Der beste Film aller Zeiten

DIE BEDÜRFTIGKEIT DER EGOMANEN

7,5/10


bestefilmallerzeiten© 2022 StudioCanal


LAND / JAHR: SPANIEN, ARGENTINIEN 2021

BUCH / REGIE: GASTÓN DUPRAT & MARIANO COHN

CAST: PENÉLOPE CRUZ, ANTONIO BANDERAS, OSCAR MARTÍNEZ, JOSÉ LUIS GÓMEZ, MANOLO SOLO, NAGORE ARANBURU, IRENE ESCOLAR, PILAR CASTRO U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Kunst würde großteils nicht existieren, gäbe es nicht die Motivation dahinter, sich selbst präsentieren zu wollen und das nach Anerkennung strebende Ich in einem fort umjubeln zu lassen. Diese Lust an der eigenen, überaus wichtigen Person, die wohl wichtiger ist als jene, die nur das komplexe Gefüge menschlichen Miteinanders aufrechterhalten und dabei nicht bei jedem ihrer Handgriffe Applaus einfordern, führt sehr schnell auf eine absurde Ebene bemitleidenswerter Eitelkeiten, welche die um die Zufriedenheit des Stars buhlende Entourage in Wahrheit mit den Augen rollen lässt. Zu dieser Kunst, die mit Halbgöttern hantiert, zählt natürlich auch der Film. Film wäre genauso entbehrlich wie jede andere Kunst. Aber wunderschön. Ich will diese Art Kunst genauso wenig missen wie die bildnerische oder musikalische. Kunst inspiriert, ändert Blickwinkel und ordnet Parameter neu. Regt zum Denken an und führt in Welten, die real nicht existieren. Kunst ist für den Geist da, ist Spielzimmer und Auslebung subjektiver Wahrnehmung.  

Wenn Kunst aber den, der sie ausübt, dominanter werden lässt als das, was er entwirft, braucht es Mittel und Wege, um das angehimmelte Idol wieder auf den Boden der Genügsamkeit zu werfen. Gerade im Film sind die Waagschalen oft unterschiedlich hoch. Denn noch weniger als Kunst braucht die Welt Stars, die nur um ihr Prestige buhlen. In der spanisch-argentinischen Farce Der beste Film aller Zeiten des Regieduos Gastón Duprat und Mariano Cohn werden die leeren Hülsen aufgeblasener Eitelkeiten geknackt – zum Vorschein kommt dabei die Irrelevanz einer Performance von Leuten, die nichts, aber auch gar nichts dazu beitragen, die Welt einen Deut besser zu machen.  

Wie zum Beispiel Macho Félix Rivero, seines Zeichens schwerreicher Mainstream-Schauspieler mit Allmachts-Allüren wie seinerzeit Ludwig XVI., der notorisch zu spät kommt und an jedem Finger seiner beiden Hände eine Mätresse hat. Oder der überaus selbstgerechte Theaterdojen Iván Torres, der seine Rollen biographisch kennen muss und Filmstars geringschätzt, weil nur wahre Bühnenkunst die einzige ist, die zählt. Dazwischen, als Moderatorin der beiden eitlen Streithähne: Lola Cuevas, rotlockige Cannes-Preisträgerin und exzentrische Regisseurin, deren Büro aus den leeren Hallen eines architektonischen Wunderbaus besteht – verglast, geometrisch, aufgeblasen. Diese drei Superkünstler müssen einen Film drehen – und zwar, wie der Titel schon sagt: den besten aller Zeiten. Nach einer nobelpreisveredelten literarischen Vorlage über zwei rivalisierende Brüder. Finanzieren wird das Ganze ein achtzigjähriger Milliardär, der nicht weniger Ego besitzt als die Filmemacher, die er engagiert und der zumindest in Form eines Films ewig leben will. Die Brücke, die dann noch nach ihm benannt werden wird, ist dann nur eine kleine Draufgabe. Das kann ja heiter werden, diese Komödie der Eitelkeiten, die immer mehr zum Kampf zwischen den Besten wird, die aber, je mehr sie in diesem Hickhack fortschreiten, den Respekt der anderen verlieren.

Dabei gelingen Duprat und Cohn ganz einmalige Momente, die an die messerscharfen Gesellschaftsanalysen eines Ruben Östlund (u.a. The Square) erinnern, zum Beispiel und ganz besonders dann, wenn Antonia Banderas und Oscar Martinez, umwickelt mit Frischhaltefolie, um die Gemeinsamkeit ihrer Rollen zu fühlen, dabei zusehen müssen, wir ihre Trophäen geschreddert werden. Oder, unter einem tonnenschweren Felsen, ihre Texte rezitieren. Der beste Film aller Zeiten erlebt mit seiner Entstehung wundersam groteske Momente entrückter und realitätsferner Anwandlungen, famos dargeboten von einem vergnüglich entfesselten Banderas und einer versnobten Penélope Cruz, die durch den Schlauch eines Staubsaugers gerne ihre eigene Stimme hört. Doch nicht nur Östlunds Schaulaufmethoden sickern hier durch – auch an Paolo Sorrentinos (u. a. The Hand of God) akkurates Ikonographieren mit Darstellern, Interieur und Raum erinnern so manche Tableaus, die das Absurde aus der Wichtigkeit des eigentlich Verzichtbaren extrahieren. Dabei spricht das Ensemble durchaus Wahrhaftiges aus, lassen sich die Beweggründe der Protagonisten überraschend nachvollziehen und das wundersame Handwerk Film vom rufschädigenden Druck affektierter Selbstinszenierung als zumindest temporär losgelöst betrachten.

Der beste Film aller Zeiten

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

NÄCHSTER HALT: IRRENANSTALT

5/10

 

obskur_zugreisender© 2020 Neue Visionen

 

LAND: SPANIEN 2020

REGIE: ARITZ MORENO

CAST: LUIS TOSAR, PILAR CASTRO, ERNESTO ALTERIO, QUIM GUTIÉRREZ, BELÉN CUESTA, MACARENA GARĆIA U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN

 

Vorsicht ist die Mutter der Eintrittskarten für diesen Film. Dessen Titel führt nämlich in die Irre, denn Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden könnten natürlich so etwas sein wie all die verschroben-phantasievollen Begebenheiten, die einer Amelie passiert sind. Oder er erinnert vielleicht an die poetischen Filme eines Veit Helmer, wie zum Beispiel an den Lokführer, der die liebe suchte. Dem Trailer nach ja, dem Trailer nach könnte der Film eine etwas deftigere Version, aber eine Version von so etwas sein, wenn schrullige Anekdoten von der Skurrilität des Lebens erzählen.

Dem ist nicht so. Regisseur Aritz Moreno führt sein Publikum in seinem spanischen Episodenfilm schlichtweg in menschliche Abgründe. Wer da nicht drauf vorbereitet ist, könnte schon in der ersten Episode, die da heißt „Eine trügerische Hochzeit“ (warum, weiß keiner) leicht verstört mit dem Gedanken spielen, das Kino zu verlassen.

Alles beginnt mit einer wie der Titel schon sagt Zugfahrt, während jener ein Psychiater seinem Vis a vis von unglaublichen Geschichten aus den Erinnerungen seiner Patienten berichtet. Die sind entweder schizophren oder paranoid oder haben sonst irgendeine schwerwiegende Psychose. Erzählt wird zum Beispiel von einem Soldaten im Kosovo (voller Spielfreude: Luis Tosar), der kriegsversehrt vom Einsatz heimkehrt, sichtlich gezeichnet, und wiederum von einem dubiosen Handel mit Waisenkindern beichtet, die für Schreckliches missbraucht werden. Das will natürlich niemand sehen, ich jedenfalls nicht, doch sobald einem klar wird, dass es die Treppen abwärts geht in die Finsternis, kommt man irgendwie nicht mehr aus. Zum Glück ist das nicht die einzige Geschichte. Da gibt’s noch die mit dem Hundebesitzer, dessen Freundin immer mehr zum Vierbeiner werden muss. Perverse sexuelle Abgründe? Jawohl – und um nichts bequemer! Und wie ist das mit der Müll-Verschwörung? Zeitgemäßer geht´s kaum. Angesichts dieser Geschichten ist der Mensch selbst die Wurzel allen Übels, dessen Überforderung den Geisteskranken ins Gesicht geschrieben steht.

Angekündigt und kommentiert wurden Die obskuren Geschichten des Zugreisenden damit, den Surrealismus im Kino wiederentdeckt zu haben. Luis Bunuel wurde erwähnt. Allerdings auch nur, weil der Meister des Surrealen selbst das Wort „obskur“ in einem seiner Filme hatte. Sonst ist an Morenos Reigen des Irrsinns nichts surreal, und das ist eigentlich das Erschreckende daran. Dem Menschen wäre all dies zuzutrauen, und tatsächlich passieren womöglich Dinge, die den Film geradezu alt aussehen lassen, obwohl mir das schon reicht. Den Inhalt aus Ulrich Seidls Hundstage wollte ich auch nicht kennenlernen, und tatsächlich haben beide Episodenfilme gewisse ähnliche Eigenschaften. Seidls wie auch Morenos Film schildern auf zynische Weise den Dreck unter den Fingernägeln menschlichen Überschnappens, und beide entwickeln eine Faszination für das Abnormale. Dabei sind Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden immerhin von einer farbsatten, üppigen Ästhetik, wie man es aus Filmen eines Jean-Pierre Jeunet gewohnt war, wie zum Beispiel aus Delicatessen oder Micmacs. Trotz dieser erlesenen Bildsprache ist dieser Film nichts für angenehme Kinostunden. Im Gegenteil: auch bei all dieser überzeichneten Lust am puppentheatralischen Wahnsinn einer Freakshow bleibt ein ganz mieses Gefühl.

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden