Tragic Jungle

DER DSCHUNGEL IST WEIBLICH

7/10


tragicjungle© 2021 Netflix


LAND / JAHR: MEXIKO 2020

REGIE: YULENE OLAIZOLA

CAST: INDIRA ANDREWIN, GILBERTO BARRAZA, ELIGIO MELÉNDEZ, LÁZARO GABINO RODRÍGUEZ, MARIANO TUN XOOL, DALE CARLEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Es gibt wohl kaum einen anderen Ort auf der Welt, an dem man so sehr seine menschlichen Parameter über Bord wirft als im Ökosystem Dschungel. Dort gelten Gesetze, die ein zivilisationsverwöhntes Individuum auf dessen Werkseinstellungen zurückwirft. Wenn das nichts hilft, macht der Wahnsinn all den vergeblichen Versuchen, Würde zu bewahren, ein Ende. Freilich gibt es Ausnahmen, vermehrt jedoch – und vor allem in den narrativen Künsten – ist das Verderben die letzte Instanz eines Prozesses, der klar macht, wie sehr wir uns von Mutter Natur entfernt haben. Aguirre, der Zorn Gottes, hatte völlig den Verstand verloren. Selbst das Vorhaben von Harrison Ford in Mosquito Coast war zu viel Ideologie als praktische Vernunft. Ebenso Daniel Radcliffe. Der war am Ende von Jungle auch viel mehr eins mit dem Humusboden, um noch als Mensch zu gelten. Und so könnte man die Liste fortsetzen. Jüngster Beitrag zu dieser veranschaulichten Diskrepanz ist das auf der letztjährigen Viennale ausgezeichnete filmische Lebenszeichen aus Mexiko mit dem so schlichten wie treffenden Titel: Tragic Jungle.

Schauplatz ist das umwucherte Grenzgebiet zwischen Britisch-Honduras (Belize) und Mexiko. Regenwald, soweit das Auge reicht, durchzogen von Flüssen, dominiert vom kehligen Gebrüll der Affen und dem täuschend fröhlichen Gezwitscher diverser Vögel. Das grüne Chaos durchbrechen drei Menschen – zwei Frauen und ein knorriger alter Mann. Die drei sind auf der Flucht, nur der Mann weiß, wo’s lang geht. Alsbald werden sie  eingeholt – von einem adretten Engländer mit kantigem Gesicht und kalten Augen. Anscheinend will sich Agnes, eine der Frauen, um nichts in der Welt mit diesem feudalen Snob vermählen. Ein Affront, der bestraft werden muss – mit dem Tod. Kurze Zeit später werden alle erschossen – bis auf Agnes eben, die mit dem Leben davonkommt. Oder doch nicht? Gefunden wird sie von einer Gruppe Kautschuk-Bauern, die, erstmal ganz betört von ihrer Schönheit, die junge Frau als ihren Besitz betrachten. So wie den Dschungel eben. Nur: wer kann sich dieses Besitzanspruches würdig erweisen? Mit der Gefangennahme von Agnes setzt die grüne Hölle eine Verkettung von unglücklichen Zufällen in Gang, die gar nicht so zufällig sein können.

Herzlichen Dank an dieser Stelle an Netflix dafür, dass der Streamingriese immer mal wieder Festivalperlen wie diese in sein Sortiment aufnimmt. War schon Nobody Knows I’m Here aus Chile eine Entdeckung oder I’m No Longer Here über den mexikanischen Cumbia-Tanz, ist Tragic Jungle ein weiterer, kinematographisch beeindruckender Ausflug nach Lateinamerika. Irgendwie fühlt es sich auch an, als hätte ein zur Höchstform aufgelaufener Werner Herzog seinen neuesten Film gedreht. Natürlich im Dickicht des Waldes, natürlich an der Grenze zum Irrsinn, natürlich spielend mit der Wahrnehmung. Der Dschungel ist hier beseelt von transzendenten Wesen, von unsichtbaren Geistern, die manchmal sichtbar werden, um ein gerechtes Exempel zu statuieren. In Tragic Jungle verarbeitet Regisseurin Yulene Olaizola Gedichte über ein mythisches Wesen, einem weiblichen Dämon namens Xtabay, der aus den Legenden der Maya entspringt. Über das feuchtheiße, sirrende Grün legt sich die Stimme des Erzählers in Ich-Form, der über Xtabay resümiert – gleichzeitig aber sehen wir die völlige Hilflosigkeit gieriger Männer, die der metaphysischen Macht nichts entgegensetzen haben. Der Dschungel ist weiblich, so Olaizola, und gegen diese Weiblichkeit hilft weder sexuelle Nötigung noch der Drang, diese Weiblichkeit besitzen zu wollen. Entsprechend drakonisch ist die Antwort dieser Manifestation, gleichzeitig aber auch magisch, betörend und manipulativ. Tragic Jungle ist ein zugleich feministisches wie ethisch-moralisches Märchen über unrechtmäßige Aneignung und impulsivem Machtgehabe. Hier regiert die Tugend einer niemals einschätzbaren Entität.

Tragic Jungle

Apocalypto

MENSCH MAYA!

7/10


apocalypto© 2006 Constantin Film


LAND: USA, MEXIKO, GROSSBRITANNIEN 2006

REGIE: MEL GIBSON

CAST: RUDY YOUNGBLOOD, RAOUL TRUJILLO, DALIA HERNÁNDEZ, JONATHAN BREWER, MORRIS BIRDYELLOWHEAD U. A. 

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Endlich ist er von der Watchlist: Mel Gibsons wuchtiges Mittelamerika-Epos über das Volk der Maya – kurz gesagt: Dschungelwahnsinn in Cinemascope. Dass der Australier gerne exzentrische Auflagen für seine Filme hat, das wissen wir spätestens seit Die Passion Christi: ein Film, gedreht auf Aramäisch und dem Straßenlatein der Römer. In Apocalypto ist es die Sprache Mayathan, ein in manchen Regionen immer noch gebräuchliches Sprachgut, das sich vom klassischen Maya ableitet. Mit diesem linguistischen Kolorit gelingt ein Versinken in die damalige, völlig unbekannte Ära einer der letzten Hochkulturen der Welt um Vieles einfacher. Eine gemähte Wiese sozusagen – doch gemäht ist hier nichts: der Dschungel ist überall, auch ganz am Anfang sieht man außer dieser grünen, zirpenden, lodernden Hölle aus Pflanzen, tropischer Hitze und unsichtbaren Gefahren nichts: bis ein Tapir aus dem Unterholz bricht. Wie Mel Gibson und sein Kameramann Dean Semler die Jagd nach Frischfleisch quer durchs Gemüse einfängt, mag hier schon alleine eine Nummer zu groß sein für andere Filmemacher. Ein Aufwand, und ein Zugeständnis an einen satten Naturalismus, dem Mel Gibson huldigt und auf den er so versessen ist. Wenn in Apocalypto ein Lebewesen schreit, dann schreit es vor Schmerz und nicht nur so. Wenn das Blut fließt, dann tut das schon beim Zusehen weh. Wenn die Unwirtlichkeit eines vom Rest der Welt isolierten Öko- und Gesellschaftssystems den Alltag nichts für Zartbesaitete werden lässt, dann lässt sich staunen ob der niemals selbst erleben wollenden Umstände einer Zeit, die schleichend ihrem Ende zustrebt. Verdörrte Felder, eine nicht näher definierbare Krankheit rafft die Menschen dahin: In Apocalypto steht ein Paradigmenwechsel bevor.

Ein Jungpapa namens Pranke des Jaguar lebt mit seiner schwangeren Frau Sieben, seinem Sohn Schnelle Schildkröte und dessen Opa in einem Dorf im Dschungel und bekommt von diesem drohenden Sturm erstmal überhaupt nichts mit. Ein Dorfleben wie im Bilderbuch, mit seinen Festen, Querelen und Scherzen. Schön eingefangen, man ist mittendrin statt nur dabei. Doch es kommt, wie es kommen muss: Menschenjäger brechen eines Morgens in die schläfrige Idylle, massakrieren alle Einwohner und die sie nicht massakrieren, werden gefangengenommen und weggeschafft. Sieben und Schnelle Schildkröte können sich in einem Loch im Boden verstecken, die Pranke des Jaguar muss wohl oder übel mitziehen gen Süden, an einen Ort ohne Wiederkehr. Der erinnert frappant an all die archäologischen Stätten auf Yukatan. Gibson erweckt dieses historische Szenario zum Leben, mit einer Detailverliebtheit, die den Atem raubt. Rauf geht´s auf die Stufenpyramide, und wer die Geschichte der Mayas ungefähr kennt, wird wissen, was da oben passiert. Pochende Herzen als Opfergaben, ein Menschenverschleiß sondergleichen. Als eine Sonnenfinsternis eintritt, erhält die Pranke des Jaguar die Chance, zu fliehen, um zu seiner Familie zurückzukehren. Klar, dass ihm da einige der härtesten Typen ihrer Hochkultur auf den Fersen sind.

Im Grunde ist Apocalypto ein sehr simpler Abenteuerfilm. Nichts, das inhaltlich fordert. Was Mel Gibson aber daraus gemacht hat, ist ein bislang in der Filmhistorie exklusives Zeitbild über ein Volk, dass sich nicht gerade unzähliger filmischer Interpretationen ihrer selbst erwehren muss. Apocalypto ist das einzige Werk. Und gerade in den Szenen, in denen unser Protagonist in die Zivilisation eindringt, wird die filmische Expedition zum Augenschmaus. Jade, wohin man blickt. Exzentrische Frisuren, weiß und blau bemalte Körper, Federn, geschliffene Zähne. Maya-Prunk am Gipfel der Pyramide. Die Kamera schwelgt mit, taucht ein, rückt näher. Distanz gibt es keine mehr, und als Zuseher gibt man sich dem Drang hin, einfach mitgerissen werden zu wollen. Als dann aber die Jaguarpranke im Wald verschwindet, und die Häscher hinterher, erzählt Mel Gibson die Version des uns wohlbekannten John Rambo neu, der sich als Indigener mitsamt seinem Survival-Knowhow zu wehren versucht. Aus einem geradezu nihilistischen Zeitbild wird ein straffer Actioner, erdig, blutig und fiebrig. Ein Film, unter enormem Aufwand entstanden, diese Verausgabung sieht man nicht nur an Rudy Youngblood, der sich die Seele aus dem Leib rennt. Die sieht man auch, als der Wahnsinn an der Küste der Karibik sein Ende findet – und damit auch eine ganze, längst selbstzerfressene und autoaggressive Kultur, die auf erschreckende Weise alle Prophezeiungen erfüllt sehen wird.

Apocalypto

47 Meters Down: Uncaged

WIR SIND JUNG UND BRAUCHEN DEN KICK

5,5/10

 

47metersdown_uncaged© 2019 Concorde

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOHANNES ROBERTS

CAST: SOPHIE NÉLISSE, CORINNE FOX, BRIANNE TJU, SISTINE ROSE STALLONE, JOHN CORBETT, NIA LONG U. A.

 

Wie oft nur muss man das diesen jungen Leuten denn noch verklickern? So ähnliches lernt der Mensch doch schon als Kind: Messer, Gabel, Scher´ und Licht…. Später dann die Baderegeln beim Schulschwimmkurs: Springe niemals in unbekannt Gewässer, nebst vollem Magen und all das übrige. Später dann beim Tauchschein: Unerforschte Höhlen sind tabu. Zumindest haben sie das Buddy-Prinzip berücksichtigt, diese vier Girlies, die sich im brütend heißen Tropensommer auf Yucatan in einem Waterhole mitten im Dschungel vergnügen. Und da ist da noch die Taucherausrüstung eines Forscherteams, das gerne gehabt hätte, dass Bikinischönheiten sich nicht an den bereits fein säuberlich arrangierten Gegenständen vergreifen. Kinder, das kostet alles Geld! Aber wo kein Kläger, da kein Richter. Und wo augenscheinlich keine Gefahr, lässt sich durchaus auch mit dem Adrenalinspiegel die Sonne reflektieren. Ganz in der Nähe gibt’s nämlich eine versunkene Maya-Nekropole. Eine kleine Ehrenrunde ziehen in diesem völlig unerforschten Areal kann ja niemanden schaden? Nein, natürlich nicht, niemanden außer euch ;-). Denn was haben wir gelernt: Unbekanntes Terrain, Höhlentauchen…? Das Ganze ohne Flossen natürlich, wer braucht die schon?

Man lernt nur aus Erfahrung, also schmeissen sich unsere Galgenvögel in die Tarierjackets und los geht’s. Wir wissen schon angesichts des Titels 47 Meters Down: Uncaged, dass dieser dreiste Abstecher zum Verhängnis werden wird. Denn die vier sind nicht allein. Monströse Höhlenhaie treiben ihr Unwesen. Und wie das mit dem blinden Huhn und dem Korn eben so ist, schafft es auch ein Knorpel wie dieser hier im Film, sein Frühstück zu organisieren.

Johannes Roberts, Alptraummärchenerzähler für Taucher und Hai-Phobiker, hat es wieder getan. Nach seinem raffinierten Erstling 47 Meters Down, in dem es tatsächlich so viele Meter nach unten ging, dümpeln nun seine schadenfroh belächelten Opfer nicht ganz so tief in der Salzsuppe. Taucherkrankheiten sind diesmal nicht das große Übel, wenigstens ist die Nullzeit auf der Habenseite. Das Übel resultiert diesmal aus der vollkommenen Desorientierung in unbekanntem Gebiet. Klaustrophobie und Leute, die beim Tauchen bereits so ihre Panikmomente hatten, seien vielleicht vor einem Flashback gewarnt. Dazwischen fiese Fische und auch so manche Strömung, die natürlich frei nach dem Bernoulli-Effekt stärker wird, je schmäler die Durchgänge sind. Sauerstoff wird logischerweise auch ziemlich knapp, und interessanterweise nimmt Roberts das mit der kontinuierlichen Abnahme selbigem trotz luftverzehrendem Wimmern hinter den Atemmasken nicht ganz so genau. Im Film lässt sich das ja machen, doch man sollte aufpassen, den Zuseher nicht ganz so sehr für dumm zu verkaufen. Nach allen Gesetzen der Logik wäre der Film womöglich ein kurzer Spaß. Oder aber es wäre gar nichts passiert, denn Haie verhalten sich normalerweise auch nicht so wie diese hier. Das sind aber auch zugegeben erschreckende Biester, da gewinnt Spielbergs Weißer Hai ja geradezu einen Schönheitswettbewerb.

Doch allen Meckereien und der fehlenden psychologischen Raffinesse zum Trotz ist 47 Meters Down: Uncaged womöglich einer der Filme, die man zum unterhaltsamen Zerstreuungs-Thrill kurz vor dem bevorstehenden Urlaub, wenn alles schon gepackt ist, auf die Liste setzen kann. Dazu vielleicht einen oder zwei Tequila.

47 Meters Down: Uncaged