Klaus

DER WEIHNACHTSMANN ALS MENSCH

7/10 


klaus© 2019 Netflix


LAND: SPANIEN, USA 2019

REGIE: SERGIO PABLOS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JASON SCHWARTZMAN, J. K. SIMMONS, RASHIDA JONES, JOAN CUSACK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


In Tagen wie diesen wird wieder vermehrt Weihnachtliches am Bildschirm konsumiert. In Ermangelung eines gemütlichen Kinobesuchs in der Adventzeit habe ich nun die letztjährig für den Oscar als bester Animationsfilm nominierte Tragikomödie Klaus einer Sichtung unterzogen. Für alle, die allerdings schon die Nase voll haben von Ho Ho Ho und sonstigem Nordpol-Kitsch, der ja in Dosen genossen durchaus anheimelnd wirkt, schnell aber wie ein Unmaß an Süßkram zu Unwohlsein führen kann – für alle also, die da schon die Nase voll haben, bevor es überhaupt so richtig angefangen hat, die könnten mit dieser Interpretation des Santa Clause-Mythos wohl am ehesten warmwerden. Denn die Richtung, die Klaus einschlägt, ist für einen Weihnachtsfilm, wie er normalerweise sein soll, eher auf dem geheimen Schleichweg unterwegs. Klar führt beides ans selbe Ziel, nämlich zum Weihnachtsmann mit all seinen Marotten und Gepflogenheiten, dem fliegenden Schlitten und den Rentieren und dem Kamin und so weiter und so fort. Doch wie sich Regisseur Sergio Pablos dorthin durcharbeitet, ist erstaunlich frei von aufgerüschtem Pathos.

Noch dazu beginnt die Geschichte irgendwo, nur nicht am Nordpol. Jasper ist vom Scheitel bis zur Sohle ein Taugenichts unter der Sonne und einer, der dem stolzen Papa, seines Zeichens Befehlshaber aller auszubildenden Postboten weit und breit, schwer auf der Tasche liegt. Zwecks Läuterung wird dieser kurzerhand an den Allerwertesten der hier bekannten Cartoonwelt verbannt – in das schräge Kaff Zwietrachtingen. Kenner des Asterix-Comics Nr.25 – Der große Graben – werden sich an vergnügliche Lesestunden zurückerinnert fühlen. In diesem Dorf gibt es genau woe dort zwei Parteien, die sich schon Generationen lang bekriegen. Gute Stimmung herrscht hier trotz winterlichem Ambiente keine. Die 6000 Briefe, die Jasper verschicken soll, sind unerreichbare Zukunftsmusik. Wäre da nicht jenseits des Waldes ein alter, griesgrämiger Holzfäller und -Spielzeugschnitzer, der die ganze verfahrene Situation vielleicht doch noch geradebiegen könnte.

Animiert und gezeichnet ist Klaus schlichtweg grandios. Angelehnt an die 2D-Optik klassischer Zeichentrickfilme aus dem Hause Disney, schafft es Pablos durch das Hinzuziehen von Schattierungen eine eigenwillig schimmernde Tiefe zu erzeugen. Das ist keine akkurate 3D-Optik wie bei Pixar. Die Charakterdesigns heben sich angenehm anders vom üblichen Animationsbrei ab, eben auch diese Mixtur aus Tiefe und Skizze verleiht dem Film eine ganz eigene Note, an der man sich lange nicht sattsehen kann, die immer neu erstaunt, die erfrischend bleibt bis zum Abspann. Das Dorf Zwietrachtingen trägt sogar ein bisschen Tim Burton-Kolorit – so liebevoll karikiert sind dessen Bewohner, so überhöht und überspitzt dessen Proportionen. Auch die Story selbst verspricht, mit launigem, keinesfalls infantilem Humor und durchaus auch ernsten Momenten eine Origin-Story rund um den Weihnachtmann auf die Beine zu stellen, die das Menschliche und durchaus nicht immer Perfekte dieser verehrten Figur in seinen Fokus nimmt. Der Weihnachtsmann ist hier längst nicht nur eine dickliche, kekseliebende und vergnüglich brummende Gestalt – sondern ganz einfach ein Individuum mit plausibler Biographie. Da auch Postbote Jesper nicht perfekt ist – und schlichtweg überhaupt niemand in diesem kauzigen Märchen rund um die Eigendynamik guter Taten – fühlt man sich als Zuseher ganz gut aufgehoben in diesem verspielten, bewegten Mikrokosmos eines liebevoll bizarren Werteparcours. Auch wenn die Apotheose von Holzmeister Klaus allzu plötzlich kommt – und gar nicht notwendig gewesen wäre.

Klaus

Ich habe meinen Körper verloren

DIE POESIE DES LOSLASSENS

7,5/10


ilostmybody© 2019 Netflix


LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: JÉRÉMY CLAPIN

MIT DEN STIMMEN VON: HAKIM FARIS, VICTOIRE DU BOIS, PATRICK D’ASSUMÇAO, BELLAMINE ABDELMALEK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Wenn man genau recherchiert, lässt sich auf Netflix das eine oder andere cineastische Kleinod entdecken. Filme, die längst nicht so beworben wurden wie preisverdächtige Ensemblefilme aus Hollywood, die aber in der Branche dennoch Aufsehen erregten. Darunter sind auch einige aus der Sparte Animation, und ganz besonders hervorheben möchte ich hierbei den innovativen Trickfilm Ich habe meinen Körper verloren. Klingt ein bisschen nach den Büchern des Neurologen Oliver Sacks? Ist es aber nicht. Dieses Werk hat mit Anomalien aus der Medizin gar nichts zu tun, obwohl, wenn man es genauer nimmt, geht’s doch auch um physische Defizite, die aber rein sinnbildlich zu verstehen sind. Ich habe meinen Körper verloren ist eine märchenhafte Parabel und gleichzeitig eine behutsame Liebesgeschichte, die lose auf dem Roman Happy Hand von Guillaume Laurant beruht und auf eine visuelle Erzählweise setzt, die gleich von der ersten Sekunde an besticht und auch verblüfft.

Denn Regisseur Jérémy Clapin erzählt alles andere als einen konventionellen Film, sein Werk orientiert sich nicht nur am französischen Erzählkino der Gegenwart, sondern teilt noch dazu innerhalb seiner knappen Laufzeit die Geschichte kurzzeitig auf drei, dann auf zwei Erzählebenen auf, spielt sogar noch mit den Zeiten und jongliert sie über- und untereinander, ohne dabei die Orientierung zu verlieren oder seinem Konzept die Luft zum Atmen zu nehmen. Im Zentrum steht ein junger Mann, der – das sieht man in Rückblenden – vor langer Zeit bei einem Autounfall seine Eltern verlor. Gegenwärtig verdingt er sich als Pizzabote, wobei er im Zuge seiner Lieferfahrten durch besondere Zufälle auf das Mädchen Gabrielle trifft. Gleichzeitig aber verfolgen wir die Odyssee einer abgetrennten Hand, die aus einem medizinischen Labor ausbricht und sich auf die Suche nach ihrem Körper macht. Anders als im Buch, in welchem diese eine erzählerische Aufgabe innehat, bleiben die Szenen, in denen die Extremität auf virtuose Art durch Räume, Straßen und Kanäle wandert, ohne Worte und gewinnen dadurch enorm an Intensität. Auch sonst knickt der zarte Film nicht unter der Last ausufernder Gespräche ein – ganz im Gegenteil. Vieles bleibt nonverbal.

Die Poesie des Loslassens handelt vom Schmerz eines Verlustes als Hindernis für ein erfülltes Weiterleben. Es geht um die Akzeptanz irreversibler Defizite und um leere Nischen, die nicht mehr nachbesetzt werden können. Jede andere Art von Film würde damit ganz schön ins Straucheln kommen und selbst vielleicht zu viel Trübsal blasen. Nicht so mit dem stilisierten Vokabular eines Trickfilmes. Ich habe meinen Körper verloren pendelt wohldurchdacht zwischen haarfeinen Tracings, vollen Farben und leicht abstrahierten Fotografien. Die Sicht auf die Dinge des Lebens entdeckt das Kleine wie das Große, schafft Bilder wie aus einer Graphic Novel. Ein zauberhafter, diskreter und verspielter Film über das Grundbedürfnis des Hinwegkommens, zur Recht nominiert für den Oscar und ausgezeichnet in Cannes. Magisches Kino, mal ganz anders.

Ich habe meinen Körper verloren

Corpus Christi

WILLST DU PRIESTER, KANNST DU PRIESTER

6,5/10

 

CorpusChristi© 2020 Arsenal Filmverleih

 

LAND: POLEN 2019

REGIE: JAN KOMASA

CAST: BARTOSZ BIELENIA, ELIZA RYCEMBEL, ALEKSANDRA KONIECZNA, LUKASZ SIMLAT, TOMASZ ZIETEK U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


„…wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. So heißt es doch im längst auswendig gelernten und niemals verlernbaren Vater unser, soweit ich mich erinnern kann. Interessanterweise aber hält sich die Kirche selbst am Wenigsten daran. Denn es ist – laut Jan Komasas Filmdrama Corpus Christi – verboten, als vorbestrafter Mensch, so sehr dieser auch geläutert sein mag, das Priesteramt auszuüben. Jesus hätte tadelnd den Kopf geschüttelt. Denn diese Handhabe ist genau das, was Jesu Botschaft nicht ist. Genauso wie das Zölibat, ein gänzlich anders Kapitel. Aber seis drum – die Kirche hat ihre obsoleten Regeln, und der Messias bleibt mit dabei. Der ist auch mit dem Kriminellen Daniel auf einer Spur, denn dieser will nichts anderes, als nach dem Absitzen seiner Strafe im Knast predigen zu dürfen. Geht nicht. er muss ins Sägewerk irgendwo am Land, in der Nähe eines polnischen Dorfes im scheinbaren Nirgendwo. Wie es der Zufall will, ist der ortsansässige Pfarrer gesundheitlich etwas angeschlagen und muss für medizinische Behandlungen mal kurz weg. Altar frei für Daniel, der den Namen seines geistlichen Vorbildes in der Jugendstrafanstalt annimmt, zufälligerweise ein Priestergewand bei sich trägt und die Gelegenheit am Kreuze packt. Was Daniel nicht weiß – die Dorfgemeinschaft hat schon mal bessere Zeiten erlebt. Und hätte einen Geistlichen, der die Nachwirkungen einer Tragödie wieder erträglich macht, bitter nötig.

Zaungäste der letzten Oscar-Verleihung wissen es: Corpus Christi war für die Kategorie Fremdsprachen nominiert, gewonnen hat dann Parasite. Der polnische Beitrag allerdings hat auch seine Stärken, und er erzählt eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Tatsächlich hat es einen solchen Fall gegeben, in dem sich ein Fake-Priester die Gunst seiner Schäfchen sichern konnte. Willst du Priester, kannst du Priester. Das Wort Gottes sollte ja beinahe schon jeder verkünden können, der weiß, was er zu sagen hat. Jesus selbst war ja auch kein Geistlicher, sondern schlicht und einfach ein Zimmermann. Überraschend aber auch, dass Corpus Christi vor allem auch auf religiöser Seite auf Anklang stieß, führt doch das Auftreten des jungen Daniel ein langwieriges Studium in Sachen Theologie ad absurdum. Denn letzten Endes spricht man nur mit dem Herzen gut, und Wahrheit braucht keine Prüfung. Der Rest ist Sache eines integren Autodidakts.

Komasas Film ist aber längst kein bleischweres Betroffenheitskino, obwohl Inhalt und Thema etwas anderes vermitteln wollen. Was wie ein düsteres Knastdrama beginnt, schlägt relativ kurze Zeit später die Richtung eines erfrischend anderen Psychogramms einer Gemeinde ein, die drauf und dran war, sich selbst in eine Stasis aus Trauer und Hass zu verbannen – hätte nicht Daniel das Zeug dazu, das Ruder auf unorthodoxe, dafür aber urchristliche Art rumzureißen. Diese kollektive Katharsis setzt Komasa dicht in Szene, seine Bilder sind von weihrauchverhangener Düsternis, dazwischen deftige Rhythmen, viele Zigaretten und fahles Licht. Daniel wird zur erfrischenden Gestalt selbigen inmitten dieser verbohrten Unfähigkeit, den Grundgedanken von Vergebung zu leben. Schauspieler Bartosz Bielenia, von dem man sicher noch so manches hören wird, verleiht dem falschen Prediger eine mitreißende Intensität. Man hört ihm zu, man folgt ihm, man fühlt sich vielleicht irritiert, doch motiviert dies vielleicht festgefahrene Gedanken zur Umkehr. Prachtvoll, dieser Aufruf, genau dem die Hand zu reichen, der ein Unglück vielleicht verschuldet hat. Dabei erscheint die Kleinheit des um sich rotierenden und absolutionsgierenden Menschen so klar und deutlich, und völlig unmissverständlich.

Corpus Christi aber ist kein Läuterungskitsch, und nirgendwo blickt auch nur irgendwer in einen kitschigen Sonnenaufgang. Nein, dieser Film ist kein Freund der Kirche, eher ein Freund einer nicht nur christlichen Ethik. Was am Ende aber aus diesem Abenteuer der Menschlichkeit herauskommt, lässt dann doch nochmal ratlos zurück. Absolution gibt’s dann leider nicht für alle, und ein bisschen Sonnenaufgang am Rande hätte ich mir fast gewünscht. 

Corpus Christi

Leviathan

HIOB LÄSST SICH GEHEN

6/10

 

Leviathan© 2015 Wild Bunch Germany

 

LAND: RUSSLAND 2014

REGIE: ANDREY ZVYAGINTSEV

CAST: ALEKSEY SEREBRYAKOV, ELENA LYADOVA, VLADIMIR VDOVICHENKOV, ROMAN MADYANOV, ANNE OUKOLOVA U. A.

LÄNGE: 2 STD 21 MIN

 

Du bist der Fels, auf dem ich meine Kirche baue. Das soll damals, wenn man den Überlieferungen glaubt, Jesus zu Petrus gesagt haben. Petrus hat diese Bürde dankend angenommen. Anderen gefällt dieses Gleichnis weniger. Zum Beispiel Kolia, dem Vater eines Sohnes und Erbe eines stattlichen Holzhauses an der Küste der Barentssee. Ein herrliches Fleckchen Erde mit Rundblick bis hinaus auf den fernen Horizont, umgeben von Felsen und Wellen, hinter einer Brücke geht die Kleinstadt erst weiter. Das Häuschen selbst bietet angenehm rustikalen Komfort, hat große Fenster – moderner Landstil, wenn man so will. Da lässt sichs leben. Das weiß auch der Bürgermeister der Gemeinde, und das weiß auch die russisch-orthodoxe Kirche, die dort, an diesem exponierten Plätzchen, eine Kirche bauen will. Der richtige Fels also. Nur blöd, dass Kolia dort lebt. Der Bürgermeister wird’s hoffentlich richten, oder? Damit es den Mächtigen schmeckt. Fällt sicher was für den feisten Herren etwas ab. Kolia muss also seinen Besitz veräußern, ob er will oder nicht. Doch der hat zufällig einen Freund in Moskau, der Anwalt ist. Mit ihm zieht er vor Gericht, bringt ans Licht, was der Machtmensch des Ortes sonst noch für Dreck am Stecken hat. Doch der liebe Gott meint es nicht gut mit Kolia, der den dem Wodka zugeneigten Mechaniker so dermaßen auf die Probe stellt, dass man als Mensch eigentlich nur verlieren kann. Wenn man nicht ein Machtmonster wie der Bürgermeister ist.

Leviathan, das ist doch ein Seeungeheuer aus der christlich-jüdischen Mythologie? In einer Szene des Films zitiert ein Geistlicher im Gespräch mit Kolia aus dem Buch Hiob, um klarzumachen, dass sich ein Kampf mit dem Monster bei Weitem nicht lohnt. Das Monster, das sind die Mächtigen, ein ungreifbares und unangreifbares Ungetüm, bestückt mit zahlreichen Gliedmaßen, fast schon einer Hydra gleich. Bezwingen lässt sich das nicht. Der kleine Mann kann hierbei nur verlieren, es sei denn, er findet Halt im Glauben. Doch letzten Endes ist es die Institution des Glaubens, die den armen Trinker verrät – und ihm alles nimmt. Erbauliches Kino ist das keines, viel eher bitterer Filmrealismus, in welcher sich das Tragische zuspitzt wie sonst nur in klassischen Tragödien. Jim Sheridans themenverwandtes Enteignungsdrama Das Feld ist von ähnlich epischer Tragweite, auch Das Haus aus Sand und Nebel mit Ben Kingsley und Jennifer Connelly kennt die destruktive Dynamik von Existenzverlust und freiem sozialem Fall.

Der Wodka, der fließt dabei in Strömen und feiert den heulenden Niedergang. Wenn die monströsen Zähne der Baggerschaufel in die häusliche Geborgenheit der heiligen vier Wände einschlagen und diese niederreißen, dann sind das die schmerzlichsten, wie auch stärksten Szenen des Films. Andrey Zvyagintsev entzieht der Kirche und den Mitmenschen das Vertrauen. Der Politik sowieso. Nur der Glaube könnte ihn noch retten, doch anders als bei Hiob ist dieser bei Kolia nur peripher bis gar nichtvorhanden. Der einzige Freund, der noch bleibt, das ist der Kartoffelschnaps. Worauf also will Zyvagintsev hinaus? Was für mich übrig bleibt, ist ein Klagelied auf alles Mögliche (sogar auf den Alkohol), was, so lässt es sich vermuten, in Russland im Argen liegt. Wie kann es anders sein, in einem Land, in dem die Mächtigen gefühlt auf ewig mächtig bleiben wollen? Das ganze Land scheint wie ein diffuser Leviathan zu sein, so zumindest illustriert es dieser Film, dessen prädestinierter Abwärtstrend nicht aufwühlt, aber in seltsam phlegmatischer Resignation zurücklässt.

Leviathan

Harriet – Der Weg in die Freiheit

FLUCHT NACH VORNE

5/10

 

HARRIET© 2019 Universal Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: KASI LEMMONS

CAST: CYNTHIA EVIRO, LESLIE ODOM JR., JOE ALWYN, CLARKE PETERS, JENNIFER NETTLES U. A. 

 

Letztens lief wieder mal Steven Spielbergs vielfach oscarnominiertes Südstaatendrama Die Farbe Lila im Free TV. Whoopie Goldberg war damals die Idealbesetzung, und hätte es damals in den 80ern schon die Idee gegeben, ein Biopic über Harriet Tubman zu produzieren, wäre sie natürlich ebenfalls erste Wahl gewesen. Gegenwärtig übernimmt solche Rollen wohl Cynthia Eviro. Ein breiteres Publikum kennt sie vielleicht aus Black Panther – die resolute Schildmaid aus Vakanda. Ich muss zugeben, diese Schauspielerin ist extrem wandelbar. Mit Harriet werden Eviro vermutlich noch mehr Türen ins Filmbiz geöffnet, da ihre schauspielerische Leistung in vorliegendem Historienfilm der Academy gar eine Oscarnominierung wert war. Sonst ist Harriet in kaum einer Weise preisverdächtig. Und das liegt natürlich nicht an der äußerst spannenden und ungewöhnlichen Episode aus dem Vorabend der Sezessionskriege. Eine Art Rebellion wird hier erzählt, der Sturm vor dem Hurrikan, der ein ganzes Land in den Ausnahmezustand versetzen wird. Eine Art Rogue One der schwarzen, versklavten Minderheit, angeführt von einer stolzen, freiheitsliebenden, patenten jungen Frau, die nicht weniger zu verlieren hätte als ihre wiedergewonnene Freiheit.

Kurze Zeit vor dem Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs: die damals noch nicht als Harriet in die Geschichte eingegangene junge Frau fristet ihr Dasein mitsamt Familie unter der Fuchtel eines strengen Großgrundbesitzers und Überbauern, der seine Sklaven selbstredend als Eigentum betrachtet. Die Möglichkeit einer Vermählung steht im Raum, doch der Sklaventreiber gibt die junge Frau nicht frei. Trotz Zugeständnis des Vorbesitzers gelten nun andere Regeln. Was für eine Schmach, was für eine untragbare Situation. Noch dazu soll Harriet neu verkauft werden, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt. Einziger Weg raus aus dem Schlamassel: die Flucht. Wie durch ein Wunder schafft sie es, sich über Hundert Meilen zu Fuß Richtung Norden durchzukämpfen. Kaum zu glauben, dieses Schicksal. Ob ihr fester Glaube an Gott, mit dem sie tatsächlich immer wieder Zwiesprache hält, geholfen hat? Oder all ihre Visionen? Zumindest sollen diese sie vor Schlimmerem bewahrt haben. Kein Fehler, wenn man diesem Umstand mit Skepsis begegnet. Der Heilsfigur Harriet gelänge hier fast schon eine kleine Apotheose. Doch warum nicht, für kultische Verehrung reichen die Fakten ohnehin schon. Wie viele Sklavinnen und Sklaven Harriet aus der Knechtschaft befreit hat, ist erstaunlich. Nicht umsonst trägt die resolute Dame den Decknamen Moses. Religion spielt also eine wichtige Rolle. Vielleicht ist da wirklich was dran?Jedenfalls hatte Harriet selbst schon eine Ahnung, was den Bürgerkrieg betraf. Dass die Nordstaaten gegen die Yankees siegen würden. Dass die Sklaverei alsbald der Geschichte angehören wird. Genau dieser Aspekt macht Harriet zu einem interessanten Prolog, zu einer wichtigen Vorgeschichte zum oft dokumentierten, dramatisierten und in Prosa gefassten Krieg der beiden Himmelsrichtungen Nord und Süd.

So faszinierend diese Chronik einer Nacht- und Nebel-Rebellion auch sein mag, so konservativ und manchmal uninspiriert lässt sich der Film darüber aus. Vieles erinnert an Twelve Years a Slave, zum Glück allerdings bleiben uns die blutigen Folterszenen aus Steve McQueens zermürbendem Leidensweg erspart. Die übrigen Komponenten haben fast schon etwas Westernhaftes, wenn Harriet mit breitkrempigem Hut und Revolver den gefährlichen Süden aufmischt. Eviro verleiht ihrer Figur sowohl Zerbrechlichkeit als auch eine zutiefst militante Attitüde. Unnahbar bleibt sie trotzdem, gleichsam entrückt und für ganz anderes bestimmt als das übrige Volk. Ein Moses eben, nur ohne Gesetzestafeln.

Im Grunde ist Harriet – Der Weg in die Freiheit ein recht simpel erzählter, fast schon volkstümlicher Film. Ein Umstand, oder gar eine Versuchung, dem Geschichtsfilme wie dieser sehr gerne erliegen, weil sie sich vielleicht zu sehr auf die Attraktivität der Fakten verlassen, ohne aber eine eigene künstlerische Handschrift einzubinden, eine persönliche Sicht der Dinge. Könnte gut sein, dass Geschichte nicht verfremdet werden soll, aber sagt das mal Quentin Tarantino. Harriet wird dadurch vielleicht auch etwas zu spröde, zu trocken. Eine Meinung fehlt, ansonsten bleibt es gespielte Dokumentation. Und das ist mir fürs Kino fast zu wenig.

Harriet – Der Weg in die Freiheit

Die Wütenden – Les Misérables

HINTER DEN KULISSEN VON PARIS

7/10

 

diewuetenden© 2019 Wild Bunch

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: LADJ LY

CAST: DAMIEN BONNARD, ALEXIS MANENTI, DJIBRIL ZONGA, ISSA PERICA U. A. 

 

Über eine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film durfte sich dieses Jahr der Filmemacher Ladj Ly freuen, nebst unzähligen weiteren Auszeichnungen, die sein Werk bereits eingeheimst hatte. Die Wütenden – Les Miserables, bezugnehmend auf Victor Hugos legendären Roman, ist ein wahrlich treffender Titel für diesen Schulterblick beim Polizeieinsatz in der Peripherie von Paris, genauer gesagt in der Satellitengemeinde Montfermeil. Was diesen Stadtteil so besonders macht, sind seine Bewohner: armutsgefährdete Menschen aller möglichen Nationen, und vor allem jener Länder, die Frankreich einst kolonisiert hat. Multikulturell ist fast schon ein Hilfsausdruck, auch Religionen treffen aufeinander, es leben auch Ethnien Tür an Tür, die sich nicht ausstehen können. In diesem Schmelztiegel sind Verbrechen an der Tagesordnung, jeder kocht sein Süppchen und die Kids, die loten ihre Grenzen aus, nämlich dort, wo gar keine sind. Dieses Kräftemessen muss in Zaum gehalten werden, sonst drohen wieder bürgerkriegsähnliche Unruhen wie seinerzeit 2005. Die Lunte ist stets kurz. Diese Gewalt braucht Gegengewalt – denkt so manch ein Polizist, sonst ist die Exekutive nur Staffage. In solch ein Grüppchen Ordnungshüter wird der Ex-Streifencop Stephane versetzt, der neben den vernachlässigbaren Schikanen seines Macho-Kollegen wohl den schlimmsten Tag seines Lebens haben wird.

Ladj Ly kennt dieses freie Spiel der Kräfte. Ein Kenner der Materie. Ly selbst ist dort aufgewachsen. Geprägt hat ihn dieses Leben mit Sicherheit. Dieses andere Paris, das muss verstörend sein. In die Schranken gewiesen werden die Elenden dort mit demonstrativer Gewalt, die auch so mancher Kamera nicht entgeht. Ly hat 2008 so eine Eskapade gefilmt, woraufhin die Cops vor Gericht gestellt wurden. Nach einer Doku rund um diese Gegend fiel 12 Jahre später die erste Klappe zu Die Wütenden. Auch hier ist das beobachtende Auge das Zentrum des Geschehens, denn der perfekt balancierte Flug einer Drohne ist der ruhende Gegensatz zum baldigen Überkochen der Emotionen, die in einem Alltag zwischen Notstand, Ziellosigkeit und Bandenpolitik mit stiernackigem Stolz die Ansprüche der Einzelnen geltend machen. Gehört werden sie von denen da oben ganz wenig, mit zynischer Geringschätzung aber von der Exekutive gezügelt. Von Anfang an herrscht in Die Wütenden hoher Blutdruck, wie Magma unter der Erdkruste. Lys Film erinnert an die früheren Werke von Spike Lee, ganz besonders an seinen Film Do the Right Thing, der ebenfalls an einem siedend heißen Sommermorgen beginnt und die Gewalt so richtig eskalieren lässt. Nebst diesem fliegenden Auge, das den Missstand dokumentiert, steht der exotische Traum für ein besonderes Leben – ein gestohlenes Löwenbaby. All das verschmilzt weit über dem Siedepunkt mit der wütenden Ohnmacht derer, die nicht gehört werden, und das sind sowohl die, die eingeschüchtert werden als auch die, die einschüchtern. Nur einer hört zu, das ist Cop Stephane, der aber auch sehr bald zur Waffe greifen muss.

Die Wütenden – Les Misérables ist so indiskret wie End of Watch und so beobachtend wie Jacques Audiards Dheepan – Dämonen und Wunder. Die Wucht hat er von beiden zusammen, die meist negative Energie, die hier kein Ventil findet, bekommt auch letzten Endes keine Chance, sich in etwas Konstruktives zu wandeln. Was bleibt, ist ein zum Zerplatzen aufgeblähter Konflikt, in dem keiner den anderen wahrnimmt. Vielleicht reicht es, wenn nur einer damit beginnt?

Diese Hoffnung jedoch schnappt uns Ladj Ly vor der Nase weg.

Die Wütenden – Les Misérables

Capernaum – Stadt der Hoffnung

LEBEN OHNE SCHWARZ AUF WEISS

8/10

 

capernaum© 2018 Alamode Film

 

LAND: LIBANON, USA 2018

REGIE: NADINE LABAKI

CAST: ZAIN AL RAFEEA, YORDANOS SHIFERAW, BOLUWATIFE TREASURE BANKOLE, KAWSAR AL HADDAD, NADINE LABAKI U. A.

 

In die israelische Stadt Capernaum kam laut Bibel einst Jesus von Nazareth. Dieses geschichtliche Ereignis hat aber nichts mit Nadine Lapakis Filmerzählung zu tun. Laut eines Interviews mit der Regisseurin soll Capernaum eigentlich für etwas ganz anderes stehen: für den (literarischen) Inbegriff von Chaos und Unordnung. Dieses Chaos und diese Unordnung, diese Überlebensanarchie, dieses Ausharren von einem Tag zum anderen, dampft in den Gassen der Millionenmetropole Beirut. Die Bilder auf die Stadt sprechen tausend Bände. Dicht an dicht stehen hier die Zementklötze, unterschiedlich hoch, die meisten schmutzigweiß und ockerfarben. Auf ihnen tummeln sich Menschen. Glücklich, wer einen Balkon hat und auf das Treiben herabblicken kann. In diesem Irrsinn aus geschäftigen Tagesriten und Pflichten haust die vielköpfige Familie des jungen Zain – der nicht mal weiß wie alt er ist, weil er keine Papiere hat – in einer heruntergekommenen Bruchbude. Die Eltern schicken den Nachwuchs beim Hausherren in die Arbeit. Schule ist etwas, das so klingt wie eine vage Urlaubsplanung. Irgendwann verschachern die Erwachsenen die elfjährige Tochter, die gerade mal ihre erste Periode hat. Zain sorgt sich um seine Schwester, und flieht letzten Endes von zuhause, als er sieht, wozu seine Erziehungsberechtigten imstande sind. Diese Flucht treibt ihn wieder in einen ganz anderen Mikrokosmos, und eher er sich versieht, muss er das Kleinkind einer illegalen Einwanderin sitten, damit diese zu Geld kommen kann. Natürlich kann das nicht lange gut gehen, ohne Papiere kommt niemand weit. Und wer gedacht hat, die Eltern würden sich auf die Suche nach ihrem Sohn machen, der wird wohl eines Besseren belehrt.

Capernaum – Stadt der Hoffnung beobachtet das Elend jener, die nichts haben, von der Hand in den Mund leben und nicht wissen, warum sie auf der Welt sind. Labaki hat für ihren oscarnominierten Film rund 6 Jahre recherchiert. Und stellt dabei Fragen, bei denen andere wohl zögern würden. Vor allem der kleine Zain stellt sie, und er verbindet es mit einer Klage, die zu Beginn des Films durch den Gerichtssaal donnert. Angeklagt sind dessen Eltern, dafür dass sie den Buben in die Welt gesetzt haben. Wie jetzt? Lässt sich Elternschaft wegen Fahrlässigkeit verklagen? Capernaum lässt die Klageschrift zu. Wie verantwortungsvoll ist der Mensch, wenn er sich einfach nicht nach seiner Decke strecken will, wenn es ohnehin nicht mal für zwei reicht, und Ressourcen für den Nachwuchs einfach nicht vorhanden sind? Der Mensch kann nicht alles haben, schon gar nicht etwas, das irgendwann eigene Bedürfnisse hat. Kinderwunsch oder biologisches Diktat: In Capernaum ist der Mensch ein verantwortungsloses, vorrangig eigennütziges Wesen. Zain, ein enorm kluges Köpfchen, enttäuscht und fertig mit der Welt, der erkennt die Dynamik dahinter und stellt die Sinnhaftigkeit einer unkontrolliert wachsenden Bevölkerung infrage. Er macht mit seinen jungen Jahren genau das, was seine Eltern mehr schlecht als recht hinbekommen: er übt Verantwortung, noch dazu für ein ihm fremdes Kind.

Capernaum ist wohl einer der besten Filme über Armut und Gesellschaft. Labakis Film schildert zwar auch die Symptome einer missglückten Bevölkerungspolitik, kommt aber zwischen all der einnehmenden Filmbilder und der Schwere zerrütteter Verhältnisse auf kampfeslustige, unbeugsame Weise einer ganz bestimmten Ursache auf den Grund, nämlich der eines unbewilligten, unregistrierten Lebens.

Capernaum – Stadt der Hoffnung

Little Women

ERST RECHT, WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN

7/10

 

littlewomen© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: GRETA GERWIG

CAST: SAOIRSE RONAN, FLORENCE PUGH, EMMA WATSON, ELIZA SCANLEN, LAURA DERN, MERYL STREEP, TIMOTHEÉ CHALAMET, CHRIS COOPER U. A.

 

Die ehemalige Mumblecore-Ikone Greta Gerwig, oft unter der Regie von Noah Baumbach (der mittlerweile ihr Partner ist, aber das nur so am Rande), hat wieder getan, was sie am besten kann: Im Grunde eigentlich über sich selbst erzählen. Was natürlich Hand und Fuß hat, denn nichts ist authentischer und ehrlicher als die Reflexion aufs eigene Leben, die Frau hier mit ins Spiel bringt. Das Spiel selbst, das ist kein neuer Hut mehr. Es ist die ich weiß nicht wievielte Verfilmung eines Coming of Age-Romans der US-Autorin Louisa May Alcott, im Grunde die amerikanische Antwort auf den ungefähr zeitgleich entstandenen Trotzkopf von Emmy van Rhoden. Alcotts Buch aber dürfte so etwas wie die Jungmädchen-Pflichtlektüre in allen Bundesstaaten gewesen sein. Nirgendwo sonst hätten Mädchen, mit dem Blick in die Zukunft und von Träumen, Wünschen und Sehnsüchten geprägt, ihre Seelenwelt wohl besser verstanden gewusst als hier. Erstaunlich dabei: für jedes Mädchen scheint in Little Women etwas dabei gewesen zu sein, Seelenverwandte also leicht zu finden. Im Zentrum steht natürlich Jo March, die schriftstellerisch Begabte. Freiheitsliebend, nonkonform, ein Sturkopf schlechthin, aber auffallend klug und daher alles und jeden hinterfragend. Natürlich fällt die Wahl der Lieblings-Romanfigur in erster Linie auf diese junge Dame. Sie nimmt sich heraus, was sich andere verwehren – das Streben nach den eigenen Zielen. Das ist eine Darstellung, weit ihrer Zeit voraus. Und völlig klar – Gerwig sieht auch speziell in Jo March ihr Alter Ego, ihre Verbündete, hat sie doch im Rahmen eines cinema-Interviews offenbart, auch selbst mit Little Women aufgewachsen zu sein und aus dem beharrlichen Verhalten ihres jungen Idols selbst genug Motivation gewonnen zu haben, um überhaupt die künstlerische Laufbahn als Autorenfilmerin einzuschlagen.

Gerwig holt sich für ihre strahlende Hauptfigur erneut Saoirse Ronan an Bord. Das war schon bei Lady Bird alles andere als ein Fehler, und ist es auch bei Little Women. Um Ronan herum dreht sich der ganze Film. Sie legt eine solch erfrischende Natürlichkeit an den Tag, so eine unaufgeregte Selbstsicherheit und findet für ihren Charakter so viele unterschiedliche Facetten, dass man das Gefühl hat, keiner kann und darf sich ihr in den Weg stellen. Sie verkörpert eine Frauenfigur, die als Soll-Zustand weiblicher Selbstverwirklichung zeitlos gültig bleibt. Deswegen auch Gerwigs Griff nach einem über hundert Jahre alten Roman, der, obwohl er ein Sitten- und Gesellschaftsbild seiner Zeit ist, genau dieses zu einem temporären Korsett reduziert, das sich abstreifen lässt, das nicht zwingend getragen werden muss, denn die Frage ist ja dabei auch, wer schreibt dieses Korsett denn vor? Und wer beurteilt, ob und wann Frauen talentiert genug sind, um die Elite aufzumischen? Ihre Little Women gehen aus sich heraus, wo andere vielleicht in Deckung gehen. Und probieren aus, wo andere Angst haben zu scheitern.

Die Qualität dieser Neuverfilmung liegt genau dort, wo sie sein soll: in vier völlig autarken Charakterstudien, die als Jo, Amy, Meg und Beth aus dem Zeitgeist der 60er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts penibel, mit viele Geduld und Liebe zur genauen Beobachtung herausgearbeitet wurden. Da hat sich Gerwig beim Schreiben wirklich ins Zeug gelegt. Und nicht nur sie – neben Saoirse Ronan auch und vor allem Florence Pugh als impulsives Energiebündel zwischen familiärem Pflichtbewusstsein und individueller Freiheit. Was Laura Dern betrifft – es ist irgendwie beruhigend, zu sehen, dass ihr auch noch ganz andere, viel subtilere Filmfiguren gut zu Gesicht stehen als nur die resolute Powerfrau und Anwältin, die ihr Geschäft versteht. Letzten Endes aber geht es bei Alcotts Little Women auch nicht ohne die männliche Komponente, nur zwingend reich muss diese nicht sein. Somit haben wir hier keine militante Female Power gegen ein plakatives Patriarchat, sondern einen zuversichtlichen Lovesong auf ein Miteinander der Geschlechter, ohne sich der Männerrolle zwingend entledigen zu müssen. Da macht Gerwig vieles richtig, bleibt diplomatisch und vernünftig, trotz all der großen Emotionen.

Etwas fahrig wird dann die technische Umsetzung ihres fein ausgestatteten Films, insbesondere gibt’s so manche Probleme im Wechsel der Zeitebenen, die sie glaubt geschickt verzahnt zu haben – dabei wäre, wie ich finde, hier ein langsamerer, ausgewogener Rhythmus zwischen den Szenen und all den Erinnerungen die bessere Wahl gewesen. Nichtsdestotrotz aber bleibt ein kluger Film über Young Adults in Erinnerung, der sich die Freiheit nimmt, irgendwann nicht mehr zwischen Realität und romantischer Heile-Welt-Poesie zu unterscheiden, auch wenn diese vielleicht doch nur im Buche steht, all die jungen Frauen aber umso stärker motiviert, an sich selbst zu glauben.

Little Women

Judy

GOODYBE, YELLOW BRICK ROAD

8/10

 

judy© 2019 eOne Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: RUPERT GOOLD

CAST: RENÉE ZELLWEGER, JESSIE BUCKLEY, RUFUS SEWELL, MICHAEL GAMBON, FINN WITTROCK U. A.

 

„Ein Herz wird nicht danach beurteilt, wie viele du liebst, sondern danach, von wie vielen du geliebt wirst.“ Das sagt der Zauberer von Oz zum Blechmann im gleichnamigen Film aus den 30er Jahren, in welchem Judy Garland zu dem geworden war, was sie Zeit ihres Lebens geblieben ist: einerseits ein Star aus Bühne und Film, und andererseits jemand, dessen Seele für Ruhm und Mammon verkauft worden war. Das eingangs erwähnte Zitat sagt doch schon alles: Ist man wirklich so weit gekommen, sein Herz danach beurteilen zu lassen, von wie vielen man geliebt wird, dann ist das die wohl euphemistischste Einladung zu einer bedingungslosen Abhängigkeit von all jenen, die es in der Hand haben, das Lebensglück eines Künstlers zu steuern. Dieses Zitat – es erscheint auch im Abspann von Rupert Goolds biographischem Drama Judy – lässt erkennen, aus welchen Gründen Garlands Leben eigentlich zum Scheitern verurteilt war, trotz all des Ruhms und der Anerkennung. Der Preis für so ein Leben war so hoch, den konnte die junge Judy damals gar nicht erfassen. Um diesem Druck am Set standzuhalten und nonstop zu drehen, dafür hatten die Verantwortlichen unter Studioboss Louis B. Mayer, der auf seine Art wohl um kein Haar besser war als Harvey Weinstein, einen Bauchladen voll der diversesten Drogen zu verteilen. Auch ein Umstand, den ein Kind nicht abschätzen kann, und bis zuletzt dessen Geissel blieb. Diese Sehnsucht nach einem verlorenen Leben und der Ruhelosigkeit in einem Hamsterrad namens Showbiz verkörpert Renée Zellweger mit nie dagewesener Intensität und lässt den strauchelnden Star für ein beeindruckendes Da Capo wieder auferstehen.

Es gibt Schauspieler und Schauspielerinnen, denen es gelingt, hinter ihrer Rolle vollends zu verschwinden. Das war zum Teil bei Rami Malek als Freddy Mercury in Bohemian Rhapsody so. Das war bei Gary Oldman als Winston Churchill so, da konnte aber jede Menge Makeup unterstützend zu diesem Status quo beigetragen haben. Renée Zellweger verschwindet hinter Judy Garland zur Gänze. Mit Judy kann sie ihrem Publikum zeigen, was ihr schauspieltechnisch alles möglich ist. In jeder noch so kleinen Geste, in jeder Mimik und jedem Blick liegt die wehmütige, bittere Erkenntnis, einen fordernden Traum gelebt zu haben, eine Vision mit viel zu vielen Ecken und Kanten. In alkohol- und tablettenbedingtem Rausch absolviert die leidgeprüfte Glamour-Queen einen Auftrittsparcour in Übersee, hat dabei Schwierigkeiten, als integre Geschäftspartnerin ihre Shows zu absolvieren. Ist unpässlich, ausfallend, im Grunde eine Katastrophe für Crew und Publikum. In diesem letzten Jahr ihres Lebens, welches Goold auf Basis eines Bühnenstücks mit dem Titel End of the Rainbow in den Fokus rückt, hat man das Gefühl, neben der Künstlerin zu stehen, genau wie diese beiden treuen Fans, die in einer der schönsten Szenen des Films Garland in den eigenen vier Wänden zu bewirten gedenken. Zellweger erlaubt es sich, dass wir uns der Person Judy auf unverstellte, freundschaftliche Weise nähern. Dafür lässt sie das Publikum sehr nah an sich heran, offenbart ihren Kummer und gesteht sich all ihre Fehler ein. Diese händeringende Lust an der Nähe ist es dann, die teilweise sogar das gesamte Drumherum einer Realität jenseits des Kinosaals vergessen lässt. Faszinierend, diese bedingungslose Sympathie für einen Menschen, der, zermalmt zwischen dem Räderwerk eines scheinheiligen Despotismus, als Opfer der Traumfabrik schutzbietendes Mitgefühl weckt.

Judy zählt für mich zur größten Überraschung unter den diesjährigen Oscar-Kandidaten, und wundern würde es mich sehr, würde Zellweger diesmal leer ausgehen. Goolds Film wird durch ihre Performance zu einem elegant inszenierten, einnehmenden Solo, irgendwo zwischen Terrence McNallys Bühnenstück Meisterklasse Maria Callas und Marion Cottillards Edith Piaf-Triumph La Vie en Rose. Ein stimmiges Portrait, melodisch, unaufdringlich, genau beobachtet. Und als Hommage an eine Legende auf dezente Weise mit narrativen Freiheiten dekoriert. Das hätte Judy Garland sicher gefallen. Auch, dass das Ende des Regenbogens wieder dorthin führt, wo alles begonnen hat. Bei der kleinen Dorothy, die sie im Grunde immer geblieben war.

Judy

Jojo Rabbit

VOM KRIEG DER KINDER

8,5/10

 

jojorabbit© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: ROMAN GRIFFIN DAVIS, TAIKA WAITITI, THOMASIN MCKENZIE, SCARLETT JOHANSSON, SAM ROCKWELL, REBEL WILSON, ALFIE ALLEN, STEPHEN MERCHANT U. A. 

 

Niemals sollte man sein inneres Kind aus den Augen verlieren. Niemals vergessen, wie es ist, Dingen im Leben mit einer verspielten Neugier zu begegnen. So, als wäre man ein Pionier für eine Sache, die zwar durchaus schon längst bekannt ist, aber so noch nicht gesehen worden ist. Mit unbedarftem Blick. Taika Waititi ist so ein Mensch, ein Künstler, der sich formelhafter Herangehensweisen an eine Sache entzieht. Der diese vielleicht kennt, und weiß, wie es andere bislang gemacht haben, dem das Bisher aber nicht sonderlich gefällt, und sich daher auf eine Augenhöhe begibt, die noch niemand eingenommen hat. Seine Augenhöhe ist die des zehnjährigen Johannes, genannt Jojo. Wir sind irgendwo in Deutschland, in einer Kleinstadt, nicht weit vor Ende des Zweiten Weltkriegs, wo Jungen und Mädchen zur Hitlerjugend müssen und das jüdische Volk längst schon in den KZs vor sich hinstirbt. Jojo himmelt Hitler an, dieser ist sein Idol, und das geht sogar so weit, dass der Führer zu einem imaginären Freund wird, der den blonden Buben stets begleitet und mit rollendem R und kantiger Aussprache Ratschläge fürs arische Leben erteilt. Wäre da nicht seine Mutter, die, was natürlich vorerst niemand ahnt, im Haus ein jüdisches Mädchen versteckt. Was Hitler ganz und gar nicht unter die schnauzbärtige Nase geht. Und dem kleinen Jojo anfangs auch nicht. Aber warum eigentlich?

Ja, warum eigentlich, fragt sich Waititi und entlässt seinen kleinen (Anti)helden in den bizarren Alltag eines so irren wie wertevernichtenden Regimes, dass völlig aus der Luft gegriffene Schauermärchen über alles Andersartige kolportiert und mit kruden Schreckgespenstern vom eigenen Schrecken ablenkt. In diesem zerstörerischen Sog steckt also dieser Jojo, der sich einerseits vom Massenwahn mitziehen und begeistern lässt, wie sich Kinder eben begeistern lassen, und andererseits aber langsam anfängt, seine eigenen Wertvorstellungen anzuerkennen. Einem Kaninchen den Hals umdrehen? Geht nicht. Denn als Kind ist man immer noch Mensch, hat seine eigene Sicht der Dinge und wehe, man bleibt sich nicht selber treu. Waititi weiß das alles, er weiß, welche Fragen er stellen muss, und er weiß, worauf es in Zeiten wie damals hätte vermehrt ankommen sollen. Dass der verspielte Neuseeländer einen ganz eigenen Draht zum Kindsein hat, das wissen wir seit Wo die wilden Menschen jagen. Wobei er das Kindsein niemals idealisiert, niemals wirklich wie Grönemeyer all die Bengel an die Macht kommen lassen will, sondern sie dazu nötigt, in ihrem ach so jungen Alter ihr Tun selbst zu reflektieren.

Dass einem Thema wie diesem – die Nazizeit und all der Krieg – mit solch zerstreuter, verspielter Leichtigkeit begegnet werden kann, ist staunenswert und überraschenderweise kein bisschen irritierend. Jojo Rabbit ist bunt, aber niemals unbotmäßig schrill. Ist parodistisch wie es einst Chaplin in Der Große Diktator, aber niemals geschmacklos. In dieser Kindlichkeit liegt ein bitterer, erschreckender Ernst, der sich aber bewältigen lässt, weil er den Keim junger, humanistisch denkender Helden in sich trägt. Diese Dinge entdeckt man in diesem Film nicht ohne Gänsehaut. Nicht ohne einen Frosch im Hals. Aber mit unverhohlener Sympathie zu einem Ensemble, das ein gefühlt großes Vertrauen zu seinem Regisseur hat und sich in ein Szenario fallen lässt, dass es wert ist, durchzuleben. Roman Griffin Davis ist eine Entdeckung! Thomasin McKenzie fasziniert wiedermal genauso wie schon damals in Leave No Trace. Scarlett Johansson gelingt eine Gratwanderung zwischen Stummfilm-Performance und schönstem Bühnenzauber. Sam Rockwell wiederum hätte ich auch diesmal wieder für den Oscar nominiert, so seltsam hanswurstig und unbefangen verkörpert er seinen Hauptmann Klenzendorf.

Kindheitserinnerungen aus dem Krieg, die gibt es. Maikäfer flieg! zum Beispiel, von Christine Nöstlinger. Die Bücherdiebin. John Boormans Hope & Glory natürlich. Und nicht zuletzt die erschütternde Wahrheit hinter dem Tagebuch der Anne Frank. Waititi nutzt, ergänzend zu all diesen Erinnerungen, die fiktive Chance, in seiner berührenden, fabulierenden Tragikomödie durch die Welt- und spätere Weitsicht eines Jungen die verheerende Absurdität eines kranken Systems klar erkennbar werden zu lassen. Aber was viel wichtiger ist: er lässt die Kinder daraus lernen. Damit sich Fehler wie diese nicht nochmal wiederholen. Denn am Ende ist nichts schöner, als in Freiheit auf der Straße zu tanzen. Jojo Rabbit ist ein großartiger Film, ein rotzfreches Gloria, aufmüpfig, grundehrlich und bezaubernd. Und darf auch erhobenen Hauptes vor Wehmut und Erleichterung schluchzen.

Jojo Rabbit