Finch

LOVE, DOGS AND ROBOTS

6/10


finch© 2021 Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: MIGUEL SAPOCHNIK

CAST: TOM HANKS, CALEB LANDRY JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Hätte Will Smith in I am Legend ein bisschen mehr technisches Verständnis an den Tag gelegt – wäre er gar ein technophiler Bastler gewesen, hätte er sich einen Roboter bauen können, der nicht nur ihn, sondern auch seinen Hund beschützt. Wir wissen, es lief anders. Und Tom Hanks, der weiß es wieder besser. Denn der ist einer von den ganz Guten, einer mit Herz für Mensch und  Tier. Und für Roboter. Im brandneu auf Apple TV+ erschienenen dystopischen Streifen Finch tüftelt nämlicher Einzelgänger tief unter der Erde in einem sagen wir mal Labor an einem Meilenstein technischen Fortschritts – ein humanoider Droide mit dem eingespeisten Wissen der Welt soll in Zukunft auf Finchs Hund aufpassen. Persönliche Gründe sind nicht wichtig, denn einen Freund braucht Finch keinen, lebt der doch sowieso lieber allein, was angesichts der Weltlage keine Kunst ist. Wir schreiben eine nicht allzu ferne Zukunft und durch eine Sonneneruption hat sich fast die ganze Ozonschicht verabschiedet. Die Folge: unsägliche Hitze und eine UV-Strahlung zum Krankwerden. Dennoch muss Finch aus dem Bunker raus und nach Westen ziehen, wo es sich vielleicht noch leben lässt. Ist der Roboter mal fertig, wird das Nötigste eingepackt und schon brettert ein Wohnwagen im Mad Max-Look durch eine atemberaubend verwüstete Landschaft.

So eine Endzeit hat schon was Faszinierendes. Nicht, dass man in ihr leben würde wollen, das ganz und gar nicht. Aber von außerhalb und geborgen vor dem Bildschirm mit dem Kühlschrank in Reichweite, da lässt sich die Verheerung zwischen pittoresken Sandverwehungen und desolaten Fahrzeugen durchaus genießen. So eine Endzeit hat etwas Melancholisches, direkt Melodisches. Dazu kann man sich gut Chris Reas Road to Hell vorstellen. Tom Hanks hört aber lieber vergnüglichere Klassiker wie American Pie. Aber gut, immerhin dürfen die Talking Heads Road to Nowhere über die KFZ-Boxen schmettern. Passt auch besser zu einem sehr melancholischen Tom Hanks, der James Stewart der Gegenwart, wie immer äußerst souverän und dezent im Spiel. Noch dazu unrasiert und stets verschwitzt, was auch keinen wundert, denn es hat stets um die 60 Grad Celsius. Fragt sich nur, was für eine großartige Klimaanlage dieser Van haben muss, und woher Finch diesen grenzenlosen Vorrat an Wasser hat. Wieso eigentlich diese enorme Hitze weder Hund noch Mensch nicht noch mehr in Mitleidenschaft zieht. Dem von Caleb Laundry Jones im Motion Capture-Verfahren dargestellten Roboter kann das egal sein – der träumt nur wie ein Mensch, spürt aber sonst nichts. Miguel Sapochnik, Regisseur von Repo Men mit Jude Law und mit einem Emmy ausgezeichnet für die Serie Game of Thrones, innerhalb dieser er einige Folgen inszeniert hat, weiß, wie man eine Robinsonade mit optischer Brillanz veredeln kann. Dabei wäre zu überlegen, Sapochnik nicht doch auch mal für Star Wars zu verpflichten. Oder für Netflix‘ Anthologieserie Love, Death and Robots. Wäre Finch um zwei Drittel kürzer, wäre die Science-Fiction-Solonummer ein idealer Kandidat dafür. Überraschenderweise wäre das sogar möglich, denn den Plot, den bekommt man auch in einer knappen halben Stunde unter. Dadurch lässt sich vieles, was redundanten Leerlauf genießt, einfach streichen und die Dreiecksgeschichte zwischen Mensch, Roboter und Hund ordentlich straffen. Ich bin mir sicher, die Stimmung behält der Film auch so, und die ist ja ganz gut. Vor allem dank Tom Hanks, der längst weiß, wie es ist, wenn man in kargen Zeiten alles selbst machen muss. Nur diesmal sind es keine Kokosnüsse und Fische, sondern Hundefutter und Schmieröl.

Finch

Astronaut

OPA IM ALL

6,5/10


astronaut© 2020 Jets Filmverleih & Vertrieb


LAND / JAHR: KANADA 2019

BUCH / REGIE: SHELAG MCLEOD

CAST: RICHARD DREYFUS, KRISTA BRIDGES, LYRIQ BENT, COLM FEORE, GRAHAM GREENE, RICHIE LAWRENCE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Star Trek-Fans haben diesen Tag wohl schon lange Zeit vorher im Kalender rot angestrichen: Captain James T. Kirk fliegt wieder ins All, und zwar inkognito als William Shatner, noch dazu mit stattlichen 90 Jahren. Damit wird er wohl als bislang ältester Mensch in die Geschichte der Raumfahrt eingehen. Und gleich auch beweisen, dass Raumfahrt mittlerweile wirklich jeder machen kann, es sei denn er hat das nötige Kleingeld dazu. Wohlgemerkt beschränkt sich das Vergnügen aber lediglich auf einen zehnminütigen Ausflug in den Orbit, Schwerelosigkeit inbegriffen. Dass man sich dann aber selbst von der Kugelform unserer Erde überzeugen kann, dürfte all die Millionen wert sein. Shatner hingegen hat dafür nichts bezahlt. Den Captain will man schließlich ehren.

Leute wie Richard Dreyfus, mittlerweile über 70 und im Vergleich zu Shatner fast noch blutjung, könnten sich dieses Vergnügen ebenfalls geben. Doch Dreyfus will lieber bezahlt werden als dafür zahlen – also macht er einen Film, der sich zur Einstimmung für Shatners orbitales Ereignis wohl nicht besser eignen könnte. Unter dem schlichten Arbeitstitel Astronaut ist der Star aus Der weiße Hai und Oscarpreisträger 1977 für Der Untermieter ein kauziger, kleiner Witwer, mit Wehwehchen da und dort, weshalb er auch im Haus seiner Tochter wohnt. Erinnert ein bisschen an The Father mit Anthony Hopkins – nur Dreyfus hat keine Demenz und ist so klar im Kopf wie der Sternenhimmel, den er tagtäglich und gemeinsam mit seinem Enkel beobachtet. Ein fast schon paradiesischer Lebensabend – wenn da nicht die Familie den Opa aus Kapazitätsgründen ins Seniorenheim auslagert. Von wegen auslagern: Dreyfus macht‘s wie Dieter Hallervorden in Sein letztes Rennen und wird der Welt zeigen, dass die Reise ins All immer noch auf der Bucket List steht. Und wie es der Zufall will, wird Opa, der vorgaukelt, jünger zu sein als er ist, für den ersten touristischen Flug zu den Sternen auserwählt.

Wer noch weiß, wie sich der Science-Fiction-Film Cocoon aus den Achtzigern angefühlt hat, kann Astronaut von Shelag McLeod ungefähr in dieser Richtung verorten. Nur diesmal schwimmt kein außerirdischer Kokon im Pool des Seniorenheims, sondern der Jungbrunnen hier ist einzig und allein der Wille, Wunsch und Weg für etwas undenkbar Machbares. Regisseurin McLeod ist allerdings Optimistin, und will natürlich, dass die Figur ihres Angus Stewart einer auf idealstem Wege leicht komplizierten Welt begegnet, mit bewältigbaren Hindernissen und der Fairness, die ein gutes Leben verdient hat. Wie in Cocoon ist auch hier das Bild der pflegebedürftigen Generation zumindest eines, das nichts mit sozialpornographischen Missständen beim Altwerden zu tun haben will. Die betagte Entourage, die Dreyfus umgibt, hätte gerne noch Jessica Tandy (Oscar für Miss Daisy und ihr Chauffeur) in ihrer Mitte. Am liebsten, so scheint es, hätte vielleicht sie ins All fliegen sollen, doch der eigentliche Star des Films entzückt mit nachdenklichen Blicken, erfahrenem Charme und einer nimmermüden Leidenschaft für Neues. Die routinierte, teils sehr konventionelle Inszenierung wirkt da gar nicht mal so vorgestrig, vielleicht, weil eben die Erinnerung an Cocoon, so wie die an Captain Kirk, eine nostalgische ist. Zwischen Fiktion und tatsächlicher Himmelfahrt liegt also dieser kleine, warmherzige Film, der die Brücke schlägt zwischen Weltenraum und leistbarem Lebenstraum.

Astronaut

The Trouble with Being Born

TRÄUMEN ANDROIDEN VON IHRER KINDHEIT?

6,5/10


thetroublewithbeingborn© 2020 eksystent distribution

LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: SANDRA WOLLNER

DREHBUCH: SANDRA WOLLNER, RODERICK WARICH

CAST: LENA WATSON, DOMINIK WARTA, INGRID BURKHARD, JANA MCKINNON, SIMON HATZL U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Dem österreichischen Film haftet sehr oft an, trist, problembeladen und sperrig zu sein. Meist sind das Themen rund um soziale Minderheiten und Missstände oder künstlerisches Herumexperimentieren; oft nicht uneitel und verkopft. Manchmal aber hat genau diese Art und Weise, einen Film zu inszenieren, seinen eigenen Reiz. Und vor allem dann, wenn man zumindest die längste Zeit davor Kunststücken dieser Art ausgewichen war und nach regem Eventkino- und Blockbusterkonsum als Filmfan mal wieder etwas nötig hat, das einer gewissen audiovisuellen Überreizung entgegensteuert. Sandra Wollners Science-Fiction-Drama The Trouble with Being Born ist so ein Film. Und für alle, die Science-Fiction lieben, einen Blick wert. Themenverwandt ist Wollners Abschlussarbeit an der Filmakademie mit Werken wie Ex Machina oder A.I. – Künstliche Intelligenz, allerdings deckt dieser hier ein ganz anderes, ungenutztes Spektrum ab, nämlich das des verwirrenden Kunstfilms, der mit Wortspenden geizt und vieles im Vagen lässt, um den Zuseher sehr viel später dessen Interpretation der Dinge zu bestätigen.

Wie Haley Joel Osment in A.I. wird auch das Androidenmädchen Elli mutterseelenallein auf eine Reise geschickt, die scheinbar im Nirgendwo zu enden gedenkt. Anfangs jedoch ist sie Tochterersatz für einen Vater, dessen leibliches Kind seit zehn Jahren als vermisst gilt. Wollner stellt, so wie Maria Schrader in ihrer bemerkenswerten Robotik-Satire Ich bin dein Mensch, die Frage: wie sehr gelingt es dem Menschen, für sein Lebensglück sich selbst auszutricksen, um sich an den dargebotenen Emotionen einer Maschine sattzuempfinden? Anscheinend keine Schwierigkeit im Zeitalter der Medien, die uns andauernd Gefühle als etwas Echtes verkaufen. Eines Tages allerdings verschwindet Elli, ist unterwegs nach irgendwohin, vielleicht dorthin, wo ihre programmierten Erinnerungen sie bringen mögen. Dabei landet sie bei der alten Anna („Toni Sackbauer“ Ingrid Burkhard), die mit so einem Ding erstmals nichts anfangen kann. Doch einen Roboter kann man umprogrammieren. Oder nicht?

Das Künstliche gegen das Natürliche: Sandra Wollner setzt in ihrer Bildsprache einen konsequenten Kontrapunkt, indem sie vollends auf Künstlichkeit verzichtet. Einige Sequenzen geraten enorm dunkel, Gesichter sind dann nur noch kaum zu erkennen. Das macht die ganze Angelegenheit relativ düster und auf eine unaufgeforderte Weise übertrieben schwermütig. Auch lange, wortlose Passagen, in denen unglückliche Figuren unglücklich in die Gegend blicken, erwecken den Eindruck einer inhärenten Unzufriedenheit. Angenehm künstlich und ungekünstelt zugleich mutiert Lena Watson zu einem – wie Wollner selbst zitiert hat – Anti-Pinocchio mit wächsernem Gesicht, der in völlig lethargischem Standby anderen für was auch immer zur Verfügung steht, selbst aber durch eine Art Missbrauch an der Maschine mit seinen Identitäten durcheinander kommt. Dieser ganz eigene Aufstand des Künstlichen ist eine melancholische Robotiade nach Asimov’schen Leeren, die durchaus und eben sehr gerne aus den Randbezirken experimenteller Filmtechniken hätte ausbrechen wollen. Das Potenzial ist klar vorhanden, stellenweise überzeugt das Drama zumindest rückblickend – etwas weniger Distanz hätte das Bewusstsein für verwunschene Roboterseelen durchaus geschärft.

The Trouble with Being Born

Archive

ICH BAU‘ MIR MEINE FRAU ZURÜCK

4/10


archive© 2020 capelight pictures


LAND: GROSSBRITANNIEN, UNGARN, USA 2020

REGIE: GAVIN ROTHERY

CAST: THEO JAMES, STACY MARTIN, RHONA MITRA, TOBY JONES, PETER FERDINANDO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Okay, der Titel zu diesem Artikel klingt ja fast so, als hätten wir es hier mit einer Variation des Mythos von Doktor Frankenstein zu tun. Jein, dem ist nicht ganz so. Hier werden keine Leichen exhumiert und Körperteile aus der Anatomie entwendet. Hier baut sich ein Wissenschaftler tatsächlich seine Frau zurück. Wie das geht?

Wir schreiben das Jahr 2038. Der Tod ist für den Menschen nicht mehr das Ende aller Dinge. Es ist nun also möglich, sein Gedächtnis für eine geraume Zeit archivieren zu lassen – daher auch der Titel des Films. Irgendwann aber schließt sich auch dieses Zeitfenster und das Jenseits ruft. Bis dahin aber kann man als Verstorbener noch Dinge regeln, für die zu Lebzeiten keine Zeit mehr war. Abschiede fallen vielleicht leichter, der Übergang ins Ungewisse ist wie das Verklingen eines Orchesters. Robotiker George Almore (Theo James) hat allerdings das gewisse Know-How – zumindest denkt er das – um das noch vorhandene Bewusstsein seiner verstorbenen Frau in einen Androiden zu speisen. Und für die Ewigkeit zu konservieren.

Die Story vom High-Tech-Pygmalion erinnert ein bisschen an den Science-Fictioner Transcendence mit Johnny Depp, der, ebenfalls bereits Anfang des Films verblichen, seinen Geist in eine Maschine speist. Die Idee ist ganz originell variiert. Auch das Set-Design des Films von Gavin Rothery besticht durch klassische, bunkerähnliche Gangschluchten wie jene filmbekannter Raumschiffe und eine formschöne Setzkasten-Roboterfrau. Das Makeup kann sich sehen lassen. Die anderen Blechkameraden, die hier durch die Anlage watscheln, sind in Sachen Mimik etwas eingeschränkter, aber auch sie haben Gefühle. In diese tragische Liebesgeschichte zwischen Kabeln und Transformator fingern allerdings relativ zusammenhanglose halbgare Storylines aus dem dystopischen Umfeld mit hinein, die hochtrabend sein wollen, aber die mit onhaltlicher Relevanz eher geizen als den Plot voranzutreiben. Und dann – ja, dann weiß Rotherys Script nicht weiter. Was macht er? Er lässt sich von Filmemachern inspirieren, die das Geheimniss rund um punktgenau gesetzte Storytwists wirklich beherrschen – und knallt auch hier, bei seiner melancholischen Robotermär, die das Zeug hätte zum philosophischen Diskurs über Persönlichkeit und Künstlichkeit, eine zu sehr gewollte Kehrtwende ans Ende, die den ganzen vorangegangenen, betulich errichteten Storykomplex zum Einsturz bringt. Ein Film also nicht zur Gänze für den Elektroschrott, denn auch hier ließen sich noch einige Elemente recyceln. Es ließe sich vielleicht auch nochmal darüber nachdenken, wie die ganze Geschichte denn noch hätte enden können. Denn so wenig plausibel, wie sich Archive schließlich präsentiert, muss Science-Fiction mit Köpfchen wirklich nicht sein.

Archive

The Midnight Sky

DIE ERDE ALS ERINNERUNG

6,5/10


midnightsky© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: GEORGE CLOONEY

CAST: GEORGE CLOONEY, FELICITY JONES, CAOILINN SPRINGALL, DAVID OYELOWO, KYLE CHANDLER, TIFFANY BOONE, DEMIAN BICHIR U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Seit seiner Gesellschaftssatire Suburbicon hat man lange, wirklich lange nichts mehr von George Clooney gehört. Viel eher als sein neuestes Werk verbreitete sich im Vorfeld die Hiobsbotschaft ob seiner Gesundheit, da er für seinen Streifen The Midnight Sky einfach zu viele Kilos auf einmal verlor. Wäre diese Gewichtsreduktion denn notwendig gewesen? Nicht zwingend. Im Film selbst spielt er einen an Krebs erkrankten Wissenschaftler, der als womöglich letzter Mensch auf Gottes Erden irgendwo am Polarkreis sein letztes bisschen Dasein fristet, bevor selbst diese Regionen von einer nicht näher genannten Umweltkatastrophe heimgesucht werden wird. Still und heimlich hat sich hier die Welt von seiner Geißel namens Mensch befreit, entweder sind all diese Milliarden dahingerafft oder unterirdisch irgendwo untergebracht worden. Mehr Szenario gibt es nicht. Die Katastrophe ist eine Variable, wir dürfen uns aussuchen, was wir diesmal falsch gemacht haben. Clooney ist also dieser alte Mann, der, mit Stoppelglatze und Rauschebart, in einem Observatorium ganz alleine dem Ende entgegensieht – stoisch und seiner regelmäßigen Dialyse unterworfen. Keine Lust also irgendwo hinzugehen. Bis er dank seiner durchaus hochgerüsteten technischen Möglichkeiten von einer Weltraumexpedition erfährt, die als letzte aller Weltraumexpeditionen im Jahr 2049 vom neu entdeckten Jupitermond K-23 zur Erde zurückkehrt. Ziel der Mission war es wohl, herauszufinden, ob dieser Mond erdähnliche Verhältnisse aufweist – und wenn ja, gleich eine Kolonie dort zu lassen. Mit diesen neuen Erkenntnissen will die Mission Aether also heimkehren. Clooney allerdings will das verhindern, da die Crew hier nur ihren Tod finden würde. Als ob der Stress nicht schon reichen würde, entdeckt der Mann einen blinden Passagier – ein kleines Mädchen, das er nun an der Backe hat.

Für The Midnight Sky, nach dem Roman Good Morning, Midnight von Lily Brooks-Dalton, hat Clooney nicht nur abgenommen, sondern auch noch Produktion, Regie und klarerweise die Hauptrolle übernommen. Sein Film ist kein Blockbuster und kein Eventkino, sondern etwas sehr stilles, leises, wie eine karge, melancholische Ballade, die in eine ratlose, ungewisse Zukunft blinzelt. Die Weltraumszenen rund um ein sehr formschönes, elegantes NASA-Raumboot erinnern an Gravity oder Interstellar, die narrative Ebene rund um Wissenschaftler Auguste Lofthouse (eben Clooney) an den ebenfalls auf Netflix veröffentlichten Science-Fiction-Endzeitfilm Io. Auch dort ist die Erde längst unbewohnbar, nur ein paar Luftblasen erlauben noch freies Atmen, und auch dort hat Margaret Qualley vor, bis zum Ende auszuharren, käme nicht Anthony Mackie und würde sie zur letztmöglichen Evakuierung bewegen wollen. Auch in Io ist die Katastrophe keine näher genannte. Da wie dort geht es darum, dem Planeten Erde Lebewohl zu sagen. Resignative Erschöpfung macht sich breit, das Überleben der Menschheit verblasst hinter Gaias Abgesang. Clooney verleiht diesem stellvertretenden Individuum, der das ganze Unglück wahrnimmt, eine Bitternis sondergleichen. Die Raumcrew um Felicity Jones ist im Gegensatz dazu mal nicht eine ganze Partie psychologisch versagender Psychopathen im Wandel, sondern pragmatische Experten, was das ganze Szenario durchaus glaubhaft macht. Beide Komponenten mögen manchmal nicht so richtig ineinandergreifen. Das Wechselspiel zwischen den Episoden auf der Erde und im Weltraum findet keinen Rhythmus. Manche Astro-Action wirkt deplaziert. Was aber wirkt, das ist die zwar zu erahnende, aber poetische, runde kleine, später sehr persönliche Abenteuergeschichte zu dem großen Thema eines Umbruchs, die nicht viel erklären, sondern viel öfters nur empfinden will. Das ist fast schon besinnliches Weihnachtskino.

The Midnight Sky