Evil Dead Burn (2026)

SCHWARZE SCHAFE DER FAMILIE

7/10

 

Luciane Buchanan als Deadite in Evil Dead Burn
© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: SÉBASTIEN VANIČEK

DREHBUCH: SÉBASTIEN VANIČEK, FLORENT BERNARD

KAMERA: PHILIP LOZANO

CAST: SOUHEILA YACOUB, HUNTER DOOHAN, LUCIANE BUCHANAN, ERROLL SHAND, GRETA VAN DEN BRINK, TANDI WRIGHT, MAUDE DAVEY, GEORGE PULLAR, KEANU KARIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN

 

Wer oder was sind diese Deadites überhaupt?

Was sie definitiv nicht sind: Zombies. Aber auch da wieder im klassischen Sinne, denn was die dämonische Kollektiv-Präsenz in den Evil Dead-Filmen auch kann, ist, neben an sich vitalen Körpern noch bereits tödlich verunglückte auf eine Weise wiederzubeleben, die ans Zombie-Dasein erinnert. Inspiration wird sich Sam Raimi wohl bei William Friedkins Der Exorzist geholt haben. Schließlich reicht es, sich zu überlegen, was gewesen wäre, wenn man Linda Blair nicht ans Bett geschnallt hätte.

Doch anders als Untote sind Deadites ausgesprochen intelligent und, gepaart mit sadistischer Bösartigkeit, gezielt darauf ausgerichtet, andere zu „infizieren“. Das gelingt über alle Arten von Körperflüssigkeiten, und ja: bei Evil Dead fließen davon viele. Was noch nicht ausgetestet wurde, ist sexuelle Übertragbarkeit. Vielleicht heben sich das die Macher für den nächsten Teil auf – der womöglich wieder ganz andere Saiten aufziehen und den kreativen Werkzeugkasten eines ganz anderen Filmemachers über sich ergehen lassen wird. Schließlich ist das Konzept von Evil Dead ein grundlegend äußerst simples – ganz so wie jenes aus Alien, Aliens – und wie sie noch so alle heißen.

Der anthologische Charakter einer Lore

Dieses Basiskonzept hat anthologischen Charakter und mag andere dazu einladen, ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Bei Alien wissen wir längst: James Camerons Sequel war grundlegend anders als das Original von Ridley Scott, hat das Thema uminterpretiert und, da sonst keine weiteren Regeln vorhanden waren, als Actionthriller aufgezogen. Einen Film später dann David Fincher. Seine Version wurde zwar durch das Studio gegängelt, gekürzt und verstümmelt, ist aber wieder anders als die anderen beiden Teile, während Jean-Pierre Jeunet aus dem Weltraumhorror eine Freakshow inszeniert hat – optisch kühn, progressiv und enorm verspielt. Auch der Body-Horror-Faktor steigerte sich ins Groteske.

Was bisher geschah

Bei Evil Dead funktioniert das genauso. Sam Raimi hat sein Original zwischen Groteske und knallhartem Horror angesiedelt, Teil 2 war da schon nahe an der Komödie, Teil 3 sowieso nur noch Fantasy, mitsamt Skelettarmeen und lauter kleinen Bruce Campbells. Dann kam lange nichts – und 2013 dann das bierernste Remake von Fede Álvarez. Eine Gruppe junger Leute wird erneut aufgemischt, die Kettensäge kommt zum Einsatz, der fiese Dämon steckt zeternd im Keller. Das alles hatte keine nennenswerte eigene Handschrift. Modern zwar, aber austauschbar.

Lee Cronin, der eben erst The Mummy ent-wickelt hat (mehr schlecht als recht), bekam für seinen Evil Dead Rise vollkommen freie Hand. Entstanden ist eine destruktive Stirb Langsam-Version: rabiat, dunkel und durchaus augenzwinkernd. Interessant dabei, dass hier erstmals ein griffiger Subplot hinzukommt – im Grunde ein kleines, aber feines Familiendrama, das sich aber letztlich völlig in blutgetränkten Shining-Reminiszenzen verliert.

Nun aber hat sich der Franzose Sébastian Vaniček an das nicht immer ganz schlüssige und ausbaufähige Evil Dead-Regelwerk herangewagt. Vaniček sagt wohl den wenigsten etwas – Liebhaber des Tierhorrors kennen aber vielleicht seinen arachnophoben Wohnhaus-Terror und Festival-Liebling Spiders – Ihr Biss ist der Tod. Immer noch, wenn ich daran denke, werde ich das Gefühl nicht los, dass irgendetwas Vielbeiniges seinen Weg unter mein Gewand gefunden hat.

Ein Familiendrama wird korrumpiert

Vaniček lässt diesmal in entsättigten, modrigen Bildern seine Deadites brennen – jedoch erst, nachdem er seine Version mit viel mehr Story-Kontext angereichert hat, als es in bisher jedem Evil Dead-Film der Fall war. Evil Dead Burn ist insofern eine unerwartete Überraschung, da sein Film so wirkt, als wäre das Familiendrama zuerst dagewesen und hätte sich anders weiterentwickelt, würde da nicht die Hölle wie eine unerwartete Katastrophe über die Lebenden stürzen, die alles anders kommen lässt.

Diese „unerwartete Wendung“ des Schicksals ist Vaničeks größter Triumph – und er wartet damit, bis es losgeht; er zügelt seine Teufel, obwohl sie längst wild mit den Zähnen blecken. Herzstück ist fast schon die vor Anspannung kaum auszuhaltende Ruhe vor dem Sturm, wenn die Familie des tödlich verunglückten Will und dessen Witwe Alice nach dessen Beerdigung in scheinbar trauter Harmonie zu Tisch sitzen. Zu diesem Zeitpunkt weiß das Publikum schon weitaus mehr als die Familie, und so kitzelt Vaniček das Unbehagen und die Spannung aus jeder Sekunde.

Im Kreise der Familie kreist die Säge

Wenn das Fass überläuft und sich die ganze kaputte Familie plötzlich ganz anderen Problemen gegenübersieht, die sie noch kaputter machen, bedient sich Evil Dead Burn einer ganzen Bandbreite an Ideen, wie man den rabiaten Horror anders als gewohnt abfilmen kann. Kameramann Philip Lozano lässt sich sowohl zu Inception-ähnlichen Rotationen hinreißen als auch zur bodennahen Reportage, die den Fokus auf eine Person setzt, die, als wäre sie in einem Kriegsfilm, über das Schlachtfeld robbt, während um sie herum kataklysmische Gewalt herrscht.

Mit Intensität kennt sich Vaniček aus. Er spielt mit dem Vorhersehbaren, ohne das Erwartbare aber zu unterwandern. Er erweitert, anders als in allen anderen Filmen, das Wissen um die Deadites und ergänzt das Mysterium um ein Artefakt. Durch dieses Ding bekommt der Film dann seinen Drive. Plötzlich geht es nicht nur ums Überleben, plötzlich mogelt sich hier eine Schatzsuche ins apokalyptische Geschehen – und ganz plötzlich ist der Horror mehr als nur eine Schlachtplatte.

Mit der hätten die meisten aber ohnehin genug, das ist wie nochmal das Alien in einem Raumschiff weit ab vom Schuss. Hier aber ist das heruntergekommene familiäre Heim die ideale Kulisse für ein Spukhaus und hat deutlich mehr Spielplatz als die überschaubare Hütte im Wald. Souheila Yacoub (Planet B) zeigt hier gleich zu Beginn, wie sehr sie sich auf sich selbst verlassen kann – der französische Touch, den sie reinbringt, sorgt für eine gewisse Arthouse-Eleganz, ein Chanson untermalt gar den Showdown. Das sind Aspekte, die kommen dann doch überraschend, während natürlich, und das soll hier nicht unerwähnt bleiben, die gory Messlatte an Blut, Gebein und Ekel recht hoch sitzt, sich das Ganze aber nicht unnötig ausufernd in organischem Stückwerk suhlt.

CGI als Wermutstropfen

Am Ende verhaspelt sich Vaniček dann doch. So weit, so stilsicher und virtuos, bedient er später die digitale Trickkiste, lässt Assoziationen an James Camerons dystopischen Kult-Einstand aufkommen und erfährt aufgrund eines gewissen Übermuts, dass dieser selten guttut – auch wenn das Statement zu häuslicher Gewalt dem Ganzen eine hauchdünne Message mitgibt. So, als wären die Deadites nur Sinnbilder und Nachtmahre unbereinigter Konflikte und entstanden aus der ohnmächtigen Angst vor Kontrollverlust.

Evil Dead Burn (2026)

Evil Dead Rise (2023)

DIE VOLLKOMMENE DESTRUKTION DER MENSCHLICHEN PHYSIS

6,5/10


Lily Sullivan als Beth in Lee Cronin's Evil Dead Rise
© 2023 Warner Bros.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: LEE CRONIN

KAMERA: DAVE GARBETT

CAST: LILY SULLIVAN, ALYSSA SUTHERLAND, NELL FISHER, MORGAN DAVIES, GABRIELLE ECHOLS, JAYDEN DANIELS, MARK MITCHINSON, BILLY REYNOLDS-MCCARTHY, TAI WANO, ANNA-MAREE THOMAS U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN



Das wirklich Gruseligste an Lee Cronins Wiederbelebung von Sam Raimis bitterbösem Dämonenspuk ist nicht etwa das schauerliche Grinsen der von eben jenen transdimensionalen Destruktoren heimgesuchten und zweckentfremdeten Alyssa Sutherland, obwohl den Make Up-Künstlern hiermit eine Sternstunde ihrer Arbeit gelingt.

Wann das Grauen das limbische System kitzelt

Schon gar nicht sind das Gruseligste all die tödlichen Wunden, die einem ganzen Stockwerk an Hausparteien nacheinander zugefügt werden. Das Gruseligste wohnt einer Schallplatte unbekannten Titels inne, welche die Stimme eines Priesters aus dem Jahre 1923 ertönen lässt – und auch dann nur verständlich ist, wenn man mit dem Finger die Geschwindigkeit der sich drehenden Scheibe dementsprechend reguliert – wie ein Okkult-DJ, den die Neugier packt.

Diese Stimme, die Countenance bewahren muss, um der Nachwelt Bericht zu erstatten, die am Ende der dritten Pressung mit dem Nerven am Ende scheint und zugeben muss, das nichts, aber auch gar nichts das Böse wieder in seine Schranken weisen kann – bei diesem „Found Footage“ kann es zarteren Gemütern schon anders werden. Aber auch Gemütern, die längst nichts mehr dabei empfinden, wenn der Gorehound zubeisst, deren limbisches System aber die Angst kitzelt dank einer undeutbaren, unbekannten, seltsamen Bedrohlichkeit, die im Kontext antiquarischer Überbleibsel in blutdrucktreibender Gothic-Manier für angenehm-unangenehme Schauer sorgen, gefüttert und verstärkt durch Erinnerungen womöglich aus der Kindheit.

Nimm dir doch ein Buch!

Mit dieser Art und Weise des Umgangs mit den „Bösen Toten“, die noch dazu im Menschenhaut-Almanach des Necronomicon in feinsten, mit Rötelstift ausgearbeiteten Illustrationen zum begehrten Sammlerobjekt werden, will sich Lee Cronin (Lee Cronin’s The Mummy) aber nicht länger aufhalten. Obwohl gerade dieser Aspekt das Interessanteste gewesen wäre.

Doch ergründen wollte Sam Raimi seine chaosstiftenden Entitäten aus der Höllendimension schon damals nicht. Buch und Beschwörung reichen zu genau jenem Zweck, diesen ganz speziellen und unzimperlich-deftigen Horror-Workshop zu eröffnen, für den Fingerspitzengefühl ein Fremdwort ist und wo das Eingemachte, an das es gehen soll, zum launig vertilgbaren Überschuss wird.

Das Böse kommt in die Stadt

Von der „Cabin in the Woods“, dessen vermeintliches Geheimnis Drew Goddard in seiner satirischen Hommage desselben Titels ans Licht brachte, reist dasschreckensgeeichte Publikum einen Tag zurück in urbane Gefilde, in ein heruntergekommenes Mietshaus in Los Angeles, in dem Ellie (furchteinflößend: Alyssa Sutherland) mit ihren drei Kindern lebt, und die auch an diesem alles verändernden Abend Besuch von ihrer im Chaos dahinlebenden Schwester Beth bekommt.

Anscheinend muss das Böse erst an die Tür klopfen, damit einem selbst die eigenen Qualitäten bewusst werden. Beth nimmt also die Rolle des Kettensägen schwingenden Ash ein – damals Bruce Campbell: mit strahlendem Intellekt, der nötigen Portion Überlebenswillen und gutem Magen.

Die neue „Ash“?

Zu viel um die eigene Familie trauern darf man dabei nicht, das Leben – oder Überleben – geht weiter. Und so erwehrt sich Lily Sullivan, die absolut das Zeug dafür hat, in diesem Franchise immer wieder mal als Heroine aufzutauchen, die weiß, wo es langgeht, der ungebändigten Lust am Vernichten, die von ungesund aussehenden, ehemals Vertrauten ausgeht.

Zeter und Mordio 

Dabei wird Evil Dead Rise nach ungefähr einer halben Stunde zum munter drauflos metzelnden, ausgeprägt mechanischen Kraftakt, der die Physis menschlicher Körper bis zur Vollkommenheit kaputtmacht. Ein Film also, der die Zerstörung feiert, die Häme und den ganzen Shitstorm, der in den Sozialen Medien immerwährend wütet, der aber diesmal über die Lippen von Leuten kommt, bei denen man es nie für möglich gehalten hätte, das sie so etwas sagen würden.

Cronin weiß – er darf beim „Tanz der Teufel“ nur nicht zipoenters The Thing genauso inspirieren wie von Stanley Kubricks Shining, dazwischen isoliert er seinen monströsen Schauplatz wie in Stirb Langsam von der Außenwelt.

Zwischen den Zahnrädern

Evil Dead Rise macht vorallem technisch vieles richtig, doch was der Reißer nicht schafft, ist, Emotionen zu erzeugen. Als liefe Chaplin in Modern Times Gefahr, zwischen den Zahnrädern einer monströsen Maschine zermalmt zu werden, muss Lily Sullivan und jene, die es zumindest bis zur Halbzeit des Films geschafft haben, nicht besessen zu werden, zusehen, dass ihnen dieses Schicksal ebenfalls nicht blüht.

Krawall-Horror ohne Zwischentöne

Alle anderen werden verwurstet, in apokalyptischen Bildern, die den Nihilismus eines H. P. Lovecraft atmen, ihre Wirkung zwar nicht verfehlen, aber das bleiben, was sie sind: Eine entfesselte Wut-Orgie, in sprudelnd-schäumendes Rot getaucht, mit kreativen Ideen, die aber mit Suspense wenig anfangen kann, dafür aber kurios genug ist, um Zwischentöne gar nicht erst zu vermissen.

Evil Dead Rise ist Krawall, der alles, was in seine Finger gerät, instrumentalisiert. Das ist harte Kost, und doch von einem anpassungsfähigen Pragmatismus geprägt, der die Geschehnisse betrachtet, als wären sie eine spektakuläre Naturkatastrophe oder eine maschinelle Dysfunktion, die einen selbst (zum Glück) nicht betrifft.

Evil Dead Rise (2023)

Send Help (2026)

ENTMANNUNG UNTER PALMEN

5/10

 

© 2025 20th Century Studios. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: SAM RAIMI

DREHBUCH: DAMIAN SHANNON, MARK SWIFT

KAMERA: BILL POPE

CAST: RACHEl MCADAMS, DYLAN O’BRIEN, EDYLL ISMAIL, XAVIER SAMUEL, CHRIS PANG, THANETH WARAKULUKROH, DENNIS HAYSBERT U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Wäre Send Help nicht von Sam Raimi, sondern von zum Beispiel Boris Dagtekin im deutschsprachigen Raum entstanden, hätten wir wohl als chauvinistischen Business-Lackaffen Matthias Schweighöfer auf der einen Seite und auf der anderen wohl Anke Engelke. Dagtekin hätte mit seiner Geschlechterkampf-Inselromanze Türkisch für Anfänger ja schon ein bisschen Survival-Luft geschnuppert, da hätte er auch noch mühelos eins draufsetzen und das Inselfeeling zum Horror mutieren lassen können – wie es eben Sam Raimi nun getan hat, der Dämonenhorror-Veteran schlechthin. Tanz der Teufel zählt ja bis heute zu seiner größten Nummer – mal abgesehen von Spider Man, der zwar ein Kassenerfolg war, aber längst nicht so innovativ wie die Cabin in the Woods-Sause, in der das Böse wirklich keinerlei Gefangenen macht.

Crusoe und Freitag, der 13te

Nicht ganz unwesentlich an diesem Kult beteiligt war und ist wohl Raimis Methode der virtuosen Kamera, die wie vom wilden Affen gebissen im First View durch die Botanik prescht und kompromittierende Close Ups reinschneidet, als wäre man sturzbetrunken. Diesen visuellen Wahnsinn will Raimi nochmal genießen – und verbrät ihn in seinem neuen Inselwahnsinn, den eben auch Boris Dagtekin filmen hätte können, mit Schweighöfer und Engelke. Hier aber haben wir den smarten, aber relativ unscheinbaren Dylan O’Brien – und die ganz bewusst zur Außenseiterin überzeichnete, militant-nerdige Rachel McAdams mit Majo im Mundwinkel, Flohmarktfummel und fettigen Haaren. Klar, man soll ja nie nach dem Äußeren gehen. Sehr wahrscheinlich ist Linda Liddle ein herzerwärmend guter Mensch und sowieso sozial integrer als all die andern vorwiegend männlichen Management-Schnöseln, die hier, mit Sebastian-Kurz-Frisur, Slimfit-Anzügen und unauthentischer Jovialität nur so tun als ob und in Wahrheit das Schlimmste von Linda denken, ganz ungeachtet ihrer beruflichen Vorzüge. Was Dylan O’Brien als ihr frischgebackener Yuppie-Boss nicht weiß: Linda liebt Survival-Shows wie andere ihre Hauskatze. Und was er auch nicht weiß: Die Geschäftsreise per Privatjet mitsamt Linda im Schlepptau endet in einem Worst-Case- Szenario. Das Flugzeug stürzt ab, das tosende Meer spült aber lediglich ihn und die ungeliebte Assistentin an den Strand. Was von da an passiert, ist nichts, was das bisher etablierte Machtgefälle noch unterstützen würde. Hier, im Nirgendwo, dreht sich der Spieß ungefähr so um wie bei Cathy Bates und James Caan in Stephen Kings Misery.

Fast-Romanze mit Eber

Nur ist O’Briens Figur kein begnadeter Schriftsteller, sondern einfach nur ein Arschloch. Und Rachel McAdams – nun, ihre Möchtegern-Insulanerin, nimmt im Laufe dieser schwarzhumorigen Robinsonade immer psychopathischere Züge an, sodass einem der Yuppie-Jungspund langsam leid tun könnte. Doch leider kommt es so, dass sich Raimi in dieser schnell ausgereizten Dynamik zwischen den beiden verliert – und, wie das bei Flugzeugen und Luftlöchern so ist – zwischendurch immer wieder etwas absackt. Es ist, als würde Send Help, wenn man die Handlung einfach laufen lassen würde, ganz andere Wege gehen wollen als Raimi das vorhat. Dabei geht es meistens nur um Minuten, in denen der alte Regie-Hase zu spät reagiert – und schon hat man als Zuseher den Eindruck, die Szenerie gefällt sich letztlich dann doch als Screwball-Romanze mit Halali-Elementen wie dem Erlegen eines aus der Herkules-Sage geklauten Erymanthischen Ebers.

Nein, so will es Raimi aber nicht – er will, dass sich alle an seinen Tanz der Teufel erinnern, deswegen grätscht er mit reminiszierender Kamera und perfiden Gewaltspitzen immer wieder in den Flow – und biedert sich am Ende dann doch einem wie Ruben Östlund an, der mit Triangle of Sadness genau die gleiche Prämisse, einen ähnlichen Plot (nur mit schmuckem Ensemble) und einen erschreckend identen Storytwist bietet. Alter Schwede, dürfte sich Raimi wohl gedacht haben: Sowas mach ich auch.

Send Help (2026)

Doctor Strange in the Multiverse of Madness

MAN LEBT NICHT NUR ZWEIMAL

7,5/10


drstrange_multiverse© 2022 Marvel Studios / Walt Disney Company


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: SAM RAIMI

CAST: BENEDICT CUMBERBATCH, ELIZABETH OLSEN, XOCHITL GOMEZ, BENEDICT WONG, RACHEL MCADAMS, CHIWETEL EJIOFOR, PATRICK STEWART, HAYLEY ATWELL, LASHANA LYNCH, JOHN KRASINSKI, ANSON MOUNT, BRUCE CAMPBELL U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Keine Sorge! Das, was leicht hätte passieren können, tritt zum Glück nicht ein. Nämlich, dass Kevin Feige bei der Planung seines MCU völlig den Faden verliert, was schließlich durch die Einbringung der Multiversum-Komponente verführerisch genug gewesen wäre. Nein, Kevin Feige zeigt sich besonnen. Und weiß, was für und wieviele Fäden er bereits in der Hand hält. Er weiß auch, dass es nicht ratsam wäre, wirklich viel Neues hinzuzutun. Er knüpft also mit den Fäden, die er hat, eine Reihe neuer Muster in seinen epischen Marvel-Wandbehang, auf dem schon so viele Helden und Antagonisten aus den Comics ihren unverrückbaren Platz besetzen. Mehr ist über manche von ihnen nicht mehr zu erzählen. Andere hingegen, die durch den Streamingdienst Disney+ auch in so mancher Serie gut weggekommen sind und noch etwas zu sagen hätten, finden wieder zurück auf die Leinwand. So zum Beispiel Wanda Maximoff aka Scarlett Witch, die wir als Scarlett Witch aber noch nicht kennengelernt haben, es sei denn, die originelle Mindfuck-Dramedy Wandavision kann bereits als gesehen ad acta gelegt werden. Und falls dem nicht so ist, und Doctor Strange in the Multiverse of Madness in den nächsten Tagen ansteht, empfehle ich, diese neun Folgen womöglich an einem Binge-Wochenende noch schnell von der Watchlist zu streichen, ist sie doch die einzig relevante Storyline zwischen all den anderen, die unterstützend dazu beiträgt, Elisabeth Olsens Handeln als Superhexe auch wirklich, in all seiner Dramatik, nachvollziehen zu können.

Die letzte Sache mit Spidey hoch 3 ist mehr oder weniger Geschichte. Dr. Stephen Strange erwacht  nach einem heftigen und sehr real anmutenden Alptraum in seinem Schlafzimmer irgendwann nach Spider-Man: No Way Home an einem normalen Tag im MCU Universum, wo gerade mal sonst nichts passiert – außer die Hochzeit seiner Ex Christine Palmer. Die Feier crasht ein einäugiges Tentakelmonster – womöglich der entfernte Verwandte von Starro, dem Eroberer aus Suicide Squad – das sich durch die Straßen wälzt und auf der Suche nach einem Mädchen namens America alles platt macht. Das mit speziellen Fähigkeiten ausgestattete Wunderkind ist Dr. Strange überdies im Traum erschienen, was folglich einige Fragen aufwirft. Was für Besonderheiten bringt Miss America mit sich? Wie relevant ist das für die Stabilität der Wirklichkeiten? Und warum mischt sich plötzlich Wanda Maximoff ein, hält sie doch ein Buch in ihren Händen, welches womöglich aus demselben Regal entnommen wurde wie H.P Lovecrafts Necronomicon oder eben das Naturon Demonto aus Tanz der Teufel, mit welchen wirklich fiese Dinge angestellt werden können.

Tanz der Teufel? Da wird jemand wie Sam Raimi hellhörig, hat der doch diesen Horrorschocker Anfang der Achtziger inszeniert. Womöglich hat sich der Altmeister gar nicht lange bitten lassen, in Anbetracht der Tatsache, abermals Dämonen und Untote umherbewegen zu dürfen. Aber Marvel und Horror? Geht das überhaupt zusammen? Dabei muss man die Definition von Horror neu überdenken. Horror kann tatsächlich jugendfreundlich sein, ohne groß zu verstören und dennoch zu vergnügen, ähnlich einer Geisterbahnfahrt am Rummel. In Doctor Strange in the Multiverse of Madness setzt Raimi auf Basis eines wirklich astrein überarbeiteten und von unnötigen Schnörkeln befreiten Skripts auf eine attraktive Balance zwischen den bewährten Franchise-Qualitäten, die alle State of the Art sind, und düsterer, aber erfrischend aufgeweckter Dark Fantasy, die in alten Mythen wie Dantes Inferno herumwühlt, liebevolle Hofknickse vor entschärften Evil Dead-Elementen macht und tatsächlich auch den Geist alter Roger Corman-Filmklassiker wie Der Rabe – Duell der Zauberer beschwört. Das Zitieren der coolen Anthologieserie What if… mit allerlei Alternativ-Helden hat überdies Schmackes; die Settings, Kreaturen und das intensive Aufspielen von Elizabeth Olsen ebenso, dagegen wirkt Rachel McAdams geradezu unbeholfen. 

Dieser neueste Beitrag in einer satten und bereits über mehrere Jahrzehnte kausal zusammenhängenden Welt unbegrenzter Möglichkeiten bremst sich dort ein, wo vieles aus dem Ruder hätte laufen können, und eröffnet nur gezielt neue Storylines für spätere Abenteuer. Andere könnten darin das Fahren mit Handbremse sehen, und zugeben muss man schließlich, dass der konveniente Erzählduktus des MCU so erwartbar schmeckt wie ein McDonalds-Burger egal wo auf der Welt. Raimis kluge Regie aber, und die Freude an den Möglichkeiten, auch die etwas dunkleren Seiten des Phantastischen zu bedienen, lassen das metaphysische und stellenweise packende Abenteuer irgendwie anders erscheinen – nur nicht als müden Zaubertrick.

Doctor Strange in the Multiverse of Madness