Dreams – Gefährliches Verlangen (2025)

ZWISCHEN DEN KLASSEN EIN STERBENDER SCHWAN

7/10


Isaac Hernández und Jessica Chastain haben eine Beziehung in Dreams – Gefährliches Verlangen
© 2026 Panda Filmverleih


LAND / JAHR: MEXIKO 2025

REGIE / DREHBUCH: MICHEL FRANCO

KAMERA: YVES CAPE

CAST: JESSICA CHASTAIN, ISAAC HERNÁNDEZ, RUPERT FRIEND, MARSHALL BELL, ELIGIO MELÉNDEZ, MERCEDES HERNÁNDEZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Am Ende wird alles gut…

Es gibt wirklich wenige Filmemacherinnen und Filmemacher, die den Mut und die Beharrlichkeit haben, ihren Geschichten, die sie erzählen, das entsprechend konsequente Ende zu geben – eben jene Konklusio, die unweigerlich kommen muss, wenn es darum geht, das Gezeigte als markerschütternd böses Gleichnis für einen Missstand zu instrumentalisieren.

Im Falle des Michel Franco lässt sich davon ausgehen, dass er wohl niemals irgendeinen Film machen wird, der einem das gute Gefühl gibt, alles käme in Ordnung, geschweige denn die Gewissheit, dass im Grunde alles einem wohlgefallenen Ende zustreben muss, denn die Welt ist ja schließlich so aufgebaut.

… und wird es das nicht, ist es trotzdem das Ende

Bei Michel Franco ist sie das nicht. Der Mexikaner kann mit dieser Naivität, die im Kino als Kompromiss in der Handlung auf seufzende Akzeptanz stößt, reichlich wenig anfangen. Und setzt stattdessen auf Radikalität.

Mit seinem Debütspielfilm New Order – Die neue Weltordnung macht er 2020 die Filmwelt auf sich aufmerksam – und verstört sie gleichermaßen. Seine erschütternde Chronik eines Volksaufstandes, der letztlich in einer Militärdiktatur mündet, zieht einem auf grimmige und kompromisslose Weise den Boden unter den Füßen weg.

Seine dahingleitende, rätselhafte Psychostudie Sundown mit Tim Roth ist auf versöhnliche Weise weniger destruktiv, während mit Memory erstmals Jessica Chastain aufspielt und vielleicht schon als Francos Muse gilt. Kann man das bei zwei Filmen schon sagen? Ich vermute es.

Die knisternde Exotik einer Liaison

Im neuen Werk Dreams – Gefährliches Verlangen, was dank der deutschsprachigen Untertitelvergabe eher nach schwülstigem Erotikthriller klingt, macht Chastain wieder das, was sie am besten kann: Die schicke Unterkühlte mimen, die mit der nötigen Distanz ihrem sozialen Umfeld begegnet und für die stinkreiche Familie, die eine Stiftung verwaltet, unbedingt und immer funktionieren muss. Da diese Stiftung soziales Engagement zeigt und unter anderem auch in Mexiko diverse Projekte unterstützt, lernt Jennifer McCarthy den Tänzer Fernando kennen. Und nicht nur das: auch lieben.

Es knistert gewaltig, wobei man diese Liaison erst im Nachhinein zu greifen bekommt, denn Franco beginnt seine Geschichte mit dem bestürzenden Prozedere einer illegalen Migration. In San Francisco treffen dann die beiden aufeinander – und nichts entwickelt sich so, wie der von Illusionen und eben Träumen gepushte Fernando die Dinge haben will.

Als sich Jennifer nicht zu ihrem Dritte-Welt-Lover bekennen will und ihn auch vor ihrer Familie verheimlicht, da sie weiß, das kommt nicht gut an, geraten die Dinge aus dem Ruder. Dreams entwickelt sich zum Beziehungsthriller, der aber kein Interesse hat, an der Oberfläche herumzustochern und lediglich den Spannungsbogen zwischen Begehren und Blowjob zu bedienen.

Gehen wir lieber auf Distanz

Tatsächlich hat Francos Film zumindest in den ersten zwei Dritteln gehörige Längen. Hinzu kommt Francos distanzierte Art, zu filmen. Seine Bilder erinnern hier an Michael Hanekes Stil, selten geraten Kamera und Ensemble in Berührung. Der Beobachter soll keinen Einfluss nehmen auf das Geschehen, das wie aus einem versteckten Winkel heraus verfolgt wird.

Haneke selbst hat sich auch nie dazu durchgerungen, den Gesichtern vor der Kamera mehr Aufmerksamkeit zu schenken als für die Handlung erforderlich. Weg von der garantierten Wahrnehmung des Stars, hin zu deutlich relevanteren Themen, wie zum Beispiel jenem der Klassengesellschaft, die sich heillos in Doppelmoral und Heuchelei verliert.

Von oben herab

Mit Dreams – Gefährliches Verlangen wird Michel Franco wieder so richtig pessimistisch. Ganz Wohlstandsamerika entlarvt sich selbst in selektivem Rassismus, getarnt durch eine soziale, multikulturelle Agenda.

Die Anklage sitzt, und sie enttarnt den Gutmenschen alleine in seinem Modus Operandi, ohne die Elite vorzuführen wie Karim Aïnouz in seiner auf völlig andere Weise destruktive Groteske Rosebush Pruning. Was dort als Plakativität belächelt wird, findet hier den ganz normalen Machtmissbrauch – darin eingebettet eine sexuell aufgeladene Romanze, die aufgrund von Vorbehalten, Klischees und Abhängigkeit unter Schmerzen scheitern muss.

Dreams – Gefährliches Verlangen (2025)

Sunny Dancer (2026)

I DON’T FEEL LIKE DANCING

6,5/10


Bella Ramsey als Ivy mit ihren Freundinnen und Freunden in Sunny Dancer
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: GEORGE JAQUES

KAMERA: OLIVER LONCRAINE

CAST: BELLA RAMSEY, RUBY STOKES, DANIEL QUINN-TOYE, EARL CAVE, JASMINE ELCOCK, CONRAD KHAN, SHALOM BRUNE-FRANKLIN, NEIL PATRICK HARRIS, JESSICA GUNNING, JAMES NORTON, LOUIS GAUNT, JOSIE WALKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Spätestens seit ihrem Heldentod in der letzten Staffel von Game of Thrones, in der sie, die Kleinste unter vielen, einem Riesen aus dem Norden den Garaus macht, wissen wir: Dieses Mädel hat’s ordentlich drauf. Und noch dazu faustdick hinter den Ohren.

Mittlerweile ist Bella Ramsey aber kein Mädel mehr. Also nicht ausschließlich. Mittlerweile hat sich Ramsey als nichtbinäre Person geoutet, was nicht bedeuten muss, dass weiblichen Rollen nicht mehr interessant sind. In Sunny Dancer des jungen Regisseurs George Jaques (Black Dog, 2023) ist Bella Ramsey ganz eindeutig Ivy, ein Hetero-Mädchen von 17 Jahren, und mit einem Leben auf dem Buckel, das sich anfühlt wie zumindest doppelt so viel Existenzzeit.

Wenn der Körper geheilt ist, die Seele aber nicht

Verantwortlich für das Upgrade an Belastung ist Blutkrebs. Seit geraumer Zeit gilt Ivy aber schon als geheilt – zumindest physisch. Psychisch ist nach wie vor noch einiges im Argen, denn eine Krankheit solchen Kalibers macht etwas mit der Wahrnehmung des Selbst, des sozialen Umfelds und der Existenz an sich. Wie also normal weiterleben, wie also zu all jenen wieder Kontakt knüpfen, die sich dieser Schwere eines Lebensumstands entzogen haben, weil sie vielleicht nicht wussten, wie man damit umgehen soll?

Ivy weiß es selbst nicht und hat sich isoliert. Um dem entgegenzuwirken und zumindest den schulfreien Sommer soweit hinzubiegen, dass dieser nicht vereinsamt am Zimmer verbracht wird, überreden Ivys Eltern die vom Lebenskampf müde Gewordene zu einem Sommercamp unter Gleichgesinnten. Alle, die dort aufschlagen, haben ähnliches mitgemacht, wollen vielleicht gar nicht dort sein oder versprechen sich den Sommer ihres Lebens, insbesondere Zimmergenossin Ella (einnehmend: Ruby Stokes), die, bevor sie vielleicht doch noch der Tod holt, zumindest das erste Mal Sex haben will. Ivy wird Teil einer Gruppe, die während der nächsten vier Wochen Höhen und Tiefen erleben: Spaß und Kummer, erste Liebe und Abschiede für immer.

Wie kinotauglich ist das Thema Krebs?

Niemand will sich mit dem Thema Krebs auseinandersetzen, wenn es keine Notwendigkeit gibt. Im Kino will man sich zumindest zerstreuen, man mag sich schwierigen, relevanten Themen hingeben, wenn sie gesellschaftlich oder historisch relevant sind. Aber Krebs? Es kann jede und jeden treffen, es taucht gefühlt plötzlich auf, es ist so nah am eigenen Schicksal wie der Tod selbst. Ein griffiges Thema, um die Scharen ins Kino zu locken? Nein, mitnichten – auch wenn die deutsche Filmwelt riesig gerne und viel zu oft diesen Weg der filmgewordenen Schicksalsbekämpfung geht.

In Hollywood wurde das Thema Krebs oft zum Tränendrüsen-Stimulierer: sentimental, verheult, verkitscht. George Jaques – und auch Bella Ramsey – haben genug davon. In diesem Camp haben alle genug davon, und dennoch quält die Ungewissheit einer Rückerkrankung jeden lieben Sommertag.

Was die Zukunft bringt – oder nicht bringt

Was Sunny Dancer dabei aber gelingt: Er bringt das Damoklesschwert des drohenden Schicksals auf eine Ebene mit der Ungewissheit eines zukünftigen Lebens an sich. Wir haben es hier mit noch-nicht-ganz-Erwachsenen zu tun, denen so sehr bewusst wird, dass das Leben endlich ist. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als es zu riskieren. Das ist eine Challenge, die auch junge Erwachsene quält, die nicht erkrankt sind. Der Krebs verändert dabei den Blick auf die Zukunft nur als Variante des Status Quo, denn letztlich ist es eben auch nicht die Krankheit, die Ivy durch ein Tal der Tränen gehen lässt, sondern die erste große Liebe.

Es war, ist und bleibt nun mal tragisch

Ist Sunny Dancer also ein Leichtgewicht unter thematisch verwandten Filmen? Dank des virtuos aufspielenden Ensembles – allen voran natürlich Bella Ramsey in widerspenstiger Einzigartigkeit – ist die Tragikomödie kein Betroffenheitskino, sondern ein emotional wohlgesteuerter, nachempfindbarer Breakfast Club der anderen Art, nur diesmal am Lagerfeuer statt in der Schulbibliothek.

Berührend ist Sunny Dancer am Ende trotzdem. Zwischen unbeschwerter Annäherung, tragikomischem Ausdruckstanz zu den Scissor Sisters und harter Realität will George Jaques dabei manchmal zu viel. Um sich keinen mangelnden Respekt vor dem Ernst der Lage vorwerfen zu lassen, setzt das Schicksal, das ja bekanntlich oft ungerecht sein will, noch eins drauf.

Niemand mag mehr damit rechnen. Es zittert die Tränendrüse, es verlässt einen der Mut, und die Zuversicht wird zur Wildwasserfahrt. Warum nur? Warum nicht einfach mal, weil‘s geht, den ganzen Sieg kassieren gegen eine Krankheit, von der niemand etwas wissen will? Das Kino könnte es. Dass es real oft daneben geht, wissen wir ohnehin zu Genüge.

Sunny Dancer (2026)

Allegro Pastell (2026)

VIELE OFFENE TÜREN IM WOHLSTANDSEUROPA

6/10


Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner in der Verfilmung von Leif Randts Allegro Pastell© 2026 WalkerWorm Film / Felix Pflieger


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: ANNA ROLLER

DREHBUCH: LEIF RANDT, NACH SEINEM GLEICHNAMIGEN ROMAN

KAMERA: FELIX PFLIEGER

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SYLVAINE FALIGANT, HALEY LOUISE JONES, LUNA WEDLER, MARTINA GEDECK, WOLFRAM KOCH, VERA FLÜCK, NICO EHRENTEIT, AKOB SCHREIER, KELVIN KILONZO U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Im Jahre 2018 war die Welt noch in Ordnung. Da konnte man sich noch lieben, sich necken, zusammenziehen oder Schluss machen. Da war die zwischenmenschliche Beziehung noch in all ihren Ausformungen Freiheit, Wildnis, Egotrip. Alles in allem, und ohne Committment.

Vom Wert der Zweisamkeit

In Allegro Pastell haben wir es mit Millennials zu tun, die drauf und dran sind, sich selbst zu verwirklichen oder das zu suchen, was sie vielleicht mal in ihrem Selbst ruhen lässt. Noch aber ist alles im Aufbruch und Umbruch, von Covid 19 wussten damals nur die Studierten, doch sicherlich nicht das trendaffine, sozial integre Volk. Zwei Jahre später dann die ersten Maßnahmen, da wird man froh gewesen sein, jemanden an seiner Seite gehabt zu haben, der gemeinsam mit einem selbst diese Ausnahmejahre hat durchstehen wollen. Man muss Partnerschaft und Beziehung nur in die richtige Relation setzen, dazu braucht es etwas Ernstzunehmendes, Übergeordnetes.

Zufriedenheit als Stillstand

2018 war die Welt also noch in Ordnung. Und Jannis Niewöhner als Jerome liegt mit Love Interest Sylvaine Faligant gemeinsam im Bett; während eines pastelligen Morgens, entspannt und irgendwie zufrieden, wobei einem immer wieder das Gefühl beschleicht, das so viel Wohlbefinden bei solchen Mitdreißigern irgendwo einen Haken hat. Dieses Wohlbefinden mag Zufriedenheit hervorrufen, und Zufriedenheit, gleichbedeutend mit Stillstand, ist gar nicht gut bei Menschen, die nach etwas streben, oder immer wieder glauben, nach etwas – und dieses Etwas ist das Mehr – streben zu müssen.

Die Qual der Wahl bei den Privilegierten

Alles scheint zusammenzupassen, und doch bleiben da diese ungenutzten Möglichkeiten. Denn abgesehen davon, dass man vorwärts drängt und noch vor der erschütternden Vierzig sich und der Welt beweisen muss, wer man ist, stehen in der westlichen Welt des Wohlstands einfach so viele Türen offen, dass es fast verschenkt scheint, nicht noch durch eine andere zu treten. Jenseits der Schwelle wartet da vielleicht noch ein anderer Mann oder eine andere Frau. Vielleicht sind diese anderen die vom Schicksal ausersehenen, während man Zeit damit verliert, gemeinsam eine Existenz zu festigen, die von weiteren möglichen Chancen ablenkt.

Niemand will einander gefunden haben

Dabei meint es niemand wirklich böse, niemand will dem anderen wehtun, es ist alles eine Frage der Selbstfürsorge und die Suche nach Gewissheit, sich für das richtige zu entscheiden. Bald wird es diese Auswahlmöglichkeiten nicht mehr geben, zumindest für einige Zeit. Hätte man doch und wäre man doch. Oder eben auch nicht.

Anna Roller portraitiert diese Generation der Unruhigen und Zielsuchenden mit ganz viel Text aus dem Off, die aus Leif Randts Romanvorlage kommen muss. Das gibt Allegro Pastell schon von Anfang an eine intellektuell-literarische Note, die das Beziehungsdrama als intellektuelles Psychogramm gleich mehrerer Personen identifiziert. Im Fokus Faligant und Niewöhner als dieses unentschlossene und doch ganz eindeutig zusammengehörende Liebespaar, das nicht glauben kann, dass es sich gefunden hat.

Französisches Autorenkino

Allegro Pastell zeigt eine Welt des frei wählbaren Luxus – einer Wohlstandsgesellschaft, die um sich kreist und manchmal auch um andere. Die Stimmung, die Roller dabei lukriert, ist so melancholisch, gedankenverloren und tänzerisch, dass man meinen könnte, in einer französischen Studentenromanze gelandet zu sein, jenen aus den Achtzigern und Neunzigern, in denen Dreiecksbeziehungen keine Seltenheit sind und die freie Liebe sowas wie die moderne Familie, nur ohne Kommune, stattdessen im Bungalow der betuchten Eltern, die als Baby Boomer als erste Generation nach dem Krieg den Boden für die nachkommenden Generationen erst aufbereiten musste.

Die Handlung als seufzende Momentaufnahme

Oft schon haben Beziehungsfilme wie Allegro Pastell Wohlstandskinder auf hohem Niveau nicht gerade jammern, aber nach dem Best Case suchen lassen. Neu ist das, was Leif Randts Roman zumindest im Kino erzählt, nicht wirklich. Und so bewegt sich das Leben von Niewöhner und Sylvaine Faligant, ob mit- oder ohneeinander, auch nicht groß weiter. Es tun sich weder Gräben auf noch müssen neu aufgetürmte Topografien überwunden werden. Dabei plätschert Allegro Pastell von heiter bis sentimental wolkig, und hat so seine langen dramaturgischen Seufzer.

Rückblickend bleibt das Ganze recht inhaltsleer, und trotz der Abgehobenheit der Figuren schafft es Roller, die Distanz zum Publikum zu schmälern. Das schafft sie mit Atmosphäre und eleganter, nicht unbedingt selbstgefälliger Bildsprache, da diese schließlich punktgenau illustriert, in welcher Blase sich die Welt am Zenit einer auf ewig zu konservierenden Aufbruchsstimmung befindet.

Allegro Pastell (2026)