RRR (2022)

SUPERHELDEN DES SUBKONTINENTS

7/10


rrr© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: INDIEN 2022

BUCH / REGIE: S. S. RAJAMOULI

CAST: N. T. RAMA RAO JR., RAM CHARAN, ALIA BHATT, OLIVIA MORRIS, RAY STEVENSON, ALISON DOODY U. A. 

LÄNGE: 3 STD 7 MIN


Wie viel Pathos verträgt ein Film? Nach indischen Maßstäben scheint es da keine Grenzen zu geben. Überhöht wird, was Emotionen weckt. Ins Gottgleiche überstilisiert wird, wer das Zeug hat, als Identifikationsfigur einer ganzen Nation zu gelten. Da muss man vielleicht selbst irgendeinen höheren Bezug zur Mentalität des gigantischen Subkontinents haben, der über die mitgebrachten Erfahrungen aus einer Fernreise hinausgeht. Indisch essen reicht da auch nicht, einen Tanzkurs belegen ebenso wenig. Um die authentische Filmsprache eines Landes, die sich nicht den Stereotypen des Westens anbiedert, schätzen zu wissen, muss man Kajol, Salman Khan oder Shah Rukh Khan bereits mit der Muttermilch verabreicht bekommen haben. Muss man allwöchentlich mit der Familie oder später mit Freunden ins Kino gegangen sein, um sich mindestens drei oder vier Stunden lang der bunten, überbordenden Fülle an Rhythmen, Gefühlen und Action-Akrobatik hingegeben haben, alles knallbunt und expressiv bis zur Erschöpfung. Überzeichnet, exaltiert, so richtig melodramatisch.

Dass diese Art, Filme zu machen, nicht ins Groteske ausschlägt, ist einem Lebensgefühl zu verdanken, das all diesen Werken zugrunde liegt. Für das westliche Publikum, zu welchem ich mich zähle, und das mit amerikanischen Narrativen aufgewachsen ist, enthält die indische Erzählweise zumindest jene Exotik, die uns Fernweh verursacht und uns deswegen so sehr fasziniert, weil wir in Europa relativ wenig davon besitzen. Ein Walzer wirkt geradezu statisch im Vergleich zu einem Bollywood-Tanz. Dieser gehört ins indische Kino wie der Koriander ins Chicken Masala. In RRR – was für die Imperative Rise Roar Revolt steht (doch ursprünglich nur als Arbeitstitel galt, der sich aus den Anfangsbuchstaben des Regisseurs und seiner beiden Stars zusammensetzen ließ) – wird Desi Naach erwähnt, und auf den fragenden Blick des fiesen Kolonialisten hin beginnen die beiden Actionstars Rama Rao Jr. und Ram Charan nicht nur ihre Hüften zu schwingen, sondern auch, in akkurater Choreographie aufeinander abgestimmt, mit den Füßen zu stampfen, die Arme im rechten Winkel hin und herschiebend. Bald tanzen alle mit, und das eigentliche Drama, das da abgeht, gerät in den Hintergrund, denn im indischen Kino lässt sich die Pause-Taste drücken, so oft man will, kann man Rückblenden einbinden und das Ensemble Sachen machen lassen, die der Folklore huldigen. In überschaubaren Dosen genossen ist dieser Stil verblüffend anders. Und auch was Regisseur S. S. Rajamouli hier so an aalglatter Action von der Leine lässt, sprengt längst die Grenzen des Möglichen.

Dabei ist der Plot des für den Golden Globe als besten fremdsprachigen Film nominierten Drei-Stunden-Epos im Grunde alles andere als realitätsfern. Wir schreiben das Zeitalter des Britischen Empire, und bis auf wenige Ausnahmen ist die dominierende weiße Rasse aus arroganten und gnadenlosen Gouverneuren, Generälen und ordnungshütenden Brigaden das überhöhte Abziehbild eines nuancenlos verzerrten Aggressors, den ganz Indien loswerden will. Bevor es aber so weit kommt und der Rest zur Geschichte des Subkontinents wird, eröffnet Rajamouli das schmachtende Drama im Kleinen: Im Wald von Adilabad entführen ein superfieser Gouverneur und seine ebenfalls superfiese Gattin ein junges Mädchen, der durchtrainierte Waldläufer Komaram Bheem, der es sogar mit wilden Tigern aufnimmt, macht sich auf die Suche nach ihr. Zeitgleich schafft es der Inder Alluri Sitarama Raju, in der englischen Armee zu gewissem Ansehen zu gelangen, was sich noch steigern würde, könnte er seine Mission, Bheem auszuschalten oder dingfest zu machen, erfüllen. Wie es das Kismet will, treffen die beiden aufeinander, ohne zu wissen, mit wem sie es genau zu tun haben und dass der eine für den anderen der Schlüssel für den jeweiligen Erfolg wäre. Beide werden dicke Freunde, tanzen eben zu Naatu Naatu und geraten dann später auch mit Händen und Füßen aneinander – in heillos überhöhter, die Gesetze der Physik aushebelnder Bewegungskunst.

Würde man alle Slow Motion-Passagen dieses Films in normaler Geschwindigkeit abspielen, wäre RRR womöglich nur zwei Stunden lang. Die beiden Haudegen springen, kreisen, kämpfen, rennen und reiten, erdulden Schmerzen und entrinnen dem Tod, der sich fragen muss, ob er nun komplett versagt, so einige Male. Natürlich ist der getragene Irrsinn zutiefst antikolonialistisch und beweint dabei tränenreich alle möglichen familiären Schicksale; dann wieder gewinnt die Wut, der Enthusiasmus und die Ekstase die Oberhand. Gefeiert werden dabei in ihrer Apotheose zwei historische Persönlichkeiten gleichen Namens, die als Rebellenführer gegen Britannien zum Mythos geworden sind. Ähnlich wie in der Schwerelosigkeit des asiatischen Wuxia-Genres können sie sich als Duracell-Superhelden auch alle Freiheiten leisten, um der finsteren Historie einen phantastischen Anstrich zu geben, der sein Publikum glatt zur Welle animiert.

Auf Filme wie diesen sollte man sich ganz und gar einlassen, und ihnen nicht mit rationaler Skepsis begegnen. Einfach reinkippen, nicht unbedingt mitdenken, sondern diese andere Art des Kinos genießen und sich von den Grundemotionen triggern lassen, auch wenn vieles über unfreiwillige Komik hinausgeht und so bizarr erscheint, dass man das Sichten des Films mitunter als vergeudete Zeit betrachten könnte. Das mag alles sein, und vielleicht wird das auch passieren – im Ganzen aber ist das heißblütige Potpourri aus Freundschaft, Leidenschaft und Selbstlosigkeit eine einzige folkloristische Zirkusnummer, die, säße man im Rundzelt, auch nicht hinterfragen würde. Was zählt, ist die Erfahrung einer ganz anderen Mentalität.

RRR (2022)

Cold Skin

VIELE SIND EINE INSEL

5/10

 

coldskin© Tiberius Film 2018

 

LAND: FRANKREICH, SPANIEN 2018

REGIE: XAVIER GENS

CAST: RAY STEVENSON, DAVID OAKES, AURA GARRIDO U. A.

 

Leuchtturmwärter in Kunst und Kultur sind ganz eigene Persönlichkeiten. Vorwiegend Eigenbrötler, Eremiten, vielleicht auch Misanthropen. Oder nur Leute, die zumindest eine Zeit lang zwar nicht ins Kloster gehen wollen, um dort innere Einkehr zu pflegen, sondern inmitten einer entfesselten Natur, insbesondere nah am Meer, mit sich selbst ins Reine kommen möchten. Zumindest im Kino ist das so. Und im Kino sind diese Leuchttürme vorwiegend auf Inseln oder Halbinseln errichtet, weitab vom Schuss, im Nirgendwo. Auch in Cold Skin geht es um dieses Nirgendwo. Und das ist eine Insel vulkanischen Ursprungs, wo nichts ist außer Sturm, Gischt und rheumafreundliche Feuchtigkeit, die in die Knochen kriecht. Wer will das schon? Nun, in diesem Fall ein an Robinson Crusoe erinnernder Kauz, der, versoffen und textilfrei die Tage im Bett verbringt, und den neu angereisten Meteorologen, der Windmessungen vornehmen soll, am Liebsten dumm sterben lassen will.

Warum dumm sterben? Nun, diese Insel hat ein Geheimnis, dessen Kenntnis fürs Jobprofil nicht unwichtig gewesen wäre: jenes über eine fremde, fischähnliche Spezies, die scheinbar willkürlich – vor allem des Nächtens und zu Scharen – das einzig gemauerte Gebäude auf diesem unsäglichen Stück Fels mit rätselhafter Verbissenheit attackiert. Und nicht nur dieses, auch die Bude des nichtsahnenden Wissenschaftlers, der glaubt, sich in einem nicht enden wollenden Albtraum zu befinden, spätestens dann, wenn blaugraue Hände mit Fischhäuten durch den Türspalt greifen. Am Ende bleibt nur noch die Bastion des als wehrhafte Festung hochgerüsteten Leuchtturms, in dem beide, der Wärter und der Wettermann, vor den fremdartigen Froschkerlen Zuflucht suchen. Und sich regelmäßig zur Wehr setzen.

Ob diese humanoiden Lungen- und Kiemenatmer den beiden verkorksten Herren wirklich ans Leder oder etwas ganz anderes wollen – das ist eine Frage, zu deren Klärung es niemals kommen wird, zumindest vorerst nicht. Der Verdacht liegt nahe, dass das rabiate Verhalten dieser Wesen die Reaktion auf eine Aktion ist, die in unbeobachteter, näherer Vergangenheit wohl eher xenophob veranlagt war. Diese Furcht vor dem Fremden ist die parabelhafte Essenz dieses phantastischen Märchens, das so verstohlen kokettiert mit dem schmucken Kreaturenkino eines Guillermo del Toro. Nur schade, dass dieser die Verfilmung des Buches von Albert Sánchez Piñol nicht selbst übernommen hat. Wäre naheliegend gewesen, nach seinem großartigen Shape of Water und seinem Know-How, was Amphibienwesen betrifft. Womöglich wäre das ein beeindruckendes Epos geworden, in liebevoller Huldigung an die Swap Thing-Ära. Doch leider leider – der Horrorfilmer Xavier Gens war am Ruder, und er hat aus dem naturgewaltigen Stoff einen unausgegorenen Brocken Treibgut herangekarrt, grob verzahnt und nur peripher interessiert an seinem eigenen Thema. Dafür aber ist das Ganzkörper-Make up der seltsamen Wesen ein Hingucker in Sachen dermatologischer Jumpsuits. Die Haptik dieser Cold Skins ist förmlich fühlbar, das ganze Gehabe dieser fischzahnigen Wesen – insbesondere Aura Garrido als das amphibische Sklavenmädchen Aeneris – ein Must-Explore für jeden Humboldt-Abenteurer, der umso obsessiver wird, je fremdartiger die Dinge werden, die er entdeckt. Überhaupt könnte Cold Skin mitsamt seines historischen Settings aus der Feder eines H.G. Wells oder Jules Verne aufs Papier gebracht worden sein. Sogar ein bisschen Moby Dick schwingt hier mit – aber was heißt ein bisschen: Leuchtturmwärter Gruner gebärdet sich wie seinerzeit Captain Ahab, um das, wovor er sich fürchtet und nicht fassen kann, zu bekämpfen. Das ist unterm Strich eine moralische Mär, mit durchaus philosophischen Ansätzen, die aber auf fahrige Art und Weise trotz wildromantischer Bilder ihrer eigenen Aufgabe etwas zu wenig Respekt zollt.

Cold Skin