The Kid – Pfad der Gesetzlosen

DIE KINDER AN DER BACKE

4,5/10

 

thekid© 2019 Splendid Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: VINCENT D’ONOFRIO

CAST: DANE DEHAAN, JAKE SCHUR, ETHAN HAWKE, CHRIS PRATT, VINCENT D’ONOFRIO, LEILA GEORGE, ADAM BALDWIN U. A.

 

Wer klopft da an die Himmelstür? Wieder einmal Billy The Kid, der von Pat Garrett gejagt wird. Das hatten wir schon mal, vor einigen Jahrzehnten, da hat Schusswechsel-Virtuose Sam Peckinpah den beiden (Anti)-Helden mit Pat Garrett jagt Billy the Kid ein bleihaltiges Denkmal gesetzt, und nicht nur ihnen, sondern auch Bob Dylan, der mit seiner transzendenten, wehmütigen Ballade Knockin‘ on Heavens Door Musikgeschichte geschrieben hat. Das war Anfang der 70er, und da war noch James Coburn hinter einem in der Blüte seines Lebens stehenden Kris Kristofferson her. Das war natürlich ein episches Erlebnis, ein Geschichtswestern über Freund- und Feindschaft, über das Wechseln der Seiten und über die Essenz steckbrieflich motivierter Menschenjagd. Billy the Kid ist natürlich ein Mythos, eine Kultfigur sondergleichen, die Mutter aller Outlaws. Ein Verbrecher natürlich, aber verklärt bis zur Ikone. Pat Garrett längst nicht so, der hat ja im Endeffekt seinen ehemaligen Busenfreund auf dem Gewissen, die Sympathie liegt da eindeutig bei dem umtriebigen Jungpistolero, und der hat auch in der aktuellen Verfilmung des Stoffes das Händegeklapper auf seiner Seite, denn Dane DeHaan, der ist im Regiedebüt von Vincent D’Onofrio, womöglich selber Fan von Peckinpahs Klassiker, treffsicher besetzt.

Mit dem so bezeichnenden wie doppeldeutigen Titel The Kid – Pfad der Gesetzlosen bewegt sich der bis zur Behäbigkeit routinierte Western erstmal nicht auf direktem Wege auf den biographischen Trampelpfaden der beiden Charaktere, sondern nähert sich auf Umwegen über ein fiktives verwaistes Geschwisterpaar, das vor den Gewaltfantasien ihres Onkels quer durchs Land flüchten muss. Zufällig fallen die beiden in die Hände von Billy The Kids Gang, der aber längst nicht so ein schlimmer Finger ist, wie manche glauben mögen, sondern vor allem mit dem Jungen so etwas Ähnliches wie  Freundschaft schließt.

Pat Garrett – relativ eintönig dargeboten von Ethan Hawke – bekommt den straffälligen Idealisten unter seine Fittiche und muss ihn der Justiz überstellen. Das ist ein breiter Weg durch gefällige Westernkulissen, und nicht nur dieses Kind hat Garrett an der Backe, auch die beiden anderen, flüchtigen Teenies schleppt er mit. Das zieht sich im wahrsten Sinne des Wortes etwas dahin, und auch wenn der böse Onkel („Star Lord“ Chris Pratt als vollbärtiger Tunichtgut) hinter jeder Ecke lauern könnte, schert sich D´Onofrios Film eher weniger um mögliche Shootouts, die da im Raum stehen, sondern um die Leidensgenossenschaft des völlig realitätsfernen Billy the Kid und des halbwüchsigen Rio, Vatermörder wider Willen, der anscheinend genauso eine verlorene Kindheit sein eigen nennt wie der berühmte Revolvermann, der laut D´Onofrios Film eigentlich Opfer all der Umstände ist und gar nicht anders hätte können als er getan hat. Das sind die stärksten Momente dieses Westerns. Und überhaupt scheint jeder prädestiniert zu sein, indem, was er darstellt und tun muss.

Die Aufarbeitung einer Legende aus der Sicht Außenstehender wirkt sonst aber  uninspiriert und etwas zögerlich. Da wirkt Dane DeHaan (Life, Valerian), trotzdem er wie schon erwähnt den Mythos mit zylinderförmigem Hut und juvenilem Äußeren glaubhaft verkörpert, so, als hätte er alleine die Aufgabe, den routinierten Film am Laufen zu halten, und gar ein bisschen Angst davor. Für ein Regiedebüt ist das zu manieristisch, zu wenig eigenes Ding. Weiters fehlt The Kid die Atmosphäre, die Klassiker wie zum Beispiel Erbarmungslos so auszeichnen und zu etwas Besonderem machen. Da sind die Sattel dieses traditionellen „Horsemovies“ schon etwas durchgewetzt, und nebst all dieser historischen Fakten, mal ungeachtet der widersprüchlichen Chroniken über Billy the Kids Tod, manövriert sich das Drama rund um die fiktiven Geschwister Cutler durch klassische Vorhersehbarkeiten, die ein amerikanischer Western nun mal des Öfteren hat und wo ein Genrefilm wie dieser auch gar nicht anders will. Kann man also sehen, diesen Streifen rund um Gesetz, Faustrecht und Anarchie. Muss man aber nicht.

The Kid – Pfad der Gesetzlosen

Forsaken

DIE WOHLTAT DER VERGELTUNG

5,5/10

 

forsaken@ 2017 Universal Pictures / „Forsaken“ auf Blu-ray & DVD erschienen

 

LAND: USA 2016

REGIE: JON CASSAR

MIT DONALD SUTHERLAND, KIEFER SUTHERLAND, DEMI MOORE U. A. 

 

Wir alle kennen unsere geliebten Vierbeiner. Ob Zimmerwolf oder Stubentiger, wenn wir unsere Lieblinge an den Pfoten nehmen, an ihrem Fell zupfen oder am Schwanz ziehen – dann beißen sie. Das kann auch die kleine Rennmaus sein, der Biss eines Nagers ist ziemlich schmerzhaft. Bis aufs Blut ärgern ist aber nicht nur bei Tieren ein Zeitvertreib mit unbequemen Folgen – auch bei Menschen, und vor allem im Wilden Westen, kann das mitunter tödliche Folgen haben. Vor allem, wenn man einen Revolverhelden ausgiebig triezt. Diesen Revolverhelden, den gibt im klassischen Western Forsaken Kiefer Sutherland. Als traumatisierter Scharfschütze – anfangs weiß keiner, warum – kehrt dieser an den Ort seiner Kindheit zurück. Nur der alte Vater ist noch da. Und mit dieser ersten Begegnung von Vater und Sohn kommen wir auch schon zu der einzigen Besonderheit dieses Filmes – nämlich dass Papa Donald und Sohn Kiefer gemeinsam vor der Kamera stehen. Und die Blutsverwandtschaft gar nicht erst spielen müssen. Um hier den familiären Subtext hervorzuholen, bedarf es keines Method Acting. Der ist einfach da. Fällt aber auch nicht deutlicher ins Gewicht als bei Schauspielern, die das innige Verhältnis einer Kernfamilie erst aus dem Hut zaubern müssen.

Dass Donald Sutherland irgendwann vor einigen Jahren damit aufgehört hat, zu altern, ist alleine schon verblüffend. Und wahrscheinlich seinem Rauschebart geschuldet. Hingegen hat Kiefer Sutherland einiges an Charisma verloren. Die vielen Ausflüge ins Fernsehfach haben den ehemaligen Lost Boys– und Flatliners-Star deutlich routinierter werden lassen. Ein Clint Eastwood ist der 51jährige demnach keiner, und auch relativ weit davon entfernt. Das lässt sich über Demi Moore als Kiefers weiblicher Sidekick ähnlich formulieren. Beide spielen in einem Film, von dem sie wissen, dass es dieser wohl niemals auf die große Leinwand schaffen wird. Dabei hat Forsaken auch nicht weniger zu bieten als rund 90 Prozent aller anderen Produktionen aus dem Cowboy-Genre. Überhaupt dürfen die Plots in Western sich meistens ungestraft einspuriger Handlungen bedienen, die so simpel gestrickt sind, dass man sich anderswo wahrscheinlich provoziert unterfordert fühlen würde. Beim Western ist das nicht so. Das liegt wohl daran, dass wir es mit dem Heimatfilm der Amis zu tun haben. In unseren Breiten, beim österreichischen Bergfilm, sind die Parameter für einen Heimatfilm auch nicht anders gesetzt. Liebe, Eifersucht und Vergeltung. Von mir aus noch Schuld und Sühne. Jedenfalls meist tragisch. Mit keinem oder nur knappem Happy End.

Forsaken nimmt sich hier nicht aus und ist schon so einfallslos traditionell, dass es fast schon wieder nostalgisch wird. Dabei skizziert das konventionelle Rache- und Befreiungsdrama zwischen all den gängigen Shootout- und Vergeltungsklischees das Psychogramm eines von Schuldgefühlen Beladenen, der nach Absolution sucht. So gesehen sollte der Film statt Forsaken – auf dt. Verlassen – viel eher Absolution – Tilgung der Schuld – betitelt werden. Der Fokus wäre von vornherein stärker auf die psychologischen Details gerichtet, was den Schema-F-Western nicht ganz so bieder hätte aussehen lassen.

Forsaken