Greenland 2 (2025)

STRAHLEND SCHÖNE AUSSICHTEN

6/10


© 2025 Tobis Film


ORIGINALTITEL: GREENLAND 2: MIGRATION

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

DREHBUCH: MITCHELL LAFORTUNE, CHRIS SPARLING

KAMERA: MARTIN AHLGREN

CAST: GERARD BUTLER, MORENA BACCARIN, ROMAN GRIFFIN DAVIS, AMBER ROSE REVAH, GORDON ALEXANDER, PETER POLYCARPOU, WILLIAM ABADIE, TROND FAUSA AURVÅG U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Nein, dieser Film handelt nicht davon, wie US-Diktator Trump versucht, sich die größte Insel der Welt, ob gewaltsam oder nicht, unter den Nagel zu reißen. Grönland ist im Vorgängerfilm Greenland aus dem Jahr 2020 zwar auch heiß begeht und umkämpft, dient aber vorrangig als temporäres Elysium für Menschen, die dem großen Desaster, den der Komet Clarke wohl bringen wird, entgehen wollen. Das allerdings wollen alle, doch nur einer gewissen Anzahl der Gattung Homo sapiens wird dieses Glück im Unglück vergönnt sein. Das Establishment der Apokalypse hat sich’s mehr oder weniger gerichtet, darunter zählt auch die Familie von Gerard Butler, die sich im Kino-Erstling zwischen Panik, Chaos und vom Himmel regnendem Feuer immer wieder verliert, um sich dann doch noch wiederzufinden.

Gelobtes Land 2.0

Fünf Jahre später sind auch fünf Jahre im Bunker, der tief unter Grönlands Erde ein ganz schönes Grüppchen an Menschen versorgt. Die Erde ist nur noch ein versehrter Brocken im All, die Meere schwappen zwar immer noch im Tidenhub an die Küsten, doch die Luft ist radioaktiv verstrahlt, von oben regnet es immer noch Trümmer und so manch elektromagnetischer Staubsturm fegt, beladen mit Blitzen, über desolate, wüstenhafte Einöden. Daddy Gerard Butler gönnt sich dabei immer mal wieder den Ausflug an die Oberfläche, um an brauchbare Dinge zu kommen, was logischerweise auf Kosten seiner Gesundheit geht. Davon wissen Frau und Kind noch nichts, oder wollen es nicht wahrhaben. Sie hoffen auf bessere Zeiten, die allerdings nicht kommen werden, Denn Grönland entwickelt bald ein tektonisches Eigenleben, was Butler und seine Familie dazu nötigt, sich auf die Suche nach dem gelobten Land zu machen, das sich im Krater aller Krater, nämlich genau dort, wo Asteroid Clarke auf Tuchfühlung mit der Erde ging, längst etabliert haben könnte. Die Aussichten stehen sagen wir mal fifty-fifty, oder zumindest fortynine-fiftyone, also zugunsten einer möglichen Zukunft im Paradies, umgeben von Krieg, Postapokalypse und Zerstörung. Was folgt, ist eine Odyssee auf dem Wasser und zu Land, und stets hat Ric Roman Waugh hier die Familie im Fokus, das letzte noch existierende intakte System unter Menschen, das noch nicht vorrangig von Waffen Gebrauch macht, um die letzten Flecken Erde, die es lohnt, zu bewohnen, zu erobern.

Ordnung im Chaos mit Fingerspitzengefühl

Greenland 2 setzt, wie schon Greenland, auf weitgehend realistische Bilder und denkt das mögliche Szenario nach einer globalen Katastrophe durchaus ernsthaft und auch konsequent durch, allerdings nicht so kompromisslos wie es Alex Garland machen würde, der nach Civil War, seinem Neo-Bürgerkriegs-Schocker im Reportage-Stil, wohl auch den Kometen in ähnlicher Kompromisslosigkeit hätte einschlagen lassen. Ric Roman Waugh gelingen im Erfassen der ganzen Katastrophe vor allem dynamische Massenszenen, er scheint ein Händchen dafür zu haben, eine gewisse visuelle Ordnung gerade im Chaos zu entdecken. In diesen Momenten ist Greenland 2 am stärksten und wird auch richtig spannend, wenn es hart auf hart geht. Das Ziel, zusammen zu bleiben, ist auch hier wieder die halbe Miete. Dazwischen findet Greenland 2 das Wohl des von Entbehrungen Gezeichneten in der Bewusstmachung unvergänglicher Werte, die, wenn man sie vertritt, das Schicksal milde stimmt.

Endzeit-Fototapete

So mancher Endzeitfilm ist aber nur halb so gut, wenn während des Trips durch die Ex-Zivilisation nicht eine Challenge die nächste jagt. Sich dieses Konzepts für todsichere Survival-Unterhaltung annehmend, strapaziert Waugh dabei die sonst so angestrebte Glaubwürdigkeit, was dazu führt, dass sich das Publikum rechtzeitig noch darauf besinnen kann, in einem leider doch arg konstruierten Hollywood-Blockbuster zu sitzen, von dem keinerlei Gefahr droht. Denn schließlich ist das gelobte Land nicht weit und das strahlende Fototapetenmotiv einer besseren Welt die ideale Bühne, um Ende und Anfang gleichermaßen zu zelebrieren.

Greenland 2 (2025)

Last Breath (2025)

ÜBERLEBEN UNTER DRUCK

7/10


© 2025 Focus Features


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: ALEX PARKINSON

DREHBUCH: ALEX PARKINSON, MITCHELL LAFORTUNE, DAVID BROOKS

CAST: FINN COLE, WOODY HARRELSON, SIMU LIU, CLIFF CURTIS, CHRISTIAN SCICLUNA, DAITHÍ O’DONNELL, RIZ KHAN, CONNOR REED, NICK BIADON U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Verlernt man tauchen genauso wenig wie radfahren? Falls ich mich nochmal einem Buddy Check unterziehen sollte, müsste ich garantiert einiges an Praxis nachholen, nur um dann womöglich erst festzustellen, dass mich diese Art Sport wohl immer noch in Panik versetzt. An Riffkanten in tropischen Meeren entlangzutauchen ist eine Sache, die andere ist, in kalten österreichischen Gewässern, die wenig Sichtweite haben, so zu tun, als hätte dieses Nichts, in das man taucht, seinen Reiz. Hatte ich schon, brauche ich nicht mehr. Andere beunruhigt so ein Umstand gar nicht. Wie zum Beispiel den Industrietaucher Chris Lemons. Der würde sich wundern, wenn ich ihm erzähle, wie wenig mich ein Tauchgang im Trüben abholen kann. Andere lieben das, womöglich auch er, denn nach dieser heftigen True Story, die Lemons hier erlebt hat, wieder auf 300 Fuß in die Tiefe zu steigen, um weiter an den Pipelines herumzuschrauben, als wäre nichts gewesen, klingt nach Obsession. Hut ab vor so viel Leidenschaft, die in diesem Fall psychisches wie physisches Leiden geschaffen hat, aber Menschen wie er, das sind eben Grenzgänger, zu denen ich nicht gehöre.

Dieser einzigartige Vorfall, über welchen Dokufilmer Alex Parkinson hier in Spielfilmform berichtet, liegt seiner Dokumentation mit dem Titel Der letzte Atemzug: Gefangen am Meeresgrund zugrunde. Mag sein, dass es diese Form der Dramatisierung gar nicht gebraucht hätte, doch wenn man den Film aus 2019 nicht kennt, bietet diese True Story mit namhaften Schauspielern natürlich die geschmeidige Erzählweise dramatisierter Stoffe. In Last Breath wird auf unpathetische Weise ein Arbeitsunfall rekonstruiert, der so fern zu unserem eigenen Schaffensspektrum liegt, dass er alleine schon aufgrund seiner basisschaffenden Routinesituation eine gehörige Portion Respekt abverlangt. Parkinsons Film erzählt in klarer, schnörkelloser Chronologie eine menschliche Katastrophe und feiert zugleich das verblüffende Wunder sich gegenseitig bedingender physikalischer Gesetze. Anders als bei Balthasar Kormákurs Überlebensdrama The Deep über einen Fischer, der stundenlang im nur 5 Grad kalten Wasser vor Island überlebt hat, obwohl er nach einem Bootsunglück Kilometer um Kilometer an die Küste geschwommen war, lässt sich das, was in Last Breath passiert, zumindest nicht als Anomalie erklären.

Die Luft ist zwar draussen, aber nicht im Film

Dieser Taucher also, Chris Lemons, macht sich mit fünf Tagen Vorlaufzeit an die Arbeit, da er schließlich mitsamt seines Teams in eine Dekompressionskammer gesteckt wird, um sich überhaupt erst dem Druck von 300 Fuß anzupassen. Die Arbeit am Meeresboden selbst beträgt dann sechs Stunden, doch in dieser Zeit kann vieles passieren – wie zum Beispiel ein heftiges Unwetter, welches an der Oberfläche tobt und das Mutterschiff an seine Grenzen bringt. Wenn die Bordelektronik ausfällt, lässt sich der Kahn nicht mehr an seiner Position halten, an diesem hängt aber die Taucherglocke, an der wiederum hängen die Taucher – und schon passiert es. Die Luftzufuhr wird gekappt, Chris schleudert es ins Nichts.

Wie er es dennoch schafft, ohne Sauerstoff in dieser Finsternis und Kälte zu überleben, wie Woody Harrelson und Simu Liu (Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings) alles daransetzen, ihren Kollegen zu retten und was Cliff Curtis als Kapitän der Bibby Topaz oben inmitten des Sturms alles wagt, um niemanden zurückzulassen, beantworten knapp hundert Minuten fesselndes Survivalkino, die so packend erzählt sind wie jene des semidokumentarischen Bergsteigerdramas Sturz ins Leere von Kevin McDonald. Alleine schon die Parameter, die für so einen Tauchgang geschaffen werden müssen, sind erstaunlich. Eine Notfallaktion wie diese lässt dabei doppelt die Luft entweichen – bei Finn Cole als Taucher Chris und beim Publikum, das erstmal unweigerlich den Atem anhält.

Zwischen Weltraum und finsteren nautischen Tiefen gibt es kaum mehr einen Unterschied. Last Breath wird zu Gravity unter Wasser. Pragmatisch zwar, aber akkurat und aufregend allein durch seine Umstände. Alex Parkinsons Thriller entspricht der Summe seiner Teile, heruntergebrochen auf Fakten und menschliche Dramen, die diese begleiten.

Last Breath (2025)