Der perfekte Chef

DAS WOHL DER UNTERGEBENEN

4,5/10


derperfektechef© 2022 Alamode Film


LAND / JAHR: SPANIEN 2021

BUCH / REGIE: FERNANDO LEÓN DE ARANOA

CAST: JAVIER BARDEM, MANOLO SOLO, ALMUNDENA AMOR, ÓSCAR DE LA FUENTE, SONIA ALMARCHA, FERNANDO ALBIZU, TARIK RMILI U. A.

LÄNGE: 2 STD


Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. So heißt es doch, oder? Klar ist aber, dass in Wahrheit der eine Umstand den anderen bedingt. Ergänzend wäre also zu sagen: Geht’s uns gut, geht’s der Wirtschaft gut. Denn wer nicht um seine Existenz bangen muss, wer glücklich durchs Leben geht oder wenn daheim der Haussegen nicht schief hängt, der hat auch Freude daran, für das Große und Ganze genug Motivation an den Tag zu legen. Wenn das Management diese Dynamik überreißt, ist das schon die halbe Miete. Julio Blanco, Erbe des traditionellen Familienunternehmens Blanco, welches schon seit Generationen Präzisionswaagen aller Art produziert, ist so einer dieser vorausschauenden und nachhaltig agierenden Wunderknaben, der geschickt Ziele des Unternehmens mit den Bedürfnissen seiner Mitarbeiter kombinieren kann, sieht er diese doch längst als seine Familie an und schenkt den Problemen seiner Untergebenen stets ein offenes Ohr.

Was kann bei so einem angenehmen Arbeitsklima denn noch schiefgehen? Und worüber bitte sollte man bei so einer geschmeidigen Ausgangssituation noch eine Satire auf allzu joviale Betriebswirtschaft aus dem Hut zaubern? Gibt es das denn? Lässt sich ein Betrieb aufgrund menschelnder Parameter an den Rand des Abgrunds führen? Natürlich gibt es das. Wenn die Chefetage keinerlei Distanz mehr wahrt und trotz einer gewissen Betriebshierarchie so tut, als wäre sie auf Augenhöhe mit allen, die ihre Existenz diesem Betrieb verdanken, schrillen die Alarmglocken. Doch anfangs scheint es, als wäre Julio Blanco ganz und gar aufrichtig damit, wenn es heißt, sich den privaten Problemen seines Teams zu widmen. Überdies steht eine neue Auszeichnung fürs Unternehmen ins Haus, und dafür wird sich in den nächsten Tagen eine ausgewählte Jury selbst ein Bild machen wollen. Also: Unter 100% Engagement ist bis auf weiteres ein Ding der Unbill, und da wir längst wissen, dass, wenn es uns gut geht, es der Wirtschaft ebenfalls gut geht, muss Julio Blanco die eine oder andere private Misere selbst ausbügeln. Dass er dabei manchen näher tritt, als beiden Parteien lieb gewesen wäre, könnte sich nicht zwingend positiv auf die Zukunft der Fabrik auswirken.

Die gemächliche Groteske auf heuchlerische Führungseliten hielt letztes Jahr mit 20 Goya-Nominierungen den Rekord bei den spanischen Oscars. Gewonnen hat der Streifen dann fünf der begehrten Preise, unter anderem auch für Javier Bardem, der sein komödiantisches Potenzial nutzt, um den Geist zwischen sozialem Spürsinn und unternehmerischer Härte zerrissener Machtmenschen mit reichlich Understatement darzustellen. Der Film selbst weiß allerdings nicht so zu überzeugen. Da sind die satirischen Klingen in der französischen Industrie-Farce Der Querkopf mit Louis de Funès um einiges schärfer gewetzt als in Der perfekte Chef. Vielleicht liegt es daran, dass Regisseur Fernando León De Aranoa zu bedächtig durch seinen Film schlendert und mal hier, mal dort den Untergebenen mal erfolgreich, mal weniger erfolgreich aus der Patsche hilft. Wenn Bardem als apotheotischer Überboss bald gar nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht und ihm seine eigene Jovialität bis hin zu erotischen Stelldicheins den Überblick nimmt, geschieht das immer noch mit Handbremse. So richtig de Nerven verliert Bardem nie, so richtig aus dem Ruder läuft letzten Endes auch nichts, und in keinem Moment steht das Überleben der Firma auf der Kippe. Aranoa hätte das ganze Konvolut aus schmeichelnden Intrigen und herrischer Ordnung mehr an den Rand des Abgrunds schieben können, um die angedeuteten moralischen Diskrepanzen viel kontrastreicher ausfallen zu lassen.

Da Der perfekte Chef eigentlich niemanden so recht opfern will und wenn dann doch auf dem Schlachtfeld des guten wirtschaftlichen Ansehens der Bauer an die Front geschickt wird, so schlägt selbst das keine allzu großen Wellen. Der Arbeitsalltag unter besonderen Umständen fällt zwar nicht unbedingt zu versöhnlich, aber garantiert zu phlegmatisch aus. Die Arbeit geht weiter, wie sie es immer tut. Denn die Katze beißt sich schließlich in den Schwanz, wenn nicht.

Der perfekte Chef

Der beste Film aller Zeiten

DIE BEDÜRFTIGKEIT DER EGOMANEN

7,5/10


bestefilmallerzeiten© 2022 StudioCanal


LAND / JAHR: SPANIEN, ARGENTINIEN 2021

BUCH / REGIE: GASTÓN DUPRAT & MARIANO COHN

CAST: PENÉLOPE CRUZ, ANTONIO BANDERAS, OSCAR MARTÍNEZ, JOSÉ LUIS GÓMEZ, MANOLO SOLO, NAGORE ARANBURU, IRENE ESCOLAR, PILAR CASTRO U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Kunst würde großteils nicht existieren, gäbe es nicht die Motivation dahinter, sich selbst präsentieren zu wollen und das nach Anerkennung strebende Ich in einem fort umjubeln zu lassen. Diese Lust an der eigenen, überaus wichtigen Person, die wohl wichtiger ist als jene, die nur das komplexe Gefüge menschlichen Miteinanders aufrechterhalten und dabei nicht bei jedem ihrer Handgriffe Applaus einfordern, führt sehr schnell auf eine absurde Ebene bemitleidenswerter Eitelkeiten, welche die um die Zufriedenheit des Stars buhlende Entourage in Wahrheit mit den Augen rollen lässt. Zu dieser Kunst, die mit Halbgöttern hantiert, zählt natürlich auch der Film. Film wäre genauso entbehrlich wie jede andere Kunst. Aber wunderschön. Ich will diese Art Kunst genauso wenig missen wie die bildnerische oder musikalische. Kunst inspiriert, ändert Blickwinkel und ordnet Parameter neu. Regt zum Denken an und führt in Welten, die real nicht existieren. Kunst ist für den Geist da, ist Spielzimmer und Auslebung subjektiver Wahrnehmung.  

Wenn Kunst aber den, der sie ausübt, dominanter werden lässt als das, was er entwirft, braucht es Mittel und Wege, um das angehimmelte Idol wieder auf den Boden der Genügsamkeit zu werfen. Gerade im Film sind die Waagschalen oft unterschiedlich hoch. Denn noch weniger als Kunst braucht die Welt Stars, die nur um ihr Prestige buhlen. In der spanisch-argentinischen Farce Der beste Film aller Zeiten des Regieduos Gastón Duprat und Mariano Cohn werden die leeren Hülsen aufgeblasener Eitelkeiten geknackt – zum Vorschein kommt dabei die Irrelevanz einer Performance von Leuten, die nichts, aber auch gar nichts dazu beitragen, die Welt einen Deut besser zu machen.  

Wie zum Beispiel Macho Félix Rivero, seines Zeichens schwerreicher Mainstream-Schauspieler mit Allmachts-Allüren wie seinerzeit Ludwig XVI., der notorisch zu spät kommt und an jedem Finger seiner beiden Hände eine Mätresse hat. Oder der überaus selbstgerechte Theaterdojen Iván Torres, der seine Rollen biographisch kennen muss und Filmstars geringschätzt, weil nur wahre Bühnenkunst die einzige ist, die zählt. Dazwischen, als Moderatorin der beiden eitlen Streithähne: Lola Cuevas, rotlockige Cannes-Preisträgerin und exzentrische Regisseurin, deren Büro aus den leeren Hallen eines architektonischen Wunderbaus besteht – verglast, geometrisch, aufgeblasen. Diese drei Superkünstler müssen einen Film drehen – und zwar, wie der Titel schon sagt: den besten aller Zeiten. Nach einer nobelpreisveredelten literarischen Vorlage über zwei rivalisierende Brüder. Finanzieren wird das Ganze ein achtzigjähriger Milliardär, der nicht weniger Ego besitzt als die Filmemacher, die er engagiert und der zumindest in Form eines Films ewig leben will. Die Brücke, die dann noch nach ihm benannt werden wird, ist dann nur eine kleine Draufgabe. Das kann ja heiter werden, diese Komödie der Eitelkeiten, die immer mehr zum Kampf zwischen den Besten wird, die aber, je mehr sie in diesem Hickhack fortschreiten, den Respekt der anderen verlieren.

Dabei gelingen Duprat und Cohn ganz einmalige Momente, die an die messerscharfen Gesellschaftsanalysen eines Ruben Östlund (u.a. The Square) erinnern, zum Beispiel und ganz besonders dann, wenn Antonia Banderas und Oscar Martinez, umwickelt mit Frischhaltefolie, um die Gemeinsamkeit ihrer Rollen zu fühlen, dabei zusehen müssen, wir ihre Trophäen geschreddert werden. Oder, unter einem tonnenschweren Felsen, ihre Texte rezitieren. Der beste Film aller Zeiten erlebt mit seiner Entstehung wundersam groteske Momente entrückter und realitätsferner Anwandlungen, famos dargeboten von einem vergnüglich entfesselten Banderas und einer versnobten Penélope Cruz, die durch den Schlauch eines Staubsaugers gerne ihre eigene Stimme hört. Doch nicht nur Östlunds Schaulaufmethoden sickern hier durch – auch an Paolo Sorrentinos (u. a. The Hand of God) akkurates Ikonographieren mit Darstellern, Interieur und Raum erinnern so manche Tableaus, die das Absurde aus der Wichtigkeit des eigentlich Verzichtbaren extrahieren. Dabei spricht das Ensemble durchaus Wahrhaftiges aus, lassen sich die Beweggründe der Protagonisten überraschend nachvollziehen und das wundersame Handwerk Film vom rufschädigenden Druck affektierter Selbstinszenierung als zumindest temporär losgelöst betrachten.

Der beste Film aller Zeiten