Bones and All

ZUM FRESSEN GERN

6/10


bonesandall© 2022 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.  All Rights Reserved.


LAND / JAHR: ITALIEN, USA 2022

REGIE: LUCA GUADAGNINO

BUCH: DAVID KAJGANICH, NACH DEM ROMAN VON CAMILLE DE ANGELIS

CAST: TAYLOR RUSSELL, TIMOTHÉE CHALAMET, MARK RYLANCE, ANDRÉ HOLLAND, MICHAEL STUHLBARG, DAVID GORDON GREEN, JESSICA HARPER, CHLOË SEVIGNY U. A.

LÄNGE: 2 STD 11 MIN


Da lobe ich mir Hannibal Lecter: Zumindest hat sich dieser die Leber gebraten und fein gewürzt und dazu noch einen Chianti genossen. Das ist Kannibalismus mit Stil. Andererseits: Der belesene Feingeist mit Hang zur Bestie ist ein Psychopath und nicht von so genetisch bedingtem Zwang durchs Leben gepeitscht wie diese beiden jungen Endteenies hier in Luca Guadagninos neuem, gar auf der heurigen Viennale gezeigten Horrordrama Bones and All. Bei so viel unüberwindbarer Triebhaftigkeit haben Tischmanieren das Nachsehen. Kein italienischer Wein im Dekanter, und die Serviette steckt sich auch niemand in den Ausschnitt, denn Blut bekommt man selten gut raus, hat man nicht gerade Dr. Beckmanns zur Hand. Und so ist dieses Besudele mit dem Lebenssaft Menschen wie Taylor Russel oder Timothée Chalamet ein von Kindheitstagen an vertrauter Umstand. Die Gier auf Menschenfleisch hat deren Leben mit Hindernissen zugepflastert, dass es ärger nicht geht. Kaum beißt Maren ihrer besten Freundin den Finger ab, muss Papa mit Kind fluchtartig das Land verlassen. Vielleicht ließe sich diese Anomalie ja erklären – keine Ahnung, warum in diesem Fall nicht die Wissenschaft herangezogen wurde, denn nicht alle hätten vermutlich die Lösung für solche Extreme im 21. Jahrhundert auf dem Scheiterhaufen gesehen. Aber was sich nicht erklären lässt, will man sich auch nicht erklären lassen. So kommt es, dass Maren bald allein dasteht, weil der leidgeprüfte Vater das Handtuch wirft. Was tun, mit taufrischen achtzehn Jahren und keinerlei Schulpflicht? Sie trifft auf den seltsamen Sully, einem Eigenbrötler und Obdachlosen, der sie auf eine halbe Meile hin bereits gerochen hat, trägt er doch dasselbe Handicap mit sich herum wie Maren. Wenig später ist es dann Lee, wohl altersadäquater als die von Mark Rylance verkörperte Figur. Und wenig zimperlich, was die Beschaffung von Frischfleisch angeht. Mit dieser Hingabe aufgrund impulsiven Hungers und einer gestohlenen Karre bewegen sich die beiden quer durch die Vereinigten Staaten, weil Maren ihre verschollene Mutter finden und das Rätsel um diese äußerst unangenehme Veranlagung lüften will.

We are what we are – so nennt sich zumindest ein mexikanischer und später nachverfilmter amerikanischer Horrorfilm rund um eine kannibalische Familie, die mit Sicherheit lieber auf Grillhühner stehen würde als auf die eigene Spezies. Doch sie sind nun mal, was sie sind. Genauso sehen das Maren und Lee. Und vielleicht auch Sully. Basierend auf dem Jugendbuch (!) von Camille DeAngelis setzt Luca Guadagnino nach dem phänomenalen Liebesfilm Call Me By Your Name abermals den schlaksigen Chalamet in Szene. Der gibt einen James Dean-Outlaw mit gefärbter Lockenpracht, aber sonst wenigen schauspielerischen Extras. Der schöne Star spielt mittlerweile meist sich selbst, während Taylor Russel (Waves, Lost in Space) als introvertierte Vagabundin ihrem Co-Star, aber nicht Mark Rylance, die Show stiehlt. Vielleicht liegt‘s an der fehlenden Chemie zwischen den beiden. Das toxische Süppchen kocht lieber Spielbergs Lieblingsstar Rylance, der die verkappte Psycho-Nummer hochfährt, und am liebsten würde man ihm einen ganzen Film gönnen, würde er seine abstoßenden Attitüden nicht so sehr zelebrieren. Doch das ist gut so, diese Rolle gibt dem Film etwas Tiefe, während das übrige Szenario in den Tag, oder besser gesagt, in filmische zwei Stunden hineinlebt, ohne ein konkretes Ziel zu haben. Ja, gut, die Mutter in Minnesota. Aber in welchem Film sucht denn nicht irgendwer irgendwann seine Erzeuger, angetrieben von apokalyptischen Umständen im Rücken? Noch dazu weiß Guadagnino mit der Geißel des Fleisches nicht ganz so gut umzugehen. Als Metapher für ein Coming of Age-Roadmovie ist das Konzept zu vage, denn der Kannibalismus ist längst kein Ventil für das Erwachsenwerden wie in Julia Ducournaus viel einprägsamerem und sehr ähnlich gelagerten Drama Raw. Decournau wagt viel mehr Schritte hinaus aus der Box, während Guadagnino in gewisser Weise gutzuheißen gedenkt, dass Natural Born Killers wie diese, die nicht wie bei Oliver Stone erst durch dysfunktionale Medienpädagogik so gemacht wurden, ihr gesellschaftsschädigendes Verhalten nicht zwingend in den Griff kriegen müssen. Warum die Abkehr von der Gesellschaft? Vorwiegend dürfte es Scham sein. Oder die Lust am Anderssein.

Bones and All

Pixie

KEIN TASCHENGELD FÜR BÖSE JUNGS

4,5/10


pixie© 2022 Plaion Pictures / Aidan Monaghan


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: BARNABY THOMPSON

BUCH: PRESTON THOMPSON

CAST: OLIVIA COOKE, BEN HARDY, DARYL MCCORMACK, FRA FEE, RORY FLECK-BYRNE, COLM MEANEY, ALEC BALDWIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Einmal um die ganze Welt, und die Taschen voller Geld… tja, davon hat sicherlich nicht nur der ehrenwerte Karel Gott als kleiner Bub geträumt. Denn: Ohne Geld ka Musi. Ohne Moos nix los. Auf dieser oder einer ähnlichen unbefriedigenden Gesamtsituation mangels Ersparten basieren rund die Hälfte aller Unterhaltungsfilme, die ihre Pro- und Antagonisten aufs kriminelle Pflaster schicken. Schön und gut, als Zuseher reizen solche Thematiken immer, denn dort, auf dem Bildschirm oder der Leinwand, sieht man Leute Dinge probieren, zu denen man sich selbst nicht hinreißen lassen würde, aus Scham oder Skrupel oder einfach, weil man zu wenig Mumm dafür hat. Im Kino sind der Mumm und die Tendenz zum Verbrechen das, was uns zum Zusehen verlockt. Nicht selten fühlt man sich, vermengt mit Schadenfreude, mehr als bestätigt, die eigene gesetzestreuen Blase noch nicht verlassen zu haben, wenn der Coup am Screen schiefgeht. Sowas nennt man dann Film Noir. Weniger traurig sehen dann Filme aus, die jemanden wie Olivia Cooke, die derzeit ja Westeros in House of the Dragon beehrt, ins Rennen schicken.

Wenn schon jemand, der sich Pixie nennt, den Weg raus aus Irland sucht, und zwar mit dem nötigen Taschengeld, und sich dabei den Unmut Alec Baldwins zuzieht, dann sollte das Schicksal diesen jemand auch begünstigen. Pixies, das sind doch die kleinen, aus dem Paradies verstoßene Fabelwesen Großbritanniens, die allerhand Schabernack treiben und gar als Testimonial für eine handflächengroße Buchreihe herhalten müssen, die gerade bei Kindern sehr beliebt ist. Ungefähr so keck und frivol will auch Olivia Cooke daherkommen. Und natürlich muss sie dabei zwei sympathische Möchtegern-Gauner an der Nase herumführen. Wie auch immer. Pixie ist also eine Thrillerkomödie, in der es tatsächlich nur darum geht, wie drei junge Leute zwei Taschen voller Geld entwenden, die der irischen Unterwelt gehören. Natürlich schickt diese ihre besten Soldaten aus. Zu den bösen Jungs zählen wie schon erwähnt Priester Alec Baldwin mit wenig Spielzeit, die fast schon am Cameo grenzt und dessen Figur wenig charakterliche Substanz hat. Und da haben wir Colm Meaney – der ist etwas länger zu sehen, doch auch er bedient sich sämtlicher Verbrecherklischees und möchte so sein wie Tony Soprano. Familienfreundlich, aber nach außen hin unerbittlich. So sind sie doch alle.

Und auf diese Weise, wie all diese Stereotypen durch die grünbraune Landschaft Irlands hintereinander her sind, scheint auch der ganze Film unter einer gewissen Stereotypie zu leiden, aus der nicht mal Olivia Cooke entkommen kann. Dafür, dass Produzent Barnaby Thompson (seinerzeit verantwortlich für Waynes World und einigen Oscar Wilde-Verfilmungen) seinen eigenen Film auch inszeniert und fürs Skript seinen Sohn engagiert hat, kommt dabei wenig geistiges Eigentum zustande, sondern sichtbare Schwärmereien für Genreklassiker, die aber dank ihrer zynischen Tendenzen ihren Plot auch so heiß essen, wie sie ihn gekocht haben. Pixie wird letzten Endes lauwarm serviert, und kaum dürfte das Lebensglück einer frechen Olivia, die alle gegeneinander ausspielt, mehr egal sein als hier. Würde Pixie ein bisschen mehr über ihre eigene Dreistigkeit stolpern, hätte der Streifen deutlich mehr Reibungsfläche.

Pixie

How It Ends

MIT SCHWIEGERPAPA UNTERWEGS

6/10


howitends© 2019 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: DAVID ROSENTHAL

CAST: THEO JAMES, FOREST WHITAKER, KAT GRAHAM, KERRY BISHE, MARK O’BRIEN, NANCY SORRELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Die Welt steht auf kein‘ Fall mehr lang. Das wusste schon Johann Nestroy, als er für seine moralische Komödie Der böse Geist Lumpazivagabundus das sogenannte Kometenlied erdichtet hat. Wenn man wenigstens wüsste, aus welchem Grund die Erde untergeht, wäre ja das ganze Schicksal vielleicht besser zu ertragen, als wenn man im Dunkeln tappt. So wie Theo James in dem 2019 auf Netflix veröffentlichten endzeitlichen Roadmovie How it Ends. Das Problem an Titel und dazugehörigem Film: Man weiß eben nicht, wie es endet. Und schon gar nicht wodurch. Nur so viel: Irgendetwas ist passiert. Etwas ganz Schlimmes. Vielleicht der endgültige Kollaps aufgrund zu hoher Energiepreise? Margin Calls überall? Alles reine Spekulation. Was das amerikanische Volk im Osten des Kontinents, genauer gesagt in New York, als erstes zu spüren bekommt, sind Flugausfälle und eine gekappte Verbindung in den Westen. Für Theo James als werdender Vater Will eine schreckliche Sache, weilt doch die werdende Mutter in der eigentlichen Heimat Seattle, während Will geschäftlich nach New York hat fliegen müssen und dort auch gleich seine Schwiegereltern besucht. Mit Schwiegervater Tom, dargestellt von einem rollenbedingt etwas angriffslustigen Forest Whitaker, hat der Mittdreißiger so gut wie gar nichts gemeinsam, doch die angeheiratete Familie kann man sich eben nicht aussuchen. Als Vater Tom sich anschickt, mit dem Auto gen Westen aufzubrechen, um nach dem Rechten zu sehen, muss Will sich anschließen. Wie in einem Roadmovie dieser Art zu erwarten: Je weiter und je länger beide unterwegs sind, desto apokalyptischer wird die ganze Situation. Und je apokalyptischer diese wird, desto näher rücken die beiden Sturköpfe zusammen, um ihr Ziel zu erreichen.

Während man im Kometenkatastrophendrama Greenland längst wusste, was auf einen zukommt, konnte sich Ric Roman Waugh vollkommen auf das Bewältigen sämtlicher Probleme zum Überleben der Spezies konzentrieren. How it Ends fährt die kontinentale Angelegenheit auf eine Tour of Duty hinunter, die mit den üblichen Komplikationen aufwartet, denen Durchreisende eben mal so begegnen, greift die Anarchie langsam um sich. Whitaker verleiht dem Abenteuer so etwas wie Würde, seine gönnerhaft-resolute Erscheinung als Ex-Marine (was man ihm allerdings nicht so ganz glauben mag) weckt Interesse, und ja, man würde den Mann, würde er am Straßenrand stehen, einfach aufgrund seines Charismas mitnehmen, damit die Fahrt nicht so langweilig wird.

Für Langeweile sorgt die Dystopie dankenswerterweise nicht. Denn David Rosenthal, dessen 2019 gedrehtes Remake von Adrian Lynes Jacob‘s Ladder sang und klanglos in der Versenkung verschwand, lässt die Karotte für den hinterherhoppelnden Hasen – in diesem Fall wir Zuseher – lange genug vom Heck seines staubaufwirbelnden Fahrzeuges baumeln. Diese Karotte: sie ist der wahre Grund für das Desaster. Und Rosenthal, er schweigt. Lässt Rauchsäulen in den Himmel steigen, lässt gar nicht mal wissen, ob sich das ganze nur als nationale oder gar globale Tragödie ausgestaltet. Lässt Straßen sperren und vertröstende Worte von einem selbst recht ratlosen Militär spenden und manch vertrauten Bekannten aufgrund der Extremsituation zu einem psychisch labilen Verbrecher mutieren. Das wiederum scheint wenig glaubhaft, gönnt uns am Ende aber endlich den Thriller, den How it Ends die ganze Zeit auf der Straße vor sich hertrieb, während hinten eben das Gemüse lockt. Was zu spät kommt, bezahlt man im Film mit Kreativität. Leider auch in diesem Fall, denn die Fahrt von Schwiegervater und -sohn hätte auch ein ganz normales, aber gelungenes Generationendrama sein können.

How It Ends

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr

DAS ABENTEUER DES UMSTEIGENS

5/10


thelastbus© 2022 capelight pictures


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: GILLIES MACKINNON

CAST: TIMOTHY SPALL, PHYLLIS LOGAN, GRACE CALDER, CELYN JONES, IAIN ROBERTSON, BEN EWING, COLIN MCCREDIE U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Die wohl am tiefsten hängenden Mundwinkel der Filmgeschichte: Timothy Spall kann diesen Titel getrost an seine Fahnen heften. So muss Mann einmal dreinblicken wie der Brite in seiner Solo-Performance Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr. Im Übrigen: ein ziemlich langer Titel für einen relativ kurzen Film, dafür aber ist die Reise, der wir hier beiwohnen dürfen, lang genug, also relativiert sich das wieder. Im englischen Original heißt das Werk ohnehin nur The Last Bus, wobei dieses eine letzte öffentliche Verkehrsmittel aus ganz vielen besteht, die jeweils bis zu ihrer Endstation zuckeln und den uralten Greis aus- und umsteigen lassen. Was hat er vor, dieser Mann, der doch lieber seinen Lebensabend auf der Veranda vor seinem Haus in gemütlicher Lethargie verbringen sollte wie Brian Dennehy in Driveways?

Timothy Spall spielt einen Witwer, dessen Liebe seines Lebens an Krebs verstorben ist, bevor beide noch jene Reise antreten wollten, die sie immer schon geplant hatten: Nämlich wieder dorthin zurück, von wo sie nach dem plötzlichen Kindstod ihrer Tochter aufgebrochen waren, um all die schlechten Erinnerungen und dunklen Wolken hinter sich zu lassen. Um mit dem Leben und seinem Ballast aber wirklich reinen Tisch zu machen, gehört auch der Mut dazu, sich der Tragik des Lebens zu stellen. Da muss Tom nun alleine ran. Ausgerüstet mit einem kleinen Koffer und wackeligen Schrittes tourt er von Haltestelle zu Haltestelle und fällt bald zahlreichen Fahrgästen auf, die mit ihren mobilen Endgeräten das seltsame und manchmal aber auch bravouröse Verhalten des gebrechlichen Kauzes dokumentieren und veröffentlichen. Will der das denn? Zumindest fragt ihn keiner. Doch wo kein Kläger da kein Richter, und der alte Tom hat von Handys und all dem Social Media-Kram sowieso keine Ahnung. Das sind Dinge, die für ein Leben wie das seine wenig relevant sind.

Für den Film selbst hat der versteckte Ruhm des zunehmend immer gebrechlicher werdenden Tom genauso wenig Bedeutung. Ob Follower oder Fans, ob Roadmovie-Jünger oder die Willkommensgruppe am Ende des Weges – vielleicht will Regisseur Gillies MacKinnon (u. a. Marrakesch mit Kate Winslet) nur ganz klar Stellung beziehen, wenn es darum geht, im Ranking der wirklich wichtigen Dinge im Leben Social media ganz nach hinten zu reihen. Wen schert es schon, ob andere beim Aussteigen aus dem Bus Beifall klatschen, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Da ist ganz viel Trauer, die Timothy Spall mit sich herumträgt, als würde ein zenterschwerer Fels auf seinen Schultern lasten. Je weiter der Weg, desto schwerer wird die Last. Spall ächzt und stolpert und wackelt seinen Weg entlang, und wenn er nicht, vorgebeugt und verbittert, vor sich hin trottet, bleibt in der Geborgenheit öffentlicher Busse Zeit für ein Schläfchen. Bei Spall ist nicht klar, wie sehr der Zahn der Zeit an dem Mann bereits tatsächlich genagt hat und was gespielt ist: Zu glauben ist ihm alles – der arthritische Gang, das Husten und Spucken, der unendlich traurige Blick. Spall spielt nicht, er steckt bis über beide Ohren in dieser fiktiven Figur und lässt ganz vergessen, dass die meisten ihn eigentlich aus dem Harry Potter-Universum kennen, als er „Wurmschwanz“ Pete Pettigrew gegeben hat. Das ist auch schon eine Ewigkeit her, und Spall ist zumindest in diesem Film ewig älter geworden.

Der Engländer, der in einen Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr will dank seines deutschen Titels all jene ins Kino locken, die schon mit dem Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand ihre Freude hatten. Sie werden enttäuscht sein. MacKinnons Film birgt wenig Humor, keine sozialpolitischen Seitenhiebe und Leichtigkeit ist aufgrund bereits erwähnter steinerner Schulterlast etwas für Rad-, nicht aber für Busfahrer. Joe Ainsworths Drehbuch ist ein geradliniges Rührstück, das nichts sonst notwendig hat außer Timothy Spall, der genauso gut mit einem Marsch durch eine menschenleere Postapokalypse dasselbe Ziel erreicht hätte. All die peripher auftretenden Begegnungen sind für Spalls Figur so bereichernd wie Social Media. Von dieser Flüchtigkeit lässt sich auch MacKinnon anstecken. Und legt keinerlei Wert darauf, aus den alltäglichen Miniaturen, die die Straße säumen, irgendeinen Mehrwert zu ziehen.

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr

Was geschah mit Bus 670?

PAKT MIT DEM TEUFEL

7,5/10


bus670© 2020 Bodega Films


LAND / JAHR: MEXIKO, SPANIEN 2020

BUCH / REGIE: FERNANDA VALADEZ

CAST: MERCEDES HERNÁNDEZ, JUAN JESÚS VARELA, DAVID ILLESCAS, ANA LAURA RODRIGUEZ, ARMANDO GARCÍA, LAURA ELENA IBARRA, XICOTÉNCATL ULLOA U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Das Kino Lateinamerikas ist immer wieder bemerkenswert. Neben den verrückten Ideen und Konzepten aus Südkorea findet sich auch von Chile bis Mexiko allerhand Ungewöhnliches, wie zum Beispiel die Festivalfilme Tragic Jungle, Nobody Knows I’m Here oder der Sozialthriller 7 Gefangene (alle drei im Sortiment von Netflix). Ebenfalls nachhaltig in Erinnerung ob seiner ungewöhnlichen Erzählweise und der Konvertierung eines zutiefst tragischen Themas in eine fast schon poetisch anmutende Ballade bleibt das Kriminaldrama Was geschah mit Bus 607?. Das Filmplakat dazu mag irritieren, vielleicht gar etwas ganz anderes versprechen als es letztendlich der Fall ist: Zu sehen ist vom Rückspiegel eines Autos und so unscharf wie das Found Footage Foto einer paranormalen Beobachtung der Teufel, der sich über seine Opfer hermacht, im Hintergrund lodert das Feuer. Ist der Film von Fernanda Valadez also ein okkulter Horrorfilm? Okkult vielleicht nicht, aber Horror würde ich nicht ganz ausschließen. Denn was mag Horror eigentlich bedeuten? Kann der Horror nicht auch in der inhumanen Anarchie eines Krieges zu finden sein? Oder in der Gesetzlosigkeit mancher Weltgegenden, wo Banden das Sagen haben und jeder noch so brave Bürger, der sich so unauffällig wie nur möglich verhält, um jeden Tag seines Lebens bangen muss? So zu leben ist Horror genug, und es ist weder eine Erfindung noch braucht man hierfür ein dystopisches Szenario vom Stapel zu lassen wie in The Road oder Mad Max. Diese Gegenden gibt’s wirklich, und die liegen nah an der US-amerikanischen Grenze, im Norden Mexikos. Gesetzloses Niemandsland, regiert von schwer bewaffneten Banden und unmöglich zu verwalten. Durch diese Todeszone müssen aber all jene, die ihren Mut aufgebracht haben, um über die Grenze in die USA zu gelangen, um eben dort der Willkür finsterer Kartelle zu entgehen, die mit Drogen und Menschenhandel Geld scheffeln.

Wie der deutsche Titel bereits verrät (im Original nennt sich Valadez‘ Streifen Sin señas particulares, was so viel bedeutet wie „keine besonderen Anzeichen“), wird Bus 670 auf der Fahrt an die Grenze sehr bald vermisst. In diesem Bus saß Jesús, gemeinsam mit seinem Freund Rigo – beide gerade mal Teenager im ersten Drittel, das ganze Leben noch vor sich. Zu Beginn des Films verabschiedet sich ersterer von seiner Mutter, die Hoffnung auf ein besseres Leben stirbt zuletzt. Und da fällt sie auch schon in Agonie, die Zuversicht, doch Mutter Magdalena sucht weiter, man findet lediglich die Leiche des Freundes Rigo, von Jesús fehlt jede Spur. Auf ihrer gefährlichen Suche trifft die verzweifelte Frau auf andere Schicksale – auf einen abgeschobenen jungen Mann, der jahrelang schon in den USA gelebt hat. Und eine Mutter, die den bestätigten Tod ihres Sohnes nach Jahren ohne Lebenszeichen nicht wahrhaben will.

Was geschah mit Bus 670? ist ein metaphysisches, zwischen Wachen und Träumen, Erinnerungen und gerade Erlebtem wechselndes Stück Endzeitkino in einer längst nicht zu Ende gehenden Welt. Es ist bevölkert mit Geistern und verdammten Seelen, Klageliedern und ausweglosen Schicksalen. Mercedes Hernández als beharrlich nachforschende Mutter ist selbst wie ein Geist; wie ein verletzbares, barfüßiges Kind in einer Wildnis, bevölkert von Dämonen. Valadez findet mit ihrer Kamerafrau Claudia Becerril Bulos erstaunlich unorthodoxe Bilder – einerseits ruhend, fast statisch, sich in den Erinnerungen wiederholend. Ein bisschen wie Sergio Leone. Und dann der virtuose Kniff, die überlieferte Tragödie der Busfahrt als eine im Bokeh-Stil gefilmte, dem Übernatürlichen zugeordnete Mär zu illustrieren, die den Beelzebub wüten lässt. Unschärfen werden hier zum Schleier des Selbstschutzes, der die Gräuel nicht von dieser Welt sein lassen will.

Der am Sundance Festival 2020 erstmals gezeigte Film mag nicht die erste Wahl für unterhaltsame Stunden sein – doch sollte er auf der Watchlist ganz oben stehen, wenn es heißt, mit neuen Sichtweisen und innovativen Ideen das Kino – und vor allem das Weltkino – aus seiner Routine zu holen. Mit einem in sich stimmigen Twist sorgt Was geschah mit Bus 670? am Ende noch für ein Durcheinander an Empfindungen, wechselnd zwischen Verblüffung und untröstlicher Melancholie.

Was geschah mit Bus 670?

Abteil Nr. 6

ZWEI FREMDE IM ZUG

8/10


ebteilnr6©2021 Sami Kuokkanen / Aamu Film Company


LAND / JAHR: FINNLAND, ESTLAND, DEUTSCHLAND, RUSSLAND 2021

BUCH / REGIE: JUHO KUOSMANEN

CAST: SEIDI HAARLA, YURIY BORISOV, DINARA DRUKAROVA, LIDIA KOSTINA, JULIJA AUG, TOMI ATALO, POLINA AUG U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Eine „symmetrische“ Reaktion will der Kreml darauf geben, wenn Finnland tatsächlich der NATO beitreten sollte. Wie jetzt – will Russland den Beitritt ebenfalls beantragen? Wohl eher weniger. Das Säbelschwingen und – rasseln Putins lässt keinen Staat kalt, und sei er auch noch so mit Understatement gesegnet wie Finnland. Dass der Alleinherrscher plötzlich auf die Idee kommt, Finnland als urrussischen Boden anzusehen – es ist alles möglich, nichts mehr auszuschließen. Und dennoch: In Zeiten der Distanz ist man gut damit beraten, den Blick vom Eisernen Thron zu nehmen und ein bisschen zu senken. Ins Spektrum rückt das gemeine Volk, das mehr oder weniger ohnmächtig angesichts der politischen Willkür versucht, über die Runden zu kommen. Und da kann es passieren, dass trotz der politischen Eiszeit unter dessen wärmeren Fittichen sowas wie Annäherungen passieren, die ganz klein und im Verborgenen beginnen. Vielleicht bei einer Zugfahrt in den hohen, wirklich hohen Norden, nämlich nach Murmansk.

In einem Abteil sitzen die finnische Archäologiestudentin Laura und der russische Bauarbeiter Ljoha. Beide haben nichts gemeinsam, und Laura versucht vergeblich, den scheinbar sexuell gefärbten Avancen ihres angetrunkenen Gegenübers zu entgehen. Ein Konsens muss her, denn die Zugfahrt ist keine von A nach B während eines halben Tages, sondern besagte Reise mit der Murmanbahn zieht sich über mehrere Nächte. Die Transsibirische für Anfänger könnte man es nennen. Und dennoch: eine Nächtigung im Zug ist meistens genug, um sich verfilzt und unausgeschlafen zu fühlen. Noch dazu in Gegenwart einer Person, der man nicht trauen kann. Nur: der erste Eindruck täuscht meistens. Auch bei Ljoha. Der junge Mann scheint dann doch schwer in Ordnung, und irgendwie kommen Laura und er ins Gespräch, erzählen von ihren Zielen und was sie umtreibt. Beide stellen fest, dass sie vieles verbindet, darunter auch eine gewisse Verlorenheit – aber auch die Vergangenheit, die Urgeschichte dieser Weltregion. Und vielleicht gar etwas mehr als nur Sympathie füreinander.

Voyage Voyage – den Klassiker von Desireless – greift Juho Kuosmanen (Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki) immer wieder auf, vertont der Song doch ganz schön das Gefühl des Abnabelns, ins Unbekannte-Reisens, Neu-Findens. Abteil Nr. 6, absolut zu Recht auf der Shortlist für den Auslandsoscar 2022 gewesen und für Palme sowie Golden Globe nominiert, beschäftigt sich genau damit. Dem Film gelingt es, das Überbrücken schwieriger Umstände zu illustrieren, die notwendig sind, um gemeinsam zu den Wurzeln einer grenzenlosen Geschichte zu gelangen. Metapher dafür sind die Petroglyphen am Kanosero-See auf der Halbinsel Kola, wofür Laura die ganze Reise auf sich nimmt. Es ist kein Geheimnis, dass letzten Endes beide dorthin unterwegs sein werden, und zwar zu einer Jahreszeit, die es scheinbar unmöglich macht, an diesen Ort zu gelangen. Projizieren lässt sich dieses soziale Gefüge sehr gut auf die aktuelle Schräglage zwischen beiden Ländern, und der Impuls, der von Abteil Nr. 6 ausgeht, ist ein notwendiger, herbeigesehnter, vor allem positiver.

So richtig fasziniert Abteil Nr. 6, abgesehen von dem famosen wie preisverdächtigen Schauspielpaar Seidi Haarla und Yuriy Borisov, aufgrund seines aufmerksamen, sich an allerhand Details erfreuendem Blick, der sein Publikum in völlig entlegene Ecken des russischen Nordens führt. Kousmanens Film ist enorm authentisch, angreifbar und offenherzig. An der Stimmung einer Reise durch Tag und Nacht, voller bezaubernder, aber auch entbehrlicher Begegnungen, lässt das Rail- und Buddymovie all jene teilhaben, die Russland nicht mit Haut und Haaren auf die Schwarze Liste setzen wollen und durchaus im Stande sind, zu differenzieren. Beeindruckend, schrullig und auf kreative Weise liebenswert ist dieses Land, und irgendwie fließen gerade dort  – wie überall auf der Welt – Kulturen, Lebensweisen und Weltbilder stetig ineinander.

Abteil Nr. 6

Galveston

VOM INSTINKT DES BESCHÜTZERS

6,5/10


galveston© RLJE Films


LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: MÉLANIE LAURENT

CAST: BEN FOSTER, ELLE FANNING, LILI REINHART, ADEPERO ODUYE, ROBERT ARAMAYO, MARÍA VALVERDE, BEAU BRIDGES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Wir kennen Mélanie Laurent doch spätestens nach ihrem Auftritt in Quentin Tarantinos virtuosem Fake-History-Thriller Inglourious Basterds, in welchem Hitler und seine Schergen den Flammentod im Kino sterben. Zuletzt gab sie sich recht beengt im Science-Fiction-Kammerspiel Oxygen von Alejandro Aja, welches auf Netflix zu sehen ist. Dass die charismatische Französin allerdings auch Regie führt – und das nicht nur aus einer Laune heraus, weil Schauspieler einfach mal alles gemacht haben müssen, sondern weil ihr das vermutlich genauso liegt wie Clint Eastwood – war mir allerdings nicht bewusst. Bis letztes Jahr, als ihr neuestes Werk Die Tanzenden erschienen war – ihre sechste Regie. Die vorletzte Arbeit gibt’s nun hier bei mir in meiner Review: Galveston – Die Hölle ist ein Paradies. Wobei der deutsche Untertitel so gut wie gar nichts über das existenzialistische Roadmovie aussagt. Hölle und Paradies – das kann alles sein. Zu generisch, um wirklich Sinn zu machen. Und Galveston? Das ist eine Stadt in Texas.

Dorthin muss Ben Foster alias Roy, ein Handlanger und Killer für einen abgeschleckten Mafiaboss im Zwirn (ölig: Beau Bridges), der in eine Falle tappt, da man ihn loswerden will. Irgendwie bekommt der abgehalfterte Säufer gerade noch die Kurve und rettet dann auch noch so ganz nebenbei eine Prostituierte namens Rocky, die gar nicht weiß, wie ihr geschieht. Die beiden sind also on the road, vermutlich sind längst böse Buben hinter ihnen her. Roy will nach Galveston, um dort Zuflucht zu suchen. Auf dem Weg durchs amerikanische Hinterland, gesäumt von Motels und früheren Erinnerungen, werden beide mit ihrem ganz persönlichen Trauma konfrontiert. Und da ist noch Rockys junge Schwester, die plötzlich mit von der Partie ist – und alles verändern wird.

Galveston sieht anfangs so aus, als wäre er von der Sorte wie zum Beispiel Thelma & Louise, Wisdom – Kühles Blut und Dynamit oder Nicht mein Tag: Zwei, die sich zusammenraufen, fliehen im Auto vor einer Übermacht. Ob Polizei oder das organisierte Verbrechen, ist ganz egal. Nur: Die Verfilmung des Romans von Jim Hammett (lieferte den Content für True Detective) schlägt immer mal wieder die subtileren Töne eines Psychodramas an, in welchem es um sehr viel mehr geht als nur darum, mit brummenden Motoren auf die Ideale der eigenen Existenz zuzusteuern. Ben Foster und Elle Fanning halten viel öfter inne als zu vermuten wäre, ihre Figuren entwickeln sich in überraschender Deutlichkeit. Beide folgen ihrem Beschützerinstinkt und steuern auf das Ideal eines familiären Konstrukts hin, das als einziges dafür taugt, wechselwirkend Halt zu geben in einer trostlosen Gesamtsituation. Laurent gelingt es, diese Dynamik, die hinter einem augenscheinlich routinierten Thrillerdrama liegt, freizulegen. Somit ist Galveston vor allem in seiner peripheren Ausstattung keine tadellose Kreativleistung, im Kern der Geschichte erklingen aber einige Takte eines zutiefst melancholischen Blues-Songs.

Galveston

Joe Bell

ZU FUSS IN EINE BESSERE WELT

6/10


joebell© 2021 Leonine Distribution


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: REINALDO MARCUS GREEN

CAST: MARK WAHLBERG, REID MILLER, CONNIE BRITTON, MAXWELL JENKINS, MORGAN LILY, GARY SINISE U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Nicht lange suchen, einfach buchen: Mark Wahlberg ist die Universalbesetzung für so ziemlich alles – ob Action, Familienkomödie, Science-Fiction oder Tatsachendrama. Der durchtrainierte Muskelmann setzt weniger auf seine körperlichen Schauwerte, sondern auf professionelle Routine. Und das ist es auch, mehr wird’s nicht. Wahlberg ist gut, aufgeräumt und im Teamwork mit der Filmcrew womöglich erstaunlich integer. Sonst würde man ihn nicht für alle erdenklichen Projekte besetzen. Einziger Wermutstropfen: Wahlberg entwickelt keine Leidenschaft. Seine Rollen sind Tagesgeschäft, mehr lässt sich dabei kaum erspüren. Wir werden sehen: selbst im kürzlich anlaufenden Uncharted wird Wahlberg wieder waschecht Wahlberg sein, neben einem Tom Holland, der hoffentlich nicht nur den Spider-Man gibt. Aber ich lass mich überraschen. Und übrigens: Die Goldene Himbeere könnte dieses Jahr seine Regale zieren, sofern er sich diese abholen will: In Infinite war ihm der Alltag seiner Arbeit in fast jeder Szene abzulesen.

Wahlbergs Agent hat dem Profi zwischenzeitlich auch noch diese Rolle verschafft: die des zweifachen US-amerikanischen Familienvaters Joe Bell, der die Homosexualität seines Sohnes nur mit Mühe akzeptiert und der dann auch nicht ausreichend hinhört, als dieser von massivem Mobbing an seiner Schule berichtet. Die grausamen Sticheleien intoleranter Altersgenossen führen zur unvermeidlichen Katastrophe: Sohnemann Jadin begeht Selbstmord. Daraufhin beschließt Joe Bell, seine Defizite als Vaterfigur, posthum für seinen Sohn, wiedergutzumachen und zieht als Referent gegen Mobbing quer durch die USA. Es ist der Weg eines trauernden, traumatisierten, in eine notwendige Katharsis getriebenen Menschen, den das Schicksal seines Sohnes für den Rest seines Lebens begleiten wird. Und auch dieses muss nicht zwingend lange dauern.

Ein Trauermarsch für eine bessere Welt, das Gedenk-Roadmovie eines reumütigen Egoisten, der mit Eifer seinem Sohn gerecht werden will: Oft geht Joe Bell nicht allein – es begleitet ihn sein verstorbener Sohn als Projektion einer Sehnsucht. Jungschauspieler Reid Miller ist dabei faszinierend gefühlvoll und scheut nicht davor zurück, zärtlich und verletzbar zu sein. Der Film selbst, inszeniert von Reinaldo Marcus Green, dessen Oscar-Favorit King Richard demnächst ins Kino kommt, hat berührende Momente, vor allem dann, wenn Wahlberg posthume Gespräche mit seinem Sohn führt. Da wünscht man sich sehnlichst, es wäre nie so weit gekommen, und man könnte das Rad zurückdrehen. Geht durchaus nah. Sonst aber mag sich Green mit dem Thema Mobbing nicht so recht auseinandersetzen zu wollen und verlässt sich auf Wahlberg, der dem Thema entsprechen muss: Routine also auf einem gewissen Level, in vertrautem Rhythmus einer True Story aus der amerikanischen Gesellschaftschronik, betroffenheitsfördernd und sich ganz auf das Schicksal einer aufs Tragischste gebeutelten Familie verlassend, leidgeprüft wie Hiob.

Joe Bell

The Last Journey – Die letzte Reise der Menschheit

DA KOMMT WAS GROSSES AUF UNS ZU

5/10


thelastjourney© 2021 Tandem Films


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: ROMAIN QUIROT

CAST: HUGO BECKER, LYA OUSSADIT-LESSERT, PAUL HAMY, JEAN RENO, BRUNO LOCHET U. A.

LÄNGE: 1 STD 27 MIN


Und damit ist nicht Roland Emmerichs neuer Blockbuster gemeint (der mittlerweile schon im US-Boxoffice hinter den Erwartungen liegt). Sondern vielmehr eine ausstattungstechnisch recht verspielte Independent-Produktion aus Frankreich, die als schauspielerischen Support zumindest so jemanden wie Jean Reno verpflichten konnte. Einst als Leon eine Offenbarung, ist der Charakterdarsteller mittlerweile recht austauschbar geworden und zumindest mimisch gesehen so variantenreich wie Bruce Willis. Doch das macht nichts, viel Einfluss hat Reno hier ohnehin nicht – so wie fast die ganze Menschheit, die zusehen muss, wie ein fremder Himmelskörper, der zumindest genug Rohstoffe birgt, um das globale Energieproblem zu lösen, auf Terra zusteuert. Das ist natürlich gar nicht gut, und womöglich liegt der Zorn des roten Planeten darin, dass Homo sapiens, der ohnehin nichts anderes kann als fremden Boden auszubeuten, auch das gleiche mit ihm getan hat. Die Folge: Die Erde ist trockengelegt, Zentraleuropa eine Wüste. Und sobald irgendwo ein desolater Eiffelturm herumliegt, wird allen klar: Hier wütet die Endzeit. Die herrlich fruchtbare Heimat von Wein und Käse, durch die man sich sonst wie Gott in Frankreich fühlt, ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Und in dieser landschaftlichen Enttäuschung versucht gerade derjenige, der das Schicksal des Planeten als einziger noch abwenden kann, vor dem Rest der Welt zu fliehen.

Da bleibt Paul, wie er sich nennt, nicht lang allein, denn im Niemandsland gabelt er ein burschikoses Mädel auf, dass fortan an seiner Seite klebt. Jetzt sind beide auf der Flucht – nicht nur vor des Auserwählten Bruder, der paranormale Fähigkeiten besitzt, sondern auch vor kriegerischen „Judge Dredds“, die in ihren kessen Piratenoutfits mit Helm und künstlich verfremdeten Stimmen so manchen Wüstenfuchs aus Star Wars alle Ehre machen würden. In dieser phantastischen Aufmachung wirken die schwadronierenden Ordnungshüter etwas deplaziert und man wird dabei das Gefühl nicht los, gar nicht mal wirklich auf der Erde zu sein. Stets prangt das rote Rund am Firmament, der orange Staub dringt in jede Ecke des Bildschirms. Im Grunde ein nett ausgestattetes Szenario, dass zwar die ganze Welt tangiert, doch eigentlich recht lokal wirkt. Als wär‘s ein kleiner Film über ganz private Probleme. Und da der Hauptdarsteller noch dazu in eitler Unnahbarkeit durch die Gegend irrt, fühlt man sich mit seinem Schicksal nur schwer verbunden. Viel eher öffnet sich Mädel Elma (Lya Oussadit-Lessert), die sehr an die Schauspielerin Alicia Vikander erinnert. Ihr Klammern an einen Strohhalm der Hoffnung findet am Ende eine nette Metapher – sonst aber hinterlässt das Science-Fiction Drama auffallend wenig Eindruck. Wohl deswegen, weil in knapp 90 Minuten viel zu viele Themen und Meta-Ebenen, und als wäre das nicht schon genug, auch zwei Timelines miteinander zurechtkommen müssen. Am Ende ist sich die Ambition selbst im Weg.

The Last Journey – Die letzte Reise der Menschheit

Supernova (2021)

BEVOR ICH ES VERGESSE

6/10


supernova© 2021 Weltkino


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: HARRY MACQUEEN

CAST: COLIN FIRTH, STANLEY TUCCI, JAMES DREYFUS, PIPPA HAYWOOD U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wenn einer eine Reise tut, da kann er was erzählen. Aber auch nur, so lange er sich daran erinnern kann. Das homosexuelle Liebespaar Sam und Tusker tun das, bevor es zu spät ist. Denn Tusker hat beginnende frühe Demenz – ein Schicksal, dass, wenn es hart auf hart kommt, dem Erkrankten alle Erinnerungen nimmt, ungefähr so wie bei Anthony Hopkins in dem genialen Psychodrama The Father. Sam könnte damit leben – Tusker womöglich nicht. Denn dieser ist Schriftsteller und möchte zumindest noch, bevor es so weit kommt und gar nichts mehr geht, seinen neuen Roman zu Ende bringen. Jetzt allerdings heißt es Urlaub machen, und so sind beide mit dem Wohnwagen unterwegs quer durch England, damit Sam am Ziel ihrer Reise – er ist schließlich bekannter Pianist – nochmal ein Konzert geben kann. Zwischendurch machen sie Halt bei den Verwandten, laden alle möglichen Freunde und Bekannten ein, um nochmal so richtig Party zu machen. Womöglich die letzte. Denn Sam wird sich um den bereits jetzt schon feinmotorisch stark beeinträchtigten Partner kümmern müssen. Soll ihm recht sein – solange beide zusammenbleiben können.

Autorenfilmer Harry McQueen hat für sein eigens konzipiertes Roadmovie, das sehr auf leise Töne und sachte Gesten setzt, scheinbar das absolut richtige Duo gecastet: Stanley Tucci und Colin Firth. Beide ergänzen sich und harmonieren prächtig. Firth, der schon in Tom Fords A Single Man einen Homosexuellen verkörpert hat, empfindet auch hier, in Supernova, keinerlei Berührungsängste davor, für das eigene Geschlecht in völliger Natürlichkeit Zuneigung zu imitieren. Sein Spiel ist authentisch und enthält keinerlei Scham davor, Schwäche zu zeigen. Damit gemeint sind Gefühle, die Männern angesichts gesellschaftlicher Erwartungshaltungen vielleicht nicht so gut zu Gesicht stehen. Firth steht zu diesem Gefühlsspektrum mit Würde. Stanley Tucci tut es ihm gleich. Der sonst und viel zu oft nur in recht dankbaren, aber einfach gezeichneten Nebenrollen zu sehende Charakterkopf ist nun endlich mal ganz vorne mit dabei: als ein stolzer Poet, der nicht vergessen will, und weiß, zu welchen Schritten er fähig sein muss, um seine Würde zu bewahren. Supernova konzentriert sich ganz auf das Miteinander seiner beiden hochsensiblen Figuren, ohne sich allerdings aus dem in Reichweite befindlichen Füllhorn an tragischer Romantik zu bedienen. MacQueen ist dieses Tränenspiel weitestgehend fremd. Hier zählt die beruhigende Nähe, die Schulter zum Ausruhen oder die tröstende Hand des anderen.

Auch wenn Supernova als Roadmovie konzipiert ist, mutet es dennoch an wie ein Kammerspiel, das in seinen leisen Tönen und indirekten Andeutungen zu sehr auf Reduktion setzt. Meist gelingt MacQueen, aus weniger mehr zu machen. Manchmal aber auch, und vielleicht auch vermehrt gegen Ende des Films, bleiben die vagen Gefühlsregungen und das stille Miteinander etwas zu betulich, um die Wucht des letztendlich eintretenden Dramas auch selbst nachempfinden zu können.

Supernova (2021)