Bitteres Fest (2026)

DAS SCHICKSAL HAT SINN FÜR NOBLES DESIGN

6/10


Bárbara Lennie tröstet Victoria Luengo in Pedro Almodovars Bitteres Fest
© 2026 Constantin Film


ORIGINALTITEL: AMARGA NAVIDAD

REGIE / DREHBUCH: PEDRO ALMODÓVAR

KAMERA: PAU ESTEVE BIRBA

CAST: LEONARDO SBARAGLIA, BÁRBARA LENNIE, AITANA SÁNCHEZ-GIJÓN, VICTORIA LUENGO, PATRICK CRIADO, MILENA SMIT, QUIM GUTIÉRREZ, ROSSY DE PALMA, CARMEN MACHI U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Spaniens Regie-Gott Pedro Almodóvar fühlt sich dort am wohlsten, wo er auch selbst zuhause ist. Und er kann dort die schillerndsten Charaktere schaffen, wo er beruflich verkehrt: Im Territorium des Autorenfilmers, in der hermetischen Blase der Schreiberlinge, im Biotop der Filmemacher, die sich längst selbst produzieren.

Künstler kennen den Schmerz nur zu gut

Almodóvar sieht sich natürlich als Künstler, und er sieht auch seine Figuren vorwiegend als genau das: Als Künstler entweder in der Schaffenskrise, in der Identitätskrise oder in was für Krisen auch immer. In Almodóvars Welten wird Zeigbares produziert und entworfen – und so entwirft er auch mehr oder weniger einen Splitter seiner selbst als Drehbuchvirtuose und Regisseur, der endlich mal wieder etwas Neues zuwege bringt, eine neue Geschichte mit sehr viel Schmerz, Leid und Katharsis. Kaum ein Stoff, der sich besser eignet, um einen anspruchsvollen Film zu erschaffen, als des Lebens Schicksal. Als Krankheit, Tod und das Ende von Beziehungen.

Vom Schicksal der Lebenden inspiriert

Pedro Almodóvar ist in Bitteres Fest – ein Titel, der sich auf Weihnachtsfeierlichkeiten bezieht, die alles andere als entspannt verlaufen – der Autor Raúl, ein Feingeist mit grauem Haupt- und Gesichtshaar, lebend in einer queeren Beziehung und umgeben von Leuten, die im Dienste seiner Projekte stehen. Dazu zählt auch sein Partner und eine Assistentin, die Raúl nur zu ungern gehen lassen muss. Doch Mónica hat das große Bedürfnis, ihrer Freundin beizustehen, die gerade eben ihren krebskranken Sohn verloren hat. Eine Tragödie sondergleichen ist das, da ist keine Zeit fürs Kunstschaffen, doch die Kunst weiß dabei selbst, was sie aus der Realität ziehen kann, um eine Geschichte, die sich nur mühsam vorwärtsschreiben lässt, aufzupeppen.

Wie existent ist die fiktive Welt?

Dass diese Timeline wohl nicht die einzige in Bitteres Fest sein kann, ist wohl allen klar, die Almodóvars Œuvre kennen. Natürlich gibt es eine zweite Ebene; eine, die sich mehr als zwei Jahrzehnte früher abspielt, die allerdings nicht real, sondern fiktiv ist – und eben genau jene Handlung visualisiert, die Raúl gerade „zu Papier“ bringt.

Dort, in dieser imaginären Welt, ist Elsa die Protagonistin, ebenfalls ehemalige Filmemacherin, nunmehr in der Werbung tätig und mit einem Unterhosenmodel liiert, der zumindest auch Brände löscht, wenn er nicht gerade als Stripper gebucht wird. Diese Figur ist die wohl eingängigste in Almodóvars Ensemble – kaum um sich kreisend, während alle anderen Reichen und Schönen in elitärer Unantastbarkeit mit der Schwere des Lebens dennoch zu tun haben müssen, denn Menschen sind sie schließlich alle.

Die tröstende Expertise eines Innenausstatters

Und so wechselt der Schauplatz von Madrid ins luxuriöse Anwesen auf der Kanareninsel Lanzarote, die mit ihrer einzigartigen Landschaft natürlich ordentlich Schauwerte in den Film bringt. Das geschieht immer dann, wenn Almodóvar seine Lieblingsfarben Grün und Rot in allen möglichen Abstufungen und Schattierungen sowie in akribischem Kompositionsdrang auf der Leinwand arrangiert.

Bitteres Fest ist wie Malen auf bewegtem Grund. Bicolore Ornamentik, grobe Muster, Retro-Orange – dann wieder Werke von Künstlern, nach denen sich jeder Innenausstatter alle zehn Finger abschlecken würde und die womöglich ein Heidengeld kosten. Der Filmemacher hat sie alle beisammen, stattet seine Wohnzimmer, Schlafgemächer und Loggias mit allerlei Kunst aus, die einen Großteil seiner Arbeit einnehmen. Wie das gelingt?

Für Arrangements wie diese gibt es Platz genug. Bitteres Fest selbst mag zwar Fiktion und Realität miteinander verbinden, doch längst nicht so raffiniert wie in anderen seiner Werke. Von daher sprengt die Handlung wohl kaum den Rahmen. Thematisch wendet sich das große Drama des Trostes und der seelischen Heilung dem künstlerischen Missbrauch tatsächlicher Tragödien zu.

Ist Raúl dabei skrupellos genug, wenn er einen ähnlichen Fall wie jenen skizziert, den seine Assistentin Mónica erlebt? Verletzt die Implementierung realer Persönlichkeiten in eine schriftstellerische Arbeit das Persönlichkeitsrecht, auch wenn nur einzelne charakterliche Spuren neu interpretiert werden?

Die Realität bleibt immer Inspiration

Zu einer Antwort lässt sich Almodóvar gar nicht hinreißen, zu sehr schwingt in seinen Arbeiten stets das Autobiografische mit, wobei man davon ausgehen kann, dass so manche Figur in seinem bisherigen Schaffen tatsächlichen Ursprungs ist.

Vielleicht will sich Almodóvar mit diesem Film auch rehabilitieren und zur Sprache bringen, was ihn dahingehend wohl immer schon beschäftigt hat. Es reicht ihm, den kritischen Blick zu werfen. Alles Übrige arrangiert sich in gediegenen Bildern, in denen virtuose Dialoge schlummern, die jedoch niemals so stark an Gewohnheiten rütteln, dass diese sich ändern könnten.

Bitteres Fest (2026)

Power Ballad – Der Song meines Lebens (2026)

SPIEL MIR DAS LIED VOM ERFOLG

5,5/10


Nick Jonas und Paul Rudd in John Carneys Musikfilm Power Ballad – Der Song meines Lebens
© 2026 Lionsgate / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA, IRLAND 2026

REGIE: JOHN CARNEY

DREHBUCH: JOHN CARNEY, PETER MCDONALD

MUSIK: JOHN CARNEY, GARY CLARK

KAMERA: YARON ORBACH

CAST: PAUL RUDD, NICK JONAS, PETER MCDONALD, HAVANA ROSE LIU, JACK REYNOR, MARCELLA PLUNKETT, RORY KEENAN, KEITH MCERLEAN, PAUL REID, BETH FALLON U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Film und Musik gehen besonders bei einem Mann zusammen, der das Songwriting ins Scriptwriting immer hat einfließen lassen – und umgekehrt: John Carney. Der irische Filmemacher, der mit dem Hit Falling Slowly aus dem Film Once Oscar-Geschichte geschrieben und mit Can A Song Save Your Live? in meinen Augen einen der besten modernen Musikfilme herausgebracht hat, mit Mark Ruffalo und einer nicht nur musikalisch begnadeten Keira Knightley, betont nun in seinem neuesten Film Power Ballad – Der Song meines Lebens erneut, wie schwierig es ist, ein gutes Lied zu komponieren. Denn da müssen so einige Faktoren zusammenkommen: Harmonierende Lyrics, ein mitreißendes Tempo, ein spannender Rhythmus und vor allem aber ein einprägsamer Refrain.

Nicht jeden küsst die Muse

Songwriting kann somit nicht jeder, und oft auch kein Superstar, denn die lassen schreiben, interpretieren bewährte Klassiker neu und haben ein ganzes Label im Rücken, das alles dafür tut, um die Jahrhundertnummer, die vielleicht gar keine ist, groß rauszubringen.

Songwriting alleine reicht aber nicht. Es ist wie mit einem guten Skript – dafür einen Verlag zu finden, mag eine Lebensaufgabe bleiben. So ähnlich geht’s Paul Rudd als verkanntes oder unerkanntes Genie, das mit seiner Band auf Hochzeiten aufspielt und da nur Lieder schmettern darf, die ohnehin jeder kennt. Beim selbstverfassten Stoff jedoch zerstreut sich das Publikum, und hätte die Schicksalsfee mit sogenanntem Rick Power kein Mitleid gehabt, wäre es nie zu einem Zusammentreffen mit ihm und einem Ex-Boyband-VIP namens Danny Wilson gekommen, der den einstigen Ruhm für eine Solokarriere nutzt, für die noch der eine, ganz bestimmte Song wohl fehlt. Die Nummer, die an die Spitze der Charts kommen soll.

Gelegenheit macht Diebe

Die kreative Synergie zwischen den beiden dauert einen ganzen Abend, die beiden verstehen sich prächtig – bis einige Zeit später passiert, was fast schon passieren muss: Der Star hat Powers Song geklaut. Eben jene ganz persönliche Nummer, die dieser in jovialer Bereitschaft, den ruhmreichen Musikerkollegen zu inspirieren, ganz privat ins Klavier gehauen hat. Was also tun? Die Rechte einfordern? Danny Wilson zur Rede stellen? Doch wo ist überhaupt der Beweis, dass der Song aus Powers Feder stammt?

Um welche Werte geht es hier?

Zwei Karrieren, zwei Seiten einer Medaille. Der überbordende Erfolg und das überschaubare Handwerk eines Event-Musikers. Dort die Gunst, da der Neid. Power Ballad ist John Carneys wohl tragikomischste Regiearbeit – aber auch die vorhersehbarste. Wie umgehen mit geistigem Eigentum, wie verteidigen? Es ist ein Ringen um Gelegenheiten, die man entweder verpasst hat oder nicht. Sierger ist der, der den Plagiator zum Geständnis – oder den Urheber zur Resignation bringt.

Ums Geld geht’s da schon lange nicht mehr – oder doch? So klar ist sich Carney in seinem Duell der Barden in Sachen Beweggründe nicht wirklich, auch wenn es so scheint, als hätten beide ihre aufrichtigen Gründe dafür, zu tun, was sie eben tun müssen. Ein bisschen verliert sich diese Doppelconference im Leerlauf, als würde man gerade im Mittelteil eines Songs einem längeren Intermezzo beiwohnen, das diesen aber nicht verbessert. Paul Rudd, sowieso immer grundsympathisch, als Ant-Man ein Volltreffer fürs Marvel-Universum, mag als übervorteiltes Talent seine Rolle selten  richtig ernst nehmen, während Nick Jonas das Austauschsternchen mimt.

Wie man Stars zur Rede stellt

Ich erinnere mich bei Power Ballad an den Kabarettfilm Freispiel des Österreichers Harald Sicheritz – mit Alfred Dorfer und Lukas Resetarits in den Hauptrollen. Der eine ein erfolgloser Musiklehrer, der gerne Songwriter wäre – der andere ein Schlagerstar, der es sich gerichtet hat. Dieser Schlagabtausch der beiden mag nur eine etwas längere Szene in diesem Film sein, doch bringt Sicheritz in diesem Moment den Konflikt der beiden auf eine psychologisch konnotierte Ego-Bühne. Diese satirische Zuspitzung wäre in Power Ballad wohl die Würze gewesen. Doch das seichte Abenteuer zweier Iren (Peter McDonald als Rudds schräger Buddy ist mit von der Partie) in Los Angeles ist wichtiger als der persönliche Konflikt.

Immerhin, Power Ballad macht Laune, weil er vorne und hinten nicht wehtut. Den mitreissenden Esprit aber, den John Carney früher oft hatte, den mag man hier vergeblich suchen.

Spiel mir das Lied vom Erfolg

Und was ist mit dem Song, um den es hier geht? Man mag How to Write a Song (Without You) nach Sichtung des Streifens dank wiederholter Wiedergabe noch einige Stunden im Ohr haben, doch dann verpufft er – was daran liegt, dass dieser nicht jene Raffinesse aufweisen kann, die Falling Slowly in Once damals hatte. Nicht immer lässt sich für einen Film wie diesen ein Welthit schreiben. Da sieht man wieder, wie schwer es ist, so etwas hinzubekommen. Power Ballad entlarvt sich also selber auf eine Weise, und tut alles, um sein Lied als eine ganz große Nummer zu verkaufen.

Power Ballad – Der Song meines Lebens (2026)

Corner Office (2022)

MEHR RAUM FÜR POTENZIAL!

7/10


Jon Hamm als Orson im Film Corner Office
© 2022 Tilt9 Entertainment / Anonymous Content / Lionsgate. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: JOACHIM BACK

DREHBUCH: TED KUPPER, NACH DEM ROMAN VON JONAS KARLSSON

KAMERA: PAWEŁ EDELMAN

CAST: JON HAMM, SARAH GADON, DANNY PUDI, CHRISTOPHER HEYERDAHL U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN



Peter Sellers in der Bürohölle

Auf den ersten Blick möchte man meinen, Peter Sellers zu erkennen. Kann natürlich nicht sein. Der große Komödiant und auch Charakterdarsteller lebt schon lange nicht mehr, doch Jon Hamm, den wir so noch nie gesehen haben, scheint sich von seinem Rollenportfolio inspiriert zu haben. Für Peter Sellers nämlich wäre Corner Office, dieses ernüchternde Szenario einer kafkaesken Bürokratie-Hölle, wohl eine Spielwiese für eigentümliche Verhaltensweisen geworden, fast so wie als Partyschreck in Blake Edwards gleichnamiger Komödie, in der er eine eitle Gesellschaft ins Chaos stürzt.

Neuer Job, neues Glück

Völlig von der Rolle sind auch all die Kolleginnen und Kollegen, die in irgendeinem Stockwerk in einem beängstigend orwell’schen Bürokomplex mit einem wie Orson klarkommen müssen. Der beginnt seinen neuen Job in der sogenannten Behörde. Was die so treibt und wofür sie arbeitet, bleibt ein Mysterium. Auch die Obrigkeit sieht man nie, es wird nur von ihr gemunkelt – und letztlich wird auch sie in Kraft treten, doch das erst viel später.

Orson findet sich in einem Büro wieder, das wohl alle Assoziationen, die man zu einem Begriff wie Büro überhaupt haben kann, in sich vereint: Kopierpapier, Büroklammern, Aktentürme und vieles mehr. Dabei lässt sich Corner Office gar nicht mal dazu verleiten, diesen streng geregelten Alltag zu parodieren, um eine gallige Komödie daraus zu machen, ähnlich wie Stromberg oder die US-Serie The Office mit Steve Carrell und Rainn Wilson.

Vom Raum, den es gar nicht gibt – oder doch?

In diesem Büro gibt es keine Gemeinschaften – zumindest nicht solche, die Orson mit einschließen würden. Als grauer Bürohengst mit schlecht sitzender Frisur und dichter Rotzbremse bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert, rückt Jon Hamm einer reizlosen Nine-to-Five-Arbeit zu Leibe, während, in einem Glaskasten sitzend, der Abteilungsleiter für wasweißichwasalles den Einsatz seiner Untergebenen beäugt.

Die Arbeit könnte zermürbender nicht sein, würde Orson nicht auf dem Weg zur Toilette einen seltsamen Raum entdecken. Hinter einer unversperrten Tür erstrahlt ein holzgetäfeltes, gemütliches, geradezu perfektes Arbeitszimmer, mit bequemen Sitzmöbeln, allerhand Kunst an den Wänden – und einer Aura, in der man einfach nicht anders kann, als gerne arbeiten zu wollen.

Genutzt wird der Raum aber von sonst niemandem – also stiehlt sich unser grauer Star immer wieder in diese vier Wände, um letztlich seine Tasks besser und bravouröser zu erledigen als all seine anderen Mitstreiter hier in diesem Purgatorium aus Disziplin, Compliance und Konformität.

Das Problem dabei: Dieser Raum sollte eigentlich gar nicht existieren. Denn was mit Orson tatsächlich passiert, während er meint, an diesem Ort zu verweilen, ist ein Umstand, durch den er noch mehr zum Außenseiter wird.

Das Aufbrechen verkrusteter Workflows

Versteckt im wirren Ökosystem des Streaming-Anbieters amazon prime kauert diese vom dänischen Regisseur Joachim Back inszenierte Mysterysatire unbeachtet vor sich hin – bis man darauf zugreift und ein eigentümliches, sanftes Mindfuck-Märchen serviert bekommt, das eine Lanze bricht und die Türen in unentdeckte Räume eintritt für Nonkonformität, Innovation und Individualismus. Alles Eigenschaften und Zustände, die so manch scheuklappiges Büro-Biotop, das ohnehin schon am Trockenen liegt, frisches, sprudelndes Wasser aus Quellen zuführt, die in einem selbst schlummern.

Die Quellen der Innovation

Mit dieser Metaphorik kann Beck, dessen Film auf dem Roman Das Zimmer des Schweden Jonas Karlsson beruht, so treffsicher arbeiten, das sofort klar ist, wie sehr dieser Orson mit seinen unorthodoxen Methoden, die das Beste aus ihm herausholen, wohl den Kürzeren ziehen wird.

Wie so oft in der Wirtschaft ist für den „Kleinen Mann“ das selbstständige Denken wohl kaum das, was jene, die anschaffen, erleben wollen. Wenn das Ergebnis der Arbeit ein gutes ist, müsste beim Modus Operandi die Frage nach dem Wie nicht gestellt werden müssen. Doch Neid, Regeln und der damit einhergehende Starrsinn machen Innovationen den Garaus. Diese Innovation ist dieser Raum, das kreative Zimmer im Kopf, die Quelle der Inspiration und der Ideen.

Statt dem Brett gleich die ganze Wand vor dem Kopf

Nur nicht anders denken als alle anderen – Corner Office sucht seinen Fluchtweg raus aus dem Einheitsgrau durch die Flure, um die Ecke, an der Büroküche mit den flackernden Leuchtstoffröhren und dem Kopierzimmer vorbei auf eine leere Wand zu, die durchbrochen werden muss.

Diese kleine, feine Büro- und Alltagskritik im Stile lakonischer Near-Future-Dystopien aus dem Norden Europas könnte so etwas wie ein Must-See für Schreibtisch-Virtuosen sein. Vorzugsweise nach Büroschluss, um sich vorzunehmen, am nächsten Tag oder gleich nach dem Wochenende den richtigen Weg einzuschlagen, wenn es heisst, das eigene Potenzial ausschöpfen zu wollen.

Corner Office (2022)

Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? (2025)

WEHMUTSSEUFZEN IM FLASCHENWALD

7/10


© 2025 Zieglerfilm / X-Verleih AG


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2025

REGIE: NICOLAS STEINER

DREHBUCH: BETTINA GUNDERMANN

KAMERA: MARKUS NESTROY

CAST: LUNA WEDLER, KARL MARKOVICS, LARS EIDINGER, DOMINIQUE PINON, NIKOLAI GEMEL, SAGA AGNES SUSANNA SARKOLA, JAN BÜLOW, VERA FLÜCK, PAUL SCHRÖDER, BETTINA STUCKY, BARBARA COLCERIU U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN



Dworak? Nein, Drowak. Leicht stolpert man über diesen Namen, dessen Konsonante r augenscheinlich nicht dort sitzt, wo sie sitzen soll, nämlich zwischen zwei Vokalen. Diese Schwierigkeit, über diesen Namen zu gelangen, entspricht auch ganz der Schwierigkeit, sich Drowak selbst anzunähern. Einem mit dem Leben nicht mehr mitziehenden alten Zausel, der sein Wehmutsseufzen, wenn es denn hochkommt, in die Hälse sämtlicher Flaschen bläst, die gefüllt sind mit allem, was Alkohol enthält. Ein Säufer unter dem trüben Licht einer geschäftigen Sozialdystopie, die es vielleicht nur gut meint mit ihren Rechtsbrechern und Außenseitern, und sie dazu verdonnert, Buße zu tun auf eine Weise, die sie an die Quelle ihrer Inspiration bringen soll. Dort, wo die ureigene Begabung wohnt, und die damit einhergehende Kreativität. Einmal ausgelebt, soll sie Rehabilitation und Heilung bringen.

Hilf dir selbst, sonst helf‘ ich dir

In diesem alternativen Entwurf einer sehr nah in der Zukunft liegenden Welt werden Individuen wie Drowak dazu verpflichtet, ihren kreativen Dienst zu leisten. Der kann mannigfaltig ausfallen, ob im Schauspiel oder in der bildenden Kunst. Drowak wählt als einziger die Schreibkunst, schließlich weiß er aus Erfahrung: Da hat er was am Kasten. Einzig und allein: es fehlt die intrinsische Motivation, und dafür gibt es vom Staat bereitgestellte Betreuerinnen und Betreuer, die motivierend unter die Arme greifen sollen. Bei Drowak beißt sich eine junge Dame wie Luna Wedlers Figur der Lena Jakobi gefühlt alle Zähne aus. Wobei sie gleich erkennt: Dieser alte, verlotterte Griesgram, dieser schwere Alkoholiker, der es nicht lassen kann – der hat einen weichen Kern, eine verbitterte, traurige Seele. Ihn aus dem Loch herauszuholen hätte Erfolgsgarantie, würde die selbst sehr einsame Lena, die daheim mit ihren lebensgroßen Puppen spricht, nicht der Ehrgeiz übermannen. Was letztlich nach hinten losgeht.

Empfohlen sei der Setzkastenblick

Visueller Overkill, keine stringente Handlung – nur ein paar Kritikpunkte ganz anderer redaktioneller Meinungen, mit denen das Langfilmdebüt von Nicolas Steiner klarkommen darf. Oder auch nicht, schließlich sind Meinungen verschieden, was man ohnehin immer wieder betonen muss, wenn sich mindestens zwei über die Qualität eines Films streiten. Bei Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? sollte man tun, was man schon bei Mascha Schilinskis In die Sonne schauen getan hat: Sich einfach hineinfallen lassen, ohne groß zu überlegen. Die Dinge wahrnehmen, sich darauf konzentrieren. Die virtuose Kamera, die einmal extreme Close Ups einfängt, um dann wieder brutalistischer Architektur in der Totalen zu frönen, mitverfolgen und sie vor allem auch akzeptieren. So kann ich, der diese Herangehensweise an Steiners Film praktiziert hat, weder visuellen Overkill noch eine fehlende stringente Handlung entdecken.

Zwischen Lummerland und Ostblockcharme

Die Tragikomödie rund um diesen Herrn Drowak hat im Grunde alles, was sie benötigt. Sehr viel Schicksal, eine schmerzliche Vergangenheit in Farbe, die Suche nach dem einzigen und wahren Ich, das sich im Schöpferischen manifestiert – und sehr viel Alkohol, bis hin zum Toilettenreiniger. Dem ganzen übergeordnet ist diese diffuse, traumartige Gesellschaftspolitik, deren Vorsitz ein clownesker Lars Eidinger einnimmt, der so entrückt wirkt, als wäre er ein Bewohner auf Michael Endes Insel Lummerland. Dieses Lummerland besteht in Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? aus dieser ohnmächtigen, beklemmenden Düsternis einer von Bürokratie überrumpelten und vereinsamten Welt, in der Nähe etwas Suspektes ist. In der sich die innere Freiheit an den Erfahrungen eines bisher gelebten Lebens unentwegt aufreibt. Und als wäre wieder einmal die Welt eines Jean-Pierre Jeunet nicht weit – denn so bizarr mag es mitunter in Drowaks Welt auch zugehen – taucht einer wie Dominique Pinon auf, den wir schon seit Delicatessen kennen, und ohne den Jeunet niemals auch nur einen Film machen will. Als Drowaks Nachbar erzählt dieser eine nebenher laufende, bittersüße Groteske, ohne dass Steiner dabei den Faden verliert. Schließlich kann er auf das Drehbuch der deutschen Schriftstellerin Bettina Gundermann zugreifen, die von vornherein klarmacht, welch existenzialistische Literatur ihr Euvre färbt.

Klar schreit ein Stoff wie dieser nach Schwarzweiß, damit auch jede Falte, das Papiermaché von Lenas Puppengesichter und jedes gespenstisch vollgeräumte Stiegenhaus, das Kafkas Ämterhorror auf spielerische Weise interpretiert, als sattes Relief die Leinwand strukturiert. Zwischendurch der farbige Kontrapunkt eines gelben Kleides in einem der atemberaubendsten Kinobilder des heurigen Jahres.

David Lynch meets Hans Moser

Das große Drama des entmündigten geistigen Eigentums, der veruntreuten und übervorteilten Kunst, die man vielleicht nur für sich selbst und seinen liebsten Menschen auf dieser Welt aus sich herauslässt – das große Drama eines Verratenen (den vielleicht sogar Hans Moser hätte spielen können) hält beharrlich an seinem Stil fest und rudert niemals völlig orientierungslos mit den Armen, um dick aufzutragen. Nicolas Steiner weiß, was er tut. Farben, Formen, Symbole – alle sind sie von Anfang an festgelegt, so erzählt Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? recht präzise seine tiefgründige Geschichte, die sich manchmal fast zu sehr in einer selbstbemitleidenden Düsternis verliert und ins Universum eines David Lynch eintaucht, wenn statt Hasen ganz andere Nager auf der Matte stehen.

Sie glauben an Engel, Hr. Drowak? (2025)

David Lynch: The Art Life (2016)

ALS DAVIDS BILDER LAUFEN LERNTEN

7/10


© 2016 Polyfilm


LAND / JAHR: USA, DÄNEMARK 2016
REGIE: OLIVIA NEERGARD-HOLM, RICK BARNES, JON NGUYEN
KAMERA: JASON SCHEUNEMANN
LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Bei aller Fairness. 2025 hat nicht gut begonnen. David Lynch würde sagen: Stimmt, das hat es nicht, aber es kann immer noch schlimmer kommen. Am 15. Januar, im Zuge der Evakuierungen in den Hollywood Hills aufgrund der verheerenden Brandkatastrophe, hat eines der größten Genies der Filmwelt und darüber hinaus den Eingang hoffentlich in die weiße Hütte gefunden. Die schwarze Selbige bleibt schließlich uns noch überlassen, mit all ihren Dämonen und roten Vorhängen, die einen schwarzweißen Zickzackboden begrenzen. Ein Muster, dass es bereits in David Lynchs Herzstück Eraserhead zu sehen gab und später im ewigen Fernsehkult Twin Peaks seine weitere Verwendung fand. Doch so akkurat wie das Design dieses Bodens sind seine Werke beileibe nicht. Man weiß schließlich auch: Lynch war nicht nur Filmemacher, sondern eben auch bildender Künstler und Musiker. Ich hatte mal das Glück, noch vor der Covid-Pandemie in Budapest einige von David Lynchs Werken zu besichtigen. Interessant dabei ist: Niemals, oder nur ganz selten, lässt er seine diffusen, oft sehr düsteren, bis ins Monströse deformierten Rätsel unkommentiert. Seine in unterschiedlich großen Lettern hingekritzelten Zwei- oder Einzeiler sind das Salz in der Suppe. Mit ihnen taucht man noch tiefer ein in einen Zustand der Wahrnehmung, den wir alle kennen. Es ist der eines unbequemen, flüchtigen Traumes, der aber noch kein Alptraum ist, der zum Alptraum erst in den letzten Momenten vor dem Aufwachen wird. Die Zeit davor, dieses Anbahnen einer Manifestation unbewusster Ängste, die so viel mit dem eigenen subjektiven Leben zu tun haben und uns erst zu dem machen, wer wir sind: dieses Unkontrollierbare im Hinterkopf – das ist David Lynch. Niemand hat das jemals so virtuos auf den Punkt gebracht. Niemand wird das jemals wieder so auch wieder auf den Punkt bringen.

Es wäre nur der halbe Reiz des Ganzen, hätten diese surrealen Traumwelten nicht eine gewisse bittersüße, melancholische Dualität, nämlich auch eine gewisse verletzliche Schönheit und Bedürftigkeit nach Errettung. Man ist fasziniert und verstört gleichermaßen – in David Lynchs oft reliefartigen Bildern und Collagen tritt diese Wirkung schon auch, aber nicht ganz so stark zutage wie im Medium Film. Lynch wusste das seit der Arbeit an Eraserhead. Diese Metamorphose von der Kreation im Atelier bis hin zur Arbeit hinter der Kamera an einem verlassenen Fabriksgebäude nahe Los Angeles nehmen sich die Filmemacher Olivia Neergaard-Holm, Rick Barnes und Jon Nguyen als roten Faden ihres Gesprächs mit einem kettenrauchenden Housesitter und Wohnungseremiten, der gar nie irgendwo in der Weltgeschichte hätte herumreisen müssen, sind seine Reisen oder die, die sich für ihn lohnen, gemacht worden zu sein, jene, die ins Unterbewusstsein führen, an die Quelle der Kreativität.

So sehen wir in David Lynch: The Art Life den Meister überwiegend in der Pose des Denkers und Sinnierers, langsam den Glimmstängel an die Lippen führend, aus dem Off dann seine Stimme, ebenso verzögert, bedächtig und scheinbar um die richtigen Worte ringend, als wäre es ihm kein leichtes, sich verbal zu offenbaren. Oder aber kein leichtes, das Vergangene rekapitulieren zu lassen, was aber verwundern würde, hatte Lynch doch, so sagt er selbst, das Glück einer intakten Familie und die Möglichkeit, seiner eigenen Bestimmung zu folgen. Wie er das gemacht hat, schildert er, in einem Kellerraum sitzend vor einem Mikrophon, als wäre er an einem Set seines eigenen Films. Es ist, als spräche er zu sich selbst, als gäbe es kein Filmteam, das ihm Beachtung schenkt. Als wäre, bis auf seine kleine Tochter, niemand da, dem er diese biographischen Notizen diktiert.

Wer vom Euvre Lynchs außer den Filmen noch wenig weiß, kann hier sein Defizit ausbügeln: In diesem Künstlerportrait sammelt sich so einiges an, von der Fotografie über lasierte Kreidezeichnungen bis zum Stop-Motion und den ersten, natürlich bizarren Kurzfilmen, die ihm dann auch den Weg nach Hollywood ebnen. Als biographischer Etappensieg lässt sich dieser Film erachten, er holt das frühe Geheimnis eines Visionärs und Avantgardisten wie Lynch aus der wachschlafenden Grauzone bis dorthin, wo der Rest seines Lebens beginnt, Filmgeschichte zu schreiben.

David Lynch: The Art Life (2016)

Jodorowsky’s Dune (2013)

ENTWURF DES UNMÖGLICHEN

7/10


jodorowskys-dune© 2013 Sony Pictures Classic


LAND / JAHR: FRANKREICH, USA 2013

REGIE: FRANK PAVICH

DREHBUCH: FRANK PAVICH, STEPHEN SCARLATA & TRAVIS STEPHENS

MIT BEITRÄGEN VON: ALEJANDRO JODOROWSKY, MICHEL SEYDOUX, H. R. GIGER, BRONTIS JODOROWSKY, RICHARD STANLEY, NICOLAS WINDING REFN, GARY KURTZ, CHRIS FOSS, DAN O’BANNON, AMANDA LEAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Was haben Mick Jagger, Salvador Dali und Orson Welles gemeinsam? Abgesehen davon, dass alle drei dem männlichen Geschlecht angehören, nichts, was einem so ins Bewusstsein springt. Der eine ist US-amerikanischer Rockstar voll Glamour, der andere ein Grand Signeur des großen, epischen Kinos des 20. Jahrhunderts, der dritte überhaupt ein Gesamtkunstwerk des exaltierten Surrealismus. All diese Streiflichter typischer Eigenschaften lassen sich bündeln, und zwar im größten Film aller Zeiten, kurz GröFaZ (und nicht SchleFaZ), der jemals das Licht der Leinwand erblicken hätte sollen. Als Vorlage dafür kam nur ein literarisches Werk in Frage – ein Schmöker, der im Grunde die moderne Science-Fiction begründete und viele Nachahmer fand. Und ja, ich muss an dieser Stelle ehrlich zugeben: So sehr ich Star Wars abgöttisch liebe: Geklaut hat George Lucas‘ Sternenepos aus den Siebzigern so einiges aus Frank Herberts Kult-Roman Dune – Der Wüstenplanet. In den Sechzigern verfasst, hat Herbert verstanden, wie er episches Königsdrama mit messianischer Botschaft und diese wiederum mit der Geisteshaltung der 60er verbindet. Das alles findet als Bühne nicht mehr und nicht weniger als einen Wüstenplaneten, in dessen Sand das wertvolle Spice steckt (ja, auch in Star Wars wird damit gehandelt), das erstens das Bewusstsein verändert und zweitens die interstellare Raumfahrt ermöglicht. Ein wichtiger Rohstoff, und um diesen Rohstoff entbrennen Schlachten und Revolten, werden Anführer getötet und andere hieven sich auf den Thron. Ein Game of Thrones, nur Dune war zuerst da, vor allen anderen.

So begeistert von diesem Werk war auch Alejandro Jodorowsky, ein mexikanischer Filmemacher der Avantgarde, der mit psychedelischen und äußerst exzentrischen Werken wie The Holy Mountain zumindest jene Sorte Publikum abholen konnte, die während den Vorstellungen schon einiges eingeworfen hatten. Es sind Filme, die so rätselhaft und exaltiert erscheinen, dass sie als Zeitdokument vermutlich dienlich sind, darüber hinaus aber gerne unfreiwillig komisch wirken. Wie Barbarella, nur noch bizarrer. Jetzt sollte Dune eine Verfilmung bekommen, die alles bisher Dagewesene sprengen mag. Mit einer Bildsprache, die das Bewusstsein verändert, mit einem Starensemble, dass eben Mick Jagger, Orson Welles und Salvador Dali vor die Kamera hätte holen können. Und das Beste: Alle drei haben zugesagt. Warum dieses Jahrhundertwerk dann doch nicht seinen Weg in die Produktion fand? Nun, genau das erörtert der von Frank Pavich 2013 aufgearbeitete Dokumentarfilm Jodorowsky’s Dune, der den Künstler selbst sehr oft und ausgiebig zu Wort kommen lässt.

Der Zeichner Chris Foss hätte knallbunte Raumschiffe ersonnen, Pink Floyd die Musik dazu komponiert – die Credits im Abspann, hätte es diesen gegeben, wären ein Who is Who der Kunstszene gewesen – doch was nicht ist, muss auch später nicht zwingend etwas werden. Dabei ist Jodorowsky’s Dune kein Abgesang auf künstlerische Ambitionen, kein anti-visionäres Requiem. Erquickend an diesem Film ist die diebische Freude und die Leidenschaft, mit der Jodorowsky über die Entstehung seines Nicht-Films berichtet. Pavich betrachtet dieses Scheitern längst nicht, und auch niemals im Film, als ein desillusioniertes Scheitern. Von einer Niederlage ganz zu schweigen. Sein Film feiert die Idee und die Vision, die Freude am Fabulieren weit über die Grenzen des Machbaren hinaus. Er beflügelt die Fantasy und zementiert ihren Status als etwas ein, dass so frei sein kann wie ein ungebändigter Sandwurm, der sich durch eine imaginäre Landschaft fräst. So frei und freudvoll ist auch das Schildern des ganzen Making Of-Fragments.

Die wahren Abenteuer sind im Kopf, das singt schon André Heller. Die wahren Abenteuer sind auch im Kopf eines Don Quixote, der gegen Windmühlen kämpft. Jodorowsky ist auch so einer. Ein Don Quixote des Films, der mit seinen Bestrebungen und seinem Eifer völlig nebenbei und eigentlich unbeabsichtigt Grundsteine gelegt hat für Filme wie Alien, Star Wars oder letztendlich auch für die Vision von Denis Villeneuve, der es am Ende des langen Tages des Schaffens wohl hinbekommen hat, die wichtigste Science-Fiction-Trilogie des bisherigen neuen Jahrtausends in den Sand zu zeichnen statt in den Sand zu setzen. Schaut man vor allem bei Dune: Part Two genauer hin, sieht man Reminiszenzen an Jodorowskys Herangehensweise, erkennt man die Optik des Schweizer Künstlers Giger, der für den Mexikaner auch allerlei Bauten entworfen hätte. Kleines Bonmot am Rande: Jodorowsky selbst hat sich, anders als David Lynch, der seine Dune-Version als einen traurigen Tiefpunkt seiner Karriere betrachtet und nichts mehr damit zu tun haben will, ins Kino bequemt, um sein Herzensprojekt, das nun jemand anderer gedreht hat, über sich ergehen zu lassen. Spätestens da, und niemals zuvor, kommt ein durch und durch natürliches Quantum an Neid und ein kleines bisschen Wehmut ans Tageslicht, dass sich insofern ausdrückt, dass Jodorowsky Villeneuves Dune einfach nicht mochte. Natürlich nicht. Es hätte sein Film sein sollen. Und irgendwie existiert er ja auch – als erstes Filmparadoxon, als ein sich selbst verschlingendes schwarzes Loch, als erster Nicht-Film, der sich in einem Wunsch ans Universum manifestiert. Jodorowsky’s Dune ist Quantenphysik für Cineasten über einen Film, der gleichzeitig tot und lebendig sein kann.

Jodorowsky’s Dune (2013)

Der Palast des Postboten (2018)

LEBEN IM MONUMENT

7,5/10


palastdespostboten© 2023 Polyfilm


LAND / JAHR: FRANKREICH 2018

REGIE: NILS TAVERNIER

DREHBUCH: LAURENT BERTONI, FANNY DESMARES, NILS TAVERNIER

CAST: JACQUES GAMBLIN, LAETITIA CASTA, BERNARD LE COQ, ZÉLIE RIXHON, NATACHA LINDINGER, LOUKA PETIT-TABORELLI, FLORENCE THOMASSIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Die einen bauen Luftschlösser, die anderen legen wirklich Hand an. Kaum zu glauben, dass sich diese Geschichte wirklich so zugetragen hat. Ein einfacher Postbote vom Land, der sich ohnehin schon sichtlich schwertut, sozial zu interagieren, setzt sich eines Tages in den Kopf, für seine Tochter einen Palast zu bauen. Natürlich, werden viele dieses Vorhaben nicht ohne Sarkasmus kommentieren. Gerne in der Sandkiste, werden andere sagen. So viel Schnapsidee kann nicht gut gehen, mit praktisch null Ahnung von der Materie lässt sich wohl kaum zur Tat schreiten. Joseph Ferdinand Cheval tut es trotzdem. Weil Schnapsideen die wahren Ideen sind. Weil das völlig Absurde, von welchem alle anderen, die meinen, mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen und sich nach der Decke strecken zu müssen, tunlichst abraten, genau das ist, worauf es im Leben ankommt. Wäre Cheval bereits beim ersten Versuch seiner Liebsten, ihn davon abzubringen, tatsächlich ihrem Rat gefolgt, wäre die Welt um das einzige naive Baukunstwerk ärmer.

Wie hat Michelangelo noch gleich so treffend formuliert? Die Figur war schon in dem rohen Stein drin. Ich musste nur noch alles Überflüssige wegschlagen. Und Steine, die gibt es überall und kosten nichts. Auch Kalk und Wasser ist überall zu finden. Somit konnte es losgehen. Wir schreiben das Jahr 1873, und Cheval – der Inbegriff eines Postboten mit dichtem Schnauzer, korrektem Gang und einer Gewissenhaftigkeit, die ihresgleichen sucht – trifft auf seine zukünftige Geliebte Philomène, nachdem seine erste Frau gestorben und sein Sohn in die Obhut von Verwandten gebracht worden war. Mit Cheval warm zu werden, das würde sicherlich niemandem leichtfallen: Der Mann ist verschlossen, scheint autistisch veranlagt. Gefühle zu vermitteln scheint für ihn unmöglich, doch Philomène nimmt ihn, wie er ist. Auf Cheval ist schließlich Verlass. Und als Töchterchen Alice zur Welt kommt, kann der Postbote gar nicht anders, als seinen Triumph, Vater zu sein, in Form eines Bauwerks auszudrücken. Dabei entsteht etwas absolut Einmaliges: ein fantastisches, surreal anmutendes Schloss, inspiriert aus fünf verschiedenen Baustilen – ein Palast voller Fabelwesen, Zapfen, Tropfen, Figuren und Mosaiken. Mit verschlungenen Gängen, kleinen und großen Toren, Türmen, auf denen Türme sitzen. Ein Konstrukt, das so aussieht, als wäre es stetig in Bewegung, als wäre es amorph und würde neue Gestalten gebären, so viel lässt sich beim ersten Mal übersehen, was Cheval in den Sinn kommt, darzustellen. Es wird 33 Jahre brauchen, bis das Kunstwerk seine Vollendung findet. Jahrzehnte und die ganze Brutalität eines Lebens, das nicht bereit ist, Cheval mehr zu geben als die Möglichkeit, das Unmögliche zu realisieren.

So staunend und respektvoll wie jeder Besucher, der sich diesem in Hauterives im südlichen Frankreich gelegenen und immer noch zu besichtigenden Kunstwerks nähert, will auch Nils Tavernier über Cheval und sein Leben berichten. Biografien wie diese, die noch dazu zur Entstehungsgeschichte einer denkwürdigen Arbeit werden, haben es nicht notwendig, die kreativen Eskapaden eines Filmemachers auch noch mittragen zu müssen. Tavernier nimmt sich zurück und wird zu einem Fotografen des 19. Jahrhunderts, der sein Werk genauso gut in Schwarzweiß hätte drehen können. Seine Bilder sind unprätentiös und schlicht, die Dramaturgie folgt einer konventionellen Chronologie der Ereignisse und wagt dabei auch des Öfteren große Zeitsprünge, die für die Essenz der Geschichte legitim scheinen. Ein ganzes Leben in einen Film zu packen ist sowieso unmöglich. Und so hat Tavernier Mut, Dinge wegzulassen, seinen Film zu entschleunigen und Bilder zu vermitteln, die neben der verblüffenden Architektur einer Galerie historischer Aufnahmen gleichkommt, in welcher Jacques Gamblin als liebenswerter Sonderling mit Bravour zwischen Rain Man, Jaques Tati und der Verbissenheit legendärer Renaissancekünstler oszilliert.

Der Palast des Postboten ist aber nicht nur erfrischend klassisch in seiner Erzählweise, sondern auch, fernab jeglicher Sentimentalitäten oder gar des Kitsches, enorm berührend. Was Cheval ertragen muss, und womit er gleichzeitig beschenkt wird, lässt sich als beeindruckendes Plädoyer für die heilsame Kraft der Kreativität und des Schaffens verstehen.

Der Palast des Postboten (2018)

Brian and Charles (2022)

MEIN FREUND, DIE WASCHMASCHINE

6/10


brian_and_charles© 2022 Focus Features


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2022

REGIE: JIM ARCHER

DREHBUCH: DAVID EARL, CHRIS HAYWARD, NACH DEM KURZFILM VON JIM ARCHER

CAST: DAVID EARL, CHRIS HAYWARD, LOUISE BREALEY, JAMIE MICHIE, NINA SOSANYA, LYNN HUNTER, COLIN BENNETT U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Mitarbeiter im Patentamt würden sich angesichts der tolldreisten Erfindungen, die der Sonderling Brian tagtäglich aus dem Fundus an alten Teilen zusammenkonstruiert, wohl kaum mehr wundern als sonst während ihres beruflichen Alltags. Mit Sicherheit wandern dort des Öfteren gelinde gesagt recht unnütze Verschlimmbesserungen in die Rundablage, ohne überhaupt genauer geprüft werden zu müssen. Handstaubsauger mit Flaschenhalter, eine Kurbelklobürste und allerhand seltsame Gerätschaften schmücken die Werkstatt des zurückgezogen lebenden Mannes, der sich nichts sehnlicher wünscht als einen Freund an seiner Seite – oder gar eine Freundin. Doch Brian ist ein kreativer Kopf, und solange die Ideen, so absurd sie auch sein mögen, aus seinem Denkapparat sprudeln, haben Depressionen keine Chance. Kreativität ist das Heilmittel für alles. Das Brainstorming vor dem großen Durchbruch ein spektakuläres Abenteuer.

Und dann das: Eines Tages kommt der Moment, den wohl auch der gute alte Gepetto erlebt haben muss, als eine Marionette aus Holz plötzlich stolz zum Morgengruß ansetzte. Etwas, das nicht leben kann, erfreut sich seiner Existenz. In diesem Fall ist es eben nicht Pinocchio, sondern Charles, eine Waschmaschine auf zwei Beinen, obendrauf der Kopf einer Schaufensterpuppe – dazu schütteres graues Haar und eine Brille. Wie durch ein Wunder scheint Brians Konzept für einen Roboter ins Schwarze getroffen zu haben. Wie er das gemacht hat, bleibt ein Rätsel. Nicht nur für ihn oder für sein überschaubares soziales Umfeld, sondern auch für uns Zuseher. Dass dieser Charles Petrescu, wie er sich nennt, also mehr ist als die Summe seiner Teile, mag einige Neider auf den Plan rufen – aber auch die schüchterne Hazel, die bei ihrer Mutter wohnt und für den kauzigen Erfinder mehr als nur Sympathie empfindet.

Jim Archers Underdog-Science-Fiction nach seinem eigenen Kurzfilm muss man eigentlich mögen, es geht gar nicht anders. Comedian David Earl als völlig in seiner Leidenschaft des Erfindens versunkener Außenseiter weckt zumindest in mir das verbrüdernde Verständnis für die in sich ruhende Glückseligkeit, die man bekommt, würde man im Tun dessen, was Freude bringt, sich selbst genügen. Das mag für alle anderen verrückt erscheinen, doch was die anderen meinen, schert niemanden mehr. Eine gute Einstellung, und doch geht es nicht ohne soziale Interaktion. Und die mag von mir aus ein ungelenker Roboter sein, dem sein eigenes Ich bewusst wird, der minütlich neu dazulernt und der trotz seiner unförmigen Physiognomie seltsamerweise in jedes Auto passt.

Mit nachvollziehbarer Logik lässt sich Brian und Charles gar nicht erklären. Collodis Pinocchio aber genauso wenig. Beide sind Märchen, beide sind Gleichnisse auf Selbstbestimmung und Originalität, auf Einzigartigkeit und das stete Streben nach neuen Ufern. Archers handgemachter Science-Fiction-Film verlässt dabei klassisches Erzählkino und bedient sich den Mechanismen einer Mockumentary – Brian durchbricht dabei die vierte Wand, wendet sich immer wieder einem ins Geschehen eingebundenen Betrachter zu, der vielleicht gar das eine oder andere Wort verliert.

Platziert in diese dörfliche Struktur völliger Abgeschiedenheit von der großen weiten Welt, die Charles aber unbedingt kennenlernen will, kommt auch Archers Film nicht über den Status einer Filmschrulle hinaus, die als Ständchen auf den verspielten Esprit des völlig Unnützen oder dem fehlkonstruierten Chaos verstanden werden will, aus dem irgendwann, ganz wie von selbst, Sinn entsteht. Mit Charles als dieses Wunder, diesem unförmigen Koloss, mag der Film so gemütlich wie absurd wirken, erzählerisch aber wagt er keine großen Sprünge. Man schmunzelt, man wundert sich. Mehr nicht. Doch vielleicht genügt das ohnehin.

Brian and Charles (2022)

Das Licht, aus dem die Träume sind

SO SCHMECKT KINO

7,5/10


lastfilmshow© 2021 Neue Visionen


LAND / JAHR: INDIEN, USA, FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: PAN NALIN

CAST: BHAVIN RABARI, BHAVESH SHRIMALI, RAHUL KOLI, RICHA MEENA, TIA SEBASTIAN, DIPEN RAVAL, SHOBAN MAKWA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Blickt man auf die Geschichte der bildnerischen Künste, so ist ganz klar, wer hier als Meister des Lichts gelten kann: William Turner. Und ja, natürlich, Claude Monet. In der Filmwelt gibt es dann doch noch einige weitere Kandidaten, mehr als eine Handvoll, die das Licht, aus dem die Träume sind, so einfangen können, dass es nicht nur dekorativen Zwecken nutzt, sondern als eigene narrative Ebene zum Verständnis des Films beitragen kann. Zu diesen Meistern des Lichts zählt zweifelsohne der Inder Pan Nalin. Ein Indepententfilmer, der mir vor einundzwanzig Jahren mit seinem Meisterwerk Samsara schon die Sprache verschlagen hat. Das Himalaya-Epos über einen buddhistischen Mönch, der vom profanen Leben angezogen wird wie die Motte vom Licht, führt jenseits der Wolken – strahlend blauer Himmel, zerklüftete Gebirge, in den Fels eingebettete Klöster, dazu ein hypnotischer, längst nicht altbackener Score zwischen Moderne und indischer Klassik. Samsara ist eine Wucht, wagt sich in Sachen Perspektiven weit vor, experimentiert mit Kontrasten und feiert die Farbe wie bei einem Holi-Fest.

Nach einigen weiteren Filmen – darunter einer ebenfalls bildstarken Ayurveda-Doku oder dem Frauendrama 7 Göttinnen – erschien zum Tribeca Filmfestival 2021 seine Hommage ans Kino der guten alten Zeit: bildgewaltig, sinnlich und fabulierend: Last Film Show – oder eben: Das Licht, aus dem die Träume sind. Zugegeben, eine Übersetzung, die vermuten lässt, es hier mit einem Nicholas Sparks-Roman zu tun zu haben. Dem ist aber logischerweise nicht so, wenngleich das Licht, wie bereits vermuten lässt, alle Stückchen spielt. Das hat damals schon, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, bereits Georges Méliès erkannt. Und später die Gebrüder Lumière. Mit dem Licht lässt sich allerhand anstellen. Es lassen sich Bilder zum Laufen bringen. Und es lassen sich anhand dieser Bilder Geschichten erzählen. Der Film war geboren, das laufende Bilderbuch ohne Umblättern und Mitlesen, sondern eben nur zum Staunen. Pan Nalin dürfte das Kino ebenfalls schon in jungen Jahren fasziniert haben, was in Indien keine Kunst sein muss, ist der Subkontinent doch der eifrigste Filmproduzent der Welt – ein Umstand, von welchem wir im Westen nur die Spitzen sämtlicher Eisberge wahrnehmen können – der Rest ist Bollywood mit immer ähnlichen Formeln und Farben und ganz viel Gesang. Oft stundenlang, aber mit unvermindertem Herzblut und wirbelnden Saris. Pan Nalin findet aber einen anderen, weniger gefälligeren Zugang. Er weiß, dass es mehr gibt als nur das, was Indien bewegt. Er kennt Chaplin, Godard und Kubrick. Er würdigt Tarantino und Scorsese. Und er will die Essenz von alldem nicht aus den Augen verlieren. Den Anfang, das Alpha, die Big Bang Theory, warum und wodurch Film eigentlich möglich wird. Was ist das Eigentliche, was Bilder und Publikum bewegt? Was tut man mit dem Licht, und was braucht man dafür? Was macht Film zum Erlebnis? Und wen berührt es?

In diesem Fall den neunjährigen Samay (grandios: Bhavin Rabari), der im Westen Indiens, am Rande eines Reservats voller Löwen und Großwild, eines Tages mit Papa an der Seite im Kino sitzen darf, um einen schwer religiösen Hindu-Streifen über Göttin Kali zu bewundern – ihr wisst schon, die blauäugige Dame mit der herausgestreckten Zunge und den vielen Armen. Ab diesen Moment ist es um Samay geschehen – er will Filme machen. Verstehen, wie so etwas funktioniert. Dem Vater schmeckt das gar nicht, denn Filme sind lasterhaft und verdorben, mit Ausnahme eben solche über Kali und Co. Der Junge aber hat seinen eigenen Kopf, schwänzt die nächsten Tage die Schule und schleicht sich dank eines Deals mit dem Filmvorführer Fazal in den Vorführraum des Galaxy-Kinos, bringt diesem die köstlichen Speisen seiner Mutter und darf durch ein Guckloch alles sehen darf, was hier so läuft. Obwohl dank dieser besonderen Konstellation glückselig, will Samay auch seine Freunde daran teilhaben lassen. Also stiehlt er Filmrollen und versucht, das Knowhow von Fazal über Film und Technik in einem verlassenen Gebäude abseits des Dorfes in die einfache Praxis umzusetzen. Und siehe da – irgendwann funktioniert es. Dank Grips, Improvisationstalent und der enormen Kreativität aller Beteiligten.

In den Szenen, in welchen das „Kinderkino“ immer mehr Gestalt annimmt und das Einmaleins des Mediums Film von der Pike auf erklärt, gerät Last Film Show zum Meisterwerk. In humorvoller und erfrischender Betrachtung schenkt Pan Nalin dem Kino all seine Liebe. Und nicht nur dem Kino: Auch dem Licht, dass durch Buntglas geschickt oder vom Spiegel reflektiert wird, durch ein Gitter fällt, durch Staub zum Strahl wird oder die Hand Samays berührt. Last Film Show erzählt im Grunde seines Wesens eine recht unspektakuläre Geschichte, fast alltäglich. Doch gerade dort, zwischen den Schmalspurlinien einer bald ausdienenden Eisenbahn und dem entwendeten Sari der Mutter als Leinwand, ruht ein zauberhafter Charme, der auch schon in Guiseppe Tornatores Cinema Paradiso, untermalt von Ennio Morricones melancholischen Klängen, berührt hat. Nicht das große Wumms, sondern kleine Ideen werden mal was Großes. Last Film Show beginnt am Anfang von etwas, wie der immer wieder zitierte Klassiker 2001, in welchem unter Also sprach Zarathustra der Urmensch den Knochen als Werkzeug erkannt hat.

Nalins Film ist eine spielerische Odyssee der Erkenntnis und der Wahrnehmung. Letzteres geht manchmal gar über die Leinwand hinaus, wenn der Meister des Lichts den Geruch und Geschmack indischen Essens, das ebenso aus einzelnen wichtigen Zutaten besteht wie das Medium Film, erfahrbar werden lässt. Wenn dann unter Blubbern und giftigen Dämpfen das Ende allen Zelluloids einen Neuanfang einläutet, wird Last Film Show zum dokumentarischen Paradigmenwechsel und blickt – gar nicht mal so wehmütig – zurück auf eine Ära, die gehuldigt werden muss, denn ohne sie gäbe es das Kino nicht. Egal, wie einfach heutzutage das Licht auf die Leinwand geworfen wird.

Das Licht, aus dem die Träume sind

Bergman Island

IM GEISTE ALTER SCHWEDEN

7/10


bergmanisland© Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, SCHWEDEN, BELGIEN, DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: MIA HANSEN-LØVE

CAST: VICKY KRIEPS, TIM ROTH, MIA WASIKOWSKA, ANDERS DANIELSEN LIE U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


In guter Stimmung? Dem kann abgeholfen werden, und zwar am besten mit einem der Filme von Ingmar Bergman, dem Meister des depressiven Kinos in Richtung Psychose. Doch es gibt auch Sanfteres aus seinem Œuvre, wie zum Beispiel das grandiose Epos Fanny & Alexander. Ein Kult schlechthin: Das siebente SiegelMax von Sydow spielt Schach mit dem Tod. Diese Szene kennt fast ein jeder. Hartgesottenen wäre Das Schweigen oder Die Stunde des Wolfs nahezulegen. Für Melancholiker mit Liebe zum Surrealen das für mich beste Werk seines Schaffens: Wilde Erdbeeren. Einige davon haben die Breitenseer Lichtspiele, eines der ältesten Kinos der Welt, vor ewigen Zeiten mal in einer Retrospektive gebracht. Filmgeschichte für Feinschmecker. Wenn man nach sowas nicht schon genug oder aber an Ingmar Bergman einen Narren gefressen hat, so bucht man gleich den nächsten Urlaub auf der schwedischen Insel Fårö, auf welcher der Altmeister und Vater von neun Kindern aus sechs Beziehungen bis zu seinem Tod gelebt hat. Und damit nicht genug: das pittoreske Eiland bietet auch allerhand Filmschauplätze, die tatsächlich im Rahmen einer sogenannten Bergman-Safari zu besichtigen sind.

Falls aber gerade das nötige Kleingeld und auch die Zeit fehlt, tun es auch die knapp zwei Stunden Film von Mia Hansen-Løve: Bergman Island. Dabei scheint es fast unmöglich, im Zuge eines tatsächlichen Ausflugs auf die Insel mehr zu erfahren als während dieser knietiefen Verbeugung vor einem Idol des europäischen Autorenkinos. Es ist, als wäre man dort gewesen. Und man weiß auch: das Haus aus dem Film Wie in einem Spiegel hat es zum Beispiel nie gegeben. Insiderwissen für Filmnerds. Allen anderen, die Ingmar Bergman nicht kennen oder noch nie einen Film von ihm gesehen haben, werden sich während dieser zwei Stunden aufgrund irrelevanter Informationen regelrecht langweilen.

Ich gehöre nicht dazu, ich kenne Ingmar Bergmans Schaffen zu einem beträchtlichen Teil. Auch Tim Roth und Vicky Krieps sind im Bilde, reisen sie doch zur Erweiterung ihres kreativen Schaffens als Filmemacher an dieses Fleckchen europäische Erde, um in einem herrlichen Ferienanwesen einschließlich des Ehebettes aus dem Film Szenen einer Ehe nächste Projekte zu erarbeiten. Tim Roth alias Tony, ein renommierter Regisseur, fällt das Arbeiten leicht, da sprudeln die Ideen. Vicky Krieps alias Chris tut sich im Schatten ihres Künstlerpartners sichtlich schwerer und muss erst mal die Gegend in sich aufnehmen, um auf andere Gedanken zu kommen. Was dabei entsteht, ist der Stoff für einen Film mit autobiographischen Zügen.

Bergman Island ist ein spezieller Film für ein spezialisiertes Publikum, für Filmhistoriker und Autorenfilmfans, die vielleicht selbst gerne schreiben, über Inspiration selbst einiges zum Besten geben können und Schreibblockaden als etwas wirklich Schmerzliches empfinden. Vicky Krieps, seit Der seidene Faden mit internationalen Stars auf Augenhöhe, erforscht mit respektvoller Neugier Bergmans Geist, der über allem schwebt – ihr fiktives Alter Ego Mia Wasikowska ist dann bereit für die Wehmut einer unerfüllten, grenzenlos scheinenden Liebe aus schmerzlichen Erinnerungen und neuem Auflodern. Mit dem Einbruch einer zweiten narrativen Ebene, die am Ende geschickt mit der Realität kokettiert, erhält die vom schwedischen Fremdenverkehrsamt sicherlich mit einem ganzen Jahresbudget gesponserte Künstlerelegie dann auch die notwendige Tiefe und Emotion, um als das Mystery-Psychogramm einer Autorenfilmerin meine Empfehlung zu erlangen.

Bergman Island