The Kindergarten Teacher

DIE MOZARTS VON HEUTE

7,5/10

 

kindergartenteacher© 2018 Koch Films

 

LAND: USA 2018

REGIE: SARA COLANGELO

CAST: MAGGIE GYLLENHAAL, PARKER SEVAK, GAEL GARCIA BERNAL, ROSA SALAZAR, MICHAEL CHERNUS U. A. 

 

Bist du ein Naturtalent, musst du dieses Können nutzen – und etwas daraus machen. Natürlich, klingt irgendwie logisch. Die Frage ist nur, ob man das, was man gut kann, auch wirklich können will. Das wäre natürlich sinnvoll, denn wenn dir etwas leichtfällt, ist das schon die halbe Miete auf dem Weg zum Ruhm. Blöd wird’s dann, wenn du kein Talent hast für etwas, was du aber gerne machen willst. Du tust es – für dich. Allerdings kräht dann kein Hahn danach. Was macht das mit dem eigenen Ego? Nichts Gutes. Besser man lässt es. Oder konzentriert sich auf die, die´s können, aber vielleicht noch zu klein sind, um den Fuß schon in die Tür des Erfolges zu setzen. Sowas hat man mit Mozart auch getan. Mozart ist auf ewig berühmt. Das Genie schlechthin. Die Kindheit dankt für ihre Auszeit, denn die war nicht vorhanden. Das sind halt die Opfer, die ein Wunderkind bringen muss, mag es auch für die Zukunft schaden. Doch anerkannt zu werden, vor allem in Zeiten der Likes und Reactions und Followers, das ist es einfach wert, ungeachtet der Frage, ob es das eigene Leben wirklich braucht oder nicht.

Wenn ein Pädagoge also ein Kind entdeckt, mit unglaublichem Potenzial, das nach Förderung schreit – was tut man da? Und was tut man, wenn dem Kind genau dort der Meister vom Himmel vor die Füße gefallen ist, wo man selbst versagt? Maggie Gyllenhaal als Kindergartenpädagogin steht vor genau dieser unfassbaren Tatsache, einen sechsjährigen Jungen in ihrer Gruppe zu haben, der aus dem Stegreif die schönsten Gedichte formuliert. Die Pädagogin staunt, ist über alle Maßen begeistert – und weiß: wird das Kind nicht gefördert, dann ist das Verschwendung. Sie schreibt die Gedichte also auf – und trägt sie im eigenen Poesie-Kurs vor. Die Kollegen sowie auch der Lehrer sind nicht weniger sprachlos. Was sie aber verschweigt, das ist deren Herkunft. So genießt sie diese Anerkennung ganz für sich, während sie gleichzeitig versucht, den Knaben für den kommenden Erfolg zu rüsten, der ihm als genialen Poeten in die Wiege gelegt worden sein muss. Das Problem: den Eltern ist das relativ egal. Wichtig ist nur, dem Jungen geht’s gut. Mit Talent aber, so denkt Maggie Gyllenhaal, geht man nicht so um. Sagt eine, die den Neid aufs Kind mit obsessiver Behütung kompensiert.

In ähnlichen Filmen wie Jodie Fosters Wunderkind Tate oder Begabt mit Chris Evans waren die Kids mit ihrer Hochbegabung nicht alleine, zumindest ein Elternteil hatte da ein Auge drauf. In The Kindergarten Teacher, des Remakes eines 2014 erschienen isaraelischen Films, sind es nicht die Eltern, sondern eine Fremde – und das hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Maggie Gyllenhaal agiert als vom eigenen Nachwuchs ignorierte Mutterfigur in der Existenz- und Erziehungskrise mit befremdender Beharrlichkeit und verstörendem Idealismus. Ihre Figur hat Tendenzen zu Robert De Niros verzweifeltem Ringen nach Anerkennung in Martin Scorseses The King of Comedy. Andererseits aber moderiert sie erstaunlich ambivalent die Überlegungen dieses wirklich bemerkenswerten Independentdramas, das über der alltäglichen Selbstbehauptung in einer Leistungsgesellschaft nachdenkt, in dem der Wert eines Menschen lediglich an seinem Können, und nicht an seinem Charakter bemessen wird. Wo Talent alles ist, und ein glückliches, zufriedenes Leben, das für einen selbst genug ist, immer weniger bedeutet.

The Kindergarten Teacher

Die Hüterin der Wahrheit – Dinas Bestimmung

IHR SOLLTET EUCH SCHÄMEN

7/10

 

hueterinderwahrheit© 2015 polyband Medien GmbH

 

LAND: DÄNEMARK 2015

REGIE: KENNETH KAINZ

CAST: REBECCA EMILIE SATTRUP, MARIA BONNEVIE, JAKOB OFTEBRO, PETER PLAUGPORG, SØREN MALLING U. A.

 

Lene Kaaberbøl ist Dänemarks Joanne K. Rowling. Die Verfilmung ihrer Buchreihe rund um die Wildhexe kam Ende letzten Jahres ins Kino, und davor schon wurde ihr phantastisches Märchen Die Hüterin der Wahrheit mit kaum vernachlässigbarem Budget und daher auch mit ordentlich Aufwand verfilmt. Kaaberbøl ist zwar als Kinderbuchautorin bekannt – als Kindergeschichte würde ich ihr mediävales Abenteuer aber nicht bezeichnen. Ganz so wie Harry Potter eignet sich auch Dinas Schicksal ideal für den Nachwuchs nach der Grundschule. Die Geschichte ist spannend, düster und magisch, wenngleich hier deutlich weniger phantastische Tierwesen den Alltag dominieren wie bei Rowling. Kaaberbøl hält sich ungefähr an das Level, an das sich Georg R. R. Martin auch bei seinen Thronspielen gehalten hat. Die ersonnene, alternative Mittelalter-Welt, in der das Mädchen Dina gegen finstere Mächte ankämpfen muss, die ist maximal von flügellosen Drachen bevölkert, die ungefähr so aussehen wie die Warane auf der indonesischen Insel Komodo, neben den Krokodilen die größten Reptilien unseres Planeten, deren Biss noch dazu giftig ist. Diese Drachen, die hausen in den Katakomben ebenso finsterer Burgen, in denen Intrigen, Mord und das Handwerk des Henkers fröhliche Urstände feiern. Der unrechtmäßig an die Macht gepushte Bastard des Königs, dem ist die Sippschaft rund um Dina ein Dorn im Auge – denn diese unter eher ärmlichen Bedingungen landwirtschaftenden Bürgerinnen, die haben eine ganz besondere Gabe. Man nennt sie die Beschämerinnen. Was das heißt? Nun, sie können die Sünden der anderen lesen, aber nur dann, wenn diese Sünden Scham verursachen, versteckte Scham.

Ein interessanter Kniff in diesem doch eher und gerade richtig düsteren Märchen, das genauso wie Game of Thrones das Zeug dazu hätte, ein Streaming-Knüller mit mehreren Episoden zu werden. Der Film ist aber auch nicht schlecht, gibt dem ganzen Szenario aus Verrat, Geheimnis und verdeckten Ermittlungen allerdings nicht die Zeit, die es verdient hätte. Das ist die Krux bei Kinofilmen – sie haben eine begrenzte Laufzeit, man will das Publikum sicherlich nicht überstrapazieren, also muss der Plot in abendfüllenden zwei Stunden erzählt sein. So gut es geht schafft Regisseur Kenneth Kainz dennoch Raum um seine prinzipiell interessanten Figuren, die alle einen starken, unbeirrbaren, aufmüpfigen Charakter haben. Die mittlerweile 19jährige Rebecca Emilie Sattrup macht es allen vor – dabei hat sie ein bisschen was von Hermine aus Harry Potter, aber auch von Arya Stark, die Assassinin unter Westeros Sonne. Und ein bisschen was von Klima-Greta. Eine einnehmende, trotzige, wütende Gestalt. Und gesegnet mit einer Gabe, die gleichzeitig gesellschaftlicher Fluch ist.

Wer also von der gängigen Siegerstraße uns längst bekannter Fantasy-Welten abzweigen will in eine alternative, verschlossene Anderswelt, um frische magische Luft zu schnuppern, der sollte den Trampelpfad Richtung Dänemark nutzen, denn dort hat eine von Franchise-Hypes abgewandte Welt genügend Bodenhaftung gefunden, um fast schon als Geheimtipp zu funktionieren, den womöglich nicht viele von euch kennen, der aber einen konzentrierten Blick lohnt – aber wenn geht, bitte nicht direkt in die Augen Dinas. Denn dann könntet ihr euch schämen.

Die Hüterin der Wahrheit – Dinas Bestimmung

Genius

RINGEN UM JEDE SEITE

7,5/10

 

7X2A2247.cr2© 2016 Wild Bunch

 

LAND: USA 2016

REGIE: MICHAEL GRANDAGE

MIT JUDE LAW, COLIN FIRTH, NICOLE KIDMAN, LAURA LINNEY, GUY PEARCE, DOMINIC WEST U. A.

 

Als ich noch vor einigen Jahren auf diversen Wiener Flohmärkten in unzähligen Bananenkartons tief in die Eingeweide verstaubter Buchbestände vorgedrungen bin, fiel mir immer wieder mal ein kiloschwerer Schmöker in die Hände, der da den Titel trug: Schau heimwärts, Engel! Beim Werk von Thomas Wolfe dürfte es zum guten Ton gehört haben, ihn in den wohnzimmerlichen Bücherregalen zu horten, womöglich ohne ihn jemals gelesen zu haben. Mitgenommen habe ich dieses Buch leider kein einziges Mal. Als entschuldigende Alternative kann ich nur mit Doderer´s angelesener Strudelhofstiege oder überhaupt gleich dem Mann ohne Eigenschaften dienen – österreichische Jahrhundertwerke, die mit Sicherheit Wolfe´s literarischem Niveau entsprechen. Und die mit Sicherheit auch in die Obhut eines Lektors mussten. Klar, ausufernde Schreiberlinge gibt´s sowohl diesseits wie jenseits des Atlantiks. Wer was zu sagen hat, und weiß, wie er es formuliert, ertappt sich dabei, kein Ende zu finden. Der Mann ohne Eigenschaften ist selbst mit seinen knapp 1400 Seiten immer noch ein Fragment geblieben. Fertig wurde Musil mit diesem Buch nie. Wobei Autoren wie Musil, Doderer und Wolfe zu lesen schon längst nicht mehr nur Lesen, sondern bereits Arbeit ist. Ein zweites Standbein also, eine zusätzlicher Teilzeitjob, entgolten durch Erkenntnisse in der Welt der Literatur, wie Stimmungen, Bilder und Emotionen beschrieben werden können.

Von Wolfe´s Schreibstil erfahren wir im biographischen Drama Genius so einiges. Nicht nur einmal rezitiert der Künstler selbst Auszüge aus seinem ausufernden Buchstabentsunami, den er mithilfe seines Lektors Max Perkins, der auch Giganten wie Hemingway oder F. Scott Fitzgerald unter seinen Fittichen hatte, in lesbare Form bringt. Während der gemeinsamen Arbeit entwickelt sich zwischen den beiden Intellektuellen sowas wie eine väterliche Freundschaft, manifestiert sich eine stabile Basis des Verständnisses auf beiden Seiten. Wolfe könnte für Perkins auch sowas wie ein Sohn gewesen sein, den er selbst nie hatte. Perkins war es also, der Wolfe für die Welt entdeckt hat. Und der sich an dem ausufernden Zettel-Eskapaden für das darauffolgende Werk Von Zeit und Strom mit Wolfe fast die Zähne ausbeisst – ringt dieser doch um jedes Wort, jede Seite, jeden Zusatz. Und es ist spannend, was Regisseur Michael Grandage aus einer staubig klingenden True Story gemacht hat. Den Jackpot knackt dieser mit der Besetzung von Jude Law, der eine der besten Performances seiner Karriere liefert und den ungestümen, ruhelosen Egomanen mit der Gier nach Stift und Blatt mit Inbrunst, Begeisterung und schweißnasser Stirn auf die knarrenden Holzdielen des Verlagshauses bringt. Alle, die einen Horror vor dicken Wälzern haben, könnten vom Idealismus des Thomas Wolfe aus ihrer Reserve gelockt werden, alle anderen machen es wie Colin Firth als der Mister X. der Literaturszene – stets mit Hut, den er nicht mal daheim ablegt. Von stoischer Ruhe, ausgleichender Phlegmatik und dahinter vielleicht eine ordentliche Portion Verklemmung. Keine Ahnung was genau, aber Perkins ist die andere Seite der Waagschale, die wie Licht und Schatten den Mittelwert einer Grauzone schaffen, die streicht und kürzt, was weggehört. Dabei versucht, den kreativen Schatz nicht zu verstümmeln, zu quälen oder gar zu zerstören. Denn das ist die Gratwanderung eines jeden Lektors – im Sinne des Schöpfers zu handeln, und gleichermaßen im Sinne des Lesers. Da blutet dem Zuschauer das Herz, wenn der Absatz über die erste Begegnung der geliebten auf blaue Augen heruntergestrichen wird. Da windet sich nicht nur Thomas Wolfe. Doch die Welt ist selbst in ihrem geschriebenen Wort nicht nur grenzenloser Überschwang. Das erfahren beide Männer, die unterschiedlicher nicht sein können, und dadurch so gut zueinander passen.

Genius ist ein wortgewaltiges Künstlerdrama in Fifty Shades auf Brown, in milchig beleuchteten Weiß gilbender Seiten und in gedeckten Farben diverser Bucheinbände in schwarzgrauen Regalen. Doch keine Angst, Kopfkino ist der Film keines, viel mehr die impulsive, poetisch-radikale Geschichte einer inspirierenden Freundschaft, die schon das eine oder andere mal staunen lässt und im tatsächlichen Leben viel zu früh ihr Ende gefunden hat. Wolfe wurde gerade mal 38 Jahre alt, und starb an Gehirntuberkulose.

Beim nächsten Besuch eines Flohmarkts, das weiß ich, findet Schau heimwärts, Engel!, sofern mir das Buch unterkommt, garantiert den Weg aus der Mottenkiste in mein Bücherregal.

Genius