Jolt

SAUER MACHT LUSTIG

3/10


jolt© 2021 amazon prime


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: TANYA WEXLER

CAST: KATE BECKINSALE, BOBBY CANNAVALE, LAVERNE COX, STANLEY TUCCI, JAI COURTNEY, DAVID BRADLEY, SUSAN SARANDON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Grün wird nur, wer zum Hulk mutiert. Kate Beckinsale hält ihren Body-Maß-Index konstant, hat sich aber genauso wenig im Griff wie der Gigant aus dem Marvel-Universum. Denn Kate, die leidet in ihrer Rolle der assozialen Lindy unter einer massiven Störung der Impulskontrolle. Normalerweise ist dieses Verhalten fast ausschließlich ordentlich angetrunkenen Männern vorbehalten, doch diesmal bringt toxische Weiblichkeit den Dunstkreis patriarchaler Dominanz ins Wabern. Gut so, wenn sich der Spieß mal umdreht. Um aber sozial nicht ganz durch den Rost zu fallen, hat sich Lindys Psychiater (routiniert: Stanley Tucci) für seine Patientin etwas ganz Besonderes einfallen lassen: und zwar eine Art Elektroden-Korsett, welches Lindy unter Strom setzt, sollte sie unpässlich werden. Das züchtigt ihr hitziges Temperament. Und auch wenn die Gute fix zu glauben scheint, kein Mann würde sich jemals mit ihr auf etwas mehr als ein Techtelmechtel einlassen, scheint sie sich getäuscht zu haben. Denn Justin (Jai Courtney) gibt ganz den Frauenversteher. Ein One Night stand – schon erhofft sich Lindy etwas Festes. Blöd nur, dass sich ihre Träume in Luft auflösen, denn Justin wird tags darauf ermordet aufgefunden. Endlich ein triftiger Grund, wirklich wütend zu werden.

Um Sponsoren für ein Filmprojekt zu gewinnen, setzt man auf geschickte Produktplatzierung, vorwiegend sündteure Uhren und Elektronik. Sind diese Marken mal nicht am Start, kann’s auch gerne Fashion sein. Schuhmode zum Beispiel. Denn unter den Machern von Jolt dürfte es da den einen oder anderen Afficionado dafür gegeben haben, so oft, wie Kate Beckinsale in Knöchelhöhe abgefilmt wird, während sie in schwarzen Stiefeletten und in hautenger Lederhose über den Asphalt stolziert. Der erblondete Star wirkt wie das Testimonial für einen Werbespot unbestimmten Themas, wäre aber womöglich sehr gerne eine jener knallharten Vamps, die Luc Besson schon des Öfteren in Szene gesetzt hat. Dabei hat bei ihm alles mit Nikita begonnen. Da waren wir bei Lucy schon recht weit davon entfernt, dessen letzter Film Anna allerdings hat sich dem Ursprung wieder etwas angenähert. Das Script zu Jolt wäre auch für Besson etwas gewesen. Der hätte aber die mindestens Hälfte des Drehbuchs gestrichen. Denn das, was Tanya Wexler für amazon prime inszeniert hat, reicht gerade mal als müder Abklatsch bereits etablierter Östrogen-Ikonen.

Es wäre Beckinsale mitunter ja gelungen, ihren frechen Zornbinkel, der sich gern im Griff hätte, glaubhaft zu verkörpern. Doch diese Wut, wie wir sie kennen, und die in Filmen wie Wild Tales so richtig die Grenzen sprengt, scheint ihr fremd zu sein. Darüberhinaus ist das Engagement aller anderen Beteiligten endenwollend. Der übrige Cast, obwohl namhaft besetzt, gönnt sich aufgesetzte Manierismen, und das in einer Produktion, bei der, wie es scheint, vorne und hinten das Geld gefehlt hat. Nicht nur die Action ist stümperhaft choreographiert, vor allem auch der schlampige Schnitt ist eine Katastrophe. Es gibt da Szenen, da spricht Kate Beckinsale, aber ihre Lippen bewegen sich nicht. Des weiteren war für die Continuity wohl aus Kostengründen niemand zuständig. Diese lieblose Arbeit geht spürbar aufs Gemüt, dieses Nachahmen schneidiger Vorbilder, trotz des Versuches, das Ganze in eine Komödie zu konvertieren, scheitert an mehreren Fronten. Jolt weiß, wo sein Platz ist, nämlich auf einer Streaming-Plattform, da kann der Film nicht allzu viel anrichten. Anscheinend verspricht das Ende des Films gar eine Fortsetzung. Wenn’s soweit ist, werde ich den Impuls, hier einzuschalten, wohl unterdrücken müssen.

Jolt

Jesus Rolls

NEBENROLLEN, DIE WAS KÖNNEN SOLLEN

5,5/10


the-jesus-rolls© 2021 EuroVideo Medien GmbH


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: JOHN TURTURRO

CAST: JOHN TURTURRO, BOBBY CANNAVALE, AUDREY TAUTOU, SONJA BRAGA, CHRISTOPHER WALKEN, JON HAMM, SUSAN SARANDON, PETE DAVIDSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Ob der Dude nach 23 Jahren immer noch in ausgewaschenen Boxershorts in den Bowlinghallen abhängt? Ober immer noch gegen den Wind steht, vorzugsweise beim Verstreuen kremierter Verblichener? Der Dude wird wohl in diesem Leben auch nichts mehr Neues dazulernen. Und womöglich nicht nur er, sondern auch all die anderen schrägen Figuren, die anno 1998 in des Coen-Brüders Meisterwerk The Big Lebowski auf folgenschwere Art ihre Ansprüche geltend gemacht hatten. Eine dieser Figuren war Jesus Quintana. Ein mit der sakralen Farbe Lila liebäugelnder Bowling-Nerd, der (in heutigen Hygiene-Maßstäben undenkbar) gerne mal vor seinem Auftritt die Kugel leckt. John Turturro dürfte sich in diesen seinen extraordinären Auftritt nachhaltig verliebt haben. Und ja, der Begriff Nachhaltigkeit lässt sich im Zuge dessen auch neu definieren, denn: 23 Jahre später war’s dann soweit. Aber womit?

Um es klarzustellen: das hier ist kein Sequel von The Big Lebowski. Das hätten die Coens wohl selber gemacht. Dann lieber ein Spin Off. Auch dafür ist die querverweisende Ausbeute zum Original viel zu überschaubar. Jesus Rolls, wie Turturro sein Herzensprojekt nennt (mit dem recht kümmerlichen deutschen Subtitel Niemand verarscht Jesus) ist ein Herumexperimentieren mit einer kultisch verehrten, sich ebenfalls kaum veränderten Kunstfigur, die sich von grundsätzlich allem, was ihren Kultstatus erst ermöglichen konnte, emanzipiert hat. Was bleibt, ist ein schlaksiger Mittsechziger mit geflochtenen Strähnen, Haarnetz und lila Bowlingschuhen. Einfach, um die Wiedererkennung zu gewährleisten. Sonst aber ist dieses Roadmovie eine solitäre Liebhaberei, die sich der filmhistorischen Vorlage von Bertrand Bliers Ausgebufften-Konzept bedient. In welchem aber eigentlich nicht viel los ist, außer, dass alles passieren könnte, worauf die dem Hedonismus feuchtfröhlich zugewandten Tagediebe, die vorzugsweise mit gestohlenen Autos unterwegs sind, keinen Anspruch stellen. In den Siebzigern kamen Die Ausgebufften gerade zur rechten Zeit. Die Darstellung einer bedingungslos liberalen Sex-Gesellschaft war damals ein recht brauchbarer Nachklang zu den Jugendrevolten Ende der 60er und Deep Throat. Sex als gesellschaftsfähige Form des Müßigganges.

Heute sieht das natürlich anders aus. Und heute, da wirkt Bliers Konzept der bespaßenden Sex-Therapeuten wider Willen auch in John Turturros Überarbeitung wie ein retrospektives Überbleibsel des Glockenhosen-Kinos der naiven Alles-ist-möglich-Siebziger. Nur ohne Glockenhosen, dafür aber mit teilweise denselben Outfits, wie sie damals Depardieu und Patrick Dewaere getragen hatten. Diese Naivität aber scheint Jesus Rolls teilweise gar nicht so schlecht zu bekommen. Interessanterweise trägt dazu „Amelie“ Audrey Tautou (im Original war’s Miou-Miou) einiges bei, welche die klassisch französische Exaltiertheit frivoler Lustkomödien aus Westeuropa mit sich bringt. Ihre Rolle ist dringend notwendig, um hinderliche amerikanische Vibes zu unterbinden, die sonst der mit zahlreichen Star-Cameos gespickten Komödie ihren gewissen windigen Charakter nehmen.

Jesus Rolls ist als eine in den Tag hineingelebte Klamotte besser als ihr Ruf. Vielleicht auch, weil dieses völlig reuelose Nichtstun der leicht überheblichen Gauner-Clique keine Ausgangssperren genießt.

Jesus Rolls

Motherless Brooklyn

DIE BALLADE VOM SCHIMPFENDEN SCHNÜFFLER

6,5/10

 

motherlessbrooklyn© 2019 Warner Bros.

 

LAND: USA 2019

REGIE: EDWARD NORTON

CAST: EDWARD NORTON, GUGU MBATA-RAW, BRUCE WILLIS, WILLEM DAFOE, ETHAN SUPLEE, ALEC BALDWIN, LESLIE MANN, BOBBY CANNAVALE U. A. 

 

Kann noch irgendwer die genaue Handlung aus Howard Hawks Klassiker Die Spur des Falken rekapitulieren? Ich habe nur noch diese Vogelskulptur in Erinnerung, und Humphrey Bogarts müden Blick. Sonst aber war mir schon bei direkter Sichtung des Films der Plot einen Tick zu vertrackt. Der amerikanische Film Noir, der war bekannt dafür, einfach ganz viele Namen in ganze vielen Dialogen zu verstecken, die dann plötzlich immens wichtig waren und nach angestrengtem Erinnern vermutet man, diese irgendwann doch schon gehört zu haben. Hat man einmal nicht aufgepasst, hat man in der ganzen Dichte einer Story nicht den geringsten Durchblick mehr – Aufpassen wie ein Haftelmacher also das einzige Mittel dagegen. Edward Norton dürfte diese Art von Filmen der schwarzen Serie geliebt haben. Tote schlafen fest, Die Spur des Fremden oder wie sie alle heißen. Ein späteres Beispiel, das mir so in den Sinn kommt, ist The Two Jakes von Jack Nicholson, gemeint als Fortsetzung von Roman Polanskis Chinatown. Ein ungelöster Kriminalfall, mysteriöse Frauenfiguren und eine politische Verschwörung im Schatten – genau das ist es, was Norton auf die Leinwand bringen wollte, nicht weniger detailverzettelt und mit allerhand Namen. Um das zu gewährleisten, hat er gleich die literarische Vorlage des Schriftstellers Jonathan Lethem adaptiert. Warum gerade dieses Buch? Womöglich, weil Protagonist des ganzen wortgewaltigen Krimis keiner ist, der völlig unbemerkt in der Menge verschwinden kann. Dieser Lionel Essrog, oder auch Motherless Brooklyn, wie er gerne genannt wird, der leidet unter dem Tourette-Syndrom. Nicht leicht zu spielen so was. Entweder man verpeilt sich als Schauspieler in einer lächerlichen Nummer, oder man stellt die Krankheitssymptome, die sich in unkontrolliertem Lauteschmettern und Schimpfen bemerkbar machen, wirklich als ein pathologisches Defizit dar. Norton gelingt letzteres. Die Nervenkrankheit, die er imitiert, ist ein erschwerender Umstand in einem Job, der äußerste Diskretion verlangt. Ob all die Leute, denen er begegnet, mit diesem Erscheinungsbild umgehen können? Der blitzgescheite Lionel Essrog macht diesbezüglich niemanden etwas vor, denn er hat trotz all dieser Schwierigkeiten etwas, was wiederum andere vielleicht lieber hätten: ein eidetisches Gedächtnis. In diesem Zwielicht aus wandelndem Pocketmemo und Freakshow versucht der grundsympathische Sonderling, dem Mord an seinem Freund Frank (ein relativ farbloser Bruce Willis) aufzuklären. Was natürlich ungeahnte Kreise zieht.

Nortons gepflegte Krimikost samt Ich-Erzähler aus dem Off lädt zur mehr als abendfüllenden Postkartenschau aus dem Nachkriegs-New York, entwickelt eine Vorliebe für formschöne Boliden und erzählt aus einer längst vergangenen Zeit, in der noch Stil großgeschrieben wurde, fahrbare Untersätze noch Schmuckstücke waren und der Fedora als gängige Kopfbedeckung des kultivierten Mannes galt. Des Weiteren hat nicht nur Woody Allen eine fieberhafte Vorliebe für Jazzclubs und der dort gespielten Musik – auch in Motherless Brooklyn trötet die Trompete, klimpert das Klavier und federn die Saiten des Basses. Alles mit Stil, alles formschön und formatfüllend in Szene gesetzt – adrett, geschmackvoll und im Grunde fast jede Einstellung eine Verbeugung vor Huston, Hawks und einer ebenso längst vergangenen Film-Ära, die spannendes Bohren nach der Wahrheit mit sozialkritischen Untertönen vereinbaren konnte. So gesehen erfüllt Motherless Brooklyn als Reminiszenz auf das nostalgische Großstadtkino viele Erwartungen und bringt selbst Verweigerern von Hochprozentigem auf den Geschmack rauchiger Whiskeys. So richtig risikofreudig wird Norton bei der Interpretation bewährter Stilelemente allerdings nicht, wenngleich er nihilistische Weltbilder aus seinem Krimi weitestgehend getilgt hat und letztendlich zugunsten romantischer Ambitionen das Schlachtfeld aus langen Schatten von mantel- und huttragenden Daviden gegen krakengleiche Goliathe leerräumt.

Motherless Brooklyn