I Am Mother

DIE ZUKUNFT MEINT ES GUT

7/10

 

IAmMother© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: AUSTRALIEN 2019

REGIE: GRANT SPUTORE

CAST: CLARA RUGAARD, HILARY SWANK, LUKE HAWKER, ROSE BYRNE (STIMME) U. A.

 

Was wurde eigentlich aus Neill Blomkamp? Seit Chappie habe ich nichts mehr von ihm gehört, ich weiß nur, dass er mit den Oats Studios so eine Art Talentschmiede betreibt, in der dystopisch-technologische Kurzfilme auf Langfilmtauglichkeit getestet werden. Jetzt gibt es da so einen Film, der bei uns im Gegensatz zu unseren deutschen Nachbarn von den Lichtspielhäusern verschmäht wurde und sich ungefähr so anfühlt, als hätte ihn eben Neill Blomkamp inszeniert oder zumindest produziert. Diese streng komponierte Science Fiction nennt sich I Am Mother, ist aber australischen Ursprungs. Der Android, der da eine wesentliche Rolle spielt, der erinnert schon sehr an diesen Chappie, hat aber eine komplett andere Funktion. Dieser Android hier, der übernimmt die Rolle einer Mutter. Und zwar in Zeiten, die für den Homo sapiens alles andere als rosig sind, in denen Homo sapiens eigentlich gar nicht mehr existiert, weil er sich im Rahmen eines nicht näher beleuchteten Krieges selbst von der Landkarte getilgt hat. Irgendwo in der postapokalyptischen Ödnis gibt es aber sowas ähnliches wie ein Safe House für unzählige menschlicher Embryonen, die quasi als Backup dienen sollen, wenn’s mal wirklich ans humane Reinemachen geht. Entstehen soll mit diesen in Kühlkästen aufbewahrten Menschlingen ein besserer Mensch. Und Mutter, der Roboter, sorgt dafür.

Werbefilmprofi Grant Sputore erwähnt in seinem Regiedebüt jenen Aspekt auf eine technologisierte Zukunft, die das Franchise rund um Skynet und den Terminator nie aufgegriffen hat. In James Camerons finsterer Zukunft sind die Maschinen darauf aus, den Menschen zu unterdrücken. In I Am Mother sind sie darauf aus, dem Menschen ein neues Reset zu verpassen, aber erst, wenn der denkende Organismus perfekt genug ist – aus Sicht der Maschinen. Das weiß aber die namenslose junge Tochter noch längst nicht. Bislang kennt sie nichts anderes, nur die Maschine als ihre Bezugsperson. Für das Graugansküken war Konrad Lorenz schließlich genauso selbstverständlich, und ungefähr so lässt sich das vergleichen. Was den atmosphärischen Thriller dann erst so richtig in Fahrt bringt, ist der Irrtum, dass jenseits dieser trauten Bunker-Wohnung keine Menschenseele mehr existiert. Dem ist natürlich nicht so. Hilary Swank bricht in die idyllische Zweisamkeit aus Lernen, Prüfen und das tägliche Bekenntnis an eine fehlerlose Erziehung mit aggressivem Einfluss auf die pubertierende Tochter, die die Rolle der Mutter und den Sinn des Ganzen dann doch zu hinterfragen beginnt.

Hilary Swank wäre eine souveräne Alternative für die Rolle der Sarah Connor gewesen, zweifelsohne. Sie spielt die nach Überleben ringende Recht- und Gesetzlose mit der fürs Actionkino willkommenen Mischung aus Aufmüpfigkeit und Angst. Mutter, der Roboter, gesprochen von Rose Byrne (!) und bewegt von einem Mann, weckt mit ihrem zyklopenhaften Kameraauge Assoziationen zu Kubricks HAL 2000, wohl auch, weil dem mörderischen Computer mit seiner sanften Diplomatenstimme das Wohl eines höheren Planes näher war als die Zukunft einer technisch-organischen Partnerschaft. Sputore gelingt aber im letzten Drittel ein humanphilosophischer Kniff: er verdreht die wirklichen Ambitionen eines rationalen Computerhirns, wendet vielleicht gar Asimovs Robotergesetze an, spielt sich mit dem Steckbrief generischer Mutterschaft und fragt sich, ob Androiden nicht nur von elektrischen Schafen, sondern auch von einer glücklichen Familie träumen. Die Eckpfeiler des menschlichen Daseins bekommen in I Am Mother Haarrisse im Fundament, letztendlich aber lässt sich ein Mensch durch nichts ersetzen. Oder doch?

I Am Mother

Juliet, Naked

DER FAN IN MEINEM BETT

7,5/10

 

julietnaked© 2018 Thimfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: JESSE PERETZ

CAST: ROSE BYRNE, ETHAN HAWKE, CHRIS O’DOWD U. A.

 

Nerds können manchmal anstrengend sein. Über nichts lässt sich plaudern, außer über das Objekt der Begierde, der Lebenszeit verschlingenden Leidenschaft. Nerds können aber auch witzig sein, viel mehr belächelnd witzig, sodass der Lachende froh ist, nicht ganz so zu sein wie der, über den sich andere gerade amüsieren. Dieses Konzept hat bei The Bing Bang Theory eine Zeit lang gut funktioniert – und den Experten mit Tunnelblick für das Nicht-Wesentliche salonfähig gemacht. Nick Hornby hat sich auch damit beschäftigt. Also mit den Eigenheiten eines Fans. Noch dazu eines Fans, der in einer Beziehung lebt. Der hat in dessen komödiantischer Romanze ein unergründliches Faible für einen ganz gewissen Musiker, der irgendwie zum Mythos wurde, nachdem er nach wenigen Jahren des Ruhms plötzlich in der Versenkung verschwand. Einziger Hinweis über dessen Verbleib sind unscharfe Schnappschüsse, die ungefähr so aussagekräftig sind wie das Waldfoto von Bigfoot.

Tucker Crowe hieß also dieser geheimnisvolle Songwriter, und Lebensgefährte Duncan hat sich vor lauter Hingabe im häuslichen Keller eine Art Schrein errichtet, in welchem er den erdigen Balladen des Verschwundenen mit Hingabe lauscht und einen Fanblog unterhält, der gerade mal eine Handvoll Follower hat. Auch Freundin Annie liest mit, wagt leise Kritik an einem bisher unveröffentlichten Unplugged-Tape des Künstlers – und setzt damit eine ungewöhnliche Verkettung von Ereignissen in Gang, die Tucker Crowe auf der Bildfläche erscheinen lassen. Und zwar deutlicher, als manch einem lieb sein kann. Mitunter auch dem Fan selbst.

Wer sich an den literarischen Vorlagen von Nick Hornby vergreift, braucht sich um den Plot keine Sorgen mehr machen. Diese Bücher (die ich leider selbst noch nie gelesen habe) leben, wie es den Verfilmungen nach scheint, von recht unaufgeregt skurrilen, alltäglichen Verstrickungen und von kuriosen romantischen Konstellationen, vor allem Ausgangssituationen, die recht schnell und wortgewandt in die Substanz des Erzählten finden, ohne um den heißen Brei herumzustromern. Das war bei High Fidelity oder About a Boy schon der Fall, und das ist bei Juliet, Naked genauso. Wieder ist die Musik etwas, ohne der es sich nicht gut leben lässt, ist die nerdige Verspieltheit und ein irgendwie nicht ganz ernstzunehmender Ernst diversen geschmacksorientierten Schräglagen gegenüber Fokus dieser intellektuell angehauchten Boulevardkomödien. Schauspielerisch bietet sich hier einiges an Möglichkeiten, damit sich längst etablierte Stars nochmal fast intuitiv entfalten und auf komödiantisch tun können, ohne sich lächerlich zu machen. Denn Hornbys Komödien, die haben Niveau, Geschmack und Stil. Sind nicht hemdsärmelig, sondern gesprächsverliebt. Niemals mieselsüchtig, und wenn, dann höchstens trotzig, aber immer zuversichtlich. Genauso reagiert Rose Byrne auf den kuriosen Wink des Schicksals, der ihr Ethan Hawke nach Hause lotst – als Ex-Musiker im Gammel-Look, der in der Garage wohnt, nebenan die Exfrau, doch was tun bei einem gemeinsamen Kind? Irgendwas will der ehemalige Schwerenöter und Dauerbekiffte doch noch auf die Reihe bekommen. Und neben dem Filius könnte auch noch aus Anne ein neuer Lebensmensch werden. Dieser Versuch hat nun einige spaßige Situationskomik in petto, der souverän ergraute Ethan Hawke ist großartig, wie er versucht, sich händeringend all der Familie zu erwehren, die da die seine ist. Und spätestens wenn der Lieblingsschauspieler eines Richard Linklater zwischen Sonnenaufgang und -untergang eine rauchig-melancholische Version von Waterloo Sunset unter Keyboardbegleitung in die Runde schmettert, gehört Juliet, Naked ganz sicher zu meinen liebsten Komödien der letzten Zeit. Weil all die schmeichelnde Ironie dieses Films beweist, dass es auch ohne Slapstick und tiefer Kalauer gehen kann. Dass man einfach eine gute, kluge Geschichte braucht, um zu begeistern. Da muss man gar kein Fan sein, von irgendetwas. Und wenn doch, dann wäre es wohl besser, wenn die Person des öffentlichen Interesses weit genug wegbleibt, um die Wolke 7 aus Sehnsucht und Anbetung nicht abregnen zu lassen.

Juliet, Naked

Peter Hase

WICKEL MIT KARNICKEL

5/10

 

Peter Rabbit (James Corden) in Columbia Pictures' PETER RABBIT.© 2018 Sony Pictures GmbH

 

ORIGINAL: PETER RABBIT

LAND: AUSTRALIEN, GROSSBRITANNIEN, USA 2018

REGIE: WILL GLUCK

MIT DOMNHALL GLEESON, ROSE BYRNE, SAM NEILL, MARGOT ROBBIE (STIMME), DAISY RIDLEY (STIMME), U. A.

 

Mein Name ist Hase, und ich weiß von nichts. – Stimmt, dieser Hase weiß wirklich von nichts. Er weiß nicht mal, dass er gar kein Hase, sondern ein Kaninchen ist. Hasen haben eine ganz andere Physiognomie und sind obendrein Einzelgänger. Kaninchen natürlich nicht. Und an dieser Verwirrung ist womöglich einzig und allein die Übersetzung schuld, denn Peter Rabbit im Original bezieht sich eigentlich auf ein Kaninchen, während Hasen als Bunny bezeichnet werden. Peter Kaninchen klingt aber nicht so gut, schon gar nicht zu Ostern – denn da ist der Film in den Kinos erschienen. Also Hase, obwohl alle lieber ein Kaninchen hätten, weil sie einfach kuscheliger, gesellschaftsfähiger und so herzzerreissend süß herumhopsen. Wenn das dicke, blumenbewährte Hinterteil über die Wiese koffert, will jedes Kind so ein Tierchen haben. Aber was heisst da jedes Kind – ich liebe Nager, hatte sogar ein dreifärbiges Kaninchen, dessen hasenschartiges Konterfei sogar mal in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde. Man sieht, ich kann mich für Meister Schlappohr so richtig begeistern. Für den martialischen Gemüsekrieg zwischen Wald, Wiese und Flur, den der Film Peter Hase verspricht,  allerdings weniger.

Dabei ist Peter Hase die Verfilmung eines Kinderbuchklassikers, der von Beatrix Potter kurz nach der Wende zum 20sten Jahrhundert verfasst und illustriert wurde. Letztere kennt womöglich jeder, der sie sieht. Eingekleidete Tiere des Waldes, detailverliebt gezeichnet. War nur eine Frage der Zeit, wann hier die Tricktechnik zuschlagen würde – und den Charme der Vorlage ziemlich aussen vor lässt. Kein Zweifel, die dicken Dinger sind großartig animiert, das ist State of the Art. Am Liebsten ist mir dieser Frosch im Frack, der am Weiher sitzt und angelt – das ist so ein schönes, altes Fabel-Motiv aus der Spätromantik. Was wäre, wenn ein ganzer Film eine solche Fabel wäre – so in richtig nostalgischer Montur, zwischen Hase und Igel, mit Reineke Fuchs, Isegrim und Adebar? Leider ist es das nicht geworden, und Regisseur Will Gluck hat auf Basis der kauzig-idyllischen Anekdote Potters ein Provinzmärchen für die ganze Familie in den Vorgarten gepflanzt, die, auf Spielfilmlänge aufgeblasen, eine völlig uninspirierte Geschichte zum Besten gibt. Die literarische Vorlage reicht gerade bis zum Ableben des griesgrämigen Mr. McGregor (herrlich bis zur Unkenntlichkeit wutverzerrt und backenbärtig: Sam Neill), und danach ist es auch schon vorbei mit der heimeligen Ungemütlichkeit. Irgendwann verschlägt es Neffe McGregor aus London ins britische Outback, der nämlich das Anwesen vor der Nase unserer kleinen Kaninchenfamilie erbt und von allem, was jenseits seines Lattenzaunes kreucht und fleucht, genauso wenig Näheres wissen will als sein verblichener Onkel.

Die Ursache für den ausgelebten Hass des versnobten Rotschopfs gegenüber befellten Vierbeinern bleibt ein Rätsel, auch das ausartende Hin und Her verkommt zur Mäusejagd, die wir in nämlichen Film aus den 90ern bereits schon kennengelernt haben. Irgendwann, und so ziemlich bald, verlieren Geschosstomaten, Stromzäune und Dynamit seinen ohnehin geringen Reiz, die Autorin der kecken Kurzgeschichte über den Nager im blauen Hemd würde sich ziemlich wundern, was aus ihren Ideen geworden ist. Mit Ausnahme der liebevoll animierten Tiere bleibt ausser einer herumeiernden Romanze und den brachialen Krieg Mensch gegen Tier nicht viel über. Da hat der Trailer deutlich mehr versprochen, mehr Witz und eben auch Charme, den man mit dem Potenzial von sprechenden Tieren locker ausbauen kann. Domnhall Gleeson ist völlig nebenbesetzt, dafür ehrt Rose Byrne Künstlerin Beatrix Potter mit einer kleinen Hommage und den Illustrationen von einst.

Peter Hase hätte richtiges gutes Familienkino werden können. Liebevoll, aufrichtig und mit augenzwinkerndem Witz. Leider nur in wenigen hellen Momenten, doch wer sich an pummeligem Streichelzoo erfreuen kann, ohne sonst viel nebenher einzufordern, hat womögich die Glückseligkeit eines Hasens, der von nichts etwas weiß.

Peter Hase