Hotel Artemis

EIN HERZ FÜR VERBRECHER

4/10

 

hotelartemis© 2000-2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: DREW PEARCE

CAST: JODIE FOSTER, STERLING K. BROWN, SOFIA BOUTELLA, DAVE BAUTISTA, ZACHARY QUINTO, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

In Anbetracht ihres selbstlosen Engagements für Notbedürftige ließe sich die ältere Dame mit dem Watschelgang ja gut und gerne mit karitativen Größen wie Mutter Theresa oder Ute Bock vergleichen – wenn wir die Klientel der Hilfesuchenden mal scheuklappenartig ausklammern würden. Doch das funktioniert vielleicht nicht ganz so gut, ist die dem Hochprozentigen nicht ganz abgeneigte, relativ verlebte Krankenschwester Jean Thomas einzig und allein für das körperliche Wohlbefinden diverser Schwer- und Leichtverbrecher verantwortlich, die in besagtem Hotel Artemis Zuflucht suchen. Diese Einrichtung ist Kopfteil eines baufälligen Hochhauses, beworben mit satter Leuchtreklame, inmitten eines tristen Los Angeles der Zukunft, in dem ein Aufstand geprobt wird, der einem Bürgerkrieg gleicht. Ein Zustand wie in John Carpenter ´s düsterem Klassiker Die Klapperschlange, oder als hätten wir wieder eine der Purge-Nächte durchzustehen. Aber immerhin gibt es eine Exekutive, die der ganzen Anarchie versucht, Herr zu werden. Umso schwieriger, wenn die bösen Buben und Mädels sich andauernd verarzten lassen, um erneut loszuschlagen. Aber was soll eine verlorene Seele wie Jean Thomas auch groß anderes machen, führt sie das spärlich besuchte Hotel wie die gutmütige Ausgabe einer Schwester Ratchet (ihr erinnert euch: Einer flog übers Kuckucksnest, Oscar für Louise Fletcher) und hat allerlei Spielregeln festgelegt, nach deren Pfeife selbst der Unterweltboss aller Unterweltbosse tanzen muss: Keine Waffen, keinen Streit, keine Toten. Ein Leo also, ähnlich wie das deutlich luxuriösere Elysium im Universum eines John Wick. Wenn dann aber plötzlich Killer und Zielperson gemeinsam das Etablissement aufsuchen, müssen Regeln einfach nur dazu da sein, um gebrochen zu werden. Mittendrin eine verzweifelt händeringende Jodie Foster, die nicht nur von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

Die seit Kindertagen in der Filmbranche umtriebige Jodie Foster, die hat sich für den dystopischen Thriller Hotel Artemis viele graue Haare wachsen lassen. Und nicht nur das – auch maskentechnisch hat die Gute Jahrzehnte übersprungen. Da eilt sie dahin, durch die spärlich beleuchteten Gänge eines alten, schmuddeligen Hotels im Art Deco-Stil, die Zimmer mit Palmenornamentik und Wasserfällen kunstvoll tapeziert. Jedes dieser Räume ausgestattet mit medizinischen Geräten am neuesten Stand, damit jeder kugeldurchsiebte oder aufgeschlitzte Gauner auch relativ diskret genesen kann. Die Grundelemente dieses Filmes, die wir hier zur Hand haben, mit denen ließe sich ja tatsächlich einiges anstellen. Nur Regisseur Drew Pearce war womöglich nicht so ganz klar, was genau. Wichtig dürfte womöglich gewesen sein, und wichtiger auch als alles andere, den Thriller so prominent zu besetzen wie möglich. Unter der Besetzungsliste finden sich Althasen wie Jeff Goldblum in der erschreckend blassen Rolle eines Geschäftsmannes, der da der Oberboss sein will, maximal aber so bedrohlich ist wie der Herr Sektionschef Lafite aus der lieben Familie, allerdings mit Schussverletzung. Und jede Menge trendiger Studiolieblinge wie Neo-Spock Zachary Quinto, Dave Bautista und die sinnliche Sofia Boutella, die szenenweise so richtig aufräumen darf. Spätestens bei diesen Sequenzen wird klar, dass Drew Pearce so etwas Ähnliches wie Gareth Evans machen wollte. So etwas wie The Raid. Die Besetzung eines Hotels, wo jeder gegen jeden antritt, und wo so viele Blutwunden versorgt werden wollen, dass Jodie Foster´s Krankenschwester-Figur unweigerlich in ein Burnout steuern würde, klingt natürlich reizvoll. Boutella fetzt wie Martial-Arts-Cop Rama im Abendkleid durch die roten Velourgänge und macht keine Gefangenen – beeindruckend bebildert, aber abgekupfert. Und als hätte Hotel Artemis nur begrenzte Zeit zur Verfügung, hudelt sich die Killerhatz mit Stethoskop und Wundverband zu einem fragmentarischen, ärgerlich unauserzählten Ende, das eigentlich nur eine Kompromisslösung sein dürfte – freiwillig bringt kein Regisseur sein Werk so derart geschludert bis zum Credit-Abspann. Und was noch mehr enttäuscht als die fadenscheinige Schundheftromantik eines Thrillers: Jodie Fosters gestelztes Spiel. Auch sie war schon mal um Hotellobbys besser, auch sie hatte schon mal mehr Subtext in petto als hier im weißen Kilt, der zwar relativ schnell blutig wird, aber sonst eigentlich für nichts anderes gut ist. Das Schicksal dieser Jean Thomas berührt obendrein nicht mal ansatzweise, was wohl an ihrer mangelnden Charakterisierung liegen mag.

Hotel Artemis ist wie der 90minütige Trailer zur einer ganz anderen, aber auserzählten Adrenalin-Social-Fiction, der vieles nachmacht und glaubt, dass Quantität in der Besetzung alle Lücken im Text wieder wettmacht. So viel Tupfer, Skalpell und Zwirn kann man gar nicht haben, um all das zu vernähen, was irgendwie wund läuft. Ein Teil des Ganzen aber bleibt verschontvielleicht, das Setting im Hintergrund, die Endzeit, die in explosionslastigem Kampflärm nebenbei erklingt. Das dramaturgische Kerngeschäft hingegen laboriert verblutend und wartet auf ein Pflegepersonal, das sich längt freigenommen hat.

Hotel Artemis

Jurassic World: Das gefallene Königreich

DINOS UNCHAINED

7/10

 

jurassicworld2© 2017 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: J. A. BAYONA

MIT BRYCE DALLAS HOWARD, CHRIS PRATT, JAMES CROMWELL, JEFF GOLDBLUM, TED LEVINE, TOBY JONES, GERALDINE CHAPLIN U. A.

 

Ich wünschte, der Vulkan auf Isla Nublar wäre um einige Jahre früher ausgebrochen. Zumindest vor 2015. Denn da durfte nämlich Universal seinen brandneuen Beitrag rund um T.Rex und Konsorten vom Stapel gelassen. Wäre der Vulkan 2014 ausgebrochen, wäre mir die wirklich misslungene Kopie von Steven Spielberg´s Original erspart geblieben. Nichts gegen all jene Raptoren und Sauropoden, auch nichts gegen all die Karnivoren und sonstigen Vogelbecken- und Echsenbeckensaurier. Ich liebe sie alle heiß, und das soweit ich zurückdenken kann. Was mich nicht davon abgehalten hat, Jurassic World kopfschüttelnd Daumen runter zu diagnostizieren. Das lag vor allem an den unsympathisch affektierten Schauspielern, und am erschreckend einfallslosen Plot. Der künstliche Supersaurier Indominus rex hat dem ganzen dann noch die Krone der verzichtbaren Trümpfe aufgesetzt. Als würden sich die sowieso schon genetisch modifizierten Spezies von damals nicht längst anders verhalten. Und als wäre die Ehrfurcht vor der ganzen prähistorischen Artenvielfalt nicht ohnehin schon das höchste der Gefühle. Da ich aber wie schon erwähnt all die leicht- und schwergewichtigen, gefiederten und gepanzerten Kreucher und Fleucher wahnsinnig gerne nicht verpassen will, stand Jurassic World: Das gefallene Königreich aben auf meiner Watchlist. Auch weil der Trailer so richtig Schmackes hatte und mit seinem Einblick in animierte Naturgewalten zumindest so getan hat, als würde er mir das Graue vom aschebewölkten Himmel versprechen. Pyroklastische Ströme inbegriffen.

Also knotze ich auch diesmal mit kesser 3D-Brille bestenfalls Mitte Mitte im Kinosaal, habe relativ niedrige Erwartungen, freue mich aber auf die da kommenden hereinbrechenden Schauwerte. Wie eine Insel explodiert, das sieht man nicht alle Tage. Und bei Krakatau anno 1883 war ich auch nicht live dabei. Obwohl dessen Folgen über Jahrzehnte hinweg sichtbar gewesen wären. Davon ist bei Jurassic World 2 nichts zu sehen. Auch ist diee Größe der Isla Nublar einem unberechenbaren JoJo-Effekt unterworfen. Hat Michael Crichton diese Insel in seinem Buch noch relativ überschaubar angelegt, ist sie im Film mal von regenwaldgrünen Schluchten durchzogen, und mal wieder so groß wie ein Vulkankegel. Natürlich bleibt bei letztgenannten Parametern von der Insel nicht viel übrig, wenn mal der Magmaschlot nicht mehr kann. Andererseits aber gäbe es theoretisch genug Rückzugsmöglichkeiten für zumindest einige Exemplare unserer geliebten Retorten-Dinos. Da hätte auch Chaostheoretiker Ian Malcolm zugestimmt, ohne wieder einmal gottspielend eingreifen zu müssen. Das hat er ja schon anno 1993 kritisch beäugt. Und ist knapp mit dem Leben davongekommen. Jeff Goldblum´s Anhörungs-Cameo ist dann schon eine liebevolle Reminiszenz. Ich wünschte er hätte mehr Sendezeit bekommen. Doch wo hätte das hingeführt? Er hätte Bryce Dallas Howard und „Star Lord“ Chris Pratt ohnehin die Show gestohlen. So sehr sich die beiden auch im 5. Abenteuer zusammenreißen. Und ich muss ihnen zugute halten – sie bemühen sich diesmal wirklich, weder als kreischender Kathleen Turner-Verschnitt noch als tumber Möchtegern-Grzimek die Show zu vermasseln. Nein, diesmal engagieren sie sich auf der richtigen Seite. Und das liegt vermutlich am dramaturgisch geschickten Händchen von J. A. Bayona, der sich ja prinzipiell mit Naturkatastrophen bestens auskennt (The Impossible) und auch Dramatisches mit Irrealem gut verbinden kann (Sieben Minuten nach Mitternacht, Das Waisenhaus). Klar erkennbar, der Mann weiß, welche Richtung das Franchise wieder einschlagen muss. Auf seinem Spickzettel: Plotmäßig bitte nichts mehr von Bewährtem, dafür aber gerne mehr aus der alten Spielberg-Schule und wenn wir schon so weit sind, tackern wir die evolutionäre Möbius-Schleife an einer Stelle zusammen, an der es kein Zurück mehr gibt. Und denken wir doch einfach die Perversion eines kolossalen Rippenbruchs in Sachen Genetik zu Ende. Natürlich so, wie sich das der kleine Max vorzustellen hat. Nichts kognitiv wirklich Herausforderndes, Fortschrittskritik von seiner simpelsten Sorte. Aber wer braucht schon wissenschaftliche Genauigkeiten, das Ganze ist ohnehin schon so absurd. Ein bühnentaugliches Gedankenspiel mit erhobenem Zeigefinder, den wir zum Takt feuchtfröhlicher Kataklysmen tanzen lassen. Zuzusehen, wie das Königreich zerfällt, macht somit tatsächlich Spaß und gefällt unerwartet gut.

Bayona setzt vielmehr auf Suspense als sein Vorgänger und hat sich sichtlich an Steven Spielberg´s Methoden erinnert. In Jurassic World: Das gefallene Königreich gibt es keine einstürzenden Hochschaubahnen mehr, aus dem Ruder läuft aber so gut wie alles. Das taktisch kluge Drehbuch von Colin Trevorrow und Derek Connolly zieht dort die Zügel an, wo sich mehr Spannung aufbauen lässt und grenzt seine Spielwiesen räumlich ab. Bot die Isla Nublar noch so viele Fluchtmöglichkeiten wie eine brennheiße Herdplatte im Nirgendwo, verwüsten die Radaubrüder aus dem Jura in Folge ein herrschaftliches Gemäuer, das aus einem Haunted House-Grusler entsprungen sein könnte. Wenn der hochgezüchtete wie blitzgescheite Indoraptor einem Nosferatu gleich im Blitzlicht eines tosenden Gewitters bedrohliche Schatten auf die Wände des Kinderzimmers wirft, wenn ein aufgestachelter Pachycephalus im Alleingang ein Auditorium raffgieriger Dino-Verschacherer aufmischt, hat Jurassic World: Das gefallene Königreich seine besten Momente. Der grundtriviale Spaß nimmt sich niemals wirklich ernst und setzt charakterlich auf harte Kontraste, schlägt aber manchmal auch übermütig über die Stränge Richtung Klamauk. Die Attraktion fest im Griff hat der Film aber trotzdem und führt seine durchaus spannende und kurzweilige Saurier-Entfesselung konsequent zu einem vorläufigen Ende. Entfesselung trifft es übrigens ziemlich genau, dabei könnte ich mir fast vorstellen, wie es wäre, würde Tarantino mal die Natural Born Monsters aus der Sklaverei befreien. Viel fehlt nicht mehr, Blut spritzt ohnehin schon in diesem schadenfrohen Epos rund um gequirlte Erdgeschichte, Katastrophen und der Neuordnung sämtlicher Nahrungsketten.

Jurassic World: Das gefallene Königreich

Isle of Dogs – Ataris Reise

HUNDE, WOLLT IHR EWIG LEBEN?

6,5/10

 

isleofdogs© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: WES ANDERSON

MIT DEN STIMMEN (OV) VON BRYAN CRANSTON, EDWARD NORTON, SCARLETT JOHANSSON, KOYU RANKIN, BILL MURRAY, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

Ihr kennt doch alle diese Bücher, die meist irgendwelche Märchen erzählen, und die, wenn man sie aufmacht, eine ganze Landschaft oder auch ganze Interieurs entstehen lassen, fein säuberlich aus Karton gestanzt, in mehreren Ebenen hintereinander montiert, um Tiefe zu simulieren. Meist lassen sich solche Bücher auf Floh- oder Weihnachtsmärkten finden. Die Produktion solcher Pop-Up-Bücher ist immens aufwendig, meist in Kleinauflage, und dementsprechend teuer. Der neue Film des in seinem Stil unverkennbaren Wes Anderson fühlt sich vergleichbar an. Wie eines dieser Bücher, mit nur wenigen Seiten, die aber im Querformat am Tisch liegend sachte geöffnet werden, bei jeder Seite ein staunendes Aufseufzen des Betrachters. Akribisch sucht der Leser jeden Winkel des staubfrei geschnittenen Sammelsuriums liebevoller Details ab, um natürlich nichts zu versäumen. Denn allzu oft will der Bucheigner sein Kunstwerk nicht vorführen müssen – oder gar selbst die fragilen Seiten zerlesen. Welch ein Glück aber auch – die Parabel Isle of Dogs – Ataris Reise ist nur ein Film, und ein Film lässt sich immer und immer wieder ansehen, ohne Abnützungserscheinungen. Was ratsam wäre, wie bei allen Filmen von Wes Anderson, denn die akkurate Perfektion des unheilbaren Perfektionisten lässt sich nicht auf einmal in seiner Gesamtheit erfassen.

Trickfilme sind eine Sache, Isle of Dogs eine andere. Und vergleichbar mit gar nichts. Angesiedelt in einem Japan der nahen Zukunft, wird die fiktive Stadt Megasaki von einer Hundeplage heimgesucht, die allerlei Krankheiten mit sich bringt, denen sich der Mensch nicht mehr erwehren kann. Megasakis Bürgermeister macht kurzen Prozess – und lässt alle Hunde, ob Streuner oder gepflegter Schoßhund, auf eine vorgelagerte Müllinsel deportieren. Darunter auch den Hund von Atari, dem Mündel des Bürgermeisters. Der 12jährige Junge wagt das Abenteuer seines Lebens – und begibt sich per Flugzeug in die verbotene Zone, um seinen vierbeinigen Freund zu suchen. Nach der unvermeidlichen Bruchlandung und einigen anderen Hunden im Schlepptau macht sich das Mensch-Tier-Kommando auf eine bizarre Reise durch eine postapokalyptische, menschenfreie Welt bis ans andere Ende der Insel.

Wes Anderson schlägt in seiner mit Trommelrhythmen unterlegten Bildgewalt alle seine bisherigen Werke über Längen. Selbst The Grand Budapest Hotel verblasst ein wenig angesichts dieser puppenhausgroßen Tableaus, die Isle of Dogs Szene für Szene vom Stapel lässt. Dabei bleibt nichts dem Zufall überlassen. Jedes Bewegtbild ist das Ergebnis eines im Vorfeld durchdachten, arrangierten Konzepts, auf den Millimeter genau in Position gebracht. Improvisieren ist hier nicht, aus dem Bauch heraus die Leinwand bepinseln – nicht auszudenken. Anderson lässt sich nicht lumpen, am Trickfilm-Set hat alles seine Ordnung. Diese Ordnung unterwirft sich dem Dogma einer beschränkt dynamischen Sachlichkeit, die einem neurotisch sortierten Setzkasten gleicht. Komposition ist alles, den goldenen Schnitt stets bedacht, Ausgewogenheit auf der Schaubühne das Ziel des Visionärs. Seine bewusst verlangsamte Bildfolge bringt den Bewegungsfluss in marionettenhaftes Stocken, was aber genau so gewollt ist und den Zauberkasten namens Leinwand in etwas verwandelt, das nicht unbedingt nur mehr Kino ist, sondern ein unbenanntes Medium dazwischen. Bewegte Miniaturen, projiziert auf Großformat. Anders lässt sich Isle of Dogs nicht betrachten, schon gar nicht im Heimkino, denn da müsste man mindestens knapp einen halben Meter vor dem Bildschirm kauern, damit nichts verloren geht von dieser Fülle an mathematischem Formelreichtum.

Das Ergebnis dieses durchrechneten Arrangierens wirkt seltsam steril. Die kunstvollen Kulissen, davor all die Hunde, die in irrer Optik mal als Close Up, mal weit entfernt einen ungeheuren Raum erzeugen, der die Ebenendynamik von Pop Up Büchern bei Weitem sprengt – das alles ist zugegeben ziemlich virtuos, trotz allem berührt mich die Erwachsenen-Fabel auf Totalitarismus, Hetze und Faschismus nur bedingt. Zu klinisch ist Andersons Bühnen-Ornamentik. Vielleicht auch zu manieriert, jedenfalls von einer statischen, trockenen Pedanterie, die ihresgleichen sucht.

Isle of Dogs – Ataris Reise ist dennoch fraglos ein Kunststück, weit abseits von Gewohntem.

Isle of Dogs – Ataris Reise

Thor: Tag der Entscheidung

WO DER HAMMER HÄNGT

8,5/10

 

thor3@ 2017 Marvel Studios

 

LAND: USA 2017

REGIE: TAIKA WAITITI

MIT CHRIS HEMSWORTH, TOM HIDDLESTON, CATE BLANCHETT, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

„Also das… das hat mich schon sehr gestört. Hela ist doch nicht Odins Tochter, sondern Lokis!“, beschwert sich nach Betrachten des Filmes eine Mittelschülerin, die sich in der nordischen Mythologie ganz gut zurechtzufinden scheint und mit mir gemeinsam Thor: Tag der Entscheidung genießen durfte. Was folgt, ist eine stark gekürzte Abhandlung der Ereignisse rund um Odin´s Familiengeschichte, dem Fenriswolf, der im Film viel zu klein daherkommt, die Vernichtung Asgards und dem Ende Thors, der von der Midgardschlange vergiftet wird, übrigens auch eine Schwester Hela´s, aber das nur so am Rande. Das alles passiert dann beim Ragnarök, dem Weltenbrand, quasi der Apokalypse des Nordens, ziemlich Schlag auf Schlag. Nun, wo das Mädchen Recht hat, hat es Recht – Mythologen werden es bei Marvel´s Götterdämmerung garantiert mit der Angst zu tun bekommen. Sollen sie auch. Denn dafür geht man nicht in die Filme von Marvel, sondern besucht entweder eine Vorlesung oder schaltet daheim den History-Channel auf Durchzug. Irgendeine Doku über Mid-, Ut- und sonstige -gards gibt es dort bestimmt.  Für Thor: Tag der Entscheidung braucht man, wenn man I-Tüpferl-Reiter mit Anspruch ist, ein gehörig dickes Fell. So wie der Fenriswolf. Oder man legt sich eine Litho-Panzerung zu, wie sie der nach Revolution sinnende Steinmensch Bruce trägt, der davon träumt, dem Müllplaneten Sakaar eine neue Ordnung aufzuerlegen. Hat man Fell oder Panzerung, oder geht mit der nötigen Scheiß-drauf-Attitüde ins Kino, um zu sehen, ob neben den Guardians of the Galaxy noch andere Filme das Zeug haben, in rotzfrecher Manier einfach alle möglichen Versatzstücke des phantastischen Kinos durcheinander zu mixen, ganz so wie ein ausgebuffter DJ, dann wohnt man wahrscheinlich einem der griffigsten und launigsten Kunststücke aus dem Marvel Cinematic Universe bei, die je produziert worden. Denn Thor: Tag der Entscheidung ist mindestens genauso gut wie die Guardians of the Galaxy. Wenn nicht fast besser. Und das ändert nichts an der Tatsache, dass der eingedeutschte Untertitel Tag der Entscheidung im Vergleich zum Original Ragnarok ziemlich nichtssagend daherkommt. Aber das nur, weil mit Ragnarok die wenigsten etwas anfangen können. Da muss ich nur das Mädchen fragen, das mit mir im Kino war.

Nach Kenneth Branagh´s durchwachsenem Thor-Einstand und Alan Taylor´s düsterer Dunkelelben-Episode Thor: The Dark Kingdom ist der vorerst finale dritte Teil der Solo-Helden-Abenteuer rund um den Donnergott mit Abstand der beste Wurf. Natürlich haben sich Marvel und Disney ihre Blockbuster-Referenzen hergenommen und den Erfolg analysiert – ohne Analyse geht bei so teuren Produktionen überhaupt nichts mehr. Bei einem Genre, das sich so sehr von der Realität verabschiedet wie die weit weit entfernte Galaxis von Star Wars von der Erde, zählt die Anforderung eines spannenden, ernstzunehmenden Abenteuers längst nicht mehr. Da zählt der Spaß, der Irrsinn, die Kaleidoskophaftigkeit einer furiosen Zirkusaufführung weit jenseits der Vorstellungen eines Andre Heller oder Luis Knie. Da zählen Trapez- und Zauberkünstler, Clowns in aberwitzigen Kostümen und atemberaubende Showeffekte. Und ganz obendrauf, und eigentlich zuallererst, bevor der visuelle Firlefanz die Leidenschaft der Zuschauer am Sehnerv packt: die Skizzierung der Leading Characters. Sind die Figuren schal und flach, hilft nicht mal perfektes 3D. Über einen gewissen Zeitraum hinweg ja – aber nicht den ganzen Film hindurch. Luc Besson hat sich bei seinem visuell pipifeinen Comicverschnitt Valerian – Die Stadt der tausend Planeten in der Wahl seiner Hauptdarsteller ordentlich vergriffen. Ebenso Suicide Squad. Biestig, dreckig, gut gemeint. Aber darstellerisch eher halbgar. Guardians of the Galaxy funktioniert, weil der wilde, zusammengewürfelte Haufen an zwangskaritativen, in ihrem Wesen aber völlig unterschiedlichen Weltraumpiraten enorm viel ungefällige Persönlichkeit besitzt. Dieses Phänomen der ausmodellierten Charakterzeichnung findet sich – Odin sei Dank – auch in der furioser Weltraumeskapade von Regisseur Taika Waititi, seines Zeichens verantwortlich für die Indie-Gruselsatire 5 Zimmer Küche Sarg. Der Cast liest sich wie die Gästeliste eines internationalen Filmfestivals. Größen wie Cate Blanchett, Idris Elba und Jeff Goldblum, um nur einige zu nennen, verleihen auch der kleinsten Nebenrolle sichtlich spielfreudiges Charisma. Ganz zu schweigen von Chris Hemsworth und Mark Ruffalo, die, wie es scheint, noch nie so viel Spaß an der Sache hatten.

Ist der Cast einmal unter Dach und Fach, und ausreichend beschäftigt, kann man den Film auch noch so abgehoben inszenieren – das Ensemble ist wie ein Fels in der Brandung, dass für die Entfesselung einer wirklich famos bebilderten, spektakulären Weltraumkomödie ganz im Sinne von Star Lord, Gamora und Co grünes Licht erteilt. Von Drachen, Skelettkriegern, Magiern, Robotern und Aliens aller Art, die aus George Lucas´ Cantina zu kommen scheinen, werden diverseste Versatzstücke aus der High Fantasy und der märchenhaften Science Fiction durch den filmischen Cocktailmixer gejagt, um letzten Endes ein enorm augenzwinkerndes, auf Zug inszeniertes, astreines Vergnügen Marke Terry Pratchett zu servieren, das bis zur letzten Sekunde – und bis über die zweite Post Credit Szene hinaus – vorzüglich schmeckt. Lange begleitet mich noch Led Zeppelin´s Immigrant Song, der in der Hitze des Gefechts der Götter so dermaßen punktgenau zum Einsatz kommt, dass man überlegt, schon allein deswegen den Film noch einmal zu sehen. Weil das Eintauchen in lebendig gewordene Comic-Panels einfach fetzt. Ganz ohne Reue und verlorene Lebenszeit. Und nicht zuletzt, weil Hulk einfach zu meinen Lieblingen zählt. Schon allein aufgrund seines Wesens 😉

Thor: Tag der Entscheidung