Old Henry

NOCH GUT IN SCHUSS

7/10


oldhenry© 2022 Koch Films


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: POTSY PONCIROLI

CAST: TIM BLAKE NELSON, GAVIN LEWIS, SCOTT HAZE, TRACE ADKINS, STEPHEN DORFF, MAX ARCINIEGA U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Als Wandermusiker Buster Scruggs, dessen Ballade dank Joel und Ethan Coen in die Geschichte des Westernfilms eingegangen ist, hat sich Tim Blake Nelson ein Denkmal gesetzt. Der Nachkomme deutsch-jüdischer Flüchtlinge vor den Nazis, deren Verbrechen Nelson in seiner Regiearbeit Die Grauzone auch thematisierte, hat mit seiner Performance des kartenspielenden sowie singenden Revolverhelden dem Genre frischen Wind in die Segel geblasen – wer den Episodenfilm bis jetzt noch nicht am Schirm hatte: Unbedingt nachholen! Drei Jahre später ist Nelson abermals in diesem Genre zu finden, und zwar in dem viel konventionelleren Western Old Henry, der letztes Jahr im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig seine Premiere feiern durfte. Lässt sich das als besondere Ehre werten? Womöglich schon, denn Festivalfilme sind stets wohlselektiert, vorzugsweise von einem Gremium, das von sich selbst meint, den künstlerischen Wert eines Films abschätzen zu können. Wäre Tim Blake Nelson allerdings nicht für die tragende Rolle als ebendieser Old Henry vorgesehen gewesen, wäre der von Potsy Ponciroli geschriebene und inszenierte Film einer bewährten Formelhaftigkeit erlegen, die bereits in Filmen wie Jane got a Gun oder anderen Farm Invasion-Thrillern im pionierhistorischen Gewand angewandt wurde. Der Unterschied zu eben diesen anderen gleichgeschalteten Produktionen liegt fast ausschließlich an der Performance des markanten Charakterdarstellers Nelson, der als knorrige und vom Leben sichtlich in Mitleidenschaft gezogene Kreatur beim Prozess der Friedensfindung mit seiner eigenen Vergangenheit das lakonische Understatement neu erfunden zu haben scheint.

Da bleiben Genrekollegen, angefangen bei Clint Eastwood bis zu Denzel Washington, in ihrer Not natürlich attraktiver, aber wer will das schon, wenn Westernhelden immer die gleiche Leier spielen, von zynischen Eigenbrötlern bis zur Ein-Mann-Armee. Natürlich: Tim Blake Nelson scheint Ähnliches in petto zu haben, doch viel mehr wirkt er wie ein ausgemergelter Don Quijote, der sich zur Ruhe gesetzt hat, mitsamt seines schon so gut wie erwachsenen Sohnes und das Grab der Gattin oben am Hügel im Blickfeld. Da passiert es natürlich, dass beide während ihres Tagwerks ein herrenloses Pferd sichten, mit Blut am Sattelknauf und eine deutliche Spur hinter sich herziehend, an dessen Ende sein Besitzer angeschossen im Staub liegt, mit einer Tasche bei sich, die ein kleines Dollarvermögen birgt. So ein Patzen Geld bedeutet in Zeiten wie diesen stets Ärger. Besser nichts anrühren wäre vernünftiger. Passiert aber nicht – und Old Henry bringt den Verletzten, Geld und Pferd mit auf die eigene Farm, womit dieser sich schließlich eine Menge berittener Probleme aufbürdet, und zwar in Gestalt recht fieser Ganoven (darunter Stephen Dorff), die so tun als wären sie das Gesetz und gerne das hätten, was Old Henry im Hause versteckt.

Natürlich gibt der knorrige Alte mit schütterem Haar, schiefen Augen und schlechten Zähnen nicht klein bei, und was folgt, ist – wie schon eingangs erwähnt – ein oftmals bemühtes Konzept zum Faustrecht der Prärie. Doch Nelsons vorschnell unterschätzbare Figur birgt ein Geheimnis; ihr Hang zur Verdrängung, zur Vorsicht und zur Bereitschaft, den bösen Jungs frech zu kontern, macht aus diesem Western eine klangvolle Charakterstudie, die genug Nostalgie für klassische Legenden aufbringt und diese auf den Boden einer alternativen Realität bringt. Tim Blake Nelson wird wohl heilfroh gewesen sein, auf dieser akkurate Bühne die Möglichkeit bekommen zu haben, so richtig aufzuspielen. Hier tobt ein letztes Gefecht, mit Story-Twist, Kugelhagel und stillen Momenten der Erschöpfung, die man hat, wenn man ein Leben wie kein anderes gelebt hat.

Old Henry

The Power of the Dog

DIE EINSAMKEIT DES STARKEN COWBOYS

8/10


thepowerofthedog© 2021 Cr. KIRSTY GRIFFIN/NETFLIX


LAND / JAHR: NEUSEELAND, AUSTRALIEN 2021

BUCH / REGIE: JANE CAMPION, NACH DEM ROMAN VON THOMAS SAVAGE

CAST: BENEDICT CUMBERBATCH, JESSE PLEMONS, KIRSTEN DUNST, KODI SMIT-MCPHEE, THOMASIN MCKENZIE, KEITH CARRADINE, FRANCES CONROY U. A. 

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Wir kennen das vermutlich alle. Die bedrohliche Aura eines unangenehmen Menschen, dessen Präsenz so dominant ist, dass man sich selbst ganz klein vorkommt. Das ist ein Gefühl, als hätte alles, was man selbst zu Wege bringt, den falschen Ansatz. Als wäre man diesem einen Menschen, der dieses beklemmende Vakuum erzeugt, permanent Rechenschaft schuldig. Solche Leute gibt es, und bei diesen Leuten steckt oft etwas ganz anderes dahinter. Womöglich nämlich die Erinnerung an genauso ein Empfinden, das wir selbst in diesem Moment verspüren. So eine unangenehme Persönlichkeit ist der Cowboy Phil, interpretiert von Benedict Cumberbatch, der sich diesmal einen Film ausgesucht hat, der nicht vorrangig nur deswegen produziert wurde, um seinen Hauptdarsteller nach einem Oscar betteln zu lassen. Nein, diesmal ist Cumberbatch Teil eines Räderwerks mysteriöser, aber essenzieller Funktionen.

Phil also, ein unrasierter, ungewaschener, erdiger Typ mit Cowboyhut und ledernen Chaps, dazu Stiefel und stets eine Selbstgedrehte im Mund. Der Mythos schlechthin aus Lucky Luke und John Wayne. Die Arroganz von einem Mann, der alles weiß und alles andere verurteilt. Der kommt eines Tages, gemeinsam mit seinem ganz anders gesinnten, distinguierten Bruder George und einer ganzen Schar anderer Cowboys im Zuge eines Viehtreks an der Gaststätte Red Mill vorbei, in welcher die Witwe Rose gemeinsam mit ihrem Sohn Peter fürs leibliche Wohl der Reisenden sorgt. Schon da versprüht Phil enorme Dosen an Erniedrigungen und Verhöhnungen, vor allem was den schlaksigen Halbwüchsigen Peter betrifft, der in seiner Freizeit lieber Papierblumen bastelt als das Lasso schwingt. Anders George: der verliebt sich in Rose, und ehe man es selbst richtig merkt, sind die beiden verheiratet. Rose zieht in die Ranch, zum Leidwesen von Phil, der ebenfalls dort wohnt und keine Zeit verstreichen lässt, um dieser labilen Frau die Stimmung zu verderben. Da sind wir wieder, bei diesem eingangs erwähnten, beklemmenden Gefühl, dass das Zeug hat, sensible Personen in eine Depression zu stürzen. Doch Phil hat seine Rechnung ohne Peter gemacht, der als Studiosus in den Sommerferien zu Besuch kommt.

Und zwar in eine Gegend, die faszinierender und seltsamer nicht sein kann. Weite Ebenen, grasbewachsene Hügel, im Sonnenlicht gelbbraun und voller Schatten. Auf so einer Ebene ein einsames Bildnis von einer Ranch, wie ein monolithisches Denkmal ragt es aus dem Nichts. Dieser Western, mit dem sich Jane Campion nach langer Schaffenspause wieder zurückmeldet, scheint nicht von dieser Welt. Das sieht man allein an diesen Bildern und an den Einzug einer aufkommenden Industrialisierung in eine mythenbasierte Nostalgie, wie sie Chloé Zhao in The Rider ähnlich beschrieben hat. Nur: The Power of the Dog ist artifizieller, konzentrierter, symbolhafter. Campion erreicht beinahe die Intensität ihres oscarprämierten Klassikers Das Piano. Wobei hier nicht nur die ikonenhafte Darstellung des aus der Zeit gefallenen Cowboys so sehr fasziniert, sondern die mustergültige Fähigkeit und das unfehlbare Gespür für Andeutungen, die mit feiner Klinge formuliert sind und kaum mit Worten so gut wie alles erzählen. In diesem Erahnen der Umstände geben sich Cumberbatch, Kirsten Dunst und Kodi Smit-McPhee (bekannt aus Alpha und X-Men) gegenseitig genug Raum zur Zeichnung ihrer Figuren. Und keine nimmt so sehr Form an wie die des Cowboys Phil. Der Brite schafft das nachvollziehbare Bild eines einsamen, seines Glückes beraubten Mannes, und das mit allen Zwischentönen und Widersprüchlichkeiten.

Widersprüchlich, und daher menschlich und greifbar, sind auch alle anderen Gestalten, die in diesem hermetischen Mikrokosmos eines entfremdeten Montanas (gedreht wurde in Neuseeland) gefangen sind. Stereotypen haben bei Jane Campion nichts verloren, bewährte Formeln ebenso wenig. The Power of the Dog schafft es, ein differenziertes, indirektes, aber freies Spiel unterschiedlicher Kräfte zu erzeugen, die mal wie ein Thriller, ein episches Drama oder queeres Psychogramm funktionieren. Bei letzterem gelingt Campion der Ansatz am besten, und was Ang Lee in Brokeback Mountain spielfilmlang recht ungelenk transportiert hat, weiß dieser Film nur in wenigen Minuten ungleich intensiver und ernsthafter darzustellen.

Obwohl es The Power of the Dog anfänglich nicht leicht macht, in die Geschichte hineinzufinden – letzten Endes ist das Unausgesprochene und zwischen den Zeilen Befindliche verantwortlich dafür, dass mich diese Regiearbeit vom Feinsten in ihren Bann gezogen hat.

The Power of the Dog

The Harder They Fall

ES GROOVT DER WILDE WESTEN

4/10


thehardertheyfall© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JEYMES SAMUEL

CAST: JONATHAN MAJORS, IDRIS ELBA, LAKEITH STANFIELD, REGINA KING, ZAZIE BEETZ, DANIELLE DEADWYLER, DELROY LINDO, RJ CYLER U. A. 

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Den Tod seiner Eltern wird der Junge den anderen bösen Jungs sein Leben lang nicht verzeihen. Die Rache wird folgen, und niemand wird seiner Strafe entgehen. Diese Ausgangssituation kommt irgendwie bekannt vor. Was nun fehlt, ist Ennio Morricones hypnotisch-faszinierendes Spiel auf Charles Bronsons Mundharmonika, bevor es brutal wird. Doch nein, die Rede ist nicht von Spiel mir das Lied vom Tod. Viel eher variiert Jeymes Samuel diese Vorlage als einen betont lässigen Videoclip für neu gemixte Versionen diverser Reggae-Nummern, die summa summarum einen Soundtrack oder besser gesagt einen Sampler abliefern, der ganz vorne mit dabei ist und das eigentliche Qualitätsmerkmal dieses Films darstellt, der sonst leider nur in stilsicheren Manierismen untergeht.

Was Samuel von Sergio Leone gelernt hat, das ist so gut wie alles in diesem Film – vorzugsweise die italienische Einstellung. Eine klare Hommage an den Meister des Spaghettiwesterns und der sowieso besten Western überhaupt, wenn es nach mir geht. Wem Samuel noch huldigt, ist natürlich Quentin Tarantino mit seiner Western-Version Django Unchained. Ein bisschen Blaxploitation noch dazu, wieder eine Referenz, und fertig ist ein stylisches Shoutout-Movie, das leider überhaupt keine eigenen Ideen hat.

Als originär gelten immerhin die Charaktere im Film, von denen die meisten tatsächlich existiert haben. Nat Love zum Beispiel war nach dem Sezessionskrieg als freier Mann unter anderem als Cowboy und Rodeoreiter tätig. Stagecoach Mary oder auch Mary Fields galt als erste afroamerikanische Postkutschen-Zustellerin. Rufus Buck hingegen war dann schon eher ein schlimmer Finger. Sie alle hat es gegeben – über den Weg gelaufen sind sie sich womöglich nicht. Zumindest nicht so, wie im Film dargestellt. Die Rachestory ist also rein fiktiv. Und das merkt man, denn die Geschichte schreibt wohl nicht einen Western, der so offensichtlich nach klassischen Formeln aufgebaut ist wie dieser. Samuel, der gemeinsam mit Boaz Yakin das Drehbuch schrieb, war wohl wichtig, den Coolness-Faktor seiner einzelnen Figuren in die Höhe zu schrauben, sich aus dem Westerngenre gierig zu bedienen und ein gerne mal zynisches Outlawdrama ganz einfach mit Schwarzen zu drehen, die auf der staubigen Durchzugsstraße eines Kaffs den Revolver ziehen. Es kommt das große Gähnen bei jenen, die mit Leone, Corbucci und Co aufgewachsen sind. Die Exotik der einzelnen Figuren hält auch nicht länger munter. Vor allem deswegen, weil es erstens viel zu viele nach vorne drängende Individualisten sind, und zweitens sich diese bis auf wenige Ausnahmen (Danielle Deadwyler als Crossdresserin Cuffee zum Beispiel) zu austauschbaren, grob umrissenen Persönlichkeiten hinreißen lassen müssen. Platzhalter für Stereotypen also. Darunter Zazie Beetz, die mit ihrer Rolle überhaupt nichts anfangen kann.

So will The Harder They Fall einfach nur stilistisch gefallen. Findet am Ende gar Momente, die das mögliche Potenzial gerade mal erahnen lassen. Dennoch bleibt das Ganze nur zerfahrenes Patchwork, unterlegt mit einem atemberaubend innovativen Sound. Wär‘s doch nur andersrum gewesen.

The Harder They Fall

First Cow

WALKING ON THE MILKY WAY

7/10


firstcow© 2021 Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: KELLY REICHARDT

BUCH: KELLY REICHARDT & JONATHAN RAYMOND, NACH SEINEM ROMAN

CAST: JOHN MAGARO, ORION LEE, RENE AUBERJONOS, TOBY JONES, EWAN BREMNER, SCOTT SHEPHERD, GARY FARMER U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte die im Dunkeln sieht man nicht. Bertold Brecht hat in seiner Dreigroschenoper mit Sicherheit etwas ganz anderes damit gemeint als ich es hier in Verbindung bringen will. Das Licht am Tage und in der Nacht macht sich Kelly Reichardt in ihrem besonders eigentümlichen Western nämlich auf diese Art zunutze. Denn Reichardt arbeitet mit den Mitteln, die ihr der Tag und die Nacht zur Verfügung stellen. Künstliches Licht gibt’s keines. Wenn es Nacht ist, ist es Nacht. Und wenn selbst der Mond nicht scheint, lässt uns die Regisseurin im Dunkeln. Doch im Dunkeln lässt sich so einiges anstellen. Wie zum Beispiel Kühe melken. Die Besinnung auf das, was von vornherein zur Verfügung steht, lehnt sich fast schon an die dänische Künstlerinitiative Dogma95 an, in denen Lars von Trier und Thomas Vinterberg ohne technischen Schnickschnack denkwürdige Filme machten. Reichardt geht den Weg weiter, Richtung Oregon. Dort, wo es nach Herbstlaub und feuchtem Waldboden riecht, wo einem der Duft von Pfifferlingen förmlich in die Nase steigt. Wir, die den europäischen Wald quasi vor der Tür haben, können da leicht auf eine Geruchsdatenbank zurückgreifen. Schon wird First Cow zu einem hautnahen Pirschen durchs Unterholz. Dann, auf einer nahen Lichtung, notdürftig zusammengeschusterte Holzhütten, Tendenz Bretterverschlag, glimmende Kochstellen, rückkehrende Jäger mit geschulterter Beute.

Wir schreiben das Jahr 1820, westlichste Provinz, tief in den Wäldern. Der Vagabund Cookie Figowitz (John Magaro, u.a. The Umbrella Academy, The Big Short) zieht mit einer Gruppe Pelzjäger durch den Forst. Es sind die denkbar schlechtesten Zeiten für Biber. Aus aller Welt kommen die Menschen hierher, um ihr Glück zu versuchen. Sind es keine Biber, dann lockt das Gold. Oder eine andere Quelle, denn die scheinen unbegrenzt. Aus nichts kann alles entstehen. Man braucht nur Geschick. Oder eine Fügung des Schicksals. Letzteres scheint Figowitz zu widerfahren, da er eines Nachts auf den Flüchtigen Chinesen King Lu stößt. Er gibt dem Hungernden Essen, etwas zum Anziehen und einen Schlafplatz. Klingt fast schon nach Heiligem Martin. Einige Zeit später treffen beide abermals aufeinander, es ist Freundschaft (nicht Liebe) auf den zweiten Blick. Fu und Figowitz tun sich zusammen, hängen ihren Träumen von Ruhm und Reichtum nach, und haben tatsächlich auch eine brillante Geschäftsidee auf Lager. Wie wäre es, für Erste mal mit frittierten Backwaren die dörfliche Marktlücke zu schließen? Figowitz, gelernter Koch, kann das. Was allerdings fehlt, ist Milch. Kühe sind rar in der Gegend, einzig der Dorfchef hat eine auf der Wiese stehen. Die des Nächtens ja gemolken werden kann.

Wir kennen alle diese gehaltvollen Mehlspeisen – auch bekannt als Gebackene Mäuse, nur ohne Hefe. Löffelweise in kochendes Öl getaucht, sind diese Leckereien außen knusprig, innen weich. Nach dazu mit Honig bestrichen und mit Zimt bestreut – und die Dinger gehen weg wie die warmen Semmeln. Ein Western, indem es ums Backen geht? Nur bedingt. Ein Western, indem sich um zwölf Uhr mittags niemand auf die Straße stellt, um die Rechnung zu begleichen? Mit Sicherheit. First Cow trollt mit dem Tempo eines lange unterwegs Gewesenen aus der Reihe herkömmlicher Versatzstücke und versucht, auf Grundlage des Romans von Jonathan Raymond, etwas ganz anderes zu erzählen. Eine Geschichte über Pläne, Ideen und Potenzial. In einem Land, das keine Grenzen kennt, dass so wild und unerschlossen scheint, als wäre hier jeder, der diese Breitengrade erreicht, ein Pionier. In diesem nach Kälte, Holz und Feuer riechenden Niemandsland, indem nebst Vertreter aus aller Herren Länder in völliger Entspanntheit die indigene Bevölkerung einen Teil der Gesellschaft bildet, ist der Wilde Westen ein Ort des erschöpften Durchatmens und Durchstartens. Kelly Reichardt ist zudem nicht zum ersten Mal in dieser Gegend. 2010 verschlug es schon Michelle Williams auf den Meek’s Cutoff, ebenfalls nach einem Drehbuch von Raymond. Nun, im Bundesstaat angekommen, erzählt sie in ihrem bereits 2019 produzierten Film die karge Geschichte einer kleinen, aber verhängnisvollen Gaunerei, konzentriert sich aber lieber auf ihre bemerkenswerte Fähigkeit, Impressionen aus vergangenen Zeiten einer fotografischen Galerie gleich zur atmenden, kuriosen und exotischen Bühne ihres Dramas zu machen. First Cow ist eine Reise in eine konsequente Finsternis, die naturbedingt Teil einer Welt ist, die sich der Mensch urbar macht.

First Cow

Neues aus der Welt

DIE LAGE DER NATION

7/10


neuesausderwelt© 2021 Bruce W. Talamon/Universal Pictures/Netflix


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: PAUL GREENGRASS

CAST: TOM HANKS, HELENA ZENGEL, ELIZABETH MARVEL, RAY MCKINNON, BILL CAMP, MARE WINNINGHAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Auf diesen Film hatte ich schon gewartet, als im Herbst letzten Jahres der erste Trailer zu sehen war. Damals hieß es noch, diesen Western will man garantiert auf die große Leinwand bringen. Wo er, nach Sichtung, natürlich auch hingehört hätte. Herrliche Landschaftsaufnahmen in spätnachmittäglichem Licht, Indianer im Sandsturm (was für Bilder!), ausgesuchte und üppig ausgestatteter Naturalismus des kleinstädtischen Lebens quer durch die Vereinigten Staaten nach dem Bürgerkrieg. Aber gut, bei einem Western ist die Bildgewalt meist mit von der Partie. Viel eher der Grund dafür, diesen Film auf meine Watchlist gesetzt zu haben, war wohl die Überraschung, Systemsprenger Helena Zengel am Kutschbock neben Filmstar Tom Hanks zu sehen. Nora Fingscheidts Psychodrama rund um ein schwer erziehbares, aggressives Mädchen hat der Schauspielerin ja schon den Deutschen Filmpreis beschert. Das natürlich völlig zu Recht, da man ihr wütendes Gebaren nicht so schnell wieder vergisst. Diese Performance konnte selbst Paul Greengrass nicht übersehen – solche Rollen sind selten und solche Filme machen dann auch quer über den Globus von sich reden. Also dauerte es womöglich nicht sehr lange, bis Helena Hand in Hand mit dem zweifachen Oscarpreisträger durch die Wildnis stiefelte. Das passt doch, oder? Und wie das passt. Man nennt das auch: einen Draht zueinander haben. Greengrass fängt diesen glücklichen Umstand in seinem elegischen, teils sehr ruhigen Roadmovie genüsslich ein.

Dabei ist der Stoff des Western im Grunde der, den wir auch schon aus Disneys The Mandalorian kennen: ein Reisender findet ein besonderes Kind und will es seiner Bestimmung zuführen, während andere ihm auf den Fersen sind. Nur: Tom Hanks ist kein Kopfgeldjäger (würde er nie spielen), sondern – wenn man so will – der Larry King des 19. Jahrhunderts. Einer, der von Ort zu Ort tingelt und dem leseschwachen Volk die Nachrichten rezitiert. Neues aus der Welt eben, und alles im Rahmen einer Bühnenshow. Wie es das Schicksal so will, stößt er auf der Durchreise auf eine verunglückte Kutsche samt juvenilem Passagier. Rätselhaft: Das Kind spricht ausschließlich die Sprache der Kiowa und trägt deren Kleidung. Am besten wird sein, Captain Kidd – so Tom Hanks Charakter – bringt das heimatlose Wesen zu seinen Verwandten in den Süden.

Helena Zengel darf auch hier wieder ausrasten. Natürlich nicht so extrem wie in ihrem Debütfilm, aber die eine oder andere Widerborstigkeit kostet Hanks und Co durchaus einige Nerven. Und es sind nicht diese Ausraster, die vom enormen Talent des Mädchens überzeugen sollen – es sind die stillen Momente. Es ist Helena Zengels erfrischend ungefälliges Auftreten. Da war wohl auch Tom Hanks fasziniert, denn als Captain Kidd kann er das Kind selten aus den Augen lassen. Das Duo ergänzt sich prächtig, und die ruhigen Momente am Lagerfeuer oder am Kutschbock verraten eine solide Verbundenheit. Andererseits: an Hanks staubiges Sakko würde ich mich aber auch lehnen wollen. Der Mann ist wahrlich der gute Mensch Hollywoods – ein Humanist vor der Kamera, stets nach bestem Wissen und Gewissen handelnd. Mit sich hadernd, an sich zweifelnd, das wohl immer. Aber stets das Rechtschaffene verkörpernd, andere errettend, für andere sorgend, auch wenn’s für die eigene Achtung kaum mehr reicht. Das schafft Hanks wieder bravourös – er liefert, was man von ihm erwartet, und Helena Zengel kitzelt dabei noch mehr von dieser sinnenden Selbstlosigkeit aus ihm heraus.

Mag Neues aus der Welt noch so elegisch, vielleicht gar vorhersehbar oder plätschernd sein, mag das Genre des Westerns einen neuen Grad der späten Erschöpfung erreicht haben: Helena Zengel als Bindeglied zwischen den Fronten, als Heimatlose in einer Zeit voll posttraumatischen Vakuums begleitet den Seher durch ein weites Land, das gerade erst beginnt, sich neu zu orientieren. Greengrass Film ist also viel mehr Zeitbild als ein klassisches Genreabenteuer mit Blei, Saloon und Pferdemist. Eine Reportage voller neuer Nachrichten, in denen die alten keines Blickes mehr wert sind.

Neues aus der Welt

The Kid – Pfad der Gesetzlosen

DIE KINDER AN DER BACKE

4,5/10

 

thekid© 2019 Splendid Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: VINCENT D’ONOFRIO

CAST: DANE DEHAAN, JAKE SCHUR, ETHAN HAWKE, CHRIS PRATT, VINCENT D’ONOFRIO, LEILA GEORGE, ADAM BALDWIN U. A.

 

Wer klopft da an die Himmelstür? Wieder einmal Billy The Kid, der von Pat Garrett gejagt wird. Das hatten wir schon mal, vor einigen Jahrzehnten, da hat Schusswechsel-Virtuose Sam Peckinpah den beiden (Anti)-Helden mit Pat Garrett jagt Billy the Kid ein bleihaltiges Denkmal gesetzt, und nicht nur ihnen, sondern auch Bob Dylan, der mit seiner transzendenten, wehmütigen Ballade Knockin‘ on Heavens Door Musikgeschichte geschrieben hat. Das war Anfang der 70er, und da war noch James Coburn hinter einem in der Blüte seines Lebens stehenden Kris Kristofferson her. Das war natürlich ein episches Erlebnis, ein Geschichtswestern über Freund- und Feindschaft, über das Wechseln der Seiten und über die Essenz steckbrieflich motivierter Menschenjagd. Billy the Kid ist natürlich ein Mythos, eine Kultfigur sondergleichen, die Mutter aller Outlaws. Ein Verbrecher natürlich, aber verklärt bis zur Ikone. Pat Garrett längst nicht so, der hat ja im Endeffekt seinen ehemaligen Busenfreund auf dem Gewissen, die Sympathie liegt da eindeutig bei dem umtriebigen Jungpistolero, und der hat auch in der aktuellen Verfilmung des Stoffes das Händegeklapper auf seiner Seite, denn Dane DeHaan, der ist im Regiedebüt von Vincent D’Onofrio, womöglich selber Fan von Peckinpahs Klassiker, treffsicher besetzt.

Mit dem so bezeichnenden wie doppeldeutigen Titel The Kid – Pfad der Gesetzlosen bewegt sich der bis zur Behäbigkeit routinierte Western erstmal nicht auf direktem Wege auf den biographischen Trampelpfaden der beiden Charaktere, sondern nähert sich auf Umwegen über ein fiktives verwaistes Geschwisterpaar, das vor den Gewaltfantasien ihres Onkels quer durchs Land flüchten muss. Zufällig fallen die beiden in die Hände von Billy The Kids Gang, der aber längst nicht so ein schlimmer Finger ist, wie manche glauben mögen, sondern vor allem mit dem Jungen so etwas Ähnliches wie  Freundschaft schließt.

Pat Garrett – relativ eintönig dargeboten von Ethan Hawke – bekommt den straffälligen Idealisten unter seine Fittiche und muss ihn der Justiz überstellen. Das ist ein breiter Weg durch gefällige Westernkulissen, und nicht nur dieses Kind hat Garrett an der Backe, auch die beiden anderen, flüchtigen Teenies schleppt er mit. Das zieht sich im wahrsten Sinne des Wortes etwas dahin, und auch wenn der böse Onkel („Star Lord“ Chris Pratt als vollbärtiger Tunichtgut) hinter jeder Ecke lauern könnte, schert sich D´Onofrios Film eher weniger um mögliche Shootouts, die da im Raum stehen, sondern um die Leidensgenossenschaft des völlig realitätsfernen Billy the Kid und des halbwüchsigen Rio, Vatermörder wider Willen, der anscheinend genauso eine verlorene Kindheit sein eigen nennt wie der berühmte Revolvermann, der laut D´Onofrios Film eigentlich Opfer all der Umstände ist und gar nicht anders hätte können als er getan hat. Das sind die stärksten Momente dieses Westerns. Und überhaupt scheint jeder prädestiniert zu sein, indem, was er darstellt und tun muss.

Die Aufarbeitung einer Legende aus der Sicht Außenstehender wirkt sonst aber  uninspiriert und etwas zögerlich. Da wirkt Dane DeHaan (Life, Valerian), trotzdem er wie schon erwähnt den Mythos mit zylinderförmigem Hut und juvenilem Äußeren glaubhaft verkörpert, so, als hätte er alleine die Aufgabe, den routinierten Film am Laufen zu halten, und gar ein bisschen Angst davor. Für ein Regiedebüt ist das zu manieristisch, zu wenig eigenes Ding. Weiters fehlt The Kid die Atmosphäre, die Klassiker wie zum Beispiel Erbarmungslos so auszeichnen und zu etwas Besonderem machen. Da sind die Sattel dieses traditionellen „Horsemovies“ schon etwas durchgewetzt, und nebst all dieser historischen Fakten, mal ungeachtet der widersprüchlichen Chroniken über Billy the Kids Tod, manövriert sich das Drama rund um die fiktiven Geschwister Cutler durch klassische Vorhersehbarkeiten, die ein amerikanischer Western nun mal des Öfteren hat und wo ein Genrefilm wie dieser auch gar nicht anders will. Kann man also sehen, diesen Streifen rund um Gesetz, Faustrecht und Anarchie. Muss man aber nicht.

The Kid – Pfad der Gesetzlosen

Die Frau, die vorausgeht

MALEN FÜR DAS VÖLKERRECHT

5/10

 

WWA_D05_00474.ARW© 2017 Tobis Film

 

ORIGINAL: WOMAN WALKS AHEAD

LAND: USA 2017

REGIE: SUSANNA WHITE

MIT JESSICA CHASTAIN, MICHAEL GREYEYES, SAM ROCKWELL, CIARÁN HINDS, MICHAEL NOURI U. A.

 

Habt ihr jemals etwas von Caroline Weldon gehört? Ich zumindest nicht. Die New Yorker Witwe mit Schweizer Wurzeln war Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine einmalige Erscheinung. Eine Künstlerin, um genau zu sein eine Malerin, doch das wäre nicht das Bemerkenswerte an dieser Frau – Caroline Weldon ist in die Wildnis gezogen, weit nach Westen in die Prärie, um den legendären Sioux-Häuptling Sitting Bull zu portraitieren, oder besser gesagt das, was von ihm übrig ist. Tot ist er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, die glorreichen Tage allerdings sind lange vorüber. Bei Sitting Bull knüpfe ich mit meiner Geschichtskenntnis wieder an. Das wissen wir – nämlicher Häuptling hatte damals gemeinsam mit Crazy Horse General Custer das Fürchten gelehrt. Die Schlacht am Little Bighorn 1876 war wohl die größte Niederlage der Weißen während der Indianerkriege. Die Folge war die Ermordung aller beteiligten Stammeshäuptlinge – bis auf Sitting Bull. Der hat seine traditionelle Tracht gegen westliche Gewänder getauscht und gräbt lieber nach Kartoffeln als nach den Wurzeln seines Stammesstolzes.

Dass gerade eine Frau hier noch das letzte bisschen Selbstachtung aus dem legendären Krieger hervorholt, ist Grund genug, darüber einen Film zu drehen. Vor allem weil mit dem Damenbesuch im Reservat der Anfang vom Ende der Sioux eingeleitet wurde. Dieses Requiem an die indigene Bevölkerung Nordamerikas, diese schmerzliche Entwurzelung – die hätte allerdings deutlich packender werden können. Regisseurin Susanna White, die schon mit dem Spionagethriller Verräter wie wir eigentlich hauptsächlich aufgrund der schalen Performance Ewan McGregor´s nicht überzeugen konnte, hat sich die toughe Jessica Chastain in die staubige Weite der Lakota-Territorien geholt. Mit ihr und Oscar-Preisträger Sam Rockwell am Start dürfte relativ wenig schiefgehen, zumindest schauspielerisch. Chastain hat allerdings leider nicht das Charisma eines so offenherzig impulsiven Gutmenschen wie Caroline Weldon einer war. Eher ist die rothaarige Intellektuelle für charakterliche Grauzonen geeignet – kühl, berechnend, stets ein As im Ärmel, tief drinnen aber ungemein verletzbar. Die Malerin aus New York gelingt ihr nur bedingt, spitzenbesetzte Kleider und eng geschnürtes Mieder will sich die Damen nach Drehschluss am Liebsten schleunigst vom Leib reissen. Ihr zur Seite die große Sioux-Legende, mit Michael Greyeyes viel zu jung besetzt. Gut. Sitting Bull wurde knapp 60 Jahre alt, dennoch strahlt dieser Häuptling hier in White´s Film wie es scheint keinerlei Erfahrung aus. Fast könnte man meinen, die Malerin und ihr Model sind gleichen Alters, was so wahrscheinlich nicht stimmt.

Da Die Frau, die vorausgeht meist Szenen präsentiert, die Chastain und Greyeyes im Dialog miteinander darstellen, fehlt dem Film vollends die Gewichtung dieser Begegnung, die Erfahrung und Entbehrung dahinter. Die Begegnungen der beiden sind so oberflächlich wildromantisch wie die idealisierten Malereien, die zu dieser Zeit entstanden sind. Sobald die Geschichtsstunde aufs politische Podest gehoben wird, überwiegen die völkerrechtswidrigen Fakten vor traditionellem Wildwest-Charme, dann folgt die Aufklärung und das garstige Bild der weißen Invasoren von damals, die das Desaster am Little Bighorn so vernichtend rächen mussten. Davon zeugt das Massaker an den Lakota-Indianern in der Ortschaft Wounded Knee 1890.

Der Wucht dieses Genozids weiß Susanna White´s Film nichts entgegenzusetzen, weder einzufangen noch zu ertragen. Dagegen wirkt die gut betuchte Volksaktivistin Weldon trotz all ihres Engagements ziemlich neben den Ereignissen stehend, so wie unterm Strich der ganze Film, der lieber in nostalgischer Wehmut schwelgt. Was vielleicht prinzipiell gar kein Fehler ist, in diesem feministischen Polit-Western aber extrem hausbacken daherkommt.

Die Frau, die vorausgeht