Asche ist reines Weiß

DIE WAFFE EINER FRAU

7,5/10

 

aschereinesweiss© 2018 Neue Visionen

 

LAND: CHINA 2018

REGIE: JIA ZHANG-KE

CAST: ZHAO TAO, LIAO FAN, XU ZHENG, DIAO YINAN, FENG XIAOGANG U. A.

 

Vermehrt hat man nun von der Besonderheit des südkoreanischen Kinos gehört. Zu Recht natürlich – Parasite war ja in aller Munde, und das Werk ist auch wirklich sehenswert. Die Verknüpfung poetischer Narrative mit bizarren Spitzen ist für dieses Filmland wirklich etwas ganz Eigenes. Und wird auch gerne an anderer Stelle weiter ausgeführt. Denn hier, in dieser Rezension, geht’s ausnahmsweise wieder mal um das Filmland China. Das natürlich auch schon längst einen Ruf zu verlieren hat. Ganz wichtig und prägend natürlich Yang Zhimou, Chen Kaige und Wong Kar Wai, um nur einige zu nennen. Mittlerweile aber sind viele nach Hollywood oder sonst wo ausgewandert – aber auch wieder zurückgekehrt, wie John Woo. Wuxia-Filme dominierten in der letzten Zeit vermehrt das lokale Kino, das chinesische Mittelalter geht immer. Als Mitproduzent größerer US-Produktionen funktioniert China natürlich ebenso. Ist ja schließlich ein riesengroßer Absatzmarkt, manches läuft dort sogar besser als in den USA, das darf man nicht vernachlässigen. Vernachlässigen darf man aber auch nicht die langsame Rückkehr zum chinesischen Erzählkino, das mit der Kinoprosa Asche ist reines Weiß ein ordentliches Lebenszeichen von sich gibt.

China kann genauso gut Filme erzählen wie Südkorea. Jin Zhang-Kes Film ist ein blendendes Beispiel dafür. Sein Liebesepos spannt sich über fast ein Jahrzehnt und nimmt seinen Anfang in der Provinz Shanxi, in der das organisierte lokale Verbrechen so seine Finger überall mit im Spiel hat. Einer dieser Männer fürs Grobe ist Bin, und der hat eine Freundin, Qiao, die nicht von seiner Seite weicht und sich erst im Kontext mit männlicher Macht und Selbstbewusstsein so richtig lebendig fühlt. So eine Unterwelt allerdings existiert nicht ohne Konkurrenz – also wird Bin eines Nachts während der Heimfahrt mit dem Wagen auf offener Straße überfallen. Was für ein Glück, dass Qiao von einer Waffe weiß, die sich im Auto befindet – und so ihrem Freund das Leben retten kann. Dumm nur, dass in China illegaler Waffenbesitz verboten ist, doch um Bin zu schützen, nimmt Qiao die Schuld auf sich.

Diese Waffe allerdings ist wie die Büchse der Pandora in der griechischen Mythologie oder der Ring bei Tolkien das Ding, um das sich alles dreht, und das den Wendepunkt zweier Leben einläutet. Wäre die Waffe nicht, gäbe es keinen Film. Dieses Objekt der Macht, dieser autoritäre Apparat der Selbstbehauptung, wird zur Waffe einer Frau, die sich von nun an und trotz aller Schwierigkeiten emanzipieren wird. In richtigem Tempo und mit sehr viel Empathie für seine Sozialheldin ordnet er geschlechterspezifische Klischees neu um, versieht die Weiblichkeit mit viel mehr Ausdauer und Ehrgefühl, lässt sie nicht in Selbstmitleid versinken wie das Männliche. Dort, im Patriarchat, ist nicht viel mehr zu finden als Scham und verletzter Stolz. Niemals, so scheint es, kann die Frau den Ton angeben, weil das Leiden des Mannes dafür zu groß wäre. Doch warum eigentlich? In welchen hanebüchenen Schraubstöcken steckt das veraltete Rollenbild denn fest?

Schauspielerin Zhao Tao, stets adrett gekleidet und mit westlichen Einflüssen sympathisierend, ist nicht nur ihrer feinen Gesichtszüge wegen faszinierend genug, um einen über zwei Stunden dauernden Film stellenweise sogar im Alleingang zu tragen. Sie schafft es mit strenger innerer Balance, diese Schraubstöcke aufzudrehen. Selbstbehauptung und das Finden einer ganz eigenen Identität sind hier das Crescendo einer eleganten Verliererballade, in klaren Panoramen quer durch das asiatische Land, sehr beobachtend, aber niemals mitleidend. Ein kühler, fast sachlicher Film und dennoch über die Liebe, die einer Neuordnung gesellschaftlicher Standpunkte nicht standhalten kann.

Asche ist reines Weiß

The Kitchen – Queens of Crime

EIN CLUB DER TEUFELINNEN

4,5/10

 

thekitchen© 2019 Warner Bros.

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANDREA BERLOFF

CAST: MELISSA MCCARTHY, ELISABETH MOSS, TIFFANY HADDISH, DOMHNALL GLEESON, JAMES BADGE DALE, MARGO MARTINDALE U. A.

 

Nein, das hat nichts mit Frauen hinterm Herd zu tun. Obwohl – im übertragenen Sinne vielleicht schon. Denn bei den Damen, die in Andrea Berloffs Regiedebüt The Kitchen – Queens of Crime das männliche Geschlecht zu einem entbehrlichen degradieren, handelt es sich um Frauen in der unfreiwilligen Ausübung einer Geschlechterrolle, die mittlerweile längst schon obsolet ist, in den 70ern aber, aus denen der Film berichtet, leider gang und gäbe war – vor allem in der patriarchalisch geführten Unterwelt, in dessen Dunstkreis sich das Drama abspielt. Und die Vermutung liegt nahe, dass The Kitchen klarerweise Hell´s Kitchen ist, also ein Viertel in New York, in dem die irische Mafia das Sagen hat und alles schaukelt, was gesellschaftlich wie wirtschaftlich zu schaukeln ist. Das meiste Geld verdienen die schurkischen Buben mit Schutzgeldern. Irgendwann aber geraten die Ehemänner der drei Frauen bei einem gescheiterten Raubüberfall in die Fänge des FBI – und landen hinter schwedischen Gardinen. Der Weg ist frei für Female Empowerment. Melissa McCarthy, Tiffany Haddish und Elisabeth Moss lassen die frei gewordenen Nischen nicht unbesetzt und raffen sich auf zu einem Rundumschlag auf Augenhöhe mit den übrigen Mannsbildern. Was nicht allen schmeckt. Eigentlich niemanden. Doch es reichen ein paar Ausnahmen, die sich auf die Seite des quirligen Trios stellen und die notwendige Muskelkraft beisteuern.

Hat man zuvor Michael Scorseses Mafia-Epos The Irishman gesehen, können gefühlt fast alle neueren Filme ähnlichen Themas nur resignierend das Handtuch werfen. The Kitchen – Queens of Crime gehört leider auch dazu. So, wie Andrea Berloff das kriminalistische Umfeld der Endsiebziger entwirft, stellen sich motivierte Filmemacher das urbane organisierte Verbrechen vor. Man könnte auch sagen, dass das, was The Kitchen auf die Straßen bringt, durchaus den Hang zum Klischee hat, zu vertrauten Stereotypen, die hier allesamt vorkommen. Was dabei aber erwähnt werden sollte: The Kitchen beruht auf einer mehrteiligen Graphic Novel von DC, ist also tatsächlich eine Comicverfilmung rund um ein Damentrio, das Berloff etwas umdefiniert hat, und zwar etwas in Richtung einer humorbefreiten Version von Bette Midler, Diane Keaton und Goldie Hawn, die im Club der Teufelinnen ihren chauvinistischen Männern gezeigt haben, wer eigentlich die Hosen anhat. McCarthy und Co machen das erstmal ohne Männer, um dann mit ihren besseren Hälften gehörig Schlitten zu fahren.

Wäre das Mafia-Unterwelt-Szenario aus dem eher beliebigen Fertigteil-Baukasten nicht, hätte The Kitchen ein packender Thriller werden können. Zu den Pro- und Antagonisten erschließt sich für mich aber seltsamerweise kein Zugang, die grassierende Skrupellosigkeit der mordenden, gierenden und erpressenden Ladies macht sie letzten Endes auch nicht besser als ihre Männer. Gleiches mit Gleichem zu vergelten ist hier eben die Devise oder: Was mein Mann kann, kann ich auch. Eine ähnliche Prämisse hat die True-Poledance-Story Hustlers. Auch hier zahlen es die Frauen den Männern heim, im Grunde mit den gleichen Mitteln, die der Zweck angeblich heiligen soll. Auf Sympathie stößt das nicht – einzig Elisabeth Moss darf in ihrer Rolle als geprügeltes Opfer dem Terror auf befreiende Weise ein Ende bereiten. Die anderen beiden zeigen eigentlich nur, dass sie sich genauso schlecht benehmen können wie ihre Männer, deren Handeln sie verurteilen. Rache ist ein süßes Wort, das stimmt schon. Kühlt sie ab, hat es im „Battle of the Sexes“ keiner besser gemacht.

The Kitchen – Queens of Crime

Hustlers

ALL DIE REICHEN WEISSEN MÄNNER

5/10

 

hustlers© 2019 Universum

 

LAND: USA 2019

REGIE: LORENE SCAFARIA

CAST: CONSTANCE WU, JENNIFER LOPEZ, JULIA STILES, LILI REINHARDT, KEKE PALMER, LIZZO, CARDI B U. A.

 

Jennifer…wer? Na Jenny from the Block. Auch schon wieder eine Weile her. So wirklich präsent war die mittlerweile 50jährige Schauspielerin und Sängerin mit puerto-ricanischen Wurzeln in der letzten Zeit eher weniger. Dafür ist ihre Rolle in Hustlers so etwas wie ein Comeback. Und sie macht in diesem True-Story-Streifen tatsächlich eine wahnsinnig gute Figur. Niemals hätte ich gedacht, dass J.Lo schon ein halbes Jahrhundert zählt, es sieht nämlich überhaupt nicht danach aus. Keine Ahnung was die Dame alles an Fitnessstunden absolviert hat, keine Ahnung welchen gesundheitsbezogenen Lebenswandel sie hat, ich lese ja kaum Boulevardblätter welcher Sorte auch immer. Aber irgend etwas muss sie schon getan haben, um mit so einer überraschenden Eleganz an der Stange zu tanzen. Hustlers ist also ihr Film, ganz und gar ihre Kragenweite, wenngleich sie sich neben dem übrigen Cast gar nicht so sehr in den Vordergrund drängt. Ihrem Co-Ensemble begegnet sie auf Augenhöhe. Das hätte ich bei ihrem ersten Auftritt – rauchend, im schicken Pelz auf dem Dach eines Hochhauses in New York, quasi Glamour pur, gar nicht vermutet. In Wahrheit aber spielt J.Lo eine alleinerziehende Mutter, die relativ viel Erfahrung gesammelt hat in der Rotlicht-Polebar-Branche und dabei eine junge Einsteigerin unter ihre Fittiche nimmt, die noch viel lernen muss: Wie Frau sich bewegt, die Do´s und Don´ts und dergleichen mehr. Die beiden – Constanze Wu und J.Lo – freunden sich als ihre Film-Alter Egos schnell an und mischen die zerstreuungswütige, notgeile und reiche weiße Männerwelt auf, solange es eben geht, und solange sie nicht ihr hübsches Gesicht verlieren. Bis die Finanzkrise kommt.

Wir schreiben das Jahr 2008, und ja, die Geschichte dieses Films hat sich ungefähr so, und ich vermute mal natürlich weniger dramatisiert, aufgemotzt und eloquent, aber immerhin ungefähr so zugetragen. Nach besagter Krise sind die reichen, notgeilen Mannsbilder den farbenfrohen Etablissements ferngeblieben. Keiner, der mit Dollars um sich wirft. Und alleinerziehende Mütter wie Lopez und Co müssen sehen, wo sie bleiben. Wechseln den Job und arbeiten im Einzelhandel oder tun, was sie tun müssen, um sich über Wasser zu halten. Der Film wäre ein bitteres Sozialdrama geworden, würden J.Lo und Freundinnen da nicht perfide Pläne schmieden, um nicht doch an das Geld der Kunden ranzukommen. Und diese Methode ist natürlich wenig legal. Zur Kassa wird gebeten, wer große Kassa macht – und sich obendrein vom femininen Reizen einlullen lässt. Nachgeholfen wird mit Drogen. Tags darauf sorgt ein Hangover dafür, dass sich keiner der ausgenommenen Weihnachtsgänse mehr an das feuchtfröhliche Feiern erinnern kann.

Regisseurin Lorene Scafaria macht einen auf Frauenpower. Ihre Damen dürfen alles, der reiche weiße Mann ist die Kuh, die man moralisch vertretbar melken kann. Denn alle, die reich sind, haben es verdient. Die haben ja auch alle die Finanzkrise verursacht. Wie sich die 4 Engel gegen Charlie ihre kriminellen Methoden schönreden, lässt sich auf einen überemotionalisierten Trotz zurückführen. Dieser Trotz brachte dann auch eine wenig differenzierte Offensive mit auf den Weg, für welchen sich meinerseits wenig Verständnis aufbringen lässt. Die Finanzkrise traf doch nicht nur die Nachtclub-Branche, die traf im Grunde alle, die irgendwo in den USA Hypotheken hatten. Die traf durchaus auch manche derreichen, notgeilen Männer. Hustlers zeichnet zwischen rotviolett getönten Lichtern, Poledance und regnenden Geldscheinen mit seiner Chronik der Ereignisse ein wenig nuanciertes und dadurch umso euphemistisch gefärbtes Bild eines Haudrauf-Feminismus, der nicht die Antwort auf sexistische Weltbilder sein kann. Auch wenn Scafaria das vorgehabt hätte. Oder hatte sie gar vor, die Handlungsweise ihrer bühnenpräsenten Heldinnen kritisch zu hinterfragen? Das lässt sich vermuten, aber mehr auch nicht, denn so wirklich verurteilt wird die Robin-Hoodiade in die eigene Tasche nicht. Da liebäugelt man schon sehr mit diesem Trotz, mit dieser plakativen Kraft einer Weiblichkeit, die sich ihres Impacts mehr als bewusst ist. Durch dieses Moraldilemma entgleitet Scafaria vor allem in der zweiten Hälfte der dramaturgische Aufbau und hat so seine Probleme, mit erzählerischer Relevanz umzugehen. Was aber in Erinnerung bleibt, zwischen all der notgedrungenen Geldgier, das ist J.Lo und die Ergebnisse für ihr straffes Training in einem Film, der ganz gut zeigt, wie Stangentanz für Hollywoodstars eigentlich aussehen soll.

Hustlers