Ach du Scheiße!

VON WEGEN STILLES ÖRTCHEN

6,5/10


achduscheisse© 2022 Drop Out Cinema / Daniel Dornhoefer


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: LUKAS RINKER

CAST: THOMAS NIEHAUS, GEDEON BURKHARD, OLGA VON LUCKWALD, FRIEDERIKE KEMPTER, RODNEY CHARLES, UKE BOSSE, BJÖRN MEYER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


So, jetzt mal ganz im Ernst: Widmen wir uns den wichtigen Dingen des Lebens. Den wirklich wirklich wichtigen. Denn alles im Leben steht und fällt mit einer gesunden Verdauung. Der Knüppel zwischen den Beinen auf dem Weg dorthin könnte unter Umständen eine besetzte Toilette sein. Nicht auszudenken, wenn die Natur ihr Recht einfordert, und man nirgendwo hinkann. Was aber, wenn die Natur gerade mal gar nichts zu sagen hat, der Kaiser längst zu Fuß dorthin gegangen ist und dieser von dort nicht mehr wegkommt? Das ist dem einen oder anderen vielleicht schon mal als Kind passiert. Da schließt man sich am Klo ein, bekommt die Tür aber nicht mehr auf. Ein Albtraum. Ungefähr so ergeht es einem Architekten namens Frank, der inmitten eines umgekippten blauen Dixie (oder Toi Toi)-Klos erwacht, gar nicht weiß, wie er hierhergekommen und zu allem Übel auch noch in einer Baugrube gelandet ist, aus welcher geriffelte Stahldrähte gen Himmel ragen und eine davor direkt durch Franks linken Unterarm geht. So ein Anblick fördert dann doch einen panischen Urschrei zutage, wie in Thomas Niehaus tätigt. Nur: Am Lokus hört dich niemand schreien. Zumindest nicht auf diesem.

Aber gut. Diese ganze verzwickte Situation würde sich irgendwann (und hoffentlich noch, bevor Frank verblutet) in Wohlgefallen auflösen, wäre da nicht eine ins „Häusl“ stehende geplante Sprengung, die in Kürze das ganze Areal einmal umkrempeln würde. Und zwar einschließlich unseres Alltagshelden, der jetzt schon nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, und es ist ja am Ende des Tages nicht so, als hätte Frank im Laufe des Films nicht alles versucht. Regisseur und Drehbuchautor Lukas Rinker schenkt ihm dafür satte 91 Minuten Laufzeit, was man von einem Film, der nur auf maximal zwei Quadratmetern spielt, vielleicht als allzu großzügig ansehen kann oder eben auch nicht, denn es gibt im Laufe der Filmgeschichte so einige Werke, die ihre Spannung trotz der eingeschränkten Parameter mühelos halten konnten. Buried– Lebendig begraben mit Ryan Reynolds zum Beispiel. Dann gibt es Joel Schumachers Telefonzellenpartie Nicht Auflegen! (heutzutage nicht mehr möglich, da sowieso jeder ein Handy hat – auch Frank) oder den Science-Fiction-Film Oxygen mit Mélanie Laurent. Alle diese Arbeiten funktionieren auf ihre Weise. Und tatsächlich schafft es Ach du Scheiße! ebenfalls, seinen Plot niemals nur aufs notdurftbedingte Zeitunglesen zu beschränken, sondern gefühlt alles in diesem versifften Plastiksarg zur Befreiung einzusetzen.

Dazu gehört auch das lautstarke Organ von Thomas Niehaus. Dieser Mann greift für sein Leben tief ins Klo, brüllt und schreit sich die Seele aus dem Leib. Spuckt, flucht, schwitzt und besudelt sich mit Blut. Der Stress steht ihm ins Gesicht geschrieben, Visionen von sprechenden Klobrillen dienen dazu, nicht oder doch komplett den Verstand zu verlieren. Wer als Hygieneverfechter stets sein Fläschchen Hochprozentigen für die Hände mithat und niemals auch nur in den Dunstkreis einer öffentlichen Toilette tritt, wird Ach du Scheiße! nur schwer aushalten können. Durch den Supergau aus Fäkalien, Handseife und übertrieben viel Blut muss man sich als Zuseher erstmal durcharbeiten wollen, um dann dazwischen auch sowas wie eine kleine, feine Romanze zu entdecken und die in groben Zügen verfasste Tragödie eines Verrats, ausgeübt von Gedeon Burkhard in seiner wohl schludrigsten Performance, die gegen die Qualität von Thomas Niehaus‘ expressivem Spiel erbarmungslos abstinkt. Durch Burkhardt, der ja sogar schon mal für Tarantino vor der Kamera stand, hievt sich Ach du Scheiße! gegen Ende auf die Bauernbühne, mit Unterstützung zweier Dorfgendarmen, entliehen aus irgendeinem der Eberhofer-Krimis.

Natürlich ist Ach du Scheiße! eine wilde Mischung aus Trash und Splatter, welche sich in den starken Momenten mit voller Konzentration auf Thomas Niehaus zu einem kuriosen Survival-Thriller auswächst, dem Ekel einfach fremd sein muss und der sich mit dem Siff verbrüdert, um seinen Protagonisten halbwegs heil aus der Scheiße zu ziehen. Da fallen die klamaukigen Elemente rund ums Klo vom Herzstück des Films ziemlich ab und wirken in ihrer Beliebigkeit wie hingeworfen. Wer da den Schließmuskel noch zudrücken kann, hat aber mit Sicherheit reuelosen Spaß dabei und es lohnt sich, diesem irrwitzigen Escape-Toilet-Reißer durch den Abfluss zu folgen.

Ach du Scheiße!

Beast – Jäger ohne Gnade

AUF LEISEN PFOTEN KOMMT DER TOD

5/10


beastjaegerohnegnade© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, ISLAND 2022

REGIE: BALTASAR KORMÁKUR

CAST: IDRIS ELBA, SHARLTO COPLEY, IYANA HALLEY, LEAH JEFFRIES, MARTIN MUNRO, DANIEL HADEBE U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Können Tiere so etwas wie Rache empfinden? Den Elefanten sagt man ähnliches Verhalten schon die längste Zeit nach. Elefanten – die vergessen selten etwas (im Gegensatz zu mir), schon gar nicht Zweibeiner, die Ihnen im Laufe ihres Lebens Böses angetan haben. Menschenaffen sind da schon mehr auf unserer Seite, allerdings erfolgt diese Art der Vergeltung unmittelbar, ohne von langer Hand geplant worden zu sein. Über Großkatzen indes gibt es so manche mit Vorsicht zu genießende Legenden, die den Tieren mehr Vorsatz einräumen als anderen Lebewesen, die uns Zweibeinern am nächsten stehen. Deutlich plausibler sind da schon jene Prädatoren, die, gegen ihren natürlichen Speiseplan gerichtet, auf Menschen losgehen. Als die wohl bekanntesten Vertreter dieser Unart galten die Löwen aus dem Reservat von Tsavo, die um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert Kolonialisten wie Einheimische in Angst und Schrecken versetzten. Stephen Hopkins hat mit Der Geist und die Dunkelheit daraus einen Film gemacht und Michael Douglas sowie Val Kilmer zur Flinte greifen lassen. Und ja: Sogenannte Man-Eater gab’s und gibt’s nicht nur bei den Löwen – zum Ausgleich wütete in Asien auch so mancher Tiger.

Und jetzt – jetzt ist Südafrika dran. Baltasar Kormákur, Spezialist für Themen, in denen Homo sapiens schutzlos irgendwelchen Naturgewalten ausgeliefert ist und dabei vergeblich versucht, in kompromisslos konsequenten Ereignissen doch noch als Bewältiger hervorzugehen – dieser Baltasar Kormákur wandert nun von isländischen Meeren über den Himalaya immer weiter in südliche Gefilde, um endlich mal auf Safari gehen zu können. Das macht er nicht allein, sondern mit Superstar Idris Elba an seiner Seite. Und ja – Sharlto Copley, sowieso Südafrikaner, darf hier auch noch seinen Heimvorteil genießen. Zu den beiden gesellen sich zwei halbwüchsige Mädchen, Elbas Filmtöchter, die auf den Spuren ihrer verstorbenen Mutter unterwegs sind, und einfach nicht verstehen können, warum sich Papa von ihr noch zu Lebzeiten getrennt hat. Klar braucht es diesen familiendramatischen Unterbau, denn irgendwo muss der Haussegen ja schief hängen, um im Angesicht einer blanken Katastrophe wieder geradegebogen zu werden. Und diese Katastrophe kommt dann auch, während einer Wildlifetour durch ein inoffizielles Reservat, auf vier samtleisen Pfoten angepirscht. Ein Löwe hat es auf Menschen aller Art abgesehen. Ein Löwe macht eine ganze Spezies verantwortlich dafür, dass Wilderer sein Rudel getötet, in alle vier Winde verstreut und eingefangen haben. Ein Löwe schwört jetzt Rache. Und dabei ist egal, wie sehr zum Handkuss Idris Elba unschuldigerweise kommen mag. Mensch ist Mensch, und Tier ist Tier.

Beast – Jäger ohne Gnade orientiert sich stark an einem ganz bestimmten Meisterwerk der Survival-Suspense, nämlich an Jurassic Park. Statt eines T-Rex lässt nun ein Panthera leo sein Gebrüll los, und Erwachsene wie Kinder sind in ihrem fahrbaren Untersatz, der knapp am Abgrund hängt, schutzlos ausgeliefert. Da wir ungefähr wissen, welche Schrecken uns da erwarten, mag der Faktor der Unvorhersehbarkeit ein bisschen schwinden – um dem entgegenzuwirken, lässt Kormákur seine Protagonisten Dinge tun, die bar jeder Vernunft sind. Mutig – ja – aber auch äußerst doof. Doch wie gesagt: Mensch ist Mensch, und Tier ist Tier. Dass dem Löwen dabei menschliche Emotionen angedichtet werden, mag bei Disney gang und gäbe sein – bei Kormakur hätte ich mir da schon etwas mehr Respekt vor den Tatsachen erwartet. Doch andererseits: Im Kino dürfen Legenden gerne als Tatsachen betrachtet werden, also warum sich nicht ein spielfilmlanges Duell mit wilden Mähnen liefern?

Tatsächlich macht Idris Elba seine Sache wieder mal gut, obwohl man ihm ansieht, dass Beast – Jäger ohne Gnade jetzt nicht unbedingt zu seinen Herzensprojekten zählt. Das schöne Südafrika wird es ihm wohl angetan haben – wer würde denn nicht gern dort drehen wollen und dabei alles bezahlt bekommen? Viel Geld hat man auch für die Animation des Untiers ausgegeben. Es ist nicht zu erkennen, wann der Löwe echt ist und wann er aus dem Rechner kommt. Oder ist dieser überhaupt nur animiert? Von diesen Machern hätte sich zum Beispiel Prey einige Ezzes holen können – denn der wilde Bär im Predator-Sequel lässt bewegungstechnisch zu wünschen übrig.

Was mich dann doch überrascht, ist das von manchen Kritikern als hanebüchen bezeichnete Finale im Steppensand: Um dafür wirklich aufstöhnend mit den Augen zu rollen, würde ich mich vorher lieber genau in die Verhaltensforschung von Großkatzen einlesen. So allerdings kann ich das, was da abgeht, gar nicht so ganz als Schwachsinn abtun. Beast – Jäger ohne Gnade ist somit besser als befürchtet, wenngleich gemalt nach Zahlen und die Wucht einer erbarmungslosen Natur mag diesmal an den hochgekurbelten Fenstern eines geländegängigen, aber verkehrsuntüchtigen Fahrzeugs abprallen wie die blutigen Tatzen eines amoklaufenden Simba.

Beast – Jäger ohne Gnade

Sea Fever

ALLE IM SELBEN BOOT

6/10


seafever© 2019 Neasa Hardiman


LAND / JAHR: IRLAND, USA, GROSSBRITANNIEN, SCHWEDEN, BELGIEN 2019

BUCH / REGIE: NEASA HARDIMAN

CAST: HERMIONE CORFIELD, DOUGRAY SCOTT, CONNIE NIELSEN, JACK HICKEY, ARDALAN ESMAILI, ELIE BOUAKAZE U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Die Natur findet immer einen Weg, sich des Menschen zu entledigen. Nennt sich: Naturkatastrophen. Neben Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Tsunamis und dem ganzen tektonischen wie meteorologischen Treiben finden sich auch ganz kleine Organismen wie Viren und anderes Zeug dazwischen. Bakterien zum Beispiel. Oder Parasiten. Bei diesen durch den Willen zur Vermehrung angetriebenen proaktiven Winzlingen lässt einem das Gefühl nicht los, dass so etwas nur dazu auf der Welt ist, um Homo sapiens populationstechnisch in die Schranken zu weisen. Der Mensch jedoch ist klug genug, um das Schlimmste zu verhindern. Zumindest gegenwärtig. Oder hier in diesem Bio-Schocker auf hoher See, der genauso gut auf einem Raumschiff irgendwo in den Weiten des Alls hätte spielen können. Dann hätten wir Life von Daniel Espinoza. Doch griffiger wird’s, wenn der Zirkus auf der guten alten Erde abgeht. Und noch schöner, wenn wieder mal Europas Norden Filme wie diese inszeniert. Dann muss es nämlich nicht zwingend gut ausgehen, sondern einfach zu einem den Umständen entsprechenden, plausiblen Ende führen.

Wie auch immer. Ein reines Symptomtagebuch auf einem Fischkutter ist Sea Fever auch nicht geworden. Ein bisschen mehr als das. Vielleicht sogar etwas, dass sich als Nachzügler einreiht in die Ende der 80er Jahre so großzügig auf den Videothekenmarkt geworfenen Monsterhorrorstreifen, die James Camerons Abyss folgten und vorzugsweise in submarinem Umfeld stattfanden. Sea Fever ist aber durchaus subtiler. Zumindest anfangs erinnert der Streifen an das von mir sehr geschätzte Monsterdrama mit dem unverwechselbaren Titel Monsters von Gareth Edwards (by the way: Was wurde eigentlich aus diesem begnadeten Talent?). Auch hier kann die Crew eines irischen Trawlers der unheimlichen Begegnung mit einem zoologischen Mysterium nicht entgehen. Denn irgendetwas hält den Kahn an Ort und Stelle, viele Kilometer von der Küste entfernt. Nur gut, dass die Seeleute ganz zufälligerweise eine junge, zum Leidwesen aller abergläubischen Fischer rothaarige Studentin an Bord haben, die anomale Verhaltensweisen der Meeresfauna beobachten soll. Da Seeleute selten schwimmen können, und schon gar nicht daran denken, ins unheimliche Nass zu tauchen, muss das Mädchen Siobhan ran – und entdeckt da unten in der Dunkelheit etwas, das, würde man es nicht selbst sehen, leider als Seemannsgarn durchgehen muss, das lauschendem Tavernenvolk ungläubiges Kopfschütteln entlockt. Dieses Seemannsgarn hat aber noch ganz andere Qualitäten auf Lager, und es dauert nicht lange und das erste Mitglied der Besatzung spuckt Blut. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, in welchem Siobhan ganz vorne mitrennen muss, hat sie doch das meiste Knowhow, um dem Organismus wissenschaftlich und auch rational auf den Leib zu rücken, ohne sich dabei hinreissen lassen zu müssen, Poseidon anzubeten.

Sea Fever – in deutscher Übersetzung mit Angriff aus der Tiefe relativ austauschbar betitelt – folgt nicht wirklich neuen Pfaden, wenngleich der Blick in die Tiefe und bei dem, was da so zum Vorschein kommt, Thassalophobikern feuchte Hände garantiert. Oberwasser holt sich der Aggressor, ganz ähnlich anderen physisch überlegenen Bioinvasoren in ganz ähnlichen Thrillern, einen nach dem anderen. Das ist routiniert inszeniert und macht trotz der tödlichen Lage Lust darauf, noch tiefer abzutauchen, um dem Ökosystem noch andere Mysterien dieser Art zu entlocken. Darüber hinaus schafft, und das hebt den Film dann doch noch auf eine ethische Ebene, Regisseurin Neasa Hardiman sich und ihrem Skript ausreichend Raum, um auch die Frage nach Verantwortung zu stellen, wenn viel mehr auf dem Spiel steht als nur, die eigene Haut zu retten.

Sea Fever

Gold (2022)

ANOTHER ONE BITES THE DUST

7/10


gold© 2022 Leonine Distribution


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2022

BUCH / REGIE: ANTHONY HAYES

CAST: ZAC EFRON, ANTHONY HAYES, SUSIE PORTER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Die Cree haben es schon immer gewusst: Letztendlich kann sich keiner von Geld ernähren. Und genauso wenig von Gold. Da liegt er da, der Reichtum, gefühlt Milliarden Euro schwer, inmitten einer Ödnis, die kaum postapokalyptischer sein kann. Für Zac Efron als namenlosen Reisenden, den es in dieses Niemandsland verschlägt, ist das Glück womöglich ein Vogerl, dass sich auf seine Schulter gesetzt hat. Dass es dort auch noch hinkackt, davon merkt Zac Efron nichts. Und sein Chauffeur genauso wenig. Beide tanzen um das Goldene Kalb – einem Nugget so groß wie selbiges, halb eingegraben im staubtrockenen Boden und unmöglich, da rausgehoben zu werden. Es braucht einen Bagger – der Kerl mit dem Auto macht sich auf in die nächste Stadt, um alles Notwendige zu organisieren. Der andere, Efron eben, erklärt sich bereit, in der Wüste zu bleiben, um den Schatz zu bewachen. Vor wem, fragt sich? Wer wird hier wohl vorbeikommen, es sei denn, er hat eine Panne, wie eben genau diese beiden, um die es hier geht, eine gehabt haben. Aber seis drum, theoretisch könnten beide losziehen und den Bagger holen, aber so viel Gold überlässt man nicht einfach Skorpionen und Schlangen. Während der Glücksvogel auf der einen Schulter sitzt, meldet sich das kleine rote Teufelchen auf der anderen: Man weiß ja nie, sagt es. Die Gier wird zum streunenden Hund, den man mit Feuer fernhalten kann, während man allein hier unter sengender Sonne, trockenem Wind und ganz viel Staub die Zeit totschlägt. Schließlich sind’s doch nur ein paar Tage. Aus diesen paar Tagen wird schnell mehr, und der Namenlose bereut nun, hier geblieben zu sein.

Man nehme die Endzeitstimmung eines Mad Max-Abenteuers und verbinde diese mit einer Folge dieser Schatzsucher-Soaps, die gut und gerne auf DMAXX laufen. Fertig ist eine kleine, hundsgemeine Parabel auf die dunkle Seite des Reichtums, die mitunter sogar Anlehnung findet an die Legende von König Midas, der alles, was er berührt hat, zu Gold werden ließ und fast dabei verhungert wäre. Zac Efron ergeht es ähnlich, und diesmal hat der Schönling aus Baywatch und Bad Neighbours keinerlei Scheu davor, sich so richtig schmutzig zu machen. Der australische Schauspieler Anthony Hayes (u. a. The Rover, Cargo) bringt den glück- und auswegsuchenden Menschen von zivilisierten Gesellschaftsnormen ab, die moralische Verwahrlosung zeigt sich dabei in den Gesichtern, denen man nicht trauen kann. Selbst Efrons Figur birgt ein Geheimnis, das auf Gewalt zurückzuführen ist, aber so wirklich wird man’s nie wissen. Hayes selbst spielt den anderen Part, auch er schweißgebadet und staubverschmiert. Bald sieht man – vielleicht gar etwas überzeichnet, aber es passt zur expressiven, in der strahlenden Hitze ausgebleichten Optik des Filmes – was es anrichten kann, hat man keine Sonnencreme mit dabei. Der Durst ist da fast das geringste Problem, die abstrakte Panik vor dem Verlust des Reichtums, der da zu Füßen liegt, das allergrößte.

Efron verschwindet hinter einer Schicht aus Blut und Staub, wirkt bald wie Martin Sheen am Ende von Apocalypse Now, nur taucht Efron nicht aus dem Wasser, sondern aus dem Sand, und der verbläst sich in jede Ritze des streamingtauglichen Mediums bis hinaus ins Wohnzimmer oder wo man gerade sitzt, um einen symptomstarken Goldrausch zu umtosen, der seinen moralischen Kompass mit dem der Cree-Indigenen gleichgeschaltet hat. Ein feines, wind und wettergegerbtes Stück australisches Outdoorkino, bei dem man nicht schlecht staunt, was für trostlose Gegenden es in Down Under überhaupt geben kann.

Gold (2022)

Prey (2021)

MÄNNER ALLEIN IM WALD

5/10


prey© 2021 Netflix


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: THOMAS SIEBEN

CAST: DAVID KROSS, HANNO KOFFLER, ROBERT FINSTER, KLAUS STEINBACHER, YUNG NGO, MARIA EHRICH, LIVIA MATTHES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 27 MIN


Der Herbst ist die schönste Jahreszeit, um durch den Forst zu schlendern. Alles ist goldbraun, die Sonne goldgelb. Könnte schöner nicht sein, finden Roman, sein Bruder Albert und seine drei Kumpels, die sich tags darauf zum feuchtfröhlichen Junggesellenabschied eingefunden haben. Am nächsten Tag dann verkaterten Survival im Kajak und am Lagerfeuer, bevor es heimwärts geht. Doch soweit wird es nicht kommen, denn sonst wäre ein recht langweiliger Film zu Ende und wir hätten es auch nicht mit einem brandneuen, ins Netflix-Programm aufgenommenen Outdoor-Thriller zu tun, der sehr geheimnisvoll tut, dabei aber keinerlei Anstalten macht, den Fortgang der Ereignisse zu verheimlichen.

Die fünf Männer in den besten Jahren, die da so ganz allein auf weiter Flur plötzlich den Sucher eines hartnäckigen Snipers queren, nehmen für die folgenden eineinhalb Stunden ihre Beine in die Hand – stolpern, verletzen und streiten sich. Wissen nicht wie ihnen geschieht, rechnen aber damit, dass es sich nur um einen Irrtum handeln kann. Regisseur Thomas Sieben (Kidnapping Stella) erklärt nicht viel, probiert aber auch nichts Neues aus. Das Konzept erinnert an den propagierten Skandalfilm The Hunt mit einer famosen Betty Gilpin, die sich als Freiwild nicht lumpen lässt. Oder an den ebenfalls zuletzt auf Netflix gesichteten skandinavischen Survival-Reißer Red Dot. Klar kommt einem auch der wahrlich verstörende Ausflugsschocker Beim Sterben ist jeder der Erste in den Sinn – nihilistisches Kino der Extraklasse. The Hunt schlägt sie in Sachen Laune, Spannung und Qualität so ziemlich alle – und hinterlässt auch nicht so ein Unwohlsein in der Magengegend wie Boormans Klassiker aus den Siebzigern. Schlusslicht ist Prey, der sich an längst verbrauchten Mustern bedient und auch nicht wirklich die Muße hat, stereotype Charaktere in der Mottenkiste zu lassen, sondern adrett in die Landschaft zu setzen, mit Marken-Outdoorklamotten als Product-Placement und einer Portion Wehleidigkeit, über die man sich nicht selten wundert. Was Thomas Sieben in seinem Script aber ganz gut gelingt, ist die effiziente Einflechtung der Hintergründe für diesen Waidmanns-Terror – ohne viel Worte, dafür in knappen, erhellenden Szenen. Auch bietet die Landschaft des Nationalparks Sächsische Schweiz pittoreske Kalenderblätter.

Prey (nicht zu verwechseln mit dem Löwen-Slasher aus 2007) ist szenenweise tatsächlich nicht unspannend, bietet aber im Ganzen zu wenig eigene Ideen, um als selbstbewusster Beitrag zum deutschen Thrillergenre Spuren zu hinterlassen. Doch kann’s passieren, dass die Lust am Waldspaziergang dennoch etwas gedämpft wird.

Prey (2021)

Oxygen

ATMEN ALS WERTVOLLSTES GUT

7/10


oxygen© 2021 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH, USA 2021

REGIE: ALEXANDRE AJA

CAST: MÉLANIE LAURENT, MATHIEU AMALRIC, MALIK ZIDI U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Zumindest verbraucht hier das Licht nicht den guten Sauerstoff – im Gegensatz zu Ryan Reynolds Feuerzeug in Buried – Lebend begraben. Dieses Licht hier in Oxygen, dem neuen Streifen von Horror-Spezialist Alexandre Aja (u. a. Crawl), ist kalt und klar und synthetisch. Die 20% an Sauerstoff, die gehören voll und ganz einer eben erst erwachten und ziemlich orientierungslosen Mélanie Laurent, die überhaupt keine Ahnung hat, wer sie ist, wo sie sich befindet und warum sich diese vermaledeite Cryokapsel (das zumindest weiß sie) einfach nicht öffnen lässt. Die vorerst Namenlose ist in einen organisch gewebten Overall gezwängt und hängt an diversen Schläuchen. Panik macht sich augenblicklichst breit – zum Glück gibt’s die recht kommunikative KI, die für diese High-Tech-Nussschale den Hausmeister gibt. Richtig viel Auskunft geben kann sie aber nicht, das Teil öffnen ebenso wenig – hierzu bräuchte es einen Administratorcode, welcher der frisch Erwachten mit Gedächtnis-Hangover partout nicht einfallen will. Vielleicht ist das auch besser so. Oder doch nicht? Nichts weiß man, nur, dass der Sauerstoff stetig zur Neige geht. Ein Umstand, der sich für den biologischen Apparat namens Mensch relativ ungesund auswirken könnte.

Klaustrophobiker sollten sich, wenn möglich, nicht auf die hier dargestellte Situation des Eingesperrtseins konzentrieren. Am besten wäre es, gemeinsam mit unserer bangenden Protagonistin tief durchzuatmen, ruhig auszuatmen, aber auch wiederum nicht zu viel zu atmen, sonst rutscht die Luftanzeige schneller nach unten als einem lieb ist. Vielleicht wäre es gut, sich auch auf etwas Schönes zu konzentrieren, so wie es unsere Unbekannte tut. Deren Erinnerungen sind vage, aber assoziative Eindrücke wie eingestreute Gegenlicht-Inserts von Wiesen und Baumkronen gibt es dennoch. Das macht die Situation etwas leichter. Wenn man in so einer Situation überhaupt Erleichterung schaffen kann. In seinem souverän beklemmenden, gut durchdachten Szenario lässt Alexandre Aja nämlich so gut wie nichts anbrennen. Mélanie Laurent allerdings auch nichts unversucht. Es kommt in Filmen ja selten vor, dass man als Zuseher der Meinung ist, genauso zu handeln wie die Heldin oder der Held – im Falle von Oxygen hätte ich persönlich nichts hinzuzufügen, denn unter Stress ist alles, was hier abgeht, durchaus plausibel. Nach dem Motto: Was geht, geht – was nicht geht, könnte funktionieren. So atmet und fuchtelt und telefoniert Laurent um ihr Leben, während Aja keinen Leerlauf zulässt. Auch dann nicht, nachdem die Katze aus dem Sack ist. Ich weiß schon, bei kleinen, dreckigen Independent-Filmen schüttelt man solche Twists gerne zum Grande Finale aus dem Ärmel – Oxygen findet seinen erhellenden Peak allerdings schon viel früher. Was aber nicht heissen soll, die Luft wäre dann draußen. Stattdessen bekommt Aja erstaunlich gut die Kurve und baut seinen kleinen, subversiven High-Tech vs. Biomasse-Thriller ganz plötzlich zu so etwas ähnlichem aus wie epischer Science Fiction.

Oxygen

Red Dot

PANIK IM PARTNERLOOK

5/10


reddot© 2021 Netflix


LAND / JAHR: SCHWEDEN 2021

REGIE: ALAIN DARBORG

CAST: NANNA BLONDELL, ANASTASIOS SOULIS, JOHANNES KUHNKE, KALLED MUSTONEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Dubiose Psychopathen, die einem im Nacken sitzen und den Urlaubsfrieden stören – das erinnert unweigerlich an John Boormans verstörenden Klassiker Beim Sterben ist jeder der Erste. In diesem auf Netflix erschienenen Thriller ist diesmal aber kein Freundeskreis unterwegs in die Wildnis, sondern ein schlichtes und relativ langweiliges Hetero-Ehepaar, das nach eineinhalb Jahren Ehe bereits versucht, mithilfe eines Abenteuers in Schnee und Wald die Zweisamkeit zu kitten. Nach eineinhalb Jahren schon? Was ist mit dem verflixten siebten Jahr? Irgendwie ist da ein Haken an der ganzen Sache. Kann aber auch sein, dass bei einem ehelichen Schnellschuss wirklich schon nach so kurzer Zeit die Luft entweicht. Wir wissen es nicht so genau. Und es macht sich dann auch Unbehagen breit, nachdem Ehemann David an der Provinztankstelle am Auto zweier zwielichtiger Individuen eine Delle hinterlässt und einfach davonfährt. Diese beiden Vögel tauchen immer wieder auf, dann kommt eines ins andere, und irgendwann rastet Gattin Nadja ein bisschen zu sehr aus. Im Zelt unterm nordlichternen Firmament weilend kann das Halali von Mister X auf die beiden Turteltauben beginnen – der Red Dot eines Zielgewehrs stört die Idylle. Und aus ist’s mit Krisenkitten. Jetzt geht´s nur noch darum, die eigen Haut zu retten.

Thriller aus Schweden haben genauso wie Thriller aus Südkorea ihre ganz eigene düstere Note. Deswegen sind Schwedenthriller ja so beliebt, weil sie nicht ganz so vorhersehbar sind wie all die Reißbrettthriller aus Übersee. Doch in Red Dot gibt´s eine grundlegende Schwierigkeit, die verhindert, dass sich der Film in starken Gesinnungskontrasten zeigt. Irgendwas ist bei den beiden Liebenden im Busch, und irgendwie könnte der unbekannte Verfolger vielleicht gar nicht der sein, für den die beiden ihn halten. Oder doch? Regisseur Alain Darborg fischt im Trüben, setzt auf garstige Panikattacken und Survival-Elemente wie aus Cliffhanger oder The Grey. Hundefreunde sollten diesen Film lieber meiden, so wie Hasenfreunde Eine verhängnisvolle Affäre.

Was aber weitestgehend die geordnete Disharmonie stört, ist das impulsive Verhalten zweier erwachsener Menschen, die auf unreflektierte Weise überhaupt nicht verstehen, was ihre Entscheidungen alles anrichten. Irgendwie tappen beide von einem selbstgemachten Unglück ins nächste. Ihnen dabei zuzusehen, wird zwar von verwunderndem Kopfschütteln begleitet, bleibt aber trotzdem spannend. Das Script zu Red Dot ist ein netter Entwurf – mehr aber auch nicht. Während manches viel zu umständlich konstruiert scheint, wird anderes soweit zurechtgebogen, damit hier ein Storytwist für den allzu gewollten Aha-Effekt dienen kann. Das ist zuweilen klar erkennbar, und auch der moralische Zeigefinger mag zwar gerecht sein, aber direkt ins Auge stechen.

Red Dot

Rogue – Im falschen Revier

MACH MIR DIE TODESROLLE

5,5/10

 

rogue© 2007 Dimension Films

 

LAND: AUSTRALIEN 2007

REGIE: GREG MCLEAN

CAST: MICHAEL VARTAN, RADHA MITCHELL, SAM WORTHINGTON, MIA WASIKOWSKA, HEATHER MITCHELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN

 

Alligatoren kann man gut aus dem Weg gehen – in „Gatorland“ Florida sind sie Teil der natürlichen Infrastruktur. Für Kaimane weiter im Süden, im Pantanal zum Beispiel, muss man Bittgesuche einreichen, um die einzig verfügbare Straße durch den Sumpf zu nehmen. Auch kein Problem, die machen sich eben fauchend vom Acker, mehr tun sie aber nicht. In Australien sieht das ganze schon anders aus, denn die ums x-fache größeren Salzwasserkrokodile der Northern Territories, die legen schon die eine oder andere Strenge an den Tag. Australien ist tiertechnisch sowieso eine Klasse für sich. Gefühlt alles ist dort giftig oder gefährlich, selbst Känguruhs können boxen – die einzig harmlosen Zeitgenossen dürften Koalas sein. Und Wombats – allerdings durchwühlen die den Mist. Natürlich klar, dass die australische Filmwelt nichts unversucht lässt, Panzerechsen im Rahmen perfider Survival-Thriller zum Star zu machen. Wie zum Beispiel im Film Black Water über zwei Schwestern, die nach dem Kentern ihrer Nussschale im Geäst der Mangroven ums Überleben kämpfen müssen. Ein ordentlicher Reißer. Ein weiterer ist Rogue – Im falschen Revier. Auch hier kommen unbedarfte Touristen, denen stets die Attitüde der peinlichen Verletzlichkeit und der Unschuldsvermutung anhaftet, weil sie doch nur Touristen sind, zum Handkuss, während sie selbige verlieren.

Diesmal ist allerdings nicht der Mangrovensumpf Ort des blutigen Gelages, sondern eine kleine Insel inmitten eines Gezeitenkanals. Dorthin konnte sich nach Leckschlagen des Ausflugbootes eine Handvoll Leute retten. Großer Dank an den Tourguide, der, mit seinen Schützlingen im Schlepptau, einem Hilferuf per Leuchtpistole hat folgen müssen. Die drängende Frage: Warum nicht im Vorfeld all die Touristen an Land bringen und dann solo nach dem Rechten sehen? Keine Ahnung, jedenfalls hätten wir dann keinen Film. Was aber passiert ist, ist passiert. Und die Insel der Havarierten wird bald unter der hereinbrechenden Flut versinken, würden sie es nicht schaffen, ans gegenüberliegende Ufer zu gelangen. Ein Wettlauf mit der Zeit und dem Krokodil beginnt, das eigentlich keinen Hunger hat, das eigentlich nur tierisch nervt, unerwarteten Besuch in seinem Territorium dulden zu müssen.

Rogue – Im falschen Revier ist ein ganz klassischer Wildlife-Slasher. Mit von der Partie sind einige bekannte Gesichter, die später mal in Blockbustern mitspielen werden, damals schrieben wir noch das Jahr 2007: Sam Worthington treibt sich als Motorboot-Macho herum, Mia „Alice“ Wasikowska darf um ihre Eltern bangen und Radha Mitchell weiß damals noch nicht, dass sie nach Silent Hill verschlagen wird. Der wirkliche Star auf dieser gesundheitsgefährdenden Bootsfahrt aber ist das Krokodil selbst: ein Meisterwerk der Mechatronik, aber nicht nur das: Sicherlich eine Kombination an sorgsam eingesetzten CGI-Animationen, echten Aufnahmen und eben einem 7-9 Meter langen Modell, dass so dermaßen echt agiert, als könnte man meinen, es tatsächlich mit einer Sternstunde der Reptiliendressur zu tun zu haben. Black Water also oder Rogue – Im falschen Revier? Erstgenannter ist raffinierter, weniger vorhersehbar, einfach fieser.

Rogue – Im falschen Revier ist immerhin ein kurzweiliges Drown-a-Human mit Todesrolle und subaquatischen Blutwolken, gesponsert vom Tourismusverband Down Under, der mit beeindruckenden Landschaftsaufnahmen die Gefährlichkeit der Fauna fast schon vergessen macht. Allerdings nur fast.

Rogue – Im falschen Revier

47 Meters Down: Uncaged

WIR SIND JUNG UND BRAUCHEN DEN KICK

5,5/10

 

47metersdown_uncaged© 2019 Concorde

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOHANNES ROBERTS

CAST: SOPHIE NÉLISSE, CORINNE FOX, BRIANNE TJU, SISTINE ROSE STALLONE, JOHN CORBETT, NIA LONG U. A.

 

Wie oft nur muss man das diesen jungen Leuten denn noch verklickern? So ähnliches lernt der Mensch doch schon als Kind: Messer, Gabel, Scher´ und Licht…. Später dann die Baderegeln beim Schulschwimmkurs: Springe niemals in unbekannt Gewässer, nebst vollem Magen und all das übrige. Später dann beim Tauchschein: Unerforschte Höhlen sind tabu. Zumindest haben sie das Buddy-Prinzip berücksichtigt, diese vier Girlies, die sich im brütend heißen Tropensommer auf Yucatan in einem Waterhole mitten im Dschungel vergnügen. Und da ist da noch die Taucherausrüstung eines Forscherteams, das gerne gehabt hätte, dass Bikinischönheiten sich nicht an den bereits fein säuberlich arrangierten Gegenständen vergreifen. Kinder, das kostet alles Geld! Aber wo kein Kläger, da kein Richter. Und wo augenscheinlich keine Gefahr, lässt sich durchaus auch mit dem Adrenalinspiegel die Sonne reflektieren. Ganz in der Nähe gibt’s nämlich eine versunkene Maya-Nekropole. Eine kleine Ehrenrunde ziehen in diesem völlig unerforschten Areal kann ja niemanden schaden? Nein, natürlich nicht, niemanden außer euch ;-). Denn was haben wir gelernt: Unbekanntes Terrain, Höhlentauchen…? Das Ganze ohne Flossen natürlich, wer braucht die schon?

Man lernt nur aus Erfahrung, also schmeissen sich unsere Galgenvögel in die Tarierjackets und los geht’s. Wir wissen schon angesichts des Titels 47 Meters Down: Uncaged, dass dieser dreiste Abstecher zum Verhängnis werden wird. Denn die vier sind nicht allein. Monströse Höhlenhaie treiben ihr Unwesen. Und wie das mit dem blinden Huhn und dem Korn eben so ist, schafft es auch ein Knorpel wie dieser hier im Film, sein Frühstück zu organisieren.

Johannes Roberts, Alptraummärchenerzähler für Taucher und Hai-Phobiker, hat es wieder getan. Nach seinem raffinierten Erstling 47 Meters Down, in dem es tatsächlich so viele Meter nach unten ging, dümpeln nun seine schadenfroh belächelten Opfer nicht ganz so tief in der Salzsuppe. Taucherkrankheiten sind diesmal nicht das große Übel, wenigstens ist die Nullzeit auf der Habenseite. Das Übel resultiert diesmal aus der vollkommenen Desorientierung in unbekanntem Gebiet. Klaustrophobie und Leute, die beim Tauchen bereits so ihre Panikmomente hatten, seien vielleicht vor einem Flashback gewarnt. Dazwischen fiese Fische und auch so manche Strömung, die natürlich frei nach dem Bernoulli-Effekt stärker wird, je schmäler die Durchgänge sind. Sauerstoff wird logischerweise auch ziemlich knapp, und interessanterweise nimmt Roberts das mit der kontinuierlichen Abnahme selbigem trotz luftverzehrendem Wimmern hinter den Atemmasken nicht ganz so genau. Im Film lässt sich das ja machen, doch man sollte aufpassen, den Zuseher nicht ganz so sehr für dumm zu verkaufen. Nach allen Gesetzen der Logik wäre der Film womöglich ein kurzer Spaß. Oder aber es wäre gar nichts passiert, denn Haie verhalten sich normalerweise auch nicht so wie diese hier. Das sind aber auch zugegeben erschreckende Biester, da gewinnt Spielbergs Weißer Hai ja geradezu einen Schönheitswettbewerb.

Doch allen Meckereien und der fehlenden psychologischen Raffinesse zum Trotz ist 47 Meters Down: Uncaged womöglich einer der Filme, die man zum unterhaltsamen Zerstreuungs-Thrill kurz vor dem bevorstehenden Urlaub, wenn alles schon gepackt ist, auf die Liste setzen kann. Dazu vielleicht einen oder zwei Tequila.

47 Meters Down: Uncaged

Underwater – Es ist erwacht

BLAUE WUNDER DER TIEFE

6/10

 

underwater© 2020 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: WILLIAM EUBANK

CAST: KRISTEN STEWART, VINCENT CASSEL, T.J. MILLER, JOHN GALLAGHER JR., JESSICA HENWICK U. A. 

 

Und wieder könnten wir das Zitat von Friedrich Nietzsche bemühen: Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Der wirtschaftlich orientierte Mensch will es einfach wissen, er bohrt und bohrt, und gräbt und gräbt, und stößt irgendwann auf etwas, das sich lieber in Ruhe und Frieden auf die Sandbank geknotzt hätte. In James Camerons Abyss waren es zum Beispiel extraterrestrische Kolonisten, die da ganz tief unten einen auf Zwergstaat machten. In Guillermo del Toros Pacific Rim hat sich der monströse Gigantismus durch die Erdspalten gezwängt, um ganze Städte zu Schutt und Asche zu legen. Ich erinnere mich auch gerne an diese submarinen Horrorszenarien wie Deep Star Six, natürlich alles Trittbrettfahrer zur erfolgreichen Alien-Reihe mit ihrem so simplen wie genialen Konzept „Haushoch überlegenes Monster gegen einen Haufen Amateure“. Wenn dann der Fachidiot über sich hinauswächst und zum Survivalexperten wird, dann ist das schon packend. Und die Tiefsee, wie wir wissen, ist einfach nur ein anderer Kosmos, funktioniert also genauso wie die unendlichen Weiten. Warum dann also in die Ferne schweifen – das Unbekannte lauert in der Tiefe, und gerne kann dies auch mit dem eigenen Unterbewusstsein interpretiert werden.

Was haben wir also? Natürlich die tiefste aller Erdspalten – den Marianengraben. Der Mensch bohrt hier also nach Rohstoffen und hat dafür eine ganze Stadt versenkt. Mittendrin in diesem Gewusel: Ex-Bella Kristen Stewart als Ingenieurin im wasserstoffblonden Kurzhaarschnitt, den sie mit Jean Seberg zum dritten Mal wiederverwerten wird (steht ihr aber verdammt gut, wie ich finde). Sie putzt sich gerade die Zähne, als der ganze Kobel in die Luft fliegt. Underwater lässt sich maximal zwei, drei Minuten Zeit, dann brescht der Film mit Volldampf voraus. Es kracht, splittert und plätschert. Und es kracht, splittert und plätschert auch die nächsten neunzig Minuten. William Eubank ist mit diesem Quick and Dirty-Reißer sowieso in seinem Element. Der Mann liebt Science-Fiction und das Kreatürliche, das Isolationsdrama des Menschen und die Überraschung. Mit Love hat er eine Major-Tom-Figur mit der Einsamkeit des Alls konfrontiert, und mit The Signal, einer kafkaesken Alien-Mystery, seine Genialität für das Verstörende bewiesen. Underwater ist sein simpelster Film, sein verspätetes Gesellenstück, grob behauen, aber das Talent ist erkennbar. Doch auch hier: High-Tech als humaner Fremdkörper, die stets versagt, und die Ohnmacht gegenüber unberechenbaren Kräften. Der Plot ist vom Alien-Pannenstreifen aufgesammelt. Dort, wo Pacific Rim geklotzt hat, versetzt das adäquate Kammerspiel einen Haufen Verlorener in die Grottenbahn. Neben Kristen Stewart versucht Vincent Cassel, Haltung zu bewahren, doch wie, wenn die bedrohliche Stille überfluteter Gänge nie lange anhält, um einen klaren Gedanken zu fassen, sondern in hektischer Zerstörungswut gleich die nächste Wand aus der Senkrechten holt. Das ist wie ein Hornbach-Werbespot auf Technikblau und Wassergrün, und die Sanitäranlagen sind hinter uns her. Doch nicht nur die: das Monströse ist auch nicht weit, und da gedenkt Eubank all der kryptozoologischen Easter Eggs in der plankton- und partikelgesättigten Finsternis, die da unten vielleicht noch auf uns warten, und gekonnt dem Strahl der U-Boot-Scheinwerfer bislang entgangen sind. Ein wahres Fest lässt er da veranstalten, del Toro hätte oder hatte schon längst seine Freude daran.

Underwater holt sich die Essenz aus dem Horror technischen Versagens, dabei plagt dem ökologischen Zeigefinger die Gicht, und die böse Absicht des Unbekannten ruht sich auf plattgedrückten Lorbeeren aus. Raffiniert geht anders, die panische Nullzeit-Flucht aus lebensfeindlichen Gefilden und vor der eigenen Fantasie, die der Blick ins diffuse Dunkel in uns hervorruft, geht aber vielleicht genau so.

Underwater – Es ist erwacht