Project Power

GIB MIR FÜNF MINUTEN!

5/10

 

projectpower © 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: HENRY JOOST, ARIEL SCHULMAN

CAST: JAMIE FOXX, JOSEPH GORDON-LEVITT, DOMINIQUE FISHBACK, RODRIGO SANTORO, COURTNEY B. VANCE, AMY LANDECKER U. A.

 

Hast du keine – nimm dir eine! Gegen die Langzeitabwesenheit diverses Superkräfte gibt es jetzt die geeignete Pille für jedermann. Vielleicht, so könnte jetzt der eine oder andere Verschwörungstheoretiker aus dem Heldenuniversum vermuten, haben Superman und Co auch nur ihre Skills auf Rezept. Vielleicht ist das ja so, in Filmen sieht man das nie, genauso wenig wie man sieht, dass Superhelden irgendwann auf die kleine Seite müssen. Aber wie auch immer: Superheld kann jetzt jeder sein. Allerdings nur für 5 Minuten. Zwar nicht so prickelnd wie 15 Minuten Ruhm, aber vielleicht ist das ja noch die Testphase. Das Ziel ist: Superheldenskills ein Leben lang.

Mit dieser Zuhaufnahme unkontrollierbarer Kraftmeierei muss sich die Exekutive im neuen Netflix-Release Project Power herumschlagen. Rennen wie der Blitz, Sachen stemmen, die keiner stemmen kann, unsichtbar die Bank ausrauben und so weiter. Um dieses Gefälle etwas einzuebnen, hat sich Polizist Frank (Joseph Gordon-Levitt) dazu entschlossen, ebenfalls von diesen Pillen Gebrauch zu machen, was natürlich nicht sein darf. Und genauso wenig darf sein, dass ein Kerl wie Art (Jamie Foxx) bei den Vertickern dieser Droge ordentlich Stunk macht. Unter sein Radar fällt das Schulmädchen Robin, das ebenfalls versucht, mit diesem Wunderding die Krankenversicherung für ihre Mama zu ersetzen. Letzten Endes aber suchen alle drei auf ihre Art die sogenannte Quelle, den Ursprung dieses medizinischen Phänomens, und müssen dabei alle Arten von feindlich gesinnten Mutationen parieren.

Prinzipiell hat die Basis dieses Science-Fiction-Streifens ja nicht wenig Potenzial. Filme zu Wunderpillen gibt’s aber genug, zum Beispiel Ohne Limit, jenen Thriller mit Bradley Cooper um eine Multitasking-Pille mit eklatanten Nebenwirkungen. Die Idee aber, sich für fünf Minuten das animalische Extra zu geben, ist recht erfrischend. Wenn Jamie Foxx mit einem Fantastic-Four-Trittbrettfahrer, der in Flammen aufgeht, die Feuertreppe runterpurzelt, dann ist das eine der besten, wenn nicht gar die gelungenste Szenen des Films. Und es scheint tatsächlich, als ob die Herren Henry Jost und Ariel Schumann, bekannt für ihre Paranormal Activity-Sequels oder auch den Social Media-Thriller Nerve, relativ bekannte Versatzstücke der Entertainment-Dystopie auf eine andere Schiene heben. Leider gelingt ihnen dieses Kunststück nicht wirklich. Screenwriter Mattson Tomlin, der auch für den neuen Batman den Stift geschwungen hat, orientiert sich zu sehr an bereits vorgefertigten Schablonen, die in diesem Genre bereits in rauen Mengen vorhanden sind. Stereotype Verschwörungen für eine optimierte Menschheit lassen genauso gähnen wie ein ungerechtfertigter Vertrauensvorschuss für Jamie Foxx oder finstere Handlanger ohne Biographie, die sowieso den Kürzeren ziehen werden, so vorhersehbar wie das Ganze bald sein wird. Gegen Ende greifen die Filmemacher für den Showdown nochmal tief in den Zauberkasten aus Farben und Firlefanz – eh ganz nett, eh nur geringfügig dick aufgetragen, was wiederum wenig zur relativ knackigen coolen ersten Halbzeit des Filmes zu passen scheint.

Project Power ist also genauso wenig wie The Old Guard etwas, das nachhaltig in Erinnerung bleibt oder aus der Fülle an aufpolierten High-End-Produktionen, die Netflix aufgekauft hat, heraussticht. Umso mehr vertröste ich mich dann angesichts dieser halbherzig genutzten Chance, Superhelden anders zu sehen, auf die zweite Staffel von The Boys, die diesem erschöpften Genre nochmal so richtig in den Hintern treten werden.

Project Power

The Old Guard

WHO WANTS TO LIVE FOREVER?

6/10

 

the-old-guard© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: GINA PRINCE-BYTHEWOOD

CAST: CHARLIZE THERON, MATTHIAS SCHOENAERTS, KIKI LAYNE, MARWAN KENZARI, ALFREDO TAVARES, CHIWETEL EJIOFOR, HARRY MELLING U. A. 

 

Bei Highlander Connor MacLeod konnte es nur einen geben. Gut, ein Schotte macht noch keinen Sommer. Dieser Tage heizen uns andere Expendables ein, die alles andere als austauschbar sind. Bei The Old Guard sind es gleich mehrere, die auf eine nachhaltige Anomalie ihres Daseins zurückblicken können: sie sind unsterblich. Grand Dame dieser Selbsthilfegruppe unkaputtbarer Individuen ist Andy, oder wie sie eigentlich wirklich heißt: Andromache of Scythia, eine Legende der Antike, die gefühlt mir allen Feldherren der alten Zeit gekämpft hat. Und die auch nach tausenden von Jahren überraschend unverbraucht wirkt, womöglich weil sie sich stets neu erfindet. Die anderen in ihrem Geleit sind sich zumindest bei den Kreuzzügen gegenübergestanden, der eine ein Sarazene, der andere ein Tempelritter. Mittlerweile lieben sie sich – ein sehr sympathisches Detail zur Verbrüderung der Religionen. Alle zusammen kämpfen sie für die gerechte Sache – und sind dort zur Stelle, wo die Menschheit gerade mal jemanden benötigt, um sicherzustellen, dass das Überleben ganz anderer Leute einen globalen Impact gewährleistet. Bei ihrem neuesten Einsatz allerdings werden sie übers Ohr gehauen und fortan vom diabolischen Pharma-CEO Harry Melling (Harry Potter-Fans wissen: das war Dudley Dursley!) gejagt. Während des Katz- und Mausspiels bekommt ihre Truppe unerwartet Zuwachs – eine junge Marine, die im Irak eigentlich hätte draufgehen sollen, erfreut sich akuter Genesung.

Graphic Novels sind die neuen Drehbücher – oder die besten literarischen Vorlagen. Der Grund liegt auf der Hand: mit der Story werden gleich noch die Storyboards mitgeliefert. Seit Sin City und 300 wissen wir: Panels lassen sich geradezu eins zu eins fürs Kino adaptieren. Aber das muss natürlich nicht zwingend sein. Es ist auch voll in Ordnung, wenn die Regie nur den Steckbrief der Protagonisten übernimmt – mitsamt prägnantem Waffen-Arsenal. So schwingt Charlize Theron, die mit Vorliebe ihre Kampfamazonen rauslässt (so gesehen in Atomic Blonde oder als Imperator Furiosa in Mad Max: Fury Road) eine schneidige Axt. Alle anderen haben Schwerter und Schusswaffen. Dieser martialische Werkzeugkasten verleiht dem soliden Reißer etwas anregend Anachronistisches, ganz so wie bei Highlander. Was kann der Film sonst noch? Nun, zumindest ein stringentes Abenteuer rund um Leben, Tod und die Sehnsucht nach Sterblichkeit erzählen. Auf ewig existieren ist nichts, das kann auf die Dauer nicht gut gehen. Also nochmal: Who wants to live forever?

Die Frage nach dem Warum dieser außergewöhnlichen Mutation stellt The Old Guard zwar schon, erhält aber keine Antwort. Vielleicht aber folgt diese im zweiten Teil der Verfilmung, denn angesichts der Post Credit-Szene, die man nicht verpassen sollte, muss das Schicksal des unbezwingbaren Grüppchens natürlich weitererzählt werden. Wobei sich letzten Endes die Frage stellt: Ist The Old Guard der bessere Film, oder die bessere Serie? Betrachtet man die Machart des Streifens, so wird das Medium austauschbar. The Old Guard hat nichts, was ihn definitiv als Kino-Event auszeichnet, sondern viel mehr, um das Werk als Pilotfilm einer qualitätsbewussten High End-Serie an den Start zu bringen. Dafür wäre die blutige Routine-Action mitsamt seinen Zeitraffer-Heilungsprozessen und wandelnden Geschichtsbüchern als Serienkino-Hybrid ein echter Hingucker.

The Old Guard

Gundala

MISTER BLITZABLEITER

5,5/10

 

gundala© 2019 Koch Media

 

LAND: INDONESIEN 2019

REGIE: JOKO ANWAR

CAST: ABIMANA ARYASTYA. TARA BASRO, ARIO BAYU, BRONT PALARAE, LUKMAN SARDI U. A.

 

Was das Entertainment im Westen so hervorbringt, scheint Indonesien zu gefallen. Am liebsten Marke Event – bunt und laut und wohlgefällig. Was eignet sich da nicht besser als Hollywoods Comic-Universen? Superhelden gehen immer. Aber müssen es wirklich immer nur die Avengers oder die Justice League sein? Gibt’s da nicht auch noch andere Helden? Nicht zwingend aus der zweiten Reihe, aber aus einer ganz anderen Hemisphäre. Siehe da, Indonesien hat sowas auch (wer hat die eigentlich nicht – ich warte eigentlich schon auf Österreichs Verfilmung von ASH). Erschaffen wurde einer dieser Charaktere vor wirklich schon langer Zeit, und zwar Ende der 60er Jahre, von einem Autor namens Harya „Hasmi“ Suraminata: Gundala. So heißt der gute Mann, und der hat fast schon eine ähnliche schicksalhafte Kindheit wie unser wohlbekannter Batman. Gundala also muss zusehen, wie sein Papa stirbt und wird dann auch noch von Mama alleingelassen. Den Reichtum eines Bruce Wayne hat der Knabe freilich nicht, also läuft er weg, irgendwo hin, und sieht dabei zu, dass er nicht in ein Gewitter kommt, was in der Regenzeit in Jakarta des Öfteren mal passiert. Die Blitze nämlich, die scheinen es auf den Kleinen abgesehen zu haben.

Dieses Jakarta, das ist wie Gotham City. Es herrscht Unfrieden zwischen dem Proletariat und den Arbeitgebern, Menschen- und Arbeitsrechte sind Mangelware, das Volk protestiert, wo’s nur geht. Irgendwo in diesem Moloch treibt so mancher zu Unrecht entstellter Antagonist sein Unwesen, mit sämtlichen anderen Finsterlingen im Schlepptau. Es folgt – wie kann es anders sein – für Gundala die große Stunde der Erkenntnis, für etwas ganz anderes bestimmt worden zu sein als nur für ein normales Leben, das geprägt ist von Wunschträumen nach der Heimkehr seiner Mutter.

Natürlich hat Gundala später auch sein eigenes Outfit, das ein bisschen aussieht wie das von Wolverine aus den Comics und Deadpool zusammen. Ein Superheld braucht sowas, und er braucht auch übermenschliche Kräfte, um den Bösen ordentlich den Hintern zu versohlen. Joko Anwar beginnt sein Origin-Movie nebst ordentlich Dramatik mit beeindruckenden Bildern, die manchmal an David Finchers grünstichig-verregnete Optik erinnern. Technisch gesehen gibts da wirklich nichts auszusetzen, Effekte und alles andere sind State of the Art, da müsste Hollywood anerkennend nicken. Aber wie das bei Origin-Stories eben mal so ist, kann auch Indonesien nicht anders, als im Grunde die immer gleiche Geschichte zu erzählen. Vom gekränkten Finsterling und vom selbstlosen Volksvertreter. Vor allem im Mittelteil hat Gundala schön fotografierte, aber satte Längen, die dem Genre der Comicverfilmung nicht viel Neues abgewinnen.

Die südostasiatische Antwort auf Marvel und Co ist nicht volltönend, aber grundsolide, durchaus sympathisch und für ein bereits verwöhntes Publikum gefällig genug, um seine Fans zu finden. Selbst den Teaser für eine mögliche Fortsetzung kann sich das Heldenkino Indonesiens nicht verkneifen. Die Comics um Gundala und Co wird man hierzulande aber vergeblich suchen – es sei denn, dieses DVD-Release entwickelt sich zu einem erfolgreichen Selbstläufer, was ich dann aufgrund des bereits gesättigten Marktes aber kaum glauben kann.

Gundala

X-Men: Dark Phoenix

ALLE(S) IN DER SCHWEBE

6,5/10

 

x-men-phoenix© 2019 20th Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: SIMON KINBERG

CAST: SOPHIE TURNER, JAMES MCAVOY, JENNIFER LAWRENCE, MICHAEL FASSBENDER, NICHOLAS HOULT, JESSICA CHASTAIN, TYE SHERIDAN U. A.

 

Die Apocalypse wurde abgewandt. Das war aber angesichts dieses vor drei Jahren über die Leinwand gestelzten blauhäutigen Schnösels mit unreflektierten Allmachtsfantasien a la Steppenwolf (siehe Justice League) wohl keine allzu große Hexerei. So wenig charismatisch und furchteinflößend, wie Oscar Isaac mit offensichtlich aufgepinselter Maske eigentlich war, so hohl war das effektgeladene Getöse um ihn herum. Versucht wäre man gewesen, den viel zu hoch gegriffenen Nickname Apocalypse gegen etwas handzahmeres zu tauschen, eventuell vielleicht gegen Dark Phoenix – aber der ist schon vergeben, nämlich an die gute Jean Grey, die doch eigentlich, zumindest in den ursprünglichen Teilen, mit dem Raubein Wolverine liiert war. Doch von der wandelnden Adamantiumklinge ist weit und breit keine Spur mehr. Diesen von James Mangold inszenierten Abgesang in Farbe oder Schwarzweiß (Sie haben die Wahl!) kann keiner mehr toppen, das war Comic-Kino vom Feinsten, nämlich bis in den letzten Klingenschliff hinein so dermaßen handelsunüblich, das wohl kein anderer Filmemacher ähnliches wagen würde.

Und so ist es auch. James Kinberg lehnt sich bei seinem Zapfenstreich für eine ganze Generation Superhelden natürlich nicht weiter aus dem Fenster wie vom Gesamtkonzept des bereits existierenden, generischen X-Men-Universums vorgesehen. Das muss doch alles zusammenpassen, und keine Wege führen an Apocalypse vorbei, das heißt, hier muss angeknüpft werden. In der Optik, im Erzählstil, und überhaupt. Das hat schon seine begrüßenswerte Stringenz, da wünsche ich mir tatsächlich keinen Logan, das darf schon so bleiben, dass es aussieht, als hätten wir es mit einer hochbudgetierten Streamingserie zu tun (TV-Serie sagt man ja eigentlich nicht mehr, oder?), die so wie bei Avengers: Endgame oder Game of Thrones alles zu einem erträglichen Ende führen will, ohne bei der Fangemeinde allzu viel Sodbrennen zu verursachen. Nun, bei den X-Men ist die Fangemeinde nicht ganz so verbissen und dogmatisch wie bei Game of Thrones oder Star Wars. Drehbuchentscheidungen beim Mutantenpatchwork können gar nicht so sehr den Erwartungen quergebürstet sein, um Kontroversen zu entfachen. Da ist es eher egal, wie es endet, zumindest meinem Eindruck nach. Und auch X-Men: Dark Phoenix erleidet Verluste in den eigenen Reihen, die filmische Finals einfach mit sich bringen müssen, das sagt der gute Ton eines Schlussakkords. Kein Ende ohne Schrecken.

Dabei schreckt mich in X-Men: Dark Phoenix positiv betrachtet eigentlich gar nichts. Das letzte Kapitel rund um Sophie Turners Levitationen ist ein gestrafftes, direkt schon betriebsinternes Teambuilding, das sich den Kick fürs kommende Tabula Rasa aus dem extraterrestrischen Raum holt. Und dort gibt es ja bekanntlich jede Menge Intelligenzen, die einfach nicht an Gaja vorbeikommen können oder wollen, weil wir Menschen vielleicht doch etwas Einmaliges sind, vielleicht einmalig, weil wir uns so sehr mit uns selbst beschäftigen, dass Eroberungen jenseits des Sol-Systems noch lange nicht zur Debatte stehen. Das dürfte richtig niedlich sein, für all die eroberungswütigen Aliens. Und so lockt sie eine amorphe Energie in den Dunstkreis des blauen Planeten, die bei einer Rettungsmission unseres Mutantenkorps großen Gefallen an einer Telepathin findet, die gegen ihren Willen eine recht interdisziplinäre Begabungsförderung genießen wird. Entstehen wird Dark Phoenix, die verdrängte Traumata durchleben und sich entscheiden muss, wo ihre Skills wohl am Besten aufgehoben sind. Weiters im Mittelpunkt: der gute oder weniger gute Charles Xavier, der sich ebenfalls zu etwas durchringen muss, was seinem profunden Allgemeinwissen zwangsläufig zuwiderlaufen wird. Da ist das schauspielerische Können eines ganzen Ensembles gefragt, und Kinberg erreicht in dieser Hinsicht Qualitäten, die wir bislang fast nur von Joss Whedon kennen. Das Buffy-Mastermind kennt sich mit Teamgeist am besten aus, und Kinberg macht es ihm nach, mit sichtlichem Erfolg. Hier kommt keiner der Helden zu kurz, weder Beast noch Raven noch der fahrige Teleporter Nightcrawler, der überhaupt seine formschönsten Auftritte hat, vor allem in der Weltraumszene zu Beginn des Films.

Was zu kurz kommt, das ist die Geschichte dahinter, die den Stein der X-Men-Neuordnung überhaupt erst ins Rollen bringt. Die unbekannten Agressoren aus den Tiefen des Alls verkommen zu einer Variablen, die der Einfachheit halber so wie in gefühlt jeder Kino-Invasion Gestaltwandler sind. Das ist banal, und auch der Allmachtsdrang a la Apocalypse von Seiten der Antagonisten wenig durchdacht. Doch die Supervision der X-Men braucht dringend ein Handlungsgerüst, egal welches. Für dieses stellt sich Jessica Chastain als schlupflidriges Powerwesen in aschblondem Haar gerne zur Verfügung. Sophie Turner hat damit nebst ihren eigenen inneren Dämonen eine relativ ebenbürtige Gegnerin, ohne großen Background zwar, aber mit bekanntem Konterfei. Dem zuzusehen, und so, wie sich der wilde Haufen einer kraftvollen Elite zusammenrauft, das ist deutlich attraktiver als beim letzten Mal, spart sich am Ende auch langes Gesülze und muss niemandem die Liebe mal 3000 gestehen. Das ist recht pragmatisch, dafür aber auch ohne viel Verzettelung zu Ende erzählt. Vielleicht auch, weil Disney-Marvel schon ungeduldig in den Startlöchern scharrt, um auch diese Heldenclique schleunigst in das Cinematic Universe zu transferieren. Was dann folgen mag, ist vielleicht wieder ein kompletter Neuanfang, vielleicht sogar wieder mit Wolverine, der sich erneut in eine Jean Grey verguckt, die wir dann zum dritten Mal neu kennenlernen müssen.

X-Men: Dark Phoenix

Avengers: Endgame

THOSE WERE THE DAYS MY FRIEND…

6/10

 

avengers_endgame© 2019 Marvel Studios

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

CAST: ROBERT DOWNEY JR., CHRIS EVANS, SCARLETT JOHANSSON, CHRIS HEMSWORTH, JOSH BROLIN, PAUL RUDD, MARK RUFFALO U. V. A.

 

Unser Universum ist vermutlich unendlich. Ein anderes ist es nicht – und lotet gerade seine Grenzen aus. Wir sind da mit dabei, die Geeks des Comic- und Popkultur-Kosmos, die Serienjunkies und Freunde fiktiver Welten. Die Rede ist vom Marvel Cinematic Universe. Sein Ereignishorizont – zum Greifen nah. Jenseits davon eine nicht sichtbare, da alles Licht verschluckende Singularität, ein Nichtwissen, wie es überhaupt weitergehen soll. Darüber sollten wir uns aber noch nicht den Kopf zerbrechen. Kommt Zeit, kommt Rat. Apropos Zeit – die ist für viele der liebgewonnenen Helden, die sich bis zum zehnten Jahr mit sämtlichem Gesocks der irdischen und interstellaren Welt herumschlagen mussten, abgelaufen gewesen. Im wohl besten Film des ganzen MCU – in Avengers: Infinity War – wurde die Marvel-Gemeinde mit einem völlig unerwarteten und vom Hocker fegenden Ende konfrontiert. Rund ein Jahr blieb also Zeit, diesen vorläufigen Status Quo überhaupt mal zu realisieren. Und um die Gewissheit zu erlangen, dass hier längst noch nicht aller Tage Abend sein kann. Denn – laut Christian Morgenstern – „kann nichts sein was nicht sein darf“. Also grübel und studier: was könnte das Schicksal denn noch nachträglich abwenden? Leerlauf genug, um sich seine eigenen Theorien zu schmieden. Wohl die meisten würden auf den gemeinsamen Nenner kommen, der irgendwie mit Zeit zu tun hat. Und spätestens nach Ant-Man and the Wasp war es beschlossene Sache – Marty McFly wird in irgendeiner Form grüßen lassen. Wenn schon nicht mit einem fliegenden De Lorean, dann zumindest mit dem profunden technischen Wissen eines Tony Stark oder Bruce Banner. Die Papas werden´s schon richten. Mit guter Hoffnung geht also das Finale Grande in die Zielgerade. Und hat den Ziellauf eigentlich schon hinter sich. Was bleibt: schön sachte auslaufen, nicht sofort stehenbleiben, den Jubel genießen. Wie das bei einem Marathon eben so ist, nämlich dass die körperliche Anspannung von rund 42 Kilometern oder 11 Jahren nicht einfach so ausgepustet werden kann.

Was ich damit sagen will – Avengers: Endgame ist wie das, was folgt, wenn das Zielbanner durchlaufen ist. Die letzten Meter Sprint, die hatten wir letztes Jahr. Das war anfeuern, bangen, mitfiebern, da war alles drin. Und das haben Anthony und Joe Russo genauso konzipiert. Mit voller Konzentration, um aufzuholen, niederzuringen, den Trumpf auszuspielen, den man noch in den Muskeln und im Equipment hat. Avengers: Infinity War ist ein Meisterwerk, weit besser als der oscarnominierte Black Panther, und von einer dramaturgischen Fingerfertigkeit, die anbetracht dieser monumentalen Riege an Stars und Sternchen punktgenau akzentuiert und erzählt wird. Das braucht schon Hirn- und Koordinationsschmalz – eine große Leistung. Hätte man Infinity War und Endgame zu einem fünfstündigen Epos zusammengeschmiedet, hätte sich das Regie-Duo sicher irgendwann verheddert. Oder wäre über ihren eigenen Perfektionismus gestolpert. Doch auch wenn – so wie de facto – Avenger: Endgame als eigenständiger Schlussakkord auf die Leinwand gewuchtet wurde, um dem Verheddern zu entgehen: dieser Stolperfalle entkommt er dann doch nicht. Mit dem Timing des Auf- und Abtretens der Charaktere stimmt so einiges nicht. Aus gewohnt geschmeidigem Rhythmus erklingen Misstöne, die gleichmäßig lodernde Fackel des Widerstands vor dem Endgegner flackert, und das durchaus kritisch. Da helfen zeitnah und akribisch eingeführte Asse im Ärmel als Standalone enttäuschend wenig – und machen ihren Platz in der bisherigen Anthologie der Superhelden ernüchternd irrelevant. Und der Antagonist selbst: der darf, damit das Drama funktioniert, frei wählen, wie stark er ist. Zum Leidwesen einer dem ohnehin Phantastischen inhärenten Logik.

Die To-Do-Liste bei den Avengers ist lang. Also Ärmel aufkrempeln, ran an die Arbeit, und am besten gestern. Multitasking, Kleingruppen und erhöhte Belastbarkeit. Das Ganze klingt wie das Bewerbungsprofil eines mittelgroßen Konzerns, der mit der Challenge am Markt mithalten will. Daraus entwickelt Avengers: Endgame den Anspruch, mehr als nur ein Film sein zu wollen. Vielleicht gleich zwei zusammen. Oder besser eine Miniserie, wie derzeit Game of Thrones. Die Westeros-Saga ist ja großes Kino im Fernsehen und funktioniert. Endgame ist aber großes Fernsehen im Kino – und setzt auf die inszenatorischen wie dramaturgischen Mechanismen einer Show, deren letzter, deutlich fahriger Akt in viele kleine zersplittert und auf einen orchestralen Tusch hinsteuert, der dann sein Publikum wohlkalkuliert in die Sitze drücken soll. Doch, mitunter tut er das ja auch. Aber so richtig packend ist etwas anderes. Und dafür gibt es zwei Gründe, nebst den bereits genannten.

Abgesehen davon, dass mir wirklich keiner – und das wage ich zu behaupten – erklären kann, wie das alles technisch funktionieren soll, und noch dazu in so kurzer Zeit, ist erstens die Wahl der Mittel zur Lösung aller Probleme eine, die Tür und Tor öffnet für die willkürliche Abänderbarkeit gegebener Umstände. Wie das Zurückblättern in einem Spielbuch darf zurechtgerückt werden, bis alles passt. Und das nimmt dem Drama etwas die Würze, schwerwiegenden Entscheidungen die zu ertragenden Konsequenzen. Und zweitens? Avengers: Endgame rekapituliert drei Stunden lang zehn Jahre MCU auf eine Weise, die alle Nichtkenner und sei es auch nur von einzelnen Episoden das eine oder andere Mal sicherlich verwirrt zurücklässt. Endgame ist also nichts, was aus dem Infinity-Kontext gerissen werden kann (Wer sich das aber trotzdem antut, dem wird vieles entgehen). Was wir sehen, ist eine Retrospektive von Iron Man bis Captain Marvel, betreten scheinbar interaktiv viele der Filme, die uns zu Recht begeistert haben – und sehen sich eigentlich nicht wirklich Neuem gegenüber. Das Neue ist das überraschend Alte, kleinteilig verwoben in einem einzig nur wählbaren, und daher auch erwartbaren Fortgang einer Geschichte, deren Dynamik seit eh und je in den Details steckt. Was mitunter gut ist, und wo Widersehen auch Freude macht. Doch die Kompromisslosigkeit von Avengers: Infinity War ist fort, die theatralische Dichte einem augenzwinkernden Heist-Movie gewichen, das durchaus großes Vergnügen macht, aber in fast rührender Wehmut vor sich hinplätschert, mit ganz viel Dialog, langen ruhigen Sequenzen und zwischendurch einigen dramatischen Spitzen, die wie schon erwähnt so typisch Serie sind, dass sich im Kino am Stück seltsame Längen einschleichen. Sind die überwunden, kommt das Ende vom Ende, kolossal wie Herr der Ringe und so bunt und angeräumt wie die Vitrine in einem Comicbuchladen. Was zu erwarten war, so wie der unvermeidliche Appendix eines rührseligen Pathos, leider ganz typisch Hollywood. Wenn die großen Gameplayer der Unterhaltung etwas beenden, dann nicht ohne Zapfenstreich. Der ist also jetzt verklungen, und das Ende ist ein neuer Anfang. Ich liebe Marvel, und all die Kritik hier ist aus einer wohlmeinenden Affinität heraus notiert, die eine ganz bestimmte Hoffnung niemals zerstreuen könnte. Nämlich jene, dass das MCU vielleicht doch unendlich ist.

Avengers: Endgame

Aquaman

WENN SUPERHELDEN IM TRÜBEN FISCHEN

3/10

 

aquaman© 2018 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: JAMES WAN

CAST: JASON MOMOA, AMBER HEARD, WILLEM DAFOE, PATRICK WILSON, NICOLE KIDMAN U. A.

 

Gegenwärtig ist nur ein Bruchteil unserer Meere eingehend erforscht worden. Die Tiefsee ist gar ein Buch mit sieben Siegeln – diese lebensfeindliche lichtlose Welt lässt sich ohnehin nur in einzelnen Kubikmetern genauer betrachten. Dennoch – so blind könnten nicht mal wir Menschen sein, um nicht irgendetwas von irgendeinem dieser sieben gigantischen unterseeischen Königreiche zumindest aus den Augenwinkeln spitzzukriegen. Nach den DC Comics über Aquaman dürfte die Menschheit auf trockenem Fuß so sehr mit sich selbst beschäftigt sein, dass bisher nichts über die Existenz mehr oder weniger evolutionär begünstigter Fischmenschen durchsickern konnte. Schön für Atlantis, schön für alle anderen, die Haie, Riesenseepferdchen und Buckelwale domestizieren konnten und Städte aus Medusenschirmen und Fischblasen erbauen. Die Rätsel solcher Koexistenzen, die hat zum Beispiel die Wizarding World einer Jeanne K. Rowling geschickter gesponnen. Und auch Marvel hat sich mit seiner unter einem Tarnschirm verborgenen afrikanischen Stadt Wakanda ein bisschen mehr für eine der alternativen Realität inhärente Logik bemüht. Aber sei’s drum, ist nicht so wichtig. Das phantastische Kino darf fast alles – wenn der Rest irgendwie passt, soll von mir aus alles, was sich unter dem Meeresspiegel abspielt, ein Geheimnis bleiben.

Dieses Geheimnis, das hätte Aquaman am Besten für sich bewahren sollen. Denn sein Solo-Abenteuer unter der Regie von Saw und Fast&Furious-Virtuose James Wan unterliegt qualitativ sogar der Keilerei Batman vs. Superman (die ich ohnehin gar nicht mal so misslungen fand) und donnert noch kurz vor Ende des Kinojahres 2018 kalter Gischt gleich als quälend trivialer Trashfilm gegen die Wellenbrecher des guten Filmgeschmacks. Dabei trifft Muskelpaket Jason Momoa eigentlich gar keine Schuld. Nicht nur einmal beweist er während der überlangen 145 Minuten Spielfilmlänge, wie sehr ein schöner Rücken nicht entzücken kann, und der Understatement-Blick über die Schulter ist das Beste, was Aquaman zu bieten hat. Alles andere ist eine Panscherei wie bei einem Science-Workshop für Vorschulkinder, die mal ausprobieren wollen, welche Substanzen nicht alle miteinander effektiv reagieren können. James Wan führt sich dabei auf wie ein entfesselter Lausbub, der sehr von den schwankend qualitativen CGI-Orgien eines George Lucas aus Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger beeindruckt gewesen zu sein scheint und genauso breitenwirksam in die Schlacht ziehen will wie der Schöpfer von Luke Skywalker und Co. Nur – System hat das ganze nicht mehr. Frozen Stills wechseln mit Superzeitlupe, und jene wechselt mit tosenden Bilderstrudeln, die für gähnende Übersättigung beim Publikum sorgen. Doch die wahre Leistung für einen der schwächsten Comic-Verfilmungen aus dem DC-Universum ist sprachlicher Natur. Schauspielgrößen wie Nicole Kidman und der allen Genres aufgeschlossene Willem Dafoe, der so wie Ben Kingsley überhaupt schon alles spielt, was er in die Finger bekommt, haben womöglich die Dreharbeiten zu Aquaman unbeabsichtigt in die Länge gezogen – bei diesen Dialogen reicht ein Take nicht aus, um nicht noch nach dem zehnten Mal in Gelächter auszubrechen. Selbst ein Profi tut sich dabei schwer, ernst zu bleiben. Das Dumme: Aquaman möchte gar nicht mal so sein wie Thor: Tag der Entscheidung, andererseits aber auch nicht spaßbefreit, am Besten etwas selbstironisch wie Deadpool. Ist er aber nicht. Komische Kalauer zu schieben ist eine Sache, genau dann unfreiwillig komisch zu sein, wenn es dramatisch zugehen soll, ist ein Fettnäpfchen, das seine Bremsspur durch den ganzen Film zieht.

Wer sich noch an den Achtziger-Sci-Fi-Gschnas Flash Gordon erinnern kann, darf davon ausgehen, dass der Solo-Auftritt der laut Big Bang Theory wohl unbeliebtesten Figur des Superhelden-Universums ähnlich verbraten wird. Der Trash-Sender Tele 5 wird sich womöglich rechtzeitig und unter lautem Jubel die Free-TV-Rechte dafür sichern wollen. Und all die Unkenrufer gegen den drögen Superhelden-Overkill, die gerne alles über einen Kamm scheren, bekommen mit Aquaman wieder jede Menge unterstützenden Zündstoff für die Legitimation ihrer heftigen Kritik. Ja, bei dieser Gurke hier gebe ich Ihnen recht. So macht man keinen Superhelden-Film, so rückt man das Genre wieder ins falsche Licht. Jason Momoa, den können wir als Aquaman gerne behalten, das ganze chaotische, erschreckend undurchdachte Brimborium drumherum kann gerne unbefristet auf Tauchstation gehen, bei aller Liebe zu den Kreaturen des Meeres, die von mir aus jedem Evolutionsgedanken trotzen.

Aquaman

Die Unglaublichen 2

PÄDAGOGIK FÜR WUNDERKINDER

7/10

 

Incredibles 2©2018 Disney-Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRAD BIRD

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): HOLLY HUNTER, CRAIG T. NELSON, SAMUEL L. JACKSON, BOB ODENKIRK U. A.

 

Das bisschen Haushalt ist doch kein Problem, sagt mein Mann – und stürzt sich mit biegsamem Elan in ihre neue Aufgabe. Die Rede ist von Elastigirl, dreifacher Mama und anscheinend eng verwandt mit „Mr. Fantastic“ Reed Richards. Die Supermama, die muss die schiefe Optik auf Superhelden in der Bevölkerung wieder geraderücken. Derweil verboten, sollen exorbitante Kräfte wieder zum Einsatz kommen dürfen, wenn es hart auf hart gehen sollte. Dieses Dilemma der Übermenschen, die gut und gerne und ohne viel Widerstand rein theoretisch die Weltherrschaft anstreben könnten und die eigentlich permanent im Vorteil sind, wenn es heißt, wirkungsvoll Akzente zu setzen – das kennen wir schon aus dem Marvel-Universum. Da waren die Avengers – oder zumindest die Hälfte davon – so ziemlich personas non grata. Und bei Superman vermutete selbst Batman, dass der Kryptonier irgendwas im Schilde führt. Also lieber gar nicht so weit kommen lassen. Aber gut, letzten Endes muss ich hier nicht die höchste Geheimhaltungsstufe wahren – irgendwann kommt in diesen Filmen immer der Punkt, an dem alle wieder jubeln, wenn das Cape im Winde weht.

Superpapa Bob alias Mr. Incredible bleibt also daheim – die einstweilige Karenz kann beginnen. So einfach ist das natürlich nicht, wenn zwei wissentlich hochbegabte Sprösslinge entweder an der Mathearbeit verzweifeln oder unter Liebeskummer leiden und das unwissentlich superfähige Baby einfach nicht einschlafen will, wenn doch dem Waschbären die Leviten gelesen werden sollen. Das Baby ist dann auch Herzstück und Hingucker dieser Fortsetzung von Brad Bird, der auch schon 2004 die Pixar-Antwort auf X-Men, Inhumans und Co in knallig roten Trikots auf Unfriedenstifter losgelassen hat. Die 14jährige Pause hat bei dieser unglaublichen Familie nichts zu sagen – wir schließen eigentlich nahtlos an den Erstling an – und haben Spaß dabei, zuzusehen, wie der kleine Windelkrieger frei nach dem Motto von Maria Montessori – „hilf mir, mir selbst zu helfen“ – im Grunde alle Superkräfte auf diesem Planeten in seinem kleinen Körper vereint und diese erstmal sowieso nicht kontrollieren kann. Das bringt so gut wie alle an den Rand des Nervenzusammenbruchs, ganz besonders den superstarken Schrank von Papa, der sich plötzlich ganz klein vorkommt. Damit hätten wir eine schräge Alltagskomödie, die vieles, was wir selbst aus den arbeitstüchtigen Wochentagen kennen, augenzwinkernd durchs Benco zieht. Drehbuchautor Bird gibt’s sich damit aber nicht zufrieden – angesichts der Größenordnung am Marvel– oder DC-Antagonismus darf sich auch die liebe Familie mit Bedrohlichem herumschlagen. Und da kommt sogar einiges an düsterem Suspense auf, als der Screenslaver in perfider Hypnosetechnik das Land terrorisiert. Herumzuraten, wer wohl hinter dem Spiralauge steht, sorgt vor allem bei jüngerem Publikum garantiert für ein gewisses Kribbeln, und auch selbst tappt man zumindest ein paarmal hin und her, bis sich der richtige Verdacht bestätigt.

Die Unglaublichen 2 ist kurzweiliges Vergnügen, visuell sowieso state-of-the-art und in der für Pixar üblichen und stets willkommenen Detailverliebtheit in Dramaturgie und Setting erarbeitet. Garantiert wird es hier weitere Fortsetzungen geben, dafür wäre das ausgefeilte Charakterdesign der schrägen Truppe einfach zu schade, um es zu schubladisieren. Andererseits aber muss Pixar unter Mastermind Bird aufpassen, seine Heldenabenteuer nicht repetativ werden zu lassen, was im Superheldengenre oftmals gerne passiert. Ein Tipp am Rande: Beim nächsten Mal vielleicht sogar noch mehr die Tücken des Alltags ausspielen, denn darin liegt eine unverhohlen selbstironische Kraft, die jene, die Übermenschliches leisten, genauso herausfordert wie uns Normalos.

Die Unglaublichen 2

Justice League

DIE WÜRFEL SIND GEFALLEN

6,5/10

 

HAR_DM_FIRST LOOK RND F04© 2017 WARNER BROS. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT LLC / Courtesy of Warner Bros. Pictures/ TM & © DC Comics

 

LAND: USA 2017

REGIE: ZACK SNYDER, JOSS WHEDON

MIT BEN AFFLECK, GAL GADOT, JEREMY IRONS, EZRA MILLER, JASON MOMOA U. A.

 

Steppenwolf, Steppenwolf… irgendwas sagt mir das. Ja, genau, und zwar drei Dinge. Erstens ist das der Name einer Rockband, die mit Born to be Wild das Titellied zu Easy Rider komponiert hat. Zweitens ist das auch ein Roman von Hermann Hesse. Drittens – der Vollständigkeit halber – bezeichnet die Astronomie als Steppenwolf vagabundierende Planeten ohne fixer Umlaufbahn. Und viertens? Viertens ist der Steppenwolf ein Superschurke aus dem DC-Universum, kreiert von Jack Kirby und erstmals erschienen in einem Comic aus dem Jahre 1972. Dieser gehörnte Psychopath und machtgierige Bosnigl treibt nun auch in der neuesten Verfilmung der sprechenden Bilder rund um Batman sein Unwesen – und erinnert an eine etwas einfallslose Mischung aus dem gehörnten König aus Ridley Scott´s Legende, dem Feuerdämon Surtur aus Thor – Tag der Entscheidung (schon alleine wegen des Helmes) und Apocalypse aus dem letzten, leider misslungenen X-Men-Abenteuer. Betrachtet man aber die Comics von damals, so ist gegen die Darstellung des größenwahnsinnigen Berserkers nichts einzuwenden – Zack Snyder hat, wenn auch nicht ohne Hilfe von außen, alles richtig gemacht. Und das meine ich tatsächlich so, wie ich es sage, ohne Sarkasmus. Snyder ist womöglich der wirklich einzige Filmemacher unter der Blockbuster-Riege, der das Wort Comic-Verfilmung wörtlich nimmt. Dem Visionär, welcher mit Watchmen tatsächlich einen Meilenstein der laufen lernenden Panels erschaffen hat, merkt man seine Liebe zu dem meist belächelten Nischenmedium an. Comics sind für Snyder nicht nur lose Vorlage – seine Interpretationen sind aufrichtige Huldigungen an Text, Tinte und Papier. 

Dementsprechend ikonisch wirken seine Bilder. Nahezu jede Einstellung eignet sich für ein attraktives Cover lang erwarteter Heftausgaben für Fans, wie Jack Snyder einer ist. Im Grunde ist Justice League also ein Fanfilm – von Fans für Fans. In kaum einer anderen Produktion aus dem wohl am meisten gemobbten Subgenre des Fantasyfilms ist das hochstilisierte Fabulieren mit den Kultfiguren stärker zu spüren – und zu erfahren. Wenn Batman ganz weit oben am Dach eines Altbaus in Gotham City kauert und über den Moloch blickt, wähne ich mich im Comic-Zweiteiler Batman: Hush zu blättern. Ganz großes Bilderkino, das muss man dem Burschen lassen. Obwohl, naja, manch Weltherrschaftsfantastereien meistens nur lächerlich sind. Aber das sind sie in den Comics auch. Das ist ihnen eigen. Übertrieben aufzutreten, nicht nur die eine Katze, sondern auch gleich mehrere von der Sorte aus dem Sack zu lassen. Und endlich ist es auch soweit – DC antwortet den Avengers aus Marvel mit der Liga der Gerechtigkeit. Die kann sich sehen lassen – allen voran natürlich Gal Gadot als die leibhaftige Amazone. Apart, faszinierend und mit ganz viel sinnlich-kokettem Understatement. Ihr zur Seite ein quirliger, heillos konfuser Flash, der zwar etwas bemüht, aber immer mal wieder für Schmunzeln sorgt. Ein Raubein von einem Wassermann, mit Inbrunst verkörpert von „Khal Drogo“ Jason Momoa. Seine Grunge-Attitüde und seine zynische Sicht auf die Welt ist ihm auf den schuppig gepanzerten Leib geschrieben. Sogar Cyborg, mit dem ich im Vorfeld so meine Zweifel hatte, macht eine gute, wenn auch enorm kybernetische Figur. Allen höchst unterschiedlichen Charakteren gelingt die Entwicklung von leicht identifizierbaren Persönlichkeiten. Gut, Wonder Woman hatt da schon einen gewissen Heimvorteil. Und Batman auch. Batman – viele Fans des dunklen Ritters haben schlaflose Nächte, wenn sie daran denken, dass einer wie Ben Affleck maskiert durch die Nacht hirscht. Nun, obwohl ich mich hier nun der Gefahr eines Shitstorms aussetze – tatsächlich halte ich den besten Freund von Matt Damon als die bislang idealste Verkörperung von Bruce Wayne seit Michael Keaton. Der Wayne aus den Comics ist längst nicht so ein Dandy wie Christian Bale. Aber auch nicht so ein naiver Schönling wie Val Kilmer und George Clooney welche waren. Der Milliardär ist ein bulliger, verkorkster Materialist, ein Bandleader, der nur durch Vermögen und sagenhafter Technik als Superheld gilt. Nicht unbedingt ein sympathischer Zeitgenosse, aber ein persönlich motivierter, pflichtbewusster Moralist, der wie ein Bill Gates mit Muskelmasse Verantwortung für die Welt übernehmen muss – einfach weil er es kann.  

Spaß an der Sache hat Batman keinen – das Publikum aber schon. Justice League ist deutlich klarer strukturiert als der Vorgänger Batman vs. Superman. Um nicht zu sagen – der Plot ist straioght, aber sehr dünn. Stattdessen haben die Figuren zwischen all dem Getöse. bröckelnden Mauern und Gefechten mit Schwert, Kanone und Dreizack mehr zu sagen als sonst. Wie gesagt – Zack Syder hat da schon alles richtig gemacht. Zwar ein bisschen von Marvels humoristischer Leichtigkeit abgeguckt, aber immer noch den eigenen Stil beibehalten, der so anders ist als der aus dem Marvel Cinematic Universe. Dieser dramaturgische Sinneswandel verdankt Warner Bros. der Aushilfe von Buffy-Erfinder Joss Whedon bei Regie und Drehbuch. Inoffiziell hat der Avengers-Experte sogar tatsächlich vollends die Regie übernommen, da Snyder aus familiären Gründen aus dem Projekt aussteigen musste. Dass die bierernste Erzählweise des neuen Bat- und Superman die eigentliche Achillesferse der bisherigen Filmreihe war, ließ sich leicht diagnostizieren. Mit Vitamin W für Whedon ist der Klotz am Bein beseitigt worden. Dennoch – es ist immer noch Snyders Film daraus geworden, soviel Respekt unter den Kollegen muss sein. Dementsprechend geklotzt und blickdicht aufgetragen sind seine martialischen Visionen daher immer noch. Und sehr wahrscheinlich wird Snyder auch wieder in weiteren Batman-Abenteuern, sofern Affleck dabei bleibt, das Zepter führen. Was ich nicht bedaure, denn aus Fehlern kann man nur lernen. Diese zweite Chance sollte man gewähren. Und im Kino nicht daran vorbeisehen. Genausowenig wie die Post Credit Szene nach dem Abspann – Sitzenbleiben, denn es zahlt sich diesmal wirklich aus!

Justice League

Guardians

DER VERGLEICH MACHT UNS SICHER

1/10

 

guardians© 2017 capelight pictures / Quelle: comicbox.com

 

LAND: RUSSLAND 2017

REGIE: Sarik Andreasyan

MIT Alina Lanina, Sanzhar Madiyev, Sebastien Sisak

 

Eines muss gesagt sein – ich bin wirklich sehr froh, diesen Film gesehen zu haben. Denn um zu wissen, was gut ist, haben Filmfans auch mal die Pflicht, sich das hinterste Ende der filmischen Nahrungskette zu vergegenwärtigen. Erst in der Relation ist klar zu erkennen, was einen qualitativen Film eigentlich ausmacht. Und was es heißt, wenn das Soll für Anspruch so gar nicht erfüllt wird. Denn das Kinopublikum hierzulande ist ein verwöhntes. Eines, das aufgrund unserer und anderer Rezensionen bereits problemlos die Spreu vom Weizen trennen kann und eigentlich nur noch, wenn es jammert, auf hohem Niveau kritisiert. Der Kinogeher bewegt sich meist im High End-Bereich, innerhalb des Sahnehäubchens zum Medium Film. Und auch dort gibt es Unterschiede, keine Frage. Doch was dem gesättigten Auge selbstverständlich vorkommt, ist es längst nicht. Filmtechnische, schauspielerische wie dramaturgische Leistung kommt nicht von irgendwo. Das ist harte Arbeit. Und die meisten Filme, die wir sehen, haben mit Sicherheit in einem dieser spezialisierten Bereiche ihre Stärken. Es ist fast unmöglich, dass ein Film gar kein Soll erfüllt. 

Wie gesagt, nur fast unmöglich. Guardians erfüllt die geringsten Erwartungen. Und zeigt, was schlechtes Kino ist. Da haben die Killertomaten oder Bela Lugosi in Ed Wood´s Filmen noch einen gewissen skurrilen Charme: Guardians, die russische Antwort auf Marvel, versemmelt so gut wie alles. Und ist in seiner erschütternden Niederlage eben aus vorhin genannten Gründen ein grandioses Anti-Beispiel, um Qualität im Kino neu zu bemessen. In Guardians passt einfach nichts zusammen. Da gibt es das stramme Botox-Häschen als Geheimagentin. Ein Mutant, halb Mensch halb Bär, in grottenschlechtem CGI, mit immer wieder neuen Hosen und gerade mal recht ansehnlich sprießendem Rückenfell. Ein rasend schneller Schwertkämpfer, der aussieht wie der Zwillingsbruder des Winter Soldiers. Die Unsichtbare, klar abgekupfert von den fantastischen Vier. Und ein Telekinetiker – noch der Beste unter all den Möchtegern-Helden, die so charismatisch und in ihrer psychologische Tiefe ungefähr so dick auftragen wie ein polymerer Heckscheibenkleber. Doch das Allerbeste – oder Schlechteste an dieser Gurke ist der Widersacher. Was bitte ist hier passiert? Unglaublich, wie misslungen und lächerlich ein Six-Pack-Suit aussehen kann. Die bizarre Mischung aus Batman-Nemesis Bane und Iron Man-Peitschenknabe Whiplash ist an unfreiwilliger Komik kaum zu überbieten. 

Guardians hat keinerlei eigene Ideen. Superheldenkino ist eben nicht gleich Superheldenkino. Auch oder gerade wenn all die künstlich erzwungenen Nörgler gegen den so genannten Blockbuster-Einheitsbrei im wohlfinanzierten Genre des Comic-Kinos wettern – der Vergleich mit der plagiatsnahen Tundra-Action lässt sowohl das Marvel- als auch das DC-Kino wieder um Einiges heller erstrahlen. 

Guardians

Power Rangers

DER STOFF, AUS DEM DIE SPIELZEUGHELDEN SIND

4/10

 

powerrangers

REGIE: DEAN ISRAELITE
MIT ELIZABETH BANKS, BRYAN CRANSTON, BECKY G, NAOMI SCOTT, DACRE MONTGOMERY

 

„Bis zur Unendlichkeit, und noch viel weiter!“ Das Leitmotiv kennen wir doch, oder? Niemand geringerer als der legendäre Buzz Lightyear, Beschützer des Universums, hat dieses motivierende Credo drauf. Dabei ist der grünweiß gepanzerte Knilch eine Spielfigur aus Toy Story, die auf Knopfdruck die Arme heben, Heckspoiler aufklappen und einige blecherne Onliner von sich geben kann. Da sind die Power Rangers nicht viel anders. Auch sie beschützen das Universum, und auch sie sind nur Spielzeug. Dass man Spielzeug zu einer Bedrohung werden lassen kann, wissen wir spätestens seit Transformers. Und frühestens seit Masters of the Universe. Es ist Zeit, es zuzugeben – ja, auch ich habe diese Fantasygurke mit Dolph Lundgren als Halbwüchsiger genossen, ungeachtet aller haarsträubenden Logiklöcher. Mittlerweile ist in Sachen Spielzeugverfilmungen einiges weitergegangen – doch weiter als bis zur Wiederbelebung totgeglaubter Actionfiguren dann doch auch wieder nicht. Dabei fängt der zu erwartende infantile Science-Fiction-Spaß sogar ganz vielversprechend an.

5 Teenager, allesamt Außenseiter, die an die Nachsitzrunde des Breakfast Clubs erinnern, geraten zufällig und sogar erst ungewollt aneinander, um dann gemeinsam auf ein seit prähistorischen Zeiten dahinsiechendes, eingegrabenes Raumschiff zu stoßen, dass als mobile Zentrale der ersten Power Rangers reaktiviert wird. Natürlich sind die fünf Freunde die Auserwählten, keine Frage. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Da ist es scheinbar egal, ob der Retter der Welt ein Charakterschwein ist oder ein Intellektueller mit sozialer Ader. Welch ein Zufall, dass genau die richtigen das Schiff betreten haben. Richtig zumindest im Sinne des Castings. Alle 5 sind neue, motivierte Gesichter, und könnten bald in kommenden Serienformaten wiederentdeckt werden. Im Bordcomputer der entdeckten Basis steckt „Walter White“ Bryan Cranston, der wie durch ein Wunder amerikanisches Englisch spricht. Wenn er doch zumindest so herumstottern würde wie Max Headroom. Ihm zur Seite ein seltsam aufgeweckter Roboter mit ALF-Attitüden. Der Film hat seine besten Momente, als jeder einzelne der Kandidaten oder Kandidatinnen seine bzw. ihre Superkräfte entdeckt. Ein bisschen Mystery, ein bisschen Chronicle. Dieser lockere Independentanspruch verblasst dann, wenn Elizabeth Banks als üble Antagonistin die Bühne betritt.

Was passiert hier? Zuerst als Mumie wiedererweckt, mutiert der Tribute von Panem-Star zu einer Trash-Ikone Marke Xenia. In ihrem relativ textilfreien Hartschalen-Kampfbikini und dem goldenen Zepter ist Bösewicht Rita Repulsa ungefähr so ernstzunehmend wie Dolph Lundgren mit blonder Föhnfrisur. Eine zum Fremdschämen lächerliche Figur, was aber nicht an den schauspielerischen Ambitionen von Elizabeth Banks liegt, sondern an der Figur an sich. Und dann der Supergau: Blecherne Dinos und Riesenkäfer ackern sich durch eine Kleinstadt und beeindrucken mit der Beschaffenheit aufgeblasenen Plastikspielzeugs. Dagegen wirken Michael Bay´s Transformers-Kreaturen wie ernstznehmende Bedrohungen. Der Anspruch, martialischen High-Tech anders zu gewanden als Optimus Prime & Co, geht nach hinten los. Power Rangers verspricht anfänglich ein vergnügliches, erfrischendes Aha-Erlebnis, um dann auf ganzer Linie zu enttäuschen. Tatsächlich ist die lebendig gewordene Spielzeugwelt mehr Schein als Sein. Trivialer Kinderkram, hinter dem sich leider kein lohnenswertes Cinematic Universe verbirgt.

Power Rangers