Cry Macho

VOM COWBOY UND DEM SONNENUNTERGANG

3/10


crymacho© 2021 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CLINT EASTWOOD

CAST: CLINT EASTWOOD, EDUARDO MINETT, NATALIA TRAVEN, FERNANDA URREJOLA, DWIGHT YOAKAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Wenn ein Drehbuch lange im Umlauf ist, wird das schon seine Gründe haben. Bereits vor 46 Jahren verfasste der amerikanische Schriftsteller Richard E. Nash ein Script mit dem Titel Macho – und blieb darauf sitzen. Was nun tun mit dieser Idee für einen Film? Am besten einen Roman schreiben, was er auch getan hat. Aus Macho wurde Cry Macho und einige Zeit später wurde der Stoff für eine Verfilmung wieder interessant. Vom Script zum Roman zum Script – kurios, wohin die Wege zum Erfolg letztlich führen. Cry Macho hätte gar mit Roy Scheider oder – haltet auch fest – Arnold Schwarzenegger verfilmt werden sollen, der wiederum hätte Spaß daran gehabt, die Sache selbst zu inszenieren, und zwar mit Robert Mitchum. Was also lange liegt, gerät schlussendlich in die Hände von Regieveteran Clint Eastwood, der sich dann auch gleich selbst besetzt hat, und das mit 91 Jahren. Hut ab vor so viel Tatendrang und Energie. Und Hut ab vor so viel Leidenschaft fürs Filmemachen. Allerdings bleibt einem angesichts eines hohen Alters irgendwann nichts mehr anderes übrig, als sich nach der Decke zu strecken, das Bestmögliche auszuloten und vielleicht den einen oder anderen Kompromiss einzugehen. Schließlich geht’s hier um einen Film, der weltweit vermarktet wird. Und da hätte der gute alte Clint, der eine phänomenale Filmografie aufzuweisen hat, gut daran getan, einfach nur Regie zu führen. Denn als Schauspieler tut sich die Legende mittlerweile so dermaßen schwer, dass Cry Macho dadurch ordentlich ins Stocken gerät.

Wer sich noch an den letzten Auftritt von Maxim-Virtuose Johannes Heesters erinnern kann, wie er in Wetten dass? mit 105 Jahren ans Klavier gelehnt den Gigolo gegeben hat, und wer noch weiß, was er bei dessen Anblick damals wohl empfunden hat, wird ähnliche Gefühle auch bei Clint Eastwood hegen. Es ist eine Mischung aus Mitleid und sympathisierendem Wohlwollen. Ein Umstand, der den Mexiko-Neo-Western auch nicht retten kann. Dabei geht’s hier, in diesem Film, um nichts anderes: um eine Rettungsaktion. Der alternde Rodeo-Veteran und Cowboy Mike Milo wird von seinem Geldgeber angeheuert, dessen Sohn aus Mexiko und weg von seiner Mutter zurück in die Vereinigten Staaten zu holen. Milo steht in der Schuld des anderen, also wird er diese Bitte wohl nicht ausschlagen können. Also brettert dieser in den wüstenhaften mexikanischen Norden und hat bald einen Teenager samt Kampfhahn Macho an der Backe. Verfolgt werden beide von den Schlägertypen der windigen Mutter, und so suchen sie Unterschlupf in einem Kaff irgendwo im Nirgendwo, das einige Überraschungen bereit hält.

Zwischen den inszenatorischen Qualitäten seines vorletzten Films – Der Fall Richard Jewell, den man durchaus als Meisterwerk bezeichnen kann – und diesem trockenen Roadmovie liegen tatsächlich Welten. Durch Clint Eastwoods mittlerweile stocksteifes Spiel und der ratlosen Fahrigkeit von Jung- und Co-Star Eduardo Minett wirkt Cry Macho wie das Freizeitmachwerk eines wenig erfahrenen Amateurs: undynamisch, holprig und die physischen Grenzen eines Altstars ignorierend. Hier stiehlt ein Hahn namens Macho so gut wie allen die Show, und der Vogel ist der einzige, der das richtige Timing hat.

Cry Macho

Land of Dreams

FÜHL‘ DICH WIE ZUHAUSE

6/10


landofdreams© 2021 Viennale – Vienna International Film Festival

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: SHIRIN NESHAT, SHOJA AZARI

CAST: SHEILA VAND, MATT DILLON, WILLIAM MOSELEY, ANNA GUNN, CHRISTOPHER MCDONALD, ROBERT BARTLET, ISABELLA ROSSELLINI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Erstmals ist es mir gelungen, einem Filmfestival beizuwohnen. Und zwar der diesjährigen Viennale, die Ende Oktober über die Leinwand ging. Höchste Zeit war das, denn Filme regulär oder im Rahmen einer speziellen Veranstaltung zu sehen, sind zweierlei Dinge, und letzteres eine bereichernde Erfahrung. Anders als mein lieber Kollege Filmkürbis, der zumeist mehr als ein Dutzend der gezeigten Filme wahrnehmen kann, bin ich schon froh, einen Nachmittag lang das Kino in einem anderen Kontext zu genießen. Noch dazu im Beisein zweier Gaststars wie der gebürtigen Iranerin Shirin Neshat und niemand Geringerem als Matt Dillon, die beide ihr jüngstes Werk Land of Dreams erklärten und auch für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung standen.

Dabei hätte die Fragestunde wohl bis in den Abend hineingehen müssen, um Land of Dreams wirklich verstehen zu wollen. Shirin Neshat, die für ihren für mich leider etwas zähen Women without Men 2009 den Silbernen Löwen gewann, lässt in ihrem Roadmovie auf der Suche nach den Träumen der amerikanischen Bevölkerung Ex-Vampirin Sheila Vand (A Girl Walks Home Alone at Night) bizarre Szenarien beobachten, bei denen der Verdacht aufkommt, es permanent mit einer vom Sandmännchen geleiteten Reise zu tun zu haben, in die natürlich sämtliche Eindrücke aus der realen Welt einwirken. Wie das eben so ist bei Träumen, die in ihrer Essenz nichts anderes als das Erlebte aus der Realität widerspiegeln und neu interpretieren. Und wenn wir schon beim Irrealen, aber nicht zwingend Surrealen sind, ist auch der Plot ganz klar einer, der sich dem Science-Fiction-Genre zuordnen lässt.

Denn hier, in diesem Amerika der nahen Zukunft, gibt es das sogenannte Census-Büro, dessen Aufgabe es ist, die Träume der Leute aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten aufzuzeichnen und zu dokumentieren – zu deren eigenen Sicherheit. Warum das so ist, wird man nie erfahren. Muss man auch nicht. Die Iranerin Simin, Census-Mitarbeiterin im Außendienst, macht ihre Arbeit gut, gibt sich allerdings auch einem höchst eigenwilligen Hobby hin, nämlich nach Feierabend in die Rollen all ihrer Interviewpartner zu schlüpfen. Davon weiß natürlich niemand was. Von ihrer Vorgesetzten (Breaking Bad-Star Anna Gunn) ob ihres Outputs gelobt, bekommt sie einen kniffligen Auftrag zugeteilt – und einen Bodyguard (eben Matt Dillon). Auf geht’s in die Wüste New Mexikos, wo angeblich eine iranische Kolonie versteckt sein soll.

Shirin Neshat und ihr Kameramann finden teils karge, teils üppige Bilder, die in ihrer Anordnung an die späteren Fotografien des deutsch-australischen Künstlers Helmut Newton oder an die Malereien Edward Hoppers erinnern. Insbesondere die Anfangsszene, in der Simin ein neureiches Ehepaar beim virtuellen Zeitvertreib stört, wirkt wie ein von Newton arrangiertes Setting. Das geht auch so weiter, und die bleiche Wüste, die einsame kleine Tankstelle oder die zerklüftete Architektur eines Künstlerateliers sind gleichsam futuristisch und die Metapher eines einsamen Amerikas, wo jeder mit seinen Träumen allein bleibt. Womöglich empfindet auch Shirin Neshat so. Womöglich sucht sie dieses Verlorene bei all jenen, die den Weg ihres autobiographischen Alter Egos Simin kreuzen, ebenfalls, um zumindest auf dieser Ebene einen gemeinsamen Nenner zu finden. Das gestaltet sich sehr subjektiv, sehr assoziativ und höchst persönlich. Schwer, ohne Neshats persönlichen Kontext eine Antwort auf diesen Film zu finden. Aber das ist ungefähr so, wie die Träume eines anderen erklären zu wollen.

Land of Dreams

The Ice Road

THE FROST AND THE FURIOUS

6/10


theiceroad© 2021 Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JONATHAN HENSLEIGH

CAST: LIAM NEESON, LAURENCE FISHBURNE, MARCUS THOMAS, BENJAMIN WALKER, AMBER MIDTHUNDER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Wenn´s so richtig kalt ist, wird man wieder munter. Das lässt sich ganz gut am Schauspiel Liam Neesons erkennen, der nach zwei eher müden Produktionen wieder fest am Sattelschlepper sitzt. Honest Thief ist ja generell gut gemeint, aber etwas zäh. The Marksman setzt dem schaumgebremsten Spiel und auch der drögen Inszenierung noch eins drauf und lässt den Altstar auffallend oft einer gewissen Schläfrigkeit unterliegen. Neeson ist zwar noch längst keine 90 wie Clint Eastwood, tut aber manchmal so, als wäre er es. In The Ice Road ist er putzmunter, gibt Gas und zeigt eine Geistesgegenwärtigkeit, die wiederum Clint Eastwood gerne hätte. Es bleibt ihm prinzipiell auch nichts anderes übrig, denn in Jonathan Hensleighs hemdsärmeligem Survival-Abenteuer geht’s über blankes Eis, noch dazu mit drei tonnenschweren Trucks. Wo Vin Diesel und Co mit ihren fahrbaren Untersätzen Pirouetten drehen, bleibt Liam Neeson zumindest auf der Spur. Und hofft, dass es nicht taut.

Immerhin haben wir in The Ice Road schon April, und normalerweise sind diese legendären Straßen im hohen Norden Kanadas, die übers Meer führen, für die Überfahrt bereits gesperrt. Im Normalfall, wohlgemerkt. Hier geht es allerdings um mehr, denn die Kumpel einer Diamantenmine werden verschüttet, und so braucht es spezielle Bohrköpfe, um an die 26 Überlebenden ranzukommen, bevor diesen die Luft ausgeht. Die sind so schwer, das schafft kein Hubschrauber. Kleines Detail am Rande: natürlich hat der böse Bergbaukonzern seine Finger mit im Spiel, opfert sein Moralbewusstsein kapitalistischer Gier und will natürlich vertuschen, dass trotz Methanvorkommen weitergeschürft wurde. Wie macht er das? Mit Sabotage. Davon wissen Liam Neeson und sein kriegsinvalider Bruder allerdings nichts, als sie von Laurence Fishburne angeheuert werden, um den riskanten Job zu erledigen. Es ist ein Schlittern auf Zeit, und man muss ganz genau wissen, wie schnell oder langsam man fährt, um das Eis unter den Rädern gütlich zu stimmen.

The Ice Road überrascht mit Spannung. Da möchte man meinen: keine Kunst, denn ob das Eis bricht oder nicht, ist alleine schon ein Fifty-Fifty-Ringen um so kleinliche Umstände wie Leben oder Sterben. Würde man diesen Spannungsbonus auch noch vergeigen, hätte man auf dem Regiestuhl wirklich nichts verloren. Doch Jonathan Hensleigh, der bislang auf eine eher überschaubare Filmographie zurückblicken kann und unter anderem The Punisher mit Thomas Jane inszeniert hat, weiß, was er auf der Habenseite hat. Dazu kommt ein Sympathieträger wie eben Liam Neeson, der wie schon gesagt ausgeschlafen genug ist, um in nimmermüder Agilität hünenhafte Kerle aus dem Wasser zu ziehen oder gebrochene Nasen zu verpassen. Zwischendurch quälen ihn und uns erstaunlich platte Dialoge, mit denen Hensleigh egal welches Publikum auf provozierende Weise unterschätzt. Wenn Neesons Figur plötzlich einleuchtet, wer oder was all diese Hürden zu verantworten hat, dann ist das ein Meilenstein platter Dialogregie. Neeson tut was er kann, um diese Peinlichkeit zu überbrücken. Das sollte nicht die letzte gewesen sein, da kommen noch einige. Doch abgesehen davon passieren immer wieder Szenen, die durchaus packen.

Die Rechtschaffenen sollen es schaffen. Ein schlichter Imperativ, der in einem recht schlichten Abenteuer zwischen Frost und Frust immerhin (fast) ausschließlich mit Echtschnee auskommt. Dafür gibt’s abseits des Thermometers ein Plus.

The Ice Road

The Marksman – Der Scharfschütze

EIN MANN AN DER GRENZE

4/10


marksman© 2021 Leonine


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: ROBERT LORENZ

CAST: LIAM NEESON, KATHERYN WINNICK, JACOB PEREZ, JUAN PABLO RABA, TERESA RUIZ U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Langsam wird er zu alt für diesen Sch… oder doch nicht? Müsste vorliegender Actionkrimi die eingangs erwähnte Feststellung berichtigen, so hilft alles nichts: Liam Neeson geht die Luft aus. Kann aber auch sein, dass es ganz schlicht und einfach die Rolle erfordert, so dermaßen genug vom Leben zu haben. Oder vom Filmemachen. Die Zeiten von 96 Hours scheinen lange vorbei, auch sein letzter Film – Honest Thief – hat sich da schon etwas eingebremst. Ein Leisertreten also, vor all diesen bösen, nimmermüden Buben, die als stereotype Abziehbilder dem alten Haudegen in der Sonne stehen. Irgendwie hat´s da was. Dabei wäre die Rolle des Marksman – also des Scharfschützen – auch eine dank- und denkbare für den mittlerweile über neunzig Jahre alten Clint Eastwood gewesen. Fragt sich nur, ob er die paar Prügelszenen auch noch so hinbekommen hätte wie Neeson. Wenn’s nämlich drauf ankommt, kann er das noch. Doch danach, wenn der Gegner am Boden liegt, heißt es verschnaufen.

In diesem Verschnaufmodus plätschert auch Robert Lorenz‘ schlichter Flüchtlingskrimi dahin, der nicht rein zufällig so aussieht, als wäre er im Grunde für Clint Eastwood bestimmt. Lorenz ist in erster Linie Produzent, und zwar für niemand geringeren als für den zum Kult gewordenen Dollar-Cowboy, und das schon seit Mitte der Neunziger Jahre. Clint Eastwood hat diese Rolle vermutlich abgelehnt. Morgan Freeman wäre noch in Frage gekommen. Oder Tommy Lee Jones. Hätten diese alternden Charakterköpfe ebenfalls eine ähnlich schleichende Stimmung erzeugt wie Neeson? Dabei ist letzterer nach wie vor gern gesehen, seit Schindlers Liste bleibt der Ire stets der Gutmensch, so widerborstig und eigenbrötlerisch und vielleicht so brutal er auch sein mag.

Als Grenz-Western beschreibt The Marksman – Der Scharfschütze eine Geschichte, die auf ein Post-It passt. Neeson als pensionierter US-Marine Jim Hanson (wie sonst könnte er so kämpfen) beobachtet tagaus, tagein den Grenzzaun zwischen Arizona und Mexiko, bis ihm eines Tages eine Mutter mit ihrem Jungen in die Arme läuft. Hinter den beiden her: austauschbare Handlanger irgendeines x-beliebigen mexikanischen Drogenkartells. Die Mutter stirbt, vorher nimmt sie Jim noch das Versprechen ab, ihren Dreikäsehoch zu seinen Verwandten nach Chicago zu bringen. Das macht er doch glatt, er ist schließlich ein Gutmensch, obwohl er vorgibt, mit dieser Entscheidung zu hadern und lieber seine Ruhe haben möchte. Doch es wäre kein Roadmovie der konventionellen Art, wäre das nicht der Beginn einer väterlichen Freundschaft mit einem durchaus aufgeweckten und souverän aufspielenden Jungdarsteller mit dazwischen platzierten, bleihaltigen Intermezzi.

Man könnte in The Marksman ja zwischendurch mal einnicken, ohne viel zu versäumen, aber bitte nur dann, wenn Neeson ebenfalls die Müdigkeit übermannt. Schwer schleppt sich der kleine Film über die Straßen. Um das Ganze etwas zu verdichten, bemüht sich Vikings-Star Katheryn Winnick völlig leidenschaftslos und formelhaft in einer undankbar rausgekürzten Rolle als Jim Hansons Tochter.

Wenn schon ein später Neeson, dann zumindest lieber Honest Thief. Ich hoffe ja doch, dass im kommenden LKW-Abenteuer The Ice Road der Sympathieträger mit der markanten Nase wiedermal zur Hochform aufläuft. Sonst war´s das vielleicht mal bald.

The Marksman – Der Scharfschütze

Awake

NICHT GANZ AUSGESCHLAFEN

3,5/10


awake© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MARK RASO

CAST: GINA RODRIGUEZ, JENNIFER JASON LEIGH, BARRY PEPPER, ARIANA GREENBLATT, FINN JONES, GIL BELLOWS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“. Diese lässig dahingesagte Phrase höre ich immer wieder mal von Leuten, die – ich weiß nicht woher – unglaubliche Energien aufbringen, um zeitgleich auf mehreren Kirtagen zu sein. So ein Biorhythmus ist beneidenswert. Manche Menschen schaffen es ja auch tatsächlich ohne Schwierigkeiten, nach drei Stunden Schlaf bereits fit wie ein Turnschuh zu sein. Da fällt einem Koala vor lauter Schreck der Eukalyptus aus dem Maul. Dabei stellt sich die Frage, ob dieser Stolz, nicht schlafen zu brauchen, nicht die Kompensation eines frustrierenden Zustands ist. Denn Schlaf ist etwas Schönes. Ich will davon keine meiner acht Stunden missen. Schlaf ist nicht sinnlos. Durch Schlaf bleibt man zumindest gesellschaftsfähig. Geistig frisch und natürlich auch gelassen. Aber was wäre, wenn Schlafen durch äußere Einwirkungen nicht mehr möglich ist? Wenn man daran gehindert wird, in dieses erholsame, samtschwarze, umschmeichelnde Nichts einzutauchen?

Diesen unheilvollen Zustand, einfach nicht zur Ruhe kommen zu dürfen, schildert aus meiner Sicht Franz Kafka am besten. In seinem fragmentarischen Werk Das Schloss wird Josef K. auf seinen nicht enden wollenden Amtswegen zu jedweden unheiligen Zeiten am Schlaf gehindert. Diese andauernde Verfügbarkeit – sie manifestiert sich wie ein Alptraum. Aber es geht auch anders: auf Schlaf lässt sich auch aktiv verzichten: wie das Wunderkind Elias Alder aus Josef Vilsmaiers Schlafes Bruder es getan hat, natürlich nur aus Liebe. Nicole Kidman wiederum durfte.nicht.schlafen, weil sie sonst vielleicht der diabolische Ehemann holt. Im neuen Science-Fiction-Thriller Awake, erschienen auf Netflix, stellt sich diese gesundheitsschädigende Anomalie von einem Moment auf den anderen ein.

Alle Welt kann also nicht mehr schlafen. Wir wissen, was passiert, wenn sich das nicht schnell ändert: Homo sapiens dreht durch und stirbt, um es salopp zu formulieren. Jill, Ex-Soldatin und Mutter zweier Kinder, kutschiert – hundemüde nach dem Nachtdienst – ihren Nachwuchs nach Hause, als die Elektronik des Vehikels versagt und der Wagen der Familie im Wasser landet. Alle überleben, die Tochter muss reanimiert werden. Was genau ist passiert? Überall – scheinbar auf der ganzen Welt – ist der Strom ausgefallen. Das alleine ist schon eine undenkbare Katastrophe. Mit dieser Begebenheit fällt jedoch auch die Fähigkeit weg, ins Land der Träume zu reisen. Die Welt versinkt sofort im Chaos, Militär fährt auf, und alles, was sonst noch passiert, wenn die Ordnung keiner mehr exekutieren kann. Einziger Wermutstropfen: wie durch ein Wunder ist Tochter Mathilda dennoch fähig, zu schlafen. Sie muss in ein Labor gebracht werden, um dazu beizutragen, schleunigst eine Lösung für das todbringende Problem zu finden. Ein Roadmovie hebt an, wo Gina Rodriguez und ihre Co-Stars allerhand seltsame wie erschreckende Dinge erleben, die passieren, wenn ein Grundbedürfnis nicht gestillt werden kann.

Awake von Mark Raso (Kodachrome) ist, was die Grundidee betrifft, ein faszinierender Ansatz. Es wäre Stoff für M. Night Shyamalan gewesen, der allerdings gibt sich demnächst unkontrollierten Alterungsprozessen hin. Eigentlich schade, denn Shyamalan hätte das ganze Szenario auf eine gespenstische Metaebene gehoben. Der letztlich produzierte Film spart sich die Komponente des Mysteriums, schon allein, weil er schlichtweg keine Zeit dazu hat. Der völlig falsch aufgezogene Thriller hetzt – genauso wie seine Protagonistin Rodriguez – in fahriger Manier durch den Film, die immer mal wieder kurz ins Bild tretenden Randfiguren stehen und fallen wie Pappfiguren im Wind, wobei das Verhalten aufgrund des Schlafentzugs global über einen Kamm geschoren wird. Dem Wahnsinn verfällt natürlich unisono das Fußvolk, während die Wissenschaft blutunterlaufenen Auges auf dem Holzweg taumelt. Diese ohne viel Federlesens abgespulten Musthaves für einen Endzeitstreifen erwecken den Eindruck eines ungeliebten Filmprojekts, welches förmlich danach schreit, eine Serie zu sein. So entgehen dem Thema Schlaf jede Menge gesellschaftskritische Untertöne. 

Was Awake recht gut hinbekommt, sind die letzten zehn Minuten Film. Da überwindet der Stoff seinen übernachtigen Automatismus. Müde macht der Film nicht, allerdings lässt sich vermuten, vielleicht doch – durch ein kurzes, solidarisierendes Wegnicken – etwas versäumt zu haben.

Awake

Nomadland

HEIMKEHREN NACH IRGENDWO

7,5/10


nomadland© 2020 20th Century Fox Studios


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: CHLOÉ ZHAO

CAST: FRANCES MCDORMAND, DAVID STRATHAIRN, LINDA MAY, CHARLENE SWANKEY, BOB WELLS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Nomadland ist ein Western. Vielleicht ein Neo-Western, oder ein Spätwestern oder überhaupt ein Post-Millennial-Western. Aber ein Western. Dieses Bild des einsamen Cowboys oder Pistoleros oder Pioniers, der gegen den Sonnenuntergang reitet, immer weiter Richtung Pazifik. Der das ganze Land, all diese Wildnis dort in Nordamerika, sein Zuhause nennt. Umgeben von den Geräuschen der Natur und seinen Launen. Was für ein Mythos. Was für eine Romantik. Chloé Zhao gefällt das. Aber nicht dieses offensichtliche Bild, das ich hier  beschrieben habe. Sondern das Bewusstsein einer Nation dahinter, diese seit den alten Zeiten recht erfolgreich archivierte Gesinnung, die so oft mit Freiheit und allen möglichen Möglichkeiten verbunden wird. Dieses damit einhergehende, stereotype Bild der Männer und Frauen. Doch Chloé Zhao liebt ihr Land, in das sie emigriert ist; will das Nest, in dem sie selbst lebt, nicht beschmutzen; will auch niemanden, der scheinbar falsche Richtungen anpeilt, an den Haaren zurückhalten. Chloé Zhao will etwas nachspüren. Sie ist neugierig, wissbegierig. Will herausfinden, was diese Menschen antreibt, was sie straucheln lässt, wovon sie träumen, wohl wissend, diesen Traum niemals realisieren zu können.

Es ist zwar nichts faul, in diesem Staatenbund, zumindest aus Zhaos Sicht – aber nicht alles läuft nach Plan. Als Hemmschuh gilt der Mythos. Das war schon in ihrem beachtlichen, semidokumentarischen Spielfilm The Rider so. Das Draufgängertum des Rodeos; das toughe, unkaputtbare Männerbild des Westens. Nicht Indianer kennen keinen Schmerz, sondern der junge weiße Mann mit Hut und Halstuch. Ihr Blick darauf ist keiner des Mitleids, sondern des Mitgefühls. Zhao hält sich zurück, will beobachten, besetzt ihre Filme gerne mit Laiendarstellern oder mit genau den Darstellern, die diese ihre Geschichten tatsächlich erlebt haben. Viel Regie bedarf es dabei nicht – diese Menschen müssen nur sein, wie sie sind. Und Zhao bettet all das in eine Geschichte – die allerdings keinen Anfang und kein Ende hat, sondern Momentaufnahmen sind, mit ungewisser Zukunft.

In Nomadland hat Fern alias Francis McDormand (ausgezeichnet mit dem Oscar) ebenfalls einen Traum zu Grabe getragen, im Zuge ihrer existenziellen Not aber einen neuen ausgemacht – einen, der sich möglich und nicht verkehrt anfühlt, weil er dem Nationalbewusstsein entspricht. Sich dem Stolz der Pioniere bedient. So hat Fern also ihren Van, den sie sich recht kommod eingerichtet hat und mit welchem sie von einem saisonalen Job zum nächsten tingelt, quer durchs Land, durch die Prärie und durch die atemberaubend pittoreske Landschaft eines so reichen Kontinents. Sie trifft auf die Kommune der Nichtsesshaften, freundet sich mit urigen Originalen an, findet sogar etwas fürs Herz. Wir sehen den Alltag eines Lebensstils, der schon vor tausenden von Jahren als abgelegt gilt, den die Tuaregs noch praktizieren oder die Hirten der mongolischen Steppe. Nomadland ist ein in sich ruhender, unaufgeregter, sehr präziser Film, der völlig wertfrei einen Zustand widerspiegelt, der weder als trostloses Sozialdrama steht noch als idealisierte Aussteigerromantik. Von beidem hat McDormand etwas, unter beidem leidet und frohlockt sie gleichermaßen. Ihr Spiel ist ungekünstelt und zurücknehmend, direkt beiläufig – und ohne Scham vor kompromittierenden Alltagsszenen. Vielleicht hat ihr eben diese ungeschminkte, lockere Natürlichkeit den dritten Goldjungen eingebracht. Herausragend ist ihre Darstellung nicht, ungewöhnlich auch nicht. Dafür aber so angenehm normal. Diese Normalität sucht man im Kino fast schon vergeblich. Sowas kann McDormand. Und es könnte auch sein, dass sie und Zhao zu einem neuen Dreamteam werden, obwohl ich die Filmemacherin eher als jemanden einschätze, der viel lieber zu neuen Ufern aufbrechen möchte. Wie eben für den neuen Marvel-Film Eternals, der zu Weihnachten in die Kinos kommen soll. Auf ihren Filmstil, verbunden mit dem Disney-Franchise, kann man gespannt sein.

Nomadland ist vor allem auch in seiner Machart bemerkenswert. Zhao begleitet ihre Reisende rund ein Jahr lang, von Winter bis Winter. Und zeigt dabei sehr viel in sehr kurzen Szenen und Sequenzen, die aber, trotz des akkuraten Schnittstils, in ihrer Gesamtheit eine elegische, dahingleitende Ruhe ausstrahlen. Trotz der Umtriebigkeit, trotz der Rastlosigkeit ihrer Protagonistin. Mit Michael Glawogger hat Zhao einiges gemeinsam – vor allem wenn ich mir seinen letzten Film, Untitled, ins Gedächtnis rufe. Beide haben diese Kunstfertigkeit, über das Reale zu erzählen und sich dabei eines prosaischen Alphabets zu bedienen. Das gereicht zu einem geduldigen, wohlwollenden Beitrag für ein neues, altes Hollywood.

Nomadland

Kodachrome

EIN ANALOGES LEBEN

7,5/10


kodachrome© 2018 Netflix


LAND / JAHR: USA 2017

REGIE: MARK RASO

CAST: ED HARRIS, JASON SUDEIKIS, ELIZABETH OLSEN, DENNIS HAYSBERT, BRUCE GREENWOOD U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Den Ploppverschluss öffnen, den Film aus dem kleinen schwarzen Plastikzylinder holen, in die Kamera rückseitig einlegen, mit der Spule verzahnen, die Kamera schließen, dann zweimal aufziehen – schon lassen sich wieder rund 36 Fotos schießen. Zu sehen waren diese natürlich noch nicht – dazu musste das ganze ins Labor. Aber wem erzähl ich das. Die meisten meiner Leser werden noch wissen, wie das funktioniert hat. Doch diese Zeiten sind so gut wie vorbei – bis auf einige wenige Enklaven der analogen Fotografie werden Bilder nur noch digital gebannt. Und da lässt sich knipsen was geht, und was die Speicherkarte von mehr als einem Dutzend Gigabyte hergibt. Das Ende einer Ära? Das Ende der liebevoll gerahmten Dias? Allerdings. Das Ende für manche Fotografen? Womöglich auch. In diesem Fall ist es das bevorstehende Ableben des berühmten, allerdings fiktiven Bildermachers Ben Ryder, der Zeit seines Lebens in der Weltgeschichte unterwegs gewesen war, mit Unmengen an Filmen in der Tasche.

Der alte Mann leidet an Krebs im Endstadium, hat aber noch vier unentwickelte Filme zu Hause, Kodachrome wohlgemerkt, die noch rechtzeitig ins letzte noch offene Fotolabor nach Kansas müssen, genauer gesagt in Dwayne’s Photoladen (den es tatsächlich gab und der auch die Grundlage war für den New York Times-Artikel For Kodachrome Fans, Road Ends at Photo Lab in Kansas aus dem Jahr 2010). Sein Sohn soll ihn dort hinfahren. Das Problem: der Sohn kann den Vater nicht riechen. Warum sollte er auch: letzterer war ein Draufgänger, wie er im Buche steht. Erziehungsauftrag? Was für ein Erziehungsauftrag? Aber sei’s drum – Sohn Matt willigt dann doch ein. Und zu dritt – inklusive Bens persönlicher Pflegerin – sind sie im Cabrio unterwegs durch die Provinz.

Netflix hat hier eine ganz spezielle und wirklich erfahrenswerte kleine Filmperle versteckt gehalten. Und die ist nicht nur für Foto-Nostalgiker sehenswert, die spätestens gegen Ende dann einen Kloß im Hals spüren. Danach werden sie vermutlich nach verbliebenen Filmspulen suchen, die noch zu entwickeln wären. Kodachrome ist ein Vater-Sohn-Melodram der alten Schule, was ja auch passend scheint – überdies zelebriert Ed Harris als knorriger, verlebter und von Krankheit gezeichneter Ex-Abenteurer ein versöhnliches Psychogramm des Endes einer ganzen Ära, eines gelebten Ideals und eines ganz anderen Handwerks. Das Gestern gebärdet sich hier in einer überraschend friedfertigen Agonie, will nur aufräumen und in guter Erinnerung bleiben. Wehmut macht sich breit, später auch bei Jason Sudeikis als Sohn mit Ehrgeiz und Prinzipien, der das bisschen Kindheit wiederfindet, das ihn mit der nur in assoziativen Resten übriggebliebenen Vaterfigur verbindet. Sonst vorwiegend in Komödien zu sehen, gibt der Kill the Boss-Spezi eine durchaus achtbare Performance ab, auch Elizabeth Olsen agiert fernab ihres exaltierten Wanda-Franchise angenehm ungekünstelt. Und Harris? Der ist nicht umsonst einer jener charismatischen Schauspieler, bei denen man, findet man ihren Namen im Cast, kurz mal freudig jauchzt. Die Rolle des alten Fotografen passt gut zu seinem unrasierten Konterfei, obendrauf ein breitkrempiger Hut und stets die Kamera geschultert. Wenn er dann mit zitternden Fingern seinen letzten Film einlegt, bewegt das nicht nur eingefleischte Fotografen und Nostalgiker, sondern auch jene, die Wert legen auf handwerklich erlesenes, mit feiner Musik unterlegtes Besinnungskino.

Kodachrome

Away – Vom Finden des Glücks

DIE ENDLICHKEIT IM NACKEN

6/10


Away© 2019 Der Filmverleih


LAND / JAHR: LETTLAND 2019

BUCH / REGIE: GINTS ZILBALODIS

LÄNGE: 1 STD 14 MIN


Mach es zu deinem Projekt! Dieser Imperativ klingt ein bisschen wie die marketingtechnische Phrase einer Heimwerker-Marktkette, motiviert aber schlicht und ergreifend, das zu tun, woran das Herz dranhängt. Egal, wie lange es dauert. Im Grunde egal, wie viel es kostet. Und wenn ich es ganz alleine mache, muss ich auch niemandem Rechenschaft ablegen. Und es pfuscht mir auch niemand ins Handwerk. Fast schon paradiesisch – zumindest für einen Künstler, der das Tempo seines Workflows selber bestimmt. Beharrlichkeit ist da gefragt. Und am Ende des Tages kommt was Schönes dabei raus. Der lettische Filmemacher Gints Zilbalodis könnte über diese Art des Schaffensprozesses einiges erzählen. Sein Filmdebüt Away nämlich, das hat er ganz im Alleingang durchgeboxt. Selbst geschrieben, selbst entworfen, selbst gezeichnet und animiert. Alles in und aus einer Hand. Ein Autorenfilm, wie er klassischer nicht sein kann.

Zilbalodis Film trägt zumindest in der deutschen Übersetzung den Zusatz: Vom Finden des Glücks – was vielleicht ein bisschen den Anschein erwecken könnte, es hier mit etwas ganz Ähnlichem zu tun zu haben wie den Abenteuern aus der Feder eines François Lelord. Dessen Hector-Romane sind ja schließlich Bestseller, alltagsphilosophisch wertvoll, und sogar mit Simon Pegg ist einer davon verfilmt worden. Auch dort weilt das Glück im Titel, und auch dort ist es natürlich eine Reise weg von Vertrautem, weg von sich selbst, um sich schließlich selbst neu zu finden oder zu er-finden. Away hat aber bei weitem nicht diese unbeschwerte, augenzwinkernde Leichtigkeit – im Gegenteil. Sein Film erinnert an Motive aus dem literarischen Schaffen des Poeten, Kleinen-Prinzen-Schöpfers und Weltkriegspiloten Antoine de Saint-Exupéry, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass der Protagonist des universellen Abenteuers ebenfalls ein Pilot zu sein scheint, welcher mit dem Fallschirm auf einer namenlosen Insel hat notlanden müssen. Wir sehen den ebenfalls namenlosen jungen Mann, hilflos hängend in den Ästen des einzigen Baumes weit und breit. Dann aber wirds märchenhaft düster: Ein schwarzer Golem mit gespenstisch leuchtenden Augen schreitet durch die Landschaft und nähert sich seinem Opfer, um es vom Baum zu pflücken. Der Pilot kann dem Monster allerdings entkommen und findet sich jenseits eines steinernen Torbogens in einer Oase wieder. Dort wartet ein Motorrad und eine Tasche mit brauchbaren Utensilien. Überdies freundet sich der Bruchpilot mit einem gelben Vogel an, der von nun an nicht mehr von seiner Seite weicht. Beide beginnen eine Reise ans andere Ende der Insel, im Rücken der schreitende Gigant, der ihnen folgt.

Away – Vom Finden des Glücks ist ein zur Gänze wortloses, mitunter auch seltsam bedrückendes Sinnbild vom – wie soll ich sagen, ohne es zu pauschalisieren? – nun, vom Leben. Allgegenwärtig ist der Tod, das Vergängliche, ein riesengroßes, stummes, beängstigendes Wesen, das sich nicht abschütteln lässt, das immer sichtbar bleibt, auch aus großer Entfernung. Dessen Omnipräsenz man vielleicht nur für kurze Zeit ganz verdrängen kann. Die Kunst der Abkehr von Gedanken über das Vergängliche scheint der Protagonist immer besser zu beherrschen, währenddessen erhalten so wichtige ethische Gebote wie Freundschaft und Nächstenliebe ihre visuelle Interpretation. Zilbalodis bleibt aber konsequent meditativ, untermalt seinen Film mit situationsbedingten Geräuschen aller Art, kann aber seiner Geschichte nichts abringen, was auch nur entfernt mit Glück zu tun hat. Statt eines positiven, sinnerweckenden Weltbildes gönnt sich diese Reise nur einzelne, in sich ruhende Momente, während alles andere nichts anderes ist als die Flucht vor dem Unausweichlichen. Angesichts dieser beabsichtigten Roadmovie-Poesie scheint das ziemlich ernüchternd.

Away – Vom Finden des Glücks

Jesus Rolls

NEBENROLLEN, DIE WAS KÖNNEN SOLLEN

5,5/10


the-jesus-rolls© 2021 EuroVideo Medien GmbH


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: JOHN TURTURRO

CAST: JOHN TURTURRO, BOBBY CANNAVALE, AUDREY TAUTOU, SONJA BRAGA, CHRISTOPHER WALKEN, JON HAMM, SUSAN SARANDON, PETE DAVIDSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Ob der Dude nach 23 Jahren immer noch in ausgewaschenen Boxershorts in den Bowlinghallen abhängt? Ober immer noch gegen den Wind steht, vorzugsweise beim Verstreuen kremierter Verblichener? Der Dude wird wohl in diesem Leben auch nichts mehr Neues dazulernen. Und womöglich nicht nur er, sondern auch all die anderen schrägen Figuren, die anno 1998 in des Coen-Brüders Meisterwerk The Big Lebowski auf folgenschwere Art ihre Ansprüche geltend gemacht hatten. Eine dieser Figuren war Jesus Quintana. Ein mit der sakralen Farbe Lila liebäugelnder Bowling-Nerd, der (in heutigen Hygiene-Maßstäben undenkbar) gerne mal vor seinem Auftritt die Kugel leckt. John Turturro dürfte sich in diesen seinen extraordinären Auftritt nachhaltig verliebt haben. Und ja, der Begriff Nachhaltigkeit lässt sich im Zuge dessen auch neu definieren, denn: 23 Jahre später war’s dann soweit. Aber womit?

Um es klarzustellen: das hier ist kein Sequel von The Big Lebowski. Das hätten die Coens wohl selber gemacht. Dann lieber ein Spin Off. Auch dafür ist die querverweisende Ausbeute zum Original viel zu überschaubar. Jesus Rolls, wie Turturro sein Herzensprojekt nennt (mit dem recht kümmerlichen deutschen Subtitel Niemand verarscht Jesus) ist ein Herumexperimentieren mit einer kultisch verehrten, sich ebenfalls kaum veränderten Kunstfigur, die sich von grundsätzlich allem, was ihren Kultstatus erst ermöglichen konnte, emanzipiert hat. Was bleibt, ist ein schlaksiger Mittsechziger mit geflochtenen Strähnen, Haarnetz und lila Bowlingschuhen. Einfach, um die Wiedererkennung zu gewährleisten. Sonst aber ist dieses Roadmovie eine solitäre Liebhaberei, die sich der filmhistorischen Vorlage von Bertrand Bliers Ausgebufften-Konzept bedient. In welchem aber eigentlich nicht viel los ist, außer, dass alles passieren könnte, worauf die dem Hedonismus feuchtfröhlich zugewandten Tagediebe, die vorzugsweise mit gestohlenen Autos unterwegs sind, keinen Anspruch stellen. In den Siebzigern kamen Die Ausgebufften gerade zur rechten Zeit. Die Darstellung einer bedingungslos liberalen Sex-Gesellschaft war damals ein recht brauchbarer Nachklang zu den Jugendrevolten Ende der 60er und Deep Throat. Sex als gesellschaftsfähige Form des Müßigganges.

Heute sieht das natürlich anders aus. Und heute, da wirkt Bliers Konzept der bespaßenden Sex-Therapeuten wider Willen auch in John Turturros Überarbeitung wie ein retrospektives Überbleibsel des Glockenhosen-Kinos der naiven Alles-ist-möglich-Siebziger. Nur ohne Glockenhosen, dafür aber mit teilweise denselben Outfits, wie sie damals Depardieu und Patrick Dewaere getragen hatten. Diese Naivität aber scheint Jesus Rolls teilweise gar nicht so schlecht zu bekommen. Interessanterweise trägt dazu „Amelie“ Audrey Tautou (im Original war’s Miou-Miou) einiges bei, welche die klassisch französische Exaltiertheit frivoler Lustkomödien aus Westeuropa mit sich bringt. Ihre Rolle ist dringend notwendig, um hinderliche amerikanische Vibes zu unterbinden, die sonst der mit zahlreichen Star-Cameos gespickten Komödie ihren gewissen windigen Charakter nehmen.

Jesus Rolls ist als eine in den Tag hineingelebte Klamotte besser als ihr Ruf. Vielleicht auch, weil dieses völlig reuelose Nichtstun der leicht überheblichen Gauner-Clique keine Ausgangssperren genießt.

Jesus Rolls

I’m Your Woman

DIE FRAU IM HINTERGRUND

6,5/10


imyourwoman© 2020 Amazon Studios

LAND: USA 2020

REGIE: JULIA HART

CAST: RACHEL BROSNAHAN, ARINZÉ KENE, MARSHA STEPHANIE BLAKE, BILL HECK, FRANKIE FASON U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Wir kennen ja alle diese urbanen Gangsterdramen, in denen unheilbare Kleinganoven versuchen, auf illegale Weise das große Ding zu drehen und dabei von anderen Leuten, die das nicht gerne sehen, auf gut wienerisch „aufgeblattelt“ werden. Meist verorten wir da eine Bezugsperson in der storytechnischen Peripherie, eine Ehefrau zum Beispiel, wenn geht mit Kind, die ihren Gatten anfleht, endlich mit diesem Unfug aufzuhören. Oder aber ihn dabei unterstützt, weil sie selbst so einen moralfreien Freiheitsdrang in sich verspürt. Die Frau, die ist da aber meist die Figur am Rande, im Hintergrund, wird vielleicht auch entführt und als Druckmittel eingesetzt. Im Mittelpunkt steht aber der männliche Kriminelle mit Sympathiewerten.

Nicht so in Julia Harts Krimidrama. In I’m Your Woman wird das betrachtende Auge auf die andere Seite gelenkt, auf die, die so aussieht, als wäre sie nur die kleine zweite Erzählebene, um das Skript dichter zu machen. Siehe da: man kann auch mit einem Schauplatzwechsel wie diesem das Unwesentliche zum Wesentlichen deklarieren und die daheim ausharrende Ehefrau kurzerhand in ein Auto setzen, um den nachsetzenden Finsterlingen zu entkommen. Das passiert mit Golden Globe-Gewinnerin Rachel Brosnahan, die als Marvelous Mrs. Maisel bereits Fernsehgeschichte geschrieben hat. So marvelous scheint sie in diesem eher sachten und zögerlichen Selbstbehauptungs-Roadmovie vorerst gar nicht zu sein. Denn sie hinterfragt auch nichts, als der kriminelle Ehemann eines Tages ein Baby mit nachhause bringt. Das ist jetzt ihres, sagt dieser, und er hätte alles schon geregelt. Wie erfreulich für Filmgattin Jean, die ja selbst keine solchen bekommen kann, ihren Kinderwunsch nun aber endlich gestillt sieht. Kurze Zeit später verschwindet ihr Mann – sie bleibt als Hausfrau und Mutter zurück. Bis sie und das Baby flüchten müssen, mit einem Unbekannten namens Cal, der ihren Mann aber gut kennt.

Was sich dann anlässt, ist das Psychogramm einer erstarkenden Frau, der letzten Endes nichts anderes übrig bleibt, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Die „Supporting Role“ rückt ins Rampenlicht, das Drama rund um den Gatten wird irrelevant. Auch erfahren wir nicht, was es mit den kriminellen Machenschaften auf sich hat. Das liefern, wie eingangs schon erwähnt, bereits zahlreiche andere Filme. Diese Story jedoch variiert den klassischen Aufbau durchwegs neu und verknüpft lakonische Alltagsmomente einer Mutter mit erdigem Gangsterthrill im 70er-Couleur. Die junge Gena Rowlands wäre für diese Rolle prädestiniert gewesen. Brosnahan erfüllt die Ansprüche aber ebenfalls gut, und auch wenn hier zwischendurch ein paar zu elegische Bestandsaufnahmen die Story nur schleppend voranbringen – die Ambition dahinter, den Alltag schmeißende Mütter mit prickelnden kriminalistischen Abenteuern auf einen Nenner zu bringen, bleibt klar erkennbar.

I’m Your Woman