The Good Nurse

TOD VOM TROPF

7,5/10


thegoodnurse© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: TOBIAS LINDHOLM

CAST: JESSICA CHASTAIN, EDDIE REDMAYNE, NOAH EMMERICH, NNAMDI ASOMUGHA, KIM DICKENS, MALIK YOBA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Bis heute weiß niemand, warum er das getan hat: Charles Cullen, der gefährlichste Serienmörder New Jerseys, so sagt man. Derzeit sitzt dieser mehrere Haftstrafen ab und wird wohl erst so gegen 2400 vielleicht auf Bewährung freikommen, vorausgesetzt, er würde da noch leben. Am Ende von Tobias Lindholms Verfilmung der Tatsachen erfahren wir, dass Cullen 29 Morde zugegeben hat, die Dunkelziffer aber womöglich bei 400 (!) liegen muss. Wenn man random mordet wie dieser Mann, dann haben die Opfer keinerlei Bedeutung. Beim Töten legt Cullen nicht mal selbst Hand an, eine gute Vorbereitung scheint alles. Und sonst? Sonst ist der zuvorkommende und hilfsbereite Pfleger nicht nur ein hervorragender Arbeitskollege im Nachtdienst von Schwester Amy Loughran (Jessica Chastain), sondern mittlerweile auch ein guter Freund geworden. Einer, der Amy dabei unterstützt, die letzten Monate ihrer Arbeit so hinzubiegen, dass sie nicht unbedingt einem Herzinfarkt erliegt, denn Krankenstand kann sich die Mutter zweier Kinder mangels Versicherung keinen leisten. Und so ist Amy überglücklich, Charlie an ihrer Seite zu haben – bis sich seltsame Todesfälle einstellen, die nicht hätten sein sollen. Charlie betrachtet diese Umstände pragmatisch, ein Profi eben, wie es scheint. Bald aber klopft die örtliche Polizei an und beginnt zu ermitteln. In den Weg stellt sich allerdings die Interessensvertretung des Krankenhauses. Dieses will schließlich nicht seinen guten Ruf verlieren. Amy aber riskiert ihren Job, als sie beginnt, selbst der Sache auf den Grund zu gehen.

Krankenhäuser von innen sehen: etwas, dass es aus meiner Sicht zu vermeiden gilt. Niemand ist dort freiwillig stationiert. Dort zu arbeiten: kein Ding für mich. Umso bewundernswerter finde ich Menschen, die instande sind, sich diesem sozialen, psychischen wie physischen Druck auszusetzen. Und dann noch so etwas: Morde auf der Intensivstation. Der Däne Tobias Lindholm (A War, Drehbuch für Der Rausch) wirft mit The Good Nurse, basierend auf dem Sachbuch von Charles Graeber, einen nüchternen, ins Kunstlicht der Spitalsflure getauchten Blick auf die Mechanismen der Spitalslobby und den unbegreiflichen Umstand einer über mehrere Bundesstaaten überschwappenden Vertuschungswelle. Erschreckend ist dabei natürlich auch Charles Cullen als Täter ohne Motiv, aber fast so erschreckend ist ebenso das Schweigen der Krankenanstalten, die in ihrem Drang, sich selbst reinzuwaschen, einem Mörder Tür und Tor in jedes Haus gewährten. The Good Nurse ist weniger Emergency Room oder Greys Anatomy – diese abenteuerliche Romantisierung einer Challenge aus Hektik und kurioser Unfälle bleibt hier gottseidank aus. Lindholm richtet seinen Fokus auf die Dynamik zwischen Chastain und Eddie Redmayne, die zwischen Misstrauen und Vertrauen eine elektrisierende Ambivalenz erzeugen. Redmayne aber macht aus einem düsteren, fast schon klinischen Kriminaldrama, das sich vom Feelgood-Movie mit großen Schritten wegbewegt, eine schauspielerische Sternstunde seines Schaffens. Hier helfen ihm keine unverwechselbaren, persönlichen Merkmale wie Stephen Hawking oder Einar Wegener in The Danish Girl welche hatten. Hier probiert sich der Zoologe aus dem Potterverse an einer Figur, die wenig Anknüpfungspunkte aufweist und zu wenig beredt wirkt, um notwendigenEcken und Kanten zu entdecken, damit sie greifbar wird. Redmayne gelingt es aber trotzdem, hier anzusetzen. In langen, wortlosen Blicken oder aggressiver Panik modelliert der Oscarpreisträger das authentische Psychogramm eines stillen Totmachers, der gerade durch sein rätselhaftes und verstocktes Verhalten die Graubereiche eines gestörten Menschen gerade so auslotet, um ihn nicht als etwas plakativ Böses über den Kamm zu scheren.

Durch Redmaynes Performance und Chastains souveränem Spiel erweckt The Good Nurse die nötige Faszination für einen Film, der in pietätvoller Sachlichkeit und in einem ausgewogenen Mix aus Unruhe und Resignation mit einem Skandal wie diesen das Gesundheitssystem hinterfragt.

The Good Nurse

Mein Name ist Somebody

FÄUSTE, DIE INS LEERE TREFFEN

2/10

 

somebody© 2018 KSM

 

ORIGINAL: MY NAME IS THOMAS

LAND: ITALIEN 2018

REGIE: TERENCE HILL

CAST: TERENCE HILL, VERONICA BITTO, FRANCESCA BEGGIO, GUIA JELO U. A.

 

War er nun die linke oder die rechte Hand des Teufels? Wie auch immer, jedenfalls weiß ich: er war der müde Joe, das Krokodil und einer der Himmelshunde auf dem Weg zur Hölle. Terence Hill, unter bürgerlichem Namen Mario Girotti, hat uns gemeinsam mit Busenfreund Bud Spencer jede Menge humorvolle Stunden beschert. Ohrfeigen und Faustwatschen soweit das blaue Auge reicht, durchchoreografiert und stets mit einem markigen Spruch auf den Lippen. Sprüche wie „Wenn du mich nochmal dutzt, hau ich dir ne Delle in die Gewürzgurke!“ sind Meisterwerke der deutschen Synchronisation, ohne die Terence Hill nicht Terence Hill wäre. Und natürlich all die Bohnen, die da, müde vom langen Ritt, mit leidenschaftlichem Kohldampf einverleibt werden. Im Duo waren die beiden Rabauken mit dem Herzen am rechten Fleck unschlagbar – im Alleingang hatte Bud wohl die besseren Karten, obwohl der Supercop durchaus Mehrsichtungen vertragen hat. An seinen Italowestern My Name is Nobody von Tonino Valerii mit niemand Geringerem als Henry Fonda in der Nebenrolle reicht aber keiner von Hill´s Filmen heran. Und den aufgewärmten Don Camillo möge man gerne wieder vergessen. Dass Nobody sein künstlerisch hochwertigster Film war, das weiß Hill auch selber. Nicht umsonst nennt er für das deutschprachige Publikum sein eben erst auf DVD erschienenes Alterswerk Mein Name ist Somebody. Weil er ja immer noch jemand ist, und nicht niemand mehr. Dass mit Bud Spencer nicht auch noch die anderen zwei Fäuste von uns gegangen sind. Dass der blauäugige, schlaksige Windhund immer noch ins Gaspedal treten kann. Dieses Lebenszeichen wäre nicht notwendig gewesen, den Platz am Kultpodest hat er sowieso. Aber gut, ein letzter Film, ein letzter Blick in die Runde. Als die europäische Version eines Robert Redford vom Scheitel bis zur Sohle, scheinbar kaum gealtert, aber doch irgendwie geriatrisch. Wenn schon, dann führt auch bei mir eigentlich kein Weg daran vorbei, schon allein, weil der leidenschaftliche Fanfilm Sie nannten ihn Spencer so unglaublich berührend war – und ich in Jugendjahren die schrägen Kloppereien zwischen Wildwest und Rio alle sehr genossen habe.

Es ist nicht das erste Mal, dass der mittlerweile auch schon auf die 80 zugehende Terence Hill auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Das Handling hinter der Kamera, so könnte man meinen, mag erprobt sein. Selbst der letzte Auftritt von Spencer und Hill gemeinsam – Die Troublemaker – gingen auf die Kappe des Krokodils. Wenn wir aber schon eingangs von der linken und der rechten Hand gesprochen haben, so ist die Regie für Terence Hill etwas, wofür er zwei linke zu haben scheint. Mein Name ist Somebody ist ein Film, der Kopfschütteln und ratloses Bedauern verursacht. Schon klar, wenn Das Beste zum Schluss kommen soll, lassen sich keine halben Sachen machen. Terence Hill will sowohl seinem Freund und Partner Bud Spencer Tribut zollen, aber auch der aus der Mode gekommenen Prügelfilme gedenken und überhaupt über das große Ganze nachdenken, angefangen vom Leben bis zum Tod und überhaupt. Inklusive einer sich selbst auf den Leib geschriebenen Hauptrolle ist Terence Hill mit diesen Ansprüchen heillos überfordert. Mein Name ist Somebody ist leider ziemlich misslungen, egal aus welchem Blickwinkel der Film zu betrachten ist. So gut wie alles in einen knapp zweistündigen Film hineinpacken zu wollen kann nicht gut gehen. Die Fäuste, die da zurückkehren, treffen ins Leere. Eben, weil ihnen der Schwung fehlt, und die Zielstrebigkeit für eine Richtung.

Die Regie selbst ist so hölzern wie vormittägliches Schulfernsehen. Diesen Stil hat unser lang aus der Übung gekommener Buddy leider ebenfalls drauf. Und so stiefelt der in Ledermontur und Holzfällerhemd kreuzsteif umherstaksende Somebody in der spanischen Wüste umher, zwischen Bohnenkonserven und windschiefen Westernkulissen. So als würde er etwas suchen, irgendwas wollen, wie der Gang zum Kühlschrank, und dann vergessen haben worum es eigentlich geht. Immer am Rockzipfel: eine mysteriöse junge Frau, die mit dem Leben hadert. Aus dem scheinbar augenzwinkernden Roadmovie-Revival wird ein völlig verkochtes Erweckungsszenario mit Marienerscheinung, Mädchenmorden und Herzinsuffizienz. Was Terence Hill in der Wüste eigentlich will, weiß sowieso keiner. Irgendein Buch über die Wüste lesen, das aber seine esoterischen Ambitionen auf den Film überträgt. Die schwülstige Tragik gibt dem ganzen zusammengeschusterten Patchwork den Rest. Hill setzt sein filmisches Vermächtnis so konsequent ungelenk in den Sand, dass ich rein aus Mitleid bis zum Ende noch dranbleibe. Das hat Terence Hill meiner Meinung nach zumindest verdient, was auch immer hier mit diesem Film passiert ist.

Mein Name ist Somebody

Plötzlich Papa

NICHT OHNE MEINE TOCHTER

6/10

 

ploetzlichpapa

Regie: Hugo Gélin
Mit: Omar Sy, Clémence Poesy

 

Jeder will Omar Sy´s bester Freund sein. Seit der französischen Erfolgskomödie rund um einen Querschnittgelähmten und seinem Assi ist Frankreichs „Will Smith“ zum Publikumsliebling und Quotengarant geworden. Ja, man findet den sympathischen, offenherzigen Komödianten auch im amerikanischen Blockbusterkino wie X-Men oder Jurassic World – wobei er dort sein quirliges What else-Temparament, für das wir ihn so sehr lieben, nicht so richtig ausleben konnte und ziemlich blass neben der Spur stand. Am Besten ist Omar Sy in Filmen, die sowohl Spaß machen als auch berühren. Da steht Ziemlich beste Freunde nicht alleine da. Da gäbe es noch die famos gelungene Identitäts- und Flüchtlingskomödie Heute bin ich Samba oder eben Plötzlich Papa. Dabei könnte man beim letzterem Filmtitel durchaus eine banale Familienkomödie vermuten. Oder aber auch ein Revival der Herrengang im Mutterschutz – Drei Männer und ein Baby. In Hugo Gélin´s Dramödie ist es allerdings nur ein Mann – die Anzahl der Babys bleibt allerdings gleich.

Abgesehen von einigen sehr wenigen Slapstickeinlagen und Witzen auf Kosten voller Windeln und sonstigen Engpässen im Jungmenschenalter bleibt Plötzlich Papa überraschend deutlich und über weite Strecken am Boden. Der leichtfüßige Humor, für den das Genre der französischen Komödie zu Recht so bekannt ist, weicht schnell einem Problemkino, das man vielleicht so nicht erwartet hätte. Und eigentlich nicht sehen wollte. Da reicht es nicht, die Dramatik eines Sorgerechtsstreits für das Publikum spürbar zu machen, so wie seinerzeit im zutiefst berührenden Film Kramer gegen Kramer mit Dustin Hoffman. Oder sogar in der deutschen Biedermann-Variante Wenn der Vater mit dem Sohne, in welcher Heinz Rühmann den zeitlosen Hit La Le Lu zum Besten geben durfte. Ja, auch bei Heinz Rühmann tupfen sich auch Nicht-Väter diskret die Augenwinkel. Aber die Gefährdung der Liebesbande zwischen Elternteil und Sprößling war Hugo Gélin nicht genug.

Wie bitte, nicht genug? Nein, denn was hier noch dazu kommt, ist das Damoklesschwert eines lebensgefährlichen, körperlichen Defizits. Wen der Charaktere dies nun betrifft, verrate ich jetzt aus Solidarität zu Lesern, die den Film noch auf ihrer fimlischen To Do-Liste haben, logischerweise nicht. Was ich aber verraten kann, ist, dass der Plot des exilfranzösischen Großstadtdramas in seinen Verstrickungen und Schicksalen durchaus Sinn macht. So ist es mir in Verborgene Schönheit mit dem „Omar Sy“ Amerikas ähnlich ergangen. Dramatisch, traurig, unendlich bedeutsam – doch das war von vornherein klar. Bei Plötzlich Papa ist es das wie gesagt nicht. Und obwohl Omar Sy und Clémence Poesy versuchen, mit augenzwinkernder Leichtfüßigkeit das Ganze nicht zu schwer zu nehmen, macht ihnen die Regie einen Strich durch die Rechnung. Was dabei rauskommt, ist Schicksalsromantik nahe am Kitsch, wenn nicht gar darüber.

 

Plötzlich Papa