No Sudden Move

DIE PAPIERE, BITTE!

6/10


no-sudden-move© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. / Claudette Barius

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: STEVEN SODERBERGH

CAST: DON CHEADLE, BENICIO DEL TORO, KIERAN CULKIN, DAVID HARBOUR, AMY SEIMETZ, BRENDAN FRASER, RAY LIOTTA, JON HAMM, NOAH JUPE, BILL DUKE, MATT DAMON

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Wenn Steven Soderbergh wieder mal eine völlig anders geartete Idee als bisher im Kopf hat und dafür einen Cast zusammenstellen will, dann stehen sie allesamt Schlange. Das ist fast schon so wie bei Wes Anderson mit seinen penibel arrangierten Tableaus – die Liste der Stars findet erst spät sein Ende. In No Sudden Move ist allein das Who is Who schon sehenswert. Und man entdeckt Schauspieler wieder, die schon länger von der Bildfläche verschwunden waren und noch nicht von einem wie Tarantino wieder aus der Versenkung geholt wurden. Wie zum Beispiel Brendan Fraser. Der hat zumindest wieder ein Engagement in der Superheldenserie Doom Patrol, allerdings erkennt ihn da keiner. Oder Steingesicht Ray Liotta, der abseits von Scorsese wohl auch eher selten zu sehen ist. Dabei haben beide durchaus so einiges am Kasten, ganz so wie die übrigen Namen auf der Besetzungsliste. Darunter „War Machine“ Don Cheadle oder Benicio del Toro.

Die beiden sind das eigentliche Gespann des gefühlt waschechten Film Noir ohne Femme Fatale. Beide sind Kriminelle, die gut und gerne für die unterschiedlichsten Parteien des organisierten Verbrechens arbeiten, außer zurzeit für Frank. Nur nicht für Frank. Einer ihrer Aufträge klingt gar nicht mal so schwierig: sie müssen den Buchhalter von General Motors dazu bringen, Unterlagen aus dem Tresor seines Chefs zu entwenden, die heiß begehrten Inhalts sind. Cheadle und Del Toro nehmen derweil die Familie des Genötigten als Geisel, während ein Dritter mit ihm ins Büro fährt. Während des Coups stellt sich heraus, dass viel mehr Parteien an diesen Papieren interessiert sind als nur der eine Auftraggeber. Natürlich ist Frank mit im Spiel, aber auch die Gegenseite unter der Führung des schwarzen Unterweltlers Watkins. Bei so viel Nachfrage und so wenig Angebot heißt es nun, eigenmächtig den Preis zu erhöhen – und alle gegeneinander auszuspielen.

Wir wissen, dass Soderbergh es gerne vertrackt mag. Mit vielen weitergesponnenen, parallel laufenden Fäden, die jeweils zu einem Dutzend anderer Namen gehören, denen aber eine gemeinsame Basis zugrunde liegt, die irgendwann nur noch fahle Erinnerung bleibt. Bei No Sudden Move (Drehbuch: Ed Solomon, verantwortlich für Die Unfassbaren) arbeitet sich die Geschichte vor wie ein Sprung im Glas, der sich weiter verzweigt. Vom Tage übermüdet sollte man nicht sein, ein erfrischtes Hirn und ein ausgeprägtes Namensgedächtnis wären ratsam, denn sonst könnte es ab der Hälfte des Films ein bisschen konfus werden. Cheadle und del Toro bleiben aber stets auf der Spur, telefonieren oder kauern sinnierend irgendwo herum, um ihre Gier für den ganz großen Deal so gut es geht ohne Verluste mit Machbarem zu kompensieren. So viele Gegner versprechen allerdings auch sehr viele Zufälligkeiten, die als Variable durch den Krimiplot geistern.

No Sudden Move ist eine verkopfte Fast-Gaunerkomödie ohne viel Schwermut. Was Soderbergh dabei so eigen ist, und er damit zumindest emotional das Publikum kaum abholt, ist die fehlende Charakterentwicklung seiner Figuren, die wie festgelegte Online-Rollenbilder ein eloquentes Drehbuch tragen. Gut, das nimmt einen zwar nicht mit, ist aber auch kein großer Fehler, denn was sich immerhin weiterentwickelt, ist die Anzahl der Beteiligten, die, wie schon in Logan Lucky, für zwei süffisante Krimistunden sorgen. Sofern man den Überblick behält.

No Sudden Move

A Hard Day

WENN TOTE NICHT ANS HANDY GEHEN

7/10


ahardday© 2021 Busch Media Group

LAND / JAHR: SÜDKOREA 2014

BUCH / REGIE: KIM SEONG-HUN,

CAST: LEE SUN-KYUN, CHO JIN-WOONG, JEONG MAN-SIK, SHIN JUNG-KEUN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Meist lautet die Faustregel so: kennst du einen amerikanischen Thriller, kennst du gleich viele andere. Kennst du aber einen südkoreanischen Thriller, können dich alle anderen noch überraschen. Forrest Gump würde den Umstand mit einer Schachtel Pralinen vergleichen. Wie die das dort machen, ist kein Geheimnis – klarerweise liegt’s am Drehbuch, und klarerweise liegt’s an der Bereitschaft der Produzenten, auch gegen die Norm gebürstete Arbeiten zu verfilmen, die nicht dem lukrativen Schema erfolgreicher Marktforschung unterliegen. Die Südkoreaner, die trauen sich einfach mehr. Fabulieren mehr und denken mehr um die Ecke. Daher sind auch Filme, die sonst kaum das Zeug haben, auf westlichen Leinwänden groß rauszukommen – weil sie vielleicht nicht Bong Joon-Ho oder Park Chan-Wok in den Credits haben – bemerkenswerte Geschichten, die einfach erzählt werden müssen. So auch dieser bereits 2014 abgedrehte Streifen, der allerdings rund sechs Jahre darauf warten hat müssen, um das Licht der Retail-Welt zu erblicken. Doch egal, wann dieser letztendlich auftaucht – es ist schön, ihn zu sehen. Und ein kurioses Vergnügen obendrein. Ich hoffe, nur, dass es den Coen-Brüdern oder sonst wem nicht einfällt, Filme wie diese zu amerikanisieren. Eigene Ideen wären begrüßenswerter.

So ist die Idee vom korrupten Detektiv Ko, der bei einer nächtlichen Autofahrt zum Begräbnis seiner Mutter einen Menschen überfährt und sich damit allerlei Schwierigkeiten aufhalst, eine erfrischend originelle. Denn eine Anklage kann Ko momentan wirklich nicht gebrauchen, also schafft er das Unfallopfer in seinen Kofferraum, um es später spurlos verschwinden zu lassen. Was eignet sich da nicht besser als der Sarg seiner verstorbenen Mutter, die ja ohnehin begraben wird. Doch dieses groteske Vorhaben gestaltet sich äußerst schwierig. Dabei passieren Dinge, die kurioser kaum sein können. Und letzten Endes war der Überfahrene nicht irgendeiner, und auch nicht jemand, dessen Ableben nicht noch von jemand anderem beobachtet wurde.

Schwarzer Humor trifft auf Copthriller, die wiederum treffen auf makabren Suspense. Das muntere Potpourri aus Vertuschung und Erpressung, in dem es keine Guten, sondern nur weniger Böse gibt, steuert mit sehr viel ausgelebter Schadenfreude auf ein Katz- und Mausspiel zu, das vor skurrilen Momenten nicht mehr weiß, wohin damit. Klar kommt einem da wieder das tiefschwarze Meisterwerk Blood Simple von den eingangs erwähnten Coen-Brüdern in den Sinn, es werden Leichen aus- und eingegraben, und das alles in einem lakonischen, fast schon finnischen Gleichmut, der allerdings das Meistern scheinbar auswegloser Situationen in glaubhaftem Licht erscheinen lässt. A Hard Day ist nicht nur ein Tag, A Hard Week trifft es wohl eher, denn der Thriller erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Doch dieser eine Moment der Unachtsamkeit an diesem einen harten Tag ordnet die Parameter neu und zwar so, wie man sie vielleicht nicht erwartet hätte.

A Hard Day

Official Secrets

DER STAAT BIN AUCH ICH

7/10

 

oficcialsecrets© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: GAVIN HOOD

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, MATTHEW GOODE, RHYS IFANS, RALPH FIENNES, MATT SMITH, MARTIN BRIGHT, INDIRA VARMA, ADAM BAKRI U. A.

 

Was würde man bloß tun, wenn plötzlich klar wird, dass die Mächtigen nichts anderes im Schilde führen als uns Bürger zum Narren zu halten? Womöglich würden wir die Füße still halten, aus Angst, uns mit etwas zu Großem anzulegen. Wegsehen wäre hier das kleinere Übel, zumindest für die Person im Einzelnen, nicht aber für einen ganzen Teil der Weltbevölkerung. Würde man die Konsequenzen abwägen, hätten die Mächtigen also freie Bahn für welche Tricks auch immer. Und die Medien, die hecheln wie pawlowsche Hunde nebenher. Manchen aber war das Ausmaß des Frevels zu groß, und die Konsequenzen einer Gegenwirkung vielleicht nicht ganz so bewusst. Wie zum Beispiel bei Übersetzerin Katherine Gun, einer Whistleblowerin wider Willen.

Dass die us-amerikanische Irak-Offensive auf erstunkenen und erlogenen Beweismitteln beruht, das wissen wir längst. Womöglich auch aufgrund der Aktivitäten von Katharine Gun, die tatsächlich nur (so sagt der Film) ihrem Gewissen so manches schuldig war und dabei so ganz nebenbei Freunden von der investigativen Presse brandheißes Material zugesteckt hat. Das Memo: ein Aufruf zur Manipulation einer UN-Resolution zum Angriff auf Saddam Hussein. Wenn das bekannt werden würde, wäre das ein Stachel im Fleisch der Kriegstreiber. Wahrheiten wie diese aber müssen ans Licht. Und so kam es dann auch. Hätte Katharine Gun doch nur still gehalten; wären ihr die ständigen Verhöre Unschuldiger nicht ganz so sehr an die Substanz gegangen und wären ihre Ideale einfach militanter gewesen, wäre Katharine Gun inkognito geblieben und hätte ihr Leben als kluge, wertebewusste Bürgerin weiterhin bewahrt. Keira Knightley gibt sich im Film dann auch genau so: als junge, unbescholtene und engagierte Frau in einer liberalen Beziehung, die gut mit Sprachen kanAnecken mit den Mächtigen war wohl nicht das, was Whistleblowerin Keira Knightley eigentlich wollte – dennoch macht sie in diesem packenden True-Story-Drama eine kämpferisch gute Figur.n und dann so etwas wie dieses tückische Mail in die Finger bekommt.

Dieser Official Secrets-Act ist alleine schon eine Zumutung und läuft dem Bestreben, transparent zu regieren, völlig zuwider. Klauseln gibt’s da nämlich keine, und Aufdeckern von Machtmissbrauch sind da die Hände gebunden. Tsotsi-Regisseur Gavin Hood lässt in der Klarheit britischer News angesichts dieses Beispiels wütend machender Ohnmacht Keira Knightley wiedermal großartig aufspielen. Kein Film, indem die aparte Britin nicht ihren Rollen völlig gerecht wird. Auch hier bangt und kämpft sie, behält aber stets ihre Selbstachtung, den Kopf hoch erhoben und hat zum Glück jenen ritterlichen Trotz, der notwendig ist, diese Art von Ächtung durchzustehen. Ihr zur Seite: Jurist Ralph Fiennes, der fast ein bisschen wirkt wie Bonds M, nur spürbar sozialer. Hat sich diese True Story tatsächlich so zugetragen, dann grenzt das fast an ein Wunder, wie die Sache ausging. Bei Snowden und Assange lief die Sache anders. Knightleys Kampf für ihre Existenz ist in diesem akkurat inszenierten Aufklärungskino fesselnd dokumentiert, spannend und emotional obendrein. Irgendwann geht es nicht mehr um das Wohl der Welt, sondern darum, seinen eigenen Hintern zu retten. Official Secrets ist ein höchst sehenswertes Filmbeispiel um Selbstlosigkeit, Mut aus Angst und der Freiheit des Gewissens. Und nicht zuletzt um die Fragwürdigkeit von Staatsgeheimnissen, die uns alle angehen sollten.

Official Secrets

The Kitchen – Queens of Crime

EIN CLUB DER TEUFELINNEN

4,5/10

 

thekitchen© 2019 Warner Bros.

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANDREA BERLOFF

CAST: MELISSA MCCARTHY, ELISABETH MOSS, TIFFANY HADDISH, DOMHNALL GLEESON, JAMES BADGE DALE, MARGO MARTINDALE U. A.

 

Nein, das hat nichts mit Frauen hinterm Herd zu tun. Obwohl – im übertragenen Sinne vielleicht schon. Denn bei den Damen, die in Andrea Berloffs Regiedebüt The Kitchen – Queens of Crime das männliche Geschlecht zu einem entbehrlichen degradieren, handelt es sich um Frauen in der unfreiwilligen Ausübung einer Geschlechterrolle, die mittlerweile längst schon obsolet ist, in den 70ern aber, aus denen der Film berichtet, leider gang und gäbe war – vor allem in der patriarchalisch geführten Unterwelt, in dessen Dunstkreis sich das Drama abspielt. Und die Vermutung liegt nahe, dass The Kitchen klarerweise Hell´s Kitchen ist, also ein Viertel in New York, in dem die irische Mafia das Sagen hat und alles schaukelt, was gesellschaftlich wie wirtschaftlich zu schaukeln ist. Das meiste Geld verdienen die schurkischen Buben mit Schutzgeldern. Irgendwann aber geraten die Ehemänner der drei Frauen bei einem gescheiterten Raubüberfall in die Fänge des FBI – und landen hinter schwedischen Gardinen. Der Weg ist frei für Female Empowerment. Melissa McCarthy, Tiffany Haddish und Elisabeth Moss lassen die frei gewordenen Nischen nicht unbesetzt und raffen sich auf zu einem Rundumschlag auf Augenhöhe mit den übrigen Mannsbildern. Was nicht allen schmeckt. Eigentlich niemanden. Doch es reichen ein paar Ausnahmen, die sich auf die Seite des quirligen Trios stellen und die notwendige Muskelkraft beisteuern.

Hat man zuvor Michael Scorseses Mafia-Epos The Irishman gesehen, können gefühlt fast alle neueren Filme ähnlichen Themas nur resignierend das Handtuch werfen. The Kitchen – Queens of Crime gehört leider auch dazu. So, wie Andrea Berloff das kriminalistische Umfeld der Endsiebziger entwirft, stellen sich motivierte Filmemacher das urbane organisierte Verbrechen vor. Man könnte auch sagen, dass das, was The Kitchen auf die Straßen bringt, durchaus den Hang zum Klischee hat, zu vertrauten Stereotypen, die hier allesamt vorkommen. Was dabei aber erwähnt werden sollte: The Kitchen beruht auf einer mehrteiligen Graphic Novel von DC, ist also tatsächlich eine Comicverfilmung rund um ein Damentrio, das Berloff etwas umdefiniert hat, und zwar etwas in Richtung einer humorbefreiten Version von Bette Midler, Diane Keaton und Goldie Hawn, die im Club der Teufelinnen ihren chauvinistischen Männern gezeigt haben, wer eigentlich die Hosen anhat. McCarthy und Co machen das erstmal ohne Männer, um dann mit ihren besseren Hälften gehörig Schlitten zu fahren.

Wäre das Mafia-Unterwelt-Szenario aus dem eher beliebigen Fertigteil-Baukasten nicht, hätte The Kitchen ein packender Thriller werden können. Zu den Pro- und Antagonisten erschließt sich für mich aber seltsamerweise kein Zugang, die grassierende Skrupellosigkeit der mordenden, gierenden und erpressenden Ladies macht sie letzten Endes auch nicht besser als ihre Männer. Gleiches mit Gleichem zu vergelten ist hier eben die Devise oder: Was mein Mann kann, kann ich auch. Eine ähnliche Prämisse hat die True-Poledance-Story Hustlers. Auch hier zahlen es die Frauen den Männern heim, im Grunde mit den gleichen Mitteln, die der Zweck angeblich heiligen soll. Auf Sympathie stößt das nicht – einzig Elisabeth Moss darf in ihrer Rolle als geprügeltes Opfer dem Terror auf befreiende Weise ein Ende bereiten. Die anderen beiden zeigen eigentlich nur, dass sie sich genauso schlecht benehmen können wie ihre Männer, deren Handeln sie verurteilen. Rache ist ein süßes Wort, das stimmt schon. Kühlt sie ab, hat es im „Battle of the Sexes“ keiner besser gemacht.

The Kitchen – Queens of Crime

Offenes Geheimnis

NICHT OHNE MEINE TOCHTER

4,5/10

 

offenesgeheimnis© 2018 Thimfilm

 

ORIGINALTITEL: TODOS LO SABEN (EVERYBODY KNOWS)

LAND: SPANIEN, FRANKREICH, ITALIEN 2018

REGIE: ASGHAR FARHADI

CAST: PENELOPE CRUZ, JAVIER BARDEM, RICARDO DARÍN, BÁRBARA LENNIE U. A.

 

In Fluch der Karibik haben sie es ganz knapp nicht geschafft, gemeinsam über die reling zu hechten. Penelope Cruz war in Fremde Gezeiten an der Seite von Jack Sparrow ein rassiger Sidekick, Javier Bardem eine Episode drauf die hinkende Wasserleiche Salazar. In Asghar Farhadis Kriminaldrama haben sie es dann doch geschafft. Oder wieder einmal. Denn kennen und lieben gelernt hatten sie sich eigentlich schon in Woody Allens Vicky Christina Barcelona. Und die beiden Filme sind nicht die einzigen, in denen sie Seite an Seite aus vollen Emotionen schöpfen konnten. Irgend so einen Film über Pablo Escobar gibt es da auch noch, der ist aber seltsam untergegangen. Asghar Farhadi aber übersehen Filmkenner natürlich nicht. Mit The Salesman hat sich der Iraner sogar den Goldjungen aus Los Angeles geholt. Sein Nachfolger zwei Jahre danach ist allerdings nicht ganz so vielschichtig geworden wie der frei nach Motiven von Arthur Millers Stück erzählte Diskurs über Genugtuung und Gerechtigkeit. In Offenes Geheimnis – oder viel griffiger im Original: Todos Lo Saben (was soviel heisst wie: Jeder weiß es) – nimmt das Schicksal mit einer üppigen Hochzeitsfeierlichkeit seinen Lauf. Die ganze unübersichtliche Familie kommt zusammen, irgendwo in Spanien in einer übersichtlichen Kleinstadt, schön rustikal und wo die Nachbarn auch nicht gleich die Polizei rufen, wenn bis spät in die Nacht feuchtfröhlich die Sau rausgelassen wird.
So ganze Familien haben da auch den oder die eine im Schlepptau, der den oder die andere schon lange nicht mehr gesehen hat. Und das vielleicht aus gutem Grund. Denn war man jung und neugierig, gab’s da schon pikante Liaisonen, die dann versandet sind – und vielleicht wieder nachhaltig an die Oberfläche schwappen, wenn genug getrunken wurde. Oder anderes im Argen liegt.

Bevor es aber so weit kommt, verschwindet die halbwüchsige Tochter von Filmmutter Penelope Cruz aus ihrem Zimmer, wohin sie sich mangels Wohlbefinden zurückgezogen hat. Klar, man kann ja nochmal eine Runde drehen und frische Luft schnappen, aber der Teenie ist wie vom Erdboden verschluckt. Weiterfeiern ist nicht, und plötzlich liegt das Wort Entführung in der Luft. Oder ist sie einfach nur abgehauen? Nichts Genaues weiß man nicht, nur, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Was folgt, ist ein Drama voll des Wartens, Harrens und Bangens. Natürlich auch des Suchens, doch das eher vergeblich. Die Familie hält natürlich zusammen, und auch all die alten Bekannten aus der guten alten Zeit zeigen sich motiviert. Das bringt Bardem und Cruz wieder auf Augenhöhe, und im Laufe der Ver- und Entwicklungen dieser undurchsichtigen Tragödie treten Geheimnisse zutage, die sowieso schon jeder geahnt hat. Das ist also das Offensichtliche, und für manche, oder gerade für jene, die es am meisten trifft, dann doch wieder eine erschütternd neue Erkenntnis.

Dabei ist die wirklich spannende Geschichte daran jene, die anfangs mit dem Fokus auf das nonkonforme Denken besagten verschwundenen Mädchens bereits schon drauf und dran war, eine Richtung einzuschlagen, die wohl mehr Gewicht gehabt hätte als das, was letzten Endes dabei herausgekommen ist. Asghar Farhadi ist wohl einer, der eher wenig mit taktisch wohlplatzierten Twists, die den Zuseher trotz einer recht tristen Geschichte bei Laune hält, anfangen kann. In Offenes Geheimnis bleibt die Hoffnung auf die Untergrabung der Erwartungen unerfüllt. Es kommt, was kommen muss, es bleibt alles auf mehr oder weniger geraden Bahnen, mit wenigen Kreuzungspunkten, die aber eigentlich auf der Hand gelegen wären. Nur – Farhadi ergreift sie nicht. Macht daraus keinen Konflikt der Generationen oder auch kein Geheimnis, dessen Lüftung erst so richtig die Katze aus dem Sack lassen würde. Nein, alles ist erahn- und erwartbar. Gedankenspiele vorab vergebene Liebesmüh. Immerhin ist Penelope Cruz verzweifelt genug, und Javier Bardem entsprechend erstaunt darüber, was ohnehin schon alle wissen. Ja, manchmal gneisst man es nicht gleich. Und ich weiß nicht, warum Farhadi es auch nicht gleich begriffen hat, dass sein Drehbuch, hätte es eine andere Wendung genommen, viel mehr Möglichkeiten gehabt hätte, so richtig genüsslich gesellschaftliche Dogmen vor sich herzutreiben anstatt diese nur mit sorgenvollen Blicken zu begleiten. Der ganze Film ist also auch für den Zuseher ein offenes Geheimnis, und ich weiß nicht welchen Reiz das ganze Dilemma dann noch hat, wenn der Unterschied zur finalen Episode einer breitgetretenen Soap nur mehr der ist, mit der spanischen Ausgabe von Brangelina auf Sieg zu setzen. Ein durchaus schwülstiges, eher uninspiriertes Drama also, das an die große Glocke hängt, was eigentlich niemand erwarten will, und im Endeffekt auch nicht sonderlich tangiert, sobald man es endlich weiß.

Offenes Geheimnis

Point Blank

GESUND GESTOSSEN

5,5/10

 

POINT BLANK© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOE LYNCH

CAST: ANTHONY MACKIE, FRANK GRILLO, MARCIA GAY HARDEN U. A. 

 

Was machen Ensemblestars aus dem Marvel-Kosmos, wenn sie gerade am Ende ihrer Epoche angelangt sind? Sie machen mal Urlaub, könnte ich mir denken. Oder sie lassen sich von Netflix anheuern, an der Hintertür am Set zu Avengers, winkend mit einem netten Angebot und einem günstigen Vertrag mit allerlei Boni. Anthony Mackie konnte an diesen Anwerbern, so wie es aussieht, nicht wirklich vorbei. Obwohl Mackie nicht vergessen darf, irgendwann in die Fußstapfen Captain Americas zu treten, rufen wir uns eine der letzten Szenen aus Endgame in Erinnerung. Doch der afroamerikanische Star, im MCU bekannt als Falcon, will sich zu Recht nicht festlegen lassen. Da lässt sich zwischendurch ohne weiteres etwas ganz anderes spielen, nämlich das Remake eines französischen Thrillers mit dem bezeichnenden Titel Point Blank. Und um nicht ganz alleine dazustehen, muss Kollege Frank Grillo – ebenfalls aus dem Cap-Cast – auch mit an Bord. Somit haben wir mal ein Buddyteam, das so wie damals bei The First Avenger: Civil War ebenfalls auf zwei Seiten steht. Auf der Seite der Guten und der Bösen.

Mackie ist natürlich der Gute, und er ist Krankenpfleger und werdender Papa. Grillo ist der Böse, und einer von zwei Brüdern, die ein Attentat auf einen Lokalpolitiker verübt haben. Der eine entkommt, der andere wird überfahren – und landet im Spital. Klar, dass Blut dicker als Wasser ist, und der Flüchtige seinen Partner da raushauen will. Das geht aber nur mit fachkundigem Personal. Und wer eignet sich da nicht besser als Anthony Mackie, der, um das Leben seiner entführten schwangeren Frau bangend, alles tut, was Grillo will. Ihnen auf den Spuren: Ermittlerin Marcia Gay Harden als derber Cop, aus ihrem Sprachrepertoire bevorzugt das Wort „Fuck“ verwendend. Und was den Rest des Films dann passiert, ist wie der Benefit für einen Mars-Riegel: voll mobil und am Besten zwischendurch. Wobei Zwischendurch auch mal sehr entspannend ist.

Dieses Zwischendurch ist also Point Blank, das ist nichts, was den Patschenkinogeher vom Sofa haut, das ist nichts, was mit irren Schauwerten auftrumpft und nichts, was wir nicht irgendwo so ähnlich auch schon gesehen haben. Dass sich der US-Film gerne an europäischen Vorlagen vergreift, ist schon längst bekannt. Manchmal ist das komplett unnötig, manchmal aber taucht die Existenz eines Originals erst dann aus der Versenkung, wenn die US-Filmbranche in gefälligem Kopieren ihre Seherschaft vor den Screen holt. Das ist in der Musikbranche genauso. Doch wenn da Cover-Versionen gang und gäbe sind, warum nicht auch im Film? Ein bisschen anders sollte es dann schon sein, neue Impulse vielleicht, ein neuer Zugang. Point Blank, das Original, kenne ich nicht. Muss ich aber auch nicht mehr sehen. Und will ich auch nicht verwechseln mit einem Krimi selben Titels aus den 60er-Jahren von John Boorman, was die Verwirrung erst so richtig komplett macht. Die US-Version des Europa-Originals erzählt schon alles, was ich wissen muss, noch dazu mit einem gefällig-smarten Hauptdarsteller, der den relativ unbekannten Frank Grillo (ehrlich, ich kann mich leider nicht mehr an einen Antagonisten wie Crossbones aus dem Marvel-Universum erinnern) auf Fluchtwegen durch die Stadt pflegt. Im Koffer alles was er braucht, von Morphium bis Adrenalin. Das führt zu launigen Stress-Sequenzen, zu ordentlich Projektilverkehr und zu wohltuender Vorhersehbarkeit, die eben dadurch nicht weiter (ver)stört, weil es eben ein relativ anspruchsloser Happen ist, wie die Thrillerlektüre eines B-Schreiberlings am Strand, die für Kurzweil sorgen darf, mit all den redundanten verbalen Kraftausdrücken, die das klischeehafte Bild eines kernigen Verbrecheralltags erst so richtig finster machen. Reflektieren wir darüber? Nein, Point Blank kann man so stehen lassen, als etwas, worüber man nicht weiter nachdenkt. Außer vielleicht, welchen Film Anthony Mackie wohl als nächstes machen wird, bevor er das Vibraniumschild aus dem Kasten holt.

Point Blank

Steig.Nicht.Aus!

RITT AUF DER KANONENKUGEL

4/10

 

steignichtaus© 2018 NFP

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: CHRISTIAN ALVART

CAST: WOTAN WILKE MÖHRING, CHRISTIANE PAUL, HANNAH HERZSPRUNG, CARLO THOMA, EMILY KUSCHE U. A.

 

Im dritten Teil der Actionfilmreihe Lethal Weapon gibt es doch die Szene, in der Danny Glover alias Sergeant Roger Murtaugh bei der morgendlichen Notdurft Wind davon bekommt, dass unter dem Lokus eine Bombe platziert ist. Was darauf folgt, ist wohl die einzige Episode aus der Buddy-Cop-Actionreihe, die wirklich nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Alleine der Versuch der Exekutive, den Sprengsatz zu entschärfen und den Allerwertesten des kurz vor der Pension befindlichen Althasen zu retten, ist sowohl spannender Thrill als auch humorvolle Situationskomik. Der Vergleich der rund 20 Minuten langen Sequenz mit dem urbanen Bombenthriller Steig.Nicht.Aus! macht mich sicher: Christian Alvart´s Film spielt zwar mit der klaustrophobischen Enge eines stark begrenzten Raumes, entwickelt aber zu keiner Zeit jene kribbelnde Panik wie Roger Murtaugh mit herabgelassener Hose. Das liegt leider zum größten Teil an Wotan Wilke Möhring, der dem Anforderungsprofil seiner Rolle wenig Beachtung schenkt. Dabei soll es sich zum einen um einen zweifachen Familienvater, zum anderen um einen relativ ehrgeizigen, egomanischen Bauspekulanten handeln, der die Rechnung präsentiert bekommt, und zwar zu jener ungünstigen frühen Morgenstunde, in der er ausnahmsweise seinen Nachwuchs in die Schule bringen soll.

Was für ein Typ dieser Karl Brendt sein soll – das weiß Möhring eigentlich nie wirklich. Ehrgeizig? Skrupellos? Ein Charakterschwein? Liebt er seine Kinder und seine Frau, die ihm bis auf weiteres in der Rolle des Opfers keinen Glauben schenkt? Wie grenzgängerisch muss dieser Karl Brendt bislang gewesen sein, damit ihm seine Nächsten den Amokfahrer und Geiselnehmer überhaupt abkaufen? Das Verhalten des Hauptdarstellers erreicht in den aussichtslosesten Momenten, als der eigene Sohn im Auto verletzt wird, schon seine ohnmachtsanfällige Intensität, die aber gleich wieder einer überschaubaren Anspannung weicht, die ungefähr gleichzusetzen ist mit einer zähflüssigen Autobahnfahrt im Stau, wo alle Beteiligten den Umständen entsprechend leicht reizbar werden und es nicht abwarten können, dieser lähmenden Situation zu entkommen. Nach Bombendrohung sieht das Ganze nicht aus. Und so, wie sich die Dinge entwickeln, auch nicht nach einer schlüssigen Lösung des brandgefährlichen Problems.

Wenn der Schauplatz schon so eingeschränkt werden muss, dann hat das Drehbuch auch entsprechend knackig zu sein. In Anbetracht der reduzierten Schauwerte muss umso mehr das Schauspiel alle Register ziehen. Das fällt aber leider schwer. Selbst Hannah Herzsprung gibt ihrer dienstbeflissenen Zurückhaltung fast ein bisschen zuviel Nachdruck. Klar, Bombenentschärfer ist seit The Hurt Locker nicht wirklich ein Job, auf den man sich jeden Morgen beim Aufstehen freut – allerdings hätte Herzsprung´s Rolle ein bisschen mehr Emotion auch nicht geschadet. Die Figur des Bombenlegers und Erpressers ist wohl Christian Alvart´s größter Schnitzer, denn dessen vorerst scheinbar unendliche Überlegenheit lässt sich nicht wirklich plausibel erklären. Das sind nun Plot-Holes, die dem Armaturenbrett-Thriller mit Sicherheitsabstand hinterherhinken. Wirklich mitreißend sind eigentlich nur die Jungdarsteller Carlo Thoma und Emily Kusche, wobei mir letztere in Bully Herbig´s Fluchtdrama Ballon bereits positiv aufgefallen war. Für die beiden Sprösslinge entwickelt sich wirklich so etwas wie Mitgefühl, und ihr Leidensweg am Rücksitz kostet nicht nur dem Papa ein paar Nerven. Dafür lohnt es sich, Steig. Nicht. Aus! vielleicht eine Chance zu geben. Sonst aber ist der poröse Thriller umständlich konstruiert, auf allzu gewollte Unberechenbarkeit gepolt und im Spektrum seiner Handlungsmöglichkeiten viel zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Steig.Nicht.Aus!

The Foreigner

EIN GLÜCKSKEKS SIEHT ROT

5/10

 

foreigner© 2018 Universum Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN / CHINA 2018

REGIE: MARTIN CAMPBELL

MIT JACKIE CHAN, PIERCE BROSNAN, ORLA BRADY U. A.

 

Jackie Chan – ja, natürlich kenn ich den. Vom Hörensagen. Viel am Hut habe ich mit ihm nie gehabt. Eigentlich eine Frechheit, in Anbetracht des immensen Pensums an Produktionen, in welchen das ostasiatische Multitalent mitgespielt, mitproduziert und mitgeschrieben hat. Im Grunde eine Ikone des Kinos. Von mir schmählich ignoriert. Ich kenne gerade mal zwei Filme, in denen Jackie Chan seinen Auftritt hat – das ist In 80 Tagen um die Welt und The Lego Ninjago Movie. Martial Arts-Kampfsport ist aber auch nicht wirklich das Genre meiner Wahl. Das war damals in den Achtzigern und frühen Neunzigern mit Jean Claude Van Damme etwas anderes, seine Filme sind zwar rückblickend auch unfreiwillig komisch, aber nie so überdreht wie die Filme des mittlerweile in die Jahre gekommenen Hals- und Beinbrechers. Hätte er bei den Expendables mitgemischt, hätte ich jetzt drei Filme zu verzeichnen. Doch da hat ihm wohl Jet Li, der kleine selbstironische Haudrauf, die Rolle weggeschnappt. Macht nix, die Drei bekomme ich auch so zusammen. Und zwar mit The Foreigner.

Hier darf Jackie Chan mit James Bond gemeinsame Sache machen. Und das in zweierlei Hinsicht. Erstens ist niemand geringerer als Pierce Brosnan – sichtlich ergraut, kurzgeschoren und schneidig wie ein Ex-Knacki – das vermeintliche Opfer privat initiierten Terrors. Und zweitens führt Martin Campbell Regie, seines Zeichens Regisseur von Goldeneye – eben mit Pierce Brosnan – und Casino Royale, dem Einstand mit Daniel Craig. Ein Experte also, was Agentenkino betrifft. Weniger ein Experte, was Superhelden betrifft. Denn Green Lantern geht auch auf sein Konto. Zum Glück ist The Foreigner keine Fantasy, sondern handwerklich fehlerloses Selbstjustizkino fürs Heimformat. Warum eigentlich dieses? Nun, Pierce Brosnan wird längst wohl eher mit den Premium-Produkten einer Supermarktkette in Verbindung gebracht als mit Spannungskino von Format. Obwohl der neben Roger Moore wohl am meisten augenzwinkernde Gentleman der Kinogeschichte immer noch das Zeug für letzteres hätte. Man sieht, Brosnan spielt immer noch Brosnan wie ein erfahrener Universitätsdozent, mit Charme und ohne Harm. Dass er dann von Jackie Chan bis aufs Blut getriezt wird, mag man so gar nicht. Der ist nämlich trauernder Vater. Nach dem Bombenanschlag einer IRA-Splittergruppe in London, die seine Tochter auf dem Gewissen hat, kennt der von Schmerz und seelischem Leiden gezeichnete Ex-Elitekämpfer nur noch das Gefühl der Rache – welches sich allerdings in seinem zu Stein gewordenen Konterfei nur bedingt widerspiegelt. Man kann natürlich seine Rolle so verbissen emotionslos wie Jackie Chan anlegen – oder eben wutschnaubend Amok laufen. Wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen. Denn eines kann ich mir schwer vorstellen – dass Chan bei seinen Fans mit der Rolle des schweigsamen Aufräumers im Stile von Takeshi Kitano wirklich gut ankommt. Vielleicht war das auch der Grund, warum die Studios es nicht gewagt haben, The Foreigner auf die große Leinwand zu bringen. Dem Japaner Kitano kann wohl als lakonische Killermaschine niemand den Rang ablaufen. Im Vergleich dazu wirkt Jackie Chan seltsam unbeholfen, ja fast schon unfreiwillig komisch. Wäre ich Ex-Terrorist Pierce Brosnan, würde ich ihn womöglich genauso wenig erst nehmen. Das aber wird sein Fehler gewesen sein.

Den Fehler, mir The Foreigner ein zweites Mal anzusehen, werde ich sicher nicht machen. Zu wenig plausibel sind seine Figuren, zu vorhersehbar der ganze Film. Da wäre es ratsamer, das 1992 erschienene Buch Der Chinese von Stephen Leather zu lesen. Da hat man seine eigenen Figuren im Kopf. Und nicht den quirligen Martial-Arts-Yoda Chan oder Ex-Bond Brosnan, beides Gesichter, die schon zur Genüge für anderes besetzt sind.

The Foreigner

The Commuter

MORD IM PENDLER-EXPRESS

6,5/10

 

commuter© 2018 Constantin Film

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2017

REGIE: JAUME COLLET-SERRA

MIT LIAM NEESON, VERA FARMIGA, SAM NEILL, PATRICK WILSON U. A.

 

Das französische Medienunternehmen StudioCanal hätte gut daran getan, den Titel seiner neuesten Produktion The Commuter vom spanischen Thriller-Spezialisten Jaume Collet-Serra ins Deutsche zu übersetzen. Da die internationale Bezeichnung aufgrund mangelnden täglichen Wortgebrauchs von seiner Bedeutung her nicht jedem geläufig ist, wäre eine sprachregionale Übersetzung durchaus wünschenswert gewesen. Dann würde der Thriller Der Pendler heißen – ist jetzt nicht so der Brüller, aber das ist The Commuter aufgrund seiner beschränkten Wortbekanntheit auch nicht. Aber so spricht einer, der zumindest englischsprachige Filme lieber nicht im Original sehen möchte. Und auch nicht unbedingt als sprachaffin zu bezeichnen ist. Aber dazu stehe ich. 

Der Pendler jedenfalls ist in diesem mysteriösen Spannungsszenario ein relativ abgemagerter Liam Neeson in Anzug und Krawatte, der tagaus tagein mit dem Vororte-Express zur Arbeit fährt – also mit der Schnellbahn quasi. So würde man in Wien dazu sagen. The Commuter wäre ein Film für und gesponsert von der ÖBB – und für alle, die selbst ihren Arbeitstag planmäßigen Intervallen unterwerfen. Für das richtige Feeling quälender Stoßzeiten zeugen schon die ersten Minuten des Filmes. Ein Gedränge, dass es ärger nicht geht. Menschen, jeden Tag neue Gesichter. Ein paar bekannte darunter laden zum erzwungenen Smalltalk ein. Oder zum Ausweinen, sofern man die raren Plätze ergattert. Am Liebsten außen, und nahe bei den Türen. Alles erinnert an die Hustenwerbungen im Fernsehen – fehlt nur noch das Kind mit dem Zauberstab. Also alles in allem keine erstrebenswerten Lebenssituationen. Doch notwendig ist es. Auch für den Versicherungsvertreter MacCauley, ehemaliger Polizist und nun wegrationalisierter Familienvater, der seinen Sohn auf die Mittelschule bringen muss. Nun fehlen das Geld und der Mut zur Ehrlichkeit, den Ist-Zustand seiner besseren Hälfte zu unterbreiten. Das Problem hatte schon Josef Hader in Wilde Maus, doch die seltsame Begebenheit, die nun folgt, blieb dem österreichischen Kaberettisten glücklicherweise verwehrt. Plötzlich sitzt die Fremde im Zug vis a vis und bietet dem vom Pech verfolgten Alltagsüberdrüssigen MacCaulkey einen Deal an. Und es ist Geld im Spiel. Geld, das jeder brauchen kann. Aber wenn so mir nichts dir nichts Geld angeboten wird, ist das schon mal mit Vorsicht zu genießen. MacCauley zögert, doch ehe er sich versieht, hat er den Job an der Backe. Es gilt, einen Passagier zu suchen, der eine Tasche trägt. In einem vollbesetzten Pendler-Zug. Wie soll das geht, ohne Anhaltspunkte? Das fragen wir uns auch – und die Tatsache macht die ganze Sache durchaus spannend. Zumindest anfangs. Da hat das Ganze einigen Suspense. Rätselraten hin und her. Immer wieder improvisiert der getriebene Altvater des Actionkinos aufs Neue. Und andauernd sind Passagiere im Weg, die das Erfüllen der Aufgabe in weite Ferne rücken – oder auf eine falsche Fährte locken. 

Es stimmt, ein ähnliches Szenario hatten wir schon bei Non-Stop, auch hier das Handwerk Collet-Serras. Und auch hier kam das Abenteuer über den Wolken spannend und gut durchdacht ins Rollen – um dann nur mehr stereotype Bausteine bewährten Spannungskinos auszuwählen. Das platte Problem zu umgehen, das gelingt The Commuter einigermaßen besser, oder sagen wir – zumindest über eine längere Dauer der Spielzeit hinweg. Ganz entkommen kann der Film dem Fluch des Schema-F letzten Endes dann auch nicht. Und es tritt ein, womit man ohnehin rechnet. Was aber erstaunlicherweise nicht ganz so enttäuscht wie erwartet. 

The Commuter bleibt einer von mehreren Liam Neeson-Thrillern, die durchaus kurzweilig in Szene gesetzt sind und mehr unterhalten als abgedroschen wirken. Vielleicht ist beim nächsten Film dieser Art das Verhältnis zu seinem Nachteil verschoben – um der Gefahr zu entgehen, sollten sich Collet-Serra und Liam Neeson ab nun was grundsätzlich Neues einfallen lassen.

The Commuter

The Gambler

FREUDE AM PRIVAT-KONKURS

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gambler

All jene, die Mark Wahlberg unlängst in dem Ölkatastrophenthriller Deepwater Horizon bewundern durften, werden bei Betrachten des Zockerdramas The Gambler verwirrt mit den Augen blinzeln. Denn der ehemalige Bodybuilder und derzeitiges Transformers-Herrchen wirkt in diesem hierzulande nur im Retail-Bereich erschienen Film dermaßen verjüngt, dass man das Gefühl hat, hier einem zeitlichen Betrug aufzusitzen. Doch keine Sorge, der Betrug findet maximal nur am Black Jack-Tisch statt. Das sieht man auch am in die Jahre gekommenen John Goodman, der als glatzköpfiger Unterweltler keinerlei Kuschelfaktor mehr aufzuweisen hat. Im Gegenteil – die wuchtige Statur in ein Feinripp zu zwängen birgt enormen Mut zur Hässlichkeit. Bei Mark Wahlberg hingegen liegt seine Verjüngung in der Wahl des Haarschnittes. Man sieht, nicht nur Kleider machen Leute.

Jedenfalls lässt der Schauspieler – ihm zur Seite Oscargewinnerin Brie Larson (Oscar für Room) und eine aufgrund diverser Botox-Behandlungen bis zur Unkenntlichkeit mutierte Jessica Lange – als krankhafter Glücksspieler das eigene reizlose Leben an sich vorbeiziehen. Im Grunde ist der melancholische, hausbackene Schuldenkrimi die sehr persönliche Sinnsuche eines Mannes, der alles haben kann und nichts will. Der sich nur dann spürt, wenn er Geld verspielt, das ihm nicht gehört. Und sich seinen Gläubigern ausliefern kann. Das mag interessieren, muss es aber auch nicht. Überhaupt legt die Figur, welche Wahlberg verkörpert, eine Arroganz an den Tag, der man sich auch nicht unbedingt auszusetzen wünscht. Daher folgt man der sanften Spirale abwärts, die dieser eher gediegen-ruhige, kleine Film vollführt, mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit. Da hatte Arronofsky´s The Wrestler, Spike Lees kraftvolle Verliererballade 25 Stunden oder Inside Llewyn Davis von den Coen-Brüdern, allesamt sehr persönliche, intensive Portraits gesellschaftlicher Outlaws, mehr Reibungsflächen, mehr Ecken und Kanten. Und mehr Ironie. Zumindest Inside Llewyn Davis.

The Gambler – ein Remake des Filmes Spieler ohne Skrupel aus dem Jahr 1974 – spart sich das und schildert die Chronik der inneren Verwahrlosung eher halbherzig. So, als würde Regisseur Rupert Wyatt seine eigene Figur nicht wirklich zu seinen Freunden zählen. Das spürt auch der Zuseher, der ein packendes Zockerdrama erwartet, oder zumindest das Psychogramm eines Spielsüchtigen. Ansatzweise ist es das. Meist aber bleibt der Film zwischen Drama und Kriminalgeschichte stecken, ohne sich entschieden zu haben, was er sein will. Im Grunde müsste er das nicht – zwischen den Themen hin und herzupendeln gelingt aber nur, wenn man seine Figur genug charakterisiert, um sie greifbar zu machen. Das ist bei The Gambler nicht gelungen. Der Film wartet zwar mit einer illustren Besetzungsliste auf, enttäuscht aber aufgrund seiner deprimierenden Antriebslosigkeit und der Antipathie, die von Mark Wahlberg ausgeht.

Übrigens – für alle, die ihn nicht erkannt haben: In der ersten Szene ist der 2016 verstorbene Dallas-Veteran George Kennedy in seiner letzten Rolle zu sehen.

 

The Gambler