The United States vs. Billie Holiday

ICH SINGE NUR EIN LIED HEUT‘ NACHT

5/10


billieholiday© 2021 Wild Bunch


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: LEE DANIELS

CAST: ANDRA DAY, TREVANTE RHODES, GARRETT HEDLUND, TYLER JAMES WILLIAMS, ROB MORGAN (IV), NATASHA LYONNE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Welch eine Stimme, die Sängerin (und jetzt auch Schauspielerin) Andra Day hier ihrem Auditorium präsentiert! Sowas kann man nur, wenn man das Handwerk des Gesangs auch wirklich erlernt hat. Wie Lady Gaga zum Beispiel, in A Star is Born. Andra Day ist ebenfalls ein Star in diesem historischen Filmdrama, das sich um das Schicksal der gefeierten Jazzsängerin Billie Holiday dreht, die in den 40ern und 50ern des letzten Jahrhunderts die Hallen füllte. Wenn einem als Star so viele Menschen zu Füßen liegen, und man damit auch einen regelrechten Einfluss geltend machen kann – warum dann nicht auch sozialpolitische Statements liefern? Das hat die resolute und recht kaltschnäuzig wirkende Dame dann auch gemacht. Sie hat einen Song zum Besten gegeben, den am liebsten niemand jemals hätte hören wollen. Die Schwarzen nicht, weil sie an einen erschreckend archaischen Gesetzeszustand erinnert werden, und die rechtslastigen Weißen nicht, die befürchten müssen, dass die von ihnen verachteten Afroamerikaner vermehrt den Aufstand proben. Der Song heißt Strange Fruit, und was er anprangert, ist die vom Staat gebilligte Methode der Lynchjustiz an Schwarze. Wie bitte, was? Dieses Gesetz gab es noch, im 20ten Jahrhundert? Traurige Kuriosität am Rande: es befindet sich seit 2020 in erneuter Prüfung, ist also immer noch intakt. Eine Schande für das fortschrittliche Amerika, das in seiner Gesellschaftspolitik deutlich versagt hat. Also hat es sich Billie Holiday nicht nehmen lassen, Strange Fruit zu singen. Staatsagent Harry Anslinger (Garrett Hedlund), Vorsitzender des FBN (Federal Buero of Narcotics) und bekennender Rassist, war natürlich außer sich. Holiday müsste man den Mund verbieten. Am besten, man bringt sie wegen Drogenkonsums hinter Gitter.

Was dann auch nicht schwergefallen war: Billie Holiday nämlich, die Amy Winehouse der Nachkriegszeit, war schwer heroinabhängig. Das wussten alle, und das wusste auch bald die Drogenpolizei und alle weißen Politiker, und so hieß es bald vor Gericht: The United States vs. Billie Holiday.

Für Schauspieler ist die Verkörperung einer künstlerischen oder politischen Ikone eine dankbare Challenge. Verhalten, Attitüde, Bewegung – das ganze Gehabe der Originalperson lässt sich bequem einstudieren. Das war bei Rami Malek als Freddie Mercury so, das war bei Leslie Odom jr. (oscarnominiert) als Sam Cooke so: Akkurate Darstellungen markanter VIPs. Billie Holiday gibt hier genauso viel her. Jede Geste sitzt, jedes Detail stimmt – selbst das barsche Auftreten dieser kaputten Person, die ihren Gram hinter unsympathischer Arroganz verbirgt. Warm wird man hier lange nicht, aber dennoch: Andra Day formt ihr schauspielerisches Gesamtkunstwerk. Was man vom Film selbst nicht unbedingt sagen kann.

Lee Daniels hat sich seit Precious – Das Leben ist kostbar natürlich längst einen Namen gemacht. Mit diesem seinem oscarnominierten Film setzt er einer großen Künstlerin ein Denkmal, dreht aber gleichzeitig auch die Tragödie eines verpfuschten Lebens, das Psychogramm einer vor die Hunde gehenden Einzelgängerin, unfähig zur Liebe – und nicht zuletzt ein Drogendrama. Das sind ganz schön viele Facetten, die dieser Film hat. Rein inszenatorisch bekommt Daniels aber all diese wertvollen wie aussagekräftigen Brocken nicht formschön aufs Tapet. Zu viel an Content muss in diesen Film, alles muss gesagt werden, vieles gesungen. Die Szenen wirken dennoch alle etwas ausgedünnt und überlang, dazwischen spielt Daniels mit der Optik und den Bildausschnitten. Ist ja ganz schön, aber recht willkürlich. Auf Zug ist The United States vs. Billie Holiday nicht inszeniert und langweilt zwischendurch beträchtlich. So, als würde man auf den Beginn einer Show warten, und der große Bühnenstar verspätet sich. Wenn er dann kommt, ist alles andere schon wieder vergessen.

The United States vs. Billie Holiday

If Anything Happens I Love You

MUT ZUR ERINNERUNG

7/10


ifanythinghappensIloveyou© 2020 Netflix


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: MICHAEL GOVIER, WILL MCCORMACK

LÄNGE: 12 MIN


Wohl einer der tränenreichsten Filme, die ich jemals gesehen habe, ist Nanni Morettis Trauerdrama Das Zimmer meines Sohnes. Und dabei war ich damals, als der Film im Kino lief, noch nicht mal selbst Papa und kannte also all diese Emotionen nicht, derer man sich bereichert sieht, wenn man den eigenen Nachwuchs plötzlich in den Armen hält. Wie niederschmetternd wäre der Film wohl jetzt für mich, würde ich ihn heute zum ersten Mal sehen? Darüber nachzudenken, ob und wenn ja, wie man wohl mit dem Verlust eines Kindes umgehen würde, lässt einen gleichzeitig über das Unmögliche nachdenken. Ein Prozess, bei dem man sehr schnell an seine emotionalen Grenzen stößt.

Im Trickfilm If Anything Happens I Love You, der eben erst den Oscar für den besten animierten Kurzfilm entgegennehmen durfte, sind die Emotionen bei den am Boden zerstörten und mittlerweile resignierenden Eltern bereits erkaltet. Ihre gemeinsame Tochter wurde Opfer eines nicht näher definierten Amoklaufs an der Schule, das scheint schon einige Zeit zurückzuliegen. Natürlich ist nichts mehr wie vorher, und die gähnende Leere, die der Verlust verursacht hat, unüberbrückbar. Bis eines Tages, beim Wäschewaschen, ein T-Shirt der Tochter in Mamas Hände fällt. Dieses weckt lange nicht zugelassene Erinnerungen, und auch der Fußball, der plötzlich durch die Gegend rollt oder der abgebröckelte und blau überpinselte Verputz an der Hausmauer fordert die Eltern geradezu auf, ihre Tochter, auch wenn sie unwiederbringlich fort ist, nicht aus ihren Gedanken fernzuhalten.

Bei Kurzfilmen ist es meist recht schwierig, eine runde Geschichte zu erzählen und zumindest im dargestellten Prozess einen vorläufigen Schlusspunkt zu finden, weil der zeitliche Spielraum klarerweise enorm begrenzt ist. Noch schwieriger scheint es, sich einem Thema zu widmen, für das es eigentlich keine Worte gibt. Und das sonst normalerweise überlange Spielfilme füllt. Da Verlust, Trauer und deren Bewältigung enorm schwere Brocken sind, verzichten Michael Govier und WillMcCormick (Die Sopranos, Couchgeflüster) auch auf jeglichen verbalen Einsatz. Die einzige Zeile, die auf dem Display eines Mobiltelefons erscheint, ist jene des Filmtitels – sie bringt das Drama auf den Punkt und schnürt dabei die Kehle zu.

Sehr viel Weißraum, skizzenhafte Zeichnung, eine Animation so flüssig wie ein Daumenkino – diese optische Reduktion lässt Raum für dieses kleine Bilderbuch einer Suche nach dem Mut, schmerzliche Erinnerungen in einen erträglichen Zustand zu wandeln. Das ist mitfühlender, wenn auch zaghafter Optimismus, so trostspendend wie das handgeschriebene Beileidschreiben eines guten Freundes.

If Anything Happens I Love You

Borat Anschluss Moviefilm

TOCHTER ZU VERSCHENKEN

6/10


borat-subsequent-moviefilm© 2020 Amazon Studios

LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: JASON WOLINER

CAST: SACHA BARON COHEN, MARIJA BAKALOWA, JEANISE JONES, RITA WILSON, RUDY GIULIANI, TOM HANKS, MIKE PENCE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Da ist sie wieder, Sasha Baron Cohens Kunstfigur. Der kasachische Reporter, der peinliche Nationalist und der völlig ahnungslose Sexist, dessen Weltbild immer noch das einer Scheibe ist. Borat Sagdiyev ist kein Intellektueller, kein Horizonterweiterer und schon gar kein Humanist. Ein Unterdrücker, der es gut meint. Gibt es sowas? Klar gibt’s das. Man braucht hier nur mit dem Finger über die Weltkarte wandern und auf einzelne Nationen tippen, die genau so sind wie Borat. Die genauso wie dieser Mann keine Ahnung haben von liberalen Ideen, sexueller Gleichberechtigung und Bildung. Ihr Vorteil: eine Bevölkerung, die in diese Art Schlamassel hineingeboren wurde – und es gar nicht anders kennt. Wie Borat eben. Einer, der es nicht besser weiß. Der aber trotz seines verqueren Gedankenguts zumindest jemand ist, der, sobald sein Weltverständnis auf Widerstand stößt, den dazugehörigen Absolutismus hinterfragen könnte. 

Der Mann mit buschiger Rotzbremse und grauem Anzug gebärdet sich wie ein reaktionärer Mr. Bean, der im Ausland seine Haut retten muss, um nicht hingerichtet zu werden, falls er seine zweite Mission vermasselt: der lokale Geheimdienst schickt ihn abermals in die US+A, mit einem Geschenk für den Vizepräsidenten Michael Pence, um die Beziehungen zwischen den beiden Ländern wieder aufleben zu lassen. Das Geschenk sollte ein Affe sein – doch der lebt nicht mehr, als die ominöse Holzkiste in Amerika ankommt. Stattdessen hat sich Borats Tochter reingeschmuggelt – verdreckt, verlaust und aufmüpfig (erfrischend extrovertiert und oscarnominiert: Marija Bakalowa). Na gut, wenn schon nicht den Affen, muss Borat wohl seine Tochter verschenken. Vorher allerdings muss die Gute noch „formschön“ verpackt werden, um sie präsentieren zu können. Während dieses Unternehmens allerdings wird Tochter Tutar langsam klar, in welchem gestörten Umfeld sie wohl bisher aufgewachsen war. Da sind die US + A ja Gold dagegen. Bis auf ein einige Ausnahmen – die zumeist im politischen Establishment zu finden sind.

Satire darf zwar nicht alles, aber vieles. Was Jason Woliner seinem Duo aus dem Osten dürfen lässt, ist trotz der üblichen Geschmacklosigkeiten, die aber alle unter einen Nenner zu bringen sind, weil sie alle dasselbe Ziel verfolgen, durchaus akzeptabel. Borat Anschluss Moviefilm (der Originaltitel würde sich über drei Zeilen ziehen) ist eine überraschend unzynische, direkt versöhnliche Satire im klassischen Sinn, die zum Ziel hat, einen überall vor sich hintümpelnden, latenten oder gar militanten Sexismus aufzubrezeln. Das geht von den Grundrechten der Frau bis hin zum Zwang, sich die Brüste vergrößern lassen zu müssen. Das lässt auch kein gutes (Scham)haar an der Tabuisierung der Menstruation oder dem Mythos, Frauen könnten nicht autofahren. In erschreckender Deutlichkeit darf sich die republikanische Witzfigur Rudy Giuliani selbst an den Pranger stellen – wohl das frappanteste Armutszeugnis einer Person in diesem Film, während Tom Hanks (zum Glück) nur Autogramme zu geben braucht und der Rest der amerikanischen Bürger, denen Borat begegnet, sich überraschend wenig über dessen seltsames Verhalten wundern, weil sie mitunter selbst so ein reaktionäres Weltbild wie Borat haben. 

Den guten Ton findet Borat Anschluss Moviefilm natürlich absichtlich nicht – da mag man mit den Augen rollen. Allerdings hat der Streifen eine Mission, die er sich zu Herzen nimmt. Diese auf Schiene zivilisierter Norm gebrachten Erkenntnisse mögen dem obszönen Sarkasmus wohl den Wind aus den Segeln nehmen, unter welchem der Erstling aus dem Jahre 2006 noch Fahrt aufnehmen konnte. Dieses Sequel hier ist fast schon zu befriedend für manche, die den bösen, unbelehrbaren Witz des schlaksigen Hampelmanns so nice gefunden hätten. Borats Wanderjahre sind in diesem kaum noch als Mockumentary zu bezeichnendem Roadmovie jedoch längst vorbei.

Borat Anschluss Moviefilm

Mein Lehrer, der Krake

KOMM IN MEINE ARME

8/10

 

octopusteacher© 2020 Netflix

 

LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: PIPPA EHRLICH & JAMES REED

MIT CRAIG FOSTER

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Als Wildlife-Fotograf (wer gerne vorbeischauen möchte: www.biodiversity.at) verbindet mich mit diesem Film so einiges. Das sind zum einen die gemeinsamen maritimen Erkundungen von Vater und Sohn oder die Art und Weise, ohne Sauerstoff und nur mit Druckausgleich und Flossenschlag am Meeresboden entlangzugrundeln, um Fotos zu machen. Zum anderen sind es Begegnungen mit Kopffüßern, die, so kann ich bestätigen, zum Außergewöhnlichsten gehören, was man im Meer erleben kann. Mein letztes Intermezzo mit so einem Tier liegt schon einige Jahre zurück, jedoch ist es so, als wäre es gestern gewesen. In einer Bucht im Süden der griechischen Insel Zakynthos, im gerade mal kniehohen Wasser, hatte ich das Glück, einen Octopus vulgaris zu entdecken, der, ganz so wie sein Artgenosse im Film, eine auffallende Neugier an den Tag legte. Mit seinen saugnapfbestückten Armen, die sich wie Gummi dehnen lassen, beschloss der Kephalopode, meine Kamera zu erkunden. Das Schauspiel seines Pigmentwechsels war dabei der reinste Farbzirkus, von sandig weiß bis zu leuchtendem Blau. Dass diese Tiere intelligent sind, merkt man sofort. Oder spätestens nach Sichtung des oscarnominierten Dokumentarfilms Mein Lehrer, der Krake.

Diesmal ist es nicht das Mittelmeer, sondern der Süden Afrikas. Schauplatz sind die Tangwälder und ihr artenreiches Ökosystem. Von Helmschnecken bis Pyjamahaie (ja, die gibt es wirklich) hat hier scheinbar jeder seine Nische gefunden. Sogar Tierfilmer Craig Foster, der nach einem Burnout langsam wieder zu sich selbst finden konnte, indem er im kalten, bewegten Wasser des Atlantiks regelmäßig schnorcheln ging und dabei auf eine Artenvielfalt aufmerksam wurde, die ihren Höhepunkt in der Begegnung mit einem Oktopus fand. Dieses urtümliche, von der Evolution bis heute ignorierte Wesen war anfangs natürlich skeptisch, dann neugierig – und schließlich fasste es Vertrauen in dieses blasse, große, zweibeinige Wesen, das da immer wieder auftauchen muss, um Luft zu holen. Umgekehrt entstand so etwas wie eine freundschaftliche Liebe, und Foster beschloss, aus dieser Freundschaft ein Projekt zu machen: Was passiert, wenn der Mensch zum selbstverständlichen Teil im Leben eines Kraken wird? Und was macht ein Krake sonst so, wenn er seine täglichen Runden dreht?

Anders als herkömmliche Tierdokumentationen steht hier nicht vorrangig die atemberaubende Beschaffenheit der Natur im Vordergrund. Klar tut sie das auch, doch was diesen Film ganz besonders hervorhebt, ist der paraverbale Dialog zwischen Mensch und Umwelt um die Suche nach einem längst verloren geglaubten Platz unserer Art in den komplexen Ökosystemen dieser Welt. Foster will zeigen, dass es falsch ist, zu behaupten, der Mensch ist nicht Teil von all dem hier, was uns umgibt. Er ist es doch. Und er kann, wenn er will, selbst für die von uns so heftig geschundene Natur bereichernd sein. Er muss sich nicht entfremden, um seinen Selbstwert zu schützen. Er kann sich ebenso gut integrieren. Foster hat das getan, mit Beharrlichkeit und Obesssion – zumindest ein Jahr lang (was ungefähr der Lebensdauer eines Kopffüßers entspricht).

Es ist eine Balance zwischen Teil der Ordnung zu sein – und die Ordnung zu stören. Eine Verhaltensstudie, die das Regieduo Pippa Ehrlich und James Reed behutsam und respektvoll in Szene setzen, dabei in rotierender Reihenfolge Foster zu Wort kommen lassen, den Kraken beobachten und den lebensverändernden Einfluss der Ökosysteme Küste und Meer geltend machen. Am Ende dieses Krakenlebens ist ein liebevolles Beziehungsdrama mit all seinen Höhen und Tiefen entstanden, voller Neugier und Achtsamkeit.

Mein Lehrer, der Krake