Killer’s Bodyguard 2

DIE UNGEZÄHMTEN WIDERSPENSTIGEN

7,5/10


killersbodyguard2© 2021 Paramount Pictures

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: PATRICK HUGHES

CAST: RYAN REYNOLDS, SAMUEL L. JACKSON, SALMA HAYEK, ANTONIO BANDERAS, MORGAN FREEMAN, FRANK GRILLO, CAROLINE GOODALL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Gäb’s für jedes Schimpfwort einen Euro in die Kaffeekassa, hätte sich das Sequel zu Killer’s Bodyguard womöglich selbst finanziert. Hier wird geflucht, was das Zeug hält, vorzugsweise aus dem Mund von Killerqueen Salma Hayek, die als hysterische Schreckschraube allen das Leben schwer macht. Selbst dem bereits sichtlich abgebrühten Samuel L. Jackson, der wirklich schon alles gesehen hat. Und Bodyguard Michael Bryce? Dem geht’s so wie Chefinspektor Dreyfus mit dem irren Clouseau: am Rande des Burnouts, und stets das Konterfei seines Schützlings vor Augen. Also wählt er das Sabbatical, zieht sich auf die italienische Insel Capri zurück und will mal nicht ans Bodyguarden denken. Kaum die erste Seite von Rhonda Byrnes The Secret gelesen, muss er im nächsten Augenblick schon in Deckung gehen. The Hitman’s Wife hat wieder alle Völker narrisch gemacht und braucht Bryces Hilfe, um ihren Gatten aus einer misslichen Lage zu befreien. Beide ahnen nicht, dass dieser Support eine Weltrettung von Bond‘schem Ausmaß nach sich ziehen wird, für welche die drei wohl am Ungeeignetsten scheinen. Oder aber vielleicht ist genau das der richtige Weg zur Lösung aller Probleme?

Nicht jeder Film steht und fällt mit dem Drehbuch. Nicht jeder Film hat ein solches auch nötig. Filme haben unterschiedliche Ambitionen. Manche wollen wirklich nur Geschichten erzählen. Manche das schale Libretto unter sensationellen Schauwerten begraben, hat es doch getan, was notwendig war, nämlich dem Film in eine gewisse Richtung zu lenken. So funktioniert das auch mit Killer‘s Bodyguard 2. Der Plot? Egal. Irgendwas mit einem beleidigten Griechen (Antonio Banderas mit künstlichem Haaransatz) und einem Computervirus, der ganz Europa lahmlegen soll. Prinzipiell würde einem da das Gähnen kommen. Nur nicht mit dem Trio Hajek, Reynolds und Jackson. Auch Teil 2 ist wieder heillos überzeichnet, ordinär, brutal und chaotisch. Allerdings ist sich die im Original erprobte Buddy-Chemie ihrer Qualitäten nun bewusst und legt hier noch einiges drauf. Es bleibt ein großer Spaß, Ryan Reynolds, der ja schon kurz davor in Free Guy wiedermal sein komödiantisches Talent bewiesen hat, dabei zuzusehen, wie er unentwegt den Kürzeren zieht. Wie er – einerseits weinerliches Papasöhnchen und kurz vor dem Nervenzusammenbruch, andererseits als pflichtbewusster Beschützer – eine Show abzieht, da gewinnt man wieder den Glauben an eine Wiederkehr der schnoddrigen Buddy-Komödien aus den 70ern und 80ern, vorzugsweise mit Gerard Depardieu und Pierre Richard. Samuel L. Jackson, immer noch der coolste Motherfucker auf diesem Planeten, tanzt gleich mit auf dem Parkett des Zoten-Humors. Wer führt, ist Nebensache, beide liefern sich gegenseitig die Pointen. Salma Hayek ist da nur das Zünglein an der Waage, denn bei dieser nonverbalen Schiene aus Blicken und Gesten, die Jackson und Reynolds fahren, bleibt die Furie mit Kinderwunsch außen vor. Dafür schimpft und ballert sie sich den Weg frei. Das ist derb, geschmacklos natürlich auch, nichts für Feinschmecker.

Und dennoch: Killer’s Bodyguard 2 ist um einen Tick sogar noch besser als der Vorgänger und man muss tags darauf immer noch schmunzeln, wenn einem Reynolds zerbröselndes Nervenkostüm wieder in den Sinn kommt. Spaß muss sein – und dafür ist der vorliegende Nonsens gerade richtig.

Killer’s Bodyguard 2

Bullet Head

KNURR MIR DAS LIED VOM TOD

5,5/10

 

bullet-head© 2018 Splendid Film

 

LAND: USA, BULGARIEN 2017

BUCH & REGIE: PAUL SOLET

CAST: ADRIEN BRODY, JOHN MALKOVICH, RORY CULKIN, ANTONIO BANDERAS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN

 

„Das letzte, was du in deinem Leben sehen wirst, ist ein Hund.“ So oder ähnlich könnte der zwecks Werbewirksamkeit beigefügte Untertitel dieses Films lauten. Das kann man entweder so verstehen, indem der treue Vierbeiner bis zum Lebensende seiner Bezugsperson die Zeitung bringt. Oder man betrachtet es auf eine Weise, in welcher der Vierbeiner auf einen selbst nicht mehr gut zu sprechen ist. So ein Missmut hat Konsequenzen. Hunde lassen nämlich nicht ewig auf ihrer feuchten Schnüffelnase herumtanzen. Irgendwann reißt ihnen der Maulkorb – und dann gibt’s kein Entkommen.

In der ungarischen Hunde-Dystopie Underdog hatten sich unter der Regie von Kornél Mandruzcó mehr oder weniger alle Budapester Vierbeiner zusammengerottet, um Herrchen und Frauchen vom Angesicht der pannonischen Tiefebene zu tilgen. In der bulgarisch-amerikanischen Koproduktion Bullet Head von Paul Solet ist die Meute deutlich kleiner, also genaugenommen nur einer – dafür aber schürt dieser ordentlich die verdrängte Kynophobie, die durch die Einschränkung des Schauplatzes auf eine verlassene Lagerhalle noch verstärkt wird. Dort nämlich suchen nach einem versemmelten Bankraub drei Ganoven Deckung vor der Exekutive. Was sie nicht wissen: genau hier, irgendwo zwischen der veralteten Industrieeinrichtung, treibt ein Kampfhund sein Unwesen -– und zwar einer, der aufgrund massiver Blessuren bereits den Gnadenschuss erhalten hat. Ein „Revenant“ sozusagen, für den der MEnsch natürlich ab sofort ein rotes Tuch ist. Der erste, sein Henker, hat schon mal ins Gras beißen dürfen. Es folgen die anderen drei, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Ohne Hunde-Komponente wäre dieser Film nichts wert. Und das trotz einem kleinen Staraufgebot. Oscar-Preisträger Adrien Brody mit Strickmütze blickt durch verschmierte Fenster, John Malkovich ist souverän wie eh und je und letzten Endes darf auch noch ein stoischer Antonio Banderas seiner späten Redseligkeit zum Opfer fallen. Interessant bei diesem kleinen Thriller ist vor allem, wie Solet die Beziehung Mensch-Hund in seine hemdsärmelige Gaunerballade einflechtet, die eigentlich nur als Grundlage für hündische Anekdoten fungiert. Brody & Co wühlen also in der Vergangenheit, während die titelgebende Bestie alles andere, nur nicht spielen will. Paul Solet hätte den Film vielleicht gar nicht geschrieben, gäbe es nicht vielleicht gar autobiographische Züge in seinem Werk.

Bullet Head ist ein Hundefilm, anders funktioniert er nicht. Mit dieser teils verplauderten, teils grimmigen Liebeserklärung an das haustierliche Subgenre erhält dieses durchaus akzeptablen Zuwachs.

Bullet Head

Spongebob Schwammkopf 3D

SCHWAMM DRÜBER UND DRUNTER

6,5/10

 

spongebob3d© 2015 Paramount Pictures Germany

 

LAND: USA 2015

REGIE: PAUL TIBBIT

LIVE ACT CAST: ANTONIO BANDERAS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): TOM KENNY, CLANCY BROWN, BILL FAGGERBAKE, CAROLYN LAWRENCE U. A.

 

Was ist wohl der Unterschied zwischen dem Higgs-Boson und Spongebob? Das Higgs-Boson werde ich nie verstehen. Das Universum rund um einen Schwamm mit Hirn irgendwann doch. Obwohl ich bis vor Kurzem auch hier das Gefühl hatte, aus Spongebob niemals jemals schlau zu werden. Was bei allen sieben Weltmeeren hat es mit dieser käseartigen Figur in Squarepants, schwarzen Schuhen und einem Faible für Seifenblasen unter Wasser überhaupt auf sich? Bikini Bottom, was ist das für ein seltsamer Ort? Warum verkauft eine Krabbe Krabbenburger? Und warum um alles in der Welt will ein Eichhörnchen unter dem Meeresspiegel wohnen? Klar, man muss bei Spongebob nicht alles verstehen. Kids verstehen das ohnehin besser. Und hinterfragen womöglich so manches erst gar nicht, sehen darin keine Notwendigkeit und nehmen diese verdrehte Welt als gegeben hin. Und tatsächlich – je mehr man sich darauf einlässt, Eichhörnchen unter Wasser leben und einen Schwamm Seifenblasen blasen zu lassen, je mehr folgt diese irre Welt einer verdrehten Logik, die sich mit jener eines Douglas Adams und seinem Anhalter durch die Galaxis oder eines Dr. Who für Kinder am Ehesten verträgt.

Dabei – oder gerade deswegen –- ist Spongebob Schwammkopf längst nicht nur Kinderkram. Das quengelnde Tier mit der Synchronstimme von Steve Buscemi hat Kultstatus. Auf Nickelodeon gibt es ab und an ganze Spongebob-Festivals, die rund um die Uhr laufen. Eine Episode schriller als die andere. Doch keine Angst vor der maritimen Reizüberflutung! Im Grunde genommen hat das alles ein überschaubares Konzept, zumindest wenn es gelingt, zwischen dem flirrenden Farb-Overkill hindurchzublicken. Im zweiten Spielfilm Spongebob Schwammkopf 3D passiert es tatsächlich, dass selbiger und seine Freunde ihr schützendes Meer verlassen, um am Strande womöglich Malibus zwischen den nackten Waden von Homo Sapiens auf die Pirsch zu gehen. Aus 2D wird 3D – und aus biodiversitären Underdogs werden Superhelden mit Sixpacks an Stellen, wo niemals ein Sixpack sein kann. Die Avengers lassen grüßen, nur statt Hulk hämmert diesmal ein verschwörerisches Plankton auf seine Widersacher ein. Bizarrer gehts kaum mehr. Bis es aber soweit kommt, darf am Meeresgrund der Doomsday ausgerufen werden. Warum? Das Rezept für den allseits beliebten Krabbenburger ist verschwunden (um dieses Rezept gehts prinzipiell mal immer irgendwie), und womöglich ist das Plankton (klein, aber oho!) wiedermal Schuld daran. Weltverschwörung al la Pinky & Brain. Bikini Bottom liegt in Schutt und Asche – das Einzige, was die Welt noch retten kann, ist eine Zeitmaschine, zusammengeschustert aus einer Passfotobox (what the hell???) und sonstigen Fragmenten. Wohin die Reise geht? Bis ans Ende und an den Anfang. Und irgendwann wissen wir, dass wir nicht von Echenmenschen unterwandert worden sind, sondern die wahren Herren des Universums Delphine sind. Der Antagonist? Niemand geringerer als – haltet auch fest – Antonio Banderas, der als Imbiss-Pirat und Alternativ-Jack-Sparrow Krabs und Co perfide Konkurrenz macht.

Schöpfer Stephen Hillenburg, selbst Meeresbiologe, hat sichtlich ein Herz für all das, was unter dem Meer so kreucht und fleucht. Die 1998 erstmals auf dem Bildschirm erschienene Welt ist die zugedröhnte Version eines umnebelten Besuchs in einem städtischen Aquarium. Gesichtslose Tierarten und mikroskopische Mehrzeller erhalten liebevoll angedichtete Charakterzüge, die sich durch alle Abenteuer ziehen. Irgendwann weiß der Spongebob-Experte, was er bekommt, weiß auch, wie all die Figuren ticken, sogar angesichts unerwarteter Absurditäten. Denn das Unerwartete ist andauernd im Begriff, völlig unvermittelt in einen wohlgeordnteten Alltag einzubrechen, der steht und fällt mit der Verfügbarkeit von Krabbenburgern.

Spongebob Schwammkopf 3D

Die fantastische Reise des Dr. Dolittle

TIERE REDEN DICH AN

3,5/10

 

null© 2020 Universal Pictures

 

LAND: USA 2020

REGIE: STEPHEN GAGHAN

CAST: ROBERT DOWNEY JR., MICHAEL SHEEN, JIM BROADBENT, HARRY COLLETT, JESSIE BUCKLEY, ANTONIO BANDERAS U. A. 

MIT DEN STIMMEN VON: TOM HOLLAND, EMMA THOMPSON, RAMI MALEK U. A.

 

Eben noch den Heldentod gestorben (na gut, das Endgame der Avengers ist auch schon wieder ein Zeiterl her), schon schlüpft Robert Downey Jr. in die nächste Kultfigur. Und damit meine ich nicht den nächsten Auftritt von Sherlock Holmes, der ja sowieso kommen wird, sondern das angetretene Erbe von Rex Harrison und – ja, tatsächlich – Eddie Murphy. Obwohl Quasselstrippe Murphy mit den literarischen Vorlagen von Hugh Lofting maximal die sprechenden Tiere gemeinsam hat. Stephen Gaghans Film indes besinnt sich wieder auf die gute alte Zeit, in der Dr. Dolittle eigentlich sein veterinärmedizinisches Knowhow wirken lässt – in einer alternativen Vergangenheit, in der Englands Königin mit einer rätselhaften Krankheit darniederliegt und nur der verschrobene Arzt Abhilfe schaffen kann. Dumm nur, dass er sieben Jahre nach dem Tod seiner Geliebten Lily immer noch dem verwahrlosten Müßiggang frönt und mit seinen Lieblingstieren wie ein asozialer Hausbesetzer, der den Zoo geplündert hat, ziellos abhängt. Letzten Endes aber folgt Dolittle natürlich der angelegentlichen Bitte des Hofes, in den Gemächern der jungen Königin nach dem Rechten zu sehen. Im Schlepptau nicht nur ein neurotischer Gorilla, ein Problembär und ein Strauß mit gestreiften Beinen, sondern auch ein Bursche, der seltsamerweise nicht mehr von Dolittles Pelle rückt – und der aber sonst auch nicht viel zu sagen hat. Klar ist: allesamt machen sich auf den Weg, um ein Heilmittel zu finden. Was nun nach einem verspielt-witzigen, phantastischen Abenteuer klingt, irgendwo zwischen Dschungelbuch und Fluch der Karibik. Wie ernüchternd, dass die Schinakelfahrt kurz davor ist, durch den Mahlstrom unausgegorener CGI an den Riffen seichter Schauspielkunst zu kentern.

Manche Filmemacher wissen immer noch nicht, wieviel CGI für einen Film wirklich gut ist. Peter Jacksons In meinem Himmel war schon zu viel des Guten, in James Bobins Fortsetzung von Alice im Wunderland scheinen nur noch die Mimik der Gesichter echt. Stephen Gaghan will natürlich die technischen Möglichkeiten nutzen, stolpert aber womöglich über seinen Zeitplan. Von den Tierchen sind manche besser, manche weniger gut gelungen. Die Wale wirken überhaupt wie Badespielzeug. Doch die Optik, die ist bei Dr. Dolittle womöglich das geringste Problem. Viel mehr Sorgen bereitet der Zustand Robert Downeys, der mit einer einzigen Mimik, und zwar jener des etwas irritiert aufgesetzten Staunens, alles abzudecken versucht. Spielfreude ist das keine. Downey tut, wofür er bezahlt wird. Ist die Regie zufrieden, ist er zufrieden. Den Ehrgeiz finden wir anderswo. Nur wo weiß ich nicht. Newcomer Harry Collett allerdings weiß noch weniger mit seiner Rolle anzufangen, nicht zu glauben, dass der junge Mann beim Casting alle anderen Kandidaten ausgestochen hat. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass alle physischen Darsteller im Grunde zu einer erschreckend uninspirierten Staffage verkommen, die teilweise nur sehr wenig Text in den Mund gelegt bekommen. Meist stehen sie nur rum und blicken in die Runde, als hätte die Regie auf sie vergessen. Was hat Stephen Gaghan, den wir aus starken Filmen wie Syriana oder Traffic (Oscar fürs Drehbuch) eigentlich gut kennen, da angestellt? Irgendetwas muss hinter den Kulissen wenig geschmeidig abgelaufen sein, genaues weiß man leider nicht. Einzig Papagei Jip, der die ganze Geschichte erzählt, hält allein durch seine Stimme aus dem Off den grob geschnittenen und flügellahmen Familienfilm irgendwie zusammen. Vielleicht sind Loftings Kinderbücher über den Fauna-Therapeuten einfach unverfilmbar – oder sie werden ganz einfach unterschätzt. Leicht ist es jedenfalls nicht, sich da ranzuwagen. Rex Harrison würde sich freuen – sein Dr. Dolittle bleibt nach wie vor an der Spitze.

Die fantastische Reise des Dr. Dolittle

Leid und Herrlichkeit

EIN MANN SIEHT ROT

8/10

 

LEID UND HERRLICHKEIT© 2019 Constantin Film

 

LAND: SPANIEN 2019

REGIE: PEDRO ALMODOVAR

CAST: ANTONIO BANDERAS, PENELOPE CRUZ, NORA NAVAS, LEONARDO SBARAGLIA, ASIER ETXEANDIA U. A. 

 

Mein letzter Film des Spaniers Pedro Almodovar ist doch schon ein Weilchen her. Das war Hable con ella – Sprich mit ihr. Ein ungewöhnliches, bemerkenswertes, allerdings auch recht bizarres Drama, zweifelsohne aber ein großartiger Film. Später hatte ich den Exzentriker nicht mehr so am Radar, fragt mich nicht wieso. Alles über meine Mutter war ja nicht weniger ein Meisterwerk, und wurde völlig zu Recht oscarprämiert. Almodovar schafft es, als Autorenfilmer sehr dichte, vor allem sehr familiäre Beziehungskisten zu zimmern, die bei anderen, weniger ehrgeizigen Filmemachern wohl an ihrer eigenen Seife ausgerutscht wären. Der Spanier allerdings setzt auf Kontraste, dramaturgische Kontraste. Und er versetzt seine Werke mit kontinuierlichem, autobiographischem Statement. Wie es Woody Allen zum Beispiel auch macht. Nur Almodovar geht es im Gegensatz zu Allen viel mehr um die Ursache seines Egos als um neurotische Symptomatik. Krankheitsbilder haben seine Figuren aber genauso. Wo die Therapie aber nicht weiterhilft, bleibt nur noch die Analyse. Und die weckt Erinnerungen und Assoziationen, die aus Leid und Herrlichkeit in abwechselndem Rhythmus die Leinwand bestimmen.

Zu Beginn ist noch alles im Argen. Antonio Banderas, der, sagen wir´s mal so, zu seinem Meister zurückgefunden hat, durch welchen er eigentlich berühmt wurde, lässt sich in seiner Rolle des durch und durch und vor allem körperlich leidenden Regisseurs Salvador Mallo so richtig fallen. Banderas kann und konnte, rückblickend auf sein filmisches Schaffen, eigentlich alles spielen – vom Assassinen an der Seite Sylvester Stallones bis zum eigenbrötlerischen Schmerzensmann, der höchst depressiv ist und demzufolge in einer Schaffenskrise steckt, der er sich nur entwinden kann, wenn er zurück zu seinen Wurzeln geht. Es ist wie eine Rückführung unter Hypnose, der sich Mallo stellen muss, dieser sensible, leidende Apoll, der die paralysierende Wirkung von Heroin entdeckt und im Zuge dessen die filmpoetische Version einer versonnenen Reise durch die eigene Zeit unternimmt. Leid und Herrlichkeit hat zwar von Anfang an mein Interesse geweckt, die Faszination dafür aber kam etwas versetzt, als hätte der Film eine Inkubationszeit, allerdings im positiven Sinn. So, wie Almodovars Werk wirkt, das lässt sich nicht in vielen Filmen finden. Der von ihm mit vielen Details und emotionaler Distanz geschaffene Zustand mag zwar adhoc seltsam wenig tangieren, doch diese unerwartet entspannte, für einen Almodovar relativ unschrille und entschleunigte Stimmung geht in zarter Indiskretion auf den Zuseher über. Er hat was enorm beruhigendes, dieser Film, und gleichzeitig etwas sehr stark versöhnliches, mit der eigenen Biografie zu spielen, mit den Erinnerungen, die nicht von Wehmut durchdrungen sind, sondern von Inspiration für das, was kommen mag.

Dafür taucht Leid und Herrlichkeit mit dem Tupfer tief in den Farbtopf und entwirft geradezu streng gesetzte Formeln aus Rot und Grün, wobei Rot das expressive Um und Auf des Films ist. Kein Take, keine Sequenz, kein Schauplatz, der nicht irgendwo ein Element in dieser reinen, strahlenden Spektralfarbe birgt, irgendwo im Hintergrund, manchmal aber ist es auch das Gewand einer der Schauspieler. Rot durchdringt auch Alles über meine Mutter. Rot ist die Farbe Almodovars. Und er komponiert und inszeniert sie mit verschwenderischer Freude am Setzen von Akzenten. Die Herrlichkeit, die findet sich in dieser Ästhetik und lässt sich nicht lange bitten, um gefunden zu werden. Sie kommt auf leisen Sohlen, und weckt eine befriedigende, stille Freude, wenn ein kunstbeseelter, vermeintlich gefallener Virtuose eine Muse entdeckt, die in ihm selbst steckt. Denn die eigene Geschichte lässt sich ein ganzes Leben lang erzählen. Das ist egozentrisch zwar, gar ein wenig eitel, aber letzten Endes macht ein Künstler Kunst für sich selbst. Für wen denn auch sonst?

Leid und Herrlichkeit

The Laundromat

OH WIE SCHÖN IST PANAMA!

6/10

 

laundromat© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: STEVEN SODERBERGH

CAST: GARY OLDMAN, ANTONIO BANDERAS, MERYL STREEP, JAMES CROMWELL, ROBERT PATRICK, DAVID SCHWIMMER, MELISSA RAUCH, SHARON STONE U. A.

 

Das da was war, wissen die meisten. Dass das Ganze mit Panama zu tun hatte auch. Warum damals alle so entrüstet waren, das lag womöglich an dem zum geächteten Modewort deklarierten Begriff Briefkastenfirma. Ein No-Go in der Wirtschaftswelt – oder doch ein Kavaliersdelikt? Wie genau es dazu kommen konnte, das wissen auch nur jene, die dieses bizarre Phänomen wirklich interessiert hat. All jene, die es zwar interessiert hat, die aber nicht die Zeit gefunden hatten, sich ausgiebig in die Materie einzulesen, die können jetzt Methode B wählen – Steven Soderberghs How-done-it-Dramödie The Laundromat. Wir wissen, wie das mit komplexen Themen so ist, und dass wir diese relativ simpel erklärt haben wollen. Ebenfalls Plan B: wir suchen auf YouTube danach. Alles lässt sich dort finden, von der Anleitung, wie man Kettenhemden knüpft bis hin zu wirklich komplizierten Themen wie der String-Theorie. YouTube ist dafür da, einem die Dinge zu erklären, als wäre man sechs Jahre alt. Das ist erhellend, besteht vielleicht nicht zwingend einer Prüfung erfahrener Spezialisten, erläutert aber zumindest in groben Zügen Ursache und Wirkung verästelter Gebilde, wie zum Beispiel jenes zur unlauteren Vermehrung des eigenen Kapitals. Ich bin froh, dass mir Leute erklären, in wenigen Worten und womöglich mit naiven Cartoons illustriert, wie das alles funktioniert, denn wirtschaftsmathematisch fühle ich mich tatsächlich wie ein Grundschüler. Es kann aber auch gut sein, dass Grundschüler locker mehr davon überzuckern als ich es tue.

Soderbergh also, einer, der gerne neues ausprobiert und zuletzt den im Smartphone-Videoformat gedrehten Psychothriller Unsane – Ausgeliefert als Fingerübung mit anderen Medien in die Kinos gebracht hat, bleibt auch mit The Laundromat einem gewissen schnelllebigen Instant-Stil treu, vor allem eines solchen, der ganz unweigerlich an YouTube erinnert. Sein Versuch, die Affäre rund um die Panama Papers in Form eines abendfüllenden Spielfilms aufzuziehen, kanalisiert sich in der teils wüst zusammenmontierten Collage eines Erklärvideos, das sowohl den Opfern als auch den Tätern Stimme verleiht. Die Täter selbst – Jürgen Mossack & Ramón Fonseca, die sich klarerweise schon über Soderberghs Film beschwert hatten – werden als zwei narzisstische Hosts im Glamour- und Glitterlook karikiert, Cocktails schlürfend und die Regeln der Betrugskunst süffisant erörternd. Das beginnt in einer absichtlich künstlich anmutenden Szenerie aus der Frühgeschichte des Menschen und endet mit dem radikalen Durchbrechen der sogenannten Vierten Wand. Dieses Stilmittel allerdings zaubert Soderbergh den ganzen Film hindurch aus dem Hut – Gary Oldman und Antonio Banderas, beide mit Spaß an der Sache, sind eigentlich nur dazu da, um mit den Zuschauern zu kokettieren. Meryl Streep hingegen als nach Strich und Faden betrogene Witwe, die dem eigentümlichen Schweigen ihrer Versicherungsgesellschaft auf den Grund kommen will, gesellt sich erst am Ende dazu. The Laundromat ist aber kein Werk, das ihr heißes Eisen mit Schutzhandschuhen anpackt oder die Krux mit der Geldwäscherei behutsam aufrollt. Angepackt wird das Ganze mit nackten Fingern, und dementsprechend flott und fahrig über Spielfilmlänge jongliert.

Da die intellektuelle Riege Hollywoods ohnehin trotz eigenem exorbitanten materiellen Wohlstand dem asozialen Kapitalismus relativ ablehnend gegenübersteht, ist es auch nicht verwunderlich, dass im Falle des Panama Paper-Betrugs die Stars sozusagen Schlange stehen, um in Soderberghs Filmchen mitzumischen. Sharon Stone, Big Bang-„Bernadette“ Melissa Rauch, James Cromwell oder Friends-Star David Schwimmer geben sich in bescheidenen Nebenrollen die Türklinken der Anwaltsbüros in die Hand, alle zusammen scheinen fast in karitativem Idealismus hier mitzuwirken, wie eine Art Fridays for Future, eine kleine Demonstration gegen unlautere Machenschaften, die vor den Augen einer nichtsahnenden Weltbevölkerung so frech und frivol ihre Nutzen ziehen. Die besagte Geldwäscherei also, der Laundromat, der wäscht seine Wäsche allerdings nicht bis zum Schleudergang. Die gut gemeinte Intonation des Filmes, der Ansatz des satirischen Dramas und der bitterkomischen Aufklärung, der kämpft sich durch eine Vielzahl guter Stilideen, die sich nur durch Mühe straff formieren und sich in einer gewissen Resignation verlieren, die besagt, dass Skandale wie diese schwer zu erkennen sind, und nur der präventive Appell an das Gewissen für weiße Westen sorgt. Ja, das ist gut gemeint, hat auch seine Relevanz, nur der Wille zur bunten Revue der Unartigkeit hat längst nicht den hierfür notwendigen Biss, wie ihn Filme wie Adam McCays Vice oder The Big Short haben. The Laundromat ist da wie ein Musical, das mit den Fakten Trittbrett fährt. Aber immerhin – nachher ist man immer klüger 😉 Danke YouTube.

The Laundromat