Mayday

SCHIFFEVERSENKEN AUF #METO

4/10


mayday© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: KAREN CINORRE

CAST: GRACE VAN PATTEN, MIA GOTH, SOKO, HAVANA ROSE LIU, JULIETTE LEWIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Junge Frauen, die sich in eine Alternativwelt flüchten – ein Szenario, das nicht erst seit Zac Snyders Sucker Punch vertraut vorkommt, einem Psycho-Action-Mix, der sich darum bemüht hat, die Genregrenzen zu sprengen, dabei aber beiden Komponenten, nämlich phantastischen Schauwerten und psychologischem Drama, nicht gerecht werden konnte. Wir drehen das Rad noch weiter zurück und landen bei Lewis Carrolls Alice im Wunderland, ein Fluchtort mit Hasen, Eierköpfen und einer Armee Rummykarten, die von einer Herzkönigin angeführt werden. Natürlich steckt da in diesen Abenteuern viel mehr als nur bis ins Surreale ausufernde Fantasie – es ist das symbolistische Psychogramm einer Mädchenseele, ein reichlich illustriertes Coming of Age mit allerlei heimtückischen oder bedrohlichen Hindernissen. Zwischendurch gibt’s weise Raupen oder grinsende Katzen. Sehr viel später gab‘s zum Sundance Filmfestival 2021 eine ganz andere filmische Herangehensweise zur Analyse weiblicher Befindlichkeiten: Mayday nennt sich dieser Film, und er lässt vier Mittzwanzigerinnen an einer mediterran anmutenden Meeresküste aufeinandertreffen, die sich als irgendwo in Kroatien erkennen lässt.

Pinienwälder und Felsküsten, klares Wasser noch dazu. Ein Ort, an dem Mann und Frau es durchaus lange aushalten könnten? Prinzipiell ja, doch der maskuline Part ist hier unerwünscht. Es lebe die vereinte #MeToo-Exekutive, verschanzt in einem alten, gestrandeten U-Boot, mit dem einzigen Lebensziel, toxischer Männlichkeit mit toxischer Weiblichkeit zu begegnen. Männer sind Schweine, und nichts anderes scheinen diese verdient zu haben. Überdies herrscht Krieg. Krieg zwischen den Geschlechtern, und während der militante Feminismus Land gewinnt, saufen die Männer regelrecht ab. Das passiert, indem das Viererteam nichts anderes tut, als falsche SOS-Funksprüche abzusetzen, um von Männern besetzte Panzerkreuzer in unwirtliche Gegenden zu steuern, aus denen es kein Zurück mehr gibt. Ein Krieg also wie Schiffe versenken.

Ana, die nach ihrem Suizid in einem Backofen (wie bitte, was?) als letzte zu den selbsternannten Amazonen stößt, wird im Laufe ihres neuen Lebens an dieser Küste den niemals enden wollenden Krieg langsam hinterfragen. Eine Konfrontation mit ihren Leidensgenossinnen ist nur noch eine Frage der Zeit. Genauso wie das Ende eines schleppend inszenierten Kunstfilms, der wohl im Dunstkreis der längst überfälligen und notwendigen #MeToo-Bewegung von Autorenfilmerin Karen Cinorre entworfen und umgesetzt wurde. Im frei fabulierbaren Independentkino (und zum Glück ist das so, sonst hätten wir nur generische Marktforschungsergebnisse auf der Leinwand) können Künstlerinnen und Künstler oft tun und lassen, was sie wollen, vorausgesetzt, dass das, was sie auszusagen haben, jene, die das Ganze subventionieren, überzeugen kann. Für einen Film über Stärke und Selbstbestimmung des weiblichen Geschlechts war Geld vorhanden, allerdings bei weitem nicht so viel wie für Sucker Punch. Mayday begnügt sich mit allerlei Kompromissen – visueller und narrativer Natur –, die das traumartige Wunderland-Szenario ausbremsen. Man erkennt das Bedauern in dem Film, Abstriche machen zu müssen. Dafür rücken Schauspielerinnen wie Mia Goth (X), die sich im Männerhass suhlt, dominant ins Bild eines leidlich spannenden Alltags aus redundanten Aktivitäten und unbeholfenen Scharmützeln.

Mayday verurteilt zwar den Mutwillen, alles Männliche als frauenfeindlich und sexistisch zu betrachten, kommt aber über ein Tanzen ums gemeinsame Lagerfeuer nicht hinaus. Mit anderen Worten: Das Drama wartet auf eine Flut, die niemals kommen wird.

Mayday

Music

I JUST LOVE MY LITTLE WORLD

7/10


music© 2021 Alamode Film


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: SIA

CAST: MADDIE ZIEGLER, KATE HUDSON, LESLIE ODOM JR., HECTOR ELIZONDO, MARY KAY PLACE, BEN SCHWARTZ, JULIETTE LEWIS, SIA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Die australische Konzeptkünstlerin Sia ist aus meiner Sicht schon eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Bevor mir allerdings noch irgendeines ihrer Musikstücke in den Ohren lag, war ihr grimassierendes Konterfei unter schwarzweißer Perücke eine Zeit lang omnipräsent. Daran kann sich vermutlich fast jeder erinnern, der mit Popmusik auch nur irgendwie was anfangen kann. Der Song zum Findelkind-Drama Lion war dann der Einstand. Never give up – eine sehr eingängige Nummer. Wenn man mich fragen würde, was die Dame denn sonst noch interpretiert hat – aus dem Stegreif wüsste ich es nicht. Aber, nach Sichtung ihres Spielfilmdebüts Music, weiß ich wieder ein bisschen mehr. Denn: wenn schon texten, komponieren und singen – warum nicht auch gleich den eigenen Musikfilm auf die Beine stellen, der dann so treffsicher betitelt wird, um klarzumachen, wovon dieser in erster Linie eigentlich handelt. Um Sias Musik. Im Mittelpunkt steht Patenkind Maddie Ziegler, eine achtzehnjährige Tänzerin, die auch ab und an in Sias Musikvideos aufkreuzt. Ihr hat die Künstlerin einen ganzen Film zum Geschenk gemacht – wer braucht schon ein neues Auto oder eine vorfinanzierte Studentenwohnung. Music ist maßgeschneidert für jemanden wie Maddie Ziegler, und was Leonardo Di Caprio am Anfang seiner Karriere in Gilbert Grape famos hinbekommen hat, gelingt auch ihr: die Darstellung eines autistischen Sonnenscheins, stets mit Kopfhörern auf dem Kopf, durch die keine Musik schallt, denn die Musik, die Music braucht, ist drumherum schon laut genug. Manchmal auch disharmonisch. Manchmal überlappen sich mehrere Melodien, es ist ein einziges Chaos in Musics Kopf. Zu allem Überfluss stirbt auch noch die umsorgende Großmutter. Was jetzt? Da gäbe es noch Halbschwester Zu (Kate Hudson mit Stoppelglatze), die zwar mit ganz anderen Problemen wie Alkoholsucht zu kämpfen hat, die aber immerhin so pflichtbewusst ist, sich ihrer Verwandtschaft anzunehmen. Wenn man selbst Probleme hat, vielleicht lösen sich dann die Probleme des anderen. Nicht zu vergessen Nachbar Ebo, der an Zu Gefallen gefunden hat und der bei der Pflege von Music zur Hand geht.

Da ist es wieder, das Rain Man-Konzept. Barry Levinson hat das mit Tom Cruise und Dustin Hoffman schon vorgemacht. Nur allerdings ohne musikalische Intermezzi. Hätte Music diese artifizielle und revueartige Sicht auf die Welt nicht, könnte man leicht meinen, Sia könne zwar viel, aber nicht unbedingt Filmemachen. Betrachtet man das tragikomische Melodram ganz ohne Sias Handschrift, verliert man zwar nicht den Überblick, muss sich aber die Handlung teilweise selbst zusammenreimen, da Sia ihr eigenes und für uns nicht zugängliches Vorwissen zu ihrem Werk für alle voraussetzt. Ein Kavaliersdelikt, wenn man so will, das einigen Filmemachern immer mal wieder passiert. 

Durch die Schaffung einer weiteren Sichtweise bekommt das versponnene Märchen rund um allerlei Defizite die nötige Verspieltheit und alltagsphilosophische Tiefe. Dabei illustriert es Musics Wahrnehmung mit knallbunten Kulissen, Kostümen und hyperaktiven Choreographien, die ein bisschen an Björks Exaltiertheit erinnern und in denen Maddie Ziegler sowie die ganze Tanzgruppe wild gestikulierend und mit staunenden Gesichtern zwischen Willi Wonkas Schokoladenfabrik und Mary Poppins innerer Balance umhertänzeln. Das mag gewöhnungsbedürftig sein. Doch hat man sich mit Sias visuellem Liebreiz mal angefreundet, was durchaus recht schnell gehen kann, entbehrt die poppige und wohlkomponierte Musik nicht einer gewissen Faszination, die überdies ein irritierendes und nachhaltiges Wohlgefühl erzeugt. Die rätselhaft glücklich macht. Und die dem Filmgenuss ausnehmend gut gefällt.

Music