Der Magier im Kreml (2025)

ERKLÄR‘ MIR RUSSLAND

6,5/10

 

Paul Dano im Politdrama Der Magier im Kreml von Olivier Assayas
© 2025 Constantin Film Österreich

 

LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2025

REGIE: OLIVIER ASSAYAS

DREHBUCH: OLIVIER ASSAYAS, EMMANUEL CARRÈRE, NACH DEM ROMAN VON GIULIANO DA EMPOLI

KAMERA: YORICK LE SAUX

CAST: PAUL DANO, JUDE LAW, ALICIA VIKANDER, WILL KEEN, TOM STURRIDGE, JEFFREY WRIGHT U. A.

LÄNGE: 2 STD 36 MIN 



Ob Wladimir Wladimirowitsch Putin, im Film des Öfteren oder fast immer als „Der Zar“ bezeichnet, diesen Film schon gesehen hat? Er könnte die Sichtung dessen damit begründen, seine Kenntnis darüber ausbauen zu wollen, wie denn der Westen über Russland denkt. Nun, im Grunde weiß er das sowieso. Unterm Strich sind sie alle unfair, außer die FPÖ oder Trump. Oder Karin Kneissl. Weil der Westen wiederum selbst Russland als missratenen Staat empfindet. Wieso sollte er sich das also antun, weil die anderen sowieso und eh nichts wissen?

Die Macht der Macher

Der Magier im Kreml ist aber kein Schwerter schwingendes und scharfzüngiges Aggressionskino gegen das diktatorische Russland, dessen Führer gerne so sein möchte wie seinerzeit Stalin, mit diesem riesigen russischen Reich unter seiner Fuchtel. Dieses stille Drama, das sich lediglich in Worten und damit dokumentierten Berichten weiterbewegt als sonst wie, hat kein Interesse daran, auf irgendeine Weise zu hetzen. In nüchterner, analytischer Methodik arbeitet sich Filmemacher Olivier Assayas durch die literarische Vorlage des Schriftstellers und Politikwissenschafters Guiliano da Empoli, der augenscheinlich gewusst haben muss, wovon er in seinem Bestseller berichtet, nämlich von Struktur, Konzeption und die Umsetzung dessen, was man bekanntlich als autoritäre Machtausübung bezeichnet.

Als solch eine Aufdröselung diverser Mechanismen will Der Magier im Kreml gesehen werden, und dabei stellt sich wiederum die Frage, ob dieser Putin wohl, würde er den Film sehen, all die Methoden nachvollziehen, sich selbst und seinen Stab als entlarvt oder ertappt ansehen oder nur überheblich lächelnd das Ganze als naiven Versuch ansehen könnte, das Geheimnis hinter dem Machtmonster Russland herausfinden zu wollen. Ist das Werk also damit gescheitert oder nicht? Und wer ist überhaupt dieser Wadim Baranow, die rechte Hand Putins oder dessen Schatten?

Danos Figur gab es gar nicht

Es gibt ihn gar nicht. Und gab ihn auch nicht. Wenn es jemanden gab, der so ähnlich taktierte, dann war das Wladislaw Surkow, und tatsächlich wurde der auch als Zauberer bezeichnet, als dritter Mann im Staat. Aber Baranow, den gab es nicht. Nicht so, wie ihn Paul Dano darstellt. Womöglich deswegen, weil es vermutlich selbst für Autor Empoli unmöglich war, näheres über die Biografie dieses Mannes namens Surkow herauszufinden. Und bevor man sich anhören muss, schlecht recherchiert zu haben und sich damit in die Nesseln setzt, lässt man Surkow weg und erfindet eine gänzlich neue Figur.

Damit lässt sich auch besser erzählen, es lässt sich die politische Biografie dieses Machtmenschen Putin einfacher betrachten, wenn man mit einer Figur wie Baranow umgehen kann wie man will und diesen auch so platziert, dass er alles sehen kann, was hinter den Kremlmauern abgeht. Der Rest ist schließlich ohnehin Geschichte.

All die anderen gab es ja wirklich, auch diesen Oligarchen und Fernsehmogul Boris Beresowksi (famos: Will Keen) oder Dmitri Sidorow („Sandman“ Tom Sturridge) – zwei Machtmenschen, die man mittlerweile auch nicht mehr befragen kann. Der Verdacht auf politische Sterbehilfe kommt nicht von irgendwoher, denn Putins Machtapparat, das wissen wir aus den Nachrichten, kann, wenn er denn will, weit über die Staatsgrenzen hinaus noch nachwirken.

Schweigen ist silber, Reden ist gold

Kehren wir zurück zu Paul Dano, den Quentin Tarantino kurzzeitig irgendwie nicht leiden konnte, der aber hier, unter Olivier Assayas Regie, das pausbäckige Milchgesicht eines emotionslosen Denkers abgibt, der zweieinhalb Stunden durchgehend und obendrein den Erklärbären gibt. Da lohnt es sich wieder, Der Magier im Kreml in der synchronisierten Fassung zu sehen, sonst würde man, wie schon bei Haugeruds Oslo-Trilogie, an den Bildern vorbei die Untertitel begaffen, sofern man nicht perfekt Englisch versteht. So aber ist die angenehm kindliche und streichelweiche deutsche Übersetzung problemlos und auf längere Zeit hörbar, schließlich lässt sich ohne der Stimme aus dem Off der halbe Film nicht verstehen, sind all die Etappen der Laufbahn eines Putin in ihrer recht gleichförmigen Beschaffenheit kaum auseinanderzuhalten.

Für die nötige Abwechslung sorgt Alicia Vikander mit variablem Haircut, alle anderen ruhen in ihrem konsistenten Erscheinungsbild – und auch Jude Law, der die Herausforderung stemmen muss, weit jenseits einer aversiven Parodie den Mann bewusst vorurteilsfrei darzustellen, gelingt die reduzierte Annäherung mit lediglich einstudierter Mundpartie und schütter-blondem Haar.

Wenig Vodka, dafür Winter

Wie ein Film wie Der Magier im Kreml funktionieren kann, ausschließlich mit Dialogen, den Fokus starr auf die pulsierende Machtblase gerichtet, den Blickwinkel stets bei Paul Danos rezitierender Funktion belassend? Vielleicht ist die Beharrlichkeit in diesem Film genau das, was den Unterschied macht, was den eigenen Kopf anregt. Was das Unangreifbare zum kalkulierenden kleinen Menschen macht, der den Freibrief für alles ergattert. Assayas schafft einen speziellen Film zwischen McKays Vice und Oliver Stones Präsidentendramen, deutlich europäischer, samt Arthouse-Touch und unterkühltem Russlandwinter.

Der Magier im Kreml (2025)

DJ Ahmet (2025)

VON WEGEN SCHWARZES SCHAF

7/10



© 2025 Neue Visionen


LAND / JAHR: NORDMAZEDONIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: GEORGI M. UNKOVSKI

KAMERA: NAUM DOKSEVSKI

CAST: ARIF JAKUP, DORA AKAN ZLATANOVA, AGUSH AGUSHEV, AKSEL MEHMET, ATILA KLINCE, SELPIN KERIM, METIN IBRAHIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



Nordmazedonien und der Rest der Welt – ja, auch dort lebt man auf dem selben Planeten wie die übrige Menschheit auch, nur etwas provinzieller. Was letztlich kein Grund dafür sein soll, nicht auch die Vorteile des Fortschritts zu genießen. Doch in der Provinz, das wissen wir, haben Traditionen das Vorrecht darauf, alles andere, was da so an Einfluss aus dem Osten oder den Westen herüberschwappt, durchzulassen, damit es sich in einem jahrhundertelang gleichen Alltag integriert, oder abzuschmettern. Beim Abschmettern ist man dort vor allem dann gut, wenn es um die Rechte der Frauen geht. Das mag bei den Alten vielleicht etwas zu spät kommen, denn die scheinen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben – nicht aber bei den jungen, die man heutzutage ungern noch als heiratsfähig bezeichnet. Eine dieser jungen Frauen ist Aya. Und die hat die Nase voll vom Patriarchat.

Fremdbestimmt leben

Wie es der Zufall im Film gerne will – und dieser hier mag durchaus mit dem Genre der RomCom liebäugeln, auch wenn der Schauplatz dafür ein gänzlich ungewohnter ist – trifft Aya auf den etwas schusseligen, aber musikverliebten Ahmet. Er und der Rest seiner Familie muss ein tragisches Schicksal verarbeiten, nämlich den Tod der Mutter. Bruder Naim spricht seitdem kein Wort mehr und sucht Schritt auf Tritt die Nähe Ahmets. Der Vater: verdrossen, störrisch und trauernd. Kann man verstehen, muss man aber nicht auf jene übertragen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Vielleicht streben genau die etwas ganz anderes an als am hauseigenen Hof die Schafe zu hüten statt in die Schule zu gehen, um sich der eigenen Peer-Group anzuschließen. Immerhin bleibt Ahmet noch Aya – denn die übt für eine Tanzperformance im Rahmen des kommenden Dorffestes, mit der sie ihrem dominanten Vater in seinen vorgestrigen Ansichten vor den Kopf stoßen will.

Retro-Revolution als RomCom

Wie Ahmet dabei zum DJ wird, ist eine versponnene, launig verfilmte Tragikomödie, die nicht nur von der Energie der beiden jungen Leute lebt, die sich in kleinen Schritten, zaghaft und mit sehr viel Neugier im Gepäck, einander annähern. Dabei strahlt Dora Akan Zlatanova eine Grazie, einen Esprit und eine Persönlichkeit aus, die dieser mitunter turbulenten kleinen Geschichte dMelodie verleiht. Schon die erste Szene ihres Auftretens hat Magie: Man sieht nur Ayas Turnschuhe, wie sie durchs Feld gleiten, dann wandert die Kamera höher, wir sehen ein Mädchen in traditionellem Gewand und mit geschnürtem, gelbem Kopftuch – eine blonde Haarsträhne fällt keck über ihre Stirn. Ihr Blick sagt alles – und findet den von Ahmet. So freudvoll traditionell diese Art und Weise ist, eine Romanze zu beginnen, während sie an die entzückenden Liebesfilme der 50er erinnert, so progressiv mag dann auch die Geisteshaltung sein, welche die beiden Revoluzzer dazu bringt, nicht nur aus den Mechanismen einer obsoleten Gesellschaftsstruktur auszubrechen, sondern auch aus der Enge einer auferlegten Trauer.

Jugend ändert sich überall

Die knarzende Stille der Traditionen vertreibt so mancher Techno-Beat mit Lust an der Aufmüpfigkeit, ohne aber die Geduld dabei zu verlieren, wenn es darum geht, den Traditionen von Verliebtheit und Zuneigung Raum und Zeit zu lassen. Beides passt gut zusammen, nichts davon wirkt aufgesetzt. Progressives Highlight ist zweifelsohne seine für manch konservativen Muslim provokative, für manch Taliban wohl schockierende musikalische Alternative zum Muezzin. Was Autorenfilmer Georgi M. Unkovski aber am allerbesten gelingt, und wofür man ihn regelrecht loben muss, ist, dass er aus seinem erfrischend selbstironischen DJ Ahmet kein kitschiges Märchen macht, sondern auf faire Weise das mögliches Szenario eines zwar nicht in jeder Hinsicht guten, aber auch nicht hoffnungslosen Endes durchspielt. Genau das hätte man dem Film vielleicht gar nicht so zugetraut. Genauso wenig, wie das Durchsetzungsvermögen einer nordmazedonische Next Generation, die den Wind of Change bringt.

DJ Ahmet (2025)

Das Flüstern der Wälder (2025)

NATUR, WENN SIE LAUT IST

8/10



© 2025 Vincent Munier


LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: VINCENT MUNIER

KAMERA: VINCENT MUNIER, ANTOINE LAVOREL, LAURENT JOFFRION

MUSIK: WARREN ELLIS, DOM LA NENA, ROSEMARY STANDLEY

MIT: VINCENT MUNIER, MICHEL MUNIER, SIMON MUNIER

LÄNGE: 1 STD 36 MIN



Unter Flüstern verstehe ich etwas anderes. Die Dezibelgrenze zum lauten Geräusch hat zumindest der Auerhahn nämlich längst durchbrochen. Wenn er seinen Balzruf loslässt, ist das weniger ein Ruf als mehr ein metallisches Knacken – als würde man eine Delle in einen Blecheimer schlagen, als wären darin überdies gläserne Murmeln, die hin und her klackern. Nicht tierisch klingt dieses Geräusch, und gerade deshalb ist es das. Ein Kuriosum der Natur, wie so vieles. Zum Glück gibt es sie noch in den Wäldern Österreichs, in den Kalkalpen und im Gesäuse. Geführte Touren kann man zur besten Auerhahnzeit des Jahres buchen, um es mit eigenen Augen zu hören. Dieses Glucksen, gutturale Klucken und Gurgeln. Ein Jahrhundertschauspiel.

Männer allein im Wald

In den Vogesen, einem Mittelgebirge in Frankreich, scheint der Auerhahn fast verschwunden. Dennoch stehen „Two and a half Men“ allein im Wald, die sehnsüchtig nach diesem Geräusch die Ohren spitzen. Und nicht nur nach diesem. Egal, was kommt, und ganz egal, wo es raschelt, knackt und wo sich dampfende Leiber durchs Unterholz schieben. Jedes noch so beiläufige Geräusch erweckt das Interesse nicht nur von Filmemacher Vincent Munier, sondern auch von dessen Sohn und wiederum von dessen Großvater. Drei Generationen schieben sich durch die atemberaubende Wildnis eines märchenhaft unberührten Urwaldes, in dem womöglich sonst kein Normalsterblicher Zutritt erhält, ganz so wie im österreichischen Urwald des Dürrenstein. Die Audienz aber würde ihnen gewährt, und so auch uns naturaffinen Zuseherinnen und Zusehern, die noch immer so viel Ruhe in sich selbst bewahren können, um angesichts dieser Entschleunigung nicht gleich nervös im Kinosessel herumzuwetzen, weil sozialmediale Dauerbeschallung und der durchgetaktete Zack-Zack-Rhythmus einer denaturierten, urbanen Welt längst neue Parameter für den Alltag gesetzt haben. In der Ruhe liegt die Kraft, und die Kraft liegt in der Natur. Ein jeder weiß das, nur wenige besinnen sich darauf. Ein Wald in seiner Gesamtfunktionalität eines intakten Ökosystems ist sowieso der beste Therapeut. Und auch wenn keine Wege in so einem Dickicht erkennbar sind, führen doch alle Wege zum Ursprung des Selbst.

Den Wald wirken lassen

Dafür brauchen die drei Slow-Mode-Abenteurer wirklich nur eine stromlose Hütte im Wald, in der es ausnahmsweise mal nicht spukt, wenn man mal davon absieht, dass das gespenstische Röhren, Brüllen und Kichern da draußen im Dunkel einem das Gänsehautgefühl gibt, nicht allein zu sein. Dieses Unbehagen weicht aber schnell einer kribbelnden, aufgeregten Neugier, so, als würde man eine Terra incognita betreten. Niemals weiß man in der Natur, was kommt. Es bleibt einem, festzustellen, dass sich etwas bewegt. Dass im Zwielicht des frühen Morgens, inmitten des leise tröpfelnden Regens und des knarzenden Winters etwas unterwegs sein muss. Was folgt, ist die disziplinierte Stille des beobachtenden Menschen. Und das meditative Warten. Warten darauf, einem Wesen zu begegnen, was immer es auch sein mag. Ein Dachs, ein Eichhörnchen, ein Waldkauz, vielleicht sogar ein Luchs.  Durch das stille Gewässer pflügt eine Hirschkuh, begleitet von ihrem Kalb. Der Nebel hängt über dem Wasser, das Licht zeichnet Silhouetten. So muss es gewesen sein, vor dem Menschen. Und ist es immer noch, siehe da.

Ein Essay aus Erahnen und Erlauschen

Vincent Munier hat sich in den letzten Jahren auf die Spur eines der seltensten Tiere unseres Planeten begeben: Dem Schneeleoparden. Dafür hat ihm sogar Nick Cave einen Song geschrieben, der am Ende des Films zu hören ist und den Spirit von Muniers Arbeiten auf beste Weise musikalisch einfängt. Komponist Warren Ellis ist auch diesmal wieder dabei – und vertont diese immersive Wanderung gerade dann durch seine reduktionistische Stimmungsmusik, wenn gerade mal nichts röhrt und knackt und knistert. In diese inszenatorische Harmonie taucht Munier abermals ein, er taucht in den Wald, in die Wildnis; hat zwar den Auerhahn als hehres Ziel vor Augen, doch letztlich ist es im einerlei, was ihm begegnet. Alles hat seinen Zauber, alles zelebriert und lebt die perfekte Kunst des Versteckens, des Tarnens und Flüchtens vor der leisesten Regung der Beobachter. Das Flüstern der Wälder ist kein populärwissenschaftliches Werk, sondern ein Daseinszustand. Ein Essay aus Hören und Sehen, ein meditatives Eintauchen in die Vollkommenheit des Erahnens und Erhaschens.

Ein Wald wie eine Schachtel Pralinen

Wie mich einst schon der Kurzfilm Anima Mundi von Godfrey Reggio beeindruckt hat, der die Seele der Natur in schnellen Schnitten und mit der Musik von Philipp Glass auf 28 Minuten herunterbricht, so spüre ich auch diesmal bei Muniers teils assoziativen wie intuitiven Abenteuer der Wahrnehmung eine meinem persönlichen Zugang zur Natur adäquate Wahl des Dialogs, in welchem von Seiten des Menschen einfach nur durch das Vorhandensein von Respekt schon alles gesagt ist. Die Antwort des Gegenübers, des ganzen kompakten, diffusen, uneinsehbaren, rätselhaften Öko-Wunders eines Waldes, kann lange dauern, ist niemals zu Ende. So flüstert eigentlich nur der Mensch, während das ohrenbetäubende Crescendo eines wirbelnden Gemütszustandes aus Wetter, Flora und Fauna alleine durchs Hinsehen und Hinhören zum kostenfreien Überraschungskonzert in der ersten Reihe fußfrei wird.

Das Flüstern der Wälder (2025)

Greenland 2 (2025)

STRAHLEND SCHÖNE AUSSICHTEN

6/10


© 2025 Tobis Film


ORIGINALTITEL: GREENLAND 2: MIGRATION

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

DREHBUCH: MITCHELL LAFORTUNE, CHRIS SPARLING

KAMERA: MARTIN AHLGREN

CAST: GERARD BUTLER, MORENA BACCARIN, ROMAN GRIFFIN DAVIS, AMBER ROSE REVAH, GORDON ALEXANDER, PETER POLYCARPOU, WILLIAM ABADIE, TROND FAUSA AURVÅG U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Nein, dieser Film handelt nicht davon, wie US-Diktator Trump versucht, sich die größte Insel der Welt, ob gewaltsam oder nicht, unter den Nagel zu reißen. Grönland ist im Vorgängerfilm Greenland aus dem Jahr 2020 zwar auch heiß begeht und umkämpft, dient aber vorrangig als temporäres Elysium für Menschen, die dem großen Desaster, den der Komet Clarke wohl bringen wird, entgehen wollen. Das allerdings wollen alle, doch nur einer gewissen Anzahl der Gattung Homo sapiens wird dieses Glück im Unglück vergönnt sein. Das Establishment der Apokalypse hat sich’s mehr oder weniger gerichtet, darunter zählt auch die Familie von Gerard Butler, die sich im Kino-Erstling zwischen Panik, Chaos und vom Himmel regnendem Feuer immer wieder verliert, um sich dann doch noch wiederzufinden.

Gelobtes Land 2.0

Fünf Jahre später sind auch fünf Jahre im Bunker, der tief unter Grönlands Erde ein ganz schönes Grüppchen an Menschen versorgt. Die Erde ist nur noch ein versehrter Brocken im All, die Meere schwappen zwar immer noch im Tidenhub an die Küsten, doch die Luft ist radioaktiv verstrahlt, von oben regnet es immer noch Trümmer und so manch elektromagnetischer Staubsturm fegt, beladen mit Blitzen, über desolate, wüstenhafte Einöden. Daddy Gerard Butler gönnt sich dabei immer mal wieder den Ausflug an die Oberfläche, um an brauchbare Dinge zu kommen, was logischerweise auf Kosten seiner Gesundheit geht. Davon wissen Frau und Kind noch nichts, oder wollen es nicht wahrhaben. Sie hoffen auf bessere Zeiten, die allerdings nicht kommen werden, Denn Grönland entwickelt bald ein tektonisches Eigenleben, was Butler und seine Familie dazu nötigt, sich auf die Suche nach dem gelobten Land zu machen, das sich im Krater aller Krater, nämlich genau dort, wo Asteroid Clarke auf Tuchfühlung mit der Erde ging, längst etabliert haben könnte. Die Aussichten stehen sagen wir mal fifty-fifty, oder zumindest fortynine-fiftyone, also zugunsten einer möglichen Zukunft im Paradies, umgeben von Krieg, Postapokalypse und Zerstörung. Was folgt, ist eine Odyssee auf dem Wasser und zu Land, und stets hat Ric Roman Waugh hier die Familie im Fokus, das letzte noch existierende intakte System unter Menschen, das noch nicht vorrangig von Waffen Gebrauch macht, um die letzten Flecken Erde, die es lohnt, zu bewohnen, zu erobern.

Ordnung im Chaos mit Fingerspitzengefühl

Greenland 2 setzt, wie schon Greenland, auf weitgehend realistische Bilder und denkt das mögliche Szenario nach einer globalen Katastrophe durchaus ernsthaft und auch konsequent durch, allerdings nicht so kompromisslos wie es Alex Garland machen würde, der nach Civil War, seinem Neo-Bürgerkriegs-Schocker im Reportage-Stil, wohl auch den Kometen in ähnlicher Kompromisslosigkeit hätte einschlagen lassen. Ric Roman Waugh gelingen im Erfassen der ganzen Katastrophe vor allem dynamische Massenszenen, er scheint ein Händchen dafür zu haben, eine gewisse visuelle Ordnung gerade im Chaos zu entdecken. In diesen Momenten ist Greenland 2 am stärksten und wird auch richtig spannend, wenn es hart auf hart geht. Das Ziel, zusammen zu bleiben, ist auch hier wieder die halbe Miete. Dazwischen findet Greenland 2 das Wohl des von Entbehrungen Gezeichneten in der Bewusstmachung unvergänglicher Werte, die, wenn man sie vertritt, das Schicksal milde stimmt.

Endzeit-Fototapete

So mancher Endzeitfilm ist aber nur halb so gut, wenn während des Trips durch die Ex-Zivilisation nicht eine Challenge die nächste jagt. Sich dieses Konzepts für todsichere Survival-Unterhaltung annehmend, strapaziert Waugh dabei die sonst so angestrebte Glaubwürdigkeit, was dazu führt, dass sich das Publikum rechtzeitig noch darauf besinnen kann, in einem leider doch arg konstruierten Hollywood-Blockbuster zu sitzen, von dem keinerlei Gefahr droht. Denn schließlich ist das gelobte Land nicht weit und das strahlende Fototapetenmotiv einer besseren Welt die ideale Bühne, um Ende und Anfang gleichermaßen zu zelebrieren.

Greenland 2 (2025)

The Amateur (2025)

CODEKNACKER IM SÜHNEFIEBER

5,5/10


© 2025 20th Century Fox


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAMES HAWES

DREHBUCH: KEN NOLAN, GARY SPINELLI

CAST: RAMI MALEK, LAURENCE FISHBURNE, RACHEL BROSNAHAN, JON BERNTHAL, CAITRÍONA BALFE, MICHAEL STUHLBARG, HOLT MCCALLANY, JULIANNE NICHOLSON, MARC RISSMANN, JOSEPH MILLSON, ADRIAN MARTINEZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Man kann nicht wirklich behaupten, dass Rachel Brosnahan, die zukünftige Lois Lane in James Gunns DC-Universum, im CIA-Thriller The Amateur einen spielfilmlangen Auftritt hinlegt. Viel eher bringt sie maximal den Stein ins Rollen, der die Handlung fortan für die nächsten zwei Stunden durch ein komprimiertes Spannungskino peitscht, welches viele Details außen vorlässt. Diese Feinheit im Erzählen hätte allerdings dazu geführt, aus einem routinierten Agentenfilm vielleicht gar etwas Besonders zu machen, einen Genrefilm mit anderem Blickwinkel, vorrangig einem psychologischen. Denn Brosnahans Göttergatte in dieser illustren Verfolgungsjagd quer über den europäischen Kontinent ist Rami Malek. Er ist der Star dieses Films, Oscarpreisträger für die Imitation von Freddy Mercury und überhaupt einer, der sich nicht dem Mainstream solider Schauspielkunst unterordnet. Malek legt seine Rollenwahl gerne auf Charaktere an, die stets eine verpeilte Weltsicht mit sich führen, die gerade erst durch ihr Verhalten oder so, wie sie die Welt sehen, zum geachteten und nicht verachteten Außenseiter werden. So einer ist Malek auch als Amateur – wobei sich die desillusionierte Bezeichnung für einen, der nicht weiß, wies geht, lediglich darauf beschränkt, in James Bond-Manier den Schurken das Handwerk zu legen. Diese Skills beherrscht Charlie Heller, so die Anti-Heldenfigur beim Namen genannt, nicht wirklich. Dafür aber hat er es als Codeknacker und Superbrain in Sachen Computertechnologie so einiges im Köpfchen. Das Ableben seiner besseren Hälfte erfolgt dann durch einen nicht näher erläuterten Terroranschlag, eine Gruppe martialischer Bösewichte lassen Brosnahan also zeitnah zum Anfang über die Klinge springen. Charlie Heller sieht das Ganze mit an, ist verstört, wütend und trauernd. Und schwört natürlich, wie kann es anders sein, auf die obligate Rache. Alle, die an dieser Schandtat beteiligt waren, und wovon wir nicht wissen, warum sie es getan haben, sollen sterben. Da Heller die Geschäftsführung der CIA angesichts eines leicht beweisbaren Vertuschungsskandals am Schlafittchen packt, willigt diese ein, den Schreibtischhengst einer Agentenschulung zu unterziehen, damit dieser seine Spur der Verwüstung durch die alte Welt ziehen kann. Haudegen Laurence Fishburne, der ihn unterweisen soll, erkennt aber bald, dass, auch wenn man es im Köpfchen hat, nicht automatisch in den Armen haben muss. Statt der Waffe im Anschlag darf nun der Laptop her. Online und mit schnell erlerntem Know-How fürs Bombenbasteln macht sich der schmächtige Exzentriker ans Werk.

Rami Malek sieht man gerne dabei zu, wie er sich an das Schurkenpack ranmacht, meist trickst es Regisseur James Hawes so, dass der Rächer nicht in erster Instanz für das Ableben so manches finsteren Kapazunders verantwortlich sein muss. Die Figur des Heller ist schließlich eine gute, eine Moralperson, doch gerade der Faktor der Ambivalenz wäre hochinteressant gewesen, hätte The Amateur doch eher den Weg einer Charakterstudie eingeschlagen. Stattdessen scheint der Plot des Thrillers wie die Idee eines Showrunners für eine weitere Staffel Jack Ryan zu sein, angereichert mit einem Dutzend Episoden und vorallem in den Details soweit auserzählt, dass man als Zuseherin oder Zuseher ganz gut nachvollziehen kann, wie Malek es überhaupt gelingt, den Bösen das Handwerk zu legen. Was Stoff genug gewesen wäre für eine ganze Staffel bester Genre-Unterhaltung, komprimiert The Amateur auf satte zwei Stunden herunter und verzichtet dabei auf die feine Klinge sowohl des Erzählens als auch der Charakterzeichnung. Malek kompensiert das Defizit immerhin mit gewohnter Professionalität. Mitunter blitzen Ansätze auf, die den Widerstreit in seiner Seele zeigen, jedoch ist das Meiste als simplifizierte Form eines winkelschlagenden Rachefeldzugs zu sehen, der am Ende des Tunnels die Moral verortet und es dem Superhirn so einfach wie möglich macht. Wie Mary Poppins in ihrer Ledertasche kramt, um alles herauszufriemeln, was man gerade benötigt, hat Maleks Figur alles zur Hand. Vom Improvisations-Tutorial eines McGyver ist nicht viel übrig, stattdessen scheint diesem hier der die Gunst der Götter so gut wie sicher. Flüge von A nach B gestalten sich wie lokale Straßenbahnfahrten, der Endgegner ist ein redseliger Philosoph, der die Weisheit der Welt gepachtet haben muss. Letzten Endes bleibt vieles so konstruiert, dass es in die abendfüllende Spielzeit passt. Zwar beherrscht James Hawes, der zuletzt Anthony Hopkins im Weltkriegsdrama One Life einen guten Menschen hat sein lassen, das Einmaleins des Agentenfilms, doch dieses Einmaleins wenden alle an, die im Genre unterwegs sind. The Amateur kann, trotz Unterhaltungswert, Krasinskis Jack Ryan nicht das Wasser reichen.

The Amateur (2025)

Criminal Squad 2 (2025)

ÜBER DEN DÄCHERN VON… NIZZA?

6/10


© 2024 Constantin Film Verleih GmbH / Rico Torres


ORIGINALTITEL: DEN OF THIEVES 2: PANTERA

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: CHRISTIAN GUDEGAST

CAST: GERARD BUTLER, O’SHEA JACKSON JR., MEADOW WILLIAMS, JORDAN BRIDGES, EVIN AHMAD, SWEN TEMMEL, MICHAEL BISPING, SALVATORE ESPOSITO, ORLI SHUKA U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Das Genre des Buddy-Actionfilms hat einen langen Atem – derzeit mischen immer noch Martin Lawrence und Will Smith die Szene auf, früher waren das mal Eddie Murphy und Nick Nolte oder Mel Gibson und Danny Glover. Christian Gudegast gestaltet seinen abenteuerlichen Eventkrimi allerdings anders. Bei ihm sind es ein abgehalfterter Bulle wie er abgehalfterter nicht sein kann – und ein Gauner, der sich seit dem ersten Zusammentreffen in Criminal Squad 2018 wohl nicht oft hat bitten lassen müssen, diversen Genüssen zu frönen. O’Shea Jackson ist mittlerweile ein formatfüllender Brummbär mit Goldkette und Sonnenbrille, man möchte meinen, man hätte es mit einem arroganten Unsympathler zu tun, der sich später aber liebgewinnen lässt, weil er keinen Brutalo darstellt, sondern nur einen talentierten Gentleman, der bei Danny Ocean mitmischen könnte und der weiß, wie man wo an die große Beute gelangt. In Criminal Squad hat sich Gerard Butler dabei die Zähne ausgebissen. Big Nick, der verwahrloste Anti-Cop mit dem ungepflegten Äußeren, der gerne unschön wird, hat sieben Jahre später die Suche nach seiner Nemesis immer noch nicht aufgegeben. Dafür aber alles, was im Privaten Bestand haben sollte, verloren. So uferlos und haltlos der Mann auch sein mag, es reicht immer noch für den Ehrgeiz, den offenen Fall zu Ende zu bringen. Er erfährt, dass dieser Donnie an einem Coup in Antwerpen dabei war, bei welchem ein teurer Klunker aus einem Privatjet gestohlen wurden. Ein so ein fettes Steinchen gehört eigentlich der sardischen Mafia – wie sich später herausstellen wird, war das keine gute Idee, sich gerade diesen wertvollen Gegenstand im Zuge eines martialischen Täuschungsmanövers unter der Nagel zu reißen.

Alles trifft sich letztlich in Nizza – oder in einer Stadt, die im Film vorgibt, Nizza zu sein. Man weiß doch: diese Stadt an der Cote D’Azur hat Glamour und Charisma, die Reichen und Schönen treffen sich dort genauso wie in Cannes oder Monaco. In Criminal Squad ist Nizza aber eine auf mediterranen Karsthügeln errichtete Ansiedlung von schlichten Gebäuden, denen das gewisse Etwas fehlt – vom schmucken Boulevard am Meer, das man ohnehin nie sieht, ganz zu schweigen. Dieser generische Ort also beherbergt eines der wohl – zumindest laut Film – am besten bewachten Gebäuden in Europa. Auch das ist lachhaft, wenn man Filme wie Mission: Impossible kennt. Ein paar Monitore, ein paar Überwachungskameras und eine Handvoll Belegschaft, die lieber das Darby guckt als ihrem Job nachzugehen, entspricht jedem größeren Bankeninstitut. Es reicht aber für Christian Gudegast, O’Shea Jackson und Gerard Butler einzuschleusen, denn letzterer hat zwar den Most Wanted Man gefunden, will aber mit ihm und seinen Oceans Five gemeinsame Sache machen. Die werden angeführt von einer äußerst charismatischen Schauspielerin, nämlich der Schwedin Evin Ahmad – ein Casting-Schachzug, der sich bezahlt macht. Und selbst in Ahmads Gegenwart wird der grobschlächtige Butler dann doch noch ein bisschen wie ein kleiner James Bond, der zwischen den Stühlen sitzt und gerne wäre, was er nicht sein kann.

Criminal Squad 2 entspannt, unterhält und hat – und damit macht er schon vieles richtig – keinen nennenswerten Leerlauf. Es verhält sich auch so, dass man sich an dieses ungleiche Buddy-Duo doch noch gewöhnt, denn sie passen auf ihre Art gleichermaßen zusammen und auch nicht, eine erquickende Ambivalenz lässt sich hier finden. Den richtigen großen Wow-Effekt besitzt der Film damit aber nicht. Von allem mag gerade genug vorhanden sein, um sich am Ende einer Arbeitswoche von anspruchsloser, aber solider Thrillerkost berieseln zu lassen. Im Nachhinein soll es gerade noch keine verlorene Zeit gewesen sein.

Criminal Squad 2 (2025)

Morgen ist auch noch ein Tag (2023)

DIE STIMME ERHEBEN

8/10


morgenistauchnocheintag© 2023 Tobis


LAND / JAHR: ITALIEN 2023

REGIE: PAOLA CORTELLESI

DREHBUCH: FURIO ANDREOTTI, GIULIA CALENDA, PAOLA CORTELLESI

CAST: PAOLA CORTELLESI, VALERIO MASTANDREA, ROMANA MAGGIORA, EMANUELA FANELLI, GIORGIO COLANGELI, VINICIO MARCHIONI, GABRIELE PAOLOCÀ U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Im Jahr des Herrn 2023 war der Sommer geprägt von einem Phänomen im Kino, wie es das kein zweites Mal geben wird: Barbenheimer. Zwei Filme, die unterschiedlicher nicht sein konnten, schrieben Geschichte – der eine, Nolans Oscar-Sieger, begab sich auf biografische Spurensuche und ließ den Vater der Atombombe, nämlich Oppenheimer, dank Cillian Murphys eindringlichem Spiel zu Wort kommen. Auf der anderen Seite verbog eine pinke Puppe namens Barbie sämtliche Stereotypen bei Männern und bei Frauen zu einer knallbunten, aber subversiv charmanten Musical-Satire. Dem Stiefel Europas war das aber herzlich egal. Dort übertrumpfte ein anderer Film das Box-Office-Verhalten Hollywoods in Übersee: Ein Melodrama namens Morgen ist auch noch ein Tag von Paola Cortellesi, die sich in diesem Meisterwerk gleich selbst besetzt hat – als vom Manne unterjochte, kleingehaltene und physisch wie psychisch gequälte Hausfrau im Nachkriegsitalien.

Wir schreiben das Jahr 1946, und Italien steht politisch wie gesellschaftlich vor einem Umbruch. Kann es sich in eine neue Ära retten oder bleibt es in einer Regression gefangen? Wie geht es den Frauen, die bis dato nicht das Recht hatten, ihre Stimme abzugeben? Die bis dato dem Ehemann gehorsam sein mussten, da sie doch nur tun durften, was vom Hausherrn erlaubt war? Eine Zeit war das, feministisch betrachtet das tiefste Mittelalter, die reinste Anarchie, lediglich die Kraft des Stärkeren dirigierte den Alltag. Drei Kinder muss Delia durchfüttern, während der Kriegsheimkehrer seine Angetraute gleich zu Beginn des Filmes präventiv für den Rest des Tages ohrfeigt. Diese Gewalt zum Einstand einer Emanzipationsgeschichte voller Charme, Trotz und Mut läutet die Wiederkehr eines Neorealismus ein, den der junge Federico Fellini oder Vittorio de Sica (u. a. Gestern, heute und morgen) in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts als Genre des Kinos so maßgeblich etabliert hatten. Statt Paola Cortellesi wäre es damals wohl Sophia Loren gewesen, die sich als Hausfrau der Unterschicht zu behaupten versucht. Der Mechaniker, dem sie schöne Augen macht, wäre wohl Marcello Mastroianni gewesen. Die Zeiten haben sich geändert, nicht aber die Lust daran, dem blanken und unschönen Realismus einer sozial benachteiligten Familie, die im Keller eines Hauses in Rom ein Leben wie das des gut betuchten Schwiegersohns in spe anstrebt, melodiöse Verfremdungen und anachronistische Stilmittel entgegenzusetzen.

Cortellesi stellt die patriarchale Gewalt als abstrahierte Tanzeinlage dar, die einer klischeehaften Nachkriegsromantik eins auswischt. Wenn Delia resoluten Schrittes auf den Straßen Roms unterwegs ist, um ihre Stimme zu erheben, ertönen die Rhythmen zeitgenössischen Hiphops der Gegenwart. Mit diesen feinen Methoden bettet der Film das sozialkritische Betroffenheitskino in das zeitgemäße Gewand einer temperamentvollen Retro-Interpretation, ohne vorgestrig oder angestaubt zu wirken. Die Leidenschaft für den Feminismus, die Wut auf den Chauvinismus, all diese Emotionen triefen dem Film aus jeder Pore. Dabei fesselt Cortellesis Spiel genauso wie die Dynamik zwischen den einzelnen Darstellern eines spielfreudigen Ensembles, das sich selbst kritisch betrachtet und so manche Figur manchmal der Parodie aussetzt, obwohl es gar nichts zu lachen gibt. Diese Grenzen lotet Morgen ist auch noch ein Tag mit Scharfsinn und Verve, mit Vergnügen und Kampfgeist in eine Richtung aus, die keinesfalls nur Ambitionen gutheißt, sondern auch die Umsetzung engagierter Ideen.

Schwer auszuhalten, wie Delia sich drangsalieren und erniedrigen lässt. Jede Sekunde ist es das Warten und Bangen aber wert. Am Ende triumphiert so vieles auf so vielen Ebenen, es bleibt einem nur, hin und weg zu sein.

Morgen ist auch noch ein Tag (2023)

Neuigkeiten aus Lappland (2024)

FINNISCHE DISHARMONIEN IN MOLL

5,5/10


neuigkeitenlappland© 2024 Polyfilm


ORIGINALTITEL: OHJUS

LAND / JAHR: FINNLAND, ESTLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: MIIA TERVO

CAST: OONA AIROLA, PYRY KÄHKÖNEN, HANNU-PEKKA BJÖRKMAN, TOMMI KORPELA, JARKKO NIEMI, EMMA KILPIMAA, TOMMI ERONEN, ONA KAMU, SAKARI KUOSMANEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Bei Aki Kaurismäki mag die Tragik der Hoffnungslosigkeit immer noch jene Aufmüpfigkeit erhalten haben, die den finnischen Humor in jeder noch so erdenklichen verdrießlichen Lebenslage etabliert. Eine Besonderheit, die sich seit Ariel – Abgebrannt in Helsinki durch alle seine Filme zieht. Und oft wird diese Melancholie, wenn man sie mal so nennen will, mit einem Lichtschimmer am schneebedeckten, verregneten oder nachtschwarzen Horizont belohnt. Irgendwie geht es bei Kaurismäki immer weiter, aber immer mit einem Fuß dort, wo sich die Resignation als Alternative aufdrängt. Andere Filmemacher wiederum, wie Andy Wirkola, übertünchen die feine humoristische Klinge mit den derben Szenarien actionhaltiger Trashfilme. Auch das hat eine eigene Note. Dabei hat die Filmwelt Finnlands längt noch anderes zu bieten. Miia Tervo zum Beispiel, die bereits 2019 mit Aurora ihr Langfilmdebüt hingelegt hat und ihr Publikum in vor allem schneearmen Verhältnissen mit Neuigkeiten aus Lappland beglückt, wo die weiße Pracht bei stattlichen Minusgraden weiße Weihnachten garantiert und darüber hinaus bis in den späten Frühling womöglich liegenbleibt. In Lappland, da scheint man vom Klimawandel noch nicht so viel mitzubekommen. Zumindest war Mitte der Achtziger ein Begriff wie dieser noch reine Dystopie. Mitte der Achtziger, da war dem Kalten Krieg wohl die greifbare Bedrohung eines nuklearen Krieges inhärent, während die alleinerziehende Niina (Oona Airola) ein ganz anderes Damoklesschwert von sich fernhalten muss. Nämlich jenes des aus dem Gefängnis entlassenen, gewalttätigen Ehemannes Tapio, der andauernd verspricht, sich zu bessern. Dem aber, bis auf Niina, niemand so recht glauben will. Die Mutter zweier Kinder wird in ihrer Sorge um ihre Zukunft insofern von höheren Mächten abgelenkt, da der selbst gefällte Weihnachtsbaum in die Fensterscheibe der lokalen Zeitung kracht. Um den Schaden wiedergutzumachen, fängt sie dort als Schreibkraft an, die das Blatt mit völlig belanglosen Alltagschroniken füllen muss. Ein im Schnee steckengebliebener Traktor ist da wohl noch das Highlight einer ganzen Woche. Doch dann passiert das: Ein großer Knall am Himmel, ein unbekanntes Flugobjekt stürzt im Nirgendwo ab. Bald erhärtet sich das Gerücht, es handle sich hierbei um einen fehlgeleiteten russischen Marschflugkörper, einem Blindgänger, der vielleicht, Gott behüte, einen Atomsprengkopf besitzen könnte, der gar den dritten Weltkrieg hätte einläuten können. Oder Finnland eine nukleare Katastrophe beschert. Bedrohungen also überall, sind sie nun familiär oder politisch. Niina will der kleinen und der großen Gesellschaft zeigen, wozu sie fähig ist. Allein der Mut, zu ihrer Frau zu stehen, scheint in weiter Ferne.

Eine alleinerziehende Mutter, die investigiert. Ein finnischer Geheimdienst. Ein lokales Nachrichtenblatt, dass in einer öden Kleinstadt öde Artikel veröffentlicht, von Leuten, die sträfliche Frisuren tragen, die in den Achtzigern der letzte Schrei waren. Und ja, darüber könnte man insofern einen Laut des Schreckens von sich geben, wenn die Rache des Vokuhila in blinder Wut um sich greift. Zusammengenommen mögen all diese narrativen Elemente genug Potenzial für eine schräge, lakonische, finnische Komödie ergeben. Doch diese Machart bleibt Kaurismäki vorbehalten. Neuigkeiten aus Lappland, im Original kurz Ohjus, was so viel heisst wie Rakete, mag die eine oder andere Skurrilität aufweisen, die aber wohl eher den Anomalien des Jahrzehnts geschuldet sein mag als der für uns so kuriosen finnischen Lebensweise. Vielleicht will Miia Tervo auch nicht schon wieder das abgedroschene Klischee eines Gemüts bedienen, womit Finnland von Außenstehenden längst identifiziert wird. Die Finnen können auch andere Filme machen, ernste Themen aufgreifen, ohne die Lösung für all die Probleme in der Groteske zu suchen.

Von daher ist Neuigkeiten aus Lappland ein handfestes Drama, mal lethargisch, mal nachdenklich, niemals so richtig komisch. Die Emanzipation einer unterdrückten Frau sucht ihre Challenge vor dem Hintergrund einer True Story, die am 28. Dezember 1984 tatsächlich stattgefunden hat. Der Absturz der Rakete ist also nichts Erfundenes, die Geschichte drumherum schon. Und Tervo weiß nie so recht, wohin mit ihrer Chronik schwermütiger Ereignisse, die weder zu ernst noch zu komisch sein will. Die sowohl den gesellschaftspolitischen Ausnahmezustand von damals als auch Niinas persönliches Abenteuer zur resoluten, selbstbestimmten Frau unter eine warme, isolierende Fellhaube bringen will. Beides gelingt ihr nur halb, ihr Film schlingert oftmals unbeholfen und unentschlossen zwischen den Tonalitäten hin und her und bleibt auffallend oft sowie viel zu lang an der russischen Raketen-Causa hängen, während Alltagsheldin Niina manchmal zu kurz kommt. Beides hängt natürlich zusammen, hängt aber immer wieder hilflos in der eiskalten, schneidenden Luft Finnlands. Ein gutes Gefühl hinterlässt der Film erst nur sehr spät.

Neuigkeiten aus Lappland (2024)

Europa (2023)

DIE DIPLOMATIE DER ENTEIGNUNG

6,5/10


europa© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2023

REGIE / DREHBUCH: SUDABEH MORTEZAI

CAST: LILITH STANGENBERG, TOBIAS WINTER, JETNOR GOREZI, STELJONA KADILLARI, MIRANDO SYLARI, JEFF RICKETTS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Welche dunkle Macht hier im Hintergrund ihre Fäden zieht, darüber werden weder all jene, die ihre Heimat verlieren, Klarheit erhalten, noch das Publikum dieses Films, der den auf so vielen Ebenen interpretierbaren Titel Europa trägt. Europa, das kann alles sein. Die Gemeinschaft der Europäischen Union, der wilde Osten, die Konzernpolitik oder vielleicht auch nur die Figur aus den antiken griechischen Heldensagen, die dem Kontinent ihren Namen gab. Europa ist ein diffuses Konstrukt, mehr als nur das Festland, in diesem Fall aber eine kapitalistische Söldnertruppe, die für Großkonzerne die Vorhut macht. Diese wabernden Machtkonstrukte sind weder transparent noch lassen sich kaum mehr die wirklich Verantwortlichen finden. Entitäten wie diese sind entfesselte schwarze Löcher, sie verschlucken vergessene Länder wie Albanien, die aufgrund einer bewegten Geschichte erst so langsam, aber doch, ans Tageslicht ihres neuen Selbstbewusstseins gelangen. Die Chance auf diese nationale, kulturelle wie auch religiöse Identität mag durch schwer definierbare Gestalten verzögert werden. Wie aus heiterem Himmel, wie extraterrestrische Invasoren oder Missionare aus Übersee materialisieren sie in einem fruchtbaren, von den Umtrieben der Welt vergessenen scheinenden Tal, um den Bauern, Imkern und Viehzüchtern ihr Leben abzuschwatzen.

Als die blonde Reinkarnation eines Hernan Cortez oder Francisco Pizarro stolziert die Deutsche Beate Winter über unasphaltiertes Gelände, besichtigt alte Fabrikhallen und besucht die Alteingesessenen in dieser Region. Allzu viele sind es nicht, doch die wenigen haben guten grund Grund dazu, zu bleiben. Nichts bringt sie dazu, den Verlockungen zu erliegen, die diese fremde, akkurate, natürlich mit allen diplomatischen Wassern gewaschene Person in den Wohnzimmern der Leute im Angebot hat. Mehr Geld, eine Wohnung in der Stadt, die Restaurierung des religiösen Heiligtums? Das kann sie sich, gelinde gesagt, sonstwohin schieben. Doch Beate Winter, die weiß, dass sowas passieren wird. Und jeder, der ihr begegnet, wird sie letztendlich unterschätzen. Wird sich gewünscht haben, ihr niemals begegnet zu sein, ihr niemals den Selbstgebrauten angeboten oder sie zum Essen eingeladen zu haben, da sie Lamm & Co ohnehin kaum Respekt zollt, denn all das Albanische, so hat es den Eindruck, sollte ihr letztendlich nicht zu nahe gehen dürfen.

In Europa von Austro-Filmerin Sudabeh Mortezai trägt der Teufel vielleicht kein Prada, aber andere schicke Kleidung und die blonde Mähne hochgesteckt. Ihre Stimme ist leise und rauchig, ihr Englisch langsam und verständlich für alle, die die Fremdsprache auch nur in der Grundschule gelernt haben. Dieser Teufel, Beate Winter, ist vielleicht doch nur einer der manipulierenden Dämonen, die das große diffuse Unbekannte des Kapitalismus losgeschickt hat, um die Ernte einzuholen. Wäre Lilith Stangenberg (Die schwarze Spinne, Seneca) wirklich nur eine platte Antagonistin gewesen, hätte Mortezais Film das wichtigste ihres Films verloren: Den Kern einer Charakterstudie, der viel relevanter scheint als das simple Schulbeispiel von Enteignung, Landraub und missachteter Menschenrechte. Das alles rings um Lilith Stangenberg ist in jedem Fall ambitioniert und, was das Lokalkolorit betrifft, vonm Klischee weit entfernt. Mortezai hat jahrelang recherchiert, Eindrücke gesammelt und vor Ort gedreht, hat vorort lebende Personen – wie Ulrich Seidl in seinem letzten Werk Sparta – als Laiendarsteller, die zwar nicht sich selbst, dafür aber ähnliche Charaktere darstellen sollten, mitsamt ihrer Lebensweise eingebunden. Europa erlangt dadurch Authentizität und Direktheit, dieses Albanien fällt einem in den Schoß und drängt sich auf, man muss es nicht mühsam erschließen. Die wirkliche Problematik, an welcher sich Europa abarbeitet, und darauf blickt wie auf ein großes Mysterium, ist der unterdrückte Skrupel von Menschen, die in den Diensten der Verachtung unterwegs sind. Was bewegt so jemanden wie Beate Winter, was ist das Ideal einer solchen Person, die sich durch das Unglück anderer nicht demotivieren lässt? Stangenberg ist dabei einerseits eiskalt, andererseits die höfliche neue Nachbarin von Gegenüber. Sie hat Familie und somit auch Werte, die sie vertreten muss. Jedoch misst sie mit zweierlei Maß, lässt zwischendurch das ratlose Antlitz einer selbst Ausgelieferten aufblitzen, die ihren Ehrgeiz über alles stellt. Wie weit reicht die Kette der Dienerschaft nach Beate Winter? Wir sehen nur ihren Vorgesetzten – was dahinter liegt, ist wie die Tiefsee. Unbezwingbar.

Europa muss den Schmerz der Machtlosen ins Zentrum rücken, auch wenn sich Stangenbergs Figur immer wieder in den Mittelpunkt drängt. Als famoses Naturtalent im Schauspiel gefällt Jetnor Gorezi als letztlich übervorteilte, arme Seele, die sich nicht, wie Nikolai Sergejew im Oscar-Film Leviathan, in den Tod trinkt. Und auch nicht, wie Richard Harris in Jim Sheridans Das Feld, von der Klippe stürzt – beides Filme, die von Enteignung und zerstörten Existenzen erzählen. Die brutale Wut des Mannes könnte der Beginn einer Rebellion sein. Sinnlose Verzweiflung? Ja, vielleicht. Doch auch viel mehr. Vielleicht gar das nötige Statement, um Beate Winter den militärischen, blinden Gehorsam auszutreiben.

Europa (2023)

Indiana Jones und das Rad des Schicksals (2023)

WER HAT AN DER UHR GEDREHT?

6/10


INDIANA JONES AND THE DIAL OF DESTINY© 2023 Lucasfilm Ltd. & TM. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: JAMES MANGOLD

DREHBUCH: JEZ & JOHN-HENRY BUTTERWORTH, DAVID KOEPP, JAMES MANGOLD

CAST: HARRISON FORD, PHOEBE WALLER-BRIDGE, MADS MIKKELSEN, ETHANN ISIDORE, BOYD HOLBROOK, TOBY JONES, JOHN RHYS-DAVIES, ANTONIO BANDERAS, SHAUNETTE RENÉE WILSON, THOMAS KRETSCHMANN, KAREN ALLEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 34 MIN


Keine Kino-Franchise wie diese zeigt wohl stärker, dass deren Zeit vorbei ist. Star Wars hatte das Glück, seine Agenda mit erfrischenden Jungstars in eine neue Epoche zu katapultieren. James Bond war stets aus der Zeit gefallen und lässt sich an der Chronologie geschichtlicher Ereignisse nur schwer festmachen. Zum Terminator gab es schon nach  James Camerons Flussigmetall-Erfolg nichts mehr Neues hinzuzufügen. Und Indiana Jones? Als erstes scheint es schwierig, einer Filmreihe frischen Wind zu verpassen, wenn schon der Held im Titel steht – und nicht, wie der 007-Agent, immer wieder neu besetzt werden kann. Harrison Ford ist Henry Jones und Henry Jones ist Harrison Ford, da gibt es keine Alternative und wird es niemals geben, es sei denn, man fängt bei null an und castet jemanden, der an River Phoenix erinnert, der sich dank nur eine Rückblende aus dem letzten Kreuzzug nicht ganz so fest in die Filmgeschichte einzementiert hat wie die charmante, schlitzohrige, leicht vernarbte Ikone des 80er Jahre, die sich immer noch zu Spätauftritten seiner Paraderollen hat hinreißen lassen. Dass er dem schmählichen Tod seines zweiten schauspielerischen Grundpfeilers, nämlich Han Solo, stattgegeben hat, liegt wohl daran, dass er sein Vermächtnis in trockenen Tüchern sehen wollte. Die Dinge abzuschließen, gehört wohl zu seinen Prioritäten. Und so muss auch endlich Indiana Jones, die Kreation von George Lucas und Steven Spielberg, ins Regal musealer Kuriositäten wandern. Die Zeit hält nicht an, der Held wird älter und irgendwann geht’s nicht mehr. Einen Film allein in digitaler Verjüngung zu führen ist ein Verrat an der natürlichen Entropie von Filmstars und der Chance für Neues.

Der fulminante Erfolg von Jäger des Verlorenen Schatzes oder Tempel des Todes lag wohl darin, mit völliger Unbekümmertheit und im Rahmen einer Sturm und Drang-Phase kreativer Köpfe eine realfantastische Welt ohne Erfolgsdruck zu kreieren – da man noch nicht wusste, wie sehr das Konzept beim Publikum wohl ankommen wird. Der Spaß am Experimentieren, am Herumpanschen und Gasgeben ist das Schaffenskind seiner Zeit Ende der Siebziger, Anfang der Achtzigerjahre. Mit diesem Pioniergeist ist auch der Krieg der Sterne entstanden. Risiko, Lust am Erfinden und am Setzen von Ideen, die noch nicht da waren – so werden Legenden geboren. Sie sterben dann, wenn Jahrzehnte später Megakonzerne und Produzenten versuchen, den Erfolg dieser Narrenfreiheiten zu wiederholen. Natürlich funktioniert das nicht. Viel zu viele Köche verderben den Brei. Marketing- und Zielgruppenanalysen sowie das Zerpflücken des Originals, um herauszubekommen, was den Erfolg garantiert, erzeugen nur mehr vom Gleichen – und maximal eine Hommage an einen Kult. So ist das auch schon mit Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels passiert. Und so lässt es sich auch in jeder kalkulierten und längst nicht mehr frei improvisierten Szene in Indiana Jones und das Rad des Schicksals erkennen. Hier berauscht kein Pioniergeist mehr den Kinosaal. Sondern maximal der Geist des Vergangenen.

Der sorgt vielleicht für Wehmut, wie das bei Abschieden immer so ist – doch schließlich auch für Unterhaltung, denn die Macher, die hinter einem Millionenprojekt wie diesen stehen, sind keine Anfänger. George Lucas und Spielberg sind immer noch die Executive Producers. Und James Mangold sitzt im Regiestuhl. Schade eigentlich. Denn Mangold mag zwar Comics verfilmen können, die wie Logan eine neue Tonalität finden. Für Indiana Jones aber ist er fehl am Platz. Spielberg hätte selbst nochmal Hand anlegen sollen. Vielleicht wäre da die verspielte, verschmitzte, reuelose Naivität der Vorgänger zurückgekehrt. Die richtige Balance zwischen geheimnisvoller Metaphysik, Abenteuergeist und Humor. Bei Mangold und seinen Drehbuchautoren fehlt diese Balance leider völlig. Humor ist im stattlichen Alter des Indiana Jones rares Gut, viel lieber trauert er über Versäumtes und so manches bittere Schicksal. Die Leichtigkeit ist dahin – die hat man mit 80 Lenzen nicht mehr. Den Abenteuergeist? Den hat sich längst Phoebe Waller-Bridge (u. a. Fleabag) unter den manikürten Fingernagel gerissen: Als Helena Shaw, Patentochter des Alt-Archäologen, rockt sie die Party, steht als Haupt-Show Act auf der rustikalen Bühne eines ausgedienten Filmkonzepts. Sie, allein nur sie, rettet den Tag und das Event – sie steppt wie ein Bär und krallt sich an mystische Artefakte wie es seinerzeit der titelgebende Meister selbst getan hat. Indiana Jones kann dabei nur staunend zusehen, wenn sein Sidekick zur Zentral-Heldin wird und dieselben Tricks anwendet wie seinerzeit er selbst. Mitgerissen von so viel Elan schwingt er dann doch noch das eine oder andere Mal die Peitsche oder lässt die Fäuste fliegen. Doch das braucht wiederum Phasen des Durchatmens, die den fünften Teil immer wieder mal ins Stocken bringen, ohne auf Zug inszeniert werden zu wollen. War der Tempel des Todes noch ein Stakkato an Action, Thriller und Witz, hat Das Rad des Schicksals altersbedingt mächtig Leerlauf, der mit Dialogen gefüllt wird, die zwar Indys Rolle Tiefe geben sollen, die jedoch maximal einer fiktiven Biografie, aber keinem stringenten Abenteuer dienlich sind. Die wiederholte Aufwärmrunde einer Verfolgungsjagd per fahrbarem Untersatz kompensiert da kaum noch die fehlende Dynamik.

Was lässt den Film aber trotz all den Zugeständnissen an das Alter und an eine neue Zeit, die anderen gehört, dennoch an sich selbst glauben? Es ist die Weigerung, Abschied nehmen zu müssen vom goldenen Zeitalter inspirierenden Filmschaffens. Für Indiana Jones sucht der Film den richtigen Ort für den Ruhestand, ob quer durch die Zeit oder genau dort, wo gerade der Fedora hängt. Ob mit Bundeslade, heiligem Gral oder Archimedes‘ Rad des Schicksals – alle Artefakte sind dazu da, ein Stück Ewigkeit zu instrumentalisieren. Die wird es nicht geben, auch wenn man längst nah dran war. Wenn unter John Williams unverkennbar wummerndem Score die alten und neuen Helden übers Mittelmeer ziehen und die alte Welt erkunden, gerät Indiana Jones und das Rad des Schicksals zu einem Da Capo, zu einer Zusatznummer oder fast schon zu einem Epilog. Da ist der Antagonist ganz egal, die Wunderkammern mit ihren Fallen und Ekelinsekten austauschbar. Was zählt, ist die Erinnerung an einer phänomenalen Idee, die George Lucas damals hatte. Deswegen, und trotz all dem Makel, den das finale Werk vielleicht hat, will man als Kenner dieser Welt gemeinsam mit einem liebenswerten Harrison Ford noch eine Ehrenrunde im steuerlosen Flieger drehen. Und vielleicht auf eine Rückkehr von Phoebe Waller-Bridge und ihrem Siedekick hoffen. Im selben Universum, nur ohne Indy.

Indiana Jones und das Rad des Schicksals (2023)