Truly Naked (2026)

SCHAU MIR IN DIE AUGEN, KLEINER

7,5/10


Caolán O'Gorman fotografiert Alessa Savage im Film Truly Naked
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2026

REGIE / DREHBUCH: MURIEL D’ANSEMBOURG

KAMERA: MYRTHE MOSTERMAN

CAST: CAOLÁN O’GORMAN, SAFIYA BENADDI, ANDREW HOWARD, ALESSA SAVAGE, LYNDSEY MARSHAL, CAMERON JAMES-KING U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Alleine die Ausgangssituation, die dieser Film liefert, bricht ein Tabu: Der Sohn filmt Papa beim Sex mit anderen Frauen. Nimmt man es genauer, spielt hier der Kindesmissbrauch rein, denn Alec – der Teenie, um den es hier geht – ist 17 Jahre alt und somit immer noch minderjährig. Und Alec, der sollte das nicht tun müssen. Niemand sollte seinen Vater beim Sex filmen – auch dann nicht, wenn Porno dessen Business ist.

Skandalfilm durch die Hintertür

Ist Truly Naked also ein „Skandalfilm“? Setzt er sein Publikum einer perversen und somit auch dysfunktionalen Familiensituation aus? Das kann man so sehen, obwohl Alec zu diesem Tun nicht gezwungen wird. Was sich die Vaterfigur dabei aber zunutze macht, ist genau das: die Vaterfigur; die patriarchale Übermacht, die mit jovialem Verhalten kaschiert wird, die augenscheinlich wertschätzend wirkt. Dahinter verbirgt sich der Missbrauch eines juvenilen Gewissens, das erstens vermutlich selbst noch nicht erkannt hat, den Eltern überhaupt nichts schuldig zu sein. Und zweitens auf diese Weise Intimität und körperliche Liebe als entwertet wahrnimmt.

Niemand will liebende Menschen sehen

Ein Vater tut so etwas nicht. Und Porno ist nicht nur ein Business. Muriel d’Ansembourg will mit dieser bizarren Vater-Sohn-Beziehung die Verantwortung der Erziehenden genauso zum Thema machen wie die gesellschaftliche Verrohung im Hinblick auf Sexualität und die immer noch kolportierte toxisch-männliche Sicht darauf.

Die Pornoindustrie lebte lange davon, Frauen den Männern zu unterwerfen. Das alleine passiert durch den Male Gaze immer noch. Wenn Sohn und Vater dabei anfangs noch einen Blickwinkel teilen, wandert der des Sohnes auf unerwartete Weise dank Klassenkameradin Nina in eine ganz andere, progressive Richtung.

Denn Nina, die kommt aus einem queeren Elternhaus, ist aufgeschlossen und kritisch. Und gleichzeitig an Alec auch als Frau interessiert, während dieser sein Doppelleben als Kameramann und Schnitt-Techniker in Papas Business tunlichst geheim halten will. Was ohnehin nicht funktioniert – spätestens dann nicht, wenn Papa plötzlich vor der Schule aufschlägt, mit seinem Star im Schlepptau.

Mann kommt, Frau nicht

Mit Truly Naked will Muriel d’Ansembourg beileibe nicht nur eine ungewöhnliche Teenagerromanze für Erwachsene erzählen, die mit einem Reizthema anecken will. Verstanden kann ihr Film, der niemals voyeueristisch wird, vorrangig als Gleichnis dafür, wie unachtsam die kommende Generation in Sachen Rollenbild, Equalität und Achtsamkeit erzogen wird – mitunter nämlich gar nicht.

Der Pornoindustrie ist das egal, sie lebt von den Trieben. Doch auch dort stecken Menschen dahinter, die in Kauf nehmen, dass Sex als mechanisches Perpetuum Mobile betrachtet wird, in denen sich der weibliche Part fügen muss. Der Höhepunkt ist da nur Show, doch dem Manne reichts.

Schritt für Schritt aufeinander zu

In Truly Naked wendet sich das Blatt – für die Alten längst nicht mehr, doch zumindest für die Jungen, oder eben für „den“ Jungen, der die Sensibilisierung durch weibliche Klugheit, Provokation und simplen, aber effektiven Achtsamkeitsübungen erfährt. Einen auf die Barrikaden gestiegenen Feminismus gibt es hier keinen, auch die Frauenrolle wird hier hinterfragt. Grenzen zu ziehen und Nein zu sagen sind nur zwei Antworten darauf. Den Blick der Männer vom Körper weg auf die Person zu lenken, wird dabei zur hart erkämpften Errungenschaft.

Die Kunst der Wahrnehmung

„Hier oben bin ich, schau mich an“. Mit diesen oder ähnlichen Worten lockt die bezaubernde und faszinierende Schauspieldebütantin Safiya Benaddi den grundlegend verstörten Alec aus seinem verkehrten Weltbild. Ihr zartes, verletzliches Spiel reflektiert den Film auf einer Ebene, die das Publikum ohne Hemmungen und Scham betreten kann – Benaddi lebt die Würde, das Natürliche und Kämpferische.

Mit ihr gelingen d’Ansembourg Szenen von bereichernder Raffinesse die man so, losgelöst, fast schon als Take-Away-Schlüsselmomente betrachten und eben mitnehmen kann in einen komplexen Gender-Alltag, der nach wie vor jede Menge Diskurs liefert. Woran man sieht, dass hier vieles noch im Argen liegt. Und Intimität wirklich etwas ist, das mit dem Erkennen des Gegenüber zu tun hat. Als Person, nicht nur als Körper.

Truly Naked (2026)

Girl

I AM WHAT I ´M NOT

7,5/10

 

girl© 2018 Menuet

 

LAND: BELGIEN 2018

REGIE: LUKAS DHONT

CAST: VICTOR POLSTER, ARIEH WORTHALTER, VALENTIJN DHAENENS U. A. 

 

Die Regenbogenparade wird heuer leider ausfallen, der Live Ball sowieso, denn den gibt es nicht mehr. Dass beides aber prinzipiell möglich wäre und in unserer Verfassung nicht verboten ist, dass sogar gleichgeschlechtliche Ehen möglich sind und sich Homosexuelle nicht zu verstecken brauchen, ist lobenswert, sollte aber ohnehin selbstverständlich sein. Ist man homosexuell, so stößt man zumindest hierzulande oder in Staaten mit höherer Bildung und einer offenen Demokratie mal prinzipiell nicht auf Schwierigkeiten. Richtig schwierig wird es aber dann, wenn es gar nicht mal vorrangig um sexuelle Orientierung geht, sondern darum, im falschen Körper zu sein: zum Beispiel Männer, die sich als Frau fühlen und auch so leben wollen. Dabei reicht es einfach nicht, nur feminine Kleidung zu tragen. Der Körper selbst muss zu einer Frau gehören. Wir erinnern uns an Eddie Redmayne. Im Künstlerdrama The Danish Girl verkörpert der Oscar-Preisträger den Maler Einar Wegener, der sich in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts als erster Mensch einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat. Damals völliges Neuland, unerprobt und höchst riskant. Eine Operation in zwei Teilen, wobei die erste gut verlief, die zweite jedoch tödlich. Mittlerweile geht das ganze natürlich besser. Und ein Mann kann tatsächlich zur Frau werden.

Eine ungefähre Antwort auf dieses historische Biopic hat sich das Filmland Belgien zurechtgelegt, aus dem es relativ wenige Lebenszeichen gibt, wenn es um laufende Bilder geht. Dieses Lebenszeichen aber ist garantiert nicht zu übersehen. Unter der Regie von Lukas Dhont ist ein Coming of Age-Drama entstanden, dass nicht nur die Tücken des Erwachsenwerdens als Halbwaise und den Ehrgeiz einer Ballerina beim Erlernen des Spitzentanzes dokumentiert, sondern auch ganz intensiv und völlig unvoreingenommen die Psychologie eines Jungen skizziert, der unbedingt, um alles in der Welt und am besten gestern als Frau verstanden werden will. Dieser Junge aber, dieser androgyne Teenager namens Victor Polster, ist eine schauspielerische Offenbarung. Wüsste man nicht, dass es sich bei diesem Mädchen namens Lara eigentlich um einen jungen Mann handelt – man würde es noch viel weniger glauben als bei Eddie Redmayne, obwohl selbst der schon als Frau überzeugend war. Da Polster, eigentlich Tänzer, mit diesem Film als Schauspieler völliges Neuland betreten hat, und eigentlich durch Zufall von Regisseur Dhont entdeckt und für den Film gewonnen wurde, lässt sich sein Gesicht nirgendwo anders zuordnen. Lange blonde Haare, ein charmantes Lächeln. der Blick: unsicher, vorsichtig, manchmal aber auch willensstark. Den Willen allerdings braucht Lara. um diesen Wandel zu einer neuen Identität mit letzter Konsequenz durchzubringen. Zwischendurch hat man den Verdacht, Lara würde mit ihrem Schicksal hadern. Woran das Ganze aber fast scheitert, ist die Ungeduld und der fast schon selbstkasteiende Anspruch, in für alle anderen überzeugender Perfektion dieser neue andere Mensch zu sein. Dieses Streben nach geschlechtlicher Perfektion spiegelt sich auch in der Kunst des erwähnten Spitzentanzes, der beinhartes Training erfordert, und dessen Erlernen ungefähr genauso verlockend erscheint wie in Black Swan. Blutige Zehen, ausgemergelte Körper. Drill und physische Disziplin. Warum sich so etwas antun? Da muss was anderes dahinter stecken, etwas Tieferliegendes, Psychologisches. Bei Lara ist es sonnenklar.

So viel Fingerspitzengefühl für ein Thema wie dieses muss ein Filmemacher erst aufbringen. Girl ist ein behutsames, ungemein einfühlsames und dank Victor Polsters nuanciertes Spiel ein höchstgradig überzeugendes Psycho- und Sexualdrama, welches die Notlage eines Transgender in all seiner Dringlichkeit erfasst und bis zur letzten verzweifelten Maßnahme schreitet, ohne plakativ zu werden. Ein schmerzhafter, irreversibler Schritt in ein neues Leben, glaubhaft geschrieben und erstaunlich gut gespielt.

Girl