If I Had Legs, I’d Kick You (2025)

AM EREIGNISHORIZONT DER FÜRSORGE

5/10


Rose Byrne in If I Had Legs I'd Kick You
© 2025 A24 Films


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: MARY BRONSTEIN

KAMERA: CHRISTOPHER MESSINA

CAST: ROSE BYRNE, A$AP ROCKY, CONAN O’BRIEN, DANIELLE MCDONALD, CHRISTIAN SLATER, IVY WOLK, LARK WHITE, DANIEL ZOLGHADRI, DELANEY QUINN U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Die Abwesenheit von Personen

Das erste, was mir in Emily Bonsteins Psychotrip unangenehm auffällt, ist die Abwesenheit des Kindes. Und das, obwohl es relativ häufig Teil der Handlung ist. Die Abwesenheit von etwas in If I Had Legs I‘d Kick You treibt nicht nur Rose Byrne dem Abgrund näher, sondern auch mich in eine gewisse Dissonanz. Was Bronstein vorhat, ist so stur wie provokant: Das Kind selbst ist immer nur indirekt zu sehen, man hört es reden, weinen, schreien, toben.

Enervierend wird es, wenn Lindas Tochter spricht, wenn sich Linda selbst mit ihr unterhält. Selbst da rückt Christopher Messina mit seiner Kamera keinen Zentimeter von Rose Byrnes Gesicht weg, sondern hält stoisch drauf, rückt dabei noch näher, lässt das Gesicht sogar zu einer Art abstrakter Landschaft werden. Doch sie ist es nicht, die ich in diesem Moment sehen will.

Unbekanntes Leiden

Viel lieber aber würde ich dieses Mädchen sehen. Anscheinend ist es krank – auch hier hält sich Bronstein mit Informationen zurück. Zumindest wird klar: Das Leiden verlangt künstliche Ernährung, die über eine Magensonde verabreicht wird. Daher muss Mama Linda auf Schritt und Tritt bei ihrer Tochter bleiben. Wieder ein Faktor, der seltsam irritiert. Warum so ein Geheimnis um das Kind? Und weshalb muss Rose Byrne so dermaßen formatfüllend die Leinwand sprengen?

Ereignishorizonte des Alltags

Als Planet Mama kann es schnell passieren, und der Care-Arbeit leistende Himmelskörper, der durch den Alltag rotiert, wird über den Ereignishorizont eines Wasserrohrbruchs hinweg in ein schwarzes Loch gezogen, das sich an der Decke in der Wohnung manifestiert hat und diese zur Zeit unbewohnbar macht. Linda und ihr Kind hausen in einem Motel, der Papa existiert zwar auch, trägt aber auch das Stigma der Abwesenheit mit sich herum, schließlich ist er Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes – wenigstens das weiß man, wenn schon sonst nichts.

Rose Byrnes „Planet Mama“ gerät aus der Umlaufbahn. Als Psychotherapeutin macht sie einen miesen Job, und wenn sie den mal nicht macht, liegt sie am Sofa ihres Kollegen (Conan O’Brien, der Oscar-Host) oder geistert in der unbewohnbaren Wohnung herum, um sich von der Gravitation des Abgrunds anziehen zu lassen. Der funkelt und die Lichter tanzen, wie in einem Traum.

Albtraum einer „Rabenmutter“?

Womit wir Emily Bronsteins Film am ehesten fassen können: mit der Mechanik des Traumes. Surreale Elemente vermengen sich mit einem getriebenen Alltag, der aber auch nicht apokalyptischer scheint wie viele andere auch, wie vielleicht manchmal der eigene. Das Stigma des Versagens kann sich damit aber ausreichend nähren und scheint Rose Byrne vom Zustand des Bedauerns bis zur instinktiven Flucht zu begleiten. Das Kind ist immer noch nicht greifbar, der oscarnominierte Star immer noch formatfüllend, und irgendwann taucht auch Christian Slater auf, den wir sonst nur zu hören bekommen.

Viel Lamento um recht wenig

If I Had Legs, I‘d Kick You – ein Filmtitel, der keinen Sinn ergibt, denn die Phrase hat sich Bronstein in ihren Teenagerjahren ausgedacht – ist ein unrundes Werk, das aufreibt, Unruhe hinterlässt und ihre Protagonistin vorschnell an die Grenze der Resilienz gehen lässt.

Die Mutterrolle selbst wird, so wie in Nightbitch oder Nightborn, nicht hinterfragt oder neu definiert. Gesellschaftliche Isolation ist auch nicht das Thema. Versagensängste, die auch Danielle McDonald in einer Nebenrolle umtreiben und die als einzige den Zustand Byrnes insofern reflektiert, dass man diese Figur besser fassen kann, führen zu einem artifiziell aufgeblasenen und seltsam trotzigen Problemfilm, der sich selbst ausreichend gut gefällt.

If I Had Legs, I’d Kick You (2025)

Marty Supreme (2025)

STRESSED FOR SUCCESS

9/10


© 2026 Tobis Film


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JOSH SAFDIE

DREHBUCH: RONALD BRONSTEIN, JOSH SAFDIE

KAMERA: DARIUS KHONDJI

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, GWYNETH PALTROW, ODESSA A’ZION, KEVIN O’LEARY, TYLER OKONMA, ABEL FERRARA, FRAN DRESCHER, KOTO KAWAGUCHI, SANDRA BERNHARD, EMORY COHEN, FRED HECHINGER, PHILIPPE PETIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Vielleicht muss man Tischtennis lieben, um mit Marty Supreme etwas anfangen zu können. Vielleicht muss man selbst mal Tischtennis gespielt haben, weit über den Status eines sommernachmittäglichen Ping-Pong-Spiels hinaus, ohne Match, ohne Zählen, ohne das bange Steigern bis zur 21 hin, denn da endet der Satz, und ein neuer kommt. Das Spielfeld ist überschaubar, der Ball viel kleiner als beim Tennis; es sieht zwar nicht so aus, als würde man sich groß verausgaben, doch der Schein trügt tatsächlich. Tischtennis erfordert die Beherrschung einer Technik bis zur Perfektion. Es gibt gefühlt tausende Möglichkeiten, wie der kleine Hartplastikball aufkommen und abprallen kann, und gefühlt tausend Möglichkeiten, wie man ihn annimmt. Eine von tausend ist die richtige, alles andere nur Glück. Man schwitzt, man keucht, man verrenkt und verdreht seinen Körper. Über allem: Hohe Konzentration, Fokus auf den Ball. Dieser mag weiß sein oder, wie bei Marty Supremes Spezialausgabe, eben Orange.

Marty gegen den Rest der Welt

In dieser Welt ist der auf einer wahren Biografie beruhende Marty Mauser ein Virtuose, lediglich die Japaner machen ihm bei einem wegweisenden Turnier in London einen Strich durch die Rechnung. Einer wie Marty kann sowas nicht auf sich sitzen lassen, will Weltmeister werden, will alles. Und noch viel mehr. Was muss er dafür tun? Das nötige Kapital für eine Teilnahme der Meisterschaften in Japan zusammenkratzen. Klingt extrem nach Sportfilm? Könnte man meinen. Doch wenn man einen Charakter wie Marty Mauser vor sich hat, weiß man: Dieser junge Herr, der es wie Theo gegen den Rest der Welt aufnehmen kann, der von sich selbst so sehr überzeugt ist, es als einziger auf diesem Planeten verdient zu haben, Ruhm zu erlangen – dieser junge Mann wird seinen Stressfaktor so hochschrauben, bis seine Wachsflügel Marke Ikarus die Sonne selbst herausfordern. Und so viel Stress, das kann nur eines sein: Ansteckend, mitreissend, da wird Atemholen zur Atemnot. Und ab und an vergisst man darauf, die Lungen zu blähen, weil einem die Luftzufuhr stockt, weil Marty wieder den Ball auflegt, am Ball bleibt, den Ball verliert, ihm nachjagt, immer und immer wieder.

Dann ist dieser Ball plötzlich kein rundes Ding mehr, keine Miniaturwelt, sondern er selbst in dieser Sphäre gefangen, die aus so vielen Faktoren besteht, die ineinandergreifen. Irgendwann geht’s gar nicht mehr um Tischtennis. Das, um die weniger sportaffinen zu beruhigen, wird wohl die meiste Laufzeit des überbordenden Films einnehmen – das Nicht-Sportliche, die unruhige Suche nach dem Mammon, nach den richtigen Leuten mit Einfluss, nach der Rechtfertigung eines solchen Egos, und weniger nach Verantwortung, Liebe, Geborgenheit und natürlich Werten, die nachhaltiger sind als die Nummerntafeln am Spielfeldrand eines Tischtennisturniers.

Im freien Fall wie eine Katze

Die Brüder Josh und Bennie Safdie haben sich getrennt, weswegen auch immer. Kreative und moralische Differenzen womöglich. Der eine, Bennie, hat sich Dwayne Johnson angenommen und ihn mit The Smashing Machine als Catcher ins Scheinwerferlicht eines Rings gerückt. Ein schaumgebremstes Stück Sportbiografie ohne Extras, dafür mit Extra Haarpracht für The Rock. Der andere, Josh Safdie, wird als der eine von beiden wohl schon immer das Zepter der Dramaturgie geschwungen haben. Er wird gewusst haben, auf wie vielen Ebenen sich Dialoge aufsplitten lassen, wie viele Figuren gleichzeitig aufeinander einreden können, ohne dass die Regie dem Chaos erliegt und nichts mehr geht. Josh Safdie hat mit seinem Marty Supreme alle Trümpfe behalten. Wie er Timothée Chalamet in den freien Fall befördert und ihm dabei zusieht, wie er während dieses Falls alles Menschenmögliche an sich rafft, um mit beiden Beinen aufzukommen, grenzt an draufgängerische Dreistigkeit und spiegelt so die Haupteigenschaft des Charakters.

Anpassung eines Unangepassten

Marty Supreme lässt die Faktoren eines Schicksals, das aus grimmigen Kausalitäten besteht und sich verästelt wie ein Gewitterblitz, aufeinanderprallen, überlagert sie wie Zwölftonmusik. So manches Wortgefecht wird zum hysterischem Konflikt – Marty Supreme ist laut und zeternd und ringend um Klarheit, dabei niemals ringend um den roten Faden, der sich durch dieses gehetzte Psychogramm zieht. Mittendrin plötzlich einer wie Abel Ferrara als hundeliebender Finsterling oder Kevin O’Leary als Alphamann mit Einfluss und reichlich Potenzial für Spott. Ihnen begegnet Chalamet stets auf unterschiedliche Weise, doch selten so wie Leonardo DiCaprio in The Wolf of Wall Street oder Catch Me if You Can. Chalamet ist da noch einen Tick fragiler und gleichzeitig amorpher, seine Anpassungsfähigkeit ist erstaunlich und funktioniert, weil er eben genau das nicht tut: sich anzupassen. Weit weg von Scorsese und Spielberg ist Marty Supreme positioniert, diese anarchische Wildheit trauen sich die beiden Regiestars wohl gar nicht mehr zu, weil sie bereits dermaßen etabliert sind. Josh Safdie aber komponiert seinen Urban-Survival-Thriller fast intuitiv, verkopft sich nie, fühlt die Geschichte und umgekehrt fühlt sie ihn.

Zwischen den Matchbällen

Oscar-Filme sind überraschenderweise wirklich nur in seltenen Fällen nicht die Mühe wert, sie zu nominieren. Marty Supreme hat diesen Ehrgeiz und diesen Eifer in sich, sowohl schauspielerisch als auch inszenatorisch und überhaupt auch, was den Sport betrifft. Dieses Mehrwollen, den Hals nicht voll kriegen; dieses fiebernde Streben nach Erfolg bugsiert diese Tischtennisnummer bis über den Spieltischrand hinaus in schweißtreibende Höhen. Es kommt der Punkt, da geht es nicht höher, und genau diese Neuerdung einer Figur wie jene des Marty Mauser ist der heilende Prozess, um die Dinge klarer zu sehen. Die Welt zwischen Egomanie und Zufriedenheit. Zwischen Lebensziel und Lebensglück.

Ein prachtvoll-derber, schmutziger Schinken also, obszön und liebevoll. Und mag man Tischtennis, gibt’s die Spannung beim Aufschlag obendrauf. Für alle anderen ist der Sport dann nur Platzhalter für ein Können, das uns wettbewerbsfähig macht. Fragt sich nur zu welchem Preis.

Marty Supreme (2025)