Michael (2026)

MEILENSTEINE EINES MOONWALKERS

7/10


Jaafar Jackson als Michael Jackson im Film Michael
© 2026 Universal Pictures Austria


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: ANTOINE FUQUA

DREHBUCH: JOHN LOGAN

KAMERA: DION BEEBE

CAST: JAAFAR JACKSON, JULIANO VALDI, COLMAN DOMINGO, NIA LONG, MILES TELLER, LAURA HARRIER, JAMAL R. HENDERSON, TRE HORTON, RHYAN HILL, JOSEPH DAVID-JONES, JESSICA SULA, KENDRICK SAMPSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN



Lange haben alle darauf gewartet: Auf das Biopic eines der größten – wenn nicht den größten – Solo-Performer aller Zeiten. Das, was die Beatles zu viert hinbekommen hatten, schuf Michael Jackson im Alleingang. Dieser Mann – oder das, was letztens von ihm übrigblieb – hat nicht nur, aber vor allem, die Popmusik verändert. Er brachte den Soul, den Funk, den Ausdruckstanz auf einen Nenner. Er setzte Trends in der Optik, in der Mode, im Wirken eines Superstars, der überall auf Gottes Erden bekannt sein wird. Wie gestaltet man also eine Origin-Story über so eine Größe, die letztlich so erbärmlich zugrunde ging wie manch andere, vorallem historische, der Menschheitsgeschichte? Worauf fokussiert man sich, was will man erzählen? Alles? Oder nur einen Auszug? Welche Art von biografischem Konzept funktioniert am besten?

Der unerfüllbare Anspruch auf Vollständigkeit

Niemals ein gesamtes Leben. Das dauert, das wird zäh und lang, und dann fehlt es, wenn man schon den Anspruch hat, nichts auszulassen, erst recht am Detail. Man kann einen Episode aus dem Leben einer Berühmtheit aus der Sicht eines anderen erzählen, wie zum Beispiel My Week with Marylin (Marylin Monroe), Priscilla (Elvis Presley) oder Life (James Dean). Man kann ganz bewusst ein Kapitel aus einer Biographie heraussezieren und genau dort allen Fokus und alles Herzblut hineinlegen wie in Bob Marley: One Love, Bohemian Raphsody (Freddy Mercury) oder Like A Complete Unknown (Bob Dylan). Es lässt sich aber auch ein Künstlerleben als Show gestalten; als lockerflockigen, gesungenen Streifzug wie Rocketman (Elton John).

Alles nur Show!

Womit wir bei jener Art Biografie wären, die alle gerne sehen wollen – und die Hand in Hand geht mit dem musikalischen Vermächtnis. Nichts bringt mehr Reibach als genau das: Shows, die das Leben einer Ikone streifen, den Aufstieg notwendigerweise positiv konnotieren und dabei nur (wenn überhaupt) die dunklen Seiten eines Lebens ansprechen, die diese Ikone nicht selbst verschuldet hat. An den großen Bühnen und Konzerthallen aller Art quer durch den Westen frohlocken gefällige Imitatorinnen und Imitatoren als Tina Turner, Elvis, Falco, als die Beatles und auch als Michael Jackson. Das sind Revueparaden, die jeden Fan von den Sitzen holt.

Von Tribute-Biografien und kritischem Arthouse

Was auf den Bühnen funktioniert und den Veranstaltern die Kassen füllt, gelingt auch im Kino: entstanden ist Michael (ohne Jackson) – ein recht simpler Titel, nicht zu verwechseln mit dem „Engel“ John Travolta. Dieses Werk namens Michael ist jener Film, über den so einige klagen, dass er kein Sterbenswörtchen über die dunkle Seite des Stars verliert. Allen voran Paris Jackson, die Tochter des King of Pop, äußert sich kritisch über ihren Vater, der tatsächlich gerne Kinder auf seine Neverland-Paradies eingeladen hat, um ihnen (wie auch immer) eine schöne Zeit zu bescheren.

Klar wirft sowas Fragen auf, klar färbt so ein Verhalten ab, doch letzten Endes gelten zwei Fakten: Erstens reicht dieser Lebensabschnitt lediglich bis ins Jahr 1988 – wir enden mit der Nachstellung einer Bühnenshow und dem Knaller Bad. Die ersten Anschuldigungen kamen Anfang der Neunzigerjahre hoch. Zweitens wurde Michael Jackson von jedem Vorwurf freigesprochen. Man könnte meinen, das sollte reichen. Doch andererseits: Jemanden, der alleine schon mit dem Verdacht der Pädophilie in Berührung kommt, wird dieses Stigma nie wieder los.

Was bleibt vom Superstar?

Oder soll von ihm bleiben? Erinnerungen an die eigene Kindheit, da geht es nicht nur mir so. Ich weiß noch genau, wann und wo ich zum ersten Mal das Musikvideo zu Thriller gesehen habe. Sowas vergisst man nicht. Jahrzehnte später dann ein Film, der sehr darauf bedacht ist, nicht in die Tiefe zu gehen, kein Portrait zu liefern, keine Psychostudie und auch keinen Kriminalfall. Sondern einen Showfilm, der sich neben der chronologischen Präsentation all der Achtziger-Klassiker nur auf einen einzigen anderen Aspekt konzentriert: Auf das Verhältnis des Vaters Joseph (großartig: Colman Domingo) zum Sohn. Den verkörpert Neffe Jaafar Jackson – und macht dabei ungefähr so viel richtig wie Rami Malek mit seiner Interpretation von Freddy Mercury: Nämlich alles.

Die verlorene Kindheit als Antrieb

Szenenweise vergisst man auch hier, dass dieser Mann nicht wirklich Michael Jackson ist. Er wird greifbar, menschlich, aber in seinem Tun nicht immer nachvollziehbar. Der größte Star der Welt zu werden: Warum nur? Antoine Fuqua gibt über diese Intention keinerlei Auskunft. Vieles blendet er aus, manches reißt er an und meint es als relevant zu erachten, um vor allem die verlorene Kindheit kompensiert zu sehen – mit Peter Pan, den wilden Tieren und dem Hang zum Materiellen.

Keine dieser Biographien, die ich eingangs erwähnte, erzählen alles – genauso wenig tut dies Michael. Es ist ein wohlgesonnenes, geschmeidiges, keinesfalls kreatives Stück Blockbuster-Kino. Idealistisch? Ja, Beschönigend? Nicht unbedingt, sondern auf etwas ganz Bestimmtes fokussiert, wie eine Hommage, eine Art Nachruf, eine Tribute-Show für ein nachhallendes Schaffen.

Gerne mag es andere Filmemacherinnen oder Filmemacher geben, die Michael Jackson von ganz anderer Seite aufdröseln und analysieren wollen. Sollen die das machen, warum auch nicht – Stoff gibt’s dafür noch jede Menge. Dieser hier, Michael, macht es nicht. Er liefert, was die Erinnerung an eine einst erlebte Achtziger-Dekade gerne aufgefrischt sehen will: Nostalgie pur. Und Musikgeschichte obendrein. Alles andere ist ein ganz anderer Film.

Michael (2026)

David Lynch: The Art Life (2016)

ALS DAVIDS BILDER LAUFEN LERNTEN

7/10


© 2016 Polyfilm


LAND / JAHR: USA, DÄNEMARK 2016
REGIE: OLIVIA NEERGARD-HOLM, RICK BARNES, JON NGUYEN
KAMERA: JASON SCHEUNEMANN
LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Bei aller Fairness. 2025 hat nicht gut begonnen. David Lynch würde sagen: Stimmt, das hat es nicht, aber es kann immer noch schlimmer kommen. Am 15. Januar, im Zuge der Evakuierungen in den Hollywood Hills aufgrund der verheerenden Brandkatastrophe, hat eines der größten Genies der Filmwelt und darüber hinaus den Eingang hoffentlich in die weiße Hütte gefunden. Die schwarze Selbige bleibt schließlich uns noch überlassen, mit all ihren Dämonen und roten Vorhängen, die einen schwarzweißen Zickzackboden begrenzen. Ein Muster, dass es bereits in David Lynchs Herzstück Eraserhead zu sehen gab und später im ewigen Fernsehkult Twin Peaks seine weitere Verwendung fand. Doch so akkurat wie das Design dieses Bodens sind seine Werke beileibe nicht. Man weiß schließlich auch: Lynch war nicht nur Filmemacher, sondern eben auch bildender Künstler und Musiker. Ich hatte mal das Glück, noch vor der Covid-Pandemie in Budapest einige von David Lynchs Werken zu besichtigen. Interessant dabei ist: Niemals, oder nur ganz selten, lässt er seine diffusen, oft sehr düsteren, bis ins Monströse deformierten Rätsel unkommentiert. Seine in unterschiedlich großen Lettern hingekritzelten Zwei- oder Einzeiler sind das Salz in der Suppe. Mit ihnen taucht man noch tiefer ein in einen Zustand der Wahrnehmung, den wir alle kennen. Es ist der eines unbequemen, flüchtigen Traumes, der aber noch kein Alptraum ist, der zum Alptraum erst in den letzten Momenten vor dem Aufwachen wird. Die Zeit davor, dieses Anbahnen einer Manifestation unbewusster Ängste, die so viel mit dem eigenen subjektiven Leben zu tun haben und uns erst zu dem machen, wer wir sind: dieses Unkontrollierbare im Hinterkopf – das ist David Lynch. Niemand hat das jemals so virtuos auf den Punkt gebracht. Niemand wird das jemals wieder so auch wieder auf den Punkt bringen.

Es wäre nur der halbe Reiz des Ganzen, hätten diese surrealen Traumwelten nicht eine gewisse bittersüße, melancholische Dualität, nämlich auch eine gewisse verletzliche Schönheit und Bedürftigkeit nach Errettung. Man ist fasziniert und verstört gleichermaßen – in David Lynchs oft reliefartigen Bildern und Collagen tritt diese Wirkung schon auch, aber nicht ganz so stark zutage wie im Medium Film. Lynch wusste das seit der Arbeit an Eraserhead. Diese Metamorphose von der Kreation im Atelier bis hin zur Arbeit hinter der Kamera an einem verlassenen Fabriksgebäude nahe Los Angeles nehmen sich die Filmemacher Olivia Neergaard-Holm, Rick Barnes und Jon Nguyen als roten Faden ihres Gesprächs mit einem kettenrauchenden Housesitter und Wohnungseremiten, der gar nie irgendwo in der Weltgeschichte hätte herumreisen müssen, sind seine Reisen oder die, die sich für ihn lohnen, gemacht worden zu sein, jene, die ins Unterbewusstsein führen, an die Quelle der Kreativität.

So sehen wir in David Lynch: The Art Life den Meister überwiegend in der Pose des Denkers und Sinnierers, langsam den Glimmstängel an die Lippen führend, aus dem Off dann seine Stimme, ebenso verzögert, bedächtig und scheinbar um die richtigen Worte ringend, als wäre es ihm kein leichtes, sich verbal zu offenbaren. Oder aber kein leichtes, das Vergangene rekapitulieren zu lassen, was aber verwundern würde, hatte Lynch doch, so sagt er selbst, das Glück einer intakten Familie und die Möglichkeit, seiner eigenen Bestimmung zu folgen. Wie er das gemacht hat, schildert er, in einem Kellerraum sitzend vor einem Mikrophon, als wäre er an einem Set seines eigenen Films. Es ist, als spräche er zu sich selbst, als gäbe es kein Filmteam, das ihm Beachtung schenkt. Als wäre, bis auf seine kleine Tochter, niemand da, dem er diese biographischen Notizen diktiert.

Wer vom Euvre Lynchs außer den Filmen noch wenig weiß, kann hier sein Defizit ausbügeln: In diesem Künstlerportrait sammelt sich so einiges an, von der Fotografie über lasierte Kreidezeichnungen bis zum Stop-Motion und den ersten, natürlich bizarren Kurzfilmen, die ihm dann auch den Weg nach Hollywood ebnen. Als biographischer Etappensieg lässt sich dieser Film erachten, er holt das frühe Geheimnis eines Visionärs und Avantgardisten wie Lynch aus der wachschlafenden Grauzone bis dorthin, wo der Rest seines Lebens beginnt, Filmgeschichte zu schreiben.

David Lynch: The Art Life (2016)