A Hard Day

WENN TOTE NICHT ANS HANDY GEHEN

7/10


ahardday© 2021 Busch Media Group

LAND / JAHR: SÜDKOREA 2014

BUCH / REGIE: KIM SEONG-HUN,

CAST: LEE SUN-KYUN, CHO JIN-WOONG, JEONG MAN-SIK, SHIN JUNG-KEUN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Meist lautet die Faustregel so: kennst du einen amerikanischen Thriller, kennst du gleich viele andere. Kennst du aber einen südkoreanischen Thriller, können dich alle anderen noch überraschen. Forrest Gump würde den Umstand mit einer Schachtel Pralinen vergleichen. Wie die das dort machen, ist kein Geheimnis – klarerweise liegt’s am Drehbuch, und klarerweise liegt’s an der Bereitschaft der Produzenten, auch gegen die Norm gebürstete Arbeiten zu verfilmen, die nicht dem lukrativen Schema erfolgreicher Marktforschung unterliegen. Die Südkoreaner, die trauen sich einfach mehr. Fabulieren mehr und denken mehr um die Ecke. Daher sind auch Filme, die sonst kaum das Zeug haben, auf westlichen Leinwänden groß rauszukommen – weil sie vielleicht nicht Bong Joon-Ho oder Park Chan-Wok in den Credits haben – bemerkenswerte Geschichten, die einfach erzählt werden müssen. So auch dieser bereits 2014 abgedrehte Streifen, der allerdings rund sechs Jahre darauf warten hat müssen, um das Licht der Retail-Welt zu erblicken. Doch egal, wann dieser letztendlich auftaucht – es ist schön, ihn zu sehen. Und ein kurioses Vergnügen obendrein. Ich hoffe, nur, dass es den Coen-Brüdern oder sonst wem nicht einfällt, Filme wie diese zu amerikanisieren. Eigene Ideen wären begrüßenswerter.

So ist die Idee vom korrupten Detektiv Ko, der bei einer nächtlichen Autofahrt zum Begräbnis seiner Mutter einen Menschen überfährt und sich damit allerlei Schwierigkeiten aufhalst, eine erfrischend originelle. Denn eine Anklage kann Ko momentan wirklich nicht gebrauchen, also schafft er das Unfallopfer in seinen Kofferraum, um es später spurlos verschwinden zu lassen. Was eignet sich da nicht besser als der Sarg seiner verstorbenen Mutter, die ja ohnehin begraben wird. Doch dieses groteske Vorhaben gestaltet sich äußerst schwierig. Dabei passieren Dinge, die kurioser kaum sein können. Und letzten Endes war der Überfahrene nicht irgendeiner, und auch nicht jemand, dessen Ableben nicht noch von jemand anderem beobachtet wurde.

Schwarzer Humor trifft auf Copthriller, die wiederum treffen auf makabren Suspense. Das muntere Potpourri aus Vertuschung und Erpressung, in dem es keine Guten, sondern nur weniger Böse gibt, steuert mit sehr viel ausgelebter Schadenfreude auf ein Katz- und Mausspiel zu, das vor skurrilen Momenten nicht mehr weiß, wohin damit. Klar kommt einem da wieder das tiefschwarze Meisterwerk Blood Simple von den eingangs erwähnten Coen-Brüdern in den Sinn, es werden Leichen aus- und eingegraben, und das alles in einem lakonischen, fast schon finnischen Gleichmut, der allerdings das Meistern scheinbar auswegloser Situationen in glaubhaftem Licht erscheinen lässt. A Hard Day ist nicht nur ein Tag, A Hard Week trifft es wohl eher, denn der Thriller erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Doch dieser eine Moment der Unachtsamkeit an diesem einen harten Tag ordnet die Parameter neu und zwar so, wie man sie vielleicht nicht erwartet hätte.

A Hard Day

Don’t breathe

STARR VOR ANGST

5,5/10


dontbreathe© 2016 Sony Pictures Releasing GmbH


LAND / JAHR: USA 2016

REGIE: FEDE ALVAREZ

CAST: JANE LEVY, DYLAN MINNETTE, DANIEL ZOVATTO, STEPHEN LANG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Der alte, blinde Mann ist bald wieder unterwegs – erst kürzlich gab’s hierzu den Trailer Release. Grund genug, mir endlich mal das Original anzusehen, derzeit sehr bequem abrufbar auf Netflix. Ich bin ja prinzipiell nicht so der Horrorfan, allerdings lasse ich mich in der letzten Zeit mehr und mehr zu ganz bestimmten Genrevertretern hinreißen, sofern sie nicht das eigene Weltbild durcheinanderbringen. Interessant sind unter anderem auch Genre-Hybriden wie Don’t breathe. Filme, die sich nicht festlegen, ob sie Horror oder einfach nur Thriller sein wollen. Für mich ist die Chronik eines verhängnisvollen Einbruchs ein astreiner Psychothriller. Mit, sagen wir mal so, einigen wenigen Horror-Einsprengseln, die zur Erkenntnis führen werden, den alten, blinden Mann anfangs gründlich unterschätzt zu haben. Doch auch nach dieser Um- und Neudefinition von Fede Alvarez‘ Überraschungshit aus dem Jahr 2016 will der durchkalkulierte Vier-Wände-Slasher aus so manchen Gründen nicht immer überzeugen.

Die Plot ist, wie meistens bei Horror- und Spannungsfilmen, schnell umrissen. Drei Twentysomethings aus der Unterschicht verbringen ihre Freizeit vorzugsweise damit, in leerstehende Häuser einzubrechen, natürlich meistens zu nachtschlafener Zeit. Für die Diebe kein Problem, ist doch der Vater des einen Chef einer Sicherheitsfirma, die Alarmanlagen installiert. Ist so eine mal deaktiviert, heißt es: die Rucksäcke auf und rein mit dem Klunker. Was die drei aber geritten hat, in einem gottverlassenen Vorort gerade das Haus eines blinden Kriegsveteranen auszuwählen, sind rund 300.000 Dollar, die der Alte bei sich zuhause bunkert. Die Summe als Entschädigung für seine bei einem Verkehrsunfall totgefahrene Tochter. Rocky, Alex und Money warten, bis es finster wird. In der Höhle des Löwen gelandet, steht der alte, blinde Mann flugs auf der Matte. Und denkt nicht daran, seinen wertvollsten Besitz drei Verbrechern zu überlassen.

Don´t breathe funktioniert letzten Endes nur, weil Alvarez auf einen recht relevanten psychologischen Faktor setzt: den der Angst. Was nicht heißen soll, dass der Zuseher plötzlich vor Furcht gebeutelt gar nicht mehr richtig hinsehen kann. Es ist die Angst der Protagonisten. Jane Levy (u. a. Fremd in der Welt) zum Beispiel lähmt die Panik, das Haus nicht mehr verlassen zu können. Auch der andere, Money, steht wie angewurzelt da. Nervlich betrachtet dürfte das nicht so deren Ding sein, Häuser inklusive Bewohner zu überfallen. Durch diese Lähmungserscheinungen hat der knorrige Veteran, mit zorniger Härte verkörpert von Stephen Lang, freie Hand. Und Blinde Menschen, die wütend sind, sollte man genauso wenig unterschätzen wie blinde Aliens, die in A Quiet Place aus dem Schatten kriechen. Im Grunde ist es die selbe Prämisse. Nur – Emily Blunt und Familie scheinen prinzipiell geistesgegenwärtiger zu sein als diese unbedarften Grünlinge, die erst durch ihre Inkompetenz einen gewissen Konflikt erzeugen, der das Potenzial des Filmes ausmachen soll. Letzten Endes aber quält der Millionenshow-Effekt, der bei Filmen wie diesen immer wieder eintritt. Will heißen: Daheim auf der Couch weiß man es besser. So richtig packend wird ein Film aber erst dann, wenn man selbst, wohlig lungernd in der Safe Zone, mit der Besserwisserei nicht mehr weiterkommt. Und niemand greift sich dann noch kopfschüttelnd an den Kopf, wenn in einer Katz-und-Maus-Jagd wie dieser jene den Kürzeren ziehen, die es aufgrund ihres mangelnden Weitblicks zu gar keinem anderen Ergebnis gebracht hätten.

Don’t breathe

Das Geheimnis von Neapel

NAPOLI, IL MIO DESTINO

6/10


dasgeheimnisvonneapel© 2010-2018 PROKINO Filmverleih GmbH

LAND / JAHR: ITALIEN 2017

REGIE: FERZAN OZPETEK

CAST: GIOVANNA MEZZOGIORNO, ALESSANDRO BORGHI, ANNA BONAIUTO, ISABELLA FERRARI, BIAGIO FORESTIERI U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Neapel sehen… und von der schönsten Seite erleben. Ganz ohne Müllberge, ganz ohne Mafia, ganz ohne schwelende Hitze oder gar vom nahegelegenen Vesuv ausgehender Vibrationen. Dafür mit viel Kunst, klassisch verklärten Gesichtern auf Marmorbüsten. Engen Gassen und Zimmern mit Aussicht aufs Meer. Da kommt fast schon Urlaubsstimmung auf. Das Mediterrane hat schließlich was. Es ist aber nicht so, dass Neapel nicht auch – wie der Titel des Films schon sagt – seine Geheimnisse birgt. Das tun Rom, Florenz, Ravenna und wie diese Städte alle heißen, genauso. Darüber weiß zum Beispiel Dan Brown ganze Romane zu schreiben. Dieses Mysterydrama hier gräbt zwar nicht nach verschwundenen Artefakten und verborgenen Geheimbünden, dafür aber nach verschütteten Traumata, die verwoben sind in einen urbanen Mikrokosmos, aus welchem es schwer wird, zu entkommen. Denn die Pathologin Adriana liebt, was sie gleichermaßen verabscheut. Ein obskures Dilemma.

Dabei scheint sich alles so zu entwickeln, wie der eine oder andere Erotikhriller aus den Neunzigern, der im Zuge des Basic Instinct-Hypes aus dem Boden geschossen war. Zwei fremde Personen – eine Frau und ein Mann – tauschen Blicke. Die sagen mehr als tausend Worte. Begehren liegt in der Luft. Der geheimnisvolle Mann verplant daraufhin gleich die ganze Nacht – die Frau nimmt dankend an. Heiße Sexszenen, zerwühlte Laken. Es geht ordentlich zur Sache. Bis der Morgen kommt, und Adriana voller Vorfreude ob des nächsten Treffens den Tag gerade mal so hinbiegen kann. Doch Andrea, der geheimnisvolle Fremde, taucht an vereinbartem Ort nicht auf. Tags darauf landet dieser als übel zugerichtete Leiche in der Pathologie. Tragisch, so ein  kurzes Glück. Adriana versinkt in Betroffenheit. Bis sie wiederum Wochen später das Gefühl hat, an Geister glauben zu müssen.

Zwischen Federico Fellini, Polanski und italienischer Soap Opera: Regisseur Ferzan Ozpetek (Hamam – das türkische Bad) lässt unter der Prämisse „Eine Stadt – ein Drama“ den Faktor des Mysteriösen sehr bald von der Leine. Vom zu erwartenden Erotikthriller heißt es sehr bald Abschied nehmen. Gondeln tragen aber auch keine Trauer, denn zum parapsychologischen Reißer lässt sich Das Geheimnis von Neapel auch nicht motivieren. Giovanna Mezzogiorno geistert als pathologische Pathologin durch ein kaum Position beziehendes, vages Melodram, dessen seltsame Wege flankiert sind vom Lifestyle einer italienischen Kunst-Schickeria. Augenhöhe sucht man mit diesen Randfiguren vergebens, allerdings hat man bald eine Ahnung, wohin die Irrungen der aus allen Wolken gefallenen Frau letztendlich führen könnten. Und wieder verlässt Ozpetek das geliehene Genre, kehrt dabei aber zurück an den Anfang. Im Großen und Ganzen scheint da ein Storytwist die geduldsprobende Ratlosigkeit etwas zu tilgen.

Viel schlauer ist man am Ende wiederum auch nicht, doch gerade diese schwelgerische Skepsis gegenüber der Wirklichkeit versetzt dem schicken Psychotrip die lang erwartete spielerische Note.

Das Geheimnis von Neapel

The Rental – Tod im Strandhaus

WOCHENEND‘ UND TOTENSCHEIN

6/10


TheRental© 2021 Pandavision


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: DAVE FRANCO

CAST: DAN STEVENS, ALISON BRIE, SHEILA VAND, JEREMY ALLEN WHITE, TOBY HUSS, ANTHONY MOLINARI

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Das sind Zeiten – so gut waren sie schon lange nicht. Die Arbeitswoche neigt sich dem Ende zu, genussvolle zwei Tage stehen vor der Tür. Man kann auch jetzt wieder problemlos zwei Haushalte unter einem Dach halten – überhaupt kein Problem mehr. In den eigenen vier Wänden muss man auch nicht abhängen, da bieten sich natürlich vermietfreudige Immobilien an, vorzugsweise am Meer. Strandhäuser, die alle Stückchen spielen, und dessen Potenzial man ja für zwei Tage sowieso nie ausschöpfen kann. Aber Luxus ist genau das, und warum sich diesen nicht mal gönnen. Das findet Charlie (Dan Stevens, großartig in Maria Schraders Ich bin dein Mensch), der CEO seiner eigenen, mühsam auf die Beine gestellten Firma, ebenfalls. Und mietet für sich, seine Frau und seinem Bruder samt Anhang eine schmucke Örtlichkeit an der amerikanischen Ostküste, fernab jeglichen Trubels. Das kostet natürlich – aber hey: geschäftlich läuft’s ja prima. Also warum nicht feiern. Diese Einstellung wird durch den Hausvermieter etwas getrübt – der lässt nämlich seltsame rassistische Bemerkungen vom Stapel, worauf ihm die, die es betrifft, ebenfalls blöd kommt. Aber gut – mal davon abgesehen kann das Wochenende mit Alkohol, einer Prise Ecstasy und einem Whirlpool beginnen, indem allerdings zu nachtschlafener Zeit Dinge passieren, für die es eigentlich keine Entschuldigung gibt. Dann ist auch noch der Hund weg und irgendwie beschleicht so manchen das Gefühl, als ob alle beobachtet werden.

In The Rental – Tod im Strandhaus braut sich was zusammen. Und das ist nicht das Wetter, denn das hält. Dave Franco entwirft in seinem Regiedebüt ein Beziehungsdrama mit sehr vielen scheelen Zwischentönen. Ein Konzept, welchem sich zum Beispiel Claude Chabrol immer wieder gern bedient hat. Dessen Filme schleichen förmlich um den als Prophezeiung im Raum stehenden, unheilvollen Höhepunkt herum, doch so richtig fassen lässt sich diese Tendenz trotzdem nicht. Dieses in der Luft hängende, vage Dilemma lässt auch Franco mit sehr viel Laune herumwabern, setzt mitunter falsche Fährten und geizt auch nicht mit dem Verdacht über ein vom Bösen beseeltes Gemäuer, das in maroden Details in eine recht düstere nahe Zukunft blicken lässt. Doch die vier sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt – oder mit den Dingen, die sie aus einer gewissen Kränkung oder Impulsivität heraus anstellen.

Allerdings verlässt sich Franco leider nicht auf sein Gespür für die Eigendynamik menschlichen Fehlverhaltens. Gegen Ende gibt’s die mit dem Vorschlaghammer präsentierte, drastische Wendung – die wenig zimperliche Interaktion von außerhalb, die wohl besser nur als Anstupser für einen Dominoeffekt des Grauens genügt hätte. Doch nein – Franco dürfte von einem Horrorexperten wie John Carpenter Zeit seines Lebens recht beeindruckt gewesen sein, um zumindest als Hommage an das Genrekino den alles erweckenden Paukenschlag für sein sorgfältig eingestimmtes Ensemble zu proben. Ich gebe zu: selbst diese Methode hat was, und beharrlich bleibt sie ja, in ihrer tiefschwarzen, (im wahrsten Sinn des Wortes) hundsgemeinen Konsequenz. Wenn auch nicht so scharfsinnig und lustvoll sezierend wie bis zuletzt noch gedacht.

The Rental – Tod im Strandhaus

The Woman in the Window

WENN DAS DIE NACHBARN WÜSSTEN

3,5/10


womaninthewindow© 2021 Twentieth Century Fox / Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JOE WRIGHT

DREHBUCH: TRACY LETTS, NACH DEM ROMAN VON A. J. FINN

CAST: AMY ADAMS, GARY OLDMAN, JULIANNE MOORE, ANTHONY MACKIE, WYATT RUSSELL, FRED HECHINGER, JENNIFER JASON LEIGH, TRACY LETTS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wenn ich schon vermute, dass die verschrobene Dame von vis a vis andauernd rüberäugt, werde ich mir a) entweder Vorhänge zulegen oder b) einfach die Jalousien runtertun. Kann ja kein Problem sein. Aber nein: aufgrund eines vagen exhibitionistischen Drangs sieht die Familie von gegenüber, die womöglich einige Geheimnisse birgt, keinerlei Notwendigkeit dazu. Ein höchst obskures Verhalten – und schon mal ein sehr offensichtlicher Fehler im von Schauspieler Tracy Letts verfassten Drehbuch, der auch hier – ohne in den Credits erwähnt zu werden – Amy Adams‘ Therapeuten gibt. Die wiederum leidet als Anna unter Agoraphobie und würde einen Lockdown überhaupt nicht spüren, gäbe es einen. Sie hütet also das Haus, und nicht nur die Wohnung, denn Adams besitzt eine mehrgeschossige Immobilie, in der gerade mal ein Junggeselle (Wyatt Russell aus The Falcon and the Winter Soldier) zur Miete wohnt. Adams Figur wirkt ziemlich durch den Wind – was sie den ganzen Tag macht, weiß keiner. Oder vielleicht doch – nämlich aus dem Fenster sehen und mit Fotoapparat und Binokular das Treiben im Haus gegenüber ausspionieren. Vielleicht ist es, so wie bei James Stewart aus Das Fenster zum Hof, einfach aus einer situationsbedingten Langeweile heraus, die sie vors Fenster bannt. Eine kleine Abwechslung bietet das Auftauchen des Sohnes von gegenüber und auch dessen Mutter, gespielt von Julianne Moore, die so wirkt als wäre sie auf einem glückseligmachenden Drogentrip – dauergrinsend und überdreht. Eines weiteren schönen Tages allerdings beobachtet Anna das Unvermeidliche: einen Mord an just jener Frau, die erst kürzlich zu Besuch war. Das passiert natürlich schön vor dem Fenster, damit die ganze Nachbarschaft das Ereignis mitbekommt. Schockschwerenot, die Polizei muss her! Und schon ist nichts mehr, weder die Wirklichkeit noch sonst was, wie es vorher war. Eigentlich kein Wunder, suhlt sich die Kinderpsychologin außer Dienst doch tagtäglich in einem Mix aus Wein und rezeptpflichtigen Tabletten, die additiven Alkohol grundlegend verneinen.

Hitchcock, schau runter! Wie sehr erinnert dich dieser Film wohl an deinen eigenen? Und für wie gut würdest du ihn finden? Du würdest vielleicht mal auf der Habenseite die wandelbare Amy Adams sehen. Das stimmt – als vom Schicksal gezeichnete, psychisch ziemlich in Mitleidenschaft gezogene Housesitterin wandelt sie durch ihre Gemächer, an der einen Seite die Katze, an der anderen das Weinglas. Die Grundlage für ein Kammerspiel mit doppeltem Boden wäre geschaffen. Auch all die anderen Co-Stars wie Gary Oldman, der gefühlt auch keine Angebote mehr ausschlägt wie seinerzeit Christopher Lee, liefern saubere Arbeit. Wofür sie sich jedoch bemühen, ist ein relativ überschaubares, wenn nicht gar enttäuschendes Soll. Dabei sitzt Joe Wright im Regiestuhl, von welchem man bereits einige souveräne Arbeiten kennt. Im Falle von The Woman in the Window ließe sich noch so gut Regie führen – es würde alles nichts helfen, wenn der Plot nicht will. Denn dieser hier bremst sich selbst aus. Das macht er, indem er nicht nur einen Psychothriller alter Schule erzählt (mit ganz eindeutigen, auch visuellen Referenzen an Hitchcocks Klassiker), sondern auch Amy Adams‘ Leidensgeschichte. Ein knackiger Thriller konzentriert sich auf den expliziten Schrecken seines Verbrechens und den nachhaltig verstörenden Folgen. The Woman in the Window tut sich schon von Beginn an schwer, dramaturgisch aufzuräumen, damit alles seinen Lauf nehmen kann. Stattdessen nimmt er den eigentlichen Storytwist vorweg, irgendwann in der zweiten Hälfte des Films, um dann nochmal einen weiteren, wenig plausiblen Twist zu bemühen, der das längst zum Stillstand gekommene Szenario noch retten soll.

Vor kurzem gab es einen ähnlichen Film – Stunde der Angst mit Naomi Watts. Auch sie psychisch sichtlich angeschlagen, verlässt sie die Wohnung nicht und fürchtet sich vor einem Serienkiller, der in der Gegend sein Unwesen treibt. Hier arbeitet Alistair Bank Griffins ganz bevorzugt mit dem seelischen Dilemma der Protagonistin, während sich der Krimi-Plot begleitend unterordnet. Auch kein Meisterwerk, aber deutlich besser als dieses leider in den Keller krachende Konstrukt eines versuchten Selbstbeweises in Sachen Suspense.

The Woman in the Window

Bring Me Home

IN DIE HÖHLE DES RATTENFÄNGERS

6,5/10


bring-me-home© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc.


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2019

BUCH / REGIE: KIM SEUNG-WOO

CAST: LEE YEONG-AE, YOO JAE-MYUNG, KIM JONG-HO, LEE HANG-NA, PARK HAE-JOON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Schon Oldboy-Regisseur Park Chan-Wook hat sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen lassen, und zwar in seinem virtuosen Rachedrama Lady Vengeance: die Rede ist von Lee Yeong-ae. Die koreanische Schauspielerin mit den zarten Gesichtszügen ist auch hier, in diesem sehr düsteren Kriminalfilm, dem Unvorstellbaren ausgesetzt. Als Mutter kann einem auch nichts Schlimmeres passieren, als sein Kind zu verlieren. Allerdings ist dieses Kind nicht verstorben, sondern ganz einfach verschwunden. Das war vor sechs Jahren. Yung-Yeon wirft sich vor, nicht gut auf ihren Sohn geachtet zu haben. Schuldgefühle plagen sie, das Leben wäre schon lange nicht mehr lebenswert, hätten die Eltern die Suche längst aufgegeben. Wie es das Schicksal aber will, passiert doch noch, worauf alle hoffen, und Yeong-Jeon und ihr Mann erhalten entsprechende Hinweise. Es wäre kein koreanischer Film, wären diese Widrigkeiten schon nervenzehrend genug – auf der Suche nach dem Jungen stirbt der Vater bei einem Autounfall. Die am Boden zerstörte Mutter (noch gebrochener kann man kaum sein) steht nun allein da. Allerdings nicht allzu lange – denn bald folgt wieder ein Anruf, der sie aus der Resignation und an die Küste Südkoreas lockt.

Bring Me Home von Regiedebütant Kim Seung-Woo hat von Meister Bong Joon-Ho, der lange vor Parasite so gehaltvolle Krimidramen wie Memories of Murder oder Mother schuf, so einiges gelernt. Sein Inszenierungsstil wirkt selbstsicher, vor allem die schwierig zu timenden, konfliktreichen Szenen gegen Ende des Dramas sind geschickt ausbalanciert. Seung-Woo, der seinen Film auch selbst verfasst hat, lässt sein anfangs in sich ruhendes Vermisstendrama immer mehr und mehr eskalieren, aus der verzweifelten Suche nach dem Kind wird bald ein handfester, durchaus blutiger und auch kompromissloser Thriller, dem aber immer noch die verpeilte Melancholie innewohnt, die koreanische Filme so auszeichnet. Das ist großes, packendes und nur scheinbar pessimistisches Asia-Kino in naturalistischer Bildsprache, und dieses Drama hätte seine Wirkung fast verspielt, wäre es nicht so professionell inszeniert worden. Schuld an diesem Fast-Debakel hat die deutsche Synchronisation. Dafür lässt sich Seung-Woo natürlich nicht zur Rechenschaft ziehen. Den scheinbar ungeschulten Sprechern aber sei so manches vorzuwerfen – allen voran eine unachtsame Dialogregie, die wohl geduldet hat, dass der Sprachcontent wie abgelesen klingt – ohne Intonation und ohne ein Gespür für die Szene. Synchronstudio ist nicht gleich Synchronstudio, das wird spätestens bei diesem Film klar. Und man weiß dann auch wieder, was für Könner hinter der Eindeutschung großer Produktionen stehen, die sich mit dem Thema des Films zu hundert Prozent auseinandersetzen.

In Bring Me Home wäre die schlechte Qualität der Synchro kaum durchzustehen gewesen, hätte der Film nicht so dermaßen an Fahrt aufgenommen. Letzten Endes aber war die hochdramatische Geschichte weitaus dominanter als die emotionslos heruntergeleierten Dialoge. Mein Tipp: Diesen Film unbedingt in OmU sehen. So wie eigentlich fast jeden koreanischen Film, denn dann hat man das lokale Sprachkolorit auch gleich mit am Schirm. Ein Kniff, der das Filmerlebnis vieleicht noch intensiver macht.

Bring Me Home

Die schwarze Katze

UNIVERSAL-IKONEN IM CLINCH

5/10


the-black-cat© 1934 Universal Pictures


LAND: USA 1934

REGIE: EDGAR G. ULMER

CAST: BELA LUGOSI, BORIS KARLOFF, DAVID MANNERS, JULIE BISHOP, LUCILLE LUND, EGON BRECHER, JOHN CARRADINE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 6 MIN


Frankensteins Monster gegen Graf Dracula? Schön wär’s. Der aus Österreich-Ungarn stammende Edgar G. Ulmer, seines Zeichens Multitasker beim Film – vom Bühnenbild über die Regie bis hin zur Produktion – trug den Begriff B-Movie fast schon als dritten Vornamen. Zweitklassige Filme, in denen es an allen Ecken und Enden mangelte. Oft schrieb Ulmer seine Drehbücher selbst. Hin gehudelt während des Frühstücks oder am Lokus. Innerhalb weniger Tage waren diese Filme dann auch schon abgedreht. Doch was zählte, war die Resonanz des Publikums, und die war gut. Bei Die schwarze Katze geradezu phänomenal. Mit der gleichnamigen Erzählung von Edgar Alan Poe hat dieser nette Versuch eines Psychothrillers aber nichts zu tun, obwohl dieser im Vorspann steht. Den beiden Universal-Ikonen mag das egal gewesen sein, die waren damit beschäftigt, in diesem kruden Streifen aufeinander loszugehen. Und Ulmer? Der huldigt hier seiner alten Heimat Österreich-Ungarn. Schauplatz ist das Land der Magyaren, manch eine Biographie der Figuren hat österreichischen Bezug.

Worum es also geht? Um ein Ehepaar auf der Hochzeitreise durch Ungarn, das aufgrund eines Autounfalls bei Regen die Hilfe des obskuren Dr. Werdegast annehmen muss, der wiederum jemanden kennt, der eine neumodische Villa auf dem Hügel einer kriegshistorisch bedenklichen Ruhestätte errichtet hat. Dort suchen sie Zuflucht, während sich die Gattin auskuriert. Dieser Herr im Haus, genannt Poelzig, ist noch rätselhafter als Werdegast. Bald wird klar: letzterer ist dem Hausherrn nicht gut gesonnen – ganz im Gegenteil: er sinnt nach Rache aufgrund vergangener Schmach. Den beiden frisch Vermählten hingegen dämmert bald, das irgendetwas in diesen vier Wänden verhindert, dass die beiden wieder weiterreisen.

Boris Karloff ist ein Charakter, so einen gibt’s auch kein zweites Mal. Der grimmige, diabolische Blick, das bedächtige Wandeln durch den Flur. Längst nicht so grobschlächtig wie als Frankenstein, mehr wie der untote Pharao aus Die Mumie. Bela Lugosi hingegen gibt den Geschmeidigen, den Gutmenschen. Der Moment, wenn sich die beiden dann in die Haare geraten, ist sehenswert. Der Schauplatz – eine moderne Villa im Stil der Neuen Sachlichkeit, mitsamt morbid-musealem Kellergewölbe, ebenso. Sonst aber bietet der lediglich 66 Minuten lange Streifen recht behäbige Unterhaltung. Die schwarze Katze ist ein Film, der seine Zeiten nicht ganz so schadlos überdauert hat wie manch anderer Klassiker. Aus gegenwärtiger Sicht betrachtet, ist sowohl inhaltlich als auch dramaturgisch jede Menge Luft nach oben. Immer dann, wenn’s pikant wird, leiten grobe Schnitte zur nächsten Szene über. Vieles sieht man erst gar nicht, obwohl es stattfindet, vielleicht aus Kostengründen eingespart. Das geht fast schon in Richtung Ed Wood, von Liebe zum Detail kann man nicht gerade schwärmen. Das Frauenbild ist fragwürdig, ja geradezu sexistisch. Die Prise Teufelskult verleiht dem Thriller auch nicht die Würze, die er aus heutiger Sicht vielleicht gebraucht hätte.

Die schwarze Katze ist insofern kurios, da die Hintergründe zum Film, dessen Stars und Regisseur wohl interessanter sind als das Werk selbst.

Die schwarze Katze

A Quiet Place

HAST DU TÖNE!

6,5/10

 

null© 2018 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2018

DREHBUCH UND REGIE: JOHN KRASINSKI

CAST: EMILY BLUNT, JOHN KRASINSKI, MILLICENT SIMMONDS, NOAH JUPE U. A. 

 

Besser spät als nie: den Überraschungshit von Ehepaar Krasinski/Blunt kann ich nun endlich von meiner Watchlist streichen. Die Kritikerstimmen aus dem Off ließen sich ja damals schwer ausblenden. Von innovativ bis sauspannend war alles zu hören. Ich ging in diesen Film also nicht ohne Vorbehalt und nicht ohne einer aus medialer Beeinflussung resultierender Erwartungshaltung. A Quiet Place also. Horror vom Feinsten? Eigentlich – und zum Glück für mich – weniger.

John Krasinksis Idee ist natürlich genial. Er schafft eine alternative Realität, in der wie mit dem Finger geschnippt (ähnlich wie bei Thanos) eine wenig autochthone Spezies auftaucht, die urplötzlich am Ende der Nahrungskette steht. Ein Bio-Invasor allererster Güte, da können sich Kaninchen, Langschwanzmakaken oder all die Nachtbaumnattern auf Guam einiges abschauen. Aber nicht, dass man sich nun ein Invasionsszenario wie in Independence Day vorzustellen hat, nein. Das ist nicht das Einfallen einer intelligenten Zivilisation, ganz im Gegenteil. Diese Kreaturen sind Tiere niedrigsten Instinkts. Blinde Carnivoren, die nur eines verdammt gut können – na gut zwei Dinge – mindestens so gut hören wie eine Fledermaus und tödliche Ohrfeigen verteilen. Ich denke mal da spürt man fast nichts, denn diese artspezifische Maniküre macht jeden Widerstand zwecklos. Wenn diese Viecher also nichts hören, ist alles gut. Leise sein ist die oberste Devise. Das sind natürlich Einschränkungen, so will keiner leben. Aber es muss, anders geht’s nicht. Musik schallt nur mehr via Ohrstöpsel, und die Gebärdensprache ist das neue Englisch.

Die trauernde Familie Abbott (zu Beginn des Films gibt’s gleich den ersten Schicksalsschlag) hat es sich also fernab urbaner Gefilde recht kommod eingerichtet. Sie bewältigen den Alltag, die Kreaturen sind allgegenwärtig. Größtes Problem allerdings – und darauf hängt Krasinski seinen Spannungsbogen auf – ist die Schwangerschaft von Emily Blunt. Mehr brauche ich dazu nicht sagen: Babys schreien nun mal, wenn sie auf der Welt sind, und die Geburt selbst verläuft vermutlich auch nicht gerade im Flüsterton. Hier tut sich für mich schon das erste große Fragezeichen auf: warum nur wird Frau während dieser konstanten Katastrophe schwanger? Es ist ja nicht so, dass sie vorher schon, bevor das Fingerschnippen eingesetzt hat, schwanger wurde – nein. Sondern während bereits alles im Argen lag. Man muss mit der Krise leben, schon klar, aber ich mach´s mir nicht schwerer als es ohnehin schon ist. Was noch seltsam und gleichzeitig nicht ganz so durchdacht anmutet: der Film gewährt uns einen Einblick rund eineinhalb Jahre nach der – sagen wir mal – Invasion, und der Mensch mit seinem Stand des Wissens und der Technik hat es nicht geschafft, herauszufinden, womit man den Tieren Herr werden kann? Während der Koexistenz von Mensch und Tier haben es erstere ohnehin nicht nur einmal geschafft, ganze Spezies auszurotten. Das Halali zur Jagd überhört Homo sapiens nur ungern, Waffen sind genug gebunkert, das ganze Militär wäre endlich für etwas gut. Bio-Invasoren gehören natürlich verdrängt, um das Ökosystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

In A Quiet Place hat die globale Bevölkerung anscheinend keinen Finger gerührt. Sei´s drum, vielleicht sollte man hier nicht allzu viel über plausible Gegebenheiten nachdenken, vielleicht ist unsere Zivilisation schon von etwas ganz anderem vernichtet worden. Einblicke und Erklärungen gibt’s in diesem Film bis auf ein paar Spickzettel im Office des Papas keine. Das ist fast zu wenig. Aber gut. Was zählt ist die Idee, und die kostet Krasinski 90 Minuten lang aus. Wichtig ist ihm hier das Element des Hörens und Gehörtwerdens. Die Toneffekte sind genial, aus der absoluten Stille heraus werden gar leise Knackgeräusche zum explosiven Kick-off aus der Resignation. Weder Blunt noch Krasinksi noch sonst wer sind die Stars des Films, sondern der Sound. Das alleine ist ein Kunststück. Es ist das Duell zwischen einer aphonen Welt und dem Weltreich des Klangs. Das birgt jede Menge faszinierende Szenen, und nicht zuletzt ist auch das Wesen selbst ein dringend zu offenbarendes Ergebnis kreativer Creature-Designer, die ein Hör-Wesen geschaffen haben, das so noch nie zu sehen war. Für mich als Monsterfan eine Augenweide, fast schon so gut wie Gigers Xenomorph. Leise durch die Gegend tapsen werde ich nach diesem Film aber trotzdem nicht. Weil Geräusche können täuschen, traue ihnen nicht 😉

A Quiet Place

Burning

BLASSE SCHIMMER EINES VERDACHTS

7,5/10

 

burning© 2019 Capelight Pictures

 

LAND: SÜDKOREA 2018

REGIE: LEE CHANG-DONG

CAST: YOO AH-IN, STEVEN YEUN, JEON JONG-SEO U. A. 

 

Das Filmland Südkorea ist wie eine große Kiste voller Objekte unterschiedlichster Art, in die man blind hineingreift und gar nicht weiß, was man hervorholt. Das Filmland Südkorea ist Kino als Überraschung, ist niemals etwas, das zu erwarten war. Der Cineast Lee Chang-Dong hat mit Burning endlich wieder mal ein Werk geschaffen, das als ungelöstes Rätsel im Gedächtnis bleibt, sich lediglich auf Andeutungen verlässt und dem überhaupt nicht danach ist, auch nur irgendwelche Fragen, die während des Films aufgeworfen werden, zu beantworten. Wie befreiend ist das denn? Und was für ein lobenswerter Versuch, einen Gegentrend gegen das teils zu Tode erklärte westliche Kino zu setzen, das oft nicht den Mut hat, sein Publikum ratlos zurückzulassen. David Lynch hat diese Wagnis niemals bereut. Seine fragmentarisch anmutende Fabulationsfreude quer durch alle Albträume gibt Raum für eigene Deutungen. Chang-Dong gelingt Ähnliches. Sein Film ist inspirierend unkonventionell, und gleichzeitig aber spielt er mit den Elementen klassischer Krimiliteratur, die stark auf Suspense abzielt und die Sicht auf all die Umstände – trotzdem eine zentrale Person das Geschehen wahrnimmt  – auf mehrere mögliche Ebenen zu zerstreuen weiß.

Woran Burning am Meisten erinnert? Seltsamerweise an Patricia Highsmith und ihrem talentierten Mister Ripley. Allerdings auch an Hitchcock, an einen panikmachenden Sog aus Verdacht und erflehter Gewissheit. Dabei lässt sich die Vorlage zum Film auf die Feder Haruki Murakamis zurückführen. Seine Kurzgeschichte Scheunenbrennen stand Pate, wie genau sich Chang-Dong daran gehalten hat, kann ich nicht sagen. Doch er hat bestimmt etwas ganz Eigenes geschaffen, auf eine bedächtig erzählte, zweieinhalbstündige Geschichte ausgedehnt, in welcher der intellektuelle, etwas verschlafen wirkende Möchtegern-Romancier Jongsu, gerade mal mit dem Studium fertig, auf Haemi, eine Bekannte aus Kindertagen trifft, die ihn bittet, während ihres Urlaubs auf ihre Katze aufzupassen. Es dauert nicht lang, da verliebt sich Jongsu in die hübsche junge Dame, hat gar Sex mit ihr – und trifft sie auch später wieder, allerdings kaum mehr alleine: Das Mädchen hat einen Begleiter mitgebracht, einen undurchschaubaren Lebemann, der anscheinend stinkreich ist und sich alles im Leben leisten und machen kann, was immer er auch will. Eifersucht macht sich breit. Irgendwie nervt dieser Typ, obwohl er freundlich ist. Aber da er alles hat, und alles haben kann, und sogar seltsame dunkle Seiten einfach zulässt, weil er sie seiner Philosophie nach einfach zulassen muss, ist er gleichermaßen faszinierend wie abstoßend. Klar zu erkennen ist ein entrücktes Trio infernal, das plötzlich alles gemeinsam macht. Bis Haemi plötzlich verschwindet.

Jongsu rätselt nicht nur über den Verbleib des Mädchens. Er rätselt noch über ganz andere Dinge in seinem Dunstkreis. Haemis Katze taucht ebenfalls nie auf, wenn er sie füttern muss. Sie ist gleichzeitig anwesend, und gleichzeitig auch verschwunden. Klingt frappant nach Schrödinger. So wie der Drang des rätselhaften Dritten, erlassene Gewächshäuser abzufackeln. Meint er das ernst? Oder will ihn der Rivale nur aufziehen? Vieles ist also eine Variable in Chang-Dongs Film, die große Unbekannte. Selbst die Vergangenheit ist nicht das, was sie scheint. Die große Variable ist das Vertrauen, das sich nicht fassen lässt, das so flüchtig ist wie der Rausch von Marihuana, die Dämmerung oder das Subjekt der Begierde. Ein Mysterium, dieser Film, auch wenn vieles so klar und der Plot alles ist, nur kein konfuses Konstrukt, das mutwillig prätentiös erscheinen will. In Wahrheit ist Burning ein kleiner, bescheidener Film, der aber durch seine Undurchschaubarkeit größer scheint und stets an der Schwelle zum Psychothriller herumscharwenzelt, ohne sie übertreten zu wollen. Mit Betonung auf Wollen, denn können würde er es spielend. Doch gerade diese geschaffene Distanz zu gängigen Genremustern macht aus Burning ein besonderes spekulatives Erlebnis, das sich erst ganz am Ende erlaubt, seine aufgestaute Furcht, dumm zu sterben, rauszulassen.

Burning

We Have Always Lived in the Castle

GESCHWISTER ÜBER ALLES

5/10

 

alwayslivedcastle© 2019 Kinostar

 

LAND: USA 2018

REGIE: STACIE PASSON

CAST: TAISSA FARMIGA, ALEXANDRA DADDARIO, SEBASTIAN STAN, CRISPIN GLOVER, PETER COONAN U. A.

 

Dieses Setting kommt mir irgendwie bekannt vor: Auf einem Hügel ein herrschaftliches Gemäuer, drum herum eine Kleinstadt, bevölkert von Leuten, die dem Schloss da oben nicht wirklich wohlgesinnt sind. Da gäbe es zum Beispiel die von Charles Addams ersonnene Familie gleichen Namens, die über alle gängigen Sozialformen erhaben ist und sich so verhält, wie ihr Eigensinn eben gewachsen ist, und in welche Richtung er auch steuert. Spooky sind sie obendrein. Und vor allem eines: durchaus komisch. Die beiden Geschwister aber, die in vorliegendem Film das immobile Erbe ihrer Eltern hüten, sind weit davon entfernt, irgendeinen Gefallen an ihrer Situation zu finden. Zumindest vorerst nicht. Denn das Anwesen war Schauplatz eines Giftmords. Die Opfer: beide Eltern. und ja, auch der Onkel, der aber knapp überlebt hat und seitdem im Rollstuhl sitzt. Obendrein wohnt der noch mit seinen Nichten unter einem Dach und gibt sich traumatisierter und durchgeknallter als die beiden Stammhalterinnen selbst.

Davon ist eine sehr daran interessiert, den Schein eines perfekten Lebens zu wahren, nach guter alter Hausfrauenart aus der Waschmittelwerbung. Die andere macht einen auf Hexe, erntet Kräuter, vergräbt Dinge unter der Erde. Will verfluchen und Flüche bannen. Wenn ihr mich fragt: ich würde mich diesem düsteren Wohnsitz wohl auch nicht nähern, weil Halbwissen oftmals zu Gerüchten führt, und Gerüchte zu Jahrzehnte überdauernden Legenden werden. Ich hätte mich dem Spuk im Hill House aber auch nicht ausgesetzt. Kenner des Filmes aus den 60er Jahren – Bis das Blut gefriert – und der aktuellen Serie auf Netflix würden wissen, was sie erwartet. Beides – We have always lived in the Castle und Bis das Blut gefriert – sind Werke aus der Feder von Shirley Jackson. Eine Art weiblicher Edgar Allan Poe, nur vielleicht romantischer, bürgerlicher, auf eine gediegene Art schauriger, während Poe in seinen Werken stets einer Schrecklichkeit zusteuert, aus der es kein Entrinnen gibt.

Ich könnte mir We have alyways lived in the Castle gut als Schwarzweiß-Produktion vor vielen Jahrzehnten vorstellen. Jean Crawford, Bette Davis in jüngeren Jahren, hausend in verfluchten vier Wänden. Rätselhafter Suspense in Reinkultur. Den lässt die aktuelle Verfilmung fast zur Gänze vermissen. Gibt es wenigstens mehr Mystery? Stimmungen, die so in ihren Bann ziehen, dass man nicht wegsehen kann? Wohl eher nicht. Aus Shirley Jacksons Vorlage wird ein hemdsärmeliger, etwas steifer Gesellschaftskrimi, der mehr an Agatha Christie erinnert, wobei aber die Suche nach dem Unheilvollen, nach den Tätern, sollte es solche geben, nicht vorrangig verfolgt, sondern sich ganz auf seine Schwestern konzentriert, die aber aneinander vorbeispielen. Alexandra Daddario wird natürlich ihrer Rolle gerecht und gibt sich unglaublich maskenhaft, wie eine der Frauen von Stepford. Das schafft aber auch Distanz. Die buckelnde Taissa Farmiga (unübersehbar die Schwester von Vera Farmiga) hingegen bleibt so richtig undurchschaubar, sie ist die Erzählerin aus dem off gleichermaßen und das Zentrum des Geschehens. Die übrigen Figuren bleiben schemenhaft, Was dahintersteckt, lässt sich bald erahnen, lässt aber aufgrund dieser eher gestelzten Inszenierung die Neugier außen vor. Der Thriller mit behändem Eskalationsfaktor will zwar geheimnisvoll sein, will vielleicht auch über Urban Legends und ihre Opfer philosophieren, verschenkt aber sein Potenzial an dem Anspruch, sich von Gothic-Stilmitteln allzu sehr loszulösen. Da wäre ein tieferer Griff in die durchaus gern verstaubte Trickkiste klassischer Stimmungsmacher durchaus ratsam gewesen.

We Have Always Lived in the Castle