor mahnt Bring Her Back mit expliziten Bildern, die weniger versierten und geübten Horrorkinogängern durchaus aufs Gemüt schlagen könnten, ist der Bodyhorror hier doch absolut State of the Art und das Realistischste, was man seit Langem zu sehen bekam. Auffallend ist dabei, dass die Philippous schon bei ihrem Vorgänger ihren Horror in der manischen Selbstverletzung orten, ein Thema, das andere Horror-Franchises lediglich als Selbstzweck auf die Spitze treiben. Apropos: Wären diese Gewaltspitzen nicht, wäre die enorm düstere Tragödie in seiner Tonalität mühelos gleichzusetzen mit Nicholas Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen. Nur der Spuk hält sich in Grenzen, der lässt sich, anders als in Talk to Me, diesmal nur erahnen. Viel eher brilliert die sowieso immer famose Sally Hawkins, diesmal völlig gegen ihr Image gebürstet, in einem Psychothriller, der die Klaviatur des Suspense mit variierender Wucht nachzuspielen weiß.

Regenschwerer Psychothriller

Viel schlimmer als das Okkulte wiegt dann doch die Dreistigkeit der Manipulation und der Intrige, in der die Figur des fast achtzehnjährigen Bruders Andy (Billy Barratt) immer mehr versinkt. Vermengt mit der wahrlich erschreckenden Performance des jungen Jonah Wren Phillips ergibt das einen zwar weitaus geradlinigeren und weniger komplexeren Film als Talk to Me, dafür aber lücken- wie atemloses Schauspielkino unter nicht nur emotionalem Dauerregen. Der ideale Film also für den Übergang von Halloween zu Allerheiligen – keine leichte Kost, gnadenlos morbid, andererseits aber unerwartet emotional, melancholisch und am Ende ungemein poetisch, als hätte Del Toro (The Shape of Water mit Sally Hawkins) letztlich noch seine Finger mit im Spiel.

Bring Her Back (2025)

Roqia (2025)

DIE DÄMONOLOGIE DES KRIEGES

5/10


© 2025 19 Mulholland Drive


LAND / JAHR: ALGERIEN, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: YANIS KOUSSIM

KAMERA: JEAN-MARIE DELORME

CAST: ALI NAMOUS, AKRAM DJEGHIM, MOSTEFA DJADJAM, HANAA MANSOUR U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Es gibt eine Menge Filme, die außerhalb ihrer Festivalblase und vielleicht außerhalb jener Länder, in denen sie gedreht wurden, so gut wie gar nicht existent sind. Kaum jemand, der nicht in den Medien darüber nachlesen kann, wird Filme wie diese am Schirm haben. Selten im Kino ausgestrahlt, verschwinden sie später, wenn überhaupt, auf Streamingplattformen oder es gibt sie in den letzten wohlsortierten Videotheken für Cineasten, sofern sich manche die Mühe machen, das Werk auf Datenträger zu brennen. Folgendem Film könnte ein ähnliches Schicksal blühen. Roqia, ein algerisches allegorisches Mysterydrama, mag sich zwar im Genre des paranormalen Horrorfilms verorten – ein breiteres Publikum, so mein Eindruck, wird das sehr persönliche Werk von Yanis Koussim aber dennoch nicht ansprechen. Weil zu bedeutungsschwer und introvertiert, fehlt zumindest mir der Zugang.

Was wissen wir über Algerien?

Bei Roqia – ein arabischer Begriff, der so viel wie Exorzismus bedeutet – kann man sich gerne auf ein Thema einlassen, das zumindest in Zentraleuropa (ausgenommen Frankreich, historisch bedingt) wohl kaum jemand auf dem Schirm gehabt hat, sofern hier nicht politische Bildung über Nordafrika die oberste Agenda im täglichen Dasein dargestellt hätte.

In diesem Fall endet die Kenntnis der blutigen Jahre in Algerien nicht damit, dass sich diese auf den Krieg der 50er und 60er Jahre beziehen, sondern auf ein viel jüngeres Datum verweisen: Auf den militärischen Putsch in den 90er Jahren, der Annullierung der Wahlen und einer finsteren, gewalttätigen Dekade der Destruktion. Regisseur Yanis Koussim hat dabei so persönliche wie schmerzliche Erinnerungen an verstörende Jugendjahre in einen deprimierenden Film gepackt, der wohl nicht den Modus vivendi für ein bizarr-schräges Festival wie das des Slash vorprogrammiert, sondern wohl eher die Ausnahme bildet. Roqia ist die einem semidokumentarischen Realismus verhaftete, fatale Erzählung von einem muslimischen Exorzisten und seinem Gehilfen, die beide wohl feststellen müssen, dass das Böse einem körperlosen Dämonen gleich sein Unwesen treibt, nach Jahrzehnten eines brüchigen Friedens. Um die Saat der Gewalt neu auszubringen.

Währet den Anfängen

Sich windende Körper, hässliches Grinsen und spärlich beleuchtete Handkamerafahrten sind Zutaten von gefühlt jedem Dämonengrusler, egal auf welchen lokalen Ursprung sie verweisen. Nur diesmal wettert kein katholischer Exorzist mit Kreuz, Weihwasser und Bibel gegen den teuflischen Unruhestifter, sondern ein Geistlicher des Islam, der lediglich mit dem Koran in die paranormale Schlacht zieht. Roqia schlägt dabei die Brücke zwischen dem Damals und dem Heute – Währet den Anfängen heisst es aus politischer Sicht auch hier, und ja, Youssims Film ist reine Allegorie, ist die Angst auf eine Wiederkehr schrecklicher Umstände. Deshalb teilt der Filmemacher seine Betrachtung auch auf zwei Zeitebenen auf – die eine findet kurz vor Ausbruch des Militärputsches in den Neunzigern statt, die andere spielt in der Gegenwart.

Mit diesen Überlegungen und zur Bannung kollektiver Traumata instrumentalisierten Versatzstücken des Horrors entwirft Youssim finstere Aus- und Rückblicke, die allzu introvertiert und unter Vorsicht, den Teufel nicht allzu deutlich an die Wand zu malen, wohl weniger aufrütteln, sondern eher behäbig einen Ausweg aus einer gewissen verplauderten Eigendynamik suchen. So richtig intensiv wird Roqia erst im erschütternd radikalen Finale, das beide Zeitebenen zusammenbringt – bis dahin lässt sich Youssim zu viel Zeit, um aus seiner Resignation zu erwachen.

Roqia (2025)

Conjuring 4: Das letzte Kapitel (2025)

THE REAL GHOSTBUSTERS

7/10


© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved


ORIGINALTITEL: THE CONJURING: LAST RITES

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: MICHAEL CHAVES

DREHBUCH: DAVID LESLIE JOHNSON-MCGOLDRICK, IAN GOLDBERG, RICHARD NAING

KAMERA: ELI BORN

CAST: PATRICK WILSON, VERA FARMIGA, MIA TOMLINSON, BEN HARDY, REBECCA CALDER, ELLIOT COWAN, KÍLA LORD CASSIDY, BEAU GADSDON, PETER WIGHT, STEVE COULTER, SHANNON KOOK U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN


Who You Gonna Call? Natürlich die… na?… Ghostbusters! Wen denn sonst? Nur: Wer sind sie, diese Geisterjäger? In der Pop-Kultur fest verankert stehen Venkman, Stanz, Spengler und Zeddemore vor Dämonen und Gruselgeschöpfen aller Art, bewaffnet mit Energiekanonen, die den bösen Metawesen gefälligst das Ektoplasma aus den Windungen saugen sollen. So richtig cool ist in den Achtzigerjahren, genau genommen zwei Jahre später, nachdem Ivan Reitman seinen Blockbuster auf die Welt losließ, das Ehepaar Warren leider nicht. Selbst im Film kommen sie nicht umhin, sich diesem Vergleich stellen zu müssen. Dabei sind sie die echten, die wahren, die wirklichen Ghostbusters. Lorraine, ausgestattet mit dem sechsten Sinn, spürt schon seit den Sechzigerjahren das Paranormale in so manchen alten Mauern auf, erkennt das manifestierte Böse in Artefakten aller Art, wären es nun Puppen, Ethnografika oder Möbel. An ihrer Seite der gute alte Ed, investigativ ein As, allerdings, im Laufe der Jahrzehnte, immer mal wieder mit Herzproblemen kämpfend. Die beiden müssen sich wohl oder übel damit abfinden, dass vier knackige Kerle die Oberhand gewonnen haben, auch wenn das alles nur Geschichten sind. Im echten Leben muss die linke Hand aber nicht unbedingt wissen, was die rechte tut, also seis drum. Die beiden tun das für den guten Zweck, doch irgendwann ist überall die Luft draußen, und die geisterfreie Pension winkt bereits mit weißen Laken.

Es bleibt in der Familie

Man kann schon erahnen, dass die Mission der Familie Warren, eine Ordnung in das Dies- und Jenseits zu bringen, mit diesen beiden nicht enden wird. Tochter Judy ist erwachsen, ist verlobt und scheint mit beiden Beinen im Leben zu stehen. Auch sie hat den Code geknackt, wie man den sechsten Sinn nutzt, und seit jeher quälen Erinnerungen an Annabelle die junge Frau mit Visionen, die schlecht schlafen lassen. Ein letztes Mal noch werden die betagten Eltern zu Hilfe gerufen, nachdem ihr guter Freund, Pater Gordon, bei der Lösung eines kniffligen Falles – auch der beruht angeblich auf Tatsachen – das Zeitliche segnet. Wegschauen geht da nicht mehr, während das Hinsehen verstört. Denn auch diesmal wieder schenkt Michael Chaves seinen Fans durchaus gruselige Individuen, die jede Geisterbahn behübschen und mit begleitendem Sounddesign sein Publikum aus den Sitzen heben.

Horror auf der großen Leinwand

Interessant dabei war, zu beobachten, wie der Horror im Kino anders wirkt als daheim auf dem Flatscreen – die vorangegangenen Conjuring-Teile genoss ich in den vertrauten vier Wänden, immer auf Abstand, die Hand an der Remote Control. Im Kino ist man mehr oder weniger ausgeliefert, und muss nehmen, was kommt, in gleichbleibender Intensität und überdimensioniert. Natürlich wird der Effekt zum großen Meister, der Schrecken zum Erlebnis, und so manches Popcorn fällt aus der Tüte. Dabei ist Conjuring 4: Das letzte Kapitel zum Glück für mich, der das Genre des Horrorfilms erst vor Kurzem erst entdeckt hat, nicht die härteste Kost. Am Ende der Reise, die Vera Farmiga und Patrick Wilson in ausgesuchtem Engagement und Liebe zu ihren Rollen bezwungen haben, setzt Chaves auf viel familiäre Identität; er setzt auf Abschied, Neuanfang und dem Umgang mit der Angst, die schließlich zum Leben gehört. Conjuring 4: Das letzte Kapitel wird durchaus zum großen Drama, wird am Ende geradezu spektakulär auf eine Weise, wie man es aus dem Conjuring-Universum gewohnt ist. Der menschliche Faktor, die integren Helden in einer Welt, die gerne True Storys erzählt, mit denen man sich wohlig gegruselt schlafen legt, bieten genug Identifikationsfläche, um sich fallen zu lassen in diesen dämonischen Strudel, denn man kann gewiss sein, dass das Gute obsiegen wird. Da bleiben grinsende alte Omas und axtschwingende Massenmörder die schaurigen Gestalten einer Bühne, während die Warrens zwar immer an ihre Grenzen gehen, jedoch so viel Ideal besitzen, um scheinbar auf ewig weiterkämpfen zu können.

Mit diesen Parametern lässt sich der melodramatische Horror in jedem Fall genießen, und in den letzten Minuten beschleicht einen gar ein bisschen Wehmut, wenn der Vorhang fällt und das letzte Rumoren und Flüstern im Gebälk verstummt. Vielleicht macht es sich ja auch nur bereit, um die nächste Generation zur Séance zu bitten.

Conjuring 4: Das letzte Kapitel (2025)

Weapons – Die Stunde des Verschwindens (2025)

HAMELN LIEGT IN PENNSYLVANIA

8/10


© 2025 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: ZACH CREGGER

KAMERA: LARKIN SEIPLE

CAST: JULIA GARNER, JOSH BROLIN, ALDEN EHRENREICH, AUSTIN ABRAMS, BENEDICT WONG, CARY CHRISTOPHER, AMY MADIGAN, TOBY HUSS, JUNE DIANE RAPHAEL, SARA PAXTON, JUSTIN LONG U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Wie kleine Flugzeuge düsen die Schattenrisse sämtlicher Kinder aus der Nachbarschaft über die von nächtlichen Laternen beleuchteten, regennassen Asphaltwege und getrimmter Rasenflächen einem unbekannten Ziel entgegen. Diese Szene, die man bereits im Trailer zum Film Weapons – Die Stunde der Verschwindens verstört betrachten kann, lässt erschaudern. Was hat Zach Cregger jetzt wieder angestellt? Ist er der neue. Meister des Horrors, des subversiven, nachhaltigen Grusels? Leute, die Barbarian gesehen haben, können ungefähr erahnen, mit welchen Methoden der Autorenfilmer aus Virginia hier abermals das Genre neu definieren will.

Der Stilbruch als Methode

Mit Barbarian hat sich Cregger seinen Platz als innovativer Horrorfilmer bereits gesichert – erst kürzlich konnte ich den subversiven Querschläger von meiner Watchlist streichen, nicht ohne mir klar geworden zu sein, dass es noch unzählige Wege geben kann, wie man filmische Glaubenssätze und alteingesessene Do’s und Dont’s genüsslich über den Haufen wirft, weil man als Künstler niemandem folgen muss. Als Neuer Wilder, zu denen auch Ari Aster gehört oder die Gebrüder Philippou (Talk to Me), muss sich Cregger um nichts scheren. Er wirft das geradlinige Storytelling völlig über Bord und ordnet seine zutiefst mysteriösen Entwürfe zu einem Origami, dessen Form und Bedeutung man lange nicht versteht. Typisch für Cregger ist der kompromisslose Bruch mit der Tonalität, mitunter auch dem visuellen Stil. War Barbarian schon ein bisschen wie filmische Zwölftonmusik, spielt Weapons – Die Stunde des Vrschwindens auf der Klaviatur beklemmender Recaps, die immer wieder die selbe Geschichte erzählen – nur aus immer wieder anderen Blickwinkeln. Dieses Rückspulen, das Neusetzen der Perspektive und das mosaikartige Ergänzen eines erschreckend rätselhaften Falls, der nicht unwesentlich an die Sage des Rattenfängers von Hameln erinnert, mag eine ganze Menge Zuseherinnen und Zuseher irritieren. Was Cregger nämlich liefert, ist kein atmosphärische Near-History-Grusel wie das Conjuring-Universum rund um das Ehepaar Warren und die Puppe Annabelle. Es ist auch kein Geisterbahn-Horror wie bei Stephen King, der die Kleinstadt Derry als Spielplatz des Bösen entdeckt hat. Wobei: Zwischen Derry und David Lynchs nicht unwesentlich weniger schauderhaftem Folk-Horror-Hotspot Twin Peaks liegt irgendwo neben der Spur Maybrook, im Nordosten der USA, genauer gesagt in Pennsylvania, wo herbstfrische Mieselsucht die depressive Stimmung nach dem unerklärlichen Verschwinden von 17 Kindern nur noch unterstützt.

Das Unheil im Banalen

Tief betroffen davon ist Lehrerin Justine (Julia Garner), da die verschwundenen Kinder allesamt aus ihrer Klasse stammen – bis auf einen, den jungen Alex. Hier legt Cregger schon die erste Spur, doch viel anfangen kann man damit noch nicht. Im weiteren Verlauf rückt Josh Brolin ins Bild, er selbst verzweifelter Vater, der versucht, ein System hinter all den Vorkommnissen zu finden. Cregger splittet seinen Horror aber noch mehr auf – durch die Gegend geistert neben dem Schuldirektor Benedict Wong ein Polizist und ein Junkie, spätestens da variiert die knallharte Mystery seinen Rhythmus, erzählt scheinbar völlig andere Geschichten, wagt den Schritt ins Komödiantische, was irritierender nicht sein könnte. So bewegt und variiert Weapons – Die Stunde des Verschwindens ist, so kurios ist seine Eskalation, mutiert zum brachialen Horror, zur Kasperliade, zum investigativen Kriminalfall. Die Metaebene, die sich zivilisationskritischen Betrachtungen über Macht, Instrumentalisierung und Missbrauch hingibt könnte einem dabei glatt entgehen.

Cregger, der sein Können nach Barbarian nochmal perfektioniert, weiß, dass er auf diese Weise Genre-Vorbilder auch mal zitieren darf, dass er Formeln verwenden und nur anders aneinanderknüpfen braucht, um sein eigenes Ding zu gestalten. Zwischen Folk-Budenzauber, der Inkarnation des Bösen und zynischen Schicksalsschlägen wirkt die knackige, brillant geschnittene Collage wie aus einem Guss. Ob man lachen oder sich fürchten soll – manchmal ist dabei die Entscheidung die falsche, und genau das macht Weapons so besonders. Denn gerade im Harmlosen liegt das Unheil auf fruchtbaren Boden.

Weapons – Die Stunde des Verschwindens (2025)

Barbarian (2022)

DAS KLEINGEDRUCKTE BEI AIRBNB
7/10


© 2022 Vertigo Entertainment / Disney+


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE / DREHBUCH: ZACH CREGGER

KAMERA: ZACH KUPERSTEIN

CAST: GEORGINA CAMPBELL, BILL SKARSGÅRD, JUSTIN LONG, MATTHEW PATRICK DAVIS, RICHARD BRAKE, JAYMES BUTLER, KATE BOSWORTH, SARA PAXTON, KATE NICHOLS U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Mitunter oberste Regel, die man wissen muss, wenn das Seepferdchen-Abzeichen auf dem Schwimmsuit eben erlernte H2O-Skills bestätigen soll: Spring niemals in unbekannte Gewässer! Mitunter oberste Regel, wenn das AirBnB-Schmuckkästchen temporär gemietet wird: Gehe niemals in den Keller, vorallem nicht, wenn Gänge hinter Geheimtüren im Dunkel liegen und von dort, aus dem Nichts, seltsame Geräusche zu hören sind. In der Realität wäre das Anwesen, verortet in einem berüchtigten Viertel von Detroit, wo nicht mal mehr der Fuchs dem Hasen Gute Nacht sagt, ohne ihn vorher auszuweiden, längst von seinem Fluch befreit worden, denn in der Realität würde Georgina Campbell nicht ohne begleitender Exekutive tiefer in das unheimliche Gewölbe vorgedrungen sein.

Das Genre des Horrorfilms interessiert sich aber nicht für vernünftige Vorgehensweisen. Dort sind die Protagonisten gemäß des Spruches „Neugier killt die Katze“ immer jene, die auch zu Weihnachten Santa Claus auf die Finger schauen oder das Christkind inflagranti ertappen wollen. Es sind jene, die gerne in die Dunkelheit vordringen, ohne sich vorher überlegt zu haben, was sie denn dem Unbekannten entgegenzusetzen hätten, sollte es ungemütlich werden. In Barbarian wird es schließlich sehr, sehr ungemütlich. Und eigentlich will man gar nicht wissen, was so manche Leute in ihren Kellern treiben oder gar getrieben haben. Da muss man nur an die jüngere österreichische Kriminalgeschichte denken, um sich mit Schauder und Ekel abzuwenden. Das Undenkbare ist vor allem in beschaulichen Siedlungen durchaus möglich, wenngleich das, was in Barbarian passiert, als üppige Geisterbahn-Version manches davon potenziert.

Das Grausame ist bei Zach Cregger das unter den Teppich Gekehrte, das hinter der Fassade Dahinmodernde. Viel plakativer als bei David Lynch, in dessen Vorgärten man gelegentlich ein Ohr finden kann. Viel weniger subversiv und entlarvend als bei Ulrich Seidl zum Beispiel, dem österreichischen Enfant Terrible, der mit seiner Episoden-Doku Im Keller gar manchen Abgeordneten in die Bredouille brachte und genau das zeigen musste, was man eigentlich gar nicht sehen will, dann doch aber wieder muss, weil schließlich nicht nur die Katze daran glauben soll, sondern auch wir, die wir nicht ohne finaler Erkenntnis der Dinge abnippeln wollen.

Der Keller im Keller

Das Haus in Barbarian offenbart ganz geschmeidig und fast schon subversiv seine wahre Identität, es scheint fast so, als wäre man amfangs in einer leicht mysteriösen Romanze gelandet, wenn Bill Skarsgård und Georgina Campbell miteinander einen netten Abend verbringen, nachdem letztere enttäuschend hat feststellen müssen, dass ihr gemietetes Airbnb-Etablissement gleich doppelt gebucht wurde. Skarsgård, dem diesmal seine Pennywise-Diabolik überhaupt nicht in den Sinn kommt, gibt sich jovial und hilfsbereit und holt die im Regen stehen Gelassene ins Haus. Mangelndes Klopapier und eine offene Kellertür führen tags darauf dazu, dass Georgina Campbells Charakter namens Tess an Orte gelangt, die niemand wirklich sehen will. Als Bill Skarsgård – im Film der nette Keith – die durchaus verstörte und aufgeregte Tess beruhigen und sich die Sache selbst ansehen will, verschwindet er. So, als wäre er von einem noch tieferen Keller verschluckt worden. Und ja, den gibt es.

Stimmungskiller als Stilmittel

Je tiefer, desto dunkler. Desto perverser und verstörender. Wer den Höhlenhorror The Descent gut durchgestanden hat, ohne um jeden Gully einen Bogen zu machen, kann auch mit Georgina Campbells Handytaschenlampe eine Gegend erkunden, die keinen erquickenden Mehrwert bietet. Der Horror kommt bald ans Licht, schön subversiv, erschreckend, pointiert, während Cregger sich ganz plötzlich etwas einfallen lässt, was herkömmlichen Filmen dieser Art nie in den Sinn kommen würde, da es die mühsam etablierte Stimmung killt. Denn plötzlich scheint es, als wäre man im falschen Film. Auftritt Justin Long, im roten Cabrio unterwegs, die Sonne scheint, die Hintergrundmusik dudelt, alles ist eitel Wonne. Das Kontrastieren des Erzählstils, das Einbinden völlig neuer Tonalitäten, darf man durchaus als Geniestreich bezeichnen. Cregger, mit frischen Ideen im Handgepäck, sampelt seinen scheinbar vorhersehbaren Suspense-Horror mit völlig anderer Melodik. Das ranzige Dunkel weicht dem Licht, schale, schmutzige Farben weichen buntem Pseudo-Perfektionismus, der einhergeht mit veränderter Optik. Der Bruch erfrischt den Horror ungemein, macht ihn augenzwinkernd und lässt ihn frech werden. Doch ganz klar: Wenn sich am Ende das Innere nach außen kehrt, fährt Cregger nur mehr Vollgas eine Spur. Nichts anderes hätte man sich letztlich wünschen wollen. Selbst die Katze will dann nur noch weg.

Barbarian (2022)