Juliet, Naked

DER FAN IN MEINEM BETT

7,5/10

 

julietnaked© 2018 Thimfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: JESSE PERETZ

CAST: ROSE BYRNE, ETHAN HAWKE, CHRIS O’DOWD U. A.

 

Nerds können manchmal anstrengend sein. Über nichts lässt sich plaudern, außer über das Objekt der Begierde, der Lebenszeit verschlingenden Leidenschaft. Nerds können aber auch witzig sein, viel mehr belächelnd witzig, sodass der Lachende froh ist, nicht ganz so zu sein wie der, über den sich andere gerade amüsieren. Dieses Konzept hat bei The Bing Bang Theory eine Zeit lang gut funktioniert – und den Experten mit Tunnelblick für das Nicht-Wesentliche salonfähig gemacht. Nick Hornby hat sich auch damit beschäftigt. Also mit den Eigenheiten eines Fans. Noch dazu eines Fans, der in einer Beziehung lebt. Der hat in dessen komödiantischer Romanze ein unergründliches Faible für einen ganz gewissen Musiker, der irgendwie zum Mythos wurde, nachdem er nach wenigen Jahren des Ruhms plötzlich in der Versenkung verschwand. Einziger Hinweis über dessen Verbleib sind unscharfe Schnappschüsse, die ungefähr so aussagekräftig sind wie das Waldfoto von Bigfoot.

Tucker Crowe hieß also dieser geheimnisvolle Songwriter, und Lebensgefährte Duncan hat sich vor lauter Hingabe im häuslichen Keller eine Art Schrein errichtet, in welchem er den erdigen Balladen des Verschwundenen mit Hingabe lauscht und einen Fanblog unterhält, der gerade mal eine Handvoll Follower hat. Auch Freundin Annie liest mit, wagt leise Kritik an einem bisher unveröffentlichten Unplugged-Tape des Künstlers – und setzt damit eine ungewöhnliche Verkettung von Ereignissen in Gang, die Tucker Crowe auf der Bildfläche erscheinen lassen. Und zwar deutlicher, als manch einem lieb sein kann. Mitunter auch dem Fan selbst.

Wer sich an den literarischen Vorlagen von Nick Hornby vergreift, braucht sich um den Plot keine Sorgen mehr machen. Diese Bücher (die ich leider selbst noch nie gelesen habe) leben, wie es den Verfilmungen nach scheint, von recht unaufgeregt skurrilen, alltäglichen Verstrickungen und von kuriosen romantischen Konstellationen, vor allem Ausgangssituationen, die recht schnell und wortgewandt in die Substanz des Erzählten finden, ohne um den heißen Brei herumzustromern. Das war bei High Fidelity oder About a Boy schon der Fall, und das ist bei Juliet, Naked genauso. Wieder ist die Musik etwas, ohne der es sich nicht gut leben lässt, ist die nerdige Verspieltheit und ein irgendwie nicht ganz ernstzunehmender Ernst diversen geschmacksorientierten Schräglagen gegenüber Fokus dieser intellektuell angehauchten Boulevardkomödien. Schauspielerisch bietet sich hier einiges an Möglichkeiten, damit sich längst etablierte Stars nochmal fast intuitiv entfalten und auf komödiantisch tun können, ohne sich lächerlich zu machen. Denn Hornbys Komödien, die haben Niveau, Geschmack und Stil. Sind nicht hemdsärmelig, sondern gesprächsverliebt. Niemals mieselsüchtig, und wenn, dann höchstens trotzig, aber immer zuversichtlich. Genauso reagiert Rose Byrne auf den kuriosen Wink des Schicksals, der ihr Ethan Hawke nach Hause lotst – als Ex-Musiker im Gammel-Look, der in der Garage wohnt, nebenan die Exfrau, doch was tun bei einem gemeinsamen Kind? Irgendwas will der ehemalige Schwerenöter und Dauerbekiffte doch noch auf die Reihe bekommen. Und neben dem Filius könnte auch noch aus Anne ein neuer Lebensmensch werden. Dieser Versuch hat nun einige spaßige Situationskomik in petto, der souverän ergraute Ethan Hawke ist großartig, wie er versucht, sich händeringend all der Familie zu erwehren, die da die seine ist. Und spätestens wenn der Lieblingsschauspieler eines Richard Linklater zwischen Sonnenaufgang und -untergang eine rauchig-melancholische Version von Waterloo Sunset unter Keyboardbegleitung in die Runde schmettert, gehört Juliet, Naked ganz sicher zu meinen liebsten Komödien der letzten Zeit. Weil all die schmeichelnde Ironie dieses Films beweist, dass es auch ohne Slapstick und tiefer Kalauer gehen kann. Dass man einfach eine gute, kluge Geschichte braucht, um zu begeistern. Da muss man gar kein Fan sein, von irgendetwas. Und wenn doch, dann wäre es wohl besser, wenn die Person des öffentlichen Interesses weit genug wegbleibt, um die Wolke 7 aus Sehnsucht und Anbetung nicht abregnen zu lassen.

Juliet, Naked

The Happy Prince

LAST DAYS OF BEING WILDE

6/10

 

happyprince© 2000 – 2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND, BELGIEN 2018

REGIE: RUPERT EVERETT

CAST: RUPERT EVERETT, COLIN FIRTH, EDWIN THOMAS, COLIN MORGAN, EMILY WATSON, TOM WILKINSON U. A.

 

Da siecht er dahin, der große Künstler. Im Hotel d´Alsace in Paris dämmert er seinem Tod entgegen, unter Beisein eines Priesters, seines engsten Vertrauten und zwei Waisenbrüdern von der Straße, die Oscar Wildes Geschichte zu Ende hören wollen. Nämlich die vom Glücklichen Prinzen. Irgendwann aber kann sich der einst so hochgelobte und verehrte Dichter nicht mehr artikulieren. Und stirbt an einer Encephalitis, zugezogen durch eine chronische Mittelohrentzündung. Die letzten Jahre im Exil waren allerdings auch schon schlimm genug, und entsprechend entbehrlich. Von Frau und Kind getrennt, von seiner Heimat Großbritannien geächtet und von seiner gesellschaftlich verbotenen Liebe zum gleichen Geschlecht zerrissen, vegetiert die wohl unglücklichste Persona Non Grata der Literatur in heruntergekommenen Vierteln von Paris und in Neapel vor sich hin, schreibt Briefe, sonst aber nichts mehr. Wegen Unzucht mit männlichen Prostituierten ins Gefängnis geworfen, kommt der Schöpfer des Dorian Gray (übrigens sein einziger Roman) und des Gespenstes von Canterville nach zwei Jahren Zwangsarbeit gebrochen und gesundheitlich angeschlagen vom Regen in die Traufe.

Der britische Theaterschauspieler und Wilde-Kenner Rupert Everett, der unter anderem auch schon in dessen Drama-Verfilmungen An Ideal Husband (Golden Globe!) und The Importance of Being Ernest die Hauptrollen verkörpert hat, widmet sich frei fabulierend und mit fotographischer Raffinesse den letzten Lebensjahren einer offensichtlich für Everett selbst sehr inspirierenden Ikone. Nicht nur übernimmt der ebenfalls homosexuelle Künstler, der sich in jungen Jahren zwecks Geldbeschaffung selbst prostituierte, die Regie für diese sehr persönliche Hommage, sondern gleich auch die Hauptrolle und macht Stephen Fry – der schon einmal, und zwar in Wilde, den eitlen Dandy mit Hang zur freien Liebe verkörpert hat – ernstzunehmende Konkurrenz. Fry hat in Brian Gilberts Film aus dem Jahre 1997 den Dichter bis zu seinem Exil nach Paris begleitet – die finsteren letzten Jahre allerdings spart er aus. Genau da setzt The Happy Prince an – und taucht seinen Abgesang, seine Anti-Biographie, seinen Kreuzweg eines Künstlers in ein emotionales Wechselbad an assoziativen Bildern, trottenden Silhouetten und spukhaften Erscheinungen, die sich nach dem Gewesenen und Verschwundenen sehnen. Everett gelingt die Verkörperung des Gebrochenen erwartungsgemäß schmeichlerisch, theatralisch überhöht, erschafft dadurch aber auch etwas rehabilitierend Heilendes, einen versöhnlichen Abschied, mit all seinen dunklen Momenten und offenen seelischen Wunden.

Erbaulich ist The Happy Prince natürlich nicht. Von einer klassischen Biographie ist auch keine Rede. Everetts Film ist wie ein wehmütiges Requiem, voller Respekt vor dem Leiden und Lieben einer öffentlichen Person, die höchsten Ruhm erfahren und den tiefsten Fall ertragen hat. Und das in einer Zeit, in der soziale Medien praktisch nicht vorhanden und Shitstorms noch lange nicht ihr schlecht artikuliertes Unwesen treiben. Feigheit vor der Schmähung anderer gab’s aber schon damals nicht. Wo jemand zum gesellschaftlichen Freiwild wird, ist die Meute schnell vereint. Eine Eigenschaft, typisch Mensch – und die Oscar Wilde an den Pranger bringt. So gesehen lässt sich in dieser psychosozialen Nachtgeschichte sowohl der Zerfall einer Berühmtheit beobachten als auch das Sitten- und Unsittenbild eines endenden Jahrhunderts. Rupert Everett mittendrin, verhaftet in einer Illusion vergangener Tage, später dann in Resignation und Agonie. Für Hardliner literaturgeschichtlicher Schwermut ein fast schon voyeuristisches Endspiel, gemeinsam mit Brian Gilberts weitaus gefälligerer Formulierung einer Lichtgestalt sind das konsequent zu Ende erzählte Fakten eines Lebens aus Licht und stark kontrastierender Schatten.

The Happy Prince

Bohemian Rhapsody

A ROCKY GLAMOUR PICTURE SHOW

7,5/10

 

bohemianrhapsody© 2018 20th Century Fox GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRYAN SINGER

CAST: RAMI MALEK, GWILYM LEE, JOSEPH MAZZELLO, BEN HARDY, LUCY BOYNTON, MIKE MYERS, AIDAN GILLEN U. A.

 

Is this the real life? Is this just Fantasy? Bei diesem kometenhaften Aufstieg einer Band aus vier völlig unterschiedlichen Charakteren lässt sich relativ leicht an ein Märchen glauben. Doch die Wahrheit ist: die musikaffinen Eigenbrötler mit ihrer ganz klaren Vorstellung von Sound und Performance-Kunst haben scheinbar von Anfang an alles richtig gemacht. Queen, wie sie sich nennen, war in der zweiten Hälfte der 70er in den 80er-Jahren wohl an Fans, Ruhm und Plattenverkäufen vielleicht nur noch von Michael Jackson zu toppen. Queen – die waren zu Lebzeiten schon Kult, und so richtig begonnen hat da alles mit dem völlig unorthodoxen Musik-Mysterium Bohemian Rhapsody. Kein Wunder, dass diese zeitlose Weltnummer titelgebend ist für Bryan Singer´s bunt bebilderten Ausflug in die Geschichte des Rock. Mir selbst war in den 80ern die Exaltiertheit eines Michael Jackson gefälliger, doch die einschlägigen Ohrwürmer kannte damals trotzdem jeder. Und tatsächlich – es kann auch gut und gerne sein, dass nach dem Filmgenuss von Bohemian Rhapsody der eine oder andere Gassenhauer zumindest eine Zeit lang nicht mehr aus dem Kopf geht.

Bei Bohemian Rhapsody die Füße stillzuhalten kostet eine geradezu körperliche Überwindung. Viel fehlt nicht und ein von den Stühlen erhobenes und den Beats verfallenes Kinopublikum weiß sich nicht mehr zu beherrschen. Dafür aber, um das zu vermeiden, hat Bryan Singer all die Tracks entsprechend verkürzt – oder sagen wir – kurz angespielt, um gleich wieder von der faszinierenden Trivia diverser Song-Making-Of´s überzuleiten auf Streiflichter aus dem Leben des Sängers Freddie Mercury. Diese sind, unter Rücksicht auf eine halbwegs gut konsumierbare Spielfilmlänge, entsprechend gestrafft. Anders ist so ein Drehbuch gar nicht möglich, und schon gar nicht, wenn die chronologisch erzählte Geschichte von Queen auch noch mit rein muss. Das ist schon alles sehr ambitioniert, und ich frage mich, ob der Fokus auf einen Meilenstein oder einen Aspekt der Biografie nicht viel besser gewesen wäre. Ursprünglich wäre das ja von diversen Schauspielern, allen voran Sacha Baron Cohen, ja auch so gewünscht gewesen – nämlich viel mehr auf das private Beziehungsumfeld Mercury´s einzugehen. Allerdings hätte dieser Ansatz leicht Opfer einer verunglimpfenden wie kolportagehaften Aneinanderreihung reißerischer Eskapaden werden können (warum sonst sollte man das machen wollen?), und davor wollten Gitarrist Brian May mitsamt der übrigen bzw. neuen Queen-Band das Erbe Mercury´s tunlichst bewahren. Da May auch selbst mitproduziert und wie es scheint sehr viel Mitspracherecht gehabt zu haben scheint, wurde aus dem lange erwarteten Musikfilm so etwas wie eine lehrbuchartige Retrospektive eines beeindruckenden Schaffens, dass universell präsentiert werden kann. Ein Film als schillernder Wegbegleiter zum Ruhm – der aber letzten Endes wider Erwarten zu einer relativ ernüchternden Erkenntnis führt.

Dieser Ruhm führt irgendwann zum Stillstand. Ist alles erreicht, die Erfolgswelle am Höhepunkt ihres Auftürmens zur ewigen Plattform all des Gelungenen manifestiert, wird dieser Traum zur schalen Routine. Queen, die hatten erfolgstechnisch wirklich alles. Wobei ich mich frage: ist es der Druck, dieses Level aufrechtzuerhalten, oder der Zenit des Erreichbaren, der Künstler oftmals scheitern lässt? Bands brechen auseinander, weil sie geschafft haben, was sie geplant hatten. Bei Queen wäre fast Ähnliches passiert, dabei ist die Band ohnehin stets eine jener Künstlergruppen gewesen, die mit dem Trend der Zeit gegangen sind, zwar manchmal Trends gesetzt hatten, aber niemals wirklich abgeneigt waren, beim Volk beliebte Stile auszuprobieren und zu variieren. Dennoch – die erfolgsmüden Vier hatten so ihre Krisen, eben weil sie, am Ziel angelangt, nicht wirklich weiterkonnten. So sehr Bohemian Rhapsody also dem artig erprobten Schema eines Biopic folgt – dieser Blick hinter die Bühne gelingt dem Film vorzüglich, und fast noch besser als der Blick auf Freddy Mercury´s Leben selbst.

Dafür bleibt fast zu wenig Zeit, der einnehmenden Person und Kunstfigur des in Sansibar geborenen Farrokh Bulsara, der sich selbst nie als Bandleader sah, wirklich gerecht zu werden. Dort, wo in aller Eile so lebensändernde Wendepunkte wie das Aus der Beziehung zu Mary Austin oder die Erkenntnis, an Aids erkrankt zu sein, zwar filmisch gekonnt, aber doch nur angerissen werden, findet Darsteller Rami Malek mit seiner Interpretation der Legende und mit der Intensität, mit welcher er den unverwechselbar agierenden Mann zum Leben erwecken will, einen fast schon zeitverzögernden Ausgleich. In manchen Szenen scheint vergessen, wer da wirklich vor der Kamera steht. Das geschieht aber erst, nachdem man sich an die Zahnprothese Maleks gewöhnt hat. Die könnten anfangs schon für die eine oder andere Ablenkung von der Geschichte verantwortlich sein. Spätestens aber, wenn Mercury seinen 80er-Schnauzer trägt, ist die Ähnlichkeit frappant – in Kombination mit all seiner balletartigen Performance auf der Bühne wird daraus das atemberaubende Erlebnis eines Lookalike-Triumphes, der den nächstjährigen Oscar-Goldjungen greifbar nahe rücken lässt. Ähnlich überzeugend war bisher eigentlich nur Angela Bassett im Tina Turner-Lebens- und Leidensbericht Tina – What´s love got to do with it, der dramaturgisch sogar um einige Mikrofonlängen gewiefter war. Diesen Lookalike gewinnt aber auch Brian May-Darsteller Gwilym Lee, der ganz so aussieht wie der echte Lockenkopf. Und wer Mike Myers im Film irgendwo widerentdeckt, darf einmal ganz laut Galileo schreien.

Obwohl man Bohemian Rhapsody der Musiknummer entsprechend vielleicht etwas experimenteller oder einfach nicht ganz so geordnet chronologisch hätte angehen können, bleiben letzten Endes die zeitlos genialen Kompositionen in Erinnerung, die da allesamt erklingen – und natürlich der nachgestellte Live-Aid-Mitschnitt, der bislang unentschlossen begeisterte Zuseher des Streifens in den meisten Fällen auch noch abholen wird. Dann gibt es kein Halten mehr, dann ist dieser Freddy Mercury tatsächlich auferstanden, dann tobt die Hütte und Radio Gaga erschallt nachhaltig in den Köpfen nicht nur der Fans. Bryan Singer´s hymnisches, aber keinesfalls verklärendes filmisches Denkmal an diese Koryphäen der Rock- und Popmusik ist eine Tribute-Show in wohlwollendem Rampenlicht und mit vibrierenden Boxen. Mit Karokostüm, Krone und rhythmischem Stampfen. Denn die Show, die muss ja schließlich weitergehen.

Bohemian Rhapsody

A Star is Born

VON RUHM UND RUM

5,5/10

 

astarisborn© 2000-2018 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRADLEY COOPER

CAST: LADY GAGA, BRADLEY COOPER, SAM ELLIOT, DAVE CHAPELLE, BONNIE SOMERVILLE U. A.

 

Erstaunlich, was Make-up so alles leisten kann. Personen des öffentlichen Interesses können sich glücklich schätzen, zugekleistert bis zu den Haarspitzen ihr wahres Erscheinungsbild zu verschleiern, um im Alltag unbekümmert einkaufen zu gehen. Die wenigsten würden womöglich Marilyn Manson ohne Spuk-Verputz auf den Wangen als solchen erkennen, Kiss-Frontsänger Gene Simmons ohne Venom-Schlecker und Augenblitze, und auch Lady Gaga nicht, die eigentlich Stefani Germanotta heißt, die mal in Schlabberhose und T-Shirt schnell mal Milch kaufen geht. Für letztere könnte sich aber mit Bradley Cooper´s Regiedebüt einiges ändern. Denn in A Star is Born, da zeigt sich Germanotta, die hier wirklich nicht mehr Lady Gaga ist, von einer verblüffend natürlichen Seite, als wäre sie die eigene Nachbarin, die bei Abwesenheit Paketzustellungen übernimmt. Lady Gaga wird Mensch, behält zwar ihren Künstlernamen, streift aber sonst all das aufgebrezelt unechte und Artifizielle von sich ab, inklusive der künstlichen Augenbrauen, wobei ihr Bradley Cooper hierbei sogar in Echtzeit zur Hand geht.

A Star is Born ist ein sehens- und vor allem hörenswerter Film, der aber einzig und allein aufgrund der Gesangs- und Spielgewalt Lady Gaga´s diesen Status erreicht. Hätten wir den Überraschungseffekt einer abgeschminkten Kunstfigur nicht, und wäre nicht die Neugierde so groß, diesen exaltierten Weltstar so gänzlich auf die niederen Ränge einer Normalsterblichen heruntergebrochen zu begaffen, wäre A Star is Born ein Film, der seine Hauptdarsteller aneinander vorbeispielen lässt und im Grunde außer lähmender Ernüchterung nicht viel Mehrwert für das Kinopublikum besitzt. Bradley Cooper scheint aus seinem Hangover zumindest in diesem Film auch niemals wirklich herauszufinden, da er den Zustand der verkaterten Ernüchterung eigentlich selten erreicht. Diese Überdosis Alkohol durfte er in Todd Philipps dreimaligem Sautanz für große Buben als Lachnummer wieder auskurieren – in seiner Neuinterpretation des bewährten Stoffes von Licht und Finsternis der Showbranche gibt es rein gar nichts mehr zu lachen. Cooper inszeniert sich selbst als bemitleidenswerte, verschwitzt-unrasierte Mischung aus Harald Juhnke in den letzten Jahren und dem Versuch, Kris Kristofferson auf Augenhöhe zu begegnen. Natürlich, schauspielerisch hat Bradley Cooper auf alle Fälle Talent. Den versoffenen Altstar verkörpert er souverän, bis zuletzt ist dieser bis zum Fremdschämen verkorkste Country-Rocker auf den Punkt gebracht. Die zumindest im Original so verraunzte wie belegte tiefe Stimme erzeugt schon eine ordentliche Portion Testosteron, die uns da um die Ohren fliegt – und der auch Lady Gaga erliegt, wobei sie wiederum nicht so genau weiß, ob sie sich das, was sie sich da mit Filmfigur Jackson Maine da zugelegt hat, wirklich auf die Dauer antun soll. Lange braucht es nicht, und das Aufblicken auf den Leit-Promi der Musikszene wechselt bald mit einem Blick ganz tief hinab auf ein eifersüchtiges, psychisch enorm labiles Wrack, das um ihre koketten Fußballerwaden herumkreucht. Da fällt mir ganz plötzlich Nicolas Cage ein, in seiner Oscar-prämierten Rolle des Säufers aus Leaving Las Vegas. Jackson Maine allerdings hat in A Star is Born noch dazu das Trauma einer zerrütteten Kindheit mit sich herumzutragen. Diese Figur, die ist also von Anfang an zum Scheitern verurteilt, und gar nicht so sehr das Opfer einer rücksichtslosen Musikerbranche, die sich eigentlich relativ dankbar zeigt, was die Fans von E-Gitarre und erdigem Männergesang betrifft. Cooper orientiert sich an Jeff Bridges und adaptiert die Rolle des abgewrackten Country-Stars aus Crazy Heart für die traurige Mär von Ruhm, Rum und seidenmatten Glanz, der immer stumpfer wird.

Den Verrat, den begeht eigentlich Lady Gaga an sich selbst. Ihr Weg zum Ruhm ist eine Anbiederung an den Kommerz und ein Ausverkauf ihrer Ideale. Erfolg ist eine Sache, die andere die Essenz des Talents und des Könnens, die einem flüchtigen Platz am Olymp der Stars geopfert wird. Irgendwann beginnt das große Herumhampeln als Popsternchen inmitten einstudierter Tänzer im Glitter, ein austauschbarer und für mich sehr entbehrlicher Event-Stil, mit welchem sich Gesangsgöttin Ally wohl kaum wirklich identifizieren wird. Das Stimmwunder wird zur Marionette, daneben ihre große Liebe und ihr Entdecker: der alkoholkranke Kamikaze-Held, bis auf die Knochen blamiert, und der Absturz geht weiter.

Zu wirklich beeindruckender Größe schafft es A Star is Born in den wenigen Szenen, in denen Cooper und Lady Gaga auf der Bühne ihr Duett zum Besten geben. Shallow ist schon jetzt ein Klassiker unter den Filmsongs, und mich würde es schon sehr wundern, wenn beide, oder zumindest Germanotta, nicht Anfang nächsten Jahres den Goldjungen dafür abstauben würden. Als Konzertfilm würde die Liebesgeschichte im Schatten des Glamours für mich bestens funktionieren und wäre womöglich sogar ein Highlight des Kinojahres geworden, denn Lady Gaga ist eine Entdeckung, ihre Stimme berührend, ihre Auftreten sympathisch, fast schon burschikos und im Glauben an sich selbst so ansteckend zuversichtlich. Klar, Gaga plaudert hier aus dem Nähkästchen, autobiographischen Subtext holt sie sich womöglich unter autodidaktisch angelerntem Method Acting mit Leichtigkeit aus ihrem Erfahrungsschatz. Leider aber gilt zwischen den Acts das große Hollywood-Kino eines La La Land-Musicals als vermisst, und Bradley Cooper bleibt in seinem etwas überlang geratenen und teils auch leerläufigen Epos ernüchternd pessimistisch. Er selbst und sein Co-Star, die wandern irgendwann nach Halbzeit so ziemlich auseinander, das Knistern des Anfangs fällt weg, die eine Figur steigt auf, die andere ab, Berührungspunkte sind rein zweckmäßig. So muss ich A Star is Born als viel zu schwermütigen, teils trägen Versuch betrachten, einen großen Musikfilm auf die Leinwand zu tönen, der zwischen Talenteshow, Lovestory und Suchtdrama zu wählen hätte und sich leider vorwiegend für letzteres entscheidet, sein Kraftpotenzial damit aber nicht ausbalancieren kann. Bei Coopers Regie ist also noch Luft nach oben. Und beim kometenhaften Aufstieg eines Label-Zugpferds namens Lady Gaga sehr bald genügend Luft nach unten, bis in die schattenseitige Hölle des Ruhms.

A Star is Born

Goodbye Christopher Robin

VERKAUFTE KINDHEIT

7/10

 

chrisrobin© 2017 20th Century Fox GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: SIMON CURTIS

MIT DOMNHALL GLEESON, MARGOT ROBBIE, WILL TILSTON, KELLY MCDONALD, STEPHEN CAMPBELL-MOORE U. A.

 

Eines sollte euch, liebe Leser, klar sein – dieser Film wird eure Sicht auf Winnie the Pooh und seine Freunde nachhaltig verändern. Wer das zulassen möchte, oder sich nicht davor fürchtet, in den dunklen Winkeln einer heilen Welt herumzustochern, der sollte sich Goodbye Christopher Robin von Simon Curtis nicht entgehen lassen. Vorausgesetzt natürlich, es besteht Interesse für Disneys Figurenfundus und Ikonen der modernen Kinder- und Jugendliteratur. Winnie the Pooh ist so ein zeitloser Liebling. Die meisten, so wage ich mal zu behaupten, kennen den honigsüchtigen Bären und seine liebenswerte Entourage vor allem als Franchise Hollywoods. Sind es nicht die Filme, dann sind es Merchandising-Artikel bis zum Abwinken. Der naiv-verträumte Bär ist also ein Verkaufsschlager. Jedes Kind liebt ihn, und nicht nur ihn. Da gibt es noch den depressiven Esel I-Aah, das Ferkel, Tigger und wie sie alle heißen. Alles Helden mit kleinen Fehlern, die aber stets über sich hinauswachsen, über ihren Schatten springen, zueinander halten und durch den 160-Morgen-Wald tollen, sodass es eine Freude ist, auch als Erwachsener zuzusehen. Ein Glück, wenn man Kinder hat. Da fällt die seltsame Vorliebe für Kinderfilme bei den Eltern nicht ganz so auf. Ach ja, und nicht zu vergessen – da gibt es natürlich noch Master Christoper Robin. Ein Junge in kurzen Hosen und eigentümlichen Blusen, mit Riemchenschuhen über hochgezogenen Socken. Von diesem Jungen handelt dieser Film, und weniger von Autor A. A. Milne selbst, obwohl dieser, unbeweglich steif performt von Domnhall Gleeson, rein dramaturgisch den Ton angibt.

Wenn ein Vater ein Buch für den Sohn schreibt, dann muss das doch das Zeichen einer großen elterlichen Liebe sein – der Beweis grenzenloser Harmonie. Das Zugeständnis für ein recht geratenes Wunschkind. Hat der Vater sowieso schon schriftstellerische Ambitionen, und ist sein Schreiben nicht nur privater, sondern beruflicher Natur, hat ein Werk wie Winnie the Pooh die Chance, als liebevolle Widmung an einen großen kleinen Helden Familienwelten zu bewegen. Doch leicht lässt sich erahnen, dass hinter den Kulissen dieser heilen Welt aus sprechenden Stofftieren eine ganz und gar nicht so blumenwiesenduftende, honigsüße Realität liegt. Dieser Christopher Robin, den wir alle kennen, der hatte eine Kindheit, die so ganz sicher nicht im Buche steht. Statt des erhofften Mädchens kam ein Junge auf die Welt, und statt elterlicher Liebe glänzen die großen Vorbilder durch Abwesenheit, Liebesentzug und dem Reduzieren elterlicher Pflichten auf ein Minimum. Stattdessen gibt’s ja die Nanny, und die Geburt war ja anstrengend genug, so die versnobte Mutter, die lieber tagelang Tapeten aussuchen fährt statt sich um ihr eigen Fleisch und Blut zu kümmern. Notgedrungen muss Papa Milne für einige Tage die Aufsicht für seinen Sohn übernehmen – und siehe da: Es entsteht so etwas wie Nähe zwischen Vater und Sohn. Ganz so wie es sein soll, mit Abenteuer, Spaß und jeder Menge klugen Gesprächen. Diese paar Tage waren es dann auch, die Papa Milne dazu bewogen haben, etwas ganz anderes auf Papier zu bringen, was nichts mit dem eben erst beendeten Weltkrieg zu tun hat. Diese Kinderwelt, in die Milne eintauchen konnte – die ist das Hansaplast auf alle versehrten Seelen. Die Alternative zur bitteren Realität zwischen den weltpolitischen Umbrüchen.

All diese Stofftiere – die gab und gibt es wirklich. Ausgestellt sind diese Exponate in der New York Public Library. Im Grunde sind sie die gestohlene Intimität einer Kindheit, unter welcher der echte Christopher Robin als phantastische Märchenfigur zum Angreifen herumgereicht wurde wie ein Wanderpokal, und so eigentlich zum ersten medialen Kinderstar der Neuzeit wurde. Wir wissen, wie sehr früher Ruhm zum Untergang führen kann. Dass Winnie the Pooh so ein Massenphänomen war, das war mir nicht wirklich bewusst – umso faszinierender die Geschichte dahinter, umso bedrückender die Konsequenzen eines missverstandenen Verrats. Dass Billy Moon´s (Christopher Robin war zwar sein Name, aber genannt wurde der Junge so eigentlich nie) Seelenbär plötzlich der ganzen Welt gehört und als Massenspielzeug reproduziert wird, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, der einen Besuch im vollendet harmlosen Zauberwald zu einem Entern der Privatsphäre eines Buben werden lässt, dessen Geheimnisse einem eigentlich gar nichts angehen. Für den Kinderstar wider Willen findet Simon Curtis mit Jungschauspieler Will Tilston ein neues, erfrischend expressives Gesicht, dass der Ohnmacht vor dem Ausverkauf einer Kindheit eine sensible Stimme verleiht.

Auch wenn Goodbye Christopher Robin stellenweise sehr ins Melodramatische abgeigt und Margot Robbie wie Domnhall Gleeson sich nur schwer in ihren Rollen zurechtfinden, ist die biografische Entstehung des beliebtesten Kinderbuchs aller Zeiten ein sehenswerter, faktisch interessanter und berührender Film geworden, der ganz dem kleinen Christopher Robin gehört – obwohl er das womöglich gar nicht gewollt hätte.

Goodbye Christopher Robin

Café Society

LA LA ALLEN

7/10

 

wasp2015_day_31-0035.CR2© 2016 Gravier Productions, Inc., Photography Sabrina Lantos

 

LAND: USA 2016

REGIE: WOODY ALLEN

MIT JESSE EISENBERG, KRISTEN STEWART, STEVE CARRELL U. A. 

 

Wäre ich der Nachbar Woody Allen´s, würde mir das ständige Geklimper auf der Schreibmaschine gehörig auf den Wecker fallen. Vorausgesetzt, der Altmeister des Wortwitzes bändigt seine Ideen immer noch nach der guten alten Jerry-Lewis-Methode. Im hohen Alter von 83 wird sich Allen wohl kaum mehr einen Computerkurs antun, geschweige denn seine jahrzehntelang erprobte Methode des Schreibens in Frage stellen. Denn mit Sicherheit ist das Klimpern der Schreibmaschine der Motor, der die Dialoge und all die Figuren, die Allen´s Alltagsphilosophie von sich geben, erst in ein gutes Drehbuch bändigt. Eines dieser Drehbücher, die sich gerne dem Zeitalter seines bevorzugten Schreibgerätes anpassen und natürlich wie immer von Woody Allen selbst inszeniert worden sind, war die Grundlage für seinen vorletzten Film – Café Society.

Das klingt jetzt erstmal ein bisschen sehr nach Seitenblicke. Oder erinnert an seinen eher unerträglichen Schickimicki-Streifen Celebrity. Dennoch – an Woody Allen´s Filme führt bei mir kein Weg vorbei. Ich schätze seine Art des Erzählens. Und vor allem die schwarzhumorige Wortgewalt, die er seine oftmals schwer konfusen Charaktere sagen lässt. Und immer – immer ist der schmächtige Brillenträger selbst mit dabei. Was nicht heißt, dass Allen selbst gerne vor die Kamera steht. Das ist mittlerweile nur mehr selten der Fall. Vielmehr ist es so, dass immer eine Figur ganz klar als das Alter Ego des Woody Allen zu erkennen ist. In Café Society ist es natürlich Jesse Eisenberg. Ein Jungspund aus eher ärmeren New Yorker Familienverhältnissen, der bei seinem reichen Produzentenonkel in Los Angeles seinen Traum vom Glück erspäht. Für Steve Carrell, der diesen herrlich aufgeblasenen Onkel spielt, ist Blut natürlich dicker als Wasser, und so darf der unbedarfte Neffe ins schillernde Filmschaffen hineinschnuppern. Ihm zur Seite die Sekretärin des Onkels – angenehm und für eine Woody Allen´sche Figur ungewohnt zurückhaltend: Kristen Stewart. Und wie kann es anders sein – Amor schießt seine Pfeile ab. Allerdings einige zuviel. Was folgt ist ein süffisantes Verwechslungsspiel auf den Veranden prächtiger Villen, in den Ledersitzen heißer Cabrios und vor dem romantisch-warmem Licht üppiger Sonnenuntergänge. All das im gefälligen Licht alter Fotografien und in eleganten Anzügen und Abendkleidern.

Café Society ist Woody Allen, wie man ihn kennt und auch erwartet. Sein ausstattungsintensives Liebeskarussell erinnert aber auch, und das vor allem inhaltlich, an den großen Oscar-Abräumer des Jahres 2017 – La La Land. Da stellt sich mir die Frage, welcher Film nun zuerst da war. Natürlich wird in Café Society nicht gesungen. Tanzeinlagen gibt es auch keine. Doch das gesellschaftliche Flair der Westküste und die darin eingebettete Romanze zweier Idealisten und Träumer, die ihre eigene Sehnsucht nach dem Glück der Welt stillen, einander aber nicht verlieren wollen, findet sich in Allen´s gezähmter Gesellschaftskomödie wieder. Schöne Bilder, adrette Stars – ein Hollywoodfilm, der für den chronischen Oscar-Gala-Verweigerer fast schon zu versöhnlich erscheint. Und bei welchem man das Erscheinen des Jazz-Poeten auf dem nächsten Red Carpet vielleicht sogar in Betracht zieht, so sehr ist seine Sehnsucht nach dem Good Old Hollywood spürbar. Good old – vielleicht hätten wir Woody Allen Jahrzehnte früher auf der Gästeliste der Academy gefunden. Dort auftauchen wird er zukünftig womöglich trotzdem nicht.

Café Society