Point Blank

GESUND GESTOSSEN

5,5/10

 

POINT BLANK© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOE LYNCH

CAST: ANTHONY MACKIE, FRANK GRILLO, MARCIA GAY HARDEN U. A. 

 

Was machen Ensemblestars aus dem Marvel-Kosmos, wenn sie gerade am Ende ihrer Epoche angelangt sind? Sie machen mal Urlaub, könnte ich mir denken. Oder sie lassen sich von Netflix anheuern, an der Hintertür am Set zu Avengers, winkend mit einem netten Angebot und einem günstigen Vertrag mit allerlei Boni. Anthony Mackie konnte an diesen Anwerbern, so wie es aussieht, nicht wirklich vorbei. Obwohl Mackie nicht vergessen darf, irgendwann in die Fußstapfen Captain Americas zu treten, rufen wir uns eine der letzten Szenen aus Endgame in Erinnerung. Doch der afroamerikanische Star, im MCU bekannt als Falcon, will sich zu Recht nicht festlegen lassen. Da lässt sich zwischendurch ohne weiteres etwas ganz anderes spielen, nämlich das Remake eines französischen Thrillers mit dem bezeichnenden Titel Point Blank. Und um nicht ganz alleine dazustehen, muss Kollege Frank Grillo – ebenfalls aus dem Cap-Cast – auch mit an Bord. Somit haben wir mal ein Buddyteam, das so wie damals bei The First Avenger: Civil War ebenfalls auf zwei Seiten steht. Auf der Seite der Guten und der Bösen.

Mackie ist natürlich der Gute, und er ist Krankenpfleger und werdender Papa. Grillo ist der Böse, und einer von zwei Brüdern, die ein Attentat auf einen Lokalpolitiker verübt haben. Der eine entkommt, der andere wird überfahren – und landet im Spital. Klar, dass Blut dicker als Wasser ist, und der Flüchtige seinen Partner da raushauen will. Das geht aber nur mit fachkundigem Personal. Und wer eignet sich da nicht besser als Anthony Mackie, der, um das Leben seiner entführten schwangeren Frau bangend, alles tut, was Grillo will. Ihnen auf den Spuren: Ermittlerin Marcia Gay Harden als derber Cop, aus ihrem Sprachrepertoire bevorzugt das Wort „Fuck“ verwendend. Und was den Rest des Films dann passiert, ist wie der Benefit für einen Mars-Riegel: voll mobil und am Besten zwischendurch. Wobei Zwischendurch auch mal sehr entspannend ist.

Dieses Zwischendurch ist also Point Blank, das ist nichts, was den Patschenkinogeher vom Sofa haut, das ist nichts, was mit irren Schauwerten auftrumpft und nichts, was wir nicht irgendwo so ähnlich auch schon gesehen haben. Dass sich der US-Film gerne an europäischen Vorlagen vergreift, ist schon längst bekannt. Manchmal ist das komplett unnötig, manchmal aber taucht die Existenz eines Originals erst dann aus der Versenkung, wenn die US-Filmbranche in gefälligem Kopieren ihre Seherschaft vor den Screen holt. Das ist in der Musikbranche genauso. Doch wenn da Cover-Versionen gang und gäbe sind, warum nicht auch im Film? Ein bisschen anders sollte es dann schon sein, neue Impulse vielleicht, ein neuer Zugang. Point Blank, das Original, kenne ich nicht. Muss ich aber auch nicht mehr sehen. Und will ich auch nicht verwechseln mit einem Krimi selben Titels aus den 60er-Jahren von John Boorman, was die Verwirrung erst so richtig komplett macht. Die US-Version des Europa-Originals erzählt schon alles, was ich wissen muss, noch dazu mit einem gefällig-smarten Hauptdarsteller, der den relativ unbekannten Frank Grillo (ehrlich, ich kann mich leider nicht mehr an einen Antagonisten wie Crossbones aus dem Marvel-Universum erinnern) auf Fluchtwegen durch die Stadt pflegt. Im Koffer alles was er braucht, von Morphium bis Adrenalin. Das führt zu launigen Stress-Sequenzen, zu ordentlich Projektilverkehr und zu wohltuender Vorhersehbarkeit, die eben dadurch nicht weiter (ver)stört, weil es eben ein relativ anspruchsloser Happen ist, wie die Thrillerlektüre eines B-Schreiberlings am Strand, die für Kurzweil sorgen darf, mit all den redundanten verbalen Kraftausdrücken, die das klischeehafte Bild eines kernigen Verbrecheralltags erst so richtig finster machen. Reflektieren wir darüber? Nein, Point Blank kann man so stehen lassen, als etwas, worüber man nicht weiter nachdenkt. Außer vielleicht, welchen Film Anthony Mackie wohl als nächstes machen wird, bevor er das Vibraniumschild aus dem Kasten holt.

Point Blank