Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel

DER STAAT BIN ICH

7/10


roseninsel© 2020 Netflix


LAND: ITALIEN 2020

REGIE: SYDNEY SIBILIA

CAST: ELIO GERMANO, MATILDA DE ANGELIS, TOM WLASCHIHA, LEONARDO LIDI, LUCA ZINGARETTI, FRANÇOIS CLUZET U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


„Warum haben sie das überhaupt gemacht?“ wird Gorgio Rosa während des Films gefragt? „Genau aus dem Grund“, antwortet der, „warum ein Hund seine Hoden leckt.“ Wie bitte? Na ja, einfach weil’s geht. Sollte das Grund genug sein? Etwas zu tun, nur weil’s machbar ist? Oder juckt es nur in den Fingern, herauszufinden, ob der Traum Realität werden kann? So wie manche Berge deshalb bestiegen wurden, weil sie einfach da sind, lässt sich auch ein Staat gründen, mitten am Meer, weil erstens niemand diese Gegend politisch beanspruchen kann und zweitens der Mensch stetig nach Freiheit strebt. Aber wie frei kann man sein, auf einer Plattform von sagen wir mal der Größe eines weitläufigen Schrebergartens, auf der eigentlich null Infrastruktur existiert und die als Staat ohnehin nicht überleben kann, gäbe es nicht das Mutterland Italien, das diese Insel der Seligen mit allerlei Notwendigem versorgt?

Die Roseninsel (nicht zu verwechseln mit jener im Starnberger See) war das tatsächliche Projekt des „Querdenkers“, Ingenieurs und Erfinders Giorgio Rosa, der in den 60ern für nicht mal ein Jahr dort als Mikronation seine Fahne hissen durfte. Rosa, das muss ein ziemlicher Aussteiger gewesen sein, aber begeisterungsfähig und stets voller Hummeln im Hintern. Einer, der sich eingestand, einfach anders zu sein. Schön, dass es immer wieder solche Menschen gibt. Schön, wenn diese ihr Ding wirklich durchziehen. Dabei mutet bereits die Art und Weise, wie die Roseninsel errichtet wurde, als eine recht unglaubwürdige, weil weit hergeholte und fast schon phantastische Anekdote an. Doch es scheint tatsächlich so gewesen zu sein. Diese Plattform also mit ein paar Häusern drauf war einen Sommer lang die Partyinsel schlechthin und große Konkurrenz zu Riminis Stränden. Ballermann im Kleinformat, mit Musik, Tanz und Barbetrieb – die einzige wirtschaftliche Einnahmequelle einer geographischen Singularität, die bereits eine eigene Währung, Briefmarken und eine Sprache ins Habenfeld verschieben konnte. Anträge für die Staatsbürgerschaft gab’s dann auch noch zuhauf. Doch mehr als aufmüpfiger Aktionismus hätte dieses Projekt, wäre es nicht von Italien im besten Wortsinn „abgeschossen“ worden, ohne Wahrnehmung relevanter gesellschaftlicher Aufgaben sowieso nie sein können. Eine Spielerei, ein Zungenzeig vor einer erbosten italienischen Regierung, die sich auf den Schlips getreten fühlte, und in der Sorge vor Nachahmungstätern dem Ganzen mit Italiens einziger Invasion in der Geschichte ein Ende setzte.

Sidney Sibilia hat dieses ganze obskure Geschehnis in einem erfrischend sommerlichen, aufgeweckten und typisch für italienische Verhältnisse sehr lautstarken Film gepackt, der aufgrund der Fakten alleine schon verblüfft. Die grauen Eminenzen im italienischen Parlament bekommen in süffisanten Karikaturen ihr Fett weg. Das mediterrane Ambiente und die kauzigen Figuren sorgen zusätzlich für gute Laune, auch wenn die Geschichte für alle Beteiligten nicht ganz so ausgeht, wie sie sich das vielleicht erhofft hätten. Netflix hat mit der Unglaublichen Geschichte der Roseninsel eine inspirierende Tragikomödie ins Sortiment aufgenommen, die voller Tatendrang steckt und in detailgenauer Beobachtungsgabe gegen den Strom geschwommene Lebenskonzepte nicht belächelt, sondern wohlwollend abnickt. Trotz Niederlage, aus der immerhin noch abstrakte Dinge wie Hartnäckigkeit, Erfindungsgeist und Leidenschaft zu bergen wären.

Als themenverwandte Ergänzung empfehle ich – entweder vor oder nach diesem Film – die österreichische Doku Empire Me von Paul Poet, der einige solcher Mikrostaaten besucht hat. Und die, gut verborgen, immer noch vor sich hin existieren.

Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel

Der Stern von Indien

DAS FREIE SPIEL DER MÄCHTE

7,5/10

 

sternindien

LAND: GROSSBRITANNIEN, INDIEN 2017
REGIE: GURINDER CHADHA
MIT HUGH BONNEVILLE, GILIAN ANDERSON, MICHAEL GAMBON

 

Indien, 70 Jahre zuvor: Das Ende der britischen Kolonialherrschaft über den bevölkerungsreichen Subkontinent hatte die größte Massenmigration der Menschheitsgeschichte zur Folge. Und die Gründung des Staates Pakistan. Mit diesen Veränderungen einher überflutete eine Welle der religiös motivierten Gewalt ganze Teile Ost- und Westindiens. Wer Muslim war, und noch auf indischem Territorium, war seines Lebens nicht mehr sicher. Wer Hindu war und feststellen musste, nunmehr in einem muslimischen Staat zu leben, war besser dran, seine Sachen zu packen. Entwurzelt, vertrieben, getötet. Die Folgen dieser wiedergewonnenen Freiheit waren absehbar. Aber in diesem Ausmaß? Entstanden ist ein gigantisches Machtvakuum, ein freies Spiel der Kräfte. Dabei hat Großbritannien unter der Gesandtschaft des letzten Vizekönigs von Indien, Lord Louis Mountbatten, doch noch einen Silberstreifen am Horizont sichtbar gemacht. Einen Hoffnungsschimmer, die Millionenbevölkerung Indiens in einer gewissen Ordnung und vor allem unter einem gewissen Frieden in die Unabhängigkeit zu entlassen. Lord Mountbatton und seine Frau Edwina waren tatsächlich die beste Wahl. Ein integres, intellektuelles Politikerpaar. Mit sozialer Ader, einem gesunden Gespür für Menschen und mehr als nur eine Ahnung, wohin religiöse Diskrepanzen führen können.

Der Stern von Indien ist kraftvolles Politkino und anspruchsvolles Bollywood-Drama in einem. Die indische Regisseurin Gurinder Chadha, die mit Kick it Like Beckham Keira Knightley zum Durchbruch verholfen hat und mit klassischen Sari-Epen wie Lebe lieber Indisch auch in den Kinos des Westens mit Exotik und Rhythmen verlocken konnte, hat sich diesmal ordentlich viel  Geschichtsstoff aufgebürdet. Stoff, mit welchem sich normalerweise Regie-Altmeister wie David Lean oder Richard Attenborough auseinandergesetzt haben. Mit ordentlich viel Budget und einer unüberschaubaren Menge an Statisten. Monumentalfilme der alten Schule, die das Schicksal eines Volkes anhand von Einzelschicksal erleb- und begreifbar werden ließen. Gandhi mit Ben Kingsley ist da ein ähnlicher Film wie Der Stern von Indien. Nur trockener, epischer, britischer. Chadha´s Geschichtsdrama ist trotz all der Gesprächsszenen in dunkel getäfelten Kolonialzimmern und architektonisch beeindruckenden Aulen und Empfangshallen lebendiger, bewegter und emotionaler, vielleicht auch das eine oder andere Mal pathetischer. Das liegt in erster Linie an einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte, die in den Wirren der Unabhängigkeit ihre Dramatik findet. Politische Ikonen wie Gandhi, Nehru oder Muhammad Ali Jinnah, den Verfechter für den Staat Pakistan geben sich ebenfalls die Türklinke in die Hand.

Für alle, die an der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert sind, kann Der Stern von Indien zu einer aufschlussreichen, informativen und teilweise packenden Geschichtsstunde werden, die den Luxus eines opulenten Kinofilms nicht missen lässt und mit einem überzeugenden Cast aufwartet. Vor allem bei Gillian Anderson staunt man nicht wenig – Akte X ist lange vorbei, ihre Rolle als weltoffene, distinguierte Lady bleibt in Erinnerung.

Der Stern von Indien