Der Leuchtturm

KEIN PLATZ AN NEPTUNS TAFEL

6,5/10

 

derleuchtturm© 2019 Universal Pictures International

 

LAND: USA 2019

REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: WILLEM DAFORE, ROBERT PATTINSON, VALERIIA KARAMAN U. A. 

 

„Los gehen wir“ – „Wir können nicht.“ – „Warum?“ – „Wir warten auf Godot“. Zwei Seelen im Nirgendwo. Die eine dominant, die andere devot, irgendwann kommt noch ein namenloser Dritter, der sich wie ein Hund aufführt. Machtspiele auf engstem Raum, Suizidgedanken, nahe am Wahnsinn angesichts all der Sinnlosigkeit, die nur beendet werden kann, wenn der eine, dieser Godot, sich derer erbarmt, die auf ihn warten. Samuel Beckett hat seinen Klassiker, wie es scheint, als Allegorie auf die menschliche Existenz entworfen – zugegeben hat er das nie. Die Frage nach dem Zweck seiner Stücke blieb unkommentiert. Dabei macht gerade dieses Werk besonders Sinn – weil es die Episode unseres Daseins so gnadenlos verzerrt. Robert Eggers hat das mit seinem Inselkrieg in Schwarzweiß ungefähr ähnlich betrachtet. Ganz genau weiß ich das natürlich nicht, überhaupt blieben nach Sichtung von Der Leuchtturm manche Fragen offen. Was genau, und das haben sich, so vermute ich, auch andere Seher gedacht, hat dieses durchaus auffällige und gegen den Strom treibende Werk eigentlich zu bedeuten? Aller Zugang fällt schwer, man vergleicht mit bereits Gesehenem, das Grübeln über jedes Detail lässt sich nicht so schnell einstellen.

Für dieses surreale Theater eignet sich nichts besser als ein Eiland im Nirgendwo, umgeben von den unberechenbaren Launen des Meeres. In der Mitte ein Leuchtturm, mit dem Allerheiligsten ganz obendrauf, dem Licht, der Erleuchtung. Zwei Männer – wie bei Beckett: der eine dominant, der andere anfangs devot. Dem einen gehört das Licht, dem anderen die Drecksarbeit. Wie lange kann das gut gehen? Nun ja, es sind vier Wochen, das kann man schaffen. Doch nicht, wenn die Mythologie der Meere auch noch ein Wörtchen mitzureden hat, vor allem dann, wenn der eine – Ephraim – sich an den Seelen toter Seebären vergreift. Von da an tönt das Nebelhorn zum Endspiel. Ein Sturm zieht auf, Realität und Fiktion verschwimmen, das Dasein wird zur Belastungsprobe.

Mehr Plot gibt es nicht, in diesem Mikrokosmos des Kommens, Bleibens und Gehens. Robert Eggers macht aus dieser Allegorie einen wuchtigen, wenn auch in lahmen Leerläufen keuchenden Schreckensreigen, der von ganz klein auf anfängt, und der in arglos sittsamer Orientierung seinen Anfang nimmt, bevor Macht, Gier, Sünde und die Suche nach der Wahrheit zur Geißel werden. Da eignet sich besonders Schwarzweiß, und Eggers hat was ganz Spezielles probiert: so zu filmen, wie seinerzeit die alten Meister  – Murnau, Lang, Wegener, Wiene. In 4:3, analog und in expressionistischem Hell/Dunkel, das vorwiegend in der Hütte unter dem Licht der Petroleumlampe geisterhaft gut zur Geltung kommt. Der Leuchtturm ist ein entrücktes Stück Kino, eine Kopfgeburt und artifizielle Spielerei. Mit Willem Dafoe als Inkarnation aus Iglo-Seebär und Meeresgott Neptun hat er den ungekrönten König der Insel auf der einen Seite gefunden, auf der anderen Seite den argwöhnischen, sich duckenden, durchaus psychopathischen Robert Pattinson, der diesmal so richtig aus sich herausgeht, bis zum Exzess und viel weiter. Beide schenken sich nichts, da ist das Warten auf Godot lieber als das Warten auf das Nachlassen des Sturms. Doch der formlose Leviathan, die Welt der Toten und der vereitelnden Ankläger für welche Sünde auch immer, brechen auf diesen Felsen herein, pflügen die Erde um, lassen Wasser fließen und Blut vergießen. Über allem das gleißende Licht des Leuchtturms. Eine verheißungsvolle Wahrheit, die den Tod bringt, sich maximal posthum erschließt oder im Todeskampf. Ein ernüchterndes Zeugnis, das Eggers hier ausstellt: Der Mensch als geblendeter Sünder, der das Legendenhafte verlacht. Ist Eggers so gelagert? Glaubt er an das Paranormale, Transzendente? Ein Däniken des Kinos? Oder eher Lovecraft?

Was bleibt, ist eine nihilistische Sperrigkeit und das Auskosten eines Wahns, ähnlich wie in Roman Polanskis Psychohorror Ekel oder Der Mieter.  Während bei Polanski die Heimgesuchten schuldlos in den Untergang steuern, und bei Beckett naive Clowns bis in alle Ewigkeit ausharren, streunt in Eggers Film der Mensch als Sünder um den Leuchtturm herum. Die Gültigkeit dessen aber, was man sieht, wird zur Gänze zum Seemansgarn. Kein leichtes Stück Kino also – manisch egozentrisch, panisch und affektiert. Eine Filmerfahrung, das schon – für Liebhaber des schauerlich Abnormalen und für alle Philosophen der Leinwand, die Hochprozentiges gewohnt sind.

Der Leuchtturm

Border

ES IST NICHT LEICHT, EIN MENSCH ZU SEIN

6/10

 

border© 2019 Meta Spark – Kärnfilm

 

LAND: SCHWEDEN, DÄNEMARK 2018

REGIE: ALI ABASSI

CAST: EVA MELANDER, EORO MILONOFF, JÖRGEN THORSSON, STEN LJUNGGREN U. A. 

 

Im Meisterwerk von David Lynch, Der Elefantenmensch, ist das Andersartige Grund genug, um eine Attraktion zu sein, die Geld einbringt. Auch bei Tod Brownings Freaks ist das so. Diese Filme berichten aus einer Zeit, in welcher der Begriff Evolution gleichsam Blasphemie und das Abheben von der Masse nichts Gutes sein konnte. Aus dieser Unerkärlichkeit sichtbarer genetischer Mutationen entstanden allerlei Geschichten, Mutmaßungen, Ängste – zusammengefasst als Wunder, und diese Wunder, verpackt in Geschichten, die von Generation zu Generation wuchsen: Mythen. Dort, wo die Nächte lang und die Unwirtlichkeit der Natur unabänderlich sind, gediehen Mythen am Besten. So zum Beispiel in Schweden. Da sind die Wälder unendlich, die Tage seltsam hell oder in scheinbar ewig finster. In Schweden ereignen sich auch jene seltsamen Dinge, die Regisseur Ali Abassi zu einem modernen Märchen zusammengefasst hat, einem Märchen für Erwachsene und Aufgeschlossene wohlgemerkt, und nicht für Anhänger bekannter Versatzstücke und Schablonen, die wir von Grimm, Bechstein oder Andersen kennen. Border schweißt die Mythen des Märchen- und Legendenhaften in die industrialisierte und organisierte Nüchternheit einer Plastiktüte, verwahrt in einem Kühlschrank oder zwischen den kahlen Wänden einer nüchternen Zollstation mit Zimmern für Leibesvisitation. Dass es möglich ist, das Märchenhafte so dermaßen von folkloristischem Zauber zu entrümpeln, ist wiederum sagenhaft. Aber auch erschreckend.

Es ist schwierig, Border zu analysieren, ohne zu viel zu verraten. Meine Review sollte, so mein Ziel, sowohl von Kennern als auch von Nichtkennern des Films gelesen werden können. Klar ist, dass sich Border schwer einordnen lässt, allerdings aber weniger schwer in ein Genre als in ein Spektrum der Wertigkeit. Ist Border nun ein guter oder ein schlechter Film? Mag man ihn oder findet man ihn abstoßend? Abassis Adaption einer phantastischen Kurzgeschichte von John A. Lindqvist, der auch die erste Drehbuchfassung hierzu schrieb, und auf dessen Konto auch der Vampirklassiker So finster die Nacht geht, ist in jedem Fall eine feuchtkalte Ode an das Hässliche. Was schon mal damit beginnt, dass Zollbeamtin Tina nicht so ist wie alle anderen. Also nicht normal. Das sieht man schon, ihr Gesicht ist deformiert, grobknochig und derb wie das eines Neanderthalers. Ein genetisches Überbleibsel? Nein, womöglich nicht, denn Tina kann Gefühle riechen, oder besser gesagt: wittern. Fast wie ein Tier. Ein Tier ist sie aber auch nicht, dafür benimmt sie sich zu sehr wie ein Mensch, wie ein normaler Mensch. Und trifft irgendwann auf einen, der genauso aussieht wie sie, immer öfter ihren Weg kreuzt oder gar aufkreuzt und in die Hütte hinter ihrem Haus zieht. Vertrauen weckt der finstere Hüne aber nicht. Eher Furcht. Oder Verlangen. Und irgendwann lichtet sich der Wald des Unbekannten, und das, was man vor lauter Bäumen nicht gesehen hat, wird klar erkennbar.

Dabei hat Border die Natur weniger im Blick, als es zu vermuten gewesen wäre. Auch wenn Tina Füchse, Elche und andere Tiere des Waldes mit ins Vertrauen zieht, ist hier nur die zutrauliche Natur eine Reaktion auf etwas anderes. Abassi beschäftigt sich in seinem eigenwilligen Bildnis nicht nur mit der möglichen Subjektivität von Hässlichkeit, sondern auch mit Grenzen im weiteren Sinne. Mit Grenzen nämlich, die die Sicht auf gewohnte Dinge einschränken. Sind diese mal überschritten, ändert sich der Blickwinkel, und das Fremde, Abstoßende, völlig gegen die Norm Gebürstete wird zur logischen Konsequenz. Wann ist das Hässliche normal, und wann das Normale hässlich? Border bringt es auf den Punkt, weil er das Gewohnte pervertiert, das scheinbar Perverse aber nicht schönzeichnet, sondern in einen anders vertrauten Kontext stellt. Das kann zu einer durchaus unliebsamen, mitunter irritierenden Erfahrung werden, weil sich in Border Unerwartetes auftut und wir als Zuseher nicht so schnell schalten können, um das Sonderbare anzunehmen. Doch zum Glück für jene, die aufgeschlossen genug sind: Tinas Schicksal kokettiert ganz eindeutig mit dem uralten Phantastischen, mit den Mythen eben. Dieses Schicksal lässt am modernen Menschen kein gutes Haar und sehnt sich nach einer verschwundenen Vergangenheit. So bizarr Abassis Film aber auch sein mag, so urwütig und misanthrop – zwischendurch lässt sich im Hässlichen etwas Magisches entdecken. Ehe man sich’s versieht, ist es auch schon wieder verschwunden, und das Mythische bleibt entzaubert. Ob ich das will, weiß ich nicht. Ich glaube, eher nicht. In Border wird mir das Phantastische zu real. Und das Gewohnte zu unschön. Doch immerhin überlegt der Film mal ganz was anderes, hebt die Grenzen auch zwischen den Genres auf, und das ist unbequem. Und auch nicht notwendig. Immerhin aber ein Werk, auf das man sich einlassen muss, gerne kann und von mir aus auch soll, das vor allem ambivalent bleibt, das Kryptische in unserer Welt aber dennoch zu wenig wertschätzt.

Border

Cronos

DIE MADE IM SPECK DER EWIGKEIT

6,5/10

 

cronos© 1993 CNCAIMC

 

LAND: MEXIKO 1993

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

CAST: FEDERICO LUPPI, RON PERLMAN, CLAUDIO BROOK, TAMARA SHANATH U. A.

 

Die Idee zu seinem Langfilmdebüt dürfte Guillermo del Toro wohl am Flohmarkt gekommen sein, oder bei einem Antiquitätenhändler. Davon gibt es sicher viele in Mexiko Stadt. Was man da allerlei Kurioses in die Finger bekommt, von dem man nicht mal weiß, wozu diese Artefakte überhaupt gut sein sollen. Da wird das Stöbern in alten Sachen tatsächlich zum Abenteuer. Kann also sein, dass der junge Guillermo irgendwann mal ein seltsames goldenes Ei im Sammelsurium sämtlicher Verlassenschaften zu Gesicht bekommen hat. Fabergé wird’s wohl nicht gewesen sein, vielleicht aber tatsächlich etwas Geheimnisvolles, etwas, dass sich durch einen versteckten Mechanismus hätte öffnen lassen. Ein schöner Ansatz für eine mysteriöse Geschichte, für eine Art Märchen zwischen Leben und Tod, zwischen Okkultem und den Schwächen der menschlichen Seele. Sein Hang zum Phantastischen, der wurde 2018 fürstlich mit dem Oscar belohnt – The Shape of Water war eine Liebensgeschichte zwischen dem Fremden und dem Vertrauten, zwischen dem Schwachen und dem Furchteinflößenden, weil Unbekannten. Die dunkle Seite der Fantasie, die kaum erschlossene Sphäre des Versteckten, Gejagten, die beschäftigt del Toro seit jeher. Sein Oscar-Film ist da sogar noch die versöhnlichste Version seiner (Alp)träume, meist sind es aber auch Geister, Vampire und Untote, die auf der Suche nach Erlösung sind.

In Cronos sind es die Sterblichen, oder sagen wir: ein Sterblicher, ein sogar schon etwas in die Jahre gekommener Antiquitätenhändler, der im Fundus seiner Altwaren eben jenes güldene mechanische Ei zu Tage befördert, dass ein seltsames Lebewesen in sich birgt – eine Larve, ein üppiges Insekt, dass die Fähigkeit besitzt, ewiges Leben zu schenken. Natürlich nur unter der Voraussetzung, gewisse Dinge und strenge Regeln zu beachten. Diese stehen in einem Buch, das wieder ganz wer anderer besitzt, der allerdings wieder das Ei sucht, und bei der Suche nach diesem Cronos-Apparat vor nichts zurückschreckt. Und da alle irgendwie ewig leben wollen, ist es in Folge schwierig, jeder Partei, die hier im Spiel ist, gerecht zu werden. Am ehesten noch Ron „Hellboy“ Perlman, der eigentlich nur seine Visage verschönern und gar nicht mal unsterblich werden will.

In diesem Vampir-Kleinod aus den frühen 90er Jahren steckt schon so Einiges, was Guillermo del Toro später in seinen weiteren Filmen gekonnt variiert. Das Paranormale fremdartiger Geschöpfe, der Mythos rund um die Unsterblichkeit, das stimm- wie wehrlose Mädchen mit einer Mission (z.B. Pans Labyrinth) oder der Stachel im Fleisch des Opfers (The Strain). Aber ist das schon Horror? Wenn jemand anderer mit diesen Versatzstücken hantiert hätte, dann ja. Bei del Toro genießt diese Finsternis eher eine seltsam wärmende Vertrautheit, etwas intensiv Poetisches, Folkloristisches, Opernhaftes. Auch Cronos schlägt in seiner Ausstattung, in seiner malerischen Farbgebung und bühnenhaften Opulenz bereits den stilistischen Weg für die nächsten Jahrzehnte filmischen Schaffens ein, und es soll del Toros Schaden nicht sein, seine Schauergeschichten auf diese melodiöse Art zu erzählen. Und ja, diese Art des Filmemachens ist eine Rückbesinnung auf ein Kino des Damals, was nicht heißen soll, dass die Erzählweise dieser Werke einem konservativen, vielleicht gar altbackenen Kanon folgt. Viel mehr zitiert Cronos neben all seinen morbiden Gleichnissen die Schnoddrigkeit früher Gangsterfilme aus der Epoche des frühen Film Noir. Dieser Mix ist es, der dem ganzen Setting seine unverwechselbare Note verleiht, dass sich seltsam, aber profitabel zu- und ineinander fügt. Für Fans des mexikanische Phantasten ist Cronos fast schon ein Muss, für Liebhaber des gediegenen Blutdurst-Grusels, die zum Beispiel auch Tony Scotts Begierde mit David Bowie mochten, ein im wahrsten Sinne des Wortes aufgewecktes Stück geschmackvolles Genrekino, wenn auch im Abgang etwas metallisch…

Cronos

Trollhunter

MYTHEN, DIE WÜTEN

7/10

 

trollhunter1© 2011 Universal Pictures Germany

 

LAND: NORWEGEN 2011

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

CAST: OTTO JESPERSEN, GLENN ERLAND TOSTERUD, JOHANNA MØRCK, TOMAS ALF LARSEN U. A.

 

Was war das nicht für ein Hype rund um den Hexenhorror The Blair Witch Project? Viral Marketing par excellence, und so mancher dachte dabei wirklich, dass das gefilmte Rohmaterial authentisch ist. Ein neuer Stil war da plötzlich mehr als nur amatuerhafter Spuk, es waren diese Fake-Arrangements, die von da an das relativ zügig ausreizbare Found-Footage-Genre in die Welt des Kinos gesetzt hatten. Das mit der Wackelkamera, den gehetzten Kameraschwenks und dem permanenten Vergessen, auf der Flucht vor dem Grauen die Aufnahme zu unterbrechen, das hat sich mittlerweile schon des Öfteren in einer gewissen Redundanz verbissen. Noch mehr Laufmeter dahinziehenden Waldbodens mit Gekeuche und Gekreische aus dem Off waren danach wirklich kaum noch nötig. Irrtum – Cloverfield hat´s dem Publikum nochmal ordentlich gegeben. In Sachen Monsterhorror ein gewitzter Knüller. Und was die Amerikaner können, können die Europäer allerdings auch. Mit einer Mockumentary aus dem hohen Norden, in dessen Vorspann steif und fest behauptet wird, dieses Filmmaterial begutachtet und für echt befunden zu haben. So kann man sich in die Irre führen lassen, aber so kann man sich auch hingeben in eine alternative Realität, die so gerne möchte, dass es so mythische Wesen wie Trolle oder Zwerge tatsächlich gibt.

Gehen wir mal davon aus, es gibt sie. Oder gehen wir einmal davon aus, wir hätten nie geglaubt, dass es sie gibt, wären aber offen für stichhaltige Widersprüche – vorliegende, brisante Doku würde uns eines Besseren belehren, indem sie sich an die  Fersen eines Sonderlings heftet, irgendwo in der Unwirtlichkeit Norwegens, wo der Wald alles ist und teilweise auch so verlassen und wild wie in den entlegensten Gegenden Kanadas. Gut möglich, dass dieses Dickicht manch krypotozoologische Sensation verbirgt. Irgendwas ist da im Argen jedenfalls, so finden das drei Hobbyfilmer, die einfach so aus Neugier dem seltsamen Eremiten folgen, bis der trotz anfänglichem Widerstand klein beigibt – und geradezu bereitwillig über sein außergewöhnliches Tun als Trolljäger aus dem Nähkästchen plaudert – inklusive Feldforschung und handfesten Beispielen, wie denn so eine Trolljagd tatsächlich vonstatten geht.

Der norwegische Autorenfilmer André Øvredal hat sich da einen riesengroßen Spaß erlaubt, einen köstlichen Nerdfilm und Fantasy-Irrsinn sondergleichen, den Taika Waititi wohl nicht besser hinbekommen hätte. Sein 5 Zimmer Küche Sarg – eine Mockumentary über Alltagsvampire – ist so dermaßen überzeichnet, dass diese nur noch wenig dokumentarische Attitüden aufweist. Trollhunter zehrt ziemlich lange an der Reality-Gier des Zusehers, und setzt die Geduld der reichlich naiven Jungfilmer gehörig auf die Probe. Sie machen womöglich all die gleichen Fehler wie seinerzeit die Hexenjäger von Blair, aber diesmal haben sie wenigstens einen harten Kerl an der Seite, der mit Blitzlicht und Betonhammer auf die Pirsch geht. Dabei tut mir als eingefleischten Troll-Fan (nur echte Trolle, nichts au dem Internet) das Herz richtig weh, wenn es darum geht, diese Urviecher, die ihr Revier verlassen, allesamt erlegen zu müssen. Das muss doch nicht sein – oder doch? Zumindest darf die Menschheit niemals erfahren, dass es Trolle wirklich gibt, daher ist auch das Bildmaterial heiß begehrtes Ziel staatlicher Geheimdienste, die den Pionieren in Sachen realer Mythen und Monster ebenfalls auf den Fersen sind. Das ist spannend und kauzig, und die Ideen, die all die Spuren erklären, die diese mal befellten, mal dreiköpfigen, mal riesenhaften Knilche nun mal zwangsläufig hinterlassen, wirklich gut ausgedacht. Da sieht man Schutthaufen am Waldesrand oder Felsstürze gleich mit anderen Augen. Logisch, manches könnte ja auch ein Bär sein – aber was, wenn nicht? Øvredals Drehbuch hat da tatsächlich Hand und Fuß, und es passt verblüffenderweise wirklich vieles zusammen. Haarsträubend ist natürlich das Handeln der kleinen Menschleins angesichts dieser latenten Gefahr, die von den Riesen ausgeht, aber das ist eher wieder dem Subgenre des Slasher-Horrors entlehnt, deren Jumpscare-Benefits wohl bei aller Vernunft mager ausfallen würden. Trollhunter ist aber kein Horrorfilm; nichts, was Grauen erregt, sich aber an entdeckerfreudigem Suspense die Hände schmutzig macht, der seine Giganten gut getimt ins Bild rückt und wieder verschwinden lässt. Der weiß, wie Spannungsaufbau funktioniert, und sich das Beste und Größte bis zum Schluss aufhebt.

Es gibt ihn also vielleicht, diesen feuchten Traum aller Kryptozoologen, die sich an Nessie oder Bigfoot bereits jahrzehntelang die Zähne ausgebissen haben und vielleicht Lust auf Anderes bekommen, vielleicht mehr den Spuren frühmittelalterlicher Epen folgend, wie Beowulf und Grendel, wobei letzterer den Trollen in Øvredals Film sicherlich Pate gestanden hat. Kurzum: Trollhunter ist ein spinnertes Vergnügen zwischen Monstermuff und rettendem Sonnenlicht, trotz all der wirren Optik.

Trollhunter

Stan & Ollie

NICHT OHNE MEINEN BUDDY

5,5/10

 

Unit stills photography© 2019 SquareOne Entertainment / capelight pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA, KANADA 2019

REGIE: JON S. BAIRD

CAST: STEVE COOGAN, JOHN C. REILLY, DANNY HUSTON, NINA ARIANDA, SHIRLEY HENDERSON U. A.

 

Es gibt Beziehungen, die sind in so heißem Feuer geschmiedet, da reichen weder familiäre Bindungen noch ein Ehegelübde heran. Sie sind sogar schon mehr als nur eine innige Freundschaft, das ist sogar schon so etwas wie eine Symbiose – eine Existenz, die nur doppelt gemoppelt gelebt werden kann. Im fiktionalen Kulturkreis findet sich da einiges, wie zum Beispiel Don Camillo und Peppone oder Asterix und Obelix. Oder könntet ihr euch Obelix ohne Asterix vorstellen? Oder umgekehrt? Fix ohne Foxi? Peterson ohne Findus? Dinge der Unmöglichkeit. Bud Spencer oder Terence Hill waren im Alleingang bei weitem nicht so gut. Genauso verhält es sich auch mit Stan Laurel und Oliver Hardy. Ihre Beziehung war genauso, nämlich die eines dynamischen Duos, das ohne den anderen niemals konnte und wenn doch, dann war das eine Schmach für beide. Stan & Ollie oder Dick & Doof, wie sie im deutschen Sprachraum auch hießen, waren nicht auseinanderzudividieren, waren wie Dean Martin & Jerry Lewis, Farkas & Waldbrunn und wie sie noch so alle hießen, diese Buddies, die sich ihre Pointen zuwarfen wie treffsichere Pässe beim Volleyball. Wo einer die Scherze auflegt, und der andere hineinsteigen muss. Das war wohl witzig damals, das war Slapstick mit Niveau, perfekt getimt und minutiös vorbereitet. Da saß jede Geste, jede Mimik. Sogar das Schälen von Eiern wurde zur Lachnummer. Das musste man können, so clownesk aufzutreten, dass es nicht peinlich wirkt, sondern pointiert und von lässiger Jovialität, trotz oder gerade wegen der hingebungsvoll nervenden Blicke von Oliver Hardy, der den achselzuckenden und kopfkraulenden Stan Laurel stets maßregeln musste, um kurzerhand Torten oder ähnliches ins Gesicht zu bekommen. Es lassen sich die Klassiker wie Die Wüstensöhne tatsächlich noch genießen – diese Nummernrevuen haben ein Kolorit und eine paraverbale Palette an komischer Performance, die heutzutage noch ihresgleichen sucht.

Und nun, da sind sie wieder, begleitet vom musikalischen Intro des Cuckoos Dance und nach einem Drehbuch von Jeff Pope (Oscarniminierung für Philomena), der die Fakten zu den letzten Dekaden des Komikerduos gewissenhaft zusammengetragen hat. Handverlesene Momente, hinter den Kulissen hervorgeholt. Was da zum Vorschein kam? Der Plan zu einem Film über Robin Hood. Veralbernd natürlich und aus der Feder von Stan Laurel, sowieso stets der Mastermind hinter dem Erfolg, wie Blitzgneisser Asterix, dem Obelix in blindem Vertrauen stets folgt. Nur – die Zeiten haben sich geändert, wir schreiben Anfang der 50er Jahre. Da fährt das Publikum doch eher auf die Eskapaden von Abbot & Costello ab, und weniger auf den lakonischen Fettnäpfchenreigen, wie sie Chaplin, Lloyd oder Keaton auch so an den Tag gelegt hatten. Die Investoren zieren sich, die Bühnenversion ihrer Filmsketches sind im Rahmen einer England-Tournee nur spärlich besucht. Und Ollie, der hat Knieprobleme. Beide aber können es nicht lassen. Sie müssen weitermachen, denn was wären sie ohne einander. Und ohne ihren Sinn für Humor, der die Massen doch bis jetzt begeistert hat. Alles hat aber ein Ende. Und irgendwann müssen auch die beiden ihre viel zu kleinen und zu großen Melonen an den Haken hängen.

Stan & Ollie ist ein wehmütiges Farewell für Fans und Kenner dieser Urgesteine aus einer längst vergangenen, analogen Ära. Steve Coogan und John C. Reilly sind phänomenal – nicht nur dass sie so aussehen wie die beiden darzustellenden Kindsköpfe. Sie bewegen sich auch genauso, haben dieselbe Mimik. Machen immer wieder mal vergessen, dass es sich hierbei gar nicht um die echten Stars handelt. Darüber hinaus aber bleibt das Porträt einer innigen künstlerischen Verbundenheit in schaumgebremster Zurückhaltung seltsam blass. Und das nicht wegen des grauen Schnauzers von Ollie. Sondern, weil das Abendrot ihres Erfolges nicht die ganze Geschichte ist – die ich aber gerne gesehen hätte. Der Film hebt zwar am Höhepunkt ihrer Karriere an, springt aber sofort 16 Jahre weiter. Was bleibt, ist ein Abgesang. Rührend zwar, aber verdünnt auf Spielfilmlänge. Reilly und Coogan legen sich ins Zeug, füllen mit ihren Konterfeis vorwiegend die Kamera aus und machen schon deutlich, was beide damals wirklich verbunden hat. Das hat als Psychogramm einer Freundschaft schon Hand und Fuß, leidet aber schnell unter Atemnot, wie Oliver Hardy, dessen Herz bald nicht mehr mitmacht. So ist das ganze biografische Fragment: langsam, irgendwie schwächelnd, wenn geht rastend. Das passt natürlich zum Befinden von Stan & Ollie, lässt aber deren unverwüstlichen komödiantischen Esprit der beiden auf Dauer vermissen, auch wenn die Vision eines letzten gemeinsamen Films wehmütig macht.

Stan & Ollie