Judas and the Black Messiah

VERRAT AM VOLKSZORN

7/10


judasblackmessiah© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: SHAKA KING

CAST: DANIEL KALUUYA, LAKEITH STANFIELD, JERMAINE FOWLER, JESSE PLEMONS, DOMINIQUE FISHBACK, DARRELL BRITT-GIBSON, MARTIN SHEEN, ASHTON SANDERS U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Es kommt nicht oft vor, dass Academy Award-Filme, insbesondere, wenn sie für den besten Film nominiert sind, sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden und zumindest hierzulande in Österreich nicht mal einen Kino-Release wahrnehmen können. Daran hat natürlich auch Corona Schuld, doch nichtsdestotrotz hätte sich das zumindest mit zwei Trophäen geadelte Werk eine große Leinwand verdient. Ich kann mich noch erinnern, da war The Hurt Locker von Kathryn Bigelow längst auf Silberscheibe draußen, gabs erst nach dessen großem Triumph die bemüßigung, diesen Film nochmal in die Lichtspielhäuser zu bringen. Aber ich kann auch verstehen – angesichts dieser aufgrund des Rückstaus angehäuften Schwemme an Filmen kann der eine oder andere nicht mal mehr als vermisst gelten, weil es ohnehin (fast) niemandem auffällt.

Judas and the Black Messiah lässt sich nunmehr relativ bequem streamen, und wie erwartet tischt Regisseur Shaka King uns interessiertem Publikum eine durchaus packende Kriminaltragödie auf, die im weiteren Sinne Konflikte Bahn brechen lässt, die wir unter anderem aus Departed – Unter Feinden kennen. Es geht um Treue und Verrat, um Idealismus und Politik. Es geht zum Glück weniger um Ehre, denn die ist für ein Vaterland, das in seiner schnöden Version einer subversiven Apartheid Andersfarbige zumindest politisch unterdrückt, praktisch nicht vorhanden. Das wussten Leute wie Martin Luther King oder Malcolm X, bevor sie ermordet wurden. Und das weiß auch Fred Hampton, Bürgerrechtler und Aktivist für die Black Panther Party, die dem FBI schon seit längerem ein Dorn im Auge scheint. Wir schreiben Ende der 60er Jahre, und wie es der Zufall so will, findet FBI-Agent Mitchell (gefährlich jovial: Jesse Plemons) in dem findigen Autodieb William den richtigen Spitzel, um näher an den „Black Messiah“ ranzukommen. Zwischen diesem und Hampton entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft auf Vertrauensbasis, die Ideale für Black Panther werden selbst für William zur ernstzunehmenden Agenda, jedoch hindern ihn diese nicht daran, einen folgenschweren Verrat zu begehen.

Freundschaft, Feindschaft und die Sache mit Judas. Um bei diesem Vergleich zu bleiben: in der Bibel war dem Jünger der Verrat an seinem Herrn einen Beutel voll Silberlinge wert. Wer weiß, unter welchem Zugzwang der Mann wohl noch gestanden hat. Tatsächlich erinnert die neutestamentarische Figur an den ebenfalls von Reue, Angst und Idealismus gebeutelten Afroamerikaner William O’Neal – auch dieser wird sich einige Zeit später das Leben nehmen. Lakeith Stanfield (Knives Out, Der schwarze Diamant), genauso als Nebendarsteller für den Oscar nominiert wie Daniel Kayuula, der ihn ja schließlich erhalten hat, lässt das eigene Heil über volksvereinigenden Idealismus obsiegen, dabei ist ihm ersteres, so wie er es darstellt, nicht zur Last zu legen. Das inkonsistente Changieren der Black Panther zwischen unverhohlenen Terror-Ambitionen, Revolutionsgedanken und sozialem Engagement hat es damals nicht leicht gemacht, das eigene Leben unter eine militanten Linie zu stellen. Daniel Kayuula, seit Get Out im Kino nicht mehr wegzudenken, hat nicht weniger Charisma als Che Guevara, trägt auch artig das Barett und wettert gegen Polizisten – eine starke Performance. Gemeinsam meistern die beiden einen Film, der im Vergleich zu anderen derartigen Politfilmen ungewohnt ausdauernd beim Thema bleibt. Natürlich alles in gewohnten inszenatorischen Bahnen, mit reichlich Zeitkolorit und Privatem dazwischen. Doch Shaka Kings Film wirkt neben seinen rekapitulierenden Auftrag auch in Anbetracht gegenwärtiger Umstände nicht wenig empört.

Judas and the Black Messiah

Project Power

GIB MIR FÜNF MINUTEN!

5/10

 

projectpower © 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: HENRY JOOST, ARIEL SCHULMAN

CAST: JAMIE FOXX, JOSEPH GORDON-LEVITT, DOMINIQUE FISHBACK, RODRIGO SANTORO, COURTNEY B. VANCE, AMY LANDECKER U. A.

 

Hast du keine – nimm dir eine! Gegen die Langzeitabwesenheit diverses Superkräfte gibt es jetzt die geeignete Pille für jedermann. Vielleicht, so könnte jetzt der eine oder andere Verschwörungstheoretiker aus dem Heldenuniversum vermuten, haben Superman und Co auch nur ihre Skills auf Rezept. Vielleicht ist das ja so, in Filmen sieht man das nie, genauso wenig wie man sieht, dass Superhelden irgendwann auf die kleine Seite müssen. Aber wie auch immer: Superheld kann jetzt jeder sein. Allerdings nur für 5 Minuten. Zwar nicht so prickelnd wie 15 Minuten Ruhm, aber vielleicht ist das ja noch die Testphase. Das Ziel ist: Superheldenskills ein Leben lang.

Mit dieser Zuhaufnahme unkontrollierbarer Kraftmeierei muss sich die Exekutive im neuen Netflix-Release Project Power herumschlagen. Rennen wie der Blitz, Sachen stemmen, die keiner stemmen kann, unsichtbar die Bank ausrauben und so weiter. Um dieses Gefälle etwas einzuebnen, hat sich Polizist Frank (Joseph Gordon-Levitt) dazu entschlossen, ebenfalls von diesen Pillen Gebrauch zu machen, was natürlich nicht sein darf. Und genauso wenig darf sein, dass ein Kerl wie Art (Jamie Foxx) bei den Vertickern dieser Droge ordentlich Stunk macht. Unter sein Radar fällt das Schulmädchen Robin, das ebenfalls versucht, mit diesem Wunderding die Krankenversicherung für ihre Mama zu ersetzen. Letzten Endes aber suchen alle drei auf ihre Art die sogenannte Quelle, den Ursprung dieses medizinischen Phänomens, und müssen dabei alle Arten von feindlich gesinnten Mutationen parieren.

Prinzipiell hat die Basis dieses Science-Fiction-Streifens ja nicht wenig Potenzial. Filme zu Wunderpillen gibt’s aber genug, zum Beispiel Ohne Limit, jenen Thriller mit Bradley Cooper um eine Multitasking-Pille mit eklatanten Nebenwirkungen. Die Idee aber, sich für fünf Minuten das animalische Extra zu geben, ist recht erfrischend. Wenn Jamie Foxx mit einem Fantastic-Four-Trittbrettfahrer, der in Flammen aufgeht, die Feuertreppe runterpurzelt, dann ist das eine der besten, wenn nicht gar die gelungenste Szenen des Films. Und es scheint tatsächlich, als ob die Herren Henry Jost und Ariel Schumann, bekannt für ihre Paranormal Activity-Sequels oder auch den Social Media-Thriller Nerve, relativ bekannte Versatzstücke der Entertainment-Dystopie auf eine andere Schiene heben. Leider gelingt ihnen dieses Kunststück nicht wirklich. Screenwriter Mattson Tomlin, der auch für den neuen Batman den Stift geschwungen hat, orientiert sich zu sehr an bereits vorgefertigten Schablonen, die in diesem Genre bereits in rauen Mengen vorhanden sind. Stereotype Verschwörungen für eine optimierte Menschheit lassen genauso gähnen wie ein ungerechtfertigter Vertrauensvorschuss für Jamie Foxx oder finstere Handlanger ohne Biographie, die sowieso den Kürzeren ziehen werden, so vorhersehbar wie das Ganze bald sein wird. Gegen Ende greifen die Filmemacher für den Showdown nochmal tief in den Zauberkasten aus Farben und Firlefanz – eh ganz nett, eh nur geringfügig dick aufgetragen, was wiederum wenig zur relativ knackigen coolen ersten Halbzeit des Filmes zu passen scheint.

Project Power ist also genauso wenig wie The Old Guard etwas, das nachhaltig in Erinnerung bleibt oder aus der Fülle an aufpolierten High-End-Produktionen, die Netflix aufgekauft hat, heraussticht. Umso mehr vertröste ich mich dann angesichts dieser halbherzig genutzten Chance, Superhelden anders zu sehen, auf die zweite Staffel von The Boys, die diesem erschöpften Genre nochmal so richtig in den Hintern treten werden.

Project Power