Allegro Pastell (2026)

VIELE OFFENE TÜREN IM WOHLSTANDSEUROPA

6/10


Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner in der Verfilmung von Leif Randts Allegro Pastell© 2026 WalkerWorm Film / Felix Pflieger


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: ANNA ROLLER

DREHBUCH: LEIF RANDT, NACH SEINEM GLEICHNAMIGEN ROMAN

KAMERA: FELIX PFLIEGER

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SYLVAINE FALIGANT, HALEY LOUISE JONES, LUNA WEDLER, MARTINA GEDECK, WOLFRAM KOCH, VERA FLÜCK, NICO EHRENTEIT, AKOB SCHREIER, KELVIN KILONZO U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Im Jahre 2018 war die Welt noch in Ordnung. Da konnte man sich noch lieben, sich necken, zusammenziehen oder Schluss machen. Da war die zwischenmenschliche Beziehung noch in all ihren Ausformungen Freiheit, Wildnis, Egotrip. Alles in allem, und ohne Committment.

Vom Wert der Zweisamkeit

In Allegro Pastell haben wir es mit Millennials zu tun, die drauf und dran sind, sich selbst zu verwirklichen oder das zu suchen, was sie vielleicht mal in ihrem Selbst ruhen lässt. Noch aber ist alles im Aufbruch und Umbruch, von Covid 19 wussten damals nur die Studierten, doch sicherlich nicht das trendaffine, sozial integre Volk. Zwei Jahre später dann die ersten Maßnahmen, da wird man froh gewesen sein, jemanden an seiner Seite gehabt zu haben, der gemeinsam mit einem selbst diese Ausnahmejahre hat durchstehen wollen. Man muss Partnerschaft und Beziehung nur in die richtige Relation setzen, dazu braucht es etwas Ernstzunehmendes, Übergeordnetes.

Zufriedenheit als Stillstand

2018 war die Welt also noch in Ordnung. Und Jannis Niewöhner als Jerome liegt mit Love Interest Sylvaine Faligant gemeinsam im Bett; während eines pastelligen Morgens, entspannt und irgendwie zufrieden, wobei einem immer wieder das Gefühl beschleicht, das so viel Wohlbefinden bei solchen Mitdreißigern irgendwo einen Haken hat. Dieses Wohlbefinden mag Zufriedenheit hervorrufen, und Zufriedenheit, gleichbedeutend mit Stillstand, ist gar nicht gut bei Menschen, die nach etwas streben, oder immer wieder glauben, nach etwas – und dieses Etwas ist das Mehr – streben zu müssen.

Die Qual der Wahl bei den Privilegierten

Alles scheint zusammenzupassen, und doch bleiben da diese ungenutzten Möglichkeiten. Denn abgesehen davon, dass man vorwärts drängt und noch vor der erschütternden Vierzig sich und der Welt beweisen muss, wer man ist, stehen in der westlichen Welt des Wohlstands einfach so viele Türen offen, dass es fast verschenkt scheint, nicht noch durch eine andere zu treten. Jenseits der Schwelle wartet da vielleicht noch ein anderer Mann oder eine andere Frau. Vielleicht sind diese anderen die vom Schicksal ausersehenen, während man Zeit damit verliert, gemeinsam eine Existenz zu festigen, die von weiteren möglichen Chancen ablenkt.

Niemand will einander gefunden haben

Dabei meint es niemand wirklich böse, niemand will dem anderen wehtun, es ist alles eine Frage der Selbstfürsorge und die Suche nach Gewissheit, sich für das richtige zu entscheiden. Bald wird es diese Auswahlmöglichkeiten nicht mehr geben, zumindest für einige Zeit. Hätte man doch und wäre man doch. Oder eben auch nicht.

Anna Roller portraitiert diese Generation der Unruhigen und Zielsuchenden mit ganz viel Text aus dem Off, die aus Leif Randts Romanvorlage kommen muss. Das gibt Allegro Pastell schon von Anfang an eine intellektuell-literarische Note, die das Beziehungsdrama als intellektuelles Psychogramm gleich mehrerer Personen identifiziert. Im Fokus Faligant und Niewöhner als dieses unentschlossene und doch ganz eindeutig zusammengehörende Liebespaar, das nicht glauben kann, dass es sich gefunden hat.

Französisches Autorenkino

Allegro Pastell zeigt eine Welt des frei wählbaren Luxus – einer Wohlstandsgesellschaft, die um sich kreist und manchmal auch um andere. Die Stimmung, die Roller dabei lukriert, ist so melancholisch, gedankenverloren und tänzerisch, dass man meinen könnte, in einer französischen Studentenromanze gelandet zu sein, jenen aus den Achtzigern und Neunzigern, in denen Dreiecksbeziehungen keine Seltenheit sind und die freie Liebe sowas wie die moderne Familie, nur ohne Kommune, stattdessen im Bungalow der betuchten Eltern, die als Baby Boomer als erste Generation nach dem Krieg den Boden für die nachkommenden Generationen erst aufbereiten musste.

Die Handlung als seufzende Momentaufnahme

Oft schon haben Beziehungsfilme wie Allegro Pastell Wohlstandskinder auf hohem Niveau nicht gerade jammern, aber nach dem Best Case suchen lassen. Neu ist das, was Leif Randts Roman zumindest im Kino erzählt, nicht wirklich. Und so bewegt sich das Leben von Niewöhner und Sylvaine Faligant, ob mit- oder ohneeinander, auch nicht groß weiter. Es tun sich weder Gräben auf noch müssen neu aufgetürmte Topografien überwunden werden. Dabei plätschert Allegro Pastell von heiter bis sentimental wolkig, und hat so seine langen dramaturgischen Seufzer.

Rückblickend bleibt das Ganze recht inhaltsleer, und trotz der Abgehobenheit der Figuren schafft es Roller, die Distanz zum Publikum zu schmälern. Das schafft sie mit Atmosphäre und eleganter, nicht unbedingt selbstgefälliger Bildsprache, da diese schließlich punktgenau illustriert, in welcher Blase sich die Welt am Zenit einer auf ewig zu konservierenden Aufbruchsstimmung befindet.

Allegro Pastell (2026)

Oslo Stories: Sehnsucht (2024)

FREIHEIT IN GEDANKEN UND TATEN

8/10


© 2024 Alamode Film


ORIGINALTITEL: SEX

LAND / JAHR: NORWEGEN 2024

REGIE / DREHBUCH: DAG JOHAN HAUGERUD

CAST: JAN GUNNAR RØISE, THORBJØRN HARR, SIRI FORBERG, BRIGITTE LARSEN, THEO DAHL, NASRIN KHUSRAWI, VETLE BERGAN, ANNE MARIE OTTERSEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Wie es der Norweger Dag Johan Haugerud schafft, Gespräche zu inszenieren, als würde er im realen Leben und völlig unbemerkt Leute dabei beobachten, wie sie sich mit ihren Problemen und Unsicherheiten auseinandersetzen – das geht schon jetzt als denkwürdiges Beispiel natürlicher Dialogführung in die Geschichte des europäischen Kinos ein. Seine Trilogie Sehnsucht – Träume – Liebe (im Original wird nur Teil eins mit Sex betitelt) beinhaltet hochkomplexe Gedankengänge und Situationsbeispiele, die durch das zwischenmenschliche Gespräch sozialphilosophische Dimensionen erreichen und dabei minimal-invasiv in die Tiefe gehen, ohne das Volumen des Erzählten unnötig aufzublasen oder zu pathetisieren.

Haugerud appelliert in seinen Filmen an die Vernunft, an die Zivilisiertheit, an die befreiende und erklärende Wirkung der Aussprache. Dialogfilme mag man mitunter vielleicht langweilig finden – doch niemals so in den Oslo Stories, welche die Hauptstadt Norwegens anders betrachten als es ein Reiseführer tun würde – vielmehr ist Oslo auch nur eine grundlegende gemeinsame Bühne für Menschen, die nicht nur ihre sexuelle Identität suchen, sondern vor allem auch eine Form der Selbstbestimmung, die sie im sozialen Kosmos einer Beziehung nicht verlieren möchten. Egal, wer in dieser Trilogie über seine Bedürfnisse stolpert und nicht absehen kann, in welche Richtung ihre Entscheidungen führen  – sie alle streben danach, ohne Schamgefühl authentisch zu bleiben. Verwechseln werden es manche mit individueller Freiheit, deren Wert es in einer Welt des Miteinanders gilt zu reflektieren.

David Bowie und der Wert der Intimität

In Oslo Stories: Sehnsucht widmet sich Haugerud den Wertvorstellungen von Sex und Liebe. Auch hier, so wie in Oslo Stories: Liebe, stehen zwei Personen im Mittelpunkt, die sich selbst erkennen müssen, indem sie ihre Wahrnehmung, ihre Prioritäten und den Faktor Kompromiss neu bewerten. Seit Mary Poppins hat man keine Rauchfangkehrer mehr auf Dächern sitzen sehen. Zwei davon, die namenlos bleiben, sind gut miteinander befreundet, und zwar so sehr, dass sie sich alles erzählen – ihre Träume und eben auch ihre sexuellen Abenteuer. Ein solches hat einer der beiden erlebt, einer, der von sich behauptet, heterosexuell zu sein, und sich dennoch auf Sex mit einem Mann eingelassen hat. Einfach, weil er so etwas noch nie gemacht, weil es seinen Horizont erweitert und ihn auf gewisse Weise auch erregt hat. Dessen Ehefrau steckt diese Untreue nicht ganz so gut weg, da schließlich Sex aus ihrer Sicht ein Akt höchster Intimität darstellt, die sich nur Liebende teilen. Diese unterschiedliche Auffassung führt zu tiefgehenden Gesprächen über Vertrauen, Machtgefüge und den Regeln des Miteinanders, die man aus Liebe bereit ist mitzutragen. Der Freund dieses Mannes hat ganz andere Probleme, weitaus abstrakterer Natur. Dieser muss sich in seinen Träumen mit David Bowie herumschlagen, der ihn jedes Mal so ansieht, als wäre er weder Mann noch Frau, als würde er ihn ansehen um seinetwillen, vorurteilsfrei, bedingungslos, nichts einfordernd. Was das zu bedeuten hat, will er wissen. Und natürlich reflektiert er dabei auch seine sexuelle Identität, um letztlich zu ganz einer anderen Erkenntnis zu gelangen.

Es wird bei Betrachten dieses Films wohl kaum jemanden geben, der, sofern er sich in einer Beziehung befindet, sich selbst nicht an diesen Gesprächen mit seinen ganz eigenen Erfahrungen beteiligen könnte. Oslo Stories: Sehnsucht wirft so viele Fragen und Gedanken auf, dass man dieses Werk nicht einfach im Kino zurücklassen kann. Haugeruds erster Teil schenkt naturgemäß keine allgemeingültigen Antworten, nähert sich möglichen aber an, und zwar immer mehreren gleichzeitig, ohne universelle Lösungen zu generieren. So unterschiedlich und vielgestaltig das psychosoziale Leben auch sein kann, so unterschiedlich und vielgestaltig ist dieses präzise ausformulierte Drama in seinen Aspekten und Themen, die so essentiell sind wie die menschliche Existenz an sich.

Oslo Stories: Sehnsucht (2024)