Nach einer wahren Geschichte

LASS DICH VON DER MUSE KÜSSEN

6/10

 

NACH EINER WAHREN GESCHICHTE© 2018 Studiocanal

 

LAND: FRANKREICH 2017

REGIE: ROMAN POLANSKI

CAST: EMMANUELLE SEIGNER, EVA GREEN, VINCENT PEREZ U. A.

 

Wie flötete die deutsche Band Relax in den Achtzigern nicht so schön: „A weißes Blattl Papier, das liegt scho Stunden vor mir…“ Treffender könnte ich es auch nicht formulieren, wenn es darum geht, den kreativen Stillstand von Delphine de Vigan in knappe Worte zu fassen. Die Bestseller-Autorin, die tut sich für ihr neues Werk sichtlich schwer. Denn es soll nicht irgendein Buch werden, es soll sogar noch besser werden als der heißgeliebte Vorgänger, für welchen Delphine stundenlang Autogramme und Interviews geben muss. Autoren sind da ordentlich unter Druck, Erwartungen zu erfüllen und Gewesenes zu toppen. Da kann man von Glück reden, wenn da plötzlich jemand ist, der Tür und Tor öffnet für neue Ideen. Doch dieser jemand ist sonderbar genug, um ihn vielleicht sogar als Hirngespinst abzutun, als eine aus dem Nichts erschienene Muse, die nur sichtbar ist für die Künstlerin selbst – oder doch nicht? Ist Elle, wie sich die Fremde und bald unangenehm Vertraute nennt, nicht doch so real wie alle anderen? Doch warum ist sie allgegenwärtig, während all die anderen sozialen Kontakte sich bald rar machen? Und warum hat Elle vis a vis von Delphines Wohnung Unterkunft bezogen? Zufall? Oder ist es der kranke Geist eines manischen Fans, der die Wortgewandte stalkt und endlich zum Schreiben des einzig wahren, großen Romans nötigt?

Die Kritiker waren diesmal wenig angetan von Roman Polanskis jüngstem Film. Amerikas Persona non Grata, mittlerweile auch schon weit über 80 Jahre alt, besinnt sich allerdings – und das ist für manche, die seine frühen Werke nicht kennen, vielleicht nicht sofort zu erkennen – auf die Wirkung seiner psychologischen Suspense, wie er ihn bereits in Der Mieter oder Ekel famos zur unverwechselbaren Handschrift ausformuliert hat. Natürlich ist Der Mieter, mit Polanski selbst in der Hauptrolle, um ganze Zinshäuser erschreckender und beklemmender. Auch Ekel ist um Längen dichter und intensiver als Nach einer wahren Geschichte. Warum aber die unheilvolle Schreibblockade einer Schriftstellerin, die tatsächlich existiert und tatsächlich diesen Roman über sich selbst geschrieben hat, dennoch seinen ganz eigentümlichen Reiz hat, das liegt in der Absenz einer definierten Wahrheit. Ob alles nur Einbildung ist oder die einnehmende Seelenverwandte real ist, bleibt Vermutung. Fakt ist zumindest, dass Delphine dank ihrer Home-Invasorin, die noch dazu wie selbstverständlich Kost und Logis fordert, wirklich wieder das Schwarze aufs Papier bringt. Und das ist nicht unbedingt die große, innere, einzig wahre Autobiographie von Delphine selbst, sondern etwas ganz anderes. Etwas, das gefährlich werden kann. Und es dauert nicht lange, da stellt sich sowas wie Abhängigkeit ein, ein Gefüge aus Meister und Diener.

Was so klingt wie Stephen King´s Misery, ist ansatzweise tatsächlich so. Nur leiser, versteckter, fast unauffällig ereignislos. Knochen splittern hier keine, dafür aber bleibt der Schreiberling da wie dort ans Bett gefesselt und ist der Gnade oder Ungnade eines monströsen Egos ausgeliefert. Das Heil in der Flucht sucht Polanski´s Ehefrau Emmanuelle Seigner aber nicht vor gekränkter Wut, sondern eigentlich vor sich selbst und ihrer Verantwortung den Lesern gegenüber. Schreiben ist also immer noch ein Zwiegespräch mit sich und seinen inneren Dämonen, Ängsten und einem tadelnden Gewissen. Aber auch das ist nur eine Auflösung von vielen, die diese seltsamen Vorkommnisse erklären können. Nach einer wahren Geschichte ist ein astreiner Polanski, das merkt man an den Dialogen, an der schwelenden Paranoia des Alltags. Fast aber hätten Seigner und Eva Green das Vorhaben des polnischen Meisters konterkariert. Das Spiel von Ex-Bond-Liebe Eva Green ist zu offensichtlich maskenhaft, Subtilität fehlt hier ganz. Und Emanuelle Seigner wirkt manchmal zu verschlafen, um die bizarren Umstände auch wirklich in vollem Ausmaß wahrzunehmen. Das lässt das Psychospiel manchmal zu schleppend wirken, und oft tritt Nach einer wahren Geschichte auf der Stelle, wenn Polanski zu betont alles im Unklaren lassen will. Wer den bewährten Grundtonus seiner intellektuellen Paranoia-Krimis aber zu schätzen weiß, wird am Ende doch versöhnlich schmunzeln.

Nach einer wahren Geschichte

Final Portrait

MALEN UNTER QUALEN

7/10

 

finalportrait© 2017 PROKINO Filmverleih GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2017

REGIE: STANLEY TUCCI

MIT GEOFFREY RUSH, ARMIE HAMMER, CLÉMENCE POESY, SYLVIE TESTUD, TONY SHALHOUB U. A.

 

Da gibt es doch diese bekannte Szene aus dem Historienschinken Michelangelo, inszeniert von Carol Reed und mit Charlton Heston als titelgebendes Renaissance-Genie. Zu sehen ist die Sixtinische Kapelle von innen, ausgekleidet mit einem hölzernen Gerüst und irgendwo knapp unter der Decke hängt der Meister himself. Ewig schon dauert dieses Fresko. Michelangelo malt und malt. Irgendwann einmal – und das ist eben diese besagte Szene – betritt der Heilige Vater den ehrwürdigen Saal und ruft in die luftigen Höhen hinauf: „Wann kommt ihr damit zu Ende?“ Michelangelo entgegnet in selbstsicherer Beiläufigkeit: „Wenn ich fertig bin!“ Dass ist natürlich keine wirklich genaue Definition eines abschätzbaren Zeitrahmens. Im Grunde hätte Michelangelo ewig Zeit. Ganz so wie der ewige Gott, der gerade seinen Finger nach Adam reckt.

„Wenn ich fertig bin!“ ist im Grunde auch der Richtwert, den sich der Schweizer Künstler Alberto Giacometti auferlegt hat. Doch die Definition von Fertigwerden oder Abschließen, oder überhaupt gar vom Ende einer Schaffensperiode, dürfte für den 1966 verstorbenen Bildhauer und Maler womöglich ein schlichtweg unfassbares Gräuel gewesen sein. Fertig wird man anscheinend nie – wenn, dann bricht man den kreativen Prozess einfach ab. So gesehen gibt es kaum Kunstwerke Giacometti´s, die wirklich fertig sind. Sie wirken vielleicht so, aber sie sind es nicht. Diesen Zustand der künstlerischen Schwebe eines Zweiflers hat Schauspieler Stanley Tucci, den wir unter anderem als Modedesigner aus Der Teufel trägt Prada kennen, in ein ebenso absichtlich unfertig scheinendes, biografisches Fragment hineinmodelliert.

Final Portrait, wie sich das Atelier-Kammerspiel nennt, verfolgt skizzenhaft Giacometti´s Schaffensphase während der Anfertigung eines Portraits des amerikanischen Schriftstellers James Lord. Ursprünglich davon ausgegangen, der zeitliche Aufwand des Modellsitzens beschränke sich auf lediglich zwei bis drei Stunden, wird der junge Kunstliebhaber, wie wir uns denken können, eines Schlechteren belehrt. Da sitzt er nun, Tag für Tag, starr und unbeweglich mit Anzug und Krawatte. Vor ihm ein Golem von einem Zausel, mit wirrem Haar, ein Gesicht so fragmentarisch zumodelliert wie seine Skulpturen. Jammernd, zaudernd, zögernd, des Modells Konterfei immer wieder übermalend. Und nein, man kann nicht mit dem Torso beginnen, bevor das Gesicht nicht perfekt ist. Und so werden aus wenigen Stunden mehrere Tage. Aus Tage Wochen. Und immer wieder zweifelt der Meister an seinem Schaffen, spart nicht mit abstrusen Vergleichen von Mr. Lord´s Gesichtsphysiognomie. Einem Mörder sehe er gleich. Der Bücherwurm nimmt’s gelassen, da beide schon lange befreundet sind. Dennoch wird das ganze Projekt zu einer Paint de Force, in der Geduld und Perfektionismus versuchen, sich die Waage zu halten.

Geoffrey Rush ist wieder mal eine Naturgewalt. Schon allein die erste Szene, wie der alte, zerstreute, absonderliche Gnom sein Atelier betritt. Schlurfend, ächzend, langsam wie eine in den Endbahnhof einfahrende Dampflok. Alles Grau in Grau, aber kaum zu glauben, dass es im Spektrum dieser Mischung aus Weiß und Schwarz so viele Nuancen gibt. Auch Giacometti´s Oeuvre ist vorwiegend grau. Die Räumlichkeiten des Schweizers sind eine liebevoll ausgestattete Augenweide voller Skulpturen, Tonklumpen und Staub. Schwermütig scheint die lösungsmittelgeschwängerte Luft im Raum zu liegen und jede Euphorie niederzudrücken. Dennoch ist das Künstlerportrait alles andere als resignierend. Giacometti gibt nicht auf, auch wenn er immer wieder davon spricht. Die Aussicht eines Endes lässt auch James Lord ausharren – und die Schaffensqual eines Künstlers erst so richtig begreifen. Regisseur Stanley Tucci leidet sichtlich, aber mit Leidenschaft mit – seinen Tribut vor dem Schöpfer der grauen, dürren Gestalten, die so unverkennbar Giacometti sind, zollt er in der Schauspielführung eines Geoffrey Rush. Allein schon die Ähnlichkeit von Akteur und kunsthistorischer Gestalt ist verblüffend. In Nebenrollen glänzen Clemence Poesy und Sylvie Testud. Das Künstlerdrama hat mit Final Portrait wieder ein ziemlich lebendiges Lebenszeichen von sich gegeben, auch wenn abgesehen von Sitzen, Malen und ab und zu einem kleinen Spaziergang nach einem Gläschen Wein nicht viel passiert. Die Abenteuer des Schaffens sind im Kopf, und die können aufwühlender sein als jede Nacht im Museum.

Final Portrait