Don’t Breathe 2

(M)EINE TOCHTER GEHÖRT MIR

6/10


 

dontbreathe2© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH


 

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: RODO SAYAGUES

DREHBUCH: RODO SAYAGUES, FEDE ALVAREZ

CAST: STEPHEN LANG, MADELYN GRACE, BRENDAN SEXTON III, ADAM YOUNG, FIONA O’SHAUGHNESSY, STEPHANIE ARCILA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Die Wandertrophäe eines Actionhelden geht nun an den nächsten, damit müssen wir und letztendlich abfinden. Was ich damit meine? Das blutige Feinripp von Bruce Willis. Das trägt nun jemand anderer, und zwar jemand, der gut und gerne John McClanes älterer Mentor hätt sein können. Stephen Lang ist der neue Tunichtgut für alle, die noch finsterer sind als die ewige Nacht, die der brummige Seals-Veteran stets vor Augen hat. Dem alten, weißen und weißhaarigen Mann sind schon anno 2016 einige grünohrige Jungspunde in den eigenen Vier Wänden durchs akustisch wahrgenommene Bild gestiefelt – den nächsten Morgen haben nur wenige erlebt. McClane hatte da zwar auch stets einen Bodycount zu verzeichnen, doch alles unter dem hellen Licht des Guten. Bei Norman Nordstrom sieht der Steckbrief anders aus. Der lakonische Misanthrop hat so einiges auf dem Kerbholz, seit Fede Alvarez‘ erfolgreichem Erstling wissen wir auch, zu welch perfiden Scheußlichkeiten er fähig sein kann. Sympathieträger ist er keiner. Dabei treibt ihn nur ein einziges Gefühl an: manische Trauer, und zwar die über seine verblichene Tochter. Seither versucht er vehement, an einen Ersatz zu gelangen.

Wer den Erstling allerdings kennt, wird sich bei Teil 2 anfangs etwas wundern. Denn es scheint, als wäre Don’t Breathe 2 sowas wie ein Prequel. Töchterchen Nordstrom scheint quietschfidel, allerdings darf sie weder zur Schule noch kaum sonst wohin. Die Vater-Tochter-Idylle wird jedoch bald durch wenig zimperliche, finstere Gestalten getrübt, die den Schützling nach einigem Hickhack mitgehen lassen. Der alte Nordstrom, sichtlich lädiert, ist aber nicht totzukriegen. Noch nicht. Wie es der Zufall so will, scheinen alle Wege geebnet, um endlich ordentlich blinde Wut zu entfesseln.

Blinde Wut – das erinnert mich an den bereits schon betagten Rutger Hauer-Klassiker aus den 80ern. Auch dort, im Film von Philipp Noyce, gab der Niederländer einen blinden Veteranen, der lieber das Katana als das Feinripp blutig hält. Der Schutz eines Kindes war auch hier oberstes Ziel. Und gäbe es Stephen Lang nicht, dafür aber einen Rutger Hauer in den besten Jahren, würde man nicht viel herum überlegen, um ihn als Norman Nordstrom zu besetzen.

Natürlich kann das Sequel den Schauplatz des Katz- und Mausspiels nicht mehr nur auf Nordstroms Anwesen reduzieren – das wäre zu viel vom selben, obwohl es eine Zeit lang den Anschein hat, dass es so bleiben würde. Doch nein – das Drehbuch von Alvarez und Rodo Sayagues, der diesmal Regie führt, hebt den neuen Thrill auf ein ähnlich perfides, aber leicht abgeändertes und mehr actionlastiges Level. Dramaturgische Kniffe und kuriose Wendepunkte, die die Handlung vorantreiben, sind klug gesetzt und lassen zum Glück fragwürdig handelnde Vollpfosten außen vor. Der Plot funktioniert besser als im Original, ganz besonders irritiert die Diffusion von Gut und Böse, wobei man vergeblich nach ersterem sucht und dennoch – vielleicht, weil die Figur des Mädchens so sehr danach drängt – mit dem geringeren Übel sympathisiert, dessen Identität während des Films aber zügig die Seiten wechselt. Nordstrom  als verlustverarbeitende Nemesis entfesselt somit schmerzhafte und brutale Action, die hätte John McClane vielleicht ein bisschen verstört. Stirb langsam also, mit einem Antihelden ohne Rückendeckung, und einer Schmerztoleranz, die fast schon anästhetisch scheint.

Don’t Breathe 2

Tallulah

FAMILIE ZUM AUSSUCHEN

7/10


Tallulah© 2016 Netflix


LAND / JAHR: USA 2016

BUCH / REGIE: SIAN HEDER

CAST: ELLIOT PAGE, ALLISON JANNEY, EVAN JONIGKEIT, TAMMY BLANCHARD, DAVID ZAYAS, ZACHARY QUINTO, JOHN BENJAMIN HICKEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Im diesjährigen Oscar-Gewinner Nomadland klappert Frances McDormand mit ihrem Wohnbus durch die Weite der Vereinigten Staaten. Mehr Zuhause gibt‘s nicht. Ähnlich handhabt das Elliot Page im Netflix-Original Tallulah, auch hier ist der charismatische, transgendere Schauspieler (vormals Ellen) so ziemlich entwurzelt, und nur die eigenen vier Blechwände bieten Geborgenheit. Mit so einem Existenzmuster kommt man nicht weit, wenn man erstens sein eigenes Leben noch nicht mal begonnen hat und zweitens auch nirgendwo zu Geld kommt. McDormand, die hat zumindest vorab ein klassisch-geordnetes Leben geführt. Auch sind Gelegenheitsjobs das Um und Auf, um durchzubeißen, während die Verwandten für den Notfall in greifbarer Nähe weilen. Bei Elliot Page ist das nicht so – als Mädchen Tallulah hat sie zumindest einen Freund – der aber bald nichts mehr von dieser Art Leben wissen will und verschwindet. Aus einer gewissen Planlosigkeit heraus wendet sich die Vagabundin an dessen Mutter, zuerst erfolglos, dann aber mit Baby unterm Arm, welches klarerweise nicht ihres ist, was aber keiner weiß. Wie die Jungfrau kommt Tallulah zum Kind – und zu dem Schluss, dass manche Mütter zur Erziehung nicht geeignet sind.

Inszeniert und auch geschrieben hat diese Großstadtballade Sian Heder, die aktuell erst mit CODA, der Neuadaption des französischen Familienfilms Verstehen Sie die Béliers bei den Kritikern recht gut ankommt. Fürs Zwischenmenschliche scheint die us-amerikanische Filmemacherin ein Gespür zu haben, denn Allison Janney (Oscar für I, Tonya) und Page spielen zwar nicht Mutter und Tochter, entwickeln aber ähnliche Gefühle zueinander, die sich auch völlig schnörkellos aufs Publikum übertragen. Das fremde Baby ist der Kit, der Familien manchmal zusammenhält – oder neue entstehen lässt. Von wegen, Familie kann man sich nicht aussuchen – in Tallulah macht die sehr souverän dargestellte Improvisateurin die Probe aufs Exempel, auch wenn hier Gesetze gebrochen werden. Familie ist hier eine Institution, die sich nicht nur an den gemeinsamen Genen misst. Wie wichtig so eine Stütze sein kann, und wieviel eigentlich fehlt, ist davon keine Spur zu finden, erklärt Heder in ihrer aus eigenen Erfahrungen inspirierten Arbeit, die wiederum auf einem eigenen Kurzfilm beruht, ohne dabei selbst Partei zu ergreifen. Das geschieht beobachtend, durchaus mit Sympathie für ihre Figuren, jedoch ohne sie zu beurteilen. 

Tallulah ist interessantes Schauspielkino ohne Leerlauf, gehaltvoll und relativ meinungsfrei. Um so mehr lässt sich bei Betrachtung der Begebenheiten eine eigene – oder gar keine Meinung bilden, da der Kontext der Umstände viel zu viel Einfluss nimmt auf Richtig oder Falsch.

Tallulah

Monos

CHILDREN FOR THE REVOLUTION

7,5/10 


monos© 2020 DCM


LAND / JAHR: KOLUMBIEN, ARGENTINIEN, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND, URUGUAY, SCHWEDEN 2019

REGIE: ALEXIS DOS SANTOS & ALEJANDRO LANDES

CAST: JULIANNE NICHOLSON, MOISES ARIAS, SOFIA BUENAVENTURA, JULIÁN GIRALDO, KAREN QUINTERO, DEIBY RUEDA, SNEIDER CASTRO, PAUL CUBIDES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Wohl eines der erschütterndsten und spannendsten Bücher, die ich je gelesen habe, ist die Leidensgeschichte der Politikerin Ingrid Betancourt, die als Geisel der kolumbianischen FARC jahrelang als wertvollster Besitz galt. Mit Geiseln, so die Rebellen, lässt sich politisch am meisten bewegen. Was das für Leute sind, beschreibt Betancourt mit fast schon sachlicher Genauigkeit. Der Film Monos von Alexis Dos Santos und Alejandro Landes nimmt so einen wilden Haufen junger Hunde ebenfalls unter die Lupe. Dafür steigt er hoch auf die unwirtlichen Hochebenen des südamerikanischen Landes, dort, wo man bereits über den Wolken weilt und auf ein Panorama blickt, dass erstens den Atem raubt und zweitens das unbändige Gefühl von Freiheit vermittelt.

Von dieser Freiheit hat die aus den USA stammende Journalistin, die als Geisel genommen wurde, leider überhaupt nichts. Sie dämmert hier oben, zwischen Gebirgssteppe und verfallenem Bunker (eine fast surreale Kulisse) mehr oder weniger vor sich hin, ohne Aussicht darauf, ersonnene Fluchtpläne in die Tat umzusetzen. Doch diese Doctora, wie sie genannt wird, ist an sich nur die Protagonistin im Hintergrund. Ganz vorne mit dabei, kalaschnikowschwingend und ständig am Feiern: eine achtköpfige Gang, die sich Monos nennt und die einer nicht näher benannten Rebellengruppierung angehört. Anführer dieser Soldaten ist ein muskelbepackter Zwerg, der den Greenhorns immer wieder die Leviten liest – und dann wieder verschwindet. Die Burschen und Mädchen müssen sich also allein organisieren und überdies auf eine Milchkuh achten, die ihnen zum Geschenk gemacht wird. Dass das schiefgeht, ist nur eine Frage der Zeit. Und irgendwann muss die Gruppe weiterziehen, runter ins Tal – in den tropischen Dschungel.

Monos war für mich einer der Filme, die letztes Jahr coronabedingt keine Kinoauswertung hatten. Glücklicherweise gab es dafür das Sommerkino, doch selbst diesen einen Termin konnte ich nicht wahrnehmen. Dabei wäre die große Leinwand für ein Werk wie dieses hervorragend geeignet gewesen, vor allem, weil das Rebellendrama so sehr mit der Opulenz und der Üppigkeit seiner Umgebung spielt. Monos ist allerdings kein klassischer Thriller, und folgt auch keiner gewöhnlichen Erzählweise. Lange Zeit bleibt vieles im Dunkeln, die einzelnen, teils clownesk agierenden Gestalten werden nach und nach bekannt, auch ihre Beziehungen zueinander. Ob hoch oben oder tief unten im stickigen Blätterwald – der spannungsgeladene Mikrokosmos zwischen den acht jungen Menschen und ihrer Geisel gebärdet sich als Psychostudie zwischen Herr der Fliegen und Coppolas Apocalypse Now, wenn man vom Aspekt der Geiselnahme absieht. Jeder einzelne, kaum Herr seiner Lage, versucht sich an die Macht zu boxen oder versucht, eine Lücke für seine eigene Macht zu finden. Nur die Zähen überleben hier, in diesem gesetzlosen Vakuum, in dieser schwül-düsteren Anarchie aus Ehrenkodex, Anbiederung und langsam übergreifenden Wahnsinn. Mensch und die Natur verschmelzen. Archaische Tänze ums Feuer, Gesichter hinter Schlamm- und Erdmasken, sei es zur Tarnung, sei es, um den eigenen erdachten Kult von jeder sonstigen bestimmenden Institution loszulösen.

Monos ist ein rauer, wilder Film ohne Sanftmut und Bedächtigkeit. Mag sein, dass diese unorthodoxe kleine Geschichte über das Wesen des Menschseins für manche schwer zugänglich ist. Mir ging’s anfangs ähnlich, doch mit der Zeit, wenn die Rolle der Doctora sich aus dem sozialen Gefüge herauszuschälen versucht, wird aus dem Gruppenportrait ein spannender Survivalthriller, der die Wildheit Kolumbiens in satten, schweren Bildern anhimmelt und das Ganze noch mit einem hypnotischen, kunstvoll verzerrten Folklore-Score ergänzt. Dieser Trip ins Herz der Finsternis und wieder hinaus lohnt sich.

Monos

Die Weite der Nacht

I WANT TO BELIEVE

7/10

 

vastofnight© 2019 Amazon.com Inc.

 

ORIGINALTITEL: THE VAST OF NIGHT

LAND: USA 2018

REGIE: ANDREW PATTERSON

CAST: SIERRA MCCORMICK, JAKE HOROWITZ, BRUCE DAVIS, GAIL CRONAUER U. A. 

 

Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen, da waren sich Scully und Mulder ziemlich sicher. Nur: die Wahrheit lag schon da draußen, da waren die beiden selbst noch Sternenstaub. Selbige fand ihre Spielwiese in New Mexiko, genauer gesagt in Roswell, als dort angeblich ein extraterrestrisches Vehikel samt Insassen geborgen wurde, was aber mittlerweile von vielen Seiten dementiert wird. Verschwörungsgurus wollen das gar nicht hören. Aber he! Langsam wird es Zeit, sich wieder mal anderen Fakten zuzuwenden, weg von entfesselten Virengewalten aus dem Versuchslabor. Weg von Chemtrail und Flat Earth-Ideen. Vielleicht wieder mehr herumstöbern in den UFO-Annalen? Das tut weniger weh, vor allem auch, weil man dort mehr fabulieren kann.

Erst heute morgen habe ich einen Artikel gelesen über die statistische Wahrscheinlichkeit außerirdischer Zivilisationen in unserer Galaxis. Nun, es müssten rund 35 solcher Fälle geben, parallel zu unserem Fall inklusive Schwankungsbreiten von mehreren Milliarden Jahren. Wenn es sie statistisch gäbe, dann wären wir von der nächsten viel zu weit entfernt, um die Post vom anderen Ende noch zu erwarten. Dennoch, und weil sich die im Flüsterton vorgebrachte Idee an geheimnisvollen lauen Sommerabenden bestens eignet – könnten die Fremden schon längst angeklopft haben. Vielleicht in den 50er Jahren, als Radio und Funk der Hochgenuss des Entertainments waren. Wo Tonbandgeräte für Verblüffung sorgten. Und wo Kleinstädte in New Mexiko prädestiniert dafür waren, das Mysteriöse anzuziehen.

The Vast of Night, oder – in der Übersetzung – Die Weite der Nacht (eine Formulierung aus Shakespeares Der Sturm) ist ein seltsam mysteriöses, kleines Phänomen und eine in sich fremdartig grummelnde Hommage an Orson Welles Radioperformance zu H. G. Wells Klassiker Krieg der Welten, womit er 1938 ganz Amerika zum Narren hielt. Regisseur Andrew Patterson hat sich sein Regiedebüt komplett eigenfinanziert. Eine Liebhaberei, das sieht man. Aus so Liebhabereien entstehen Innovationen, entstehen Experimente für neue Ansätze, um filmische Geschichten zu erzählen. Aber zugegeben: Aller Anfang ist nicht leicht. Die Weite der Nacht pflanzt uns Zuseher vor den Eingang einer kleinstädtischen High School (Buffy lässt grüßen) und hängt die ersten 20 Minuten an den Lippen der beiden Protagonisten Everett und Fay. Die quasseln ungebremst über Leute, die wir nicht kennen, über das Triezen anderer Mitschüler und das bevorstehende Basketball-Spiel in der Turnhalle. Später schlendern sie durch die laue Sommernacht und palavern über die Zukunft der Technik, über die absurde Vorstellung, in 50 Jahren vielleicht auf kleinen Hosentaschenbildschirmen mit anderen zu kommunizieren. Oder dass eine Stimme im Auto die Fahrtrichtung vorgibt. Begeisterte Technik-Nerds, das sind sie beide, er ein Moderator im Radio, sie im Nachtdienst an der Telefonvermittlung. Kurze Zeit später aber passiert das Rätselhafte: Seltsame Funkgeräusche werden wahrgenommen, Zeugen melden sich über Telefon, indem sie offenbaren, mehr über diesen Sound zu wissen als ihnen lieb ist. Und schon ist die Stimmung perfekt, der Zuschauer gefesselt, das große, verändernde Ereignis vielleicht kurz davor einzutreten?

Was Spielberg mit seiner Unheimlichen Begegnung der dritten Art mit viel Licht und Bühnenshow formuliert hat, lässt Die Weite der Nacht in einer bedeutungsschweren Spärlichkeit aus Licht und grobkörniger Kamera, ausgewaschenen Postkarten-Kolorit von damals und knackenden Geräuschkulissen eine ganz andere Gestalt annehmen. David Lynch gelang es meist, in der Abwesenheit von etwas oder einfach nur mit der Dunkelheit selbst enormes Unwohlsein zu erzeugen – Patterson gelingt ähnliches, lässt seine entfesselte Kamera auf Kniehöhe über die leeren finsteren Straßen ziehen, dann wieder folgt Schnitt auf Schnitt, dann wieder ein Blackout und die Mysterytour wird zum Hörspiel. Der Score selbst verbucht durch seinen unberechenbaren Mix aus Sound und Instrumenten eine ganze Metaebene für sich, entwickelt aber gemeinsam mit der enorm dialoglastigen Tendenz zum Kammerspiel a la The Guilty eine atmosphärische Erstaunlichkeit, obwohl oder gar weil dem Independent-Streifen einer dieser üblichen, manchmal aber sowieso eher aufgesetzten Story-Twists fehlt. Den schüttelt Die Weite der Nacht nämlich nicht aus dem Ärmel, das kommende Geschehen ist prinzipiell mal einzuschätzen, obwohl ich auf den Richtungswechsel in der Storyline bis zuletzt gewettet hätte. Man sieht aber wieder, dass mit dem semidokumentarischen Kniff eines Pseudo-Reports und dem magischen Retro-Charme einer Twilight-Zone-Episode aus flirrenden Schwarzweiß-Fernsehröhren Erdachtes einnehmend authentisch wirken kann. Man braucht nicht viel zu sehen, nur in seinem Mix alles zu empfinden, was für eine alternative Wahrheit sprechen kann. Und das prickelt, während das rationale Denken zugunsten jugendlicher Fantasien gerne eine Pause macht.

Die Weite der Nacht

The Guilty

IM ZWEIFEL FÜR DEN ANRUFER

8/10

 

theguilty© 2018 Nikolaj Møller

 

LAND: DÄNEMARK 2018

REGIE: GUSTAV MÖLLER

CAST: JAKOB CEDERGREN, JAKOB ULRIK LOHMANN, MORTEN THUNBO U. A. 

 

Um einen perfekten Film zu machen braucht man (außer einem guten Buch) eigentlich nicht viel. Im Grunde sogar fast gar nichts. Eine Kamera, eine Schauspielerin oder einen Schauspieler, eine Location. Diese könnte auch nur ein Auto sein. Was man aber mit Sicherheit braucht, ist ein Telefon. Oder mehrere. No Turning Back mit Tom Hardy war so ein Film. Ein Mann in seinem Vehikel, eine Fahrt durch die Nacht. Am Hörer: alle möglichen Leute, die mit Hardys Schicksal zu tun haben werden. Die Rechnung für so ein minimalistisches Konzept, die ging damals tatsächlich auf. Auf den Dialog kommt es an. Auf einen roten Faden. Und dem Charisma des einen Schauspielers, der es schafft, trotz fehlendem Gegenüber unterschiedlichste Emotionen aus dem Ärmel zu schütteln. Hardy konnte das. Jakob Cedergren im Telefonthriller The Guilty kann das auch.

Weniger ist mehr. Den Überblick verliert man in Gustav Möllers Kammerspiel wirklich nicht. Und das ist gut so. Der dänische Knüller beweist sich als eine willkommene Abwechslung von Filmen, die sich in ihrer Ambition, ordentlich Inhalt zu kreieren, in Konfusion verlieren. The Guilty behält als filmischer Einakter einen klaren Kopf, und holt heraus, was aus seinem Potenzial herauszuholen ist, ohne prätentiös zu wirken. Die Dänen, die können das. Ihre Werke sind oft Kunststücke einer überlegten Strategie. Der Stoff, aus dem ambivalente Filme sind, die nicht zwingend Norm-Parameter erfüllen, entfaltet sich dann ganz von selbst. In The Guilty hat die Geschichte eine ganz besondere Eigendynamik. Das Erstaunliche: alles, was hier passiert, wirkt plötzlich. Man könnte meinen, The Guilty ist ein unmittelbares Dialog-Happening, fast schon eine Live-Schaltung, ein Stück Dokusoap über einen strafversetzten Polizisten, der im Innendienst Notrufe entgegennehmen muss und dann einen Anruf erhält, der den Dienstschluss um einige Zeit nach hinten verschieben wird. Am anderen Ende der Leitung: eine Frauenstimme – verzweifelt, weinerlich, angsterfüllt. Die Dame ist entführt worden. Dann, nach mehreren Calls und Backcalls wird der Fall immer klarer, und Polizist Asger immer tiefer in einen Fall hineingezogen, der seine Kompetenzen bei weitem übersteigt und der ihn auch ganz persönlich immer mehr in die Extreme treibt, ohne dabei einen kühlen Kopf zu bewahren. So zumindest scheint es.

Und dann? Dann ist The Guilty mehr ein Hörspiel als ein Film. Diese Hybriden gibt es. Hörfilme, wenn man so will. Hätten wir für Möllers Film kein Bild, würde er allerdings genauso funktionieren. Das Unsichtbare gegenüber am Telefon fasst in Worte, was wir nicht sehen und uns umso stärker vorstellen können. The Guilty entfaltet einen ganz speziellen Sog in eine imaginäre Realität im Kopf. Bei No Turning Back war das längst nicht so stark. Die zweite Ebene des Hörens und Vorstellens ist von einnehmender Gewichtigkeit, fast rückt der kahle Büroraum mit den Bildschirmen und dem Kunstlicht in immer weitere Ferne, das Hörbild übernimmt die Führung. Bis Stille einkehrt und Jakob Cedergrens grübelndes Konterfei wieder den Ist-Zustand dominiert. So switcht das filmische Experiment hin und her, hat fast schon eine interaktive Funktion. Darüber hinaus wagt sich der Thriller auch inhaltlich an einen klugen Diskurs über die Frage nach Schuldigen, Tätern und Opfern. Klar deklarieren lässt sich hier keiner der Involvierten, und wenn doch, dann ist das Spektrum des Gehörten und voreilig Gerurteiltes nur das Segment eines Ganzen, einer nachtschwarzem, verregneten Grauzone, die in beeindruckender Nuancierung narrative Kreativität entfacht, die ausladende Event-Filme manchmal kaum ansatzweise erreichen.

The Guilty

Offenes Geheimnis

NICHT OHNE MEINE TOCHTER

4,5/10

 

offenesgeheimnis© 2018 Thimfilm

 

ORIGINALTITEL: TODOS LO SABEN (EVERYBODY KNOWS)

LAND: SPANIEN, FRANKREICH, ITALIEN 2018

REGIE: ASGHAR FARHADI

CAST: PENELOPE CRUZ, JAVIER BARDEM, RICARDO DARÍN, BÁRBARA LENNIE U. A.

 

In Fluch der Karibik haben sie es ganz knapp nicht geschafft, gemeinsam über die reling zu hechten. Penelope Cruz war in Fremde Gezeiten an der Seite von Jack Sparrow ein rassiger Sidekick, Javier Bardem eine Episode drauf die hinkende Wasserleiche Salazar. In Asghar Farhadis Kriminaldrama haben sie es dann doch geschafft. Oder wieder einmal. Denn kennen und lieben gelernt hatten sie sich eigentlich schon in Woody Allens Vicky Christina Barcelona. Und die beiden Filme sind nicht die einzigen, in denen sie Seite an Seite aus vollen Emotionen schöpfen konnten. Irgend so einen Film über Pablo Escobar gibt es da auch noch, der ist aber seltsam untergegangen. Asghar Farhadi aber übersehen Filmkenner natürlich nicht. Mit The Salesman hat sich der Iraner sogar den Goldjungen aus Los Angeles geholt. Sein Nachfolger zwei Jahre danach ist allerdings nicht ganz so vielschichtig geworden wie der frei nach Motiven von Arthur Millers Stück erzählte Diskurs über Genugtuung und Gerechtigkeit. In Offenes Geheimnis – oder viel griffiger im Original: Todos Lo Saben (was soviel heisst wie: Jeder weiß es) – nimmt das Schicksal mit einer üppigen Hochzeitsfeierlichkeit seinen Lauf. Die ganze unübersichtliche Familie kommt zusammen, irgendwo in Spanien in einer übersichtlichen Kleinstadt, schön rustikal und wo die Nachbarn auch nicht gleich die Polizei rufen, wenn bis spät in die Nacht feuchtfröhlich die Sau rausgelassen wird.
So ganze Familien haben da auch den oder die eine im Schlepptau, der den oder die andere schon lange nicht mehr gesehen hat. Und das vielleicht aus gutem Grund. Denn war man jung und neugierig, gab’s da schon pikante Liaisonen, die dann versandet sind – und vielleicht wieder nachhaltig an die Oberfläche schwappen, wenn genug getrunken wurde. Oder anderes im Argen liegt.

Bevor es aber so weit kommt, verschwindet die halbwüchsige Tochter von Filmmutter Penelope Cruz aus ihrem Zimmer, wohin sie sich mangels Wohlbefinden zurückgezogen hat. Klar, man kann ja nochmal eine Runde drehen und frische Luft schnappen, aber der Teenie ist wie vom Erdboden verschluckt. Weiterfeiern ist nicht, und plötzlich liegt das Wort Entführung in der Luft. Oder ist sie einfach nur abgehauen? Nichts Genaues weiß man nicht, nur, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Was folgt, ist ein Drama voll des Wartens, Harrens und Bangens. Natürlich auch des Suchens, doch das eher vergeblich. Die Familie hält natürlich zusammen, und auch all die alten Bekannten aus der guten alten Zeit zeigen sich motiviert. Das bringt Bardem und Cruz wieder auf Augenhöhe, und im Laufe der Ver- und Entwicklungen dieser undurchsichtigen Tragödie treten Geheimnisse zutage, die sowieso schon jeder geahnt hat. Das ist also das Offensichtliche, und für manche, oder gerade für jene, die es am meisten trifft, dann doch wieder eine erschütternd neue Erkenntnis.

Dabei ist die wirklich spannende Geschichte daran jene, die anfangs mit dem Fokus auf das nonkonforme Denken besagten verschwundenen Mädchens bereits schon drauf und dran war, eine Richtung einzuschlagen, die wohl mehr Gewicht gehabt hätte als das, was letzten Endes dabei herausgekommen ist. Asghar Farhadi ist wohl einer, der eher wenig mit taktisch wohlplatzierten Twists, die den Zuseher trotz einer recht tristen Geschichte bei Laune hält, anfangen kann. In Offenes Geheimnis bleibt die Hoffnung auf die Untergrabung der Erwartungen unerfüllt. Es kommt, was kommen muss, es bleibt alles auf mehr oder weniger geraden Bahnen, mit wenigen Kreuzungspunkten, die aber eigentlich auf der Hand gelegen wären. Nur – Farhadi ergreift sie nicht. Macht daraus keinen Konflikt der Generationen oder auch kein Geheimnis, dessen Lüftung erst so richtig die Katze aus dem Sack lassen würde. Nein, alles ist erahn- und erwartbar. Gedankenspiele vorab vergebene Liebesmüh. Immerhin ist Penelope Cruz verzweifelt genug, und Javier Bardem entsprechend erstaunt darüber, was ohnehin schon alle wissen. Ja, manchmal gneisst man es nicht gleich. Und ich weiß nicht, warum Farhadi es auch nicht gleich begriffen hat, dass sein Drehbuch, hätte es eine andere Wendung genommen, viel mehr Möglichkeiten gehabt hätte, so richtig genüsslich gesellschaftliche Dogmen vor sich herzutreiben anstatt diese nur mit sorgenvollen Blicken zu begleiten. Der ganze Film ist also auch für den Zuseher ein offenes Geheimnis, und ich weiß nicht welchen Reiz das ganze Dilemma dann noch hat, wenn der Unterschied zur finalen Episode einer breitgetretenen Soap nur mehr der ist, mit der spanischen Ausgabe von Brangelina auf Sieg zu setzen. Ein durchaus schwülstiges, eher uninspiriertes Drama also, das an die große Glocke hängt, was eigentlich niemand erwarten will, und im Endeffekt auch nicht sonderlich tangiert, sobald man es endlich weiß.

Offenes Geheimnis

Point Blank

GESUND GESTOSSEN

5,5/10

 

POINT BLANK© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOE LYNCH

CAST: ANTHONY MACKIE, FRANK GRILLO, MARCIA GAY HARDEN U. A. 

 

Was machen Ensemblestars aus dem Marvel-Kosmos, wenn sie gerade am Ende ihrer Epoche angelangt sind? Sie machen mal Urlaub, könnte ich mir denken. Oder sie lassen sich von Netflix anheuern, an der Hintertür am Set zu Avengers, winkend mit einem netten Angebot und einem günstigen Vertrag mit allerlei Boni. Anthony Mackie konnte an diesen Anwerbern, so wie es aussieht, nicht wirklich vorbei. Obwohl Mackie nicht vergessen darf, irgendwann in die Fußstapfen Captain Americas zu treten, rufen wir uns eine der letzten Szenen aus Endgame in Erinnerung. Doch der afroamerikanische Star, im MCU bekannt als Falcon, will sich zu Recht nicht festlegen lassen. Da lässt sich zwischendurch ohne weiteres etwas ganz anderes spielen, nämlich das Remake eines französischen Thrillers mit dem bezeichnenden Titel Point Blank. Und um nicht ganz alleine dazustehen, muss Kollege Frank Grillo – ebenfalls aus dem Cap-Cast – auch mit an Bord. Somit haben wir mal ein Buddyteam, das so wie damals bei The First Avenger: Civil War ebenfalls auf zwei Seiten steht. Auf der Seite der Guten und der Bösen.

Mackie ist natürlich der Gute, und er ist Krankenpfleger und werdender Papa. Grillo ist der Böse, und einer von zwei Brüdern, die ein Attentat auf einen Lokalpolitiker verübt haben. Der eine entkommt, der andere wird überfahren – und landet im Spital. Klar, dass Blut dicker als Wasser ist, und der Flüchtige seinen Partner da raushauen will. Das geht aber nur mit fachkundigem Personal. Und wer eignet sich da nicht besser als Anthony Mackie, der, um das Leben seiner entführten schwangeren Frau bangend, alles tut, was Grillo will. Ihnen auf den Spuren: Ermittlerin Marcia Gay Harden als derber Cop, aus ihrem Sprachrepertoire bevorzugt das Wort „Fuck“ verwendend. Und was den Rest des Films dann passiert, ist wie der Benefit für einen Mars-Riegel: voll mobil und am Besten zwischendurch. Wobei Zwischendurch auch mal sehr entspannend ist.

Dieses Zwischendurch ist also Point Blank, das ist nichts, was den Patschenkinogeher vom Sofa haut, das ist nichts, was mit irren Schauwerten auftrumpft und nichts, was wir nicht irgendwo so ähnlich auch schon gesehen haben. Dass sich der US-Film gerne an europäischen Vorlagen vergreift, ist schon längst bekannt. Manchmal ist das komplett unnötig, manchmal aber taucht die Existenz eines Originals erst dann aus der Versenkung, wenn die US-Filmbranche in gefälligem Kopieren ihre Seherschaft vor den Screen holt. Das ist in der Musikbranche genauso. Doch wenn da Cover-Versionen gang und gäbe sind, warum nicht auch im Film? Ein bisschen anders sollte es dann schon sein, neue Impulse vielleicht, ein neuer Zugang. Point Blank, das Original, kenne ich nicht. Muss ich aber auch nicht mehr sehen. Und will ich auch nicht verwechseln mit einem Krimi selben Titels aus den 60er-Jahren von John Boorman, was die Verwirrung erst so richtig komplett macht. Die US-Version des Europa-Originals erzählt schon alles, was ich wissen muss, noch dazu mit einem gefällig-smarten Hauptdarsteller, der den relativ unbekannten Frank Grillo (ehrlich, ich kann mich leider nicht mehr an einen Antagonisten wie Crossbones aus dem Marvel-Universum erinnern) auf Fluchtwegen durch die Stadt pflegt. Im Koffer alles was er braucht, von Morphium bis Adrenalin. Das führt zu launigen Stress-Sequenzen, zu ordentlich Projektilverkehr und zu wohltuender Vorhersehbarkeit, die eben dadurch nicht weiter (ver)stört, weil es eben ein relativ anspruchsloser Happen ist, wie die Thrillerlektüre eines B-Schreiberlings am Strand, die für Kurzweil sorgen darf, mit all den redundanten verbalen Kraftausdrücken, die das klischeehafte Bild eines kernigen Verbrecheralltags erst so richtig finster machen. Reflektieren wir darüber? Nein, Point Blank kann man so stehen lassen, als etwas, worüber man nicht weiter nachdenkt. Außer vielleicht, welchen Film Anthony Mackie wohl als nächstes machen wird, bevor er das Vibraniumschild aus dem Kasten holt.

Point Blank

Captive

OB STAR ODER NICHT, HOLT MICH HIER RAUS!

4/10

 

captive© 2012 trigon-film.org

 

LAND: PHILIPPINEN 2012

REGIE: BRILLANTE MENDOZA

CAST: ISABELLE HUPPERT, MERCEDES CABRAL, COCO MARTIN, MARIA ISABEL LOPEZ U. A.

 

Michael Haneke´s Muse und Grande Dame des neuen französischen Films, Isabelle Huppert, soll nach eigenen Angaben selbst nicht so gewusst haben, ob die abgerissenenen Philippiner mit Kalaschnikow und keifendem Auftreten nicht doch echte Piraten sind. Um die Verwirrung der Darsteller noch zu unterstützen, hat sich Regisseur Brillante Mendoza mit der Wahrheit nur allzu gerne zurückgehalten. Was die unbequeme wie beklemmende Atmosphäre am Set naturgemäß eskalieren ließ. Diese Methode ist eine Vorgehensweise, die visionäre Filmemacher ans Ziel ihrer Vorhaben führt, ungeachtet der Tatsache, die eigene Crew unnötig psychisch zu quälen, nur um Emotionen hervorzukehren, welche die Glaubhaftigkeit des Erzählten bis zur unerträglichen Ernüchterung eines Tatsachenjournalismus hochschraubt. Auch diese Art von Handwerk kann Kino sein – erfüllt aber dabei keinerlei Mehrwert für den Betrachter.

Captive ist die Reality-TV-Version einer Entführung, basierend auf Tatsachen, die um die Ereignisse des 11. September stattgefunden haben, und wo selbst sogar deutsche Staatsbürger von der islamistischen Terrorgruppe der Abu Sayyaf verschleppt wurden. Damals, so kann ich mich erinnern, hat der libysche Diktator Muhammar Al Gaddafi die Geiseln freigekauft. Das Erschreckende an so einem Martyrium: die Ungewissheit der unmittelbaren Zukunft. Brillante Mendoza spielt diesen Albtraum bis zur Grenze des Erträglichen aus – und kriecht mit seinem nüchternen Dokumentarismus tief in die Eingeweide des Zuschauers. Captive mag zwar inmitten der Exotik des philippinischen Archipels spielen, immer wieder, wie einst Terrence Malick in Der schmale Grat, auf die versteckte Biodiversität tropischer Gefilde schielen – die akribische Buchführung des Elends aus Warten, Bangen, Hoffen und Verzweifeln holt sich aus der Fülle der Natur ringsherum nicht den geringsten Nutzen, quält sich von Lichtung zu Lichtung, während die Gefangenen immer mehr verfallen, schreien und sich dem Schicksal fast schon in apathischer Agonie fügen.

Viel Fantasie braucht man bei diesem Terrodrama nicht, um sich ganz genau vorzustellen, wie es wohl sein könnte, selbst Opfer eines solchen Überfalls zu werden. Leute, die sich das eigene Fernweh zerstören wollen, können Captive getrost ansehen. Liebhaber südostasiatischer Inselwelten könnten für einige Zeit genug davon haben, unter Palmen am Strand zu wohnen. Mendoza zieht die Wurzel der Reiselust zwar relativ schmerzhaft, dafür aber umso nachhaltiger. Sein Purismus aber ist Kino, das zwar bewusst auf Parameter für die große Leinwand verzichtet, sich aber durch seine schale Nüchternheit weder den Geiseln noch den Geiselnehmern annähert. Als hätte jemand das Jahr der Gefangenschaft mit seinem Smartphone gefilmt, ohne zu interagieren. Wie Big Brother ohne Werbeunterbrechung, ein Dschungelcamp mitten in der Wildnis, samt lästiger Insekten, allerdings stets unter dem Damoklesschwert des drohenden Todes, also somit etwas anders als das Trash-TV bekannter Privatsender, im Grunde aber ziemlich ähnlich. Mendoza´s Film entbehrt nicht eines gewissen Voyeurismus des Leidens, dass in den hysterischen Ausbrüchen Isabelle Hupperts seine nervtötende Vollendung findet. Jedenfalls konnte ich nicht umhin, mich leicht beschämt zu fragen, warum ich mir diese gequälten Personen aus der Schlüssellochperspektive denn überhaupt ansehen muss. Vielleicht, weil ich mir ein zweites Captain Philipps erwartet hätte – eines der packendsten Geiseldramen überhaupt, weil klug erzählt und künstlerisch versiert. Während Captive nicht mehr ist als ein scheinbar echtes Found Footage, in Wahrheit aber nachgestellt wie ein investigativer Lokalaugenschein vergangener Ereignisse, denen ich als Gaffer auch nicht wirklich beiwohnen muss.

Captive

Gringo

DIE FIRMA DANKT!

6/10

 

GRINGO©2018 Tobis Film / Photo: Gunther Campine Courtesy of Amazon Studios

 

LAND: USA 2018

REGIE: NASH EDGERTON

CAST: DAVID OYELOWO, JOEL EDGERTON, CHARLIZE THERON, SHARLTO COPLEY, AMANDA SEYFRIED U. A.

 

Alles für die Firma, und natürlich auch alles für den besten Freund, der noch dazu der Vorgesetzte ist, was mal prinzipiell nie wirklich gute Vibrations erzeugt. Ist die Hierarchie mal festgelegt, haben persönliche Bande plötzlich nicht mehr so viel Zugkraft – oder finden ihren grenzenlosen Nutzen in der kollegialen Bereitschaft des Untergebenen. Der herzensgute Harold zum Beispiel hat keinen blassen Schimmer von den unerhörten Dingen, die da rund um ihn vorgehen, und die sowohl Privates wie Berufliches nicht mehr trennen wollen. Harold, das ist so eine unbeholfene Figur wie aus den desaströsen krimikomödiantischen Schieflagen aus der Feder der Coen-Brüder. Oder fast schon eine Art Jerry Lewis, während Dean Martin seinen devoten Grimassenschneider vorführt. Diesen sagenhaft blauäugigen Loser verkörpert überraschenderweise der ansonsten für ernste Mienen bekannte David Oyelowo, vorrangig in Erinnerung als Martin Luther King im Politdrama Selma. In Gringo allerdings entdeckt, liebt und herzt der Afroamerikaner seine komödiantische Seite, stets an der Schwelle zur Hysterie, herzzerreißend naiv und hyperaktiv wie nach ausgiebigem Koks-Konsum. Oyelowo weiß sich mit dieser Performance für den Casting-Entscheid überschwänglich zu bedanken. Als kleinkarierter, braver Workaholic, den die Umtriebe seiner Chefetage nach Mexiko führen, findet sich besagter Harold irgendwo zwischen Drogenkartell, selbstinszenierter Entführung und als ungewollt gerettetes Opfer wieder, das im Laufe des Filmes natürlich alles spitzkriegt, was im Land der unbegrenzten Drogen-Oligarchie und darüber hinaus im rechtsstaatlichen Amerika alles so abgeht. Sich händeringend zu wehren und dem falschen Freund das letzte Firmengeld aus der Tasche zu ziehen, das ist ein Prozess, der die launige Krimikomödie quer durch die ganze Laufzeit des Films auf Trab hält.

Stuntman Nash Edgerton, Bruder von Joel, der in Gringo die Rolle des schmierigen falschen Fünfziger übernimmt, hat für sein Langfilmdebüt ordnungsgemäß alle Hausaufgaben gemacht, auf Basis eines Drehbuchs, welches sich storymäßig trotz all seiner verwebten Handlungsfäden nicht in redundanten Nebensächlichkeiten verliert. Gringo ist ein schwarzhumoriger Thriller, nie wirklich ernstzunehmend, teilweise sogar überraschend, oft aber Vorbilder zitierend, die in der Chronik gerechtigkeitsliebender Krimischwänke bereits auf deutlich raffiniertere Art ihre grimmige Loserstory erzählt haben. Da kommt die Ballade vom Außendienstler in Mexiko nie wirklich aus dem Schatten heraus, unterhält aber dennoch und vor allem aufgrund der gut aufgelegten Darsteller, die mit David Oyelowo in diesem Live-Act-Cartoon um die Wette intrigieren. Charlize Theron als Business-Miststück par excellence zeigt wieder einmal ganz andere Seiten ihres Könnens, Joel Edgerton ist sowieso nur noch zum Abwatschen niederträchtig, und Sharlto Copley im Reinhold Messner-Look ist der fleischgewordene Wendehals für günstige Gelegenheiten. Alle gemeinsam sind ein pfiffiges Ensemble, nur inhaltliche Originalität, die lässt Gringo weitestgehend außen vor. Da helfen auch zeitweise überzogene Gewaltspitzen nichts, selbst der Wechsel zwischen Scherzlosigkeit und schadenfrohem Slapstick gibt dem ganzen Szenario nicht mehr Grip.

Am Ende des Filmabends lässt sich aber nicht wirklich großartig meckern, man fühlt sich unterhalten und an Genrefilme und -serien anderen Kalibers erinnert (ein bisschen The Mexican, ein bisschen Breaking Bad), während Edgerton´s schmissige Firmeninsolvenz als müßiges Fangenspiel zum Zeitvertreib wenigstens keinen schalen Geschmack hinterlässt, ganz so wie bei einem würzigen Joint, nach dessen Konsum man aber zumindest stoned wäre. Dieser Bewusstseinszustand bleibt aber in Gringo trotz heiß begehrter Hasch-Pillen unerreicht.

Gringo

7 Tage in Entebbe

TERROR FÜR EINE BESSERE WELT

6,5/10

 

7tageentebbe© 2018 eOne Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2018

REGIE: JOSÉ PADHILA

MIT DANIEL BRÜHL, ROSAMUNDE PIKE, EDDIE MARSAN, BEN SCHNETZER, NONSO ANOZIE U. A.

 

Wenn sich die Tänzer des israelischen Ensembles Batsheva Dance Company aus ihren im Halbkreis angeordneten Stühlen erheben, und das nacheinander, in Form einer Welle wie am Fußballplatz, während einer von den Tänzern im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Rahmen fällt, ist das schon ein ungewöhnlicher Auftakt für ein Entführungsdrama nach Tatsachen. Und ja, doch, es ist irgendwie beeindruckend, wenn auch etwas irritierend. Ausdruckstanz stand bei mir nie auf der Besuchsliste kultureller Aktivitäten, mit Ausnahme des Serapionstheaters, das immer wieder mal im Wiener Odeon gastiert. Die als Prolog verstandene Sequenz einer Generalprobe, die dem traditionellen jüdischen Lied Echad Mi Yodea, das normalerweise zum Pessachfest gesungen wird, das Bild einer impulsiven Choreographie verleiht, macht zumindest für mich auf den ersten Blick klar, dass 7 Tage in Entebbe ein Film werden wird, der ganz klar für Israel Stellung bezieht. Laut einer Rezension des israelischen Nachrichtensenders i24News vom 21. Februar dürfte das im Zuge der Performance stattfindende Ablegen der jüdischen Kleidung jedoch als das Ablegen einer Politik verstanden werden, die den Dialog verhindert – die Verständigung also zwischen Palästina und Israel. Andererseits steht das Lied, welches weniger gesungen als mehr gerufen wird, für die Befreiung der Juden aus der Sklaverei (womöglich Babylons). Ein starkes, vereinendes, nationalbewusstes Lied, mit schweren Rhythmen unterlegt. Abgehakt, kraftvoll, unmissverständlich. Dieser Tanz ist also ein Widerspruch in sich, ein Ziehen an beiden Enden des Taus. Das Tau – oder die Stühle im Halbkreis: die Nahostpolitik eines stets aufrüstenden Israels, mit Freund USA als schattenspenenden Hulk im Hintergrund. Und das landberaubte Palästina, mit den verzweifelten Mitteln einer Terrorpolitik, die aber auch gar nichts bewirkt – nur Sorgen, die man nicht haben möchte.

Damals, in den 70ern, also vor rund 40 Jahren, war der Revolutionsgedanke Mutter aller Handlungen. Da hieß das noch weniger Terror, zumindest bei den Terroristen. Da hieß das vermehrt Revolution. Meist für eine Sache, die im Detail betrachtet wenig mit den Verbrechen begehenden Aktivisten zu tun hat, aber global gesehen für eine politische Einstellung steht, die überall angewandt werden soll, wo das Recht der Ohnmächtigeren im Argen liegt. Das haben sich Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann auch gedacht – und ihrem Leben einen Sinn gegeben. So was passiert dann, wenn das persönliche Glück nicht ausreicht oder die Zufriedenheit für ein Leben nicht absehbar ist. Wenn die Kränkung enorm und das Ich-Bewusstsein nicht durchdringt. Als Teil von einer Welle zu sein, die in Entführungen, Morden und dem Schüren von Angst wie ein Tsunami über den Westen hinwegfegt – und nicht nur über den Westen – dann ist das schon so ein Gefühl, für ein höheres Ziel einstehen zu können. Und erst recht, wenn man eigenhändig ein Flugzeug in seine Gewalt bringt. Nur kann etwas, das mit Gewalt erzwungen wird, selten Früchte tragen. Davon wollen aber weder die beiden im Jemen ausgebildeten deutschen Rekruten etwas wissen, noch die Palästinenser, die ebenfalls mit an Bord der Air France Maschine Richtung Uganda unterwegs sind. Denn der Zweck heiligt doch die Mittel, egal wie. Eine durch Verbrechen herbeigeführte Lösung, die dann keine Verbrechen nach sich zieht, ist was fürs Märchenbuch. Oder für Terroristen. Oder für Idi Amin, der die Maschine mitsamt ihren verschwitzten, übermüdeten, hungrigen Geiseln überschwänglich begrüßt, als hätten sie ein Preisausschreiben gewonnen. Was dann folgt, hat Geschichte geschrieben. 7 Tage Entebbe – dann das Ende. Zwischendurch die Batsheva Dance Company, die die Quadratur des Halbkreises probt.

Dem brasilianischen Regisseur José Padhila, der schon Erfahrung mit Filmen über Entführungen und Korruption im Staat (Tropa de Elite, Narcos) gesammelt hat, aber auch bei Blockbustern wie der Neuverfilmung von Robocop danebengriff, war es wohl wichtig gewesen, ein so unparteiisches Bild wie möglich zu zeichnen. Die beiden Deutschen, souverän dargestellt vom Professionisten Daniel Brühl und Rosamunde Pike, sind von Zweifeln geplagt, hin und her gerissen zwischen Mission und Flucht. Um sie herum verschrockene Zivilisten, die Angst eines sich wiederholenden Lagerhorrors im Nacken. Kurz davor, alles auf eine Karte zu setzen und den Massenmord durchzuführen: die Palästinenser. Die, die am Meisten verloren haben, nämlich ihre Heimat. Padhila gibt ihnen allen ihre Rede- und Aktionszeit, mit dem Fokus auf das politische Kabinett unter dem Davidstern. Rabin, Peres und Motta treten auf, ganz im Stile von Spielberg´s Terrordrama München. Oberflächlich hingegen die Sicht einzelner aus der Special Forces-Einheit. Die Intermezzi mit dem Paar der Tänzerin und des Soldaten hätten mehr Spielzeit verdient als ihnen letzten Endes eingeräumt wird. Schon alleine, um den Zwiespalt, der Israel stets unter Spannung stehen lässt, in weiteren Dialogen zu verdeutlichen. Würde man die Hintergründe der Tanzeinlagen nicht nachlesen, würde sich der Sinn dahinter für Nicht-Juden nur schwer erschließen. Aber genau das hätte 7 Tage in Entebbe zumindest nicht nur ansatzweise zu etwas Besonderem gemacht. Aber es ist, wie es ist, und es herrscht solides True Story-Kino vor, in all seinen authentischen Details.

7 Tage in Entebbe