Malcolm & Marie

DIE KRÄNKUNG EINER NACHT

5,5/10


malcolm_marie© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2020

DREHBUCH UND REGIE: SAM LEVINSON

CAST: ZENDAYA, JOHN DAVID WASHINGTON

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Wie heisst das Zauberwort? Das lernt man schon im Kleinkindalter. Und eigentlich sind es zwei dieser Sorte. Bitte und Danke. Ein Basislehrgang in Sachen Respekt und Wertschätzung. Wie ist das in einer Beziehung? Muss man da auch andauernd Danke sagen? Ja, muss man. Denn nichts in einer Beziehung ist, nur weil es eine Beziehung ist, selbstverständlich. Das ist etwas, das muss Filmemacher Malcolm noch lernen. Der hat nämlich völlig vergessen, bei der Premiere seines Regiedebüts vor allem seiner besseren Hälfte jenen verbalen Tribut zu zollen, den sie verdient hätte. Meint Marie. Und schon ist die Lunte für eine hitzige Nacht aus Küssen und verbalen Schlägen gezündet. Eine knapp über hundert Minuten lange Wippschaukel an Stimmungen. Da ließe sich ja ein zweites Wer hat Angst vor Virginia Woolf? dahinter vermuten, Edward Albees Beziehungsdrama, ebenfalls an einem Abend, und vor allem einer, an dem sich beide nichts schenken.

Geschenkt haben sich Schauspielerin Zendaya (eben noch in Spiderman: Far from Home als Parkers nonkonforme Klassenkollegin – und schon im bauchfreien Abendkleid) und Tenet-Star John David Washington anlässlich dieses heimlichen Corona-Drehs erstmal ihren negativen Antigentest. Damit sie überhaupt so sehr auf Tuchfühlung gehen können, wie sie es in diesem Zwei-Personen-Drama tun. Location ist ein großzügig verglaster Bungalow irgendwo in Kalifornien, die elegante Bildsprache macht auf sophisticated Schwarzweiß und setzt obendrein noch auf eine angenehm grobkörnige Struktur der Bilder. Das ist schon mal erlesen, da kann man gut und gerne darin versinken. Dazu ein paar jazzige Musiknummern und, am Türrahmen lehnend, den Glimmstängel zwischen den Fingern. Lauren Bacall, Richard Burton, Humphrey Bogart oder wie sie alle heißen, hätten sich in diesen Rollen wohl wiedergefunden. Klar, das sind alles Stars mit unübersehbaren Egos. Malcolm und Marie haben diese auch – stolze Egos, die deren Kränkung zum Anlass nehmen, den Mittelpunkt auf sich zu lenken.

Womit sich die emotionale Teilnahme des Zusehers an diesem schicken Geplänkel mit dispkrepanten Stimmungsschwankungen in Grenzen hält. Sam Levinson hat gar nicht vor, wie ein Edward Albee wirklich ans Eingemachte zu gehen. Klar, die Vergangenheit holt sich ihre Erwähnungen, um diesen Hickhack besser zu verstehen. Die Bekümmernisse der Beiden, ihren Trotz und ihre ständige Eigenrotation, die bleiben in diesem Schloss aus Glas, finden keinen Bezugspunkt nach draußen und haben auf Dauer auch nichts wirklich Relevantes mehr zu berichten.

Annerkennung, Achtsamkeit – Zendaya unter artiger, allerdings aber professioneller Ausführung akkurater Regieanweisungen fordert dieses Verhalten ein, gibt aber nicht viel Einblick in ihre Psyche. John David Washington ebenso wenig, er ergeht sich in gut ausformulierte, aber völlig belanglose Monologe über Kritiker und Filmbiz, die den kargen Plot auf Spielfilmlänge strecken. Malcolm & Marie zelebriert eine eigene Welt, eine eigene gesellschaftliche Biosphäre, so fern von einem greifbar hemdsärmeligen Leben. Das ist das, was Sam Levinson schafft: Eine prätentiöse Blase, darin eine kunstvolle Fotoshow mit zwei hippen Stars, die noch einige Karrierestufen vor sich haben. Das ist Beziehungskiste mit Glamour.

Malcolm & Marie

Der Stadtneurotiker

DIE KATASTROPHE DER ZWEISAMKEIT

7/10

 

stadtneurotiker© 1977 United Artists

 

ORIGINAL: ANNIE HALL

LAND: USA 1977

REGIE: WOODY ALLEN

CAST: WOODY ALLEN, DIANE KEATON, TONY ROBERTS, CAROL KANE, SHELLEY DUVALL, CHRISTOPHER WALKEN U. A.

 

Anlässlich des neuesten Films von Woody Allen – A Rainy Day in New York – war es mal an der Zeit, einen seiner größten Erfolge unter die Lupe zu nehmen. Seinen Stadtneurotiker, oder im Original Annie Hall, denn den kannte ich bis dato noch nicht. Lücken aus der Filmgeschichte wollen obendrein geschlossen werden, also her mit den Neurosen, die sich der schmächtige Brillenträger so gerne an den Leib schreibt, und die natürlich autobiografisch sind, so wie (fast) alle seine Filme, die er jemals inszeniert hat. Aus seiner Haut kann der mittlerweile 84 Jahre alte Filmer auch nicht, konnte er nie und wird er nie können, also sind seine Alter Egos, seine männlichen Filmfiguren, alle irgendwie er selbst. Sie denken wie er und sie handeln wie er – sie sprechen sogar wie er. Und trotzdem oder gerade deshalb: diese Selbstbetrachtungen, dieses ironisch-selbstironische Herumgezappel, diese Kapitulation vor dem gesellschaftlichen Sumpf aufgedonnerter Egomanen – die sind scheinbar bis in alle Ewigkeit sehens- und hörenswert. Und es wird ordentlich etwas fehlen, wenn Allens Senf, den er der Welt des Films hinzugibt, sich nicht mehr aus der Tube drücken lässt. So richtig angefangen hat nämlich alles mit eben diesem Stadtneurotiker, diesem Alvy Singer, einem Komödianten und Schreiberling (wenig überraschend), der beim Tennis mit einem Freund besagte Annie Hall kennen lernt, gespielt von einer blutjungen Diane Keaton in adrettem Siebziger-Look. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen, auf verkopfte Art, das ist natürlich kein Geheimnis. Und es wäre eine herkömmliche Romanzet, würde der Film genau davon handeln, um dieses Kennen- und Liebenlernen. Dabei ist das hier nur der Anfang. Interessant wird es erst, wenn Alvy Singers Neurosen den Beziehungsalltag dominieren, Annie dabei zwischen den Stühlen sitzt und alsbald ihre eigene Ego-Dominanz ins Feld führt.

Dieses Beziehungs-Auf-und-Ab ist legendär. Mehr ist es nicht, es ist ein Kommen und Gehen, ein Annähern und Entfernen, ein Stolpern über den eigenen Narzissmus, über die eigenen haushohen Bedürfnisse und den eigenen Geltungsdrang. Ein Klassiker, wie er im Drehbuch eines Komikers steht, der über alles und nichts herzieht, alles anzweifelt und im Grunde in feinster intellektueller Manier als zwar berühmter, aber innerlich brotloser Künstler das Lebensglück herbeijammert, um dann wieder in Panik zu geraten. Es ist die Panik vor einem möglichen, ausweglosen Dilemma, das als selbsterfüllende Prophezeiung den kleinen Schreibmaschinenvirtuosen erst dann wieder erden kann, wenn er sich in seinen gefürchteten Katastrophen wieder findet. Beantwortet werden die aber meist mit humorvollen Anekdoten und Witzen, und dieser Humor rettet Woody Allen im übertragenen Sinn fast schon das Leben – nicht aber zwingend die Beziehung. Der Stadtneurotiker ist natürlich auch im Kontext seiner Zeit zu sehen, in den Umbrüchen der Siebziger, dem Veröffentlichen der eigenen dysfunktionalen Zweisamkeit, mit der sich Leute wie Alvy Singer und Annie Hall aber seltsamerweise oder völlig absichtlich wichtig vorkommen wollen. Als etwas Besonderes, weil die Differenzen untereinander das Resultat eines grundehrlichen Umgangs mit den Erwartungen sein kann. Und womöglich auch ist.

Das Hinausposaunen fehlerhafter intimer Harmonie liegt beim Stadtneurotiker im Trend, oder setzt ihn erst, als neue, charmant überhebliche Mode der belesenen Elite. Das macht natürlich Spaß, dem zuzusehen. Doch die Zeit, die hat der Film nicht ganz überdauert. Mittlerweile können Beziehungen im Film schon mal ganz anders sein, sind radikaler und destruktiver. Was Allen noch mit den Handschuhen eines Conferenciers befummelt, landet mittlerweile auf dem Seziertisch. So hat es der New Yorker Klarinettenspieler nicht gewollt, so will er es heute nicht, denn er ist immer noch ein melodiebewusster Erzähler moralischer Boulevardkompositionen, wie ein George Gershwin in Bildern. Und so betrachtet darf Der Stadtneurotiker wie ein Musikstück wahrgenommen werden, als Teil seiner Zeit und als wortgewandte Diagnose eines Beziehungsmusters mit dem vor Alltagspanik wild klopfendem Herzen am rechten Fleck.

Der Stadtneurotiker

Nanouk

EIN LIED VON EIS OHNE FEUER

5/10

 

nanouk© 2018 Neue Visionen

 

LAND: BULGARIEN, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2018

REGIE: MILKO LAZAROV

CAST: MIKHAIL APROSIMOV, FEODOSIA IVANOVA, GALINA TIKHONOVA U. A. 

 

Das ganze beginnt mit einem Lied. Eigentlich mehr mit einem Singsang. Das Opening mag schon etwas eigenwillig sein, dauert dieser Singsang provozierend lange, wie auch andere Szenen in einem Film, der sich nicht entscheiden kann, ob er dokumentarisch oder narrativ sein will. Was aber genau genommen nicht sonderlich stört. Semidokumentarische Filme, so wie zum Beispiel der Bergfilm Sturz ins Leere, sind innovative Grenzgänger, sofern sie vorab als solche konzipiert wurden. Bei Nanouk scheint die Definition im Vorfeld nicht passiert zu sein. Dieses unentschlossene, fast schon gedankenverlorene Pendeln zwischen den Genres entspricht allerdings relativ gut der aus dem Schnee und Eis gehobenen, zeitlosen Enklave zwischen eingefrorener Vergangenheit und einem Fortschritt, der sich kaum bemerkbar macht, außer am Himmel, wenn Flugzeuge ihre Spuren hinterlassen, wie Kratzer im wolkenlosen Blau. Aber von Chemical Trails hat das alte Hirtenpaar mit Sicherheit noch nie etwas gehört. Was dort zählt, ist einzig die klirrend kalte Realität an jedem lieben langen Tag, vor allem im Sommer, wenn die Sonne nie untergeht. Man möchte meinen, all das Tagwerk unterliegt einem einzigen Zyklus, der den Moment, das Leben, die Beziehung der beiden festhält, konserviert. Wie in einem Museum, wo das Diorama in Saal X in akribisch genauer Detailverliebtheit zeigt, wie die Indigenen hoch oben im Norden Russlands denn so gelebt haben – und immer noch leben. Denn diese Menschen, die sind aus der Zeit gefallen. Wie der ganze bulgarisch-französische Ethnostreifen, der seltsam intuitiv wirkt. Woran das liegt?

Der Bulgare Milko Lazarov fällt insofern aus der Zeit, indem seine Kamera scheinbar ein Eigenleben entwickelt. Abgsehen von eingangs erwähntem Beitrag zur Klangkultur Jakutiens verliert sich Nanouk in überlangen, fast schon eingefrorenen Einstellungen, die auch beibehalten werden, nachdem die Schauspieler aus dem Bild verschwunden sind. Als hätte man vergessen, hier mitzuschwenken. Oder war das Absicht? Ich denke schon, allerdings wirken solche Szenen, von denen es hier einige gibt, dadurch seltsam missglückt. Als wäre nicht beabsichtigt gewesen, das Ehepaar aus den Augen zu verlieren, als hätte man schlicht darauf vergessen. Irgendwann, nach längerem Lauschen mit Blick auf ein leeres Szenenbild, bewegt sich die Kamera dann doch. Als wäre sie, wie gesagt, eingefroren gewesen. Und gefroren wird hier oben im Norden Sibiriens rund um die Uhr, wobei selbige auch nicht mal vorhanden ist, denn ausgerichtet werden die täglichen Riten nach dem Stand der Sonne. Und wann der einzige Hund des Hauses sein Fressen bekommt. Denn ohne Vierbeiner kommt man auch nicht weit, in dieser beeindruckenden, aber lebensfeindlichen, schneebedeckten Ödnis, in die sich bald eine Krankheit schleicht, die zuerst die Tiere befällt – und irgendwann auch die Dame des Hauses, oder besser gesagt: der Jurte. Gegen Wind und Wetter sind die beiden gewappnet, gegen so Unbegreifliches wie körperliches Leiden, das so aussieht wie Lepra, leider nicht. Die Hilfe von außen, die kommt alle paar Wochen mal mit dem Sohn per Motorschlitten, der diese Sphäre der Zeitlosigkeit irgendwann verlassen hat. Verständlich, vor allem für den Nachwuchs. Und die Tochter? Da gibt es irgendeine unausgesprochene Disharmonie, die irgendwann geklärt werden will. Aber Sedna und Nanouk, die haben Zeit. Wie das Diorama im Museum, dessen Glasfassade ab und an nur geputzt werden muss.

Der eigenwillige, extrem wortkarge und über weite Strecken recht beschwerliche Film gibt natürlich einen interessanten Einblick in den Alltag fern jeglicher Zivilisation, gibt Aufschluss über das Überleben in der Kälte und was man sich beim Zusammentreffen in der wohligen Wärme hinter Teppichen und Häuten eigentlich noch zu sagen hat, außer den praktischen Dingen, die erledigt werden müssen. Das ist ein Alltag, der wäre uns trendbewussten Städtern garantiert zu reizarm, was aber nicht heisst, dass uns langweilig wäre. Dafür sorgt das Unwirtliche wohin man blickt. Man wäre natürlich viel mehr eins mit der Natur, würde nachhaltiger leben. Allerdings ist die monotone Einsamkeit zwischen Schneeverwehung, nacktem Fels und gegerbtem Leder von einer endromantisierten Tristesse, die darüber trauert, nicht den Sprung ins nächste Jahrtausend gemacht zu haben. Von diesem Versäumnis erzählt der Film, schätzt gleichermaßen die Tradition als ein Erbe, aber andererseits als etwas, das sich gegen die Zeit stellt und Generationen entzweien kann, wie die Glasfront in Saal X zwischen Besucher und dem kuriosen Objekt, das betrachtet wird. In diesem Fall Menschen von früher, weit weg von hier, die von all der gesellschaftlichen Entwicklung nur wenig wissen.

Nanouk

Call Me by Your Name

DIE FREIHEIT, ZU LIEBEN

8,5/10

 

callmybyyourname© 2017 Sony Pictures

 

LAND: ITALIEN, FRANKREICH, BRASILIEN, USA 2017

REGIE: LUCA GUADAGNINO

MIT TIMOTHEÉ CHALAMET, ARMIE HAMMER, MICHAEL STUHLBARG, AMIRA CASAR U. A.

 

Nein, Tilda Swinton ist diesmal nicht dabei. Der neue, preisgekrönte Film von Luca Guadagnino muss ohne der aparten Ausnahmeschauspielerin auskommen, obwohl Swinton im filmischen Schaffen des Italieners eine tragende Rolle spielt. Ich kann mich noch gut an seinen opulenten Liebesfilm I am Love erinnern. Genauso wie an A Bigger Splash, der mich jedoch eher ratlos zurückließ. In Call Me by Your Name, den die Oscar-Academy zu Recht neben drei weiteren Nominierungen auch für den besten Film vorgeschlagen hat, wäre auch Tilda Swinton eher schwer zu besetzen gewesen. Denn in Call Me by Your Name geht es zwar sehr wohl auch um das weibliche Geschlecht, vorwiegend aber um die Liebe zwischen zwei Männern – oder sagen wir: zwischen einem Mann und einem Teenager. Filme zu diesem Thema gibt es bereits, da fällt mir A Single Man von Tom Ford ein. Ein todessehnsüchtiger Reigen, der aber bis auf die Konstellation der Beziehung nichts mit Guadagnigo´s betörendem Sommertraum zu tun hat.

Unweit des Gardasees, irgendwo in Norditalien, trifft der junge Elio auf einen Studenten seines Vaters, der für sechs Wochen ein Praktikum in Archäologie absolviert, allerdings aber deutlich mehr dem sommerlichen Müßiggang frönt. Ein Umstand, den Elio sehr zu schätzen weiß, entdeckt der 17jährige Junge doch bis dato unbekannte, sehnsüchtige Gefühle für den Mittzwanziger aus den Vereinigten Staaten. Und Elio ist ein Bild von einem Jüngling, von fast schon klassischer Anmut, wie eine dieser Statuen, die vom Grund des Gardasees geborgen werden. Die Zartheit seines Gesichts, das an Michelangelo´s David erinnert. Der nackte Oberkörper, sehnig und muskulös, von der Sonne gebräunt. Thimoteé Chalamet ist der Eros der Antike, ein sinnlicher Träumer, ein Virtuose am Piano. Gerne badend, abhängend, philosophierend. Der amerikanische Schauspieler ist wohl eine der Entdeckungen des Jahres, so unamerikanisch, unverbraucht und leidenschaftlich bekennt sich dieser zu einer Rolle, die mit Sicherheit enorm schwer zu spielen ist. Keine Ahnung, welcher sexuellen Richtung Chalamet angehört, das ist auch etwas, dass mich wirklich nichts angeht. Doch wie es auch sein mag – mit Sicherheit ist die Darstellung lustwandlerischer Begierde dem gleichen Geschlecht gegenüber wohl etwas, dass sehr leicht ins Lächerliche abgleiten kann oder unaufrichtig wirkt. Das ist zum Beispiel bei Brokeback Mountain passiert – ebenfalls ein Film über eine homosexuelle Beziehung unter Männern, die aber von Jake Gyllenhaal und Heath Ledger weder richtig verstanden noch empfunden wurde. In Call Me by Your Name ist sowohl die Schwärmerei, das kokettierende Verliebtsein bis hin zur gegenseitigen Liebe eine grandiose Symphonie der Gefühle, die sich entsprechend viel Zeit nimmt und bis ins kleinste Detail geht, um von der lockeren Ouvertüre bis hin zum Crescendo der Vereinigung beider Liebender alle nur erdenklichen Nuancen auf die Leinwand bringt, um dann in ein niemals tränentriefendes, aber melancholisch-schönes Finale zu münden, das mit dem intensiven Song Mystery of Love das minutenlang beobachtete Konterfei einer schmerzhaften Sehnsucht poetisch untermalt.

Guadagnino weiß in seinem sinnlichen Meisterwerk eigentlich in keiner Sekunde, was Kitsch überhaupt sein soll. Er erzählt die Geschichte eines unvergesslichen Sommers in wärmenden und kühlenden Bildern – sei es im Landhaus von Elio´s Familie oder im glutheißen Hinterland Norditaliens, im antik anmutenden, steingepflasterten Beckenbad oder verzaubert am See wie im Sommernachtstraum. Und ja – an Shakespeares märchenhaftem Spiel erinnert auch Call Me by Your Name. Vor allem in diesen Szenen, und meist, wenn Timotheé Chalamet an Oliver, gespielt von Armie Hammer, nonverbale Signale einer knospenden Lust entsendet. Armie Hammer übrigens, den ich bis dato längst nicht wirklich auf dem Radar hatte, überzeugt nicht weniger als der zeitlose Jung-Adonis, der wie ein griechischer Halbgott auf Erden sein eigenes sexuelles Erwachen bestaunt. Oliver ist nicht weniger bildschön, ein lässiger Intellektueller in kurzen Hosen und mit gewinnendem Lächeln, der aber das Problem hat, den Normen seiner Zeit verpflichtet sein zu müssen. Die Zeit – das ist Anfang der 80er Jahre. Homosexualität darf längst noch nicht unter solch einer Akzeptanz gelebt werden wie heute. Damals war die gleichgeschlechtliche Liebe etwas, das tunlichst innerhalb der eigen vier Wände bleiben hat müssen. Dass für das eigene Ansehen und den Erfolg im Leben schädigend war. Für Oliver also nichts, wofür sich ein Outing lohnen würde. Zuviel steht auf dem Spiel. Elio hingegen lassen die Ereignisse begreifen, welchen prägenden Wert sexuelle Freiheit hat. Das Elternhaus von Elio ist ein liberal denkender Zufluchtsort, eine Basis der Geborgenheit, die das Reifen jugendlicher Identität unterstützt. Michael Stuhlbarg´s Monolog zu dieser herausfordernden Problematik gegen Ende des Filmes ist von einnehmender Wucht, aufrichtig, bitter und bestärkend zugleich.

Call Me by Your Name ist wohl das Schönste und Vielschichtigste, was im Genre des Liebesfilms in letzter Zeit zu sehen war. Ein Film, in dem nicht viel passiert, in dem das Unsichtbare zwischen den Menschen in virtuoser Akrobatik die Schwierigkeit von Nähe, sexueller Bekenntnis und dem Reifen des eigenen Ichs porträtiert, versteht und in filmische Dichtung adaptiert. James Ivory, legendärer Kenner der Materie und Schöpfer von Werken wie Was vom Tage übrig blieb, welches ebenfalls von einer unlebbaren Liebe handelt, lässt sein zurecht prämiertes Drehbuch, in dem die kleinen Gesten alles sagen, eine unglaublich innovative und erfrischend junge Sprache sprechen. Die Sprache der Freiheit, zu lieben, wie oder wen man will.

Call Me by Your Name

Swiss Army Man

ZOMBIE FÜR ALLES

6,5/10

 

swissarmy

LAND: USA 2016
REGIE: DANIEL KWAN, DANIEL SCHEINERT
MIT PAUL DANO, DANIEL RADCLIFFE

 

Ein Furz geht um die Welt. Na gut, nicht um die Welt, dafür aber legt er eine ganz schöne Strecke zurück. Und dazu noch übers Meer. Welch ein Glück, dass der auf einer einsamen Insel gestrandete Schiffbrüchige namens Hank noch Zeichen und Wunder erlebt. Dieses Wunder erscheint in Gestalt einer Leiche, die über unerhört und unüberhörbar kraftvolle Flatulenzen verfügt. Wer nicht schon jetzt den Kinosaal verlassen oder den Film im Heimkino abgebrochen hat, wird vermutlich wissen wollen, was es mit diesem Phänomen auf sich hat. Eines kann ich gleich vorwegnehmen: Schlau wird keiner daraus. Dabei ist dieser bizarre Auftakt eines der wohl bizarrsten Filme der letzten Zeit erst der Anfang von noch mehr surrealen Begebenheiten, die zwischen Vorstellung und Realität, sofern es denn eine gibt, lange keine Grenze ziehen.

Für all jene, die irgendwann mal gerne ins Theater gegangen sind oder immer noch gehen, und Freunde des absurden Theaters sind, werden mit Sicherheit an Swiss Army Man Gefallen finden. Oder sich zumindest interessiert zeigen. Absurdes Theater – das ist so was wie Warten auf Godot oder Endspiel von Samuel Beckett. Zwei-Personen-Stücke, die eine seltsame Welt jenseits nachvollziehbarer Ordnung zeigen. Meist warten diese Personen – gescheiterte, gestrandete, devote Seelen – auf den Moment der Erlösung. Auf den Tod, auf das Paradies, auf jemanden, der da kommen mag. Und während sie warten, entspinnen sich Rollenspiele, wechselt Erniedrigung und Hass mit Hoffnung und Zuversicht. Schlussendlich bleibt aber der Stillstand. In der absurden Groteske von Daniel Kwan und Daniel Scheinert, die sich als Duo einfach nur Daniels nennen, sind es nicht Hamm & Clov oder Vladimir & Estragon, sondern Hank und Manny. Wobei Manny, gespielt vom äußerst talentierten Daniel Radcliffe, so was wie ein Zombie zu sein scheint. Immerhin ein Zombie, der keinen Hunger leidet und so funktioniert wie ein Schweizer Taschenmesser – daher auch der Titel des Films. Die Leiche, die der Überlebende Hank fortan mit sich durch die Wildnis schleppt, entwickelt im Laufe des Films immer mehr Extras. Waren es zu Beginn nur Darmwinde, taugt der blasse Kompagnon als Axt, Wasserspender, Kompass und Gesprächspartner. Denn ja – sprechen kann er dann auch noch.

Zuerst ergibt Swiss Army Man überhaupt keinen Sinn. Schwierig, in die Gedankenwelt der lebenden und der halbtoten Person einzudringen. Schwierig auch, sich den Eskapaden der beiden zu entziehen. Und das, obwohl verdammt viel philosophiert wird. Natürlich über Leben, natürlich über den Tod, und vor allem über die Hoffnung auf Zweisamkeit. Wie bei Beckett verbirgt sich hinter dem phantastischen Zynismus der Mensch in seiner verletzlichen Nacktheit und seiner einzigen und immerwährenden Suche nach Nähe und Erfüllung des Daseins. Nach Anerkennung und Geborgenheit. Mit Manny, dem Zombie für alles, schafft er sich zumindest inmitten von Zivilisationsmüll eine Illusion der erfüllten Sehnsüchte. Aber ist Manny nicht im Endeffekt der Glücklichere? Ist nicht der Tod das bessere Leben?

Swiss Army Man ist eine beherzte, zum Fremdschämen überzeichnete Allegorie über Sein und Nicht-Sein und ein kruder Diskurs über den Willen zu einem erfüllten Leben, am Besten ganz allein. Das klingt jetzt feingeistig, stellt sich aber in den Bildern, die uns die beiden Daniels bescheren, bei Weitem nicht so da. Da ist der Existenzialismus auf der Bühne schon eleganter definiert – im Kino, und vor allem hier, zwischen Nirgendwo und Irgendwo, erfüllt die plumpe, oft derbe Clownerie nur bedingt seine Aufgaben. Dennoch – Paul Dano und Daniel Radcliffe dürfte es egal sein, ob im Theater oder auf der Leinwand – ihre Welt ist sowohl da als auch dort eine andere.

Swiss Army Man