The King

SCHLACHTEN, DIE GESCHICHTE MACHTEN

8/10

 

theking© 2019 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, UNGARN, AUSTRALIEN 2019

REGIE: DAVID MICHÔD

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, JOEL EDGERTON, SEAN HARRIS, BEN MENDELSOHN, LILY-ROSE DEPP, ROBERT PATTINSON U. A.

 

Issos, Actium, Dürnkrut oder Hastings – Wendepunkte der Geschichte, mit Schwert, Schild und Kriegsgerät erzwungen. Hätte die jeweils andere Partei gewonnen, hätten wir eine gänzlich andere Gegenwart und wäre Europa nicht zu dem geworden, was es ist. Kriege also, die waren die Politik der Antike, des Mittelalters und weit darüber hinaus. Statt Wahlduelle im Fernsehen Schlachten, die Geschichte machten. Zu eingangs erwähnten Eckpfeilern aus Tod und Verderben gesellt sich die alles andere als unter ferner Liefen geschlagene, legendäre Schlacht von Azincourt am 25. Oktober 1415: England gegen Frankreich, mit der die zweite Phase des bis 1453 andauernden 100jährigen Krieges begann. Unter flatterndem Banner und mit Gottes Segen: Heinrich V. Widerspenstiger Prinzensprössling und später König wider Willen – idealistisch, besonnen und klug, leider aber auch leicht beeinflussbar. Mit der Schlacht bei Azincourt schrieb der junge Mann aufgrund seiner taktischen Asse im Ärmel wie Langbögen und Kriegern in leichten Rüstungen schwarze Zahlen, denn mit dem Gemetzel im herbstlichen Schlamm, das bis heute als strategische Ausnahmeerscheinung zur Schlachtenanalyse gilt, hat sich England zumindest für kurze Zeit den Westen Europas unter den gerissen. Der Australier David Michöd (u. a. The Rover mit Robert Pattinson) hat für seinen Heinrich V. besetzungstechnisch die absolut richtige Wahl getroffen: Timothée Chalamet brilliert mit mediävalem Undercut und verbissenem Trotz als die puristische Version einer shakespeareschen Theatergestalt, frei von Versen und pathetischem Gehabe, was ihn aber nicht davon abhält, Gänsehaut erzeugende Schlachtenreden zu halten. An seiner Seite ein so bäriger wie bärtiger Joel Edgerton, nicht minder originär – und als Antagonist (zumindest aus der Sicht der Briten) der mittlerweile enorm wandelbare Robert Pattinson in wohl einer seiner besten Nebenrollen.

Da der Cast bis in ebensolche hinein eine charakterlich völlig autarke Dramatis Personae um sich geschart hat, bedarf es nur noch eines geharnischten Sprungs von den Schiffsplanken bis zu festgestampftem Boden packenden Geschichtskinos, die Michöd mit The King mehr als gelungen ist. Tatsächlich darf der Streamingriese Netflix stolz sein, mit diesem brandneuen Schlachtenepos endlich mal wieder den fahrig produzierten On-Demand-Einheitsbrei hinter sich gelassen und neben Alfonso Cuarons Roma die bislang beste Produktion in seinen Bauchladen aufgenommen zu haben. Dem fast zweieinhalb Stunden langen Film (dessen Laufzeit man ihm nicht anmerkt) gelingt es, die wuchtige, aufgewühlte, spannende Intensität historischer Meisterwerke wie Elizabeth von Shekhar Kapur mühelos zu erreichen. Und das, weil Michöd sich eigentlich nur auf eines konzentriert – auf die penible Rekonstruktion eines nachhaltigen Kräftemessens, mit dem Anspruch, so detailliert wie möglich auf all die Wägbar- und Unwägbarkeiten der beiden Parteien in dieser Konfrontation einzugehen. Michöd und Edgerton haben da ein ausgezeichnetes, zwischen Vorgeschichte und Höhepunkt perfekt abgestimmtes und ausgewogenes Drehbuch entworfen, dass seinen Charakteren genauso viel Luft lässt wie den Blut- und Boden-Fakten der epochalen Schlacht. Und selten zuvor, nicht mal in Game of Thrones, hat man jemals gesehen, wie sich von Kopf bis Fuß geharnischte Ritter wie hier auf der vom Regen morastigen Wiese bei Azincourt den Rest geben. Das ist ein Blechsalat, den muss man gesehen haben, das ist ein Kampf, der letzten Endes keine Gefangenen macht. Dabei lässt Michöd expliziter Gewalt kaum Spielraum, und wenn, dann nur, wenn unbedingt nötig. Der Film ist zwar brutal, weil mittelalterliche Schlachten eben brutal sind, doch gerät die Gewalt nicht zum Selbstzweck, sondern bleibt archaische Notwendigkeit, wenn es darum geht, dem frechen, überheblichen Dauphin Frankreichs wortwörtlich den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Wer eine Leidenschaft für Geschichte hat, wer das späte Mittelalter in seiner kühnen, kalten, bitteren Rauheit und seinem Kalkül aus Vergeltung, Bestrafung und Barmherzigkeit unter Freunden faszinierend genug findet, der sollte um The King keinen Bogen machen. Sondern lieber den Bogen spannen – um irgendwie dabei zu sein, in einem Gefecht, das mit urtümlichen, gemäldeartigen Bildern und erdigen, kargen Kontrasten in ein Damals lädt, wo Könige noch an vorderster Front waren. Und wir hintendrein.

The King

Beautiful Boy

PROBIEREN UND STUDIEREN

5/10

 

BEAUTIFUL BOY© 2019 Filmladen

 

LAND: USA 2018

REGIE: FELIX VAN GROENINGEN

CAST: STEVE CARELL, TIMOTHÉE CHALAMET, AMY RYAN, MAURA TIERNEY, CHRISTIAN CONVERY U. A.

 

Er ist schön, er ist klug, er ist nicht von schlechten Eltern: Thimotée Chalamet, Cineasten natürlich spätestens aus Call Me by Your Name bestens bekannt, muss diesmal zwar nicht seine Liebe zum gleichen Geschlecht entdecken, dafür aber zu bewusstseinserweiternden Substanzen. Dabei geht’s nicht nur um das in manchen Ländern bereits salonfähige Marihuana, sondern auch um all den anderen Stoff, aus dem die Süchtigen sind – angefangen von Koks bis zum vernichtenden Crystal Meth, von dem der gute Walter White ganz genau weiß, wie man es herstellt. Der dunkel gelockte Jüngling also will es wissen, ist neugierig, was natürlich legitim ist, denn Neugier während des Coming of Age erschließt einem die Welt in all seinen Facetten. Zu weit darf es natürlich nicht gehen, alles sollte man auch nicht wagen müssen. Vieles sagt einem bereits der Menschenverstand – oder die eigenen Eltern, aber das ist wieder weniger gut, denn die Meinung der Eltern ist in diesem Alter wohl die, die man am wenigsten hören will. Also selbst ein Bild machen – und nicht mehr davon loskommen. Papa Steve Carell, längst nicht mehr nur im Komödienfach daheim (siehe u. a. Willkommen in Marwen) verbringt auch nur mehr die Tage damit, sich Sorgen um seinen Sprössling zu machen. Der kommt nächtelang nicht heim und muss wieder irgendwo frühmorgens aufgesammelt werden, weil all die schädigenden Substanzen in dessen Körper einfach nicht Feierabend machen wollen. Irgendwann hat aber auch die Geduld der Eltern ein Ende, zumindest die des alleinerziehenden Vaters. Von dieser Opferbereitschaft seinem eigenen Fleisch und Blut gegenüber und von der Neugier am künstlich geschaffenen Glücksgefühl – davon erzählt der Belgier Felix van Groeningen in seinem US-Debüt. Und bleibt im Grunde dem Thema treu, mit dem er sich bereits 2012 in A Broken Circle ausführlich beschäftigt hat: Mit der Leidensfähigkeit von Mutter und Vater.

In Beautiful Boy tut Steve Carell alles, was in seiner Macht steht, um seinem Sohn zu helfen. Allerdings – den Entzug muss der Nachwuchs schon selbst wollen, die Bereitschaft für einen Neuanfang kann ihm auch keiner abnehmen. Allein: die Lust an der Ekstase ist immer noch größer. Chalamet spielt einen Jungen, dessen Beweggrund für Drogenmissbrauch auf keinerlei Defizite basiert. Die Scheidung der Eltern allein kann nicht der Auslöser sein, elterliche Liebe ist genug da, und alle Türen für die Zukunft stehen offen. Gründe für Drogen sind also nicht zwingend soziale Mängel, vielleicht auch nur der Luxus eines sicheren Zuhauses als Basis, um sich weiter als es der Vernunft gebührt aus dem Fenster zu lehnen. Papas Sorgen und versuchte Neustarts wechseln sich also ab – mehr passiert nicht. Anders als im thematisch sehr ähnlichen Krimidrama Ben is Back mit Julia Roberts und Lucas Hedges bringt Felix van Groeningen sein schwermütiges Vater-Sohn-Drama nicht wirklich auf einen grünen Zweig, obwohl er seinen Film mit formatfüllenden Baumriesen dekoriert, die mit ihren wuchtigen Ästen wie Lebensader und Stammbaum zugleich über den strauchelnden Gestalten aufragen. Der abwechslunsgreiche, liebevoll gesampelte Soundtrack wirkt da fast schon ausgleichend, und unterstreicht auch das emotionale Chaos zwischen Eigen- und Fremdverantwortung relativ gut. Doch Peter Hedges Film ist straffer, bewegender, viel fokussierter. Beautiful Boy verliert sich immer noch im Grundgedanken seiner Problematik, tritt dadurch aber auf der Stelle und quält sich bis zur Erkenntnis hin, dass man sich irgendwann als Kind seiner Eltern nur mehr selber helfen kann – oder eben gar nicht.

Beautiful Boy

Hostiles

BURNOUT IM WILDEN WESTEN

7/10

 

hostiles2© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: SCOTT COOPER

MIT CHRISTIAN BALE, WES STUDI, ROSAMUNDE PIKE, JESSE PLEMONS, BEN FOSTER, THIMOTÉE CHALAMET U. A.

 

Blutsbrüderschaft wie bei Winnetou – daran ist überhaupt nicht zu denken. Was hat sich Karl May wohl dabei gedacht? Der deutsche Schriftsteller war nicht nur niemals in New York, er hat auch niemals sonst seinen Fuß auf die neue Welt gesetzt. Die Ahnung, die er vom Wilden Westen hatte, war das Ergebnis aus Erzählungen, Reiseberichten, und der eigenen romantischen Verklärung von Cowboy und Indianer. Diese Verklärung lässt Regisseur Scott Cooper weit hinter sich. Sogar noch weiter, als sie Kevin Costner hinter sich gelassen hat, bei Der mit dem Wolf tanzt – ein Film, der an sich schon einen völlig neuen Zugang zur Geschichte Nordamerikas gefunden und wie noch niemals zuvor den tiefen Graben zwischen Invasoren und Urbevölkerung zu überbrücken versucht hat. Rund 20 Jahre früher hat ein Epos wie Little Big Man den weissen Amerikanern das Wilde heruntergeräumt – so schmerzlich und vehement wie Arthur Penn´s Meilenstein haben wenige Werke das Schicksal der indigenen Völker begriffen. Dustin Hoffman als verirrter Weißer inmitten einer völlig fremden Welt hat Costner´s Idee vom Verschmelzen ethnischer Identitäten vorweggenommen und ist damit meines Erachtens nach sowieso im Olymp der besten Rollenfiguren überhaupt gelandet.

Diese Leistung vollbringt Christian Bale zwar nicht, sein verlorener Blick hinter Schnauzer und Dreitagebart spricht allerdings Bände. Es ist kurz vor der Jahrhundertwende, der ehemalige Batman verkörpert einen US Army-Captain, welcher wirklich nichts mehr zu verlieren hat. Wie verbraucht und ausgelaugt vom Leben kann man sein? Der zu Stein entemotionalisierte Befehlsempfänger in blauer Montur ist müde vom Krieg, müde vom Töten, müde vom Hass. Dennoch quält ihn der Gedanke, einen Cheyenne an den Ort der ewigen Jagdgründe zu eskortieren. Doch Befehl ist letzten Endes Befehl, Alternativen enden vor dem Kriegsgericht. Also Zähne zusammenbeissen und auf den Sattel, da warten noch einige Hunderte Kilometer Richtung Westen. Und dieser Weg, der ist wie der sprichwörtliche Gang nach Canossa. Eine wie auf gebrochenen Beinen dahinschleppende Tour der Versuchung, Vergebung und des Friedensschlusses. Scott Cooper (Crazy Heart, Black Mass) zeigt in diesem elegischen, epischen und mit traditionellen Landschaftsgemälden ausgestatteten Sühne-Western, wie schwierig und fast unmöglich es ist, Vergebung zu fordern und gleichzeitig zu verzeihen. Da muss der Mensch in seinem irrationalen Wahn namens Rassenhass mal die Erkenntnis erlangen, dass nicht alles eins zu eins über den Kamm geschoren werden kann.  Dass von nichts auch nichts kommen kann. Dass zum Streiten im Grunde immer zwei gehören müssen. Binsenweisheiten, die aber erst mal begriffen werden müssen, vor allem von Leuten, die in ihrer verknöcherten Wut von einst gefangen sind.

Da trägt eine von Komantschen aus dem Familienleben gerissene Rosamunde Pike auch nicht wirklich zum besseren Verständnis bei. Das völlig verstörte Opfer, das nun mit dem Troß Richtung Montana reitet, scheint vorerst die Kluft zwischen den beiden Parteien zu erweitern – bis die ewige Weite, schmerzlindernde Gesten inmitten unwirtlicher Wildnis und die Feinde der Feinde das Blatt langsam wenden, die Sicht auf die Dinge, auf Schuld und Mitschuld langsam aufklaren lassen. Hostiles ist kein Anti-Western, dafür aber ein langer Ritt der Erschöpfung, das naturbeleuchtete Bild der Nachwirkung langer Kriege, die alle Beteiligten unendlich kraftlos zurücklassen. Die Reserven sind dahin, was bleibt, ist bedrückende Erkenntnis. Und endlich so etwas wie ein Funke menschlicher Weisheit, die über Dingen steht, die nicht mehr reparabel sind – auf die sich vielleicht aber ein neues Fundament errichten lässt.

Hostiles

Lady Bird

FLÜGGE WERDEN IST NICHT SCHWER…

7,5/10

 

ladybird© 2017 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2017

DREHBUCH & REGIE: GRETA GERWIG

MIT SAOIRSE RONAN, LAURIE METCALF, TRACY LETTS, TIMOTHÉE CHALAMET, LUCAS HEDGES U. A.

 

Wie hätte doch Greta Gerwig diese Rolle gerne selbst gespielt. Doch die Zeit macht auch vor ihr nicht halt, der smarten Indie-Blondine, die mit dem Coming of Age-Drama Lady Bird auch erstmals ihren selbst verfassten Film inszeniert. Als Mittdreißigerin lässt sich eine 17jährige nur auf Kosten der Plausibilität darstellen. Doch talentierte Jungdarstellerinnen gibt’s in Übersee wie Sand am Meer, da braucht es nicht lange, um das Alter Ego Gerwig´s im Casting-Pool ausfindig zu machen. Die Wahl fiel auf die uns bereits aus vielen Filmen sehr bekannte Saoirse Ronan. Was war dieses Engagement doch für ein Glückstreffer. Die 24 Jahre junge Dame ist zwar auch längst kein Teenager mehr, doch ihr juveniles, zartes Äußeres lässt keine Sekunde lang daran zweifeln, dass wir es hier wirklich mit der moderat rebellischen Lady Bird zu tun haben, die sich um die Burg nicht mit ihrem Taufnamen ansprechen lassen will und ihr schulterlanges Haar in dunkelm Bordeaux-Rot vor sich her trägt. Statements unter der Gürtellinie unterstreichen nur ihren Drang, aus dem Rahmen zu fallen – und das an einer erzkatholischen Schule in Sacramento, wo man zwar als Nonnen- oder Priesterpersonal augenzwinkernd über so manche Kleinigkeit hinwegsieht – zu kurz getragene Röcke aber widerholt tadelt. Lady Bird will aber unbedingt aus dem Zwinger ihrer Geburtsstadt ausbrechen und an der Ostküste studieren. Koste es was es wolle wird es wohl nicht spielen – Papa ist arbeitslos und Mama schuftet in Doppelschichten als Krankenschwester ihre Bandscheiben wund. Der Adoptivbruder mitsamt Freundin macht einen auf Asozial und ist auf sein Schwesterherz erstmal auch nicht gut zu sprechen. Wo starke Charaktere aufeinandertreffen, können gut und gerne die Funken fliegen. So geraten auch Tochter Saoirse Ronan und Mutter Laurie Metcalf aneinander, während der brummige Papa Tracy Letts für Ausgleich sorgt und dabei den Vorwurf auf sich nimmt, als Weichei zu gelten. Und die erste Liebe – natürlich, die kommt klarerweise auch nicht zu kurz. Wie es sich für eine fiktionale Bio übers Erwachsenwerden so gehört.

Für die junge Irin ist die Nominierung als beste Darstellerin für den Oscar 2018 eine Ehre, die sie zu Recht verdient hat. Als quirlige, leicht ausgeflippte und tragikomische Gestalt der Lady Bird, die sowohl in ihrem provozierenden Trotz, ihrer naiven Selbstüberschätzung und ihren melancholisch-nüchternen Phasen der Erkenntnis zu sich und zu ihrem bevorstehenden selbstständigen Leben findet, gibt die erstaunlich expressive Ronan so gut wie alles, wenn nicht mehr. Mag sein, dass sie mit ihren eigenen Erfahrungen improvisiert. Genauso wie Greta Gerwig, die tatsächlich auch aus Sacramento stammt. Womöglich handelt es sich bei ihrem Regiedebüt um eine autobiographische Reise in die eigenen Jugendjahre? Der Verdacht drängt sich förmlich auf, bestätigt sich aber einigen Recherchen im Internet zufolge nicht. Gerwig betont in einem Interview mit der André Wesche von der Freien Presse, Lady Bird sei alles andere als ihr früheres Selbst, eigentlich genau das Gegenteil. Die junge Christine McPherson denkt, tut und entscheidet, wie Greta Gerwig wohl gerne gedacht, getan oder entschieden hätte. Die einzige Gemeinsamkeit sei Sacramento, alles andere fiktional. Aber immerhin ist ihre Protagonistin sehr wohl mit der Autorin verbunden, das erkennt man alleine schon an ihrem Auftreten. Kameramann Sam Levy setzt dabei das leise Erwachen zur jungen Frau in grobkörnige, unprätentiöse, sehr private Bilder. Die begnadete Laurie Metcalf als hin und hergerissene, überarbeitete, aber bedingungslos liebende Mutter verleiht dem Marienkäfer im Funkenflug des Flüggewerdens jene ernüchternde Bodenständigkeit, den eigentlich jeder junge ehrgeizige Mensch benötigt, um nicht orientierungslos durch die Untiefen eines leistungsorientierten Alltags zu mäandern. wenn die beiden, Ronan und Matcalf, ihre gemeinsamen Auftritte haben, genießt Lady Bird seine darstellerischen Höhepunkte. Überhaupt gehen die Szenen Greta Gerwig ungemein natürlich und ungekünstelt von der Hand. Da reiht sich die illustre Runde empathischer Nebendarsteller wie Lucas Hedges und Renaissance-Gesicht Timothée Chalamet (Call be my your Name) im harmonischen Zusammenspiel nahtlos ins Ensemble ein.

Lady Bird ist schon ein bisschen etwas anderes als reines Mumblecore-Kino, in dem es vorwiegend um Befindlichkeiten, Ansichten und Beziehungen gebildeter Lebenskünstler geht. Nicht zu vergessen ist hier der raumfüllende Aspekt der Familie, der im Mumblecore-Genre eher vernachlässigt wird. In Lady Bird sind die familiären Wurzeln enorm wichtig, ungefähr genauso tragend wie der Prozess des Entwurzelns unseres lebenshungrigen und neugierigen Freigeistes. Lady Bird ist erfrischend ungeschminkt, lebensnah und mitreißend, erinnert stellenweise an Richard Linklater´s Kindheits-Epos Boyhood und schenkt dem Kinogeher nicht weniger Einblicke in die Gefühls- und Erlebenswelt einer Episode der Reifung, die wie kaum eine andere Zelte abbricht und woanders neu aufbaut.

Lady Bird

Call Me by Your Name

DIE FREIHEIT, ZU LIEBEN

8,5/10

 

callmybyyourname© 2017 Sony Pictures

 

LAND: ITALIEN, FRANKREICH, BRASILIEN, USA 2017

REGIE: LUCA GUADAGNINO

MIT TIMOTHEÉ CHALAMET, ARMIE HAMMER, MICHAEL STUHLBARG, AMIRA CASAR U. A.

 

Nein, Tilda Swinton ist diesmal nicht dabei. Der neue, preisgekrönte Film von Luca Guadagnino muss ohne der aparten Ausnahmeschauspielerin auskommen, obwohl Swinton im filmischen Schaffen des Italieners eine tragende Rolle spielt. Ich kann mich noch gut an seinen opulenten Liebesfilm I am Love erinnern. Genauso wie an A Bigger Splash, der mich jedoch eher ratlos zurückließ. In Call Me by Your Name, den die Oscar-Academy zu Recht neben drei weiteren Nominierungen auch für den besten Film vorgeschlagen hat, wäre auch Tilda Swinton eher schwer zu besetzen gewesen. Denn in Call Me by Your Name geht es zwar sehr wohl auch um das weibliche Geschlecht, vorwiegend aber um die Liebe zwischen zwei Männern – oder sagen wir: zwischen einem Mann und einem Teenager. Filme zu diesem Thema gibt es bereits, da fällt mir A Single Man von Tom Ford ein. Ein todessehnsüchtiger Reigen, der aber bis auf die Konstellation der Beziehung nichts mit Guadagnigo´s betörendem Sommertraum zu tun hat.

Unweit des Gardasees, irgendwo in Norditalien, trifft der junge Elio auf einen Studenten seines Vaters, der für sechs Wochen ein Praktikum in Archäologie absolviert, allerdings aber deutlich mehr dem sommerlichen Müßiggang frönt. Ein Umstand, den Elio sehr zu schätzen weiß, entdeckt der 17jährige Junge doch bis dato unbekannte, sehnsüchtige Gefühle für den Mittzwanziger aus den Vereinigten Staaten. Und Elio ist ein Bild von einem Jüngling, von fast schon klassischer Anmut, wie eine dieser Statuen, die vom Grund des Gardasees geborgen werden. Die Zartheit seines Gesichts, das an Michelangelo´s David erinnert. Der nackte Oberkörper, sehnig und muskulös, von der Sonne gebräunt. Thimoteé Chalamet ist der Eros der Antike, ein sinnlicher Träumer, ein Virtuose am Piano. Gerne badend, abhängend, philosophierend. Der amerikanische Schauspieler ist wohl eine der Entdeckungen des Jahres, so unamerikanisch, unverbraucht und leidenschaftlich bekennt sich dieser zu einer Rolle, die mit Sicherheit enorm schwer zu spielen ist. Keine Ahnung, welcher sexuellen Richtung Chalamet angehört, das ist auch etwas, dass mich wirklich nichts angeht. Doch wie es auch sein mag – mit Sicherheit ist die Darstellung lustwandlerischer Begierde dem gleichen Geschlecht gegenüber wohl etwas, dass sehr leicht ins Lächerliche abgleiten kann oder unaufrichtig wirkt. Das ist zum Beispiel bei Brokeback Mountain passiert – ebenfalls ein Film über eine homosexuelle Beziehung unter Männern, die aber von Jake Gyllenhaal und Heath Ledger weder richtig verstanden noch empfunden wurde. In Call Me by Your Name ist sowohl die Schwärmerei, das kokettierende Verliebtsein bis hin zur gegenseitigen Liebe eine grandiose Symphonie der Gefühle, die sich entsprechend viel Zeit nimmt und bis ins kleinste Detail geht, um von der lockeren Ouvertüre bis hin zum Crescendo der Vereinigung beider Liebender alle nur erdenklichen Nuancen auf die Leinwand bringt, um dann in ein niemals tränentriefendes, aber melancholisch-schönes Finale zu münden, das mit dem intensiven Song Mystery of Love das minutenlang beobachtete Konterfei einer schmerzhaften Sehnsucht poetisch untermalt.

Guadagnino weiß in seinem sinnlichen Meisterwerk eigentlich in keiner Sekunde, was Kitsch überhaupt sein soll. Er erzählt die Geschichte eines unvergesslichen Sommers in wärmenden und kühlenden Bildern – sei es im Landhaus von Elio´s Familie oder im glutheißen Hinterland Norditaliens, im antik anmutenden, steingepflasterten Beckenbad oder verzaubert am See wie im Sommernachtstraum. Und ja – an Shakespeares märchenhaftem Spiel erinnert auch Call Me by Your Name. Vor allem in diesen Szenen, und meist, wenn Timotheé Chalamet an Oliver, gespielt von Armie Hammer, nonverbale Signale einer knospenden Lust entsendet. Armie Hammer übrigens, den ich bis dato längst nicht wirklich auf dem Radar hatte, überzeugt nicht weniger als der zeitlose Jung-Adonis, der wie ein griechischer Halbgott auf Erden sein eigenes sexuelles Erwachen bestaunt. Oliver ist nicht weniger bildschön, ein lässiger Intellektueller in kurzen Hosen und mit gewinnendem Lächeln, der aber das Problem hat, den Normen seiner Zeit verpflichtet sein zu müssen. Die Zeit – das ist Anfang der 80er Jahre. Homosexualität darf längst noch nicht unter solch einer Akzeptanz gelebt werden wie heute. Damals war die gleichgeschlechtliche Liebe etwas, das tunlichst innerhalb der eigen vier Wände bleiben hat müssen. Dass für das eigene Ansehen und den Erfolg im Leben schädigend war. Für Oliver also nichts, wofür sich ein Outing lohnen würde. Zuviel steht auf dem Spiel. Elio hingegen lassen die Ereignisse begreifen, welchen prägenden Wert sexuelle Freiheit hat. Das Elternhaus von Elio ist ein liberal denkender Zufluchtsort, eine Basis der Geborgenheit, die das Reifen jugendlicher Identität unterstützt. Michael Stuhlbarg´s Monolog zu dieser herausfordernden Problematik gegen Ende des Filmes ist von einnehmender Wucht, aufrichtig, bitter und bestärkend zugleich.

Call Me by Your Name ist wohl das Schönste und Vielschichtigste, was im Genre des Liebesfilms in letzter Zeit zu sehen war. Ein Film, in dem nicht viel passiert, in dem das Unsichtbare zwischen den Menschen in virtuoser Akrobatik die Schwierigkeit von Nähe, sexueller Bekenntnis und dem Reifen des eigenen Ichs porträtiert, versteht und in filmische Dichtung adaptiert. James Ivory, legendärer Kenner der Materie und Schöpfer von Werken wie Was vom Tage übrig blieb, welches ebenfalls von einer unlebbaren Liebe handelt, lässt sein zurecht prämiertes Drehbuch, in dem die kleinen Gesten alles sagen, eine unglaublich innovative und erfrischend junge Sprache sprechen. Die Sprache der Freiheit, zu lieben, wie oder wen man will.

Call Me by Your Name