The Burnt Orange Heresy

DIE KUNST DES KRITIKERS

8/10


the-burnt-orange-heresy© 2019 Sony Pictures Classics


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: GIUSEPPE CAPOTONDI

CAST: CLAES BANG, ELIZABETH DEBICKI, MICK JAGGER, DONALD SUTHERLAND U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Alles ist Kunst. Kommt nur darauf an, ob und – wenn ja – wer es dazu erklärt. Da reicht ein Blick in die Kunstgeschichte, um Marcel Duchamps Pissoir hier als Querverweis zu vermerken. Ein Baum, der inmitten eines Waldes einfach umfällt und keiner war dabei, um es zu sehen – fällt nicht um. Erst durch die Beobachtung bekommt etwas seine Tatsächlichkeit. Durch die Beobachtung alleine aber wird etwas vom Menschen Erschaffenes noch nicht zur Kunst. Erst durch das Echo von außen bekommt Kunst überhaupt erst sein Bewusstsein. Durch den kritischen Beobachter wird diese als wertvoll – oder wertlos getauft. Eine Hymne auf den Kritiker? Wohl nicht zwingend eine Hymne – vielmehr die Klärung einer gerne verdrängten Tatsache, dass der akkreditierte Kritiker viel mehr Macht über Kunst hat, als ihm selber womöglich lieb ist. Wird die Kunst nicht offenbart, hat der Kritiker auch keine Macht.

Was Yasmina Reza bereits mit ihrem Theaterstück KUNST so sehr auf den Punkt gebracht hat, wird in dieser für mich völlig überraschenden Filmentdeckung noch um die Komponente eines leisen Thrillers ergänzt, der den Suspense einer Patricia Highsmith in sich trägt und eine egozentrisch-versponnene Gesellschaft an die Ufer des Comer Sees chauffiert. Es trifft sich dort der zynische Kunstkritiker James in Begleitung der amourösen Zufallsbekanntschaft Berenice in der stattlichen Villa von Kunstsammler John Cassidy. Dieser bietet schon seit längerem einem ganz besonderen Maler Zuflucht auf seinem Anwesen, der Zeit seines Lebens vom Pech verfolgt gewesen war, da seine Ateliers immer wieder mal in Flammen aufgingen. Kunstwerke von Jerome Debney gibt es also so gut wie keine. Zumindest keine für die Öffentlichkeit. Cassidy stellt James ein Interview mit dem exzentrischen Künstler in Aussicht – unter der Voraussetzung, er würde ihm eines der seltenen Gemälde des Mannes beschaffen, die dieser aber niemals herausgeben oder gar herzeigen würde. Kunstkritiker James, vom Eifer und der Gier nach Ruhm und Erfolg getrieben, versucht alles, um in das Atelier des eleganten Eigenbrötlers zu gelangen.

Filme wie diese sind selten. Sehr selten sogar. Dabei ist das Hinterfragen von Kunst ein hochgradig sozialphilosophisches Thema, das gleichzeitig auch viel über menschliches Verhalten und die Manipulation der Masse aussagt. Guiseppe Capotondi findet für diesen wunderbar scharfsinnigen und zur rechten Zeit hitzig formulierten Film genau die richtigen Darsteller. Claes Beng (als Dracula auf Augenhöhe mit Christopher Lee) ist wie geschaffen für diese eitle Figur des intellektuellen Machos, der weiß, was für eine Bedeutung seine Worte haben können. Elisabeth Debicki (Tenet, The Night Manager) ist als nicht weniger intellektuelle Schönheit sozusagen das Bindeglied zwischen dem Kritiker und dem Künstler – für diesen wiederum darf Donald Sutherland nochmal ordentlich den kecken Provokateur und Andersdenker mimen, während – wer hätte das gedacht – Mick Jagger nach langer Zeit wieder mal einen Ausflug vor die Kamera wagt. Exzentrik trifft also auf noch mehr Exzentrik – sein geckenhaftes Gehabe lässt ihn wie einen Gamemaster erscheinen, der das Perpetuum Mobile nur anzutauchen braucht, schon treten Naturgesetze in Kraft, die bald niemand mehr wird steuern können.

The Burnt Orange Heresy – benannt nach dem Titel eines Bildes besagten Malers – ist süffisantes und zugleich perfides Denkerkino, elegant erzählt, voll schwarzem Humor und entlarvender Analysen, die letztendlich eine Warnung davor sind, den Wert einer Sache nicht allzu sehr von privilegierten Obrigkeiten diktieren zu lassen.

The Burnt Orange Heresy

Red Dot

PANIK IM PARTNERLOOK

5/10


reddot© 2021 Netflix


LAND / JAHR: SCHWEDEN 2021

REGIE: ALAIN DARBORG

CAST: NANNA BLONDELL, ANASTASIOS SOULIS, JOHANNES KUHNKE, KALLED MUSTONEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Dubiose Psychopathen, die einem im Nacken sitzen und den Urlaubsfrieden stören – das erinnert unweigerlich an John Boormans verstörenden Klassiker Beim Sterben ist jeder der Erste. In diesem auf Netflix erschienenen Thriller ist diesmal aber kein Freundeskreis unterwegs in die Wildnis, sondern ein schlichtes und relativ langweiliges Hetero-Ehepaar, das nach eineinhalb Jahren Ehe bereits versucht, mithilfe eines Abenteuers in Schnee und Wald die Zweisamkeit zu kitten. Nach eineinhalb Jahren schon? Was ist mit dem verflixten siebten Jahr? Irgendwie ist da ein Haken an der ganzen Sache. Kann aber auch sein, dass bei einem ehelichen Schnellschuss wirklich schon nach so kurzer Zeit die Luft entweicht. Wir wissen es nicht so genau. Und es macht sich dann auch Unbehagen breit, nachdem Ehemann David an der Provinztankstelle am Auto zweier zwielichtiger Individuen eine Delle hinterlässt und einfach davonfährt. Diese beiden Vögel tauchen immer wieder auf, dann kommt eines ins andere, und irgendwann rastet Gattin Nadja ein bisschen zu sehr aus. Im Zelt unterm nordlichternen Firmament weilend kann das Halali von Mister X auf die beiden Turteltauben beginnen – der Red Dot eines Zielgewehrs stört die Idylle. Und aus ist’s mit Krisenkitten. Jetzt geht´s nur noch darum, die eigen Haut zu retten.

Thriller aus Schweden haben genauso wie Thriller aus Südkorea ihre ganz eigene düstere Note. Deswegen sind Schwedenthriller ja so beliebt, weil sie nicht ganz so vorhersehbar sind wie all die Reißbrettthriller aus Übersee. Doch in Red Dot gibt´s eine grundlegende Schwierigkeit, die verhindert, dass sich der Film in starken Gesinnungskontrasten zeigt. Irgendwas ist bei den beiden Liebenden im Busch, und irgendwie könnte der unbekannte Verfolger vielleicht gar nicht der sein, für den die beiden ihn halten. Oder doch? Regisseur Alain Darborg fischt im Trüben, setzt auf garstige Panikattacken und Survival-Elemente wie aus Cliffhanger oder The Grey. Hundefreunde sollten diesen Film lieber meiden, so wie Hasenfreunde Eine verhängnisvolle Affäre.

Was aber weitestgehend die geordnete Disharmonie stört, ist das impulsive Verhalten zweier erwachsener Menschen, die auf unreflektierte Weise überhaupt nicht verstehen, was ihre Entscheidungen alles anrichten. Irgendwie tappen beide von einem selbstgemachten Unglück ins nächste. Ihnen dabei zuzusehen, wird zwar von verwunderndem Kopfschütteln begleitet, bleibt aber trotzdem spannend. Das Script zu Red Dot ist ein netter Entwurf – mehr aber auch nicht. Während manches viel zu umständlich konstruiert scheint, wird anderes soweit zurechtgebogen, damit hier ein Storytwist für den allzu gewollten Aha-Effekt dienen kann. Das ist zuweilen klar erkennbar, und auch der moralische Zeigefinger mag zwar gerecht sein, aber direkt ins Auge stechen.

Red Dot

Sunburned

SANDBURGEN UND LUFTSCHLÖSSER

6/10


Sunburned© 2020 Camino Filmverleih GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, NIEDERLANDE, POLEN 2019

REGIE: CAROLINA HELLSGÅRD

CAST: ZITA GAIER, GEDION ODUOR WEKESA, SABINE TIMOTEO, NICOLAIS BORGER, FLORA THIEMANN, ANIMA SCHWINN U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Der nächste Sommer kommt bestimmt. Und mit ihm auch der geplante Urlaub. Wohin soll es diesmal gehen – von Covid-Hürden mal abgesehen? Vielleicht an die spanische Mittelmeerküste, speziell nach Andalusien, ganz im Süden? Dorthin, wo man an klaren Tagen hinübersehen kann aufs afrikanische Festland, um genau zu sein nach Marokko. Dort ist es schön, da ist es heiß, da gibt’s All Inclusive-Bettenburgen mit Animationsprogramm, reservierten Strandliegen und jede Menge Flüchtlinge, die sich unters badende Volk mischen, um Waren aller Art zu verscherbeln. Billigsdorferketten und Fake-Markenbrillen, darunter vielleicht auch das eine oder andere Handgeschnitzte. Und vielleicht auch den eigenen Körper. Dieses tagelange Herumschlendern und Verkaufen, das hat sich längst ins Urlaubsbild integriert. Die unabsichtlich vermittelte Exotik vom anderen Kontinent ist da durchaus willkommen. Eben all inclusive. 

Teenager Claire verbringt mit ihrer dysfunktionalen Restfamilie einen relativ langweiligen und auch sehr wortkargen Urlaub, was Mama und beide Töchter zusammenhält, ist praktisch nicht vorhanden, denn jede zieht sein eigenes Ding durch. Der Papa dürfte auf und davon sein, womöglich ein Scheidungsfall. Aus diesem lieblosen Vakuum heraus sucht Claire nach Abwechslung und freundet sich mit dem Flüchtlingsjungen Amram an, der am Strand auf und ab hausiert. Dabei passiert´s, dass Claire falsche Hoffnungen weckt, wobei die Träume, die dieser Junge hat, kaum mit der Wirklichkeit zu vereinbaren sind. Doch in einer Not wie dieser klammert man sich an alles. Auch an eine deutsche Touristin, die Amram plötzlich überallhin mitnimmt. Lange kann die Sache nicht gutgehen. Auch deswegen, weil Claire die Folgen ihres Handelns nicht absehen oder kaum erahnen kann, wie einer wie Amram die Welt sieht.

Die junge Schauspielerin Zita Gaier, bekannt geworden durch die Nöstlinger-Verfilmung Maikäfer flieg!, fasst in diesem auf den ersten Blick sommerleichten Müßiggangdrama ein heißes Eisen an: dass der Flüchtlingskrise. Den sozial etablierten Erwachsenen scheint das Thema generell wenig zu tangieren, viel weniger noch im Urlaub. Die Next Generation sieht das anders. Gaier alias Claire nimmt den umherirrenden Jungen ganz anders wahr, sieht Handlungsbedarf und versucht sogar, für sich selbst oder für beide eine erschreckend naive, aber zumindest eine Lösung zu finden. Irgendwo, so mag sie denken, muss man ansetzen.

Carolina Hellsgårds Film schlendert zwischen der Stimmungschronik einer Sofia Coppola (z.B. Somewhere) und bleiernem Betroffenheitsrealismus, der einzelne Figuren, vor allem jene von Mutter Sabine Timoteo, wie phlegmatische Traumgestalten durchs Bild traben lässt. Keiner scheint mehr zu sehen als die eigene Wunschwelt, nur Claire drängt sich dazwischen hindurch, will nichts wahrhaben und gleichzeitig klar erkennen. Urlaub als Auszeit zwischen Verantwortung und Verdrängung? Ein Lokalaugenschein als Kickoff für jugendliche Proteste a la Thunberg? Wie im Hochseedrama Styx ist auch Zita Gaier mit einem gordischen Knoten konfrontiert, der nur, um ihn zu lösen, zerstört werden muss. Filme wie Atlantique und Atlantic, beides völlig unterschiedliche Zugänge zum Flüchtlingsproblem, annektieren Sunburned als einen möglichen, gut gewählten dritten Ansatz im Bunde, obwohl sich anfangs eine direkt formelhafte Tristesse eröffnet, die in gekünstelter Langeweile sein Stranderlebnis hinbiegt. Sunburned eine Chance zu geben hat sich aber letzten Endes gelohnt, da Hellsgård erst spät, aber doch, allerdings viel zu verzögert und von der südspanischen Hitze scheinbar ermattet, in die Gänge kommt. Letzten Endes ist die Willkommenskultur an der Pforte nach Europa eine Kultur der Duldung. Vor allem aber etwas, das bei den Jungen kaum erwähnenswerte Aufklärung erfahren hat.

Sunburned

Outside the Wire

MEIN CHEF, DER ROBOTER

3,5/10


outsidethewire© 2021 Netflix

LAND: USA, UNGARN 2021

REGIE: MIKAEL HAFSTROM

CAST: ANTHONY MACKIE, DAMSON IDRIS, EMILY BEECHAM, PILOU ASBÆK, MICHAEL KELLY U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Der wirklich einzige interessante Idee in dieser brandneuen, auf Netflix erschienenen Action-Dystopie ist die Überlegung, was wohl wäre, wenn die Befehlskette zwischen Mensch und Maschine von der Maschekseite aufgezogen wird. Wenn also ein Roboter den Ton angibt, und der Mensch als ausführendes Organ diese und jene Verordnung umsetzt.

Wir befinden uns in Outside the Wire in einer ungewissen Zukunft, in der Osteuropa, genauer gesagt die Ukraine, keinen Grund hat, freudig in die Zukunft zu blicken. Das Gebiet an der Grenze zu Russland wird von brutalen Warlords dominiert. Natürlich erfordern es die Umstände ein weiteres Mal, die USA als Problemlöser bemühen zu müssen. So campiert die Army im Westen des Landes und hofft auf bessere Zeiten. Unterstützt wird das Militär von Drohnenflliegern, die aber nicht in Europa, sondern bequem in der Heimat in ihren Containern sitzen und für den Überblick sorgen. Klar, dass diese Jungs am Steuerknüppel kein Gespür dafür haben, wie es ist, mittendrin statt nur dabei zu sein. Einer dieser Jungs – ein Lieutenant – handelt eigenmächtig – und wird ins Kriegsgebiet strafversetzt. Dabei wird er Captain Leo zugeteilt, einem Supersoldaten, der eben gar kein Mensch, sondern Maschine ist, irgendwo zwischen T800 und den Replikanten aus Blade Runner, mit vollem Bewusstsein und einem abrufbarem Spektrum an Gefühls- und Schmerzempfindung. Hätte der Supermann nicht ab und an einen Körper wie ein Glasfrosch, würde man nie auf die Idee kommen, es hier mit der technischen Weisheit letztem Schluss zu tun zu haben. Ist aber so. Beide – Roboter und Mensch – werden auf Mission geschickt. Es überrascht nicht, dass das Ziel dessen variabel ist, und die Belange patriotischer Rebellen plötzlich Vorrang haben.

Dass sich futuristische Filme wie dieser auch wieder am bereits schon zur Genüge abgedroschenen Thema der Atomkriegs-Angst aus dem kalten Krieg vergreifen, verwundert etwas. Und lässt aber auch das Gesicht einschlafen. Das sieht dann mimisch ungefähr so aus wie jenes von Anthony Mackie, der sich wirklich angestrengt bemüht, die Ausstrahlung eines programmierten Menschen zu vermitteln und dabei recht simpel gestrickt durch die Trümmerlandschaft des Ostens stakst. Vieles in Outside the Wire ist leider nicht Outside the Box, wie man so schön sagt – und der Stoff, aus dem der Actionfilm gemacht ist, bereits ein fadenscheiniger. Für Netflix und Mikael Hafstrom, seines Zeichens verantwortlich für Escape Plan oder Zimmer 1408, war die Qualität des Drehbuchs wohl nicht ausschlaggebend. Zugpferd Mackie, der bald mit The Falcon and the Winter Soldier womöglich das Erbe von Captain America antreten wird, sollte das schlampig formulierte Drehbuch entsprechend aufwerten. Und nicht nur er: auch Goldene Palme-Preisträgerin Emily Beecham (Little Joe) mischt hier mit. Allerdings – Star-Appeal reicht bei solchen Filmen nur, wenn sie mit einer ganzen Riege an großen Namen zugepflastert werden, ähnlich wie bei den Expendables. Und auch nur dann, wenn sich stramme Kriegsaction einer ansehnlichen Choreographie rühmen kann. Was hier leider auch nur halbgar bleibt.

Outside the Wire ist somit grobe Dutzendware, die mit eingangs erwähner Idee vielleicht einiges hätte anfangen können, wäre das Script nicht wie ein Ikea-Möbel aus Fertigteilen des Genrefundus zusammenmontiert.

Outside the Wire

The Hater

DIE EIGENDYNAMIK GEKRÄNKTER EGOS

6,5/10


thehater© 2020 Netflix


LAND: POLEN 2020

REGIE: JAN KOMASA

CAST: MACIEJ MUSIALOWSKI, VANESSA ALEKSANDER, MACIEJ STUHR, AGATA KULESZA, DANUTA STENKA U. A.

LÄNGE: 2 STD 16 MIN


Böses, böses Internet. Wie konntest du dich für Manipulation, Hetze und Hass nur so instrumentalisieren lassen? Was ist aus dieser schönen neuen, viel einfacheren Welt des sozialen Lebens nur geworden? Ein neues Schlachtfeld 2.0 für Neider. Nichts ist derzeit perfider als die soziale Vernichtung. Das Erschreckende: bis vor nicht allzu langer Zeit war digitales Gelände noch eine einzige Grauzone. Langsam aber fallen die Schranken und folgt die Ahndung, doch immer noch zu wenig. Hass im Netz, sofern er nicht unterbunden und sträflich verfolgt wird, kann tödlich enden. Der polnische Social Media-Thriller von Jan Komasa, der unlängst mit dem oscarnominierten Corpus Christi in den Kinos war, läuft derzeit auf Netflix und zeigt das virtuelle Miteinander als Apocalypse Now für die Generation Like.

Im Zentrum des Geschehens steht ein charismatischer junger Jus-Student, der aufgrund eines Plagiatvorwurfs von der Uni fliegt. Das ist natürlich nicht gut fürs Selbstbewusstsein, aber wieso schreibt man auch von anderen ab? Anyway, das war schon mal die erste Kränkung – die zweite folgt auf dem Fuß. Der notorische Abhorcher und Mitlauscher bekommt bald mit, dass scheinbar wohlgesinnte Bekannte in Wahrheit nicht viel für ihn übrighaben. Kränkung wird zur Wut, Wut führt zu Hass, Hass zu perfidem Aktivismus. Als er bei einer windigen PR-Agentur voller Soziopathen (wie kalt können Menschen sein?) einen neuen Job anfängt, mutiert seine latente Leidenschaft für Lug und Trug bald noch mehr – und koordinierte Hetze nimmt ihren Lauf, alles auf Auftrag. Existenzen werden zerstört, Ansehen durch den Schmutz gezogen. Tomasz, so heißt er, schert das wenig. Im Gegenteil: langsam fragt er sich selbst, wie weit er gehen kann. Tomasz wird zum Reformator, zum diabolischen Schürer, mit Ringen unter den Augen und ausgezehrter Vitalität. Wie Patrick Bateman aus American Psycho seine Gräueltaten begeht, einfach weil er es kann, perfektioniert Tomasz sein Können darin, Gott und die Welt gegeneinander auszuspielen. Sich selbst beliebt zu machen, einzuschleimen, anzubiedern, gleichzeitig das Fußvolk aufzuhetzen, insbesondere politische Gegner aus dem linken und rechten Lager.

Der Journalist Mateusz Pacewicz, der auch das Drehbuch zu Corpus Christi schrieb, seziert in The Hater die Mechanismen der digitalen Kriegsführung auf anschauliche Weise. Die neuen Waffen sind Fake-User aus Indien und der Missbrauch persönlicher Daten anderer. The Hater ist ein dunkler, polemischer, hässlicher Film. Einer, der im Sündenpfuhl der Online-PR herumstochert und nichts Gutes aus dem finsteren World Wide Web lukrieren kann. Hasspostings und Cybermobbing sind die neuen Scheiterhaufen und Standgerichte, nichts hat sich geändert, nur das gekränkte Ich wechselt stets sein Gewand. Genau dieses gekränkte Ich verkörpert Maciej Musialowski mit gelackter Gefälligkeit und vorgetäuschter Naivität. Dahinter brodelt nicht nur das Ego, sondern auch Polens Politik und so mancher Psychopath – bis sich die Hölle auftut. In einer Szene, die in ihrem nackten Realismus bis an die Grenzen des Erträglichen geht.

Dennoch – The Hater übt rechtmäßigerweise und durchaus verständlich harte Kritik am Social Media-System und hemmungslosem Cybermobbing, gerät aber unterm Strich viel zu nihilistisch, um bereichernd zu sein. Mitnehmen lässt sich kaum etwas, nur ein unbequemes Gefühl in Kopf und Magengegend, und vielleicht der Entschluss, Facebook und Co gezielter und achtsamer zu nutzen. Oder gar nicht mehr zu nutzen. Gut, das ist zumindest etwas.

The Hater

Weißer weißer Tag

OPA IST DER BESTE

6/10


weisserweissertag© 2020 Arsenal Filmverleih


LAND: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2019

REGIE: HLYNUR PALMASON

CAST: INGVAR EGGERT SIGURÐSSON, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, HILMIR SNÆR GUÐNASON, BJORN INGI HILMARSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Das isländische Kino ist nicht gerade dafür bekannt, die Kinosäle zu füllen – dafür aber füllt es die Nischen des Arthouse, und zwar auf innovative Art und Weise. Was das isländische Kino so erzählt, das sind mitunter sehr schwarzhumorige Geschichten voller Lakonik, voller Exzentrik, langen Nächten und den unwirtlichen Landschaften zwischen Gletscher und stürmischer Meeresküste. So ungewöhnlich auch die Filme aus dem hohen Norden begrüßenswerterweise sind – dieser hier von Hlynur Palmason setzt allem bisher Dagewesenen die Krone auf. Selbst dem irren Außenseiterdrama Noi Albinoi. Der hatte noch genug makabren Humor, um darin noch eine gewisse Verbundenheit zu anderen lokalen Werken zu erkennen. Bei Weißer weißer Tag ist alles anders, und alles nicht so, wie man es gewohnt ist. Das irritiert, verstört gar ein bisschen, und strapaziert die Geduld.

Nur so als Beispiel: Ein Haus, irgendwo im Nirgendwo, im Hintergrund Islands Bergwelt. Dann vergeht die Zeit, Tag für Tag, im Zeitraffer. Tage werden zu Wochen, Monaten. Schnee, Sonne, Nebel, Regen. Vormittag, Nachmittag, Abend, unzählige Stimmungen. Die Kamera bleibt dabei statisch. Eine Szene wie aus dem Wetterpanorama aus Reykjaviks Umland. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, geht’s endlich zur Sache. Wir sehen einen älteren Mann, einen Witwer, gleichzeitig Großvater einer neunjährigen Enkelin, die ihren Opa über alles liebt. Opa, der ist der Beste. Doch dann, beim Sichten von Omas Nachlass, wird der alte Mann stutzig. Hatte seine Frau eine Affäre? Diese Sache lässt den Alten nicht los und er forscht nach. Aus der Nachforschung wird Obsession, Aggression, Zweifel. Was darunter leidet, das ist die Beziehung zu seiner Enkelin, die ihren Opa plötzlich mit anderen Augen sieht. Was nicht unbedingt gut ist. Und was zu vermeiden gewesen wäre.

Weißer weißer Tag – das sind die Nebeltage Islands, wo man kaum mehr die Hand vor Augen sehen kann. An so einem Nebeltag ist Opa Ingimundurs Frau mit dem Auto verunglückt. Und an solch einem Tag wird sich die verquere Situation so ziemlich zuspitzen. Bis dahin allerdings ist Palmasons Film ein Patchwork an unterschiedlichen Filmstilen, an arrangierten Stillleben, Nahaufnahmen, scheinbar aus dem Kontext gerissenen Szenen einer Fernsehshow, die abgefilmt werden. So unterschiedlich und so assoziativ all diese Szenen auch wirken, es liegt ihnen dennoch eine Gemeinsamkeit zugrunde: die Thematik des Trauerns und Überwindens von Kränkung. Kein leichter Stoff? Mit Sicherheit nicht. Auf Weißer weißer Tag muss man sich einlassen, und damit rechnen, manchmal ratlos das Gesehene oder Geschehene hinzunehmen. Interessanterweise aber findet diese raue, manchmal statische und dann plötzlich wieder ungestüme, unorthodoxe Drama einen Weg des geringeren Widerstands für den Betrachter, versöhnt ihn mit seiner provokanten Erzählweise, indem es am Ende direkt berührende, erlösende Momente findet. Tja, Trauer geht manchmal seltsame Wege.

Weißer weißer Tag

The Lobster

ONLY THE LONELY

4,5/10

 

thelobster© 2015 Yorck Kinogruppe / Park Circus Ltd.

 

LAND: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, GRIECHENLAND, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2015

REGIE: YÓRGOS LÁNTHIMOS

CAST: COLIN FERRELL, RACHEL WEISZ, BEN WISHAW, JOHN C. REILLY, JESSICA BARDEN, LÉA SEYDOUX, OLIVIA COLMAN U. A. 

 

Bin ich froh, hier aus dem Schneider zu sein. Denn ja, ich lebe in einer Partnerschaft. Ich muss also nicht, würde ich in Yórgos Lánthimos abstruser Welt leben, in einem Nobelhotel die wahrscheinlich letzten Tage meines menschlichen Daseins fristen, bevor ich zu einem Tier verwandelt werde, sollte ich keine Partnerin finden. In der Welt des griechischen Exzentrikers, der unlängst mit dem Queen Anne-Intrigenspiel The Favourite auch oscartechnisch für Aufsehen sorgte, folgen dem Singledasein radikale Konsequenzen. Alleinsein gibt’s nicht. Die Welt will Paare, welchen Geschlechts auch immer, aber zumindest Paare, damit keiner allein sein muss, auch die nicht, die das vielleicht als angenehm empfinden würden. In dieses Hotel also steigt Colin Farrell ab, als verlassener Ex-Ehemann mit Franz Fuchs-Gedächtnisschnauzer und Krankenkassabrille, mit seinem Bruder an der Leine, der leider ein Hund wurde, und mit dem Wunsch, doch in einen Hummer verwandelt zu werden, sollte Amor seine Treffsicherheit nicht unter Beweis stellen können. Das klingt ja schon mal äußerst originell. Wem fallen denn bitte solche absurden Geschichten ein? Warum gerade in ein Tier verwandeln? Und wie genau erkennt man, ob zwei Seelen zusammenpassen?

Tja, das ist die Frage, die Lánthimos sichtlich beschäftigt. Ziehen sich nun Gegensätze an oder müssen beide einen verblüffenden Gleichklang aufweisen, um den Zufall bestimmen zu lassen? Dann könnte man ja gleich würfeln, viel anders ist das nicht. Farrells Filmfigur aber tut sich sichtlich schwer, aus seiner stocksteifen Haltung auszubrechen, er probiert es mit einer Lüge, doch damit scheint er nicht weit zu kommen. Maximal bis zur anderen Seite des Waldes, denn dort leben die, die sich darauf verschworen haben, Single zu bleiben. Die aber letzten Endes um kein Haar besser sind als die Paarfanatiker im Herrensitz.

Die Eingangsszene allein verspricht eine opulente Groteske, die den Parship– und Tinder-Wahn aufs Kreuz legt, auf eine Weise aber, wie es vielleicht nur noch der Theatermagier Peter Greenaway hinbekommen hätte. Colin Farrell habe ich bislang so auch noch nie spielen sehen. Wie ausgewechselt und konträr zu seiner übrigen Werkschau sitzt er seltsam clownesk, wie eine kafkaeske Figur, die gegen eine höhere Ordnung anzukämpfen versucht, zwischen den Beziehungskisten. Neben ihm können auch andere illustre Namen wie Rachel Weisz, Ben Wishaw und Léa Seydoux und auch die oscargekrönte Olivia Colman für Single und Paare zu Felde ziehen.

Yórgos Lánthimos ist in seinen Filmen ein relativ autarker Künstler, an dessen Werken sich natürlich die Geister scheiden sollen, alles andere wäre ihm zu wohlgefällig. Für den Mainstream ist der Mann nicht gemacht. Ein bewusstes Polarisieren wie dieses könnte auch nach hinten losgehen, und tut es auch, zumindest für mich und was The Lobster angeht. Seine visuelle Exzentrik in allen Ehren – gegen Mitte des Filmes macht sich eine geradezu lähmende Zähigkeit breit, die trotz aller Kuriosität unerwartet vorhersehbar erscheint. Seine Idee ist Lanthimos das Wichtigste. Weniger wichtig seine marionettenhaft agierenden Figuren, die in ihren olivgrünen Ponchos im Kunstraum hängen. Noch seltsamer: der Off-Kommentar des ohnehin Offensichtlichen, wie eine akustische Bildbeschreibung für Sehbehinderte. In diesem losgelösten Szenario einer bedrückenden Beziehungsgroteske, die vor dem Andeuten expliziter Gewalt auch nicht zurückschreckt, kann ich mich nur schwer zurechtfinden, alles ist von einer klinischen Kälte und einer pragmatischen Konsequenz, die mich in ihrer artifiziellen Kopflastigkeit gänzlich unberührt lässt.

The Lobster

Djam

RHYTHMUS DER STANDHAFTEN

6,5/10

 

djam© 2018 MFA

 

LAND: FRANKREICH, GRIECHENLAND, TÜRKEI 2018

REGIE: TONY GATLIF

CAST: DAPHNÉ PATAKIA, MARYNE CAYON, SIMON ABKARIAN U. A. 

 

Nichts hat er auf die Reihe bekommen, das Meiste improvisiert, und das hat dann schlussendlich doch geklappt: die Rede ist vom wohl berühmt-bercühtigsten Griechen in der Filmgeschichte, sehen wir mal von den Göttern und Halbgöttern des Olymps ab: Alexis Sorbas, grenzgenial verkörpert von Anthony Quinn. Und sein Tanz trotz all des Schlamassels am Ende des Films hat sogar einen völlig neuen Stil begründet: den Sirtaki. Vom Sirtaki ist die kokette Djam gar nicht so weit entfernt – ihr Steckenpferd ist der Rembetiko, eine den osmanischen Klängen verwandte Musikrichtung, die auch als der Blues Griechenlands bezeichnet wird. Tragische Inhalte, die von Liebe, Heirat und sonstigen Herzschmerz erzählen, melancholisch bis zum letzten Ouzo-Tropfen, allerdings aber auch von orientalisch-beschwingten Rhythmen durchzogen. Rembetiko – das ist Musik, da bleibt man laut STS wirklich irgendwann mal dort und steckt die Füße in den weißen Sand, grad weil es akustisch eben auch so anders ist als daheim.

Diese Djam also lebt auf Lesbos, direkt an der Grenze zur Türkei. Wir wissen natürlich, welchen schicksalhaften Stellenwert Lesbos in Sachen Flüchtlingskrise hat und ganz klar bleibt dieser tragische Faktor neben einigen anderen nicht unerwähnt. Die unangepasste Waise, die bei ihrem Onkel lebt, wird also von selbigem nach Istanbul geschickt, um Ersatzteile für das Ausflugsboot zu holen, das wieder flottgemacht werden soll, für den Fall, dass sich irgendwann doch wieder Touristen hierher verirren. Klar, dass Djam keinen straffen Zeitplan folgt, ganz im Gegenteil. Sie gabelt noch dazu eine völlig mittellose Französin auf, die auf dem Weg in ein syrisches Flüchtlingslager sitzengelassen wurde. Die beiden tun sich zusammen, vergessen Zeit und Ort und mit Musik geht fortwährend sowieso alles besser, und wo prinzipiell mal jeder die Flinte ins Korn wirft, wenn überall gestreikt oder sonst was wird, holt Djam ihre Instrumente hervor und trällert zwischen Grenzzaun und levantinischer Geschichte den Mut zum Weitermachen her.

Viel mehr ist in Tony Gatlifs Roadmovie gar nicht los. Muss es auch nicht, denn der gebürtige Algerier mit einem ausgeprägten Faible für richtig gute Volksmusik sucht den richtigen Klang für Momente, an denen Worte nicht mehr reichen, lässt Schauspielerin Daphné Patakia die Hüften schwingen und andere am Bouzouki schrummen. Gemeinsam setzen all diese Menschen, denen sowohl die Finanzkrise der Griechen oder das humanitäre Drama der Flüchtenden übel mitspielt, ganz auf Tradition, besinnen sich auf ihre Wurzeln, wollen durchhalten, solange die „Musi“ spielt. Gatlif, der 2005 für Exils den Regiepreis in Cannes gewonnen hat, ist mir mit seinem 2000 erschienenen, so feurigen wie temperamentvollen Film Vengo bis heute gut in Erinnerung geblieben. Djam entwickelt nicht ganz so ein Feuer und erweckt auch keine Sehnsucht nach dem Süden, zeigt Europa aber mal von einer ganz anderen Seite, nämlich mit dem Blick von der Ostküste her aufs Mittelmeer. Probleme gibt’s dort viele, irgendwann zählt nur mehr, woher man kommt. Und das lässt sich mit Klängen und Rhythmen am besten anpeilen, obwohl selbst diese berauschenden Rhythmen die gelegentliche Schwermut von Djam nicht ausgleichen können. Wer einen Sommerfilm erwartet, wird schaumgebremst – Gatlif verlegt seine kulturelle Reise in den mediterranen Winter, er filmt Schauplätze auf Lesbos, die alles, nur nicht touristisch verwertbar sind. Er zeigt die Grenze und die Verzweiflung, die Traurigkeit und den Trotz. Manchmal wirkt die Musik dabei fehl am Platz, aber vielleicht ist sie genau dann am besten platziert, wenn gar keinem danach ist, zu musizieren. Vielleicht braucht man dann die Musik am meisten. Wie bei Zorbas, dem Griechen, der plötzlich anfängt zu tanzen.

Djam

1917

REISE NACH MORDOR

7,5/10

 

1917© 2019 Universal Pictures

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: SAM MENDES

CAST: GEORGE MCCAY, DEAN-CHARLES CHAPMAN, COLIN FIRTH, RICHARD MADDEN, BENEDICT CUMBERBATCH U. A.

 

Es gibt Filme, viele Filme, die Bücher als Grundlage nehmen und diese dann komplett anders interpretieren oder eins zu eins verfilmen oder den Stoff einfach aufblasen. Es gibt Bücher, die lesen sich wie Filme. Und es gibt aber zu guter Letzt auch Filme, die sichtet man wie Bücher. Genau das ist bei den Werken von Sam Mendes der Fall. Der Brite mit dem Oscar für American Beauty ist zur Zeit wohl der Romancier des Kinos. Die Qualität des Erzählens von Geschichten liegt nicht jedem, vieles ist zu verkopft und nur in den Augen des Verfassers logisch. Bei Mendes ist das, was er erzählt, von solch einer narrativen Eleganz, dass das Publikum den Film rund um den Globus völlig ähnlich erfahren wird. Auch sein neuester Film, das Kriegsdrama 1917, entspricht dieser Fertigkeit – indem er ein erschütterndes Szenario so in eine Filmsprache bettet, dass man das Gefühl hat, einen Roman zu sehen, voller prosaischer Klasse, feinen bildsprachlichen Details und emotionaler Wärme. 1917 ist die Lyrik eines Krieges, so sehr und so weit auch beide Begriffe auseinanderliegen. Obwohl Mendes´ Oscar-Favorit nicht der erste Film ist, der so einen Weg wählt. Wir erinnern uns natürlich an Francis Ford Coppolas Apocalypse Now. Natürlich, ein ganz anderes Timbre, eine ganz andere Sprache und ein anderer Stil, aber auch er hat den Krieg nicht in seiner ganzen nackten Schrecklichkeit bloßgelegt, sondern als Traumgespinst verformt, als ein Gespenst für einen destruktiven Zustand.

1917 ist eine ähnliche Odyssee. Zwar eine, die nicht ganz so in die Dunkelheit wie bei Coppola führt, aber dorthin, wo zwei Soldaten mit einer sehr dringlichen Nachricht hineilen, scheint auch nicht wirklich die Sonne. Schauplatz ist Frankreich, ein Jahr vor dem Kriegsende, Schützengraben überall. Zerstörte Erde, endzeitliche Zustände. Die Nerven liegen blank. Den Stellungs- und Grabenkrieg in Frankreich, den hatte schon Erich Maria Remarque in seinem schrecklich traurigen Klassiker Im Westen nichts Neues beschrieben – und das in einer sehr drastischen, aber zutiefst hypnotischen Sprache. Diese Sogwirkung hat auch 1917, schon allein dadurch, dass Mendes´ Film wie ein One Shot wirkt. Wer nach der Eingangssequenz, in der die Kamera den beiden Soldaten scheinbar ewig durch den Schützengraben folgt, noch nicht mittendrin im Geschehen weilt, der hat woanders hingesehen. Kameramann Deakins leistet wieder mal Erstaunliches. Der Aufwand für diesen Film muss ebenfalls enorm gewesen sein. Hier scheint der Naturalismus Teil des Casts zu sein, hier ist der Boden, der Schlamm, die verbrannten Bäume und all die tierischen und menschlichen Kadaver in all ihren unterschiedlichen Verwesungszuständen so plastisch, als würde man selbst darin wühlen, in diesem verheerten Chaos, das die beiden Protagonisten umgibt. Und die sind standhaft, vorsichtig, haben einen Auftrag – wie Frodo und Samweis, die Richtung Mordor gingen, beide füreinander da, beide im Sinne für alles, was kein Krieg ist. Leicht kippt das Unaussprechliche in ein Mittelerde, wo das Gute in den Händen der Schwachen liegt, die sich dem Gigantismus des Krieges scheinbar nur schwer entgegenstellen können. Jedoch hat Pathos, falsches Pathos in Mendes Werk nichts verloren, sein Film ist das Intonieren eines vergessenen Refrains, der an der Front davor bewahrt, nicht ganz den Verstand zu verlieren. Und tatsächlich tönt im Film irgendwann auch ein solches wehmütiges Lied durch den Hain.

Petersen hat mit Das Boot die Gefühlswelten junger Soldaten bislang am besten eingefangen. Mendes schafft das mit 1917 ebenso, allerdings sind die Aussichten auf bessere Zeiten im Gegensatz zum U-Boot-Drama zumindest welche, für die es sich lohnt, am Leben zu bleiben. Nihilismus hat bei Mendes keinen Platz, das Gute ist da, aber hält sich versteckt. Ein Antikriegsfilm ist 1917 somit nicht geworden, sondern eine epische Erzählung für nur einen Tag, zwischen expressionistischen Kontrasten auf weitem Feld und den kargen letzten Krümeln einer Freundschaft, die George McKay aufliest, bis zum Ziel. Doch dieses ist nur eine Etappe, bis die Schlacht wieder beginnt, und neue Befehle wieder jemanden durchs Niemandsland schicken.

1917

Gegen den Strom

AND THE BAND PLAYED ON

6/10

 

gegendenstrom© 2018 Pandora Filmverleih

 

LAND: ISLAND, FRANKREICH, UKRAINE 2018

REGIE: BENEDIKT ERLINGSSON

CAST: HALLDORA GEIRHARDSDOTTIR, JÓHANN SIGURÐARSON, JUAN CAMILLO ROMAN ESTRADA U. A.

 

Solange die Musik spielt, ist nicht alles verloren. Das hat man sich auf der Titanic auch gedacht. Also fidelten die Streicher bis zum bitteren Ende, und zwar immer noch, als alles bereits in den Fluten versank. Wer das sonst nirgendwo nachgelesen hat, weiß das seit James Camerons Filmwunder von 1997. Wenn also die Stille nach wohlkomponierten Klängen folgt, wird wohl schon alles so richtig im Argen sein. In der isländischen Tragikomödie, die ich eigentlich gar nicht in das Genre einer Tragikomödie einsortieren will, ist das Schlimmste noch nicht eingetreten. Obwohl die Lage schlimm genug ist. Denn die Combo, die spielt den ganzen Film hindurch. Was nun, das wird sich so mancher Leser denken, in den meisten Filmen sowieso der Fall ist, denn in gefühlt jeder Produktion bis auf die Filme von Michael Haneke oder dem Dogma 95 gibt es einen eigenen Score. In Gegen den Strom zwar auch, nur musizieren die Artisten live im Film, sind also Teil der Kulisse und begleiten unsere Protagonistin Halla im Grunde auf Schritt und Tritt. Auf offenem Felde, in der unwirtlichen Einöde Islands oder in ihren eigenen vier Wänden. Das ist ein interessantes Stilmittel, das habe ich ehrlich so noch nicht gesehen. Die Musik ist also ein weitaus wichtigerer Teil in Hallas Geschichte, um nur als Score eingespielt zu werden. Solange also die Musik läuft, kann Halla noch einiges riskieren. Und das tut sie.

Wenn sie nicht gerade ihre Chorgruppe leitet, rüstet sie „gegen den Strom“. Da haben wir ihn wieder, den doppelten Wortsinn. Denn Halla gelingt es mehrere Male, ohne entdeckt zu werden, mittels Pfeil und Bogen die Spannungsleitungen für die lokale Aluminiumfabrik zu kappen. Denn die ist schlecht für die Umwelt. Durch ihr Tun schreckt sie jede Menge Investoren ab, die da vielleicht mehr im Sinn haben als nur die Fabrik zu übernehmen. Eine Aktivistin also, durch und durch. Gleichzeitig aber auch bereit, ein Flüchtlingskind zu adoptieren, falls sie denn an die Reihe kommt. Da ist also einiges am Köcheln, und klingt nach stressigem Alltag. Den Idealismus, den Mut und die Überzeugung für eine Sache, den hat Regisseur Benedikt Erlingsson in seinem Frauenportrait so richtig groß geschrieben. Die Welt, die will er mit seiner Figur Halla besser machen, es scheint, als würde er sich wünschen, dass mehr Menschen so denken und handeln wie sie, gegen alle Konformität und eigentlich gegen jede Vernunft. Denn die, die kommt später. Wenn das verursachte Chaos Früchte trägt. Wenn der Plan aufgeht.

Vom isländischen Kino bin ich schon einiges gewohnt. Vor allem lakonisches, schwarzhumoriges. Sehr schräges aber auch wuchtiges. Gegen den Strom kann sich da nirgendwo wirklich einordnen. Das kaum bis gar nicht humorvolle Drama ist trotz seiner außergewöhnlichen Heldin ernüchternd normal, immer auf der Spur, selten versponnen. Halldóra Geirharðsdóttir verkörpert die Rolle der Kämpferin mit nüchterner Verbissenheit, die vollends überzeugt ist von ihrem Tun. Eine Hardlinerin, die all die Risiken, die sie beschwört, womöglich nicht abschätzen kann. Das ist nicht wirklich isländisch gefärbt, auch wenn so manche Szene ansatzweise skurril wirkt. Im Endeffekt ist es das aber nicht. Gegen den Strom ist trotz all seiner Aufregung ein unaufgeregter Film, vor allem durch das kontrollierte Spiel der Hauptdarstellerin. Die Welt zu verändern, so die Prämisse des Filmes, ist nichts, was per Multitasking erfüllt werden kann, bei all der Liebe zu den Ambitionen, die das Drama hat. Das mag klarsichtig sein, aufrichtig sein, aber letzten Endes ein Kampf gegen Windmühlen, der vielleicht erwirkt, dass sich die Windmühle weiterdreht, aber kein Monster mehr ist. Weil das eigene Leben immer noch oberste Priorität haben soll. Der Storytwist am Ende macht dann das Unmögliche möglich, erwartbar war er nicht. Ein bisschen bemüht zusammenkonstruiert, aber warum nicht, wenn es doch der guten Sache dient, und sich die Rettung der Welt auf die eines einzelnen herunterbrechen lässt.

Gegen den Strom