Zimmer mit Aussicht

FLANIEREN MIT MANIEREN

5/10

 

zimmermitaussicht© 1986 Kairos-Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 1986

REGIE: JAMES IVORY

CAST: HELENA BONHAM-CARTER, MAGGIE SMITH, JULIAN SANDS, JUDI DENCH, DANIEL DAY-LEWIS U. A.

 

Es müssen nicht immer die neuesten Kino-Releases sein. Die sind in den Print- und Online-Medien ohnehin zahlreich vertreten. Was nicht heissen soll, ich spar mir von nun an meinen Senf. Doch wie wäre es trotzdem mal mit einem etwas reiferen Werk, das, sagen wir mal, rund 30 Jahre auf dem Buckel hat? Da gibt es eines, das kennen wahrscheinlich gar nicht mal so viele, und wäre dieses Werk nicht einer der Lieblingsfilme eines guten Freundes von mir, hätte ich mit Sicherheit vergessen, es auf die Watchlist zu setzen: Zimmer mit Aussicht.

Der zumindest für Pauschaurlauber höchst verlockende Titel steht für das bekannteste Frühwerk des amerikanischen Filmemachers James Ivory, der Zeit seines künstlerischen Schaffens eine ausgeprägte Vorliebe für britische Literatur an den Tag gelegt hat. Nicht zu glauben, dass Ivory eigentlich Amerikaner ist, so europäisch, wie er sich in seinen Filmen gibt. Ich kann mich auch noch sehr gut an die Oscarverleihung 1993 erinnern, als das distinguierte Meisterwerk Was vom Tage übrig blieb nach dem Roman des japanischstämmigen Briten Kazuo Ishiguro achtmal für den Goldjungen nominiert war und dann doch leer ausging. Der Film mit Emma Thompson und Anthony Hopkins in seiner wahrscheinlich besten Rolle ist eine Sternstunde der Schauspielkunst, aber auch der leisen, zarten Inszenierung. Für große Gefühle in kleinen Dosen war James Ivory stets ein Spezialist. Im Jahr davor wurde immerhin Wiedersehen in Howards End ausgiebigst prämiert – für Emma Thompson, Szenenbild und Drehbuch. Howards End war eine Verfilmung eines der Romane des Briten E. M. Forster – und nicht die erste. Zimmer mit Aussicht war 6 Jahre früher dran, und konnte bei den Oscars 1987 ebenfalls punkten, zumindest in den Nebenkategorien. Soviel also zu den Fakten, die in ihrer trockenen Aufzählung jetzt vielleicht ein bisschen für Langeweile gesorgt haben könnten, vor allem bei jenen, die ohnehin über James Ivorys Œuvre Bescheid wissen. Allerdings stimmt dieser kleine, recht langatmige Einblick bestens auf vorliegenden Film ein, der vorrangig eines ist: langatmig.

Dieser Müßiggang, um ein anderes Wort dafür zu finden, kann durchaus ein gepflegter sein. In Zimmer mit Aussicht sogar vom pedikürten Zeh in weißen Socken und Schnallenschuhen bishin zum Spitzenschirmchen, das unter der Sonne der Toskana vor allzu sengender Frühlingshitze schützen soll. Und diese Frisuren – das waren sicher Stunden beim Hairstylisten, der vor allem bei Helena Bonham-Carters sperriger Mähne ins Schwitzen gekommen sein muß. Die damals blutjunge Schauspielerin, gerade mal 19 Jahre alt, feierte mit Zimmer mit Aussicht ihr Kinodebüt. Ihr zur Seite als Anstandswauwau: die legendäre Maggie Smith, oscarnominiert und erschreckend etepetete, fast schon so wie in ihrer späteren Performance als Zauberin Minerva McGonagall, nur in Ivorys Sittenbild bereits schon pikiert, wenn Männer jungfräuliche Damen einfach so von der Seite her anquatschen. Eine zugeknöpfte Zeit, dieses anfängliche 20te Jahrhundert. Und ein Sittenbild, dass vor lauter Kostümen gar nicht mehr weiß, wo der Kleiderhaken hängt. Das künstlerische Florenz mit all seinen Meisterwerken der Renaissance und das dazugehörige flanierende, kunstbeflissene Klientel präsentiert eine Gesellschaft auf fein ziseliertem Silbertablett. Wenn dann die frühsommerlichen Wiesen mit all ihren Mohn- und sonstigen Blumen der Ort eines verstohlenen Kusses sind, werden die impressionistischen Bilder eines Auguste Renoir zum Leben erweckt. Da greift das weiß behandschuhte Filmteam tief in die Requisitenkiste und rückt akribisch ausgesuchte Locations wie handkolorierte Postkarten ins richtige Licht. Das ist natürlich geschmackvoll. Und nach wie vor langatmig.

Beworben wird Zimmer mit Aussicht als zauberhafter Film über die Macht der Gefühle, als große Liebesgeschichte. Das kommt meines Erachtens nicht wirklich hin. E. M. Forsters Roman mag da vielleicht anders ticken, mag da vielleicht die Gefühle von George und Lucy, der beiden Liebenden, die im Zentrum des Filmes stehen, besser umschreiben. In Ivorys Verfilmung ist die leidenschaftliche Liebe bar jeder Leidenschaft und maximal ein halbherziges Geplänkel. Julian Sands, der den liberalen Freigeist George spielt, fährt noch etwas mehr Drive auf, der ist aber mehr dem Anspruch seiner eigenen Quergedanken geschuldet als einer hingebungsvollen Schwärmerei. Und Bonham-Carter? Sie steckt mit ihrer Sehnsucht im besten Wortsinn noch in den Kinderschuhen. Für eine Liebesgeschichte mangelt es zwischen Florenz und der britischen Heimat zu sehr an empfundener Leidenschaft, da sind Hopkins und Thompson als emotional verschlossenes Hauspersonal im Vergleich dazu geradezu in euphorischer Ekstase. Rund um diesen gedehnten „Lamourhatscher“ schlägt ein edler Cast in nobel eingerichteten Zimmern, auf Wiesen und in Gärten eigentlich die Zeit tot, und stellt die Steifheit einer elitären Zwangsgesellschaft voller hemmender Etiketten lustvoll aufgedonnert zur Schau. Wenn schon kein Kuppler, dann ist James Ivory immerhin ein genauer Beobachter einer Zeit, die in strenger Pietäthaftigkeit Lyrik zitiert oder mit gespreizten Fingern Tee trinkt. Daniel Day-Lewis ist in Zimmer mit Aussicht noch der kurioseste Hingucker schlechthin – seine geckenhafte Performance eines fast schon asexuellen Feingeist-Faktotums wäre schon damals auszeichnungswürdig gewesen und fügt sich fabelhaft ein in das wortlastige, zögerliche und ewig flanierende Porträt eines verstockten Establishments.

Zimmer mit Aussicht

The Happy Prince

LAST DAYS OF BEING WILDE

6/10

 

happyprince© 2000 – 2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND, BELGIEN 2018

REGIE: RUPERT EVERETT

CAST: RUPERT EVERETT, COLIN FIRTH, EDWIN THOMAS, COLIN MORGAN, EMILY WATSON, TOM WILKINSON U. A.

 

Da siecht er dahin, der große Künstler. Im Hotel d´Alsace in Paris dämmert er seinem Tod entgegen, unter Beisein eines Priesters, seines engsten Vertrauten und zwei Waisenbrüdern von der Straße, die Oscar Wildes Geschichte zu Ende hören wollen. Nämlich die vom Glücklichen Prinzen. Irgendwann aber kann sich der einst so hochgelobte und verehrte Dichter nicht mehr artikulieren. Und stirbt an einer Encephalitis, zugezogen durch eine chronische Mittelohrentzündung. Die letzten Jahre im Exil waren allerdings auch schon schlimm genug, und entsprechend entbehrlich. Von Frau und Kind getrennt, von seiner Heimat Großbritannien geächtet und von seiner gesellschaftlich verbotenen Liebe zum gleichen Geschlecht zerrissen, vegetiert die wohl unglücklichste Persona Non Grata der Literatur in heruntergekommenen Vierteln von Paris und in Neapel vor sich hin, schreibt Briefe, sonst aber nichts mehr. Wegen Unzucht mit männlichen Prostituierten ins Gefängnis geworfen, kommt der Schöpfer des Dorian Gray (übrigens sein einziger Roman) und des Gespenstes von Canterville nach zwei Jahren Zwangsarbeit gebrochen und gesundheitlich angeschlagen vom Regen in die Traufe.

Der britische Theaterschauspieler und Wilde-Kenner Rupert Everett, der unter anderem auch schon in dessen Drama-Verfilmungen An Ideal Husband (Golden Globe!) und The Importance of Being Ernest die Hauptrollen verkörpert hat, widmet sich frei fabulierend und mit fotographischer Raffinesse den letzten Lebensjahren einer offensichtlich für Everett selbst sehr inspirierenden Ikone. Nicht nur übernimmt der ebenfalls homosexuelle Künstler, der sich in jungen Jahren zwecks Geldbeschaffung selbst prostituierte, die Regie für diese sehr persönliche Hommage, sondern gleich auch die Hauptrolle und macht Stephen Fry – der schon einmal, und zwar in Wilde, den eitlen Dandy mit Hang zur freien Liebe verkörpert hat – ernstzunehmende Konkurrenz. Fry hat in Brian Gilberts Film aus dem Jahre 1997 den Dichter bis zu seinem Exil nach Paris begleitet – die finsteren letzten Jahre allerdings spart er aus. Genau da setzt The Happy Prince an – und taucht seinen Abgesang, seine Anti-Biographie, seinen Kreuzweg eines Künstlers in ein emotionales Wechselbad an assoziativen Bildern, trottenden Silhouetten und spukhaften Erscheinungen, die sich nach dem Gewesenen und Verschwundenen sehnen. Everett gelingt die Verkörperung des Gebrochenen erwartungsgemäß schmeichlerisch, theatralisch überhöht, erschafft dadurch aber auch etwas rehabilitierend Heilendes, einen versöhnlichen Abschied, mit all seinen dunklen Momenten und offenen seelischen Wunden.

Erbaulich ist The Happy Prince natürlich nicht. Von einer klassischen Biographie ist auch keine Rede. Everetts Film ist wie ein wehmütiges Requiem, voller Respekt vor dem Leiden und Lieben einer öffentlichen Person, die höchsten Ruhm erfahren und den tiefsten Fall ertragen hat. Und das in einer Zeit, in der soziale Medien praktisch nicht vorhanden und Shitstorms noch lange nicht ihr schlecht artikuliertes Unwesen treiben. Feigheit vor der Schmähung anderer gab’s aber schon damals nicht. Wo jemand zum gesellschaftlichen Freiwild wird, ist die Meute schnell vereint. Eine Eigenschaft, typisch Mensch – und die Oscar Wilde an den Pranger bringt. So gesehen lässt sich in dieser psychosozialen Nachtgeschichte sowohl der Zerfall einer Berühmtheit beobachten als auch das Sitten- und Unsittenbild eines endenden Jahrhunderts. Rupert Everett mittendrin, verhaftet in einer Illusion vergangener Tage, später dann in Resignation und Agonie. Für Hardliner literaturgeschichtlicher Schwermut ein fast schon voyeuristisches Endspiel, gemeinsam mit Brian Gilberts weitaus gefälligerer Formulierung einer Lichtgestalt sind das konsequent zu Ende erzählte Fakten eines Lebens aus Licht und stark kontrastierender Schatten.

The Happy Prince

Kindeswohl

LASSET DIE KINDER ZU MIR KOMMEN

8/10

 

kindeswohl© 2000 – 2018 Concorde Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: RICHARD EYRE

BUCH: IAN MCEWAN, NACH SEINEM ROMAN

CAST: EMMA THOMPSON, STANLEY TUCCI, FIONN WHITEHEAD, BEN CHAPLIN U. A.

 

Erwachet! Nahezu täglich werde ich daran erinnert, doch endlich die einzig wahre Erkenntnis zu erlangen. In den Passagen zwischen den U- und Schnellbahnsteigen, an den Stationen und Fußgängerzonen: Die Zeugen Jehovas sind immer noch aktiv, unermüdlich und unverwüstlich. Der Missionseifer von Tür zu Tür ist allerdings zurückgegangen, stattdessen harren sie in stoischer Ruhe in kleinen Gruppen der Neugier einiger weniger Zweifler entgegen, die unbedingt wissen wollen, wann denn die Welt wirklich untergeht. Die Zeugen Jehovas sind es auch, die es strikt ablehnen, Bluttransfusionen durchführen zu lassen. In Fällen zur Behandlung von Leukämie unerlässlich. Doch da siegt die Akzeptanz des Todes über dem Glauben. Sogar beim eigenen Kind.

Mit solchen Fällen muss sich die Richterin Fiona Maye herumschlagen. Ihr Resort sind familiäre Streitfälle, Entscheidungen um Leben und Tod. Zum Wohle des Kindes. Da kann es sein, dass bei siamesischen Zwillingen – ein Fall, mit dem Richard Eyres Drama Kindeswohl startet – einer von beiden getötet werden muss, damit der andere überlebt. Kein leichter Job, da würde ich niemals tauschen wollen, wenn ich Entscheidungen wie diese fällen müsste, um mich dann noch der unverhohlenen Kritik jener auszusetzen, die anders entschieden hätten. Die Konsequenz ist Selbstschutz, dick wie ein Panzer, der kaum noch Gefühle heranlässt. Überhaupt finde ich es interessant, dass Emma Thompson, die endlich wieder mal in einer ihr gerechten Rolle zu sehen ist, hier stark an die britische Premierministerin Theresa May erinnert, und dazu auch noch einen ähnlich klingenden Namen trägt. Während des Filmes lässt mich die Idee nicht los, Emma Thompson doch auch gleich für einen Film über die Wirren des Brexits zu besetzen – der wahrscheinlich demnächst kommen wird. In vereinfachter Form, denn kapieren tut das ganze Brimborium sowieso keiner mehr.

Es ist also Emma Thompson, deren nächstes salomonisches Urteil bald wieder gefragt sein wird – nämlich im Fall des Jehova-Sprösslings Adam, der bereit ist zu sterben, für einen sektiererischen Glauben, und für seine Eltern, die denken, richtig zu handeln, indem sie die notwendige Hilfe verwehren. Ungewöhnlich für eine Richterin, sich dann auf den Weg ins Krankenhaus zu machen, um den Jungen persönlich zu sprechen. Und um sich ein Urteil zu bilden, ob dieser im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte so entscheidet oder ob diese Entscheidung von außen erwartet wird. Natürlich gibt niemand so selbstlos sein Leben hin, schon gar nicht ein Kind. Jehova oder nicht. Das erkennt auch Richterin Maye. Und setzt mit ihrem wegweisenden Präzedenz-Beschluss eine Eigendynamik in Gang, die ihre ganze Existenz als Ehefrau, Jurorin und Mensch neu hinterfragt. So gesehen ist Kindeswohl weniger ein Justizdrama, weniger ein Sekten- oder Familiendrama, sondern vielmehr und ganz bestimmt das Psychogramm einer verbissenen, einer immensen Verantwortung unterworfenen Frau, die nichts mehr erkennt außer ihre Pflicht, richtig zu entscheiden. Aber was ist schon richtig? Woran lässt sich das wohl messen? Unter diesem Druck der richtigen Antwort leidet auch Ehemann Stanley Tucci – und sucht das Weite. Während die Richterin in ihrer Befangenheit und am Gängelband von Göttin Justitia langsam ihre Blindheit Dingen gegenüber erkennt, die jenseits des Verhandlungssaals verzweifelt um Aufmerksamkeit heischen.

Nach Am Strand ist Kindeswohl eine weitere Verfilmung der Romane von Ian McEwan – und genauso bemerkenswert gelungen. Emma Thompson liefert eine der beeindruckendsten, wenn nicht die beeindruckendste Leistung ihrer Karriere. Ihr scheinbar versteinertes, rationales Äußeres ringt mit tief vergrabenen Emotionen, die an die Oberfläche sickern. Dieses Ringen vermittelt Thompson auf beeindruckende Weise. Was für eine einnehmende, elegante, wenngleich gebrochene Erscheinung, die sich keine Schwäche erlauben darf, obwohl sie das Wohl der Schwachen verfechtet. Das ihre Performance in Kindeswohl keine Nominierung für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nach sich gezogen hat, bleibt mir ein Rätsel. Auch der junge Fionn Whitehead als leukämiekranker Junge weiß sein darstellerisches Potenzial nachhaltig zu nutzen – seine Sehnsucht nach dem erhabenen Ideal eines gerechten Übermenschen wird zu einem Kampf gegen die Mühlen einer ambivalenten Justiz, die richtet, aber nicht fühlt. Regisseur Richard Eyre macht daraus ein vielschichtiges, facettenreiches Filmerlebnis, psychologisch durchdacht und grandios besetzt. Und solange Ian McEwan selbst die Drehbücher seiner Werke verfasst, geht von der präzisen Beobachtung seiner Figuren mitsamt ihren Schicksalen kein Quäntchen verloren. Erstaunlich, wie gut der Brite seine eigene Prosa dramatisiert. Dabei ist nicht selbstverständlich, dass Adaptionen dieser Art so gut gelingen wie hier.

Kindeswohl

Das etruskische Lächeln

MIT OPA AUF AUGENHÖHE

5,5/10

 

etruskischeslaecheln© 2018 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MIHAL BREZIS, ODED BINNUN

CAST: BRIAN COX, ROSANNA ARQUETTE, JJ FEILD, THORA BIRCH U. A.

 

Das österreichische Gesangstrio STS hat ihn bereits besungen, und Heidi wüsste nicht, wo sie ohne ihren knorrigen Almöhi abgeblieben wäre: Es ist die Rede vom Großvater, gemeinsam mit Oma eine familiäre Institution, und die Bindung zwischen Enkel und selbigem kann manchmal sogar noch jene mit dem eigenen Erzeuger in den Schatten stellen. Zu Großvätern geht man, wenn die Paradigmen der Erziehung andere sein sollen, wenn sich die Betrachtung der Welt mal auch aus anderem Blickwinkel aufdrängen will. Gelobt sei da der frische Wind, der festgefahrenen Alltagsmanierismen die Scheuklappen abnimmt. Ungefähr so wie in dem Generationendrama Das etruskische Lächeln, einem Roman des Spaniers Jose Luis Sampedro. Verfilmt wurde die Geschichte von den beiden israelischen Filmemachern Oded Binnun und Mihal Brezis, deren Kurzfilm Aya 2012 für den Oscar nominiert war. In der Hauptrolle: Charakterdarsteller Brian Cox mit blanker Sohle und Dreitagebart, und wenn das Bad im kühlen Atlantik genommen werden soll dann sogar komplett textilfrei. Dieser knurrige alte Eremit, der da an der Küste auf einer Insel der Äußeren Hebriden seinen Lebensabend verbringt, kommt bald unfreiwillig in den Genuss der eigenen Familie, von der er sich doch eigentlich losgesagt zu haben scheint. Gesundheitliche Probleme allerdings zwingen ihn dazu, wieder Kontakt zum Sohnemann aufzunehmen, der noch dazu als frischgebackener Papa des kratzbürstigen Neo-Opas sensible Seiten wachkitzelt. Und nicht nur das – das urbane New York birgt sogar noch einen späten Frühling fürs Herz.

Erstaunlich an diesem Film ist, dass er sich geografisch sehr schwer einordnen lässt. Durch den wuchtigen und erzschottischen Brian Cox mit gälischem Wortschatz bin ich zweifelsfrei der Meinung, hier einen ebensolchen Film vor mir zu haben. In Wahrheit aber ist Das etruskische Lächeln ein amerikanischer Film, inszeniert von israelischen Künstlern, basierend auf einer spanischen Vorlage. Das Lächeln selbst, von welchem hier die Rede ist, finden wir auf den Sarkophagen der alten Etrusker – wer die menschlichen Darstellungen der frühen Italiener vom vielleicht letzten Museumsbesuch noch in Erinnerung hat, weiß, dass diese schlicht modellierten Gesichter zufrieden lächeln, als wären sie von einer inneren Ausgeglichenheit, die jeder Herausforderung spielerisch trotzt. Selbst im Tod ist dieses Lächeln präsent – als wäre das Ableben der Anfang von etwas ganz Großem. Vor so einem dieser Skulpturen steht also dieser Rory MacNail, in einem New Yorker Kunstmuseum, und lernt noch dazu die attraktive Claudia kennen (lange nicht auf der Leinwand: Rosanna Arquette). Vieles scheint sich im fortgeschrittenen Leben des Schotten doch noch zum Guten zu wenden, bevor die Diagnose Krebs ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen bald schon unmöglich macht. Oder doch nicht?

Das etruskische Lächeln kommt über den Reiz eines konventionellen Melodrams, das stellenweise so glatt wirkt wie ein Fernsehfilm, nicht hinaus. Da ändert auch der Schauplatzwechsel und die durchwegs solide Besetzung nichts. Obwohl Vater und Sohn genug Reibungsfläche aufbieten, fehlt hier die Reibung. Es fehlt der richtige Konflikt, oder das ganz große Drama, stattdessen mangelt es, wie bei TV-Produktionen meist das Problem, an dramaturgischer Griffigkeit. Die Momente zwischen Großvater und dem kleinen Enkel sind zwar liebevoll in Szene gesetzt, berühren aber nur bedingt – vielleicht, weil Urgestein Cox nicht nur die Familienbande neu knüpfen muss, sondern auch die der Liebe, für die es natürlich nie zu spät sein kann. Und Heimweh an die wilde Küste kommt auch dazu – zuviel für den alten Mann, und zu viel Unruhe, um einen ruhenden Erzählfokus zu erzeugen. Das lässt das Ganze oberflächlich wirken, was es aber eigentlich nicht ist. Jedenfalls ist das Miteinander der Generationen von Enkel, Sohn und Vater das Herzstück dieser Verfilmung, und der Sprung ins kalte Wasser direkt spürbar – wie sinnbildlich man das auch verstehen mag.

Das etruskische Lächeln

Nach einer wahren Geschichte

LASS DICH VON DER MUSE KÜSSEN

6/10

 

NACH EINER WAHREN GESCHICHTE© 2018 Studiocanal

 

LAND: FRANKREICH 2017

REGIE: ROMAN POLANSKI

CAST: EMMANUELLE SEIGNER, EVA GREEN, VINCENT PEREZ U. A.

 

Wie flötete die deutsche Band Relax in den Achtzigern nicht so schön: „A weißes Blattl Papier, das liegt scho Stunden vor mir…“ Treffender könnte ich es auch nicht formulieren, wenn es darum geht, den kreativen Stillstand von Delphine de Vigan in knappe Worte zu fassen. Die Bestseller-Autorin, die tut sich für ihr neues Werk sichtlich schwer. Denn es soll nicht irgendein Buch werden, es soll sogar noch besser werden als der heißgeliebte Vorgänger, für welchen Delphine stundenlang Autogramme und Interviews geben muss. Autoren sind da ordentlich unter Druck, Erwartungen zu erfüllen und Gewesenes zu toppen. Da kann man von Glück reden, wenn da plötzlich jemand ist, der Tür und Tor öffnet für neue Ideen. Doch dieser jemand ist sonderbar genug, um ihn vielleicht sogar als Hirngespinst abzutun, als eine aus dem Nichts erschienene Muse, die nur sichtbar ist für die Künstlerin selbst – oder doch nicht? Ist Elle, wie sich die Fremde und bald unangenehm Vertraute nennt, nicht doch so real wie alle anderen? Doch warum ist sie allgegenwärtig, während all die anderen sozialen Kontakte sich bald rar machen? Und warum hat Elle vis a vis von Delphines Wohnung Unterkunft bezogen? Zufall? Oder ist es der kranke Geist eines manischen Fans, der die Wortgewandte stalkt und endlich zum Schreiben des einzig wahren, großen Romans nötigt?

Die Kritiker waren diesmal wenig angetan von Roman Polanskis jüngstem Film. Amerikas Persona non Grata, mittlerweile auch schon weit über 80 Jahre alt, besinnt sich allerdings – und das ist für manche, die seine frühen Werke nicht kennen, vielleicht nicht sofort zu erkennen – auf die Wirkung seiner psychologischen Suspense, wie er ihn bereits in Der Mieter oder Ekel famos zur unverwechselbaren Handschrift ausformuliert hat. Natürlich ist Der Mieter, mit Polanski selbst in der Hauptrolle, um ganze Zinshäuser erschreckender und beklemmender. Auch Ekel ist um Längen dichter und intensiver als Nach einer wahren Geschichte. Warum aber die unheilvolle Schreibblockade einer Schriftstellerin, die tatsächlich existiert und tatsächlich diesen Roman über sich selbst geschrieben hat, dennoch seinen ganz eigentümlichen Reiz hat, das liegt in der Absenz einer definierten Wahrheit. Ob alles nur Einbildung ist oder die einnehmende Seelenverwandte real ist, bleibt Vermutung. Fakt ist zumindest, dass Delphine dank ihrer Home-Invasorin, die noch dazu wie selbstverständlich Kost und Logis fordert, wirklich wieder das Schwarze aufs Papier bringt. Und das ist nicht unbedingt die große, innere, einzig wahre Autobiographie von Delphine selbst, sondern etwas ganz anderes. Etwas, das gefährlich werden kann. Und es dauert nicht lange, da stellt sich sowas wie Abhängigkeit ein, ein Gefüge aus Meister und Diener.

Was so klingt wie Stephen King´s Misery, ist ansatzweise tatsächlich so. Nur leiser, versteckter, fast unauffällig ereignislos. Knochen splittern hier keine, dafür aber bleibt der Schreiberling da wie dort ans Bett gefesselt und ist der Gnade oder Ungnade eines monströsen Egos ausgeliefert. Das Heil in der Flucht sucht Polanski´s Ehefrau Emmanuelle Seigner aber nicht vor gekränkter Wut, sondern eigentlich vor sich selbst und ihrer Verantwortung den Lesern gegenüber. Schreiben ist also immer noch ein Zwiegespräch mit sich und seinen inneren Dämonen, Ängsten und einem tadelnden Gewissen. Aber auch das ist nur eine Auflösung von vielen, die diese seltsamen Vorkommnisse erklären können. Nach einer wahren Geschichte ist ein astreiner Polanski, das merkt man an den Dialogen, an der schwelenden Paranoia des Alltags. Fast aber hätten Seigner und Eva Green das Vorhaben des polnischen Meisters konterkariert. Das Spiel von Ex-Bond-Liebe Eva Green ist zu offensichtlich maskenhaft, Subtilität fehlt hier ganz. Und Emanuelle Seigner wirkt manchmal zu verschlafen, um die bizarren Umstände auch wirklich in vollem Ausmaß wahrzunehmen. Das lässt das Psychospiel manchmal zu schleppend wirken, und oft tritt Nach einer wahren Geschichte auf der Stelle, wenn Polanski zu betont alles im Unklaren lassen will. Wer den bewährten Grundtonus seiner intellektuellen Paranoia-Krimis aber zu schätzen weiß, wird am Ende doch versöhnlich schmunzeln.

Nach einer wahren Geschichte

Colette

HOSEN FÜR DIE DAME

6,5/10

 

colette© 2018 DCM

 

LAND: USA 2018

REGIE: WASH WESTMORELAND

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, DOMINIC WEST, ELEONOR TOMLINSON, FIONA SHAW U. A.

 

Wo ein Willy, da ein Weg. Zumindest war das damals so, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und zwar in Paris. Unter dem Pseudonym Willy konnten nämlich begabte Autoren, die sonst keinen Weg gefunden hätten, um sich selbst zu veröffentlichen, ihr Erdachtes, Geschriebenes und gern Pikantes an die gehobene Gesellschaft der mondänen Hauptstadt bringen. Willy, wie sich Henry Hauthier-Villars offiziell nannte, war selbst kein Meister seiner Zunft, aber ein Meister, wenn es darum ging, die Werbetrommel zu rühren und die Werke anderer zu publizieren. Denn Willy, das zog. Der Name des Adabeis war in aller Munde, jeder kannte Willy, auf noblen Partys und am Theater. Die Seitenblicke hätten sich da um ein paar Minuten des Small Talks womöglich gerne geprügelt. Willy war ein Mann, wie er damals zu sein hat. Jovial, charmant, belesen und – elegant chauvinistisch.  In Wash Westmoreland´s gediegener Biografie spielt der von Dominic West souverän verkörperte Mann von Welt eine nicht untergeordnete Rolle. Ganz im Gegenteil: ohne Willy wäre Sidonie-Gabrielle Colette nicht zu der Art von Frau geworden, wie sie zur Zeit des Fin de Siecle noch als relatives Panoptikum angesehen wurde.

In Antiquariaten und Büchermärkten sind mir die gebundenen Hardcover-Schmöker ihres Namens relativ häufig unter die Finger gekommen. Von Claudine erwacht über Claudine in Paris bishin zu Gigi (wohl die bekannteste Verfilmung von Colettes Werken, Regie: Vincente Minnelli) hätte ich einen Grossteil ihres Repertoires im besten Wortsinn abstauben können. Mein Interesse lag aber damals eher beim Expressionismus, weniger bei den Coming of Age-Erzählungen eines Mädchens vom Lande. Doch was ich bisher noch nicht wusste und mich auch verblüffte, war, dass sich die Figur der Claudine damals zu einem regelrechten Hype entwickelt hat. Dem vermögensverprassenden Willy, der gerne ins Casino ging und allerhand sündteure Antiquitäten in die eheliche Wohnung karrte, gelang mit Colettes Werken ein regelrecht literarischer Blockbuster, obwohl er den damaligen Zeitgeist nicht sofort mit den verfassten Inhalten Colettes in Verbindung bringen konnte. Die Künstlerin blieb weiterhin ungenannt. Colette stand anfangs noch im Schatten ihres Gatten, und dass eine Frau künstlerisch gesehen und abgesehen von anzüglichen Auftritten im Variete den Nerv der Zeit hätte treffen können, daran dachte damals niemand. Was sich aber logischerweise änderte, sonst gäbe es die Filmbiografie von Colette nicht, lässt sich der Trend biographischer Frauenfiguren, die das Ringen um Gender-Gleichheit schon Dekaden früher vorwegnahmen, im Kino doch klar erkennen.

Colette kam in erster Linie aufgrund von Keira Knightley auf meine Watchlist. Die so vielseitige wie engagierte Schauspielerin ist nicht nur als heranreifendes Autorentalent ideal besetzt – die Entdeckung ihrer sexuellen Identität und die gesellschaftliche Auswilderung ihres intellektuellen Bewusstseins waren biographische Wendepunkte, denen auch Knightley meinungsmäßig, wie es scheint, beigepflichtet haben könnte. Colette selbst wäre womöglich recht stolz auf ihre Interpretation. Was aber nur die halbe Miete des Filmes ist. Auf der anderen Seite steht Dominic West – auch er meistert den Lebemann und Hedonisten mit selbstverständlichem Hang zur zärtlichen Unterdrückung. Beide, Knightley wie West, harmonieren in der ganzen Bandbreite ihrer Diskrepanzen und Intimitäten in einem gefälligen, gegenseitig den Ball zuspielenden Rhythmus. Die Chemie stimmt also außerordentlich – und der Film selbst? Der ruht im Setzkasten klassischer Filmbiographien. Liebevoll ausgestattet, ein Streifzug durch die Geschichte ausgesuchter Mode, welche die Haute volée wohl gerne so getragen hat. Bis sich der Stil bei Colette selbst komplett ändert – und sie aus der schicken Bourgeoisie trendsetzend heraus- und auffällt.

Etwas schwer tut sich Colette – also der Film – vor allem anfangs. Da flaniert das elegante Biopic sonnenschirmdrehend vor sich hin, ohne dem Kern der Geschichte näherzukommen. Das sind Längen, schön gefilmt zwar, aber relativ ereignislos. Bis Colette – nun die Person – sich selbst entdeckt, und das ist gefühlt im letzten Drittel des Films. Bis dahin heißt es: Sitzfleisch bewahren, denn es zahlt sich durchaus aus, etwas über das Schicksal einer Persönlichkeit zu erfahren, die als die größte Schriftstellerin Frankreichs gilt. Wissenslücken werden mit Colette geschlossen. Und Claudine, sofern es mir wieder mal in die Hände fällt, aufmerksamer durchgeblättert.

Colette

Am Strand

GESTERN, HEUTE, MORGEN

7,5/10

 

amstrand© 2000-2018 PROKINO Filmverleih GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DOMINIC COOKE

CAST: SAOIRSE RONAN, BILLY HOWLE, EMILY WATSON, ANNE-MARIE DUFF U. A.

 

Harry & Sally haben schon in den 80ern versucht, zu beweisen, dass nicht gleichgeschlechtliche Freundschaften ohne sexuelle Komponente einfach nicht möglich sind. Da gab es damals noch genug zu schmunzeln. Das gibt es 2018 mit der Verfilmung der 2007 entstandenen Novelle Am Strand von Autor Ian McEwan nicht mehr. Wobei die Geschichte zweier Liebender eine ganz andere ist. Aber doch sehr viel mit Freundschaft, Partnerschaft und letztendlich Sex zu tun hat. Und dieser Sex, dieses große Tabuthema, dieses Etwas, worüber Mann und Frau nicht spricht, schon gar nicht Anfang der 60er Jahre – der kann vielmehr oder alles ruinieren anstatt auch nur irgendetwas zu richten. Und das, bevor er überhaupt jemals Teil einer Beziehung wird. Denn eine Beziehung, keine freundschaftliche, sondern eine eheliche – die will natürlich vollzogen werden. Das langjährige Partnerschaften irgendwann fast oder ganz ohne Intimitäten auskommen können, ist sicherlich, so wage ich zu behaupten, keine Seltenheit. Deshalb muss eine solche nicht gleich vor der Kippe stehen, sondern, ganz im Gegenteil, beständiger sein als andere. Das Partnerschaften gleich anfangs Probleme damit haben, Intimitäten zu leben, ist dann doch eher selten. Und vielleicht auch ein Grund zur Trennung. Denn ganz so nebensächlich ist Lust und körperliche Liebe ganz sicher nicht. Vor allem auch, wenn Nachwuchs geplant werden will. Da aber in den prüden frühen 60ern Sex so gut wie unkommentiert bleibt, führen unterschiedliche Erwartungshaltungen zu schwerwiegenden Missverständnissen, die sogar taufrische Bündnisse fürs Leben nach nur wenigen Stunden bereits in den Abgrund stürzen.

Dieses Dilemma aus Erwartung, Angst und ehelichen Pflichten ist dann auch das Fallbeil, dass auf die kokette Florence und ihren angetrauten, selbstzweifelnden Edward niedersaust. Die Zukunft, die sich beide wohl in ihrer ungestümen, jugendlichen Phase des Kennen- und Liebenlernens wohl ausgemalt haben, wird urplötzlich schwarz überpinselt, als in einem Hotel am Chesil Beach die innersten Befürchtungen der beiden nach außen gekehrt werden. Nämlich, dass Zuneigung und Vertrauen eine Sache sind, sexuelles Begehren eine andere. Und dann kommt der point of no return, wenn das flitterwöchentliche Himmelbett nur darauf wartet, eingeweiht zu werden. Plötzlich sind sich die beiden Turteltauben fremder denn je. Der Druck, alles richtig zu machen, trifft auf die Furcht vor dem Koitus an sich, und nichts ist mehr so, wie es am Tage zuvor noch war. Dem Versagen von beiden Seiten folgt die Erkenntnis eines verheerenden Scheiterns, sowohl auf kommunikativer als auch auf emotionaler Ebene.

Regisseur Dominic Cooke findet für seine so behutsame wie ansprechende Verfilmung von McEwan´s Novelle berührend anmutige, expressive Bilder. Ganz besonders die Schlüsselszenen am Strand vor regenschwerer Wolkenbank, davor ein Boot und Saoirse Ronan in blauem Kleid. Es sind Stimmungen wie aus den Bildern eines Edward Hopper, Neue Sachlichkeit trifft auf reduktionistische Poesie. Billy Howle als der entrüstete Bräutigam Edward sagt Worte, die irreparablen Schaden anrichten, bis er gar nichts mehr sagt. Und Kompromisse für ein Lebensglück kein Thema sind. Ronan, zuletzt in Lady Bird wirklich überzeugend resolut und verträumt, verleiht ihrer jungen Florence, die mit einer dunklen Vergangenheit hadert und sich nach bedingungsloser Nähe sehnt, so etwas wie verzweifelte Zuversicht, sofern es so etwas gibt. Bis diese im Sand verläuft und bitterer Enttäuschung weicht. Beide Protagonisten meistern trotz ihrer Verantwortung für das Gelingen dieses Filmes ihre Rollen mit zielsicherem Gespür für Situationen und dem gesellschaftlichen Umfeld einer Zeit lange vor deren Geburt. Am Strand hat fast schon epischen Charakter, erzählt in stetem Wechsel von vergangenen Momenten und der Zukunft eines versäumten Lebens. Und von einer Chance, die niemals wiederkehrt und einem gemeinsamem Glück, das womöglich funktioniert hätte, hätten beide einander zugehört. Am Strand ist die Schilderung eines Lebens, in der zwei Liebende irgendwann nichts mehr voneinander wussten und zugeschlagene Türen nicht mehr zu öffnen sind. Ein schöner, schmerzlicher, faszinierender Film über Erwartung und Enttäuschung. Nicht wirklich erbaulich, dafür aber sehnsüchtig, wie der Blick aufs Meer, vom Strand aus.

Am Strand