Zeiten des Umbruchs

DIE EINSAMKEIT DER TRÄUMER

8/10


armageddontime© 2022 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: JAMES GRAY

CAST: MICHAEL BANKS REPETA, JAYLIN WEBB, ANTHONY HOPKINS, ANNE HATHAWAY, JEREMY STRONG, TOVAH FELDSHUH, ANDREW POLK, JESSICA CHASTAIN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Egal, was du aus deinem Leben machen willst, was du tust und wofür du dich entscheidest: Bleibe Mensch! Wenn man sowas aus dem Munde von Anthony Hopkins hört, der sich mit hingebungsvoller Gewissenhaftigkeit und großväterlicher Liebe seinem Enkel widmet, erstarkt in einem selbst das Gefühl, die Weisung gelte nicht nur dem Jungen im Film, sondern auch einem selbst, der wie ich hier im dunklen Auditorium sitzt. Nichts anderes wollen wir tun: Uns selbst treu und Mensch bleiben.

Das erreicht man sicherlich nicht damit, indem man Nahrungsmittel auf wertvolle Kunstwerke wirft. Aber vielleicht damit, verrückte Ideen zu verfolgen, die einem an die Grenzen der eigenen Erfahrung bringen. Einem derartigen Reifungsprozess gibt sich der jüdische Junge Paul Graff hin, der im Geburtsjahr der 80er seine Schulstunden in Queens damit verbringt, in den Tag hineinzuträumen oder den unbequemen Lehrer Mr. Turkeltaub zu karikieren. Paul hat zeichnerisches Talent und denkt sich seinen eigenen Weg durch seine Kindheit, dabei schließt er Freundschaft mit einem schwarzen Jungen, der keinerlei Privilegien genießt, am Rande der Gesellschaft steht und diese Ohnmacht mit Bockigkeit kompensiert. Pauls Familie hadert derweil selbst mit ihrem Status als jüdische Einwanderer, die ihren Familiennamen ändern mussten, um als vollwertig zu gelten. Diese Zeit, in der Paul seine gesellschaftliche „Unschuld“ verliert, ist auch die Zeit, in der Ronald Reagan seine besten Karten dafür ausspielt, um Präsident zu werden. Das Viertel steht überdies unter der Obhut der Trumps. Donald, der spätere Präsident, wird Paul Graff genauso begegnen wie die damit einhergehende Unfairness der westlichen Welt, in der sich Chancengleichheit zum riesengroßen Fremdwort bläht.

Wenn Paul Graff – hinreißend dargeboten von Newcomer Michael Banks Repeta, der durch sein kindlich-knuffiges Erscheinungsbild leicht unterschätzt wird – lieber den Weg des Underdogs geht; des sozialen Outlaws, der das Herz am rechten Fleck hat, dabei aber seine Familie an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt, wünscht man sich einerseits, den Jungen an den Schultern zu packen und ihm Vernunft einzubläuen, andererseits aber ist das Brechen der Konventionen der einzige Weg, um einen Weg in die Zukunft zu finden, den bislang sonst noch keiner niedergetrampelt hat. Dieser Zwiespalt bewegt und fasziniert. Die Rolle des schwarzen Jungen namens Johnny wird dabei zum traurigen Symbol einer demokratischen Schieflage. Regisseur James Gray (u. a. Ad Astra – Zu den Sternen) errichtet sein Coming of Age-Drama auf den Erinnerungen seiner eigenen Kindheit. Ein autobiographischer Film, sozusagen. Und da all diese Szenen für Gray mit sehr viel emotionalem Kontext verbunden sind, liegt ihm auch gar nichts daran, altbekannte Erzählformeln oder die üblichen nostalgischen Versatzstücke, welche die Achtziger stets so mit sich bringen, einzusetzen.

Zeiten des Umbruchs – oder viel besser: Armageddon Time – ist das nonkonformistische Zeitbild rund um einen Nonkonformisten, der einer privilegierten Elite nichts abgewinnen kann und sich abwendet, weg von einem Erfolg, den sich alle anderen verdienen. In diesem politischen wie gesellschaftlichen Paradigmenwechsel, der wie ein Vakuum wirkt, in welchem die eigenen Ideale schwerelos scheinen, begibt sich Gray auf Augenhöhe mit sich selbst und seiner Familie, verschmäht das Melodrama oder gar den Kitsch. Bleibt ehrlich und widersprüchlich im menschlichen Verhalten. Hopkins oder Anne Hathaway sowie allen voran der erstaunliche und ungefällig aufspielende Jeremy Strong ruhen in ihren Rollen zischen Fürsorge und eigenem Dilemma und lassen dem Jungschauspieler Platz, um seinen Idealen zu folgen, so lausbübisch sie auch sein mögen.

Selten war ein Film aus dem Coming of Age-Genre, in welchem immer wieder ähnliche Themen romantisiert werden, so sehr mit Zeitgeschichte und den Werten des Humanismus verbunden. In den meisten stehen die Protagonisten selbst im Zentrum und suchen ihre Identität. In Zeiten des Umbruchs richtet sich der konzentrierte Blick nach außen, auf die Umwelt. Was man sieht: Das stimmige, spürbare Portrait eines Anfangs von etwas, das bis heute nachwirkt.

Zeiten des Umbruchs

The Outfit – Verbrechen nach Maß

TOTE TRAGEN SCHICKE SAKKOS

5/10


theoutfit© 2022 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: GRAHAM MOORE

CAST: MARK RYLANCE, ZOEY DEUTCH, DYLAN O’BRIEN, JOHNNY FLYNN, SIMON RUSSELL BEALE, NIKKI AMUKA-BIRD U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Für Graham Moore ist der unsichtbare Faden wohl jener Handlungsstrang, der sich jenseits des Offensichtlichen durch die Minuten eines Films schlängelt, und nicht jener Zwirn, den Daniel Day Lewis in gleichnamigem Film von Paul Thomas Anderson seinen stofflichen Kunststücken zur Vollendung eingenäht hat. Für Graham Moore ist The Outfit – Verbrechen nach Maß sein Debüt in Sachen Regie, nach dem er recht erfolgreich das Drehbuch zu The Imitation Game von Morten Tyldum verfasst hat. Wir wissen: Benedict Cumberbatch hat hier dem Mathematiker Alan Turing ein Denkmal gesetzt. Jetzt borgt sich Moore aus Spielbergs Lieblingsensemble Mark Rylance, den ehemaligen Mastermind hinter Ready Player One oder dem Spion aus The Bridge of Spies. Rylance spielt gerne unterschätzbare Charaktere, die leise auftreten, sich vielleicht auch menschenscheu und eremitisch geben. Die den Kopf gesenkt halten und eine falsche oder wahre Bescheidenheit leben, so genau weiß man das nie. Rylance aber hat Charakter, ein distinguiertes Auftreten und fällt niemals mit der Tür ins Haus. Das war auch schon bei Yoda so: Deswegen war der mächtigste aller Jedi auch der kleinste und lernresistenteste, wenn es darum ging, ordentlich Basic zu beherrschen.

Rylance als Herrenschneider Leonard Burling spricht allerdings ein astreines und gewähltes Englisch. Konzentriert sich auf das, was er am besten kann, um die Perfektion mit Nadel und Faden zu gewährleisten. Betreibt einen kleinen Laden im tief verschneiten Chicago und tut so, als wüsste er nicht, dass hier tagein, tagaus finstere Handlanger nicht nur der irischen Mafia Burlings Werkstatt als Drehscheibe für geheime Informationen verwenden. Dort hängt in einer Ecke ein unscheinbarer Briefkasten, und die verbrechenswilligen Herren in Mantel und Fedora schneien hier schneeflockennass in die heiligen Hallen des Meisters, um ihr Geschäft am Laufen zu halten. Eines Tages landet ein Brief der geheimnisvollen und alles umspannenden Organisation The Outfit in besagtem Kästchen – mit brisanten Details. Später dann wird Richie, der Filius von Gangsterboss Boyle, angeschossen in die Schneiderei gebracht – ein Angriff der Gegenpartei, die wissen wollen, dass einer in diesem ganzen Gefüge der Unterwelt ein Verräter sein muss und dem FBI mithilfe von Tonbandaufzeichnungen allerlei Brisantes zukommen lassen will. Diese Aufnahmen dürfen nicht in falsche Hände geraten, denn geplaudert wird in diesen scheinbar tauben vier Wänden immerhin auch genug.

Wer jetzt schon anhand des recht konstruierten Plots das Interesse an dem piekfein ausgestatteten Kammerspiel verloren hat: vorzuwerfen wäre es ihm nicht. Die ebenfalls von Graham Moore ersonnene Geschichte, die sich auf Elemente eines True Story-Berichts beziehen, eifert etwas bemüht den Gangsterfilmen der Schwarzen Serie nach und transportiert seine Hommage in eine Zwei-Zimmer-Boutique, in welcher sich im Laufe von 106 Minuten die verschiedensten Gesellen – vom tumben, gewaltbereiten Handlanger bis zum Obermafiosi, der seinen Sohn sucht – einfinden werden. Das Kammerspiel dürfte Moore womöglich schon seit Sichtung des Hitchcock-Klassikers Cocktail für eine Leiche beeindruckt haben: so manchen Suspense entdeckt man auch in The Outfit – wenn man genau danach sucht. Also irgendwo zwischen angeschossenen Gangstern, verbotenen Liebschaften und gezogenen Pistolen, die auf was weiß ich auf wen gerichtet sind. Inmitten dieses Kommens und Gehens arbeitet sich Mark Rylance als argloses und scheinbar devotes Scheuklappen-Schneiderlein durch allerlei Schnittmuster zur zentralen Figur heran, die langmächtig über Schein und Sein philosophiert und maßgeschneiderte Herrenanzüge mit determiniertem Karma gleichsetzt.     

The Outfit – Verbrechen nach Maß will als opulenter Einakter auf engstem Raum funktionieren und seine Wendungen wie Stecktücher in Sakkos platzieren. Durch diese Ordnungsliebe verzichtet der Thriller aber auf das Plötzliche und Unerwartete.

The Outfit – Verbrechen nach Maß

Blue Bayou

PAPA KOMMT NICHT WIEDER

5,5/10


bluebayou© 2021 Focus Features


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JUSTIN CHON

CAST: JUSTIN CHON, ALICIA VIKANDER, SYDNEY KOWALSKE, MARK O’BRIEN, EMORY COHEN, LINH DAN PHAM, VONDIE CURTIS-HALL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


In jeder zweiten (was heißt jeder zweiten: geradezu in jeder) altersübergreifenden Produktion feiern US-Entertainment-Konzerne wie Disney die Einheit, den Zusammenhalt und den Wert der Institution Familie. Wenn Mama, Papa und der Nachwuchs füreinander in die Bresche springen, dann ist das das höchste Gut, keine Frage. Kann ich auch so unterschreiben. Blickt man in den Vereinigten Staaten aber vom Bildschirmrand etwas weiter weg und dahinter, ist es aus mit diesem Wertebewusstsein. Da ist Familie nur noch in einer einzigen Ausgestaltung annähernd so, wie Disney es immer kolportiert: weiß, uramerikanisch und gefühlt seit Jahrtausenden schon dort geboren. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Alle Nicht-Natives blicken zurück auf eingewanderte Ahnen, das kann man drehen und wenden wie man will. Die Politik der Integration war damals aber vielleicht nur ein Blatt im Wind, nicht von Bedeutung. Heutzutage ist Integration etwas für den Rechenschieber, ein seelenloses und unmenschliches Regelwerk, dass den hochgelobten Familiensinn mit Füßen tritt. Justin Chon, selbst gebürtiger Südkoreaner und wohnhaft in den USA, hatte wohl Menschen an seiner Seite, die sich rechtzeitig darum gekümmert haben, dass der Bub auch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält. Mittlerweile wird ihm wohl nicht jenes Schicksal widerfahren, dass sein alternatives Ich in Gestalt von Antonio zu spüren bekommt. Wobei mit etwas mehr Besonnenheit im Alltag ein Drama wie dieses wohl nicht entstanden wäre. Oder aber: es wäre sowieso so weit gekommen – wenn nicht früher, dann später.

Dieser Antonio lebt als herzensguter Stiefvater und Partner von Alicia Vikander (selbst Schwedin, hier spielt sie aber eine waschechte Amerikanerin) in New Orleans und verdingt sich für einen müden Gewinn als Tätowierer. In naher Zukunft werden die Einnahmen bald nicht mehr reichen, denn Nachwuchs bahnt sich an. Es wäre schon alles unangenehm und entbehrlich genug, steht der leibliche Vater der kleinen Jessie permanent auf der Matte, was unheimlich nervt. Allerdings ist das sein gutes Recht, und als der Streifenpolizist die Mutter seiner Tochter in einem Supermarkt zur Rede stellen will, eskaliert die Lage. Antonio wird verhaftet – und zum Fall für die Fremdenpolizei.

Gesetze sind eine Sache – sie zu befolgen eine andere. Gesetze sind ein Kind ihrer Zeit und führen sich selbst manchmal ad absurdum, wenn ihr Wechselwirken bis zur letzten Konsequenz exekutiert wird. Gesetze wie dieses, das Einwanderer, die bereits mehrere Dekaden im Land gelebt haben, als ein nicht vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ausweisen, schreien aber danach, reflektiert zu werden. Was in einem Land wie diesen aber nicht passiert. Justin Chon lässt sich selbst gegen Windmühlen kämpfen, und darüber hinaus auch noch gegen seinen eigenen Anstand. Dabei verknüpft er die vagen, traumartigen Kindheitserinnerungen des Einzelkämpfers mit einer Sehnsucht nach einem stillen Ort der Geborgenheit inmitten des Louisiana Bayou (langsam fließende Gewässer inmitten einer Sumpflandschaft). Die impressionistischen Bildstile eines Kim Ki Duk oder Tran Anh Hung könnten dafür Pate gestanden haben – sonst aber verlässt sich Chon auf eine unruhige visuelle Erzählweise in grobkörnigen Bildern, die das wehmütig-nachmittägliche Sonnenlicht wie auf verblichenen Polaroidfotos aus den Siebzigern wirken lassen. Weh- und schwermütig ist auch der ganze Film, doch in erster Linie nur für Alicia Vikander (die eine herzzerreißende Version von Roy Orbisons Songklassiker schmettert), der kleinen Jessie und Justin Chon.

Vielleicht liegt es am impulsiven Handeln des Protagonisten, welches dem Unglück, das hier noch folgen wird, einen anderen und besseren Ausweg verbaut. Das Schicksal einer entbehrungsreichen Kindheit ohne Wurzeln gewährt in Blue Bayou unbedachtem Handeln die Legitimation. Seltsamerweise erscheint es aber, als hätte Antonio nur mit halbem Herzen das getan, was notwendig gewesen wäre, um das Debakel eines verqueren Gesetzes auszubügeln. Vielleicht liegt es ja daran, dass Antonio Zeit seines Lebens gar nicht so genau weiß, wohin er schließlich gehört. Und das Schicksal, wie es auch ausfällt, wohl annehmen wird. Ein schmerzlicher Pragmatismus, der aber Distanz zum Film schafft.

Blue Bayou

Abseits des Lebens

ÜBERLEBEN ALS THERAPIE

6,5/10


abseitsdeslebens© 2021 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA, KANADA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: ROBIN WRIGHT

CAST: ROBIN WRIGHT, DEMIÁN BICHIR, WARREN CHRISTIE, MIA MCDONALD, KIM DICKENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Rüdiger Nehberg oder heutzutage Bear Grylls wissen, wie es geht: in der Wildnis überleben. Sie machen das, weil sie es können. Andere machen das, weil sie es zwar nicht können, aber zumindest wollen. Weil sie den einzigen Weg darin sehen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. So eine Challenge kann gefährlich werden, wenn man nicht genau weiß, worauf zu achten ist. Doch Edee ist das ziemlich egal. Sie hat alles verloren, was ihr jemals lieb und teuer war. Und das ist ein Schmerz, der durch nichts gelindert werden kann. Außer vielleicht durch das Wagnis, den Grundregeln des Lebens selbst so nahe zu kommen, damit dieses wieder einen Sinn hat. Bewusst ist das Edee allerdings nicht. Vielleicht kann die Wildnis einen anderen, neuen Menschen aus ihr machen, wer weiß. Der Blick nach vorne gelingt vielleicht nur unter der Bedingung, niemals mehr zurückzusehen.

Also bezieht Edee eine Hütte im Wald – mit Konserven, Klamotten – und sonst eigentlich nichts. Das Auto lässt sie abholen, Handy hat sie auch keins dabei. Läuft irgendwas schief, ist das ihr Ende. Und es dauert nicht lange, bis der nächste Winter kommt, und Edee bemerkt, dass sie weder ein Rüdiger Nehberg noch ein Bear Grylls ist und kurz davor steht, entweder zu erfrieren oder zu verhungern. Das Schicksal will es anders und schickt gerade zur rechten Zeit einen Jäger an ihrer Hütte vorbei.

Abseits des Lebens (im Original nur: Land) birgt ein Skript, um welches sich wohl eine Menge Schauspielerinnen gerissen hätten. So gut wie eine One-Woman-Show, erfährt hier die Protagonistin die gesamte Klaviatur des Lebens, vorzugsweise die tiefen, schweren Töne. Doch Robin Wright findet da gut hinein. Vor allem auch, weil sie sich selbst inszeniert hat. Da kann man Empfindungen in die Rolle legen, wie man es für richtig hält. Wright lässt sich dennoch nicht zum Melodramatischen hinreissen. Und die Trauer ist eine, die selten im Selbstmitleid versinkt. Wenn, dann sind das Momente, die wir beim Verlust eines geliebten Menschen sowieso alle kennen. Die Natur zeigt sich dabei unbeeindruckt. Zieht das durch, was sie in all den Äonen immer tut, vom Frühling bis zum Winter und wieder von vorne. Genau das ist das Tröstende an Wald, Wiese und Berg. Wright ist begeistert davon und bringt dies mit pittoresken Kalenderbildern sehr wildromantisch zum Ausdruck. Dieses Beständige, Erwartbare, Kompromisslose scheint ein Leitsystem, dem man in schwierigen Zeiten folgen kann.

Vergleichbar ist Wrights Film zumindest anfangs und auch dazwischen mit Julian Roman Pölslers Haushofer-Verfilmung Die Wand. Während dort die Isolation eine aufgezwungene ist, sucht sich die Figur der Edee selbige freiwillig aus. Letzten Endes aber birgt sowohl in Die Wand als auch in Abseits des Lebens der Umstand des Alleinseins in einer atemberaubend schönen, wilden Welt genau das nicht, was der Mensch zum Weiterleben braucht: andere Menschen.

Abseits des Lebens

Stillwater – Gegen jeden Verdacht

DAS RICHTIGE TUN

8,5/10


stillwater© 2021 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: TOM MCCARTHY

CAST: MATT DAMON, CAMILLE COTTIN, ABIGAIL BRESLIN, LILOU SIAUVAUD, DEANNA DUNAGAN, ANNE LE NY U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


Ihr könnt euch sicher alle noch an den aufsehenerregenden Fall Meredith Kärcher erinnern. Wenn da nichts klingelt, dann vermutlich beim Namen Amanda Knox. Jene Studentin, die knapp einer lebenslangen Haftstrafe entging, als sie nach vier Jahren aus dem Gefängnis kam, aufgrund eindeutiger Beweise der Unschuld der Angeklagten. Dennoch: das Image des Engels mit den Eisaugen blieb ihr – Danke den Medien an dieser Stelle, die das Kriminal-Brimborium publikumswirksam ausschlachten konnten. Amanda Knox hat sich im Falle des aktuellen Kinofilmes Stillwater – gegen jeden Verdacht gar zu Wort gemeldet – natürlich mit Plagiatsvorwürfen gegen das Drama von Tom McCarthy (Drehbuch-Oscar für Spotlight), der sich von dieser merkwürdigen Konstellation aus Opfer, Täter und Verdächtige inspirieren hat lassen. Wie gesagt: inspirieren. Nur sehr vage erinnert der Film an die tatsächlichen Ereignisse. Kein Grund, hier irgendwelche Rechte verletzt zu sehen. Und lässt sich der prägnante Lebenswandel einer bekannten Person denn tatsächlich rechtlich schützen? Gibt‘s dafür schon ein Copyright?

Abigail Breslin, die hat ohnedies keine eisblauen Augen, und sitzt außerdem nicht in Italien, sondern in Frankreich als Allison hinter schwedischen Gardinen. Schuldig des Mordes an ihrer Partnerin. Ausgefasst hat sie statt 26 „nur“ neun Jahre, und sie kann froh sein, dass ihr Vater Bill (die Mutter hat Suizid begangen, aber nicht wegen des Schicksals ihrer Tochter) immer wieder mal nach Marseille reist, um nach dem Rechten zu sehen und seiner Tochter die Wäsche zu waschen. Da überreicht sie ihm einen Brief für ihre Anwältin, mit einer wichtigen Information, die sie vielleicht, wenn alles klappt, deutlich früher als geplant entlasten und entlassen könnte. Papa Bill geht der Sache nach. Stößt zwar erst auf taube Ohren und bringt leere Kilometer hinter sich, doch dann öffnen sich ganz andere Chancen, die das Leben des sonst vom Pech verfolgten Amerikaners für immer verändern könnten.

Interessant und ungewöhnlich dabei ist, dass in Stillwater – Gegen jeden Verdacht der Fokus gar nicht mal zwingend auf dem Kriminalfall liegt, sondern sich vielmehr auf das Leben des verarmten, hart arbeitenden und ganz und gar nicht auf die Butterseite des Lebens gefallenen Charakter von Matt Damon konzentriert. Der liefert die beste und intensivste Performance seiner Karriere ab, wofür er, so hoffe ich, bei den nächsten Oscars zumindest nominiert werden sollte. Seine Rolle, die er mit jeder Faser seines schauspielerischen Know-Hows verkörpert, ist die eines schlichten, wortkargen Gemüts, eines bärbeißigen Arbeiters und Vorbestraften, der das Herz allerdings am rechten Fleck hat, sich im Zwischenmenschlichen allerdings ordentlich schwertut. Damon bringt mit wenigen Variationen des Ausdrucks dennoch eine ganze Palette an Gefühlsregungen zustande, von väterlicher Liebe bis zur fahrigen Anspannung. Sein Spiel ist wahrhaftig, seine zum Scheitern verurteilten Versuche, das Richtige zu tun, eine für ihn bewusstseinsverändernde Erfahrung. Tom McCarthy gelingt mit einem komplexen Script, das auf mehreren Ebenen funktioniert und in seiner Tonalität an Ken Loachs Sozialdramen erinnert, der psychosoziale Lebensentwurf einer Familie, die von einem andauernden schlechten Karma verfolgt zu sein scheint. Kurzum: Während die einen im Leben privilegiert sind, haben es andere scheinbar absichtlich schwer. In diesem Dilemma, indem das Richtige niemals richtig sein kann, sucht Matt Damon nach dem einzig richtigen Ausweg. Dieser Prozess ist bewegend, vielschichtig und grandios inszeniert. Trotz seiner Überlänge spart sich der Film unnötig Offensichtliches, behauptet sich sowohl als ruhiges Drama als auch als stimmungsvoller Thriller. Stillwater – Gegen jeden Verdacht zählt schon jetzt für mich zu den außergewöhnlichsten und daher auch besten Filmdramen des Jahres.

Stillwater – Gegen jeden Verdacht

Der verlorene Sohn

SEELENGEISSELN MIT DEM BIBELGÜRTEL

6,5/1

 

BOY ERASED© 2018 Kyle Kaplan / Focus Features

 

ORIGINALTITEL: BOY ERASED

LAND: USA 2018

REGIE: JOEL EDGERTON

CAST: LUCAS HEDGES, NICOLE KIDMAN, RUSSEL CROWE, JOEL EDGERTON U. A.

 

Der liebe Gott will das alles gar nicht. Nicht diese Qual, nicht diese Verzweiflung. Menschen, die im mehrere Bundesstaaten umfassenden Biblebelt ihre Homosexualität entdecken, können sich glücklich schätzen, wenn es keiner merkt. Denn gleichgeschlechtliche Liebe, die ist im Südosten der USA etwas, das für all die anderen frommen Gläubigen nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Da muss die mittelalterliche Ahnung einer manipulativen Finsternis herhalten, die sich im Hexenwahn Europas und in der Manifestation des Teufels in den Dingen des Alltags schon Jahrhunderte zuvor austoben konnte, zum Leidwesen tausender unschuldiger Opfer. Erschreckend, dass sich diese Auslegung der heiligen Schrift im Pietismus der evangelikalen Kirche in zwar gesitteter, aber nicht weniger grausamen Form erhalten hat. Denn Homosexualität ist nichts, was den lieben Gott sauer aufstößt. Sondern Teil einer komplexen Biologie, die weder umgepolt, noch verdrängt, noch weggebetet werden kann.

Diese Erkenntnis hat der 19jährige Jared nach seinem Austreibungsseminar allerdings auch erlangt. Und noch etwas ist ihm klar geworden: Das die Reparativtherapie des bigotten (ebenfalls homosexuellen) Seminarleiters Victor Sykes nichts anderes als sektiererische Gehirnwäsche sein kann, in der Schwule und Lesben Sünden bekennen müssen, die sie bei Gott nicht getan haben. Schon wieder Gott, obwohl Vater unser in Joel Edgertons Film nur lediglich namentlich erwähnt wird – und sich ganz weit entfernt hat von Menschen, die die Weisheit mit dem letzten Abendmahl gegessen und keine Ahnung davon haben, wie das Wesen Mensch überhaupt funktioniert. Das sind auch die, die womöglich daran glauben, dass unsere Welt erst 6000 Jahre alt ist. So einem Schwachsinn sind junge Menschen wie Jared ausgeliefert. In Person des eigenen Vaters (schwerfällig: Russel Crowe), Victor Sykes und der Gesellschaft eines ahnungslos intoleranten Glaubens. Denn Glauben heißt doch nichts wissen. Und weiß man einmal mehr, ist man verdächtig. Jared, der fügt sich erstmal, macht gute Miene zum beschämenden Spiel. Und findet sich im Laufe des therapeutischen Programms in einem zermürbenden Umfeld aus Erniedrigung und den Abnötigungen absurder Geständnisse wieder. Und irgendwie, so erscheint es mir, gibt es Szenen in diesem auf wahren Begebenheiten beruhenden Drama, die mich an Stanley Kubricks Antikriegsfilm Full Metal Jacket erinnern. Auch in dieser seelenbrechenden Vorhölle haben Bestimmer jungen Menschen deren Identität geraubt – zwar nicht ihre sexuelle, aber sonst den ganzen Rest. Die Ideale, die nach diesem Flächenbrand zurückbleiben, sind jene, die zur erfolgreichen Vernichtung des anderen führen, und die bereits im Drill der Kadetten ihren Anfang nimmt. Da wie dort gibt es manche, die der psychischen Geißelung nicht standhalten können. Und bevor es zu spät ist, zieht Jared die Reißleine.

Joel Edgerton, der neben der Regie auch die Rolle des jovial-durchtriebenen Reparativtherapeuten übernommen hat, ist natürlich nicht ganz so gnadenlos perfide wie „Sergeant Hartmann“ R. Lee Ermey, aber jemand, dessen bekehrender Eifer Angst macht. Klar führt diese fragwürdige Indoktrinierung in einer Institution, die es nur gut für sich selbst meint, Erfolg maximal zur Leugnung von einem selbst. Das mitanzusehen, ist keine erquickende Bibelrunde zur Festigung der Gemeinde, und auch keine zwei Stunden entspannende Kinounterhaltung. Mit Der verlorene Sohn oder Boy Erased, wie der Film im Original heißt, arbeitet Edgerton Fakten auf, die Empörung fordern. Sein Film ist der erhellende Bildbericht eines Skandales, eine Reportage über verzweifelten Selbstverrat, über die Zensur der Freiheit, festgehalten in herbstlichen, fast ausgedörrten Bildern. Lucas Hedges, der mit Manchester by the Sea erstmals auf sich aufmerksam machte, bietet mit einer wieder mal famosen Nicole Kidman als hin und hergerissene, aber allen voran liebende Mutter überzeugende Schauspielkunst. In Rollen, die sicherlich nicht leicht zu interpretieren oder auszubalancieren sind. Die durchaus belasten können, wenn man beim Verstehen der filmischen Identität keine halben Sachen machen will.

Der verlorene Sohn bespricht ein Thema, das natürlich bereits vorhandenes, notwendiges Interesse voraussetzt. Das ungeschönte, allerdings aber auch hoch emotionale Drama ist ein sehr spezieller Film, der vor allem jenen, die sich ebenfalls die eigene sexuelle Orientierung verbieten, und zwar aus religiösen Gründen, etwas mitgeben können auf den Weg zu mehr Eigenakzeptanz und einem festeren Boden unter den Füßen.

Der verlorene Sohn