The Girl King

STUDIEREN GEHT ÜBER REGIEREN

6/10


thegirlking© 2015 Film Buró


LAND: FINNLAND 2015

REGIE: MIKA KAURISMÄKI

CAST: MALIN BUSKA, SARAH GADON, MICHAEL NYQVIST, HIPPOLYTE GIRARDOT, MARTINA GEDECK, JANNIS NIEWÖHNER, LUCAS BRYANT U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Diese Thronfolgerin, die ist mir eine! Schweden hat im epischen Rahmen des dreißigjährigen Krieges eben erst ihren geliebten König Gustav Adolf verloren, schon muss dessen minderjährige Tochter ran – Königin Kristina. By the way: die Gute ist wirklich nicht fürs Regieren geschaffen. Unter der Obhut des Kanzlers, der seine eigenen Pläne verfolgt (welcher Kanzler tat und tut das nicht?), weicht das Interesse an der Politik stetig jenem an der Philosophie, insbesondere jener des großen Denkers René Descartes. In dieser Wissbegier steht die aufmüpfige Jungregentin anderen Querdenkerinnnen aus der Antike wie zum Beispiel jener Hypatia aus Alexandrien, die bereits in Alejandro Amanebars Historienfilm Agora ihren filmischen Zuspruch bekam, um nichts nach. Doch welche Untertanen wollten damals schon über das Sein philosophieren? Gebt den Leuten Essen, Trinken, Wohlstand! Für den Blick hinter die Kulissen eines entbehrungsreichen Daseins des 17. Jahrhunderts hatte wohl niemand wirklich die Muße – außer Kristina, und ihr Philosophenfreund natürlich. An Männergeschichten ist die stark an Kaiserin Sisi erinnernde, stets hosentragende Jungfrau genauso wenig interessiert, zum Leidwesen des Kanzlersohns, der gedanklich schon mit dem Reichsapfel spielt.

The Girl King erzählt eine recht ungewöhnliche Episode aus der europäischen Monarchengalerie, ein Kuriosum des Nichtregierens sozusagen, das in Ludwig II. oder Stefan von Lothringen Fortsetzung findet, die außerdem allesamt anderes im Sinn hatten als irgendeine Verantwortung für ihre Pflicht zu übernehmen. Da sieht man wieder, wie ignorant dieser Tribut des blauen Blutes stets gewesen war. Nicht für alle war Macht das hehre Ziel. Eine Lösung für dieses Problem aber gab es meistens. Und selbst im Falle der jungfräulichen Kristina, die tatsächlich bis zu ihrem Lebensende jungfräulich blieb, nicht alleine wegen ihrer homosexuellen Orientierung. Für seine Titelrolle fand Regisseur Mika Kaurismäki, der diesjährig mit Master Cheng in Pohjanjoki für wohlige Gefühle in der Bauchgegend sorgte, mit der Schwedin Malin Buska die ideale Besetzung. Ihr expressives Minenspiel ist grandios, ihre trotzigen Züge weichen nur selten sehnsüchtigem Lächeln. Dieses hat dafür ihre bessere, femininere Hälfte Sarah Gadon, die nicht ständig Hosen trägt und die längst einem anderen versprochen zu sein scheint, die aber der Libido ihrer Königin nichts entgegenzusetzen hat.

Schön ausgestattet ist The Girl King allemal, interessant besetzt ebenso. Eine Entdeckung ganz nebenbei ist Martina Gedeck als die exaltierte, völlig verschrobene Königin Mutter, die mit ihrer Tochter nichts anzufangen weiß. Kaurismäki selbst überlässt den Film auch lieber seinem Schauspielensemble, ohne sich selbst als Künstler groß hervorzutun. Sein Historienfilm wirkt wie eine Auftragsarbeit, die man in professioneller Routine natürlich zu Ende bringt, für die man aber jetzt keine großen Gefühle hegt oder eine wie auch wie geartete persönliche Ambition. Prinzipiell macht das nichts – die Zeitgeschichte spricht für sich, und fasziniert auf gewisse Weise ganz von selbst. Da reicht, wie bei so vielen Geschichtsfilmen, die sich auf ihren Stoff verlassen, zumindest die geglückte Wahl einer spannenden Anekdote aus den Herrscherhäusern, die die egozentrische Luft der frühen Selbstbestimmung atmen. Die Queen allerdings wäre not amused.

The Girl King

Narziss und Goldmund

DES EWIGEN FREUNDES WANDERJAHRE

5/10

 

narzissgoldmund© 2019 Jürgen Olczyk / Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2020

REGIE: STEFAN RUZOWITZKY

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SABIN TAMBREA, ANDRÉ HENNICKE, EMILIA SCHÜLE, UWE OCHSENKNECHT, JOHANNES KRISCH, HENRIETTE CONFURIUS, BRANKO SAMAROVSKI, JESSICA SCHWARZ, GEORG FRIEDRICH, ELISA SCHLOTT U. A. 

 

Da hat sich doch endlich jemand an den Stoff herangewagt. Endlich. Hermann Hesses philosophische Erzählung für Sinnsucher und Aussteiger aus dem Jahre 1929 gibt es nun auch als Film! Ein Wagnis? Muss man denn wirklich alle Klassiker verfilmen? Reicht es nicht, Narziss und Goldmund einfach nur zu lesen, weil manche Werke eben nur in Textform funktionieren und das Kino im Kopf privat bleiben soll? Bei Hermann Hesse ist es sowieso schwierig. Es ist, als würde man Nietzsche verfilmen. Geht auch nicht. Aber Stefan Ruzowitzky, unser Oscar-Preisträger und Slalomfahrer durch alle Genres, der hat sich gedacht: ich nehme mir die Geschichte her und schreib sie etwas anders, lege auch die Schwerpunkte anders, mach etwas ganz Besonderes daraus. Kulissen brauche ich keine bauen, wir sind hier im Herzen Europas, da gibt es Burgen genug, die noch dazu in gutem Zustand sind. Die richtige Besetzung für den Geistesmenschen und den Sinnesmenschen zu finden ist dann schon wieder schwieriger. André Eisermann wäre ein Kandidat gewesen, der ist aber vermutlich schon zu alt dafür, Schlafes Bruder ist auch schon lange her. Die Wahl fiel für den Geistesmenschen Narziss auf Sabin Tambrea (Babylon Berlin Staffel 3) – eine gute Wahl. Der sich selbst geißelnde Glaubensbruder mit geheimer sexueller Orientierung, die aber nicht zu übersehen ist, hat seine schauspielerische Bestimmung gefunden. Der Sinnesmensch? Jannis Niewöhner könnte gehen, hat der doch unlängst Kaiser Maximilian zum Besten gegeben, und das recht ansehnlich, in einem dreiteiligen Eventkino fürs Fernsehen. Doch Niewöhner wäre zwar ideal für eine weitere Staffel für Vikings, schwerlich aber ist er die Idealbesetzung für Goldmund. Er schafft, was eigentlich wenige Schauspieler während des Drehs hinbekommen: die Qualität seiner Arbeit auf- und abzuschaukeln. Und das ist irritierend. Wobei das zwar das Augenfälligste, aber nicht das Einzige an diesem Versuch ist, große Literatur in einem großen Bilderbogen zu verfilmen, was das Vorhaben dann doch vereitelt.

Warum Narziss und Goldmund nicht auch in einem Dreiteiler fürs Fernsehen aufzubereiten ganz so wie Maximilian – das Spiel von Macht und Liebe? Weil Ruzowitzky anders als Andreas Prohaska fast ausschließlich ein Cineast ist. Einer, der fürs Kino arbeitet. Weil die Förderung endlich durch ist, und was finanziert ist, wird gemacht. Das Kino braucht Filme, und Filme brauchen das Kino – vor allem Stoff, der allseits bekannt ist und für volle Säle sorgen könnte. Zwei Leben aber anhand eins fiktiven Biopics und nicht als lebensphilosophische Abhandlung innerhalb zwei Stunden ins Kino zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Entsprechend gehetzt und gänzlich ohne innere Einkehr erzählt „Goldmund“ Niewöhner seinem Spezi Narziss Anekdoten aus 15 Jahren Umherirrens auf der Suche nach seiner Mutter. Und Goldmund, natürlich ein Feschak sondergleichen, der hat die Qual der Wahl bei den Damen, gerät von einer Liaison in die nächste, scheint irgendwann sein Glück gefunden zu haben, doch wieder nichts. So ist sein Leben eine einzige riesige Wanderung, während der er sein Talent fürs Schnitzen entdeckt – und auch perfektioniert und letzten Endes im Altarbild von Narziss´ Kloster gipfeln lässt.

Ob die Definition der Mutterfigur im Roman auch so im Mittelpunkt steht? In Ruzowitzkys Film jedenfalls ist das der Fall. Viel weniger ist es das Resümee eines Vergleichs zwischen weltlichem und geistigem Leben, zwischen Abenteuern im Kopf oder in der weiten Welt. Sein Film findet keinen Einklang, die tiefe Erfahrung des Goldmund bleibt kolportiert. Klassische Versatzstücke aus dem finsteren Mittelalter wie blutige Striemen am Rücken durch gern gefilmte Selbstgeisselung, Pestopfer, jede Menge alter Mauern oder stimmige Choräle müssen das Soll wohl erfüllen. Mitnichten. All das macht den Film noch plakativer, noch gefälliger, und weniger zum Erlebnis. Bei Narziss und Goldmund scheint es eigentlich um etwas ganz anderes zu gehen, was Ruzowitzky, der auch das Drehbuch schrieb, nicht wirklich herausarbeiten konnte. Das tête-à-tête der vielen bekannten Gesichter erschwert das Eintauchen ebenso – manchmal ist ein illustrer Cast für so eine intime Geschichte vielleicht nicht das Richtige. Und wenn dann noch das sakrale Meisterstück mit all seinen Engeln die Gesichter bekannter Schauspieler tragen, wirkt das unfreiwillig grotesk und lässt sich mit der Ehrfurcht, welche die Mönche verspüren, nicht vereinbaren. Glaubwürdig und am wenigsten schablonenhaft bleibt nur Sabin Tambrea, der als einziger seine innere Balance findet, was man vom Film an sich nicht sagen kann.

Narziss und Goldmund

Der Fall Collini

DER ADVOKAT DES ERINNERNS

7,5/10

 

fallcollini© 2019 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: MARCO KREUZPAINTNER

CAST: ELYAS M’BAREK, FRANCO NERO, HEINER LAUTERBACH, ALEXANDRA MARIA LARA, JANNIS NIEWÖHNER U. A.

 

Vom Gott der Literatur zur Göttin der Justiz: unlängst noch als flapsiger Schulchaot in Fack ju Göthe zu sehen, jetzt als Yuppie-Anwalt in einer Literaturverfilmung, die ganz andere Töne anschlägt als die mit ihm gewohnten Komödien. Elyas M’Barek, spätestens auch in Österreich durchwegs bekannt als Pay-TV-Testimonial, auf der Streaming-Couch chillend und durch das großzügige Angebot zappend, will also endlich mal wirklich ernst genommen werden. Weg vom schmachtanfälligen Jungromanzen, weg von Screwball-Blödeleien unterhalb der Gürtellinie. Die Probe aufs Exempel war es wert – M’Barek spielt, als ging es um die zukünftige schauspielerische Existenz und dem Vereiteln einer deterministischen Genre-Zuordnung. Der fesche Publikumsliebling lässt alle Späße außen vor und gibt sich gewissenhaft. Das gelingt ihm. Tatsächlich ist seine Verkörperung des Anwalts Caspar Leinen eine glaubwürdige Interpretation. Allerdings ist der Talarträger so knochentrocken wie manche seiner Gesetzbücher, die er zitiert. Und manchmal auch päpstlicher als der Papst. Das ist ja mal per se nicht schlecht in diesem Job. Alles genau unter die Lupe zu nehmen zeichnet einen guten Rechtsvertreter doch wohl aus, oder nicht? Was stört da schon ein möglicher Verdacht auf Befangenheit, der sich in der Kanzlei des Newcomers breit macht – denn der Mörder, den Leinen zu vertreten gedenkt, hat den Opa seines besten Freundes auf dem Gewissen, ein Krösus unter den Wirtschaftern, fast so was wie Hans Peter Haselsteiner oder Frank Stronach. Einer, der viel Geld und Macht gehabt hat. Und der Leinen in jungen Jahren immer sehr gern mochte. Schwierig, hier trotzdem die Gegenseite zu vertreten. Aber Anwalt ist Anwalt, und Fall ist Fall, das will professionell sein. Also stürzt sich Leinen ins rechtliche Getümmel – und beißt bei seinem Mandanten vorerst auf Granit.

Der wiederum ist mit internationaler Prominenz besetzt. Niemand geringerer als Good Old Django Franco Nero, der schon John McLane in Stirb Langsam 2 zum Wahnsinn trieb. Selbst Quentin Tarantino ehrte ihn in Django Unchained mit einem süffisanten Cameo. Franco Nero zieht diesmal zwar nicht einen Sarg samt Maschinengewehr hinter sich her, darf aber trotzdem mit vorgestrigen Schießeisen hantieren. Und lakonisch sein wie immer, passend für eine Kultfigur des Italowesterns. Der, dessen Alter unter seiner wilden Gesichtsbehaarung kaum mehr zu schätzen ist, hat in Marco Kreuzpaintners Justizdrama eine würdige und beachtliche Altersrolle gefunden, auf die er wirklich stolz sein kann. Einen für ihn typischen Haudegen gibt er trotzdem nicht. Dafür eine traumatisierte Seele, die darauf wartet, dass ihr Gerechtigkeit widerfährt.

Der Fall Collini, nach einem Roman des Autors Ferdinand von Schirach, ist nach Das schweigende Klassenzimmer, Ballon und Nur Gott kann mich richten ein weiterer Beweis dafür, dass der deutsche Film, seit Wolfgang Petersen Das Boot zu Wasser gelassen hat, kaum mehr so stark war wie in den letzten zwei Jahren. Es scheint mir, als wäre das Kino unseres Nachbarn im Gegensatz zu selbigem in Österreich viel eher bereit, alternative Mechanismen für einen guten Film genauer zu beobachten – um daraus zu lernen und Geschichten einfach besser zu erzählen. Kreuzpaintner hat das gemacht, und sich deutlich an der kühl-ästhetischen Krimi-Erzählkunst eines David Fincher orientiert. Und ich meine orientiert, nicht etwa abgekupfert. Die Bildsprache ist, anders als von anderen kritischen Stimmen behauptet, längst nicht mehr nur Fernseh-Niveau. Da ist schon mehr drin. Der Fall Collini spricht schon die Sprache des Kinos, dafür ist ihm die Wahl seiner technischen Mittel zu wichtig. Geschickt verwebt die Verfilmung Vergangenes mit dem gegenwärtigen roten Faden. Lässt dort aufwühlende Einblicke in ein grauenhaftes Damals aufpoppen, wo die richtige Emotion im Gerichtssaal gerade gefragt ist. Und tatsächlich erleben wir eine ähnliche Situation wie seinerzeit Tom Cruise mit Jack Nicholson eine erlebt hat. Die Frage nach dem Code Red in Eine Frage der Ehre wird in Der Fall Collini zur Frage nach der Sinnhaftigkeit zweifelhafter Paragraphen. Nun, Heiner Lauterbach mit seltsam eingepflanztem Haaransatz und schmierigem Verhalten ist längst nicht Jack Nicholson, dafür verlässt sich der deutsche Schauspieler zu sehr auf seine Routine. Auch lässt uns Elias M’Barek  oft nicht an seiner Gefühlswelt teilhaben, was ihn unnahbar macht, ist er doch der Protagonist, der uns durch den Film führt. Doch abgesehen von diesen leicht unbalancierten Dingen hat das aufwühlende Gerichtsspektakel einiges zu bieten, vor allem, wenn der Kern der Wahrheit ans Licht kommt und elterliche Emotionen getriggert werden. Das ist packend, mitunter etwas pathetisch, aber das darf Kino natürlich sein, und in der richtigen Dosis kann es zu einem dichten, dramatischen Erlebnis werden, bei dem man nicht nur daneben steht.

Der Fall Collini

Asphaltgorillas

DIE STADT VOLLER AFFEN

6,5/10

 

asphaltgorillas© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: DETLEV BUCK

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SAMUEL SCHNEIDER, ELLA RUMPF, GEORG FRIEDRICH, MICHAEL OSTROWSKI, KIDA KHODR RAMADAN U. A.

 

Hierzulande – also in Österreich – ist der Deutsche vor allem für Sex, Drugs und Rock’n’Roll bekannt. Die Rede ist von Michael Glawoggers teils psycheledischer Filmtrilogie über Lust und Laster halbseidener (Anti-)Helden aus gesellschaftlichen Grauzonen. Bei unseren Nachbarn im Norden hat der Blonde mit den wahrscheinlich schwarzen Schuhen schon längst, und zwar schon seit den frühen 90ern, Kultstatus erreicht. Detlev Buck ist dort natürlich ein Begriff, und mittlerweile führt er sich selbst im Vorspann auch nur mehr als Buck an, mit der Gewissheit, dass ihn wohl keiner mit Biene Majas Stubenfliege verwechselt. Die schreibt man ja auch mit hartem P, aber wer weiß das schon so genau?

Buck ist also von seinen Gastauftritten an der Donau längst wieder ins Heimatland zurückgekehrt, und hat dabei aber nicht vergessen, die beiden schrägen Vögel Michael Ostrowski und Georg Friedrich mitzunehmen. Die beiden dürften sich mit dem ollen Detlev gut verstanden haben, waren auch sie Teil des Ensembles von Nachtschnecken, Contact High und Hotel Rock’n’Roll. Und so durchgeknallt, wie dort die Saiten aufgezogen wurden, darf es auch in der Thrillerkomödie Asphaltgorillas zugehen. Als Vorlage für diese Reihe betrüblicher Ereignisse diente die Kurzgeschichte Der Schlüssel von Ferdinand von Schirach. Von der Kurzgeschichte bis zum abendfüllenden Neonrausch ist es kaum noch eine Großstadtmeile an zusätzlichen dramaturgischen Verstrickungen hin – und fertig ist das augenzwinkernde Boulevardstück zwischen Luxus-Appartement und Bolidenschuppen. Und wie es besagter Titel der literarischen Essenz des Filmes schon vorwegnimmt: alles dreht sich um einen Schlüssel, der zu ganz viel Geld führt, dass eigentlich für noch mehr Blüten investiert werden will. Das blöde nur: der Schlüssel verschwindet. Jannis Niewöhner und Samuel schneider wissen zwar wohin, kommen aber nicht wirklich an ihn heran. Währenddessen soll aber auch noch der verquere Kleinganove Ronny (herrlich verkorkst und durch den Wind: Georg Friedrich) die Falschgeldmünzer hinters Licht führen.

Turbulent bis zum Kolbenreiber, möchte man meinen. Dabei schaltet Detlev Buck aber einen oder zwei zugedröhnte Gänge runter, gibt sich ob der verfahrenen Situationen unentsprechend gechillt und hat sich die eine oder andere Entrückung durchaus vom leider viel zu früh verstorbenen Michael Glawogger abgeguckt. Daran erinnert auch die eingestreute Bildmetaphorik eines Gorillas, der die Gesetze des Dschungels in Erinnerung ruft. In nacktschnecken hatten wir die Symbolik des durchs Bild laufenden Geparden, auf den keiner genauer einzugehen vermochte, weil er nur fürs Publikum da war, um die instinktive Triebhaftigkeit des Tiers namens Mensch elegant zu umschmeicheln. Obwohl nicht nur Glawoggers kurioses Eintauchen in die Halbwelt situationselastischer Glückritter in Asphaltgorillas seine neu gewürfelte Wiederkehr entdeckt, sondern auch das so trockene wie schildbürgerliche Thrillerkino eines Guy Ritchie. Manche, die dem sprichtwörtlichen Sperrfeuer der Unterweltparteien in die Quere kommen, werden bluten müssen, andere punkten mit lebensmüder Frechheit. Das macht vor allem in der zweiten Halbzeit dieser Filmsafari erst so richtig Spaß, wenn alle am quer durch die Gassen gezogenen roten Theseusfaden ziehen, ohne zu wissen, wer da nun den größten Spielraum hat.

Asphaltgorillas ist ein lustvolles, urbanes Hazardspiel, dass nach einigem zögerlichen Anlauf die Kacke bald am Dampfen hat. Bucks Film spielt mit Neonlicht, gibt in heißen Karossen Gummi und lässt die Straßen funkeln. Das ganze aber ohne viel Metazeugs, übersieht man mal all die brusttrommelnden Primaten, die sich zum Affen machen. Und einer von ihnen, der fängt am Schluss die Banane.

Asphaltgorillas

Jugend ohne Gott

IM MAHLSTROM DES WETTBEWERBS

7/10

 

jugendohnegott© 2017 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2017

REGIE: ALAIN GSPONER

MIT JANNIS NIEWÖHNER, FAHRI YARDIM, EMILIA SCHÜLE, ANNA-MARIA MÜHE, RAINER BOCK U. A.

 

Ödön von Horváth zählt für mich schon seit der Mittelschule zu den wohl beeindruckendsten Autoren der Zwischenkriegszeit. Zu jenen Autoren, die so wie Joseph Roth oder Jean-Paul Sartre wirklich sehr viel zu sagen hatten. Unglücklicherweise traf den zivilisationskritischen Schriftsteller kurz vor dem Einmarsch der Nazis in Österreich an der Champs Elysees in Paris ein umstürzender Baum. Mittlerweile bin ich zwar schon älter, als Horváth je war – sein zeitloses Œuvre überdauert allerdings jede menschliche Lebensspanne und findet auch in der Filmwelt des 21ten Jahrhunderts unterstützende Verwendung. Vor allem sein dritter Roman Jugend ohne Gott.

Regisseur Alain Gsponer hat die Geschichte in seinen Grundzügen genau so belassen, allerdings in eine völlig andere Zeit und in einen anderen Kontext gesetzt. In seinem gleichnamigen Film Jugend ohne Gott finden sich die Schüler einer Abschlussklasse zwar auch in einem Zeltlager wieder, müssen aber, um einen der heiß begehrten fünf Studienplätze an einer Elite-Universität zu erlangen, diverse Aufgaben und Herausforderungen in makelloser Perfektion erfüllen. Da ist natürlich jeder gegen jeden, Teamwork ist zwar erwünscht – dauerhaft aufrecht erhalten lässt sich die gute Miene zum bösen Spiel wohl aber eher nicht. Vor allem nicht, wenn emotionale Unreife schwer zur Selbstreflexion einlädt. Da muss es schon gut laufen, damit überhaupt 5 Finalisten zur Auswahl stehen können. Die Next-Top-Model-Shows haben da wohl eine bessere Quote, trotz erwähntem Gefühlschaos zwischen den Rivalinnen.

Der Kniff an Gsponer´s Filminterpretation liegt an den drei Sichtweisen, die er nacheinander vorbringt. Zuallererst steht die Schülerin Nadesh – im Roman so wie alle anderen Schüler mit nur einem Buchstaben bezeichnet, in diesem Fall N – im Mittelpunkt des Geschehens. Worauf das ganze Drama aus Sicht des andersdenkenden Schülers Zacharias – im Roman Z – um einige weitere Details erschlossen wird. Um abschließend als dritte Instanz die Ereignisse unter dem Blickwinkel des Lehrers zu ergänzen. Eine interessante dramaturgische Konstellation, die man so ähnlich auch in dem Politthriller 8 Blickwinkel erleben kann – oder zum Teil auch in den Filmen Quentin Tarantinos, der seine geschickt gesetzten Kapitel ebenfalls mit sich wiederholenden Geschichten aus anderen Wahrnehmungen heraus erzählt. Das sorgt natürlich dafür, dass sich das Spannungspotenzial vor allem im Suspense- und im Thriller-Genre manchmal in erwünschte, ungeahnte Höhen schraubt.

Der Verfilmung Jugend ohne Gott, die nun mal mehr eine Tragödie als ein Thriller ist, gelingt damit zwar nicht aufgrund unerhrter Spannung, dafür aber mit gewecktem Interesse der Absprung – und bewahrt das Drama davor, durch die schwelende Nüchternheit, die gefühlskalten, dystopisch angehauchten Zukunftsvisionen innewohnt, in für Dystopien im Allgemeinen gefährlich belangloser Apathie abzugleiten. Das Drehbuchduo Alex Buresch und Matthias Pracht machen aus der literarischen, schwermütigen Vorlage einen gewieften Social-Fiction-Thriller, der ganz gut mit seinem Personal klarkommt. Allen voran mit den gierend kalten Blicken von Anna-Maria Mühe, die als Campleiterin keine Kompromisse duldet. Jannis Niewöhner, den ich erstmals als Maximilian in Andreas Prohaskas gleichnamigem Event-Dreiteiler aus dem Fernsehen für gut befinden konnte, legt sich in den deutschen Wäldern mit den Illegalen an – im Roman gewöhnliche Diebe. Um nicht zu sagen – er kokettiert mit deren Freidenker-Philosophie und verliebt sich auch in Oberdiebin Emilia Schüle. Durch die Bank eigentlich ein jugendlicher Cast, der seine Sache gut macht. Vielleicht manchmal seine Emotionsausbrüche über Gebühr strapaziert, aber selten unglaubwürdig handelt.

Jugend ohne Gott ist stimmiges Gymnasiastenkino und dank Ödön von Horváth eine inhaltlich straffe Kritik an das Elitedenken kommender aufsteigender Generationen. An eine kompromisslose Leistungsgesellschaft, die auf Burnout, Neid und Ellbogenphilosophie konzipiert ist. Und Versager nicht duldet. Doch im Versagen wohnt Erkenntnis. Etwas, das Z wie Zacharias letzten Endes und fast schon als Glück im Unglück wiederfährt. Ein schöner Ansatz, eine reizvolle Verpackung. So kann Literatur im Kino für die Generation X aussehen, die vielleicht gar nicht mehr weiß, wer Horváth wirklich war, welche Zeit ihn geprägt und was ihn bewogen hat, in seinen Werken so dermaßen schwarz zu sehen. Vielleicht tauchen irgendwann im Kino die Geschichten aus dem Wienerwald auf, im Gewand eines neuen gesellschaftlichen Morgens, als Allegorie auf eine Welt voller Eigen- und Ausnützern. Mit Augen, so kalt wie ein Fisch.

Jugend ohne Gott