Frau im Dunkeln

BEKENNTNISSE EINER RABENMUTTER

8/10


frauimdunkeln© 2021 Netflix


LAND / JAHR: GRIECHENLAND, USA, GROSSBRITANNIEN, ISRAEL 2020

BUCH / REGIE: MAGGIE GYLLENHAAL, NACH EINEM ROMAN VON ELENA FERRANTE

CAST: OLIVIA COLMAN, JESSIE BUCKLEY, DAKOTA JOHNSON, ED HARRIS, PETER SARSGAARD, PAUL MESCAL, ALBA ROHRWACHER, DAGMARA DOMIŃCZYK U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Am letzten Tag des alten Jahres hat Netflix für sein interessiertes Filmpublikum noch einen besonderen Leckerbissen aus dem Ärmel geschüttelt – das Spielfilmdebüt von Maggie Gyllenhaal, von welcher man ohnehin schon längere Zeit nichts mehr gehört hat, die sich aber mit der Verfilmung von Elena Ferrantes Roman The Lost Daughter umso wirkungsvoller zurückmeldet. Und beileibe ist der Stoff der italienischen Romanautorin keine gemähte Wiese. Nichts, was man so mir nichts dir nichts in Bilder packen und dazu noch ein ausgewogenes Skript verfassen kann. Frau im Dunkeln – so der deutsche Titel – lässt Oscarpreisträgerin Olivia Colman als Professorin während des Sommers Urlaub machen. Wie denn, das ist alles? Fast. Zumindest handlungstechnisch. Das meiste ist Selbstreflexion und Erinnerung, dazwischen die Konfrontation mit Menschen, die auf gewisse Weise begangene Fehler von Colmans Filmfigur aus der Verdrängung zurückführen. Das ist Urlaub, der nicht spur- und ereignislos vorübergeht. Das sind Ferien mit der längst überfälligen seelischen Reinigung.

Und so bezieht Leda Caruso ein großräumiges Appartement auf der griechischen Insel Spetses, und zwar ganz allein. Hausdiener Lyle (Ed Harris) sorgt manchmal für Abwechslung, auch dem Ferialjobber Will gefällt Ledas Gesellschaft. Weniger offenherzig ist allerdings die New Yorker Großfamilie rund um Jungmutter Nina (Dakota Johnson), die sich mit ihrer kleinen Tochter herumschlagen muss und die bereits unter Depressionen leidet, weil sie es dem Mädel einfach nicht recht machen kann. Da passiert es und das Kind verschwindet – Leda beteiligt sich an der Suche und findet sie. Doch damit nicht genug: dessen Lieblingspuppe verschwindet ebenfalls. Die hat sich Leda absichtlich unter den Nagel gerissen. Doch warum nur?

Warum nur? Das ist die große Frage in diesem Film. Und vor allem eine, die Leda selbst nicht beantworten kann. So sind nun mal Gefühlswelten, sie ordnen sich keinem rationalen Muster unter, sie generieren sich aus triggernden Momenten und Assoziationen, aus seltsamen Déjà-vus, die wie gerufen kommen und die Sache mit dem Zufall bemühen. In so einem Nebel aus Vergangenem und Gegenwärtigen lässt Colman als einsame Egoistin ihre Existenz als Mutter zweier Kinder Revue passieren – die Zeitebene wechselt, wir befinden uns rund zwei Jahrzehnte in der Vergangenheit, und Jessie Buckleys junge Leda könnte aufgrund ihres sprachlichen Talents und ihrer literarischen Abhandlungen alles erreichen. Einzig die Kinder nerven, später auch der eigene Ehemann, und so kehrt sie ihrer Familie den Rücken. Eine Rabenmutter, sagt sie selber von sich. Doch die Erkenntnis lässt auf sich warten, im Urlaub ist schließlich genug Zeit dafür, auch wenn sonst nichts zu tun ist.

Wer hätte gedacht, dass es Maggie Gyllenhaal dermaßen gelingt, so einem durchaus abstrakten und auch verschachtelten Stoff das richtige Tempo aufzuerlegen und ein ebensolches Team zusammenzustellen. Dazu gehört auch Kamerafrau Hélène Louvart, die aus dem dichten Stück Schauspielkino ein visuelles Erlebnis kreiert. Extreme Nahaufnahmen wechseln mit in sich ruhenden Arrangements aus Personen – diese Virtuosität erinnert nicht zufällig an den Film Glücklich wie Lazzarro. Dort bewies sich Louvart als Kreatorin einer mediterranen, impressionistischen Stimmung. Coleman und auch Dakota Johnson spiegeln diese mit Bravour. Nicht zu vergessen Jessie Buckley, die als junge Leda Caruso die Last des Mutterseins nicht mit ihrem Drang zur Selbstverwirklichung vereinbaren kann.

Frau im Dunkeln ist ein starker und hypnotisierender Film ohne Leerlauf und mit Bedacht gewählten Worten, die den Brocken an Drama nicht schwerer machen als er ist. Gyllenhaal schafft das Zusammenspiel gewissenhaft agierender Schauspielerinnen, die niemals, wie es scheint, unter den Druck einer egozentrischen Regie geraten, sondern den jeweils eigenen Subtext wirken lassen können. Was dabei rauskommt, ist packend – und auf unerwartete Weise schwerelos.

Frau im Dunkeln

Die Königin des Nordens

GAME OF THRONES IN ECHT

8,5/10

 

koenigindesnordens© 2021 Zuzana Panská / SF Studios

 

LAND / JAHR: NORWEGEN, SCHWEDEN, DÄNEMARK, ISLAND, TSCHECHIEN 2021

REGIE: CHARLOTTE SIELING

CAST: TRINE DYRHOLM, MORTEN HEE ANDERSEN, SØREN MALLING, JAKOB OFTEBRO, BJORN FLOBERG, THOMAS W. GABRIELSSON, AGNES WESTERLUND RASE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Nein, bei dieser Königin des Nordens handelt es sich nicht um Sansa Stark – Kenner und Freunde der High-Fantasy-Reihe von George R. R. Martin wissen, wen ich damit meine. Doch man braucht längst keine entrückten Welten mehr, will man ähnliche Charaktere in der europäischen Geschichte finden. Natürlich sind historische Persönlichkeiten, noch dazu aus dem dunklen Mittelalters, nur fragmentarisch umschrieben. Also werden die Lücken gefüllt – wie bei der Restauration eines altertümlichen Artefakts, mit der Billigung künstlerischer Freiheit.

Statt Sansa Stark behauptet sich also Margarethe I. über große Teile Skandinaviens – es ist dies die Kalmarer Union, bestehend aus Dänemark, Schweden und Norwegen. Jemals was von Margarethe I. gehört? Ich jedenfalls nicht, und umso dringender schien es mir, mein Allgemeinwissen in Sachen europäischer und dezentraler Geschichte aufzufüllen. Es ist zwar ungefähr klar, was zu dieser Zeit rund um Deutschland und Österreich alles passiert ist – der Norden hingegen stand zumindest bei vielen Gelegenheiten nicht am Programm. Die charismatische Erscheinung der Königin – einnehmend, differenziert und in ihrem Verhalten vollkommen nachvollziehbar dargestellt von Trine Dyrholm – hinterlässt also beim nordischen Adel einen gehörigen Eindruck. Und selbst die Briten denken darüber nach, einer Heirat mit Thronfolgerin Philippa und Margarethes Adoptivsohn Erik zuzustimmen. Als das Bündnis zwischen Briten und der Kalmarer Union kurz davor steht, besiegelt zu werden, taucht plötzlich ein Mann auf, der steif und fest behauptet, Margarethes tatsächlicher Sohn Olav zu sein. Dieses scheinbar inszenierte Schicksal wird die gesamte nordische Politik durcheinanderbringen, während der deutsche Orden bereits die Zähne fletscht.

Ridley Scott hat mit seinem ungewöhnlichen Mittelalterdrama The Last Duel schon alles richtig gemacht. Die Dänin Charlotte Sieling kann das sogar noch besser: Ihr historischer Politthriller könnte bereits jetzt schon eines der filmischen Highlights dieses Jahres sein und sich einen Platz in meinen Bestenlisten gesichert haben. In seiner Düsternis, seiner Intensität und in der Entwicklung der Charaktere, für die es normalerweise ganze Serienstaffeln braucht, Sieling dies aber innerhalb von zwei Stunden lückenlos hinbekommt, ist Die Königin des Nordens eines der besten historischen Dramen der letzten Jahre. Warum? Es gibt zuerst mal einen dicken, roten Faden – das ist die Charakterstudie der Margarethe, die zwischen Familiensinn und dem Wohl der Union so sehr zerrissen scheint, dass sie gar im stürmischen Regen gegen die tosenden Wellen anbrüllen muss. Es ist der etwas dünnere, aber sich ebenfalls durchziehende zweite rote Faden über König Erik – auch er kein Böser und kein Guter, eine gekränkte, aber ehrliche Persönlichkeit. Morten Hee Anderson bietet ganze Breitseiten an inneren und äußeren Konflikten. Um die beiden herum das Geflecht aus Intrigen und Feindseligkeiten, das Zerreißen politischer Lager und unvorstellbarste Konsequenzen, die eine Mutter nur ziehen kann. Unterlegt mit einem wohldosierten dramatischen Score gerät der Norden Europas zu einem unwirtlichen zweiten Westeros, zu einer shakespear’schen Bühne, auf deren Boden Opfer gebracht werden müssen, ohne die Politik anscheinend niemals funktionieren kann.

Die Königin des Nordens

Bring Me Home

IN DIE HÖHLE DES RATTENFÄNGERS

6,5/10


bring-me-home© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc.


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2019

BUCH / REGIE: KIM SEUNG-WOO

CAST: LEE YEONG-AE, YOO JAE-MYUNG, KIM JONG-HO, LEE HANG-NA, PARK HAE-JOON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Schon Oldboy-Regisseur Park Chan-Wook hat sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen lassen, und zwar in seinem virtuosen Rachedrama Lady Vengeance: die Rede ist von Lee Yeong-ae. Die koreanische Schauspielerin mit den zarten Gesichtszügen ist auch hier, in diesem sehr düsteren Kriminalfilm, dem Unvorstellbaren ausgesetzt. Als Mutter kann einem auch nichts Schlimmeres passieren, als sein Kind zu verlieren. Allerdings ist dieses Kind nicht verstorben, sondern ganz einfach verschwunden. Das war vor sechs Jahren. Yung-Yeon wirft sich vor, nicht gut auf ihren Sohn geachtet zu haben. Schuldgefühle plagen sie, das Leben wäre schon lange nicht mehr lebenswert, hätten die Eltern die Suche längst aufgegeben. Wie es das Schicksal aber will, passiert doch noch, worauf alle hoffen, und Yeong-Jeon und ihr Mann erhalten entsprechende Hinweise. Es wäre kein koreanischer Film, wären diese Widrigkeiten schon nervenzehrend genug – auf der Suche nach dem Jungen stirbt der Vater bei einem Autounfall. Die am Boden zerstörte Mutter (noch gebrochener kann man kaum sein) steht nun allein da. Allerdings nicht allzu lange – denn bald folgt wieder ein Anruf, der sie aus der Resignation und an die Küste Südkoreas lockt.

Bring Me Home von Regiedebütant Kim Seung-Woo hat von Meister Bong Joon-Ho, der lange vor Parasite so gehaltvolle Krimidramen wie Memories of Murder oder Mother schuf, so einiges gelernt. Sein Inszenierungsstil wirkt selbstsicher, vor allem die schwierig zu timenden, konfliktreichen Szenen gegen Ende des Dramas sind geschickt ausbalanciert. Seung-Woo, der seinen Film auch selbst verfasst hat, lässt sein anfangs in sich ruhendes Vermisstendrama immer mehr und mehr eskalieren, aus der verzweifelten Suche nach dem Kind wird bald ein handfester, durchaus blutiger und auch kompromissloser Thriller, dem aber immer noch die verpeilte Melancholie innewohnt, die koreanische Filme so auszeichnet. Das ist großes, packendes und nur scheinbar pessimistisches Asia-Kino in naturalistischer Bildsprache, und dieses Drama hätte seine Wirkung fast verspielt, wäre es nicht so professionell inszeniert worden. Schuld an diesem Fast-Debakel hat die deutsche Synchronisation. Dafür lässt sich Seung-Woo natürlich nicht zur Rechenschaft ziehen. Den scheinbar ungeschulten Sprechern aber sei so manches vorzuwerfen – allen voran eine unachtsame Dialogregie, die wohl geduldet hat, dass der Sprachcontent wie abgelesen klingt – ohne Intonation und ohne ein Gespür für die Szene. Synchronstudio ist nicht gleich Synchronstudio, das wird spätestens bei diesem Film klar. Und man weiß dann auch wieder, was für Könner hinter der Eindeutschung großer Produktionen stehen, die sich mit dem Thema des Films zu hundert Prozent auseinandersetzen.

In Bring Me Home wäre die schlechte Qualität der Synchro kaum durchzustehen gewesen, hätte der Film nicht so dermaßen an Fahrt aufgenommen. Letzten Endes aber war die hochdramatische Geschichte weitaus dominanter als die emotionslos heruntergeleierten Dialoge. Mein Tipp: Diesen Film unbedingt in OmU sehen. So wie eigentlich fast jeden koreanischen Film, denn dann hat man das lokale Sprachkolorit auch gleich mit am Schirm. Ein Kniff, der das Filmerlebnis vieleicht noch intensiver macht.

Bring Me Home

Ema

FEUERTAUFE NICHT BESTANDEN

5/10


ema© 2020 Filmladen Filmverleih

LAND / JAHR: CHILE 2020

REGIE: PABLO LARRAIN

CAST: MARIANA DI GIRÓLAMO, GAEL GARCIA BERNAL, PAOLA GIANNINI, SANTIAGO CABRERA U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Wieder ein Film aus Chile! Noch dazu einer von Pablo Larrain – einem Mann, mit dem man filmhistorisch schon einiges anfangen kann. Zum Beispiel durfte unter seiner Regie Natalie Portman die traurige Witwe Jackie Kennedy mimen. Kenner und Liebhaber des Films Neruda werden sich ebenso angesprochen fühlen. Und überraschenderweise hat der von mir so sehr gepriesene Nobody Knows I´m Here mit Herrn Larrain auch noch seinen Produzenten gefunden. Ema ermöglicht dem Künstler eine Rückkehr in seine Heimat, genauer gesagt in die Hafenstadt Valparaíso, in welcher dieser doch recht eigenwillige Kunstfilm die chilenische Schauspielerin Martiana Di Girólamo einer Mutter Gottes gleich anzubeten gedenkt wie Klimt seine Muse Zuckerkandl, Henry Miller seine Anaïs Nin oder Franz Werfel seine Alma. Aus Martiana Di Girólamo wird eine Kunstfigur mit streng modelliertem, wasserstoffblondem Haar und lockeren Sporthosen – eine Reggaeton-Tänzerin, die aber ganz etwas anderes zu quälen scheint als die zum Leiden verpflichtende Kunst.

Die titelgebende Ema hat eine Künstlerbeziehung mit Gastón, gespielt von Larrains Haus- und Hofstar Gael Garcia Bernal. Beide haben ob der Unfruchtbarkeit des Mannes ein Kind adoptiert. Bald stellt sich heraus: beiden gelingt es nicht im Geringsten, zu tun, was Eltern für ein Kind eben tun müssen. Der Kleine siebenjährige Pablo bekommt unter anderem beigebracht, wie man Feuer legt. Das macht er dann auch – fackelt die Bude ab und seine Tante gleich dazu. Nach dieser Tragödie fällt der Entschluss, das Kind wieder zurückzugeben. Auch keine noble Tat. Da Ema Gastón die Schuld dafür gibt und umgekehrt, grübelt erstere darüber nach, wie es anzustellen wäre, dem grundsätzlich geliebten Kind nahe zu sein, ohne es wieder adoptieren zu müssen. Ema pirscht sich an die neuen Eltern ran, macht sie von sich abgängig, was eine feuchtfröhliche Menage a Trois zur Folge hat.

Zwischendurch spielt das Feuer keine unwesentliche Rolle. Es ist das, was Ema gut kann – abfackeln. Es brennen Ampeln, Autos oder Spielplätze. Kunst im öffentlichen Raum, wenn man Kunst nicht knebeln will. Zwischendurch wird getanzt und in spärlich beleuchteten Farbräumen Liebe gemacht, egal ob mit Mann oder Frau. Pablo Larrain hält die Zügel sehr locker, es scheint, als lässt er seine Muse einfach machen, kann sich nicht sattsehen an ihrem Gesicht, und ja, es stimmt, Martiana Di Girólamo weiß mit ihrer unnahbar-erotischen Ausstrahlung zu faszinieren. Allerdings scheint es so, als wäre Ema die urbane Installation einer freigeistigen Weiblichkeit, die sich plötzlich ihrer bioethischen Funktion als Mutter entbunden sieht.

Dennoch: Ema spielt zwar viel mit Licht und Farbe, findet surreal anmutende Arrangements und weiß gekonnt, mit seinen Tanz-Choreographien eine gewisse hypnotische Wirkung zu erzielen. Darüber hinaus allerdings bleibt das artifizielle Selbstfindungs- und Erotikdrama viel Kunst um wenig Substanz. Bis die ganze, vage angedeutete Geschichte überhaupt ins Rollen kommt, sorgen entrückte Dialoge und assoziative Szenen, die in ihrer Sinnhaftigkeit vorerst schwer zu verstehen sind, für hinauszögernde Affektiertheit. Viel zu spät wird das skurrile Tête à Tête etwas griffiger und runder, anfangs jedoch hat man das Gefühl, Larrain hätte vor lauter Faszination für seine Protagonistin völlig vergessen, was er hier eigentlich erzählen wollte.

Ema

I’m Your Woman

DIE FRAU IM HINTERGRUND

6,5/10


imyourwoman© 2020 Amazon Studios

LAND: USA 2020

REGIE: JULIA HART

CAST: RACHEL BROSNAHAN, ARINZÉ KENE, MARSHA STEPHANIE BLAKE, BILL HECK, FRANKIE FASON U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Wir kennen ja alle diese urbanen Gangsterdramen, in denen unheilbare Kleinganoven versuchen, auf illegale Weise das große Ding zu drehen und dabei von anderen Leuten, die das nicht gerne sehen, auf gut wienerisch „aufgeblattelt“ werden. Meist verorten wir da eine Bezugsperson in der storytechnischen Peripherie, eine Ehefrau zum Beispiel, wenn geht mit Kind, die ihren Gatten anfleht, endlich mit diesem Unfug aufzuhören. Oder aber ihn dabei unterstützt, weil sie selbst so einen moralfreien Freiheitsdrang in sich verspürt. Die Frau, die ist da aber meist die Figur am Rande, im Hintergrund, wird vielleicht auch entführt und als Druckmittel eingesetzt. Im Mittelpunkt steht aber der männliche Kriminelle mit Sympathiewerten.

Nicht so in Julia Harts Krimidrama. In I’m Your Woman wird das betrachtende Auge auf die andere Seite gelenkt, auf die, die so aussieht, als wäre sie nur die kleine zweite Erzählebene, um das Skript dichter zu machen. Siehe da: man kann auch mit einem Schauplatzwechsel wie diesem das Unwesentliche zum Wesentlichen deklarieren und die daheim ausharrende Ehefrau kurzerhand in ein Auto setzen, um den nachsetzenden Finsterlingen zu entkommen. Das passiert mit Golden Globe-Gewinnerin Rachel Brosnahan, die als Marvelous Mrs. Maisel bereits Fernsehgeschichte geschrieben hat. So marvelous scheint sie in diesem eher sachten und zögerlichen Selbstbehauptungs-Roadmovie vorerst gar nicht zu sein. Denn sie hinterfragt auch nichts, als der kriminelle Ehemann eines Tages ein Baby mit nachhause bringt. Das ist jetzt ihres, sagt dieser, und er hätte alles schon geregelt. Wie erfreulich für Filmgattin Jean, die ja selbst keine solchen bekommen kann, ihren Kinderwunsch nun aber endlich gestillt sieht. Kurze Zeit später verschwindet ihr Mann – sie bleibt als Hausfrau und Mutter zurück. Bis sie und das Baby flüchten müssen, mit einem Unbekannten namens Cal, der ihren Mann aber gut kennt.

Was sich dann anlässt, ist das Psychogramm einer erstarkenden Frau, der letzten Endes nichts anderes übrig bleibt, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Die „Supporting Role“ rückt ins Rampenlicht, das Drama rund um den Gatten wird irrelevant. Auch erfahren wir nicht, was es mit den kriminellen Machenschaften auf sich hat. Das liefern, wie eingangs schon erwähnt, bereits zahlreiche andere Filme. Diese Story jedoch variiert den klassischen Aufbau durchwegs neu und verknüpft lakonische Alltagsmomente einer Mutter mit erdigem Gangsterthrill im 70er-Couleur. Die junge Gena Rowlands wäre für diese Rolle prädestiniert gewesen. Brosnahan erfüllt die Ansprüche aber ebenfalls gut, und auch wenn hier zwischendurch ein paar zu elegische Bestandsaufnahmen die Story nur schleppend voranbringen – die Ambition dahinter, den Alltag schmeißende Mütter mit prickelnden kriminalistischen Abenteuern auf einen Nenner zu bringen, bleibt klar erkennbar.

I’m Your Woman

Mother

EIN OPFER NATÜRLICHER PFLICHTEN

7/10

 

mutter© 2009 Diaphana Films

 

LAND: SÜDKOREA 2009

REGIE: BONG JOON-HO

CAST: KIM HYE-JA, WON BIN, KU-JIN, YOON JAE-MOON, MI SEON-JEON U. A. 

 

Dumm ist nur der, der Dummes tut. Das hat zumindest mal Forrest Gump gesagt und ist eine der Weisheiten, die aus Robert Zemeckis‘ Film mitsamt den obligaten Pralinen bis heute in Erinnerung geblieben sind. Dass das Leben eben aus so einer Schachtel bestehen und die Dummheiten auch der Gewiefteste anstellen kann, erfährt der geistig zurückgebliebene Don Yun am eigenen Leib, hängt er doch allenthalben mit einem Typen ab, der mehr Schlitzohr als Freund ist. Die Mama, die hat das Treiben ihres Filius so gut es geht im Blick, während sie in ihrem Krämerladen Kräuter schnippelt. Und irgendwann Zeugin davon wird, wie sich ihr geliebter Sohn in eine Sache verstrickt, für die er angeblich völlig unschuldig zum Handkuss kommt. Die Mutter gibt angesichts einer ermittelnden Exekutive, die gerne recht flott ihre Fälle ad acta legen will, garantiert nicht w.o. und beginnt selbst zu ermitteln, steht doch eine ganze Zukunft auf dem Spiel, da es um nichts Geringeres geht als um einen Mädchenmord.

Für viele Künstler wird 2020 bereits schon im vierten Monat als das Malus-Jahr schlechthin in die eigene Lebensgeschichte eingehen. Für den Südkoreaner Bong Joon-ho ist es erfolgsmäßig schon gelaufen. Er kann sich zurücklehnen und abwarten. Denn sein jüngster Film Parasite hat den Oscar-Vogel bereits im Februar abgeschossen. Bester Film, beste Regie, bestes fremdsprachiges Werk. Mehr geht nicht. Dabei ist Joon-ho schon längste Zeit ein As unter den Filmvirtuosen aus Fernost, und das spätestens seit seiner Monster-Satire The Host. Zeit, die Lücken in seinem Portfolio zu schließen. Und zwar mit dem ungewöhnlich subtilen Krimidrama Mother. Wer Joon-hos Stil kennt, wird überrascht sein, wie viel leiser der Mann inszenatorisch treten kann. Filme wie Snowpiercer, Okja oder eben The Host sind so ein Mittelding zwischen grotesker Komik und ernsten, dramatischen Untertönen. Das ist ein Mix, den kann so gut wie kein Filmemacher aus dem Westen wirklich adäquat nachkreieren. Stilelemente so zu verbinden ist für den Osten originär. Und hat auch in Parasite seinen Meister gefunden. In Mother blitzt diese Liebe zur bizarren Überzeichnung zwar manchmal auch noch auf, fokussiert sich aber meist stark auf seine Hauptperson, auf eine verzweifelte Mutterfigur, die für sich und ihren Schützling einen Ausweg ergrübelt, leere Kilometer durch den Regen trottet und das Stigma der Schuldigkeit ihres Sohnes um alles in der Welt fortwaschen will. Diese Verzweiflung, dieser wirkungslos scheinende Kampf, der spielt sich sehr stark innen drin ab, auf Enttäuschung folgt Rückzug, um noch mal aus dem Herbarium ihres Zuhauses hervorzukommen. Bong Joon-ho findet viel Verständnis für seine Don Quixotin, weil sie in seinen Augen ein Opfer ihrer Pflicht als Mutter ist, die sich vieles nicht verzeihen kann, ihrem Sohn aber alles verzeiht. Wenn nicht gar verzeihen muss.

Mother ist ein gediegenes, gut beobachtetes Stück Kriminalspiel, in dem die Metaphorik von Schuld, Wiedergutmachung und existenzieller Verantwortung über einen Mordfall weit hinausgeht. Es ist, als würde Joon-ho Friedrich Dürrenmatt zitieren, bereichert durch fernöstliches Lokalkolorit, Akupunktur und Reisschnaps. Die Schlagzeile in der Zeitung ist längst ein unausweichlicher, menschlicher Notstand geworden, der nach Verdrängung fleht und Schuld zu einer Sache der anderen macht. Und nicht zu der einer Mutter. Denn diese Institution scheint und will über jeden Verdacht erhaben sein.

Mother

Systemsprenger

WENN NICHT MAMA, WER DANN?

6,5/10

 

SYSTEMSPRENGER© 2019 Filmladen

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: NORA FINGSCHEIDT

CAST: HELENA ZENGEL, ALBRECHT SCHUCH, LISA HAGMEISTER, GABRIELA MARIA SCHMEIDE U. A. 

 

„Mir ist das Mädchen richtig ans Herz gewachsen“, sagt an einer Stelle des Films die temporäre Pflegemutter, die das neunjährige Mädchen Benni in ihrer Obhut hat. Nora Fingscheidt, Regisseurin ihres Spielfilmerstlings, geht es da ganz ähnlich. Die kleine Benni kann einem einfach nicht egal sein, das Kind lässt verzweifeln und am liebsten will Fingscheidt ihr alle Liebe angedeihen, die es nur gibt. Nur: Da System sieht sowas nicht vor. Das klingt jetzt krass, das klingt wie dystopische Science-Fiction, in der Emotionen am Index stehen. In Systemsprenger allerdings sind Emotionen die Ruler überhaupt, ungefiltert führen sie zum Chaos. Gut das die meisten von uns ihre Impulse kontrollieren können. Die kleine Benni kann das nicht. Die Wut im Bauch wird zur Wut auf die Welt – entfesselt, ohrenbetäubend laut, brutal. Ein Kind muss sowieso erst lernen, Gefühle zu kontrollieren und sich ihnen nicht gleich hinzugeben, da spielt natürlich auch Gewalt eine große Rolle. Bennis Verhalten ist dahingehend gestört. Aber auch ihr Verhältnis zur Familie. Keine Ahnung, was da passiert ist, welchen Ursprung diese Störung erst auf Schiene gebracht hat, nur einmal wird am Rande erwähnt, warum man Benni um alles in der Welt nicht ins Gesicht greifen soll. Da müssen schlimme Dinge vorgefallen sein. Der Vater ist verschwunden und die arbeitslose Mutter sitzt sowieso schon mit zwei Kindern daheim – klarer Fall von sozialem Notstand. Eine nähere Analyse der Ursachen lässt Fingscheidt aber außen vor. Denn worum es geht, das sind die Symptome eines gewaltigen Defizits. Und die sind schwer auszugleichen.

Benni sprengt das System, weil sie keinen Halt findet. Benni legt sich – fast schon vorsätzlich – mit einem Umfeld an, das ihr keine Zuflucht bietet. Wie McMurphy fliegt sie übers Kuckucksnest, legt sich quer, widersetzt sich einer Ordnung, die sie nicht mitbestimmen kann. Die liebende Mutter, Zentrum kindlicher Geborgenheit, bleibt dabei Verräterin und Sehnsuchtsort zugleich. Der stetige Kreislauf aus Ablehnung – Kinderheim, Sonderschule, Pflegemama und wieder retour an den Anfang – treibt das rabiate Verhalten auf die Spitze. Die Folge: Bennis soziale Begleiter verlieren, was sie nicht sollten, die emotionale Distanz. Und Fingscheidt kann auch nicht anders, als lediglich versuchen, über dieses Dilemma objektiv zu berichten.

Dabei stellt sie dem System kein gutes Zeugnis aus. In ihrem Film ist die Inkompetenz der Erwachsenen unübersehbar. Deren teils unbedachtes, teils fahrlässiges Fehlverhalten schürt nur das archaische Aufbegehren eines in seiner Entwicklung gehemmten jungen Menschen, der nichts anders möchte als nach Hause kommen. Dabei verzichtet Fingscheidt aber auch, den Alltag in den Jugendheimen wirklich näher zu beobachten. Laut Systemsprenger hat das alles keinerlei pädagogischen Wert, weil nichts die Institution Familie, schon gar nicht eine Mutter, ersetzen kann. Dort, in dieser trostlosen Enge aus Spitalsgängen und latexfarbenen Anstaltsräumen, ist emotionale Bindung Grund für ein Weiterreichen an den nächsten Ort. So oder so ist das Kind der Verlierer. Systemsprenger ist illusionslos, aber nicht desillusionierend. Ein Film, der aufwühlt und  Meinungen kreuzt. Weil Benni einem nicht egal sein kann. Weil die Wut vor der Unzulänglichkeit des Systems langsam auch mich befällt.

Diese Tour de Force, die heuer im Rahmen der Berlinale den silbernen Bären gewonnen hat, unterliegt keinem Voyeurismus, wobei Hannah Zengels irres Spiel dazu verleitet, immer wieder Beispiele mangelnder Impulskontrolle zu dokumentieren. Das schauspielerische Wunderkind ist aber vor allem auch in seinen leisen Momenten ergreifend gut, und vor allem eigentlich dann, wenn es versucht, Nähe zuzulassen. Wenn die Kamera das blasse Gesicht Zengels aus nächster Nähe einfängt, ihren suchenden Blick oder ihr befreites Lachen, dann hat das nichts Objektives mehr, dann kämpft Fingscheidt genauso für das Kind wie es für sich selbst. Dabei passiert es, dass der Film mitunter ziemlich auf der Stelle tritt, enorm repetitiv und dadurch deutlich zu lang wird. Seine Szenen wiederum sind knapp, sind wie Seitenblicke auf einen Alltag, sparen viel aus und enden oft abrupt. Klar, bei so einem komplexen Thema für einen Film lässt sich nur streichen, was geht. Inhaltlich ist es immer wieder das gleiche, es ist ein zermürbendes Auf und Ab, etwas orientierungslos, wie das ganze Dilemma, um das es geht. gefunden wurde ein Rhythmus, der jener von Bennis jungem Leben entspricht: fahrig, schmerzhaft, fragmentiert, zwischendurch unendlich erschöpft. Und das Ganze, wenns hochkommt, in Pink.

Systemsprenger

Ben is Back

MUTTER COURAGE, U.S.

7,5/10

 

_DSC9362.ARW© Tobis Film 2019

 

LAND: USA 2018

REGIE: PETER HEDGES

CAST: JULIA ROBERTS, LUCAS HEDGES, COURTNEY B. VANCE, KATHRYN NEWTON U. A.

 

Er ist das Problemkind Hollywoods. Ob als Rabiatbruder in MID90s, als Vollwaise in Manchester by the Sea oder als gequälter Homosexueller in Der verlorene Sohn – Lucas Hedges hat, was seine Filme angeht, keine entspannten Jugendjahre. Und jetzt, jetzt ist er auch noch Ex-Junkie, schwarzes Schaf der Familie und unerwarteter Rückkehrer zur Weihnachtszeit, womit die holde Restfamilie wirklich nicht gerechnet hat. Nun, Mama Julia Roberts schon. oder sagen wir: sie hat es gehofft. Lucas Helges kann von Glück reden, so eine Filmmutter zu haben. Da gibt es ganz andere, zum Beispiel Carrie hat eine, die würde ich niemanden wünschen. Unsere Ex-Pretty Woman ist eine, die ihr Kind über alles liebt, egal was es anstellt. Solche Rollen kennen wir eigentlich von Meryl Streep, aber Julia Roberts kann das auch, und zwar fabelhaft gut. In Ben is Back ist sie die Fürsorge in Person, sich selbst zurücknehmend, aufopfernd, aber durchaus auch und nötigenfalls streng.

Tatsächlich aber steht das Kind der 90er unter der Regie seines alten Herren, nämlich Peter Hedges, seines Zeichens Autor so kultverdächtiger Stoffe wie Gilbert Grape. Seinen Sohn lässt er auf die schiefe Bahn kommen, sich mit Dealern anlegen und auf Entzug gehen, und dann, als alles danach aussieht, als hätte der Junge die Kurve gekriegt, kommt der Querschläger – und ruft Mama Roberts auf den Plan. Dieses Gespann, das spielt sich die Bälle zu, als hätte es weitaus mehr gemeinsam als den Arbeitsalltag am Set. Julia Roberts kann natürlich aus dem Vollen schöpfen, sie ist selbst Mutter, und wie schon einmal erwähnt werden ihre schauspielerischen Qualitäten im Laufe ihrer schillernden Karriere immer besser. Das Format einer Meryl Streep hat sie längst, sie zeigt sich genauso authentisch und scheint zu spüren, was sie vorgibt zu fühlen. Das macht Filmsohn Lucas Hedges auch, und deswegen ist Ben is Back längst kein Familienmelodram von der tränendrückenden Sorte, wie man sie bislang zur Genüge kennt. Das winterliche Krimidrama ist, relativ unüblich für so eine Art von Film, auf Zug inszeniert, sehr straff und eigentlich knochentrocken und auf klarsichtige Weise unprätentiös. Der Genremix tut dem Film erstaunlich gut, entlockt beiden Genres durchaus nicht oft gesehene Facetten und dröselt den gordischen Knoten eines unentkommbaren Dilemmas auf direkt künstlerische Art am Ende auf. Gewohnt bin ich so etwas eher von Einzelgängern wie Jacques Audiard oder Susanne Bier. Tatsächlich wirkt Ben is Back manchmal so, als wäre er ein Teamwork der beiden, vielleicht um eine Spur weniger erdiger und schmutziger, doch das muss Peter Hedges Film gar nicht sein, denn die soziale, krankhafte Finsternis einer labilen Existenz dringt in den abgesichert scheinenden, familiären Wohlstand und nicht umgekehrt. Das Eintauchen ins hoffnungslose Milieu der Drogen spart Ben is Back weitgehend aus, maximal streift der Film die Grenzen der Gefahr, die Julia Roberts fast schon versucht ist zu überschreiten. Das ist natürlich ein enormes Exempel an Selbstlosigkeit, ein Aufopfern für das eigene Fleisch und Blut. Dafür kann man gut und gerne eine Lanze brechen für so viel Familien-Impakt.

Ben is Back ist ein unerwartet intensiver Film aus blaugrauen, kalten Wintertagen. Und obwohl Weihnachten ist, zeigt sich das Fest der Liebe schaumgebremst wie selten. Stimmung kommt hier keine auf, maximal eine ungute, eine vorsichtige – und für manche auch ablehnende, denn der Stiefvater hält nichts von Bens Erscheinen. Herbergssuche sollte inklusive Lerneffekt mittlerweile ganz anders aussehen, vor allem zur stillen Nacht. Doch allein bleibt das Problemkind nicht, hat es doch Schutzengel Mutter an seiner Seite. Wird die Erzieherin aber zur Heldin? Das würde die Überzeichnung eines Ist-Zustandes implizieren, der das Brimborium eines gefeierten Kraftakts nötig hätte. Eine Mutter hat das nicht nötig, vor allem, weil Helden oft temporär solche sind. Und wir sehen: In Ben is Back geht es weniger um die schiefe Bahn junger Menschen. Dafür gibt es andere Filme. Wären es hier keine Drogen, wäre es etwas anderes. Das ist also austauschbar. Die Liebe zum Kind allerdings, die der packende Streifen thematisiert, die bleibt unverändert. Und lässt sich durchs nichts abhalten.

Ben is Back

Peppermint: Angel of Vengeance

DIE RACHE EINER MUTTER

6,5/10

 

peppermint© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: PIERRE MOREL

CAST: JENNIFER GARNER, JOHN GALLAGHER JR., JOHN ORTIZ, JUAN PABLO RABA, ANNIE ILONZEH U. A.

 

Es gibt nichts Fürchterlicheres als sein eigenes Kind zu verlieren. Noch dazu durch Gewalteinwirkung, erschossen von einem Killerkommando, am Geburtstag der Kleinen, ein paar Tage vor Weihnachten. Assoziationen mit tatsächlichen Ereignissen aus Straßburg oder Berlin werden wach. Da kommt wirklich alles, woraus die Hölle einer stolzen Mutter besteht, zusammen. Und nicht nur das – der Papa muss auch noch daran glauben. Das Böse nimmt vor gar nichts mehr Rücksicht, nicht mal mehr vor Kindern. Ein Pech für die Mörder, nämlich dass die letzte Bastion aus dem Mikrokosmos Familie dem Schicksalssturm weiterhin trotzt – und zwar nichts Geringeres als die Institution Mutter. Und der Zorn einer solchen, der kann endlos sein. Mindestens so verheerend wie jener eines John Wick, der nur sein Auto zurückwill und für seinen getöteten Hund Vergeltung übt. Die tödliche Effizienz von Jennifer Garner hat allerdings einen längeren Vorlauf. Ganz zu Beginn, da ist sie noch ein biederes, gebrochenes Häufchen Elend, seelisch zerrissen und auf Gerechtigkeit hoffend. Doch die macht sich rar – zu groß die Angst vor dem Damoklesschwert eines mächtigen Drogenkartells, zu korrupt die Justiz, um die angeklagten Mörder hinter Schloss und Riegel zu bringen. Was also bleibt, ist die Wahl der Waffen – zu denen Frau greift, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Um wie eine Nemesis die Unterwelt mit Vernichtung zu strafen.

Das tut Riley North aka Jennifer Garner dann auch. Und neben ihr wirken Gesinnungsgenossen wie Bruce Willis aus Death Wish maximal so, als hätten sie beim wöchentlichen Lotto-Jackpot nicht mal einen Dreier gemacht. Empfinden also halb so viel, wie Riley North es tut. Ein Glück, dass Garner ihr schauspielerisches Soll mit sehr viel Ehrgeiz erfüllt. Ihre Figur der wutentbrannten und verstörten Trauernden ist längst nicht so das plakative Abziehbild einer Killer-Queen, wie manch einer vielleicht vermuten würde. Selbstjustizler gibt es im Actionkino nämlich wie Sand am Meer, mehr davon männliche als weibliche. Im Grunde aber immer das gleiche Szenario. Was soll also an Peppermint anders sein? Eine berechtigte Frage. Überraschend sind solche Filme längst nicht mehr. Basierend auf dieser Bestandsaufnahme ist es viel wichtiger geworden, dem – sagen wir mal – Anti-Helden (denn Selbstjustiz kann niemals DIE rechtschaffene Lösung sein) mehr Struktur zu verleihen. Ihn nicht mehr nur mit einem markigen Spruch auf den Lippen ins Feld ziehen zu lassen, unzerstör- und vorhersehbar. Spätestens da wird der Thriller Marke Eigeninitiative zur Charakterstudie – und wieder sehenswerter und interessanter. Und wie Peppermint durchaus lohnenswert, gesehen zu werden. Garners Figur ist also weit mehr als ein zorniges Phantom-Kommando. Immer wieder fällt sie in ein tiefes, schwarzes Loch. Leidet, am Boden zerstört, wirkt plötzlich kraftlos, geschlagen, resignierend. Und dann rafft sie sich wieder hoch. Zu verlieren hat sie ja schließlich nichts mehr, außer die Gelegenheit auf Rache. Ob das ihren Schmerz tilgen kann, ob das Töten der Peiniger tatsächlich zur Katharsis wird – das wagt Pierre Morel nicht wirklich zu bejahen. Für den Zuseher ist es jedenfalls eine Genugtuung, das war zumindest in Morel´s Filmen der 96 Hours-Franchise mit Liam Neeson schon so. Nachgesehen hat man Actionopa Neeson damals alles. Und wenn das bei ihm schon so war, dann bei Jennifer Garner erst recht. Also punktet Peppermint weniger mit den bewährten Mechanismen einer blutigen Mission quer durch einen ganzen Drogenring, sondern vielmehr mit dieser bildlichen Verbissenheit einer der mütterlichen Verpflichtung verschriebenen Tötungsmaschine, die manchmal gar nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Diese Wut ist ansteckend. Trotz der vielen Leichen, die Riley North´s Weg pflastern, wird sie nicht kleiner, nur verzweifelter. Aber zumindest nachvollziehbar. Für jeden, der Kinder hat.

Wenn schon, dann reflektiert Peppermint etwas mehr als andere Genrekollegen die Effizienz einer solchen Lynchjustiz, wenngleich die bösen Buben, die als eindimensionale Schießbudenfiguren weitestgehend von jeglicher Biografie befreit sind,  wirklich nur dazu da sind, um tödlich bestraft zu werden. Das macht diesen schwermütigen Reißer immerhin wieder zu einer Art Popcornkino für Freunde projektilreicher Heimsuchungen, was er letzten Endes auch sein soll. Nur mit dem Bisschen mehr an bitterer Wut im Bauch.

Peppermint: Angel of Vengeance

Astrid

DIE WELT, WIDDEWIDDE WIE SIE MIR GEFÄLLT

7/10

 

astrid© 2018 DCM

 

LAND: SCHWEDEN, DÄNEMARK 2018

REGIE: PERNILLE FISCHER CHRISTENSEN

CAST: ALBA AUGUST, TRINE DYRHOLM, HENRIK RAFAELSEN, MAGNUS KREPPER U. A.

 

Erst vor ein paar Wochen durfte ich gemeinsam mit meinem Filius einer Bühnenadaption des märchenhaften Abenteuers Ronja Räubertochter beiwohnen. Den DramaturgInnen ist die Aufbereitung fürs Theater fabelhaft gelungen. Die Mattisburg, der Wald und all die Rumpelwichte und Wiltruden sind mit wenigen Kniffen gleich einem Pop-up-Buch überzeugend arrangiert und zum Leben erweckt. Zwischen den Fronten der Mattisbande und der Borkasbande: ein aufgewecktes elfjähriges Mädchen, das Traditionen, die Moral ihrer Eltern und gesellschaftliche Dogmen hinterfragt. Alles ganz anders machen will, und mit dem angeblichen Feind ganz einfach lieb Freund ist. Weil Dinge hinterfragt werden müssen – oder Erfahrungen einfach selber gemacht. Denn wie sonst kann ein Mädchen sich seine eigene Meinung bilden? Ronja Räubertochter ist nur eine von ganz vielen Geschichten, die die schwedische Autorin Astrid Lindgren Zeit ihres Lebens niedergeschrieben hat. Zu größter Berühmtheit gelangte natürlich Pippi Langstrumpf – das kindliche Aufbegehren schlechthin. Ein Leben jenseits aller Regeln, die erste Superheldin zwischen Clownerie und Selbstbestimmung. Inger Nilsson hat dieser Ikone der Kinderliteratur im Fernsehen ein zeitloses Gesicht gegeben. Doch wie und warum hat sich Astrid Lindgren so sehr auf Jugendbücher spezialisiert? Warum haben Kinder vor allem literarisch so sehr ihr Leben dominiert?

Dieser Frage ist die schwedische Regisseurin Pernille Fischer Christensen nachgegangen. Ihr Film mit dem schlichten Titel Astrid ist eine unprätentiöse Annäherung an eine biographische Episode aus dem Leben der weltberühmten Autorin und gleichzeitig eine behutsam gesponnene Hymne auf eine weltbewegende Künstlerin, die das Aufwachsen so vieler Kinder mitgeprägt hat. Eine berührende Idee, während des Filmes immer wieder mal Leserbriefe aus dem Off mit den Stimmen von Kindern rezitieren zu lassen, um einen Ausblick auf das zu geben, was die junge Astrid Ericsson zukünftig erreichen wird. Davon aber hat sie im jugendlichen Alter von 16 Jahren eigentlich noch überhaupt keinen blassen Schimmer. Schreiben, das kann sie, das durfte sie schon unter Beweis stellen. Ein kreativer Kopf ist sie auch. Und jemand, der sich gerne über gesellschaftliches Regelwerk hinwegsetzt. Ein bisschen Pippi schimmert da schon durch. Und dann die Sache mit dem Zeitungsverleger Blomberg. Der viel ältere, getrenntlebende Vater zweier Kinder fängt mit dem jungen Mädchen eine Liaison an, die den kleinen Lasse das Licht der Welt erblicken lässt. Allerdings inkognito, denn in einer Zeit wie dieser war die kirchliche Gemeinde alles und ein uneheliches Kind gar nichts. Astrid muss also ihren Erstgeborenen vor übler Nachrede verstecken und ziemlich viele Entbehrungen auf sich nehmen, bis sie endlich zu sich selbst steht – und ihr Aufbegehren einen Sinn bekommt.

Es schnürt einem das Herz zusammen, wenn die eigene Mutter den kleinen Blondschopf zurücklassen muss. Wenn das Kleinkind das eigene Fleisch und Blut ablehnt. Wenn das Muttersein so abgestraft wird, dass es wehtut. Alba August bleibt in dieser prominenten Coming of Age-True Story nachhaltig im Gedächtnis. Vom Zöpfe tragenden, quirligen Teenie zur verantwortungsbewussten Frau weiß die 25jährige Schwedin, die erstmals in der Netflix-Serie The Rain in Erscheinung tritt, ihre Rolle glaubhaft zu nuancieren und die feministische Chronik gänzlich für sich zu beanspruchen. In einem Film, der an die rustikalen Bullerbü-Verfilmungen aus den 70ern erinnert, und dann wieder in nüchternen, aber eleganten Bildern die 20er-Jahre des ländlichen wie urbanen Schwedens abzubilden weiß, ohne sich in Postkartenoptik zu verlieren. Das warme Licht des Nordens aber legt sich über alles, und nichts ist trostlos genug, um die Zuversicht zu verlieren, die Astrid Lindgren stets beharrlich mit sich trägt. Alba August weiß auch das zu vermitteln.

Einziges Manko an diesem stimmigen Lebenslauf ist Fischer Christensen´s Hang zu ausuferndem Erzählen. Mit knapp über zwei Stunden hängt die Kamera szenenweise zu lange an der versonnenen Mimik der jungen Astrid Lindgren, verharrt zu lange an manchen Orten und macht es der Handlung manchmal etwas zu schwer, wieder in den Rhythmus zu finden. Da kann schon die eine oder andere Ungeduld erwachsen, doch letzten Endes wird man zum Abspann belohnt mit dem Gänsehautmoment eines Liedes der norwegischen Folksängerin Ane Brun. Dazwischen letzte Szenen eines wiedergefundenen Lebensglücks, das später in Ronja, Karlsson oder Michel von Lönneberga auf ewig weiterleben wird.

Astrid