Teenage Sex and Death at Camp Miasma (2026)

DER SLASHER ALS DAS HÖCHSTE DER GEFÜHLE

7,5/10


Gillian Anderson und Hannah Einbinder kommen sich in Teenage Sex and Death at Camp Miasma näher
© 2026 MUBI


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

KAMERA: ERIC YUE

CAST: HANNAH EINBINDER, GILLIAN ANDERSON, AMANDA FIX, ARTHUR CONTI, EVA VICTOR, ZACH CHERRY, SARAH SHERMAN, PATRICK FISCHLER, DYLAN BAKER, QUINTESSA SWINDELL, JACK HAVEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Ich wünschte, es gäbe in meiner Heimatstadt Wien noch das gute alte Schönbrunner Kino – dort sah ich Filme wie Independence Day, Schlafes Bruder oder Sieben, bevor es Ende der 90er Jahre geschlossen wurde. Nun ziert diese Hallen ein Sonnenstudio – wie unwürdig.

Die Dreifaltigkeit der Projektionsfläche

Gäbe es das Schönbrunner Kino noch, wäre Jane Schoenbrun dort am besten aufgehoben, einschließlich Marketing-Gag und vielleicht gar dreiteiliger Retrospektive, denn satte drei Filme zählt ihr kinematografisches Œuvre mittlerweile, dank des jüngst in Cannes uraufgeführten letzten Teils der sogenannten Screen-Trilogie, die sich mit – wie kann es anders sein – drei unterschiedlichen Medien beschäftigt: Dem Fernsehbildschirm, dem Computerdisplay und der Kinoleinwand. Für Schoenbrun sind das Portale in eine andere Realität – die hauchdünne Membran, das Rabbit Hole wie bei Alice im Wunderland. Dahinter wartet das Unaussprechliche oder Unfassbare, die Twilight Zone, wenn man so will, das Gespenstische und unbedingt in die Realität wollende.

Dafür schafft sich das Unheimliche seine willfährigen Helfer. Es sind jene, die in das jeweilige Screen-Medium hineinkippen. Die davon eingefangen werden, wie Justice Smith in I Saw the TV Glow, Anna Cobb in We’re All Going to the World’s Fair und nun Hannah Einbinder (Hacks) in einer märchenhaft anmutenden Meta-Satire mit dem merkwürdig bemerkenswerten Titel Teenage Sex and Death at Camp Miasma.

Nicht komplett davonschwebend

Auch Schoenbruns dritter Film hat nichts von diesem eigenwilligen, im rosarot-violetten Farbspektrum umherschillernden Stil verloren, eingebettet in eine rätselhafte Dunkelheit. Dennoch lässt sich deutlich mehr erzählerische Gefälligkeit bemerken als in den anderen beiden Arbeiten, die völlig emanzipiert und unbekümmert ihre sperrige Gedankenwelt ausleben. Teenage Sex and Death at Camp Miasma hat schon allein mit Protagonistin Kris eine Figur geschaffen, die im sozialen Gefüge einer urbanen und fortschrittlichen Gesellschaft am tiefsten verankert ist als irgendeine andere Figur in Schoenbruns fantastischen, doppelbödigen Medienwelten. Der Zugang des Publikums in das Geschehen ist also allein dadurch schon ein deutlich einfacherer.

Zu Besuch beim Final Girl

Was wir vor uns haben, ist als Plot recht schnell abgesteckt, und hält auch kein nennenswertes horizontales Storytelling bereit, schließlich sind Schoenbruns fast schon essayistische Betrachtungen ein verspieltes Exhumieren sämtlicher Versatzstücke, und zwar an Ort und Stelle, in einer Nerd-Blase, die keine ihrer Figuren wirklich weglässt. So ist Hannah Einbinder als eben diese Kris zu Besuch bei einer (fiktiven) Ikone des Slasher-Films: Billy Preston, leidenschaftlich verkörpert von Ex Akte X-Ikone Gillian Anderson, die selten so viel Spielfreude an den Tag gelegt haben mag wie hier.

Der ehemalige Jugendstar, der in den Achtzigern so wie Jamie Lee Curtis in Halloween, Heather Langenkamp in Nightmare oder Neve Campbell in Scream die längst noch nicht ausgelutschte Filmreihe Camp Miasma begründet hat, soll zu einem Reboot überredet werden. Denn Kris hat als junge Regisseurin und ordentlich viel frischem, kreativem Wind im Gepäck ihre ganz eigene Vision für dieses Franchise.

Doch wohl weniger sie als ihre regieführende Person namens Jane Schoenbrun hat wohl die größte Lust am Sezieren eines in der Filmgeschichte und im Genrelexikon nicht mehr wegzudenkende Figur des „Final Girl“ – einer knapp beschürzten, frivolen und auf dem Präsentierteller des Sexismus ausgelieferten Scream Queen zwischen Wollust, Jungfräulichkeit und wundersamer Renitenz. Es ist die dem Drachen doch nicht zum Fraß vorgeworfene letzte Königstochter, und der Male Gaze ist ihr sicher. Mit dieser Wahrnehmung muss aufgeräumt werden – und dem meist maskierten männlichen Antagonisten in seiner vermeintlichen Symbolkraft eine Metaebene angedichtet werden, mit der Sigmund Freud seine größte Freude hätte.

Der Kill als Lust-Multiplikator

Teenage Sex and Death at Camp Miasma ist ein Metafilm in Reinkultur, so unbekümmert und lustvoll, so wild und völlig versponnen. Schoenbrun ist jemand, der dabei lieber das Pacing streckt als die Spannungsschrauben anzieht. Die vertikale Erzählweise dringt Schicht für Schicht in Hannah Einbinders Wahrnehmung und leidenschaftliche Fabulierkunst vor.

Ein ganzes Subgenre wird zerpflückt, von Psycho über den Crystal Lake und Jason Voorhees in Freitag der 13., der fast schon als Stütze für diesen Film funktioniert, bis hin zu diesem seltsamen Typen mit Speer und einem Lüftungsmodul als Maske – der kleine Tod. Vom kleinen Tod wissen wir: es ist ein bekanntes Synonym für den Orgasmus. In diesem Fall ganz eindeutig der weibliche – was Schoenbruns Film letztlich fast schon recht simpel, aber sehr stark zielgerichtet erscheinen lässt. Der sexuell konnotierte Killer und die junge Frau – ein Genre als Sex-Akt? Der Kill als weiblicher Höhepunkt?

Vom Einlegen einer Videokassette

So kommt man zu dem Schluss: Teenage Sex and Death at Camp Miasma funktioniert als queere Sexkomödie auf Umwegen durch den blutgetränkten Morast eines trivialen Erzählmusters für die breite Masse, in welcher vor allem die männliche Komponente viel zu oft nichts von der weiblichen Lust versteht. Was sich Schoenbrun hier zusammengereimt hat, ist ein kurioser und vor allem auch witziger und augenzwinkernder Mindfuck, der die Lust am Retro-Zitieren mit jener auf den feuchten Laken in den Hütten eines Sommercamps vereint.

Teenage Sex and Death at Camp Miasma (2026)

Meine Stunden mit Leo (2022)

SEX IST, WORÜBER MAN SPRICHT

7/10


meinestundenmitleo© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

REGIE: SOPHIE HYDE

BUCH: KATY BRAND

CAST: EMMA THOMPSON, DARYL MCCORMACK, ISABELLA LAUGHLAND

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Emma Thompson war schon immer zum Hinknien. In diesem so klugen wie temperamentvollen Kammerspiel tut sie das sogar selbst. Wie sonst soll Fellatio auch anders gehen? Meine Stunden mit Leo ist nichts, was ein prüdes Publikum gerne hören oder sehen will. Oder vielleicht doch? Vielleicht gibt ein Film wie dieser Anlass genug, um endlich mal ganz ehrlich zum jeweils eigenen Status Quo sexueller Erfüllung zu stehen. Im Hinblick auf die natürlichste Sache der Welt hat dieses Bedürfnis dank eines biochemischen Belohnungseffekts eine jede und ein jeder. Und das Beste: egal in welchem Alter. Somit sondiert hier, in diesem generischen, aber noblen Hotelzimmer, unser längst aus vielen Filmen lieb gewonnener Star anfangs noch recht zögerlich die neue Umgebung. Ähnlich skeptisch, kam ich nicht umhin, mir die Frage zu stellen, was ein Zwei-Personen-Film wie dieser denn wirklich Bereicherndes verspräche, außer eben Emma Thompson, die laut Trailer mit ein bisschen Alkohol und simplen Tanzschritten aus sich herauszugehen vermag. Im Nachhinein muss ich feststellen: Ich hätte den Film falsch eingeschätzt. Und ich hätte mir Meine Stunden mit Leo womöglich auch nicht auf meine Watchlist gesetzt, wäre mir dieser nicht von mehreren Seiten empfohlen worden. Da ich den Empfehlungen meiner Leser und natürlich auch die meiner Freunde gerne nachgehe, konnte diese kleine filmische Begegnung aus Geben und Nehmen dann doch nicht an mir vorbei. Und gut war’s.

Denn es ist nicht so, als wären diese Stunden, die Emma Thompson alias Nancy Stokes mit dem attraktiven Callboy Leo Grande verbringt, nur gefüllt mit Small Talk und hemdsärmeligen, erotischen Stellungsversuchen, bis beide endlich ihre Hüllen fallen lassen. In Wahrheit ist es so, dass Nancy Stokes sich nicht nur der Textilien entledigen will, sondern auch einer lange herumgetragenen Wahrnehmung von sich selbst und der Welt, deren Entwicklung scheinbar spurlos an ihr vorübergegangen sein muss. Um den Blickwinkel mal zu wechseln, muss Frau neues ausprobieren. Also bucht sie Leo (charmant und attraktiv: Daryl McCormack, u. a. aus Pixie bekannt), einen Mann für gewisse Stunden, der aber nicht nur zwingend für Sex zu haben sein muss, sondern auch für bereichernde Partnerschaften auf Zeit. Ganz billig dürfte dessen Service nicht sein, doch immerhin scheint Nancy zu bekommen, was sie erwartet hat. Nur weiß sie anfangs selbst nicht, was das ist. Ob es die Erwartungen anderer sind, Leos Erwartungen oder die ihrer Freunde und Familie – jedenfalls nicht die ihren. Und so wird aus anfänglichem Zögern und dem üblichen Kennenlernen in solchen Situationen ein auf beiden Seiten ausgetragener, niemals peinlich für den oder die andere werdender Seelenstriptease, der zutage fördert, was beide in ihren Bedürfnissen hemmt. Geben und Nehmen drehen sich um, und die Frage nach dem Sex löst sich dadurch ganz von allein.

Ja, Emma Thompson ist auch hier zum Hinknien. Uneitel, natürlich und ganz und gar selbstbewusst steht sie irgendwann vor dem Spiegel, nackt wie Gott sie schuf. Um dieses „Ja, so bin ich – und das ist gut so“ überhaupt zu erreichen, dafür bedarf es das Hinterfragen umständlicher Tabus und gesellschaftlicher Enge, aus der man sich befreien sollte, will man sich im Alter nicht mehr über alles den Kopf zerbrechen müssen. Der Weg in die Natürlichkeit ist gepflastert mit knackigen Dialogen und einer zielsicheren Dramaturgie, die sich nicht zu lange mit Monologen aus den Erinnerungen der beiden Schauspieler aufhält. Viel wichtiger ist das Aufbrechen alter Strukturen gerade beim Thema Sexualität. Regisseurin Sophie Hyde und die englische Comedian Katy Brand, die das griffige, gerne auch mal erotische Drehbuch verfasst hat, fallen zum Glück nicht mit der Tür ins Haus. Sie wissen beide sehr wohl, dass das Thema eines von jener Sorte bleiben darf, die man nicht in alle Welt hinausposaunt, sondern dass einer eigenen, lockeren Handhabung bedarf. Nämlich einer aus Respekt und gesunder Selbstliebe.

Meine Stunden mit Leo (2022)

Jesus Rolls

NEBENROLLEN, DIE WAS KÖNNEN SOLLEN

5,5/10


the-jesus-rolls© 2021 EuroVideo Medien GmbH


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: JOHN TURTURRO

CAST: JOHN TURTURRO, BOBBY CANNAVALE, AUDREY TAUTOU, SONJA BRAGA, CHRISTOPHER WALKEN, JON HAMM, SUSAN SARANDON, PETE DAVIDSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Ob der Dude nach 23 Jahren immer noch in ausgewaschenen Boxershorts in den Bowlinghallen abhängt? Ober immer noch gegen den Wind steht, vorzugsweise beim Verstreuen kremierter Verblichener? Der Dude wird wohl in diesem Leben auch nichts mehr Neues dazulernen. Und womöglich nicht nur er, sondern auch all die anderen schrägen Figuren, die anno 1998 in des Coen-Brüders Meisterwerk The Big Lebowski auf folgenschwere Art ihre Ansprüche geltend gemacht hatten. Eine dieser Figuren war Jesus Quintana. Ein mit der sakralen Farbe Lila liebäugelnder Bowling-Nerd, der (in heutigen Hygiene-Maßstäben undenkbar) gerne mal vor seinem Auftritt die Kugel leckt. John Turturro dürfte sich in diesen seinen extraordinären Auftritt nachhaltig verliebt haben. Und ja, der Begriff Nachhaltigkeit lässt sich im Zuge dessen auch neu definieren, denn: 23 Jahre später war’s dann soweit. Aber womit?

Um es klarzustellen: das hier ist kein Sequel von The Big Lebowski. Das hätten die Coens wohl selber gemacht. Dann lieber ein Spin Off. Auch dafür ist die querverweisende Ausbeute zum Original viel zu überschaubar. Jesus Rolls, wie Turturro sein Herzensprojekt nennt (mit dem recht kümmerlichen deutschen Subtitel Niemand verarscht Jesus) ist ein Herumexperimentieren mit einer kultisch verehrten, sich ebenfalls kaum veränderten Kunstfigur, die sich von grundsätzlich allem, was ihren Kultstatus erst ermöglichen konnte, emanzipiert hat. Was bleibt, ist ein schlaksiger Mittsechziger mit geflochtenen Strähnen, Haarnetz und lila Bowlingschuhen. Einfach, um die Wiedererkennung zu gewährleisten. Sonst aber ist dieses Roadmovie eine solitäre Liebhaberei, die sich der filmhistorischen Vorlage von Bertrand Bliers Ausgebufften-Konzept bedient. In welchem aber eigentlich nicht viel los ist, außer, dass alles passieren könnte, worauf die dem Hedonismus feuchtfröhlich zugewandten Tagediebe, die vorzugsweise mit gestohlenen Autos unterwegs sind, keinen Anspruch stellen. In den Siebzigern kamen Die Ausgebufften gerade zur rechten Zeit. Die Darstellung einer bedingungslos liberalen Sex-Gesellschaft war damals ein recht brauchbarer Nachklang zu den Jugendrevolten Ende der 60er und Deep Throat. Sex als gesellschaftsfähige Form des Müßigganges.

Heute sieht das natürlich anders aus. Und heute, da wirkt Bliers Konzept der bespaßenden Sex-Therapeuten wider Willen auch in John Turturros Überarbeitung wie ein retrospektives Überbleibsel des Glockenhosen-Kinos der naiven Alles-ist-möglich-Siebziger. Nur ohne Glockenhosen, dafür aber mit teilweise denselben Outfits, wie sie damals Depardieu und Patrick Dewaere getragen hatten. Diese Naivität aber scheint Jesus Rolls teilweise gar nicht so schlecht zu bekommen. Interessanterweise trägt dazu „Amelie“ Audrey Tautou (im Original war’s Miou-Miou) einiges bei, welche die klassisch französische Exaltiertheit frivoler Lustkomödien aus Westeuropa mit sich bringt. Ihre Rolle ist dringend notwendig, um hinderliche amerikanische Vibes zu unterbinden, die sonst der mit zahlreichen Star-Cameos gespickten Komödie ihren gewissen windigen Charakter nehmen.

Jesus Rolls ist als eine in den Tag hineingelebte Klamotte besser als ihr Ruf. Vielleicht auch, weil dieses völlig reuelose Nichtstun der leicht überheblichen Gauner-Clique keine Ausgangssperren genießt.

Jesus Rolls