Digger (2026)

DER FLUCH DES WOHLSTANDS

8,5/10


Tom Cruise als Digger Rockwell im Film Digger
© 2026 Warner Bros. GmbH


LAND / JAHR: USA, MEXIKO, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: ALEJANDRO GONZÁLEZ IÑÁRRITU

DREHBUCH: SABINA BERMAN, ALEXANDER DINELARIS, NICOLÁS GIACOBONE, ALEJANDRO GONZÁLEZ IÑÁRRITU

KAMERA: EMMANUEL LUBEZKI

CAST: TOM CRUISE, JOHN GOODMAN, RIZ AHMED, SANDRA HÜLLER, MICHAEL STUHLBARG, JESSE PLEMONS, SOPHIE WILDE, EMMA D’ARCY, PIP TORRENS, ROBERT JOHN BURKE, BURN GORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN



Mit diesem Spaten, so wettert der superreiche Mineralölunternehmer Digger Rockwell vor Politik und Untergebenen in seinem trauten kleinen Eigenheim, haben seine Vorfahren in Texas den ersten Stich getan. Sie haben geschuftet und geschuftet und irgendwann sprudelte das schwarze Gold, womöglich kann man sich diese Szene vorstellen wie in Paul Thomas Andersons Gleichnis über Gier: There Will Be Blood. Bei Digger ist es nicht Blut, sondern Öl, und der Anfang einer Erfolgsgeschichte des fossilen Brennstoffes, wie sie bilderbuchartiger nicht sein könnte.

Das Glück ist eine Katze

Jetzt ist Digger aber zu weit gegangen, und da hilft auch kein Fuchteln mit dem Schaufel-Zepter. Das Bohren in den Meeresboden vor Grönland hat die natürliche Ordnung ins Wanken gebracht. Methan steigt an die Oberfläche, das Schelfeis nimmt Reißaus Richtung Nordeuropa. Welche Kacke ist denn hier am Dampfen? Kann dieser Morgen, an dem Alejandro González Iñárritus auf mehreren Metaebenen spielendes Opus Magnum beginnt, denn nicht noch katastrophaler beginnen?

Er kann. Denn die uralte Katze, die stellvertretend für ihre Art menschliches Leben glücklicher macht, ist kurz davor abzunippeln. Digger tut alles, was er kann, doch das Glück entgleitet ihm. Bald hat er die ganze Regierungs-Entourage einschließlich des schwer von Krebs gezeichneten US-Präsidenten, der lieber rote Knöpfe drückt als die Gebrauchsanweisung für einen Atomkrieg zu lesen, in seinem Palast vereint, um eine Lösung zu finden. Anzügliche Entgleisungen sind die Folge, doch wen schert’s. Es sind keine Frauen anwesend, denn die Welt wird vom Patriarchat regiert, das sich darüber kaputtlacht, wie wenig sich verändern will. Eine der treffendsten Szenen des ganzen Films.

Marcel Duchamp hat mal gesagt: Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt. Mittlerweile müsste man angesichts dieser Weltlage die Gleichung verneinen: Es gibt keine Lösung, obwohl es ein Problem gibt.

Die Wahrheit hinknallen

Die Lösung, das ist die Wahrheit. Das Problem, das sind wir. Äußerst unbequem, oder? Kein Wunder, dass Digger an den Kinokassen floppt. Wer will schon in den Spiegel blicken und dann erkennen, dass alles, was hier auch im realen Leben passiert, vorzugsweise eben der Klimawandel, der sich bis zur Katastrophe steigert, die Folge einer Beschwörung ist, die wir Wohlstand, Bequemlichkeit und Luxus nennen. Alles sollte so einfach wie möglich sein, oder vielleicht einfacher. Ein Umstand, von dem schon Albert Einstein abriet. Und dennoch regieren neben dem Patriarchat Angebot und Nachfrage die Welt, sonst nichts.

Auf Basis dieser Prämisse geht Digger in die Offensive. Tom Cruise verkörpert dabei mit schauspielerischem Enthusiasmus und mit der völlig bescheidenen Bereitschaft, nur ein Teil des großen Ganzen zu sein, ohne sich als Star hochzuspielen, den Parade-Amerikaner zwischen J. R. Ewing und Larry Flynt, der die ganze Erfolgsgeschichte der Vereinigten Staaten in sich vereint, nur um als Sündenbock zu enden für eine Spezies, die Verantwortung gerne abgibt.

Die Mega-Bühne für satirisches Vokabular

Iñárritu hat sich dabei weit von seinen stilistischen Anfängen entfernt und schon bei Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) begonnen, die opulente Satire als seinen Weg zu wählen, psychosozialen Wahnsinn theatralisch aufzubereiten. Sein auf Netflix veröffentlichter Film Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten bedient sich bereits jenes Vokabular, das in Digger zu lesen ist. In peniblen, bühnenartigen Arrangements, die nicht nur an Wes Andersons detailverliebte Tableaus erinnern, sondern auch an die Endzeitstimmungen des schwedischen Tristesse-Künstlers Roy Andersson, der mit seinen Songs from the Second Floor mit Kritik am Katholizismus nur so um sich schlug, setzt der Mexikaner mehrere Akte einer fast schon göttlichen Komödie in Gang, die ihre größte Stärke gar nicht mal so im grotesken Spiel eines John Goodman oder eben Tom Cruise findet, auch nicht in den surreal anmutenden Bildern, sondern in Momenten sprachlicher Höchstleistung.

Jede Menge wahre Worte

Wenn das nicht irgendwann mal Kult wird, so wie der Monolog Edward Nortons in 25 Stunden von Spike Lee, dann weiß ich nicht: Wenn Digger im Europäischen Parlament das Wort an sich reißt und der ganzen regierenden Elite die Wahrheit entgegenknallt, und zwar Peng, Peng, Peng, dann trägt jedes einzelne Wort in dieser Ansprache ein so dermaßen kluges Resümee der Gesamtsituation in sich, wie es wohl keiner der aktuellen Politikerinnen und Politiker und schon gar nicht Greta Thunberg hätten formulieren können. Da wirkt selbst ein „How Dare You“ unerwartet blass.

Digger ist ein sprachlich geschliffenes Kunstwerk, und in seiner finalen Conclusio so clever, dass ich sie am liebsten spoilern würde, doch Gott behüte! Nach so einigen kleinen Wendungen, über die die Geschichte absichtlich stolpert, um das ganze globale Chaos in einen anderen Kontext der Wahrnehmung zu setzen, wäre am Ende statt Melanie Safkas What Have They Done To My Song auch Zarah Leanders Weltuntergangslied ideal gewesen.

Die Natur zum Feind erklären

Stanley Kubrick hat in den Sechzigerjahren im Gegensatz zu Iñárritu mit seiner schwarzen Satire Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben sowohl einen finanziellen Erfolg als auch einen Kritiker-Liebling vorgelegt. Beide Filme – dieser hier und Digger – sind sich ähnlich. Kubrick beschwor damals die Angst vor dem Atomkrieg während des Säbelrasselns der Supermächte. Im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nimmt sich Iñárritu die menschengemachte Klimakrise und eine unterjochte Natur vor, die lieber als Feindin betrachtet wird als die sprichwörtliche behütende Mutter.

Warum nur diese Ablehnung für diesen Film? Kubrick hat sich für Dr. Seltsam in elitären Kreisen herumgetrieben, maximal hinunter bis zu den Piloten, die am Ende die Bomben werfen. Digger aber holt sich alle, führt die ganze Welt vor. Vom Präsidenten bis zum Publikum. Wenn es dabei doch nur etwas zu lachen gäbe! Schließlich ist das die einzige Methode, um mit dem klarzukommen, was man nicht ändern kann: Uns selbst.

Digger (2026)

Dreams – Gefährliches Verlangen (2025)

ZWISCHEN DEN KLASSEN EIN STERBENDER SCHWAN

7/10


Isaac Hernández und Jessica Chastain haben eine Beziehung in Dreams – Gefährliches Verlangen
© 2026 Panda Filmverleih


LAND / JAHR: MEXIKO 2025

REGIE / DREHBUCH: MICHEL FRANCO

KAMERA: YVES CAPE

CAST: JESSICA CHASTAIN, ISAAC HERNÁNDEZ, RUPERT FRIEND, MARSHALL BELL, ELIGIO MELÉNDEZ, MERCEDES HERNÁNDEZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Am Ende wird alles gut…

Es gibt wirklich wenige Filmemacherinnen und Filmemacher, die den Mut und die Beharrlichkeit haben, ihren Geschichten, die sie erzählen, das entsprechend konsequente Ende zu geben – eben jene Konklusio, die unweigerlich kommen muss, wenn es darum geht, das Gezeigte als markerschütternd böses Gleichnis für einen Missstand zu instrumentalisieren.

Im Falle des Michel Franco lässt sich davon ausgehen, dass er wohl niemals irgendeinen Film machen wird, der einem das gute Gefühl gibt, alles käme in Ordnung, geschweige denn die Gewissheit, dass im Grunde alles einem wohlgefallenen Ende zustreben muss, denn die Welt ist ja schließlich so aufgebaut.

… und wird es das nicht, ist es trotzdem das Ende

Bei Michel Franco ist sie das nicht. Der Mexikaner kann mit dieser Naivität, die im Kino als Kompromiss in der Handlung auf seufzende Akzeptanz stößt, reichlich wenig anfangen. Und setzt stattdessen auf Radikalität.

Mit seinem Debütspielfilm New Order – Die neue Weltordnung macht er 2020 die Filmwelt auf sich aufmerksam – und verstört sie gleichermaßen. Seine erschütternde Chronik eines Volksaufstandes, der letztlich in einer Militärdiktatur mündet, zieht einem auf grimmige und kompromisslose Weise den Boden unter den Füßen weg.

Seine dahingleitende, rätselhafte Psychostudie Sundown mit Tim Roth ist auf versöhnliche Weise weniger destruktiv, während mit Memory erstmals Jessica Chastain aufspielt und vielleicht schon als Francos Muse gilt. Kann man das bei zwei Filmen schon sagen? Ich vermute es.

Die knisternde Exotik einer Liaison

Im neuen Werk Dreams – Gefährliches Verlangen, was dank der deutschsprachigen Untertitelvergabe eher nach schwülstigem Erotikthriller klingt, macht Chastain wieder das, was sie am besten kann: Die schicke Unterkühlte mimen, die mit der nötigen Distanz ihrem sozialen Umfeld begegnet und für die stinkreiche Familie, die eine Stiftung verwaltet, unbedingt und immer funktionieren muss. Da diese Stiftung soziales Engagement zeigt und unter anderem auch in Mexiko diverse Projekte unterstützt, lernt Jennifer McCarthy den Tänzer Fernando kennen. Und nicht nur das: auch lieben.

Es knistert gewaltig, wobei man diese Liaison erst im Nachhinein zu greifen bekommt, denn Franco beginnt seine Geschichte mit dem bestürzenden Prozedere einer illegalen Migration. In San Francisco treffen dann die beiden aufeinander – und nichts entwickelt sich so, wie der von Illusionen und eben Träumen gepushte Fernando die Dinge haben will.

Als sich Jennifer nicht zu ihrem Dritte-Welt-Lover bekennen will und ihn auch vor ihrer Familie verheimlicht, da sie weiß, das kommt nicht gut an, geraten die Dinge aus dem Ruder. Dreams entwickelt sich zum Beziehungsthriller, der aber kein Interesse hat, an der Oberfläche herumzustochern und lediglich den Spannungsbogen zwischen Begehren und Blowjob zu bedienen.

Gehen wir lieber auf Distanz

Tatsächlich hat Francos Film zumindest in den ersten zwei Dritteln gehörige Längen. Hinzu kommt Francos distanzierte Art, zu filmen. Seine Bilder erinnern hier an Michael Hanekes Stil, selten geraten Kamera und Ensemble in Berührung. Der Beobachter soll keinen Einfluss nehmen auf das Geschehen, das wie aus einem versteckten Winkel heraus verfolgt wird.

Haneke selbst hat sich auch nie dazu durchgerungen, den Gesichtern vor der Kamera mehr Aufmerksamkeit zu schenken als für die Handlung erforderlich. Weg von der garantierten Wahrnehmung des Stars, hin zu deutlich relevanteren Themen, wie zum Beispiel jenem der Klassengesellschaft, die sich heillos in Doppelmoral und Heuchelei verliert.

Von oben herab

Mit Dreams – Gefährliches Verlangen wird Michel Franco wieder so richtig pessimistisch. Ganz Wohlstandsamerika entlarvt sich selbst in selektivem Rassismus, getarnt durch eine soziale, multikulturelle Agenda.

Die Anklage sitzt, und sie enttarnt den Gutmenschen alleine in seinem Modus Operandi, ohne die Elite vorzuführen wie Karim Aïnouz in seiner auf völlig andere Weise destruktive Groteske Rosebush Pruning. Was dort als Plakativität belächelt wird, findet hier den ganz normalen Machtmissbrauch – darin eingebettet eine sexuell aufgeladene Romanze, die aufgrund von Vorbehalten, Klischees und Abhängigkeit unter Schmerzen scheitern muss.

Dreams – Gefährliches Verlangen (2025)

New Order – Die neue Weltordnung (2020)

GRÜN IST DIE FARBE DES UMBRUCHS

7,5/10


Naián González Norvind inmitten der Aufstände in New Order
© 2020 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: NUEVO ORDEN

REGIE / DREHBUCH: MICHEL FRANCO

KAMERA: YVES CAPE

CAST: NAIÁN GONZÁLES NORVIND, MÓNICA DEL CARMEN, DIEGO BONETA, FERNANDO CUALETLE, ELIGIO MELÉNDEZ, DARIO YAZBEK BERNAL, AVIER SEPULVEDA, ROBERTO MEDINA, SEBASTIAN SILVETI, GUSTAVO SÁNCHEZ PARRA U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN



Der Mexikaner Michel Franco hat seine ganz eigenen Visionen, um daraus Filme zu machen. Er schert sich wenig um altbekannte Erzählweisen, orientiert sich auch nicht an den Eliten in Hollywood oder Europa. Es kann passieren, dass ganz andere Pioniere in Francos Art und Weise des Filmemachens genug Inspiration sehen, um in sein Fahrwasser zu schippern – warum auch nicht. Gut übernommen ist halb gewonnen – für andere.

Die Kunst des Weglassens

In seinem Mysterydrama Sundown – Geheimnisse in Acapulco gibt Tim Roth einen rätselhaften Aussteiger, der in der Strandpromenade titelgebender Stadt herumhängt. Was relativ langweilig klingt, entwickelt sich zu einem vertrackten Psychogramm, in dem nur nach und nach das ganze seltsame Verhalten des isolierten Mannes Sinn ergibt. Ein Vexierspiel also mit nichts außer Tim Roth, viel Acapulco und einem Existenzialismus, der an Albert Camus erinnert.

Dabei zeigt sein erster abendfüllender Spielfilm, der Polit- und Gesellschaftsthriller New Order, bereits Francos Kunst des Weglassens und Nicht-Erzählens. Im Grunde sind es Bruchstücke, die er aneinander montiert, doch die sind gerade groß oder klein genug, um nicht fragmentarisch zu wirken. Nur Fragmente wären recht plump, doch so, wie Franco es macht – diese erzählerische Brut-Art, die nicht klotzig erscheint, sondern klug auf- und aneinandergelegt wird – das zeugt von einer eigenen intuitiven Vision. Und in dieser einen, ersten Vision, geht die ganze kaputte neureiche Elite von Mexiko-Stadt den Bach runter.

Die Reichen werden nicht erfreut sein

Reichtum ist im größten urbanen Moloch Mittelamerikas, um die Phrase nochmal zu dreschen, mehr als nur eine Schande. Wie so oft in Ländern wie diesem haben nur wenige alles, und alle anderen wenig. Eine Ungerechtigkeit, deren Konsequenzen man in den Geschichtsbüchern Europas lesen kann. Zum Beispiel im Kapitel über die Französische Revolution. Guillotine im Dauereinsatz. Köpfen, was das Zeug hält, die Vernichtung des Adels – und letztlich nur der vorübergehende Aufschwung des Proletariats, bevor kaisergleiche Anführer ihren Allerwertesten wieder auf den Thron geschoben haben werden.

In Mexiko erscheint dieser Umbruch als niederschmetternde, semidokumentarische Zukunftsvision, die schon in den ersten Minuten für Unbehagen sorgt. Eine feine Hochzeitsgesellschaft gibt sich die Ehre, die Wohlhabenden versammeln sich, während ein gewaltiger Demo-Zug der Unzufriedenen und Übervorteilten im ganzen Stadtkreis revolutionäre Züge annimmt.

Von Chaos und Ordnung

Und dann schwappt der Wahnsinn über – mit grüner Farbe, in Rage und mit Mordlust in den Augen, um die Diskrepanz zwischen den Klassen ein für alle Mal auszubügeln. Da kann es schon passieren, dass sich ehemalige Angestellte der feinen Familie zum Lynchmord an ihre Brotgeber hinreißen lassen.

Wer glaubt, damit wäre in dem ohnehin knappen 80-Minüter das Fass schon zum Überlaufen gebracht worden, der irrt. In weiterer Folge erzählt Franco das Schicksal von Braut Marianne. Wer das aushält, ist entweder gerade mit Unmengen an Resilienz gesegnet oder abgehärtet wie ein Krisenreporter.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wenn sie stirbt…

New Order ist schlichtweg harter Tobak. Ein Film, der verstört und lange nachhallt. Was objektiv wie das Erstarken einer Militärdiktatur ganz und gar nicht nach düsterem Zukunftsszenario klingt, da Südamerika diesen Wahnsinn bereits mehrmals über sich ergehen lassen musste, ist im Detail abgrundtief nihilistisch, destruktiv und hoffnungslos. Wer glaubt, im Kino gäbe es immer und überall noch die Gunst des Schicksals für das Gute und Aufrichtige, der irrt spätestens hier, wo es keine Werte mehr gibt – nur Unterdrückung, Macht- und Raffgier.

Definitiv nichts für schwache Nerven, kann New Order niemanden gefallen. Allerdings ist die Chronik einer enthumanisierten Gesellschaft, die man sich garantiert kein zweites Mal ansehen will, es sei denn, es geht uns zu gut, auf erschütternde Weise fabelhaft gelungen und wirkt wie Flugangst ohne beruhigendes Händchenhalten.

New Order – Die neue Weltordnung (2020)

Das tiefste Blau (2025)

AUGENTROPFEN FÜR ALTERSWEITSICHT

5/10


© 2025 Alamode Film


ORIGINALTITEL: O ÚLTIMO AZUL

LAND / JAHR: BRASILIEN, MEXIKO, CHILE, NIEDERLANDE 2025

REGIE: GABRIEL MASCARO

DREHBUCH: TIBÉRIO AZUL, GABRIEL MASCARO

KAMERA: GUILLERMO GARZA

CAST: DENISE WEINBERG, RODRIGO SANTORO, MIRIAM SOCARRÁS, ADANILO U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Jair Bolsonaro sitzt in dieser nahen Zukunft Gott sei es gedankt nicht mehr am Ruder. Der rassistische Umweltsünder hätte, wäre der Film die Realität, entweder eine nahe Zukunft wie diese verantwortet oder er säße, wenn nicht im Gefängnis, dann längst in einer dieser als euphemistisch bezeichneten Kolonien der über 75jährigen, die von der jüngeren Gesellschaft einfach nicht mehr er- und mitgetragen werden sollen. Es hemmt die Wirtschaft, heisst es in diesem Brasilien, denn die muss florieren. Da hat wohl niemand etwas davon, wenn die Alten von den Jungen ausgehalten und gepflegt werden müssen und dadurch das Bruttosozialprodukt nicht gesteigert werden kann. Natürlich fällt mir dabei Geier Sturzflug ein mit ihrem Klassiker der Neuen Deutschen Welle. „Wenn Opa sich am Sontag aufs Fahrrad schwingt und heimlich in die Fabrik eindringt“ – schon damals wusste man, das die ältere Generation irgendwann um ihre Pension kämpfen muss, würde diese es nicht möglich machen, bis zum Abnippeln an der Kurbel von wasweißich auch immer zu drehen, nur um, gezwängt zwischen Zahnrädern wie einst Charlie Chaplin, den prosperierenden Staat am Laufen zu halten.

Für die Alten das Abstellgleis

Was im Ganzen so aussieht, als wäre das eine menschenverachtende, ungerechtfertigte Erniedrigung jener, die Zeit ihres Lebens ihr Soll erfüllt haben, ist im Detail noch viel erniedrigender und bitterer. In den Städten des Amazonas kurven Pickups mit Käfigen hinten drauf durch die Straßen, um abgängige Alte, die nicht ins Lager geschickt werden wollen, einzusammeln. Tereza meint, auf die Archivierung ihrer selbst noch fünf Jahre warten zu dürfen, ist sie doch erst 75. Doch die Regeln haben sich geändert – die rüstige und keinesfalls inaktive Dame wird demnächst abgeholt, eine Woche Zeit bleibt ihr noch – um ihr selbst noch einen einzigen Wunsch zu erfüllen, bevor gar nichts mehr geht, nämlich zu fliegen, womit auch immer. Dafür begibt sie sich gegen den Willen ihres töchterlichen Vormunds an den Amazonas, fliegen und Bahnfahren darf die Entmündigte schließlich nicht ohne Genehmigung. Auf ihrer kleinen Odyssee trifft sie auf einen entrückten Bootsmann, völlig verpeilten Flugpiloten, rangelnden Süßwasserfischen (wie seltsam!) und einer längst pensionsfähigen, aber autarken Bibelverkäuferin, mit der sie Freundschaft schließt – und die es irgendwie geschafft hat, ihrem aufgehalsten Schicksal zu entkommen.

Die Tropen machen müde

Eine bittere, seltsam entschleunigte Zukunft ist das hier am südamerikanischen Megastrom, der mitunter eine Schnecke zu seiner Fauna zählt, die ein blaues Sekret absondert, welches das Bewusstsein erweitert und die Zukunft erahnen lässt – daher auch der Titel des Films. Als hätte Werner Herzog in der schwülen Tropenluft Brasiliens zwischen mehreren Nickerchen im Zustand des trägen Erwachens einen Film gedreht, tuckert Das tiefste Blau in entspannter Unentspanntheit und leicht erratisch durch einen Lokalaugenschein gar nicht vorhandenen Wirtschaftsenthusiasmus. Ist es nicht das Glücksspiel, bleiben die Jüngeren letztlich untätiger als die Alten. Eine gewisse Apathie macht sich hier breit, in der die ungestüme Tereza Spielraum genug findet, um sich aus dem Kreislauf einer deterministischen Zukunft durch einen ideenreichen Abschneider in die Wagemut herauszukatapultieren.

Mag sein, dass Das tiefste Blau die Welt nach der Arbeit zu einem einzigen Altersheim werden lässt und damit warnende Signale setzen will, nicht so unachtsam mit denen umzugehen, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind. Und dennoch engagiert sich Gabriel Mascaro in seiner Coming of Overage-Fantasterei zu wenig, sondern lässt seine auseinanderklaffenden Szenen, die viel Nichterzähltes voraussetzen, wie Wachepisoden einer viel dichteren Geschichte erscheinen. Das macht das Ganze bruchstückhaft, den Blick in eine Richtung setzend, die das Publikum nicht trifft.

Das tiefste Blau (2025)

Leonora im Morgenlicht (2024)

DA LACHEN DIE HYÄNEN

6/10


© 2024 Alamode Film

ORIGINALTITEL: LEONORA IN THE MORNING LIGHT

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, MEXIKO, RUMÄNIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: THORSTEN KLEIN, LENA VURMA 

KAMERA: TUDOR VLADIMIR PANDURU

CAST: OLIVIA VINALL, ALEXANDER SCHEER, RYAN GAGE, LUIS GERARDO MÉNDEZ, ISTVÁN TÉGLÁS, CASSANDRA CIANGHEROTTI, DENIS EYRIEY, WREN STEMBRIDGE U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Warum Leonora Carrington bisher so sang- und klanglos an mir, der in Sachen Kunstgeschichte durchaus seine Hausaufgaben gemacht hat, vorübergegangen ist, lässt sich nicht erklären. Carrington schuf schließlich Kunst, die sich zwischen der nordischen Renaissance eines Hieronymus Bosch und den progressiven Formen eines Marc Chagall widerfindet. Die schließlich auch mit den Mythen Mittelamerikas kokettierte und so einiges aus dieser alten Kultur in ihre Werke hat einfließen lassen. Bemerkenswert sind ihre Arbeiten aus jener Zeit, in der sie mit dem deutschen Surrealisten Max Ernst liiert war, der wiederum in den Dunstkreis von André Breton agierte, selbstredend in Paris, denn dort trafen sich stets alle, die sich Künstler nennen durften, da sie auch schon Renommee genug hatten, um sich in Szene zu setzen. Carrington war da auch mit dabei, als von allen vergötterte Muse. Selbst hat sie sich nicht so gesehen. Sondern Zeit ihres Lebens wohl eher als Tier empfunden, insbesondere als Pferd. Als Kind wollte sie schon die Hufe schwingen, doch ihr gestrenger, erzkonservativer Vater hat das unterbunden. So viel zur Freiheit der Entwicklung im Elternhaus nach der Jahrhundertwende.

Was da an Murks einem späteren Leben mitgegeben wurde, lässt sich längst nicht auf nur eine Leinwand pinseln. Sind deshalb so auffallend viele Künstlerseelen gleichzeitig auch gebrochene? Van Gogh, Alfred Kubin, Niki de Saint Phalle, Leonora Carrington – eine kleine Auswahl nur unter all jenen, die ihre eigene Weltsicht einem psychosozialen Defizit zu verdanken haben, das sie nicht selten in die geschlossene Anstalt brachte. So auch Leonora. Worunter sie genau litt, ist nicht so ganz klar. Schizoides Verhalten oder doch „nur“ ein Nervenzusammenbruch aufgrund der plötzlichen Trennung von Max Ernst, der kurz vor dem Einmarsch der Nazis in Frankreich als verdächtiger Deutscher verhaftet wurde? Laut vorliegendem Film hat Leonora ihren Lebensmenschen nie wieder gesehen. Ob das nicht genau der Trigger war, um verschüttete Traumata aus der Kindheit hochkochen zu lassen?

Üppiger Film, schwerer Zugang

Thorsten Klein und Lena Vurma schenken diesem psychologischen Wendepunkt ihre meiste Aufmerksamkeit, finden aber genauso schwer ihren Weg in den Kopf einer Surrealistin wie meine Wenigkeit in den Film. Viel, sehr viel Geduld ist ratsam, wenn man Leonora Carrington nahekommen will. Spät, fast schon zu spät, knackt das Regie-Duo die holzige Nuss einer biografischen Skizze, die sich genauso wenig formen und beherrschen lassen will wie die dargestellte Künstlerin kurz vor ihrer Elektroschock-Therapie, die damals gang und gäbe war und von der man nicht wirklich sagen kann, sie hätte einen medizinischen Nutzen gehabt. Mit Olivia Vinall, die ich erstmals auf dem Schirm habe, und Alexander Scheer (enttäuschend unbeteiligt) fügen sich zwei Darsteller in ein formelhaftes Konzept biografischer Szenen, ohne aus ihrer Zweidimensionalität hervorzutreten. Weder Max Ernst noch Leonora selbst werden erfahrbar – je länger der Film läuft, desto weiter distanzieren sie sich. Einnehmend interessant kann man beide nicht nennen, wohl eher introvertiert. In ihrer elitären Künsterblase hockend, wollen sie nichts davon wissen, in einem Film zu spielen, der kunstgeschichtliche Lücken füllt. Und dann erhasche ich einen Blick auf ein Werk Carringtons, alleine ihre Bilder wecken mein Interesse. Und dann das: Die Wende, vor allem erzählerisch. Die Szene, in der Carrington in einen verschlossenen Raum der Heilanstalt vordringt, gleichzusetzen mit einer Reise in ihr Unterbewusstsein, sprengt endlich die Grenzen zwischen drögem, chronologischem Vortragskino und surreal anmutendem Psychodrama. Die Nuss ist geknackt, die Hyäne lacht, begleitet von Buschtrommeln. Der üppige mexikanische Regenwald, inmitten Vinalls verlorene und wiedergefundene Figur, lässt nun, in der letzten halben Stunde, die Kreativität fließen.

Ich kann Leonora im Morgenlicht wohl nicht als perfekten Film bezeichnen – zu viel geht anfangs schief. Und dennoch bleiben die Leinwände nicht weiß, die Künstlerin namens Carrington nicht unbekannt. Unsereins lotst sie am Ende in ein ungelenk präsentiertes, aber neugierig machendes Euvre einer viel zu unbekannten Individualistin.

Leonora im Morgenlicht (2024)

La Cocina – Der Geschmack des Lebens (2024)

JEDER KOCHT FÜR SICH ALLEIN

5/10


© 2024 SquareOne Entertainment

LAND / JAHR: MEXIKO, USA 2024

REGIE: ALONSO RUIZPALACIOS

DREHBUCH: ALONSO RUIZPALACIOS, NACH DEM THEATERSTÜCK VON ARNOLD WESKER

CAST: RAÚL BRIONES CARMONA, ROONEY MARA, ANNA DIAZ, MOTELL FOSTER, OLED FEHR, LAURA GÓMEZ, JAMES WATERSTON, LEE SELLARS, EDUARDO OLMOS, SPENSER GRANESE, JOHN PYPER-FERGUSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Abgesehen davon, dass ich, wäre ich in New York, am Time Square wohl nicht meinen Lunch Break einnehmen würde, sind diese Läden doch im Zentrum der Stadt mit Sicherheit heillos überteuert: Ich würde wohl kaum einen – wie sagt man in unseren Kreisen so schön – Fresstempel wie diesen entern, um mir kulinarische Massenware einzuverleiben. Die Touristenfalle The Grill ist schließlich eine jener Örtlichkeiten, in denen Leute aus aller Welt ihren Zwischenstopp einlegen, um von Pommes über Schnitzel bis Hummer alles zu konsumieren, was die Küche hergibt. Und die scheint wie eine Vorhölle, die, wie man zu Beginn gleich wahrnimmt, nur wenigen Standards folgt, um eine gewisse Qualität zu gewährleisten. Nein, in The Grill würde ich nicht essen gehen wollen. Vielleicht liegt das auch daran, dass in La Cocina – Der Geschmack des Lebens alle Speisen, die man zu Gesicht bekommt, in desaturiertem Schwarzweiß erscheinen. Das regt so gar nicht den Gusto an. Und wenn dann noch während der Rush Hour, zu welcher im Sekundentakt die Bestellungen reinflattern, allerorts die überschäumenden Bierdosen geöffnet werden, sind die Hygienevorschriften dahin. So wie hier mag es vermutlich an vielen Orten öffentlicher Verpflegung zugehen, infolgedessen wünscht man sich, lieber unwissend zu bleiben als den Köchinnen und Köchen über die Schulter zu sehen.

In The Grill ist nicht nur Chaos Küche angesagt: Auch die Belegschaft ist eine, die Donald Trump wohl längst aus seinen Staaten komplimentiert hätte: Marokko, Dominika, Mexiko – die Küche ist ein Schmelztiegel der illegalen Immigration, aus aller Herren Länder suchen sie hier Arbeit, die sie mit ein klein wenig Küchen-Know-How meistern wollen. Einer dieser Illegalen ist Pedro, zentrale Figur des Films und kein Kind von Traurigkeit. Vorallem nicht, wenn es darum geht, anderen Kollegen auf die Nerven zu gehen. Pedros exaltierte, verrückte Art stiftet Chaos, noch dazu erwartet Kellnerin Julia (Rooney Mara) von dem Kerl ein Kind – was sie aber um nichts in der Welt bekommen will. Und als ob das noch nicht alles wäre: Obendrein wird Pedro verdächtigt, 800 Dollar aus den täglichen Einnahmen entwendet zu haben, um Julia die Abtreibung zu finanzieren. Man sieht: an diesem kalten Wintertag in einem gar nicht so intellektuell-elitären Manhattan, wie Woody Allen es sich vorstellt, kommt alles zusammen, potenzieren sich der Frust, die Hoffnung und die Enttäuschungen zu einer emotionalen Eruption, die alle Parameter einer funktionierenden Gesellschaft aushebeln.

The Kitchen heisst die theatralische Vorlage von Arnold Wesker, einem britischen Schriftsteller und Dramatiker. Spielfilm-Debütant Alonso Ruizpalacios packt in diese Verfilmung so gut wie alles, was Donald Trump sauer aufstößt. La Cocina – Der Geschmack des Lebens ist ein Anti-Küchen- und Anti-Gesellschaftsfilm für einen Autokraten wie ihn, es scheint fast, als würde sich dabei nicht nur der Frust des Antihelden entladen, sondern auch jener von Ruizpalacios. Dabei verliert dieser im Wulst seiner dramatischen Begebenheiten sowohl Richtung als auch Fokus, und sowieso schon gleich anfangs die Sympathie für eine Person, die nur danach bettelt, hochkant nicht nur aus der Küche, sondern auch aus den Staaten und überhaupt aus dem Film zu fliegen. Einen Gefallen tut Ruizpalacios den Migrantinnen und Migranten angesichts dieser enervierenden Färbung seiner Figuren beileibe nicht. Auch wenn sie von ihren Träumen erzählen, die entgegen aller Klischees ernüchternd genügsam ausfallen – Zeit, um den inneren Empfindungen des zahlreichen Ensembles nahezukommen, gibt es trotz der überlangen Laufzeit, die mitunter so durchhängt wie das geschundene Küchenpersonal, keine. La Cocina ist ein toxisch-sozialer Kriegsschauplatz, ein Winden und Drängen und Funktionieren. Trotz der warmen Herdplatten fehlt jedoch die menschliche Wärme, als wäre die Küche kalt und Ehrgeiz sowieso nichts wert. Wenn das Leben so schmeckt, will man es eigentlich nicht probieren.

La Cocina – Der Geschmack des Lebens (2024)

Memory (2023)

DIE DUALITÄT DES ERINNERNS

7,5/10


memory© 2024 MFA+ Filmdistribution


LAND / JAHR: MEXIKO, USA 2023

REGIE / DREHBUCH / PRODUKTION: MICHEL FRANCO

CAST: JESSICA CHASTAIN, PETER SARSGAARD, BROOKE TIMBER, MERRITT WEVER, ELSIE FISHER, JESSICA HARPER, JOSH CHARLES U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Die einen wollen vergessen und können nicht. Die anderen vergessen und wollen nicht. Selten ist es so, dass jene, die vergessen wollen, es auch tatsächlich tun. Zu tief stecken hier traumatischen Erfahrungen in der eigenen Biografie fest, zu sehr beeinflussen diese die Gegenwart. Jene, die vergessen, obwohl sie jede Erinnerung behalten möchten, leiden vermutlich an kognitiven Störungen, die zur Demenz führen. Oft wird diese Erkrankung mit älteren Menschen in Verbindung gebracht, doch Filmemacher Michel Franco sieht das anders. Er wirft Peter Sarsgaard als Saul in einen vernebelten Alltag, der allein nicht mehr zu meistern ist. Abhängig vom eigenen Bruder, erlebt er mal helle Momente, dann wieder Phasen der völligen Desorientierung. Und: Der Mann steht mitten im Leben. Auf der anderen Seite muss Sylvia (Jessica Chastain) als ehemalige Alkoholikerin, die schon seit dreizehn Jahren trocken ist, ein Trauma mit sich herumtragen, welches sich einfach nicht wegsperren lässt. Das hat auch starken Einfluss auf die eigene Tochter, die weder mit Freunden abhängen noch zu Partys gehen darf. Francos Romanze will es, dass sich beide – Chastain und Sarsgaard – auf einem Klassentreffen über den Weg laufen. Oder anders gesagt: Saul sucht Sylvias Nähe und folgt ihr aus welchen Gründen auch immer (später erfährt man auf einer geschickt eingeflochtenen Meta-Ebene, warum) bis vor ihre Haustür – wo er, bei Sturm und Regen, Wurzeln schlägt. Sylvia ahnt, dass mit dem Kerl etwas nicht stimmt, allerdings nichts, was ihr bedrohlich werden könnte. Nächsten Morgen stellt sich heraus: Der Mann leidet an dementen Schüben, die ihn völlig aus der Bahn werfen. Ohne Betreuung geht es nicht, also nimmt Sylvia auf Bitten von Sauls Bruders den Job an, sich um ihn zu kümmern. Während also Erinnerung und Vergessen aufeinandertreffen, ziehen sich diese Gegensätze sehr bald an.

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen nach Wie ein einziger Tag oder sentimentalem Taschentuchdrama, wenn ich nicht wüsste, dass Michel Franco hier nicht nur die Story ersonnen, sondern eben auch inszeniert hat. Dessen letzter Film – Sundown – Geheimnisse in Acapulco – kann, wenn man sich einlässt, zu einer speziellen Filmerfahrung werden – mit der dramaturgischen Taktik, fast die gesamte Laufzeit des Films seine Zuseher im Unklaren zu lassen, was Tim Roth wohl antreibt, um aus seinem bisherigen Leben auszusteigen und alle Verbindungen zu kappen. Dieses Mysterium steht und fällt mit der hypnotischen Gelassenheit und stillen Melancholie des Hauptdarstellers, den ruhigen, fast ereignislosen Szenen und dem vielen Platz, den Franco lässt, um eigene Ideen hineinzuinterpretieren. Bei Memory macht er es ähnlich. Die Art, wie Franco seine Filme reduziert, und wie er dabei nach eigenem System die Kamera einsetzt, mag bereits zu seiner unverkennbaren Handschrift geworden sein. Was dabei auffällt: Sobald seine Figuren in einen Konflikt geraten, zieht er sich zurück – wir sehen die Szene in der Totalen, distanziert und als stiller Beobachter. Sind die Gefühle im Reinen, hat Franco auch den Wunsch, sich zu nähern. Menschen, die negative Emotionen auslösen, stehen vorrangig mit dem Rücken zur Kamera oder werden erst gleich gar nicht gezeigt. Ein haarfeines, akkurates, psycho-symbolisches Konzept liegt hier vor, während – wie bei Sundown – all die Szenen in unerzwungener Konsequenz fast schon fragmentarisch aneinandergereiht werden. Nie werden diese auserzählt, sondern enden an dem Punkt, an dem wir selbst als Zuseher, ob wir wollen oder nicht, das Geschehen gedanklich ergänzen. Trotz der Bruchstücke – wie beim assoziativen Erinnern – entsteht so ein Ganzes, eine unaufgeregte, nicht karge, aber pietätvolle Erzählung, die mit lamentierender Schwermut nichts anzufangen weiß. Memory widmet sich einschneidenden Schicksalsschlägen, ohne die Schwere auszunutzen. Er erzählt sie anders, und probt damit das symptomatische Empfinden seiner eigenen Themen. Wie Film und Inhalt sich dabei ergänzen, ist wie Vergessen und Erinnern. In der Mitte liegt eine pragmatische Balance für ein gutes Leben.

Memory (2023)

The Dead Don’t Hurt (2023)

ALLEIN MIT DEN MÄNNERN DES WESTENS

5,5/10


thedeaddonthurt© 2023 Marcel Zyskind_Alamode Film


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, MEXIKO, DÄNEMARK 2023

REGIE / DREHBUCH / PRODUKTION / MUSIK: VIGGO MORTENSEN

CAST: VIGGO MORTENSEN, VICKY KRIEPS, GARRET DILLAHUNT, SOLLY MCLEOD, DANNY HUSTON, NADIA LITZ, W. EARL BROWN, JOHN GETZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Seit Der seidene Faden von Paul Thomas Anderson, wo sie an der Seite des großen und längst in Schauspielrente gegangenen Daniel Day Lewis gestanden hat, ist die Luxemburgerin Vicky Krieps eine begehrte, weil extravagante Schauspielerin, die sich schwer in irgendein Schema einordnen lassen will und einen ganz eigenen Charme versprüht, ohne dabei irgendwelchen Vorbildern, sofern es welche gäbe, nacheifern zu müssen. Diese Besonderheit wollte „Aragorn“ Viggo Mortensen in seiner zweiten Regiearbeit gewährleistet wissen, völlig beeindruckt von dieser unkonventionellen Ausstrahlung und diesem extra für diesen Film einstudierten französischen Akzent. Ein feministischer Western sollte es werden, rund um Hoffnung, Grauen, Schicksal und Tod. Legenden der Leidenschaft im Format einer rustikalen Farmhouse Story, einer Lebensgeschichte ohne kitschiges Pathos. Fackeln im Sturm im Spin Off, ein Hauch von Eastwoods Erbarmungslos und sonst auf autorenfilmischen, weil emanzipierten Künstlerpfaden unterwegs. Mortensen sollte niemand vorschreiben, wie er seine Vision umzusetzen hat. Keine großen Studios, kein Über-die-Schulter-blicken, sondern die freie Idee eines romantischen Klageliedes im Staub natürlicher Landschaften, die Mortensen in atemberaubenden Kalenderbildern einfängt. Zwischendurch jedoch sind die toxischen Stereotypen von Männlichkeiten aller Art jene Bürden, die Vicky Krieps als selbstbestimmte, smarte Frankokanadierin Vivienne auferlegt werden. Sie werden ihr nacheinander den Traum eines guten Lebens nehmen. Und sie so weit herausfordern, bis gar nichts mehr geht.

Mortensen selbst, der Regie, Skript und auch die Produktion übernommen hat, sieht sich selbst sehr oft und gerne in der Rolle eines eigenbrötlerischen Außenseiters, eher ungepflegt, von der Sonne gegerbt, doch männlich, charmant, auf ruppige Art liebevoll. Ein Gesamtpaket, das Vivienne, die eines Tages zufällig an diesem Mann vorbeispaziert, sofort überzeugt. Es folgt ein Szenenwechsel, und das zerzauste Landei hat bereits die Gunst der selbstbewussten Dame gewonnen, wacht er doch nächsten Morgen gleich in ihrer Bettstatt auf. Die Figur des Holger Olsen ist die erste Ausgestaltung eines Männlichkeitsbildes, das zwischen Progressivität und konservativem Pflichtbewusstsein versucht, eine Balance zu finden. Letztlich obsiegt der Drang, als Mann tun zu müssen, was man als Mann eben tun muss: Während der Sezessionskriege sieht Olsen schließlich keinen anderen Weg, als einzurücken – und lässt Vivienne, die sich längst damit abgefunden hat, gemeinsam mit ihrer großen Liebe im Nirgendwo auf einer verstaubten Farm ihr Dasein zu bestreiten, allein zurück. Man weiß: In diesen Zeiten ist weibliche Selbstbestimmtheit nichts, was Frau ausleben können. Vivienne tut aber ihr Bestes, will ihr eigenes Geld verdienen, will ihre Meinung sagen und sich nichts gefallen lassen. Vicky Krieps ist die Avantgarde einer späteren, resoluten Weiblichkeit. Auch wenn Olsen die Sache eher skeptisch sieht.

Die andere Seite der Männlichkeit ist die verheerende. Da gibt es diesen Weston Jeffries, psychopathischer und gewaltaffiner Sohn eines reichen Landbesitzers, der gerne Leute krankenhausreif prügelt und Kinder über den Haufen schießt. Das Recht, alles haben zu dürfen, wonach ihm der Sinn steht, schließt die aparte Vivienne mit ein. Und so kommt es zu einer verheerenden Tragödie, die das Leben der Zurückgelassenen um hundertachtzig Grad in eine Richtung dreht, welche den Anfang vom Ende einläuten wird. Vom Ende einer Idee, was es heisst, ein glückliches Leben als Frau zu führen.

Viggo Mortensen will um seine Chronik des Scheiterns einer Frau im Wilden Westen keinen klassischen Erzählbogen spannen. Er beginnt mit dem Dahinscheiden seiner Protagonistin, um dann die Geschichte weiterzuerzählen, während sich in längeren Intervallen zwischendurch eine Lovestory zu verankern versucht, die in ihren eigentlich kurzatmigen Szenen nicht jene Gestalt annehmen kann, für welche sich Vicky Krieps offensichtlich vorbereitet hat. Mortensen weiß nicht so recht, in welchem Rhythmus und nach welcher narrativen Logik er seine Zeitebenen durchmischt, die Struktur des Films erscheint daher beliebig. Was The Dead Don’t Hurt fehlt, ist sein Fokus auf das Wesentliche. Die Garnitur klassischer Westernszenen und -charaktere umrahmt den ambitionierten Kern des Films in klischeehafter Dicke, irgendwann hat man das Gefühl, Mortensen will zu viel und alles gleichzeitig. Viel Drama, viel Schicksal, viel Gut und Böse auf simple Weise. Was bleibt, ist Vicky Krieps gehemmtes Spiel und viel Landschaft.

The Dead Don’t Hurt (2023)

Eureka (2023)

FRAGMENTE ÜBER DAS VERSCHWINDEN

7/10


eureka© 2023 Grandfilm


LAND / JAHR: ARGENTINIEN, FRANKREICH, PORTUGAL, MEXIKO, DEUTSCHLAND 2023

REGIE / DREHBUCH: LISANDRO ALONSO

CAST: VIGGO MORTENSEN, CHIARA MASTROIANNI, SADIE LAPOINTE, ADANILO R, JOSÉ MARIA YAZPIK, ALAINA CLIFFORD, VIILBJØRK MALLING AGGER, RAFI PITTS U. A.

LÄNGE: 2 STD 27 MIN


Ein Mädchen verschwindet. Genau genommen die Tochter des dänischen Landvermessers Gunnar, der im späten neunzehnten Jahrhundert in Argentinien weilt. Gespielt wird dieser verzweifelt suchende Mann, der sich in der argentinischen Raumzeit verliert, von „Aragorn“ Viggo Mortensen. Die Rede ist dabei aber vom Film Jauja von Lisandro Alonso, der 2014 ebenso auf der Viennale lief wie letztes Jahr das neueste Werk des Argentiniers: Eureka. Auch in diesem überlangen Werk, welches zwar anmutet wie ein Episodenfilm, es bei genauerer Betrachtung eigentlich nicht ist, gibt Mortensen jemanden, einen abgewrackten Revolverhelden mit schweißnasser Stirn, der seine Tochter sucht. Er durchquert dabei die Prärie und geht dabei über Leichen, das alles gefilmt in 4:3 und in Schwarzweiß. Die Mission des Mannes wird dabei von einem nordamerikanischen Indigenen beobachtet, der frühmorgens seine Trommel ertönen lässt und dabei auf die Welt blickt. So beginnt ein Film, der sich willig dazu entschlossen hat, sich selbst treiben und seine Geschichten zerfransen zu lassen, ohne dem narrativen Dogma nachzugeben, alles auserzählen zu müssen. Bei Eureka braucht man getrost auf gar nichts warten. Denn alles hat kein Ende, und falls doch, dann ist es das vorläufige des Verschwindens.

Es ist ja nicht nur Mortensens Filmtochter, die fehlt. Im gewichtigen Mittelteil des avantgardistischen Werks befinden wir uns im Pine Ridge Reservat in South Dakota während eines klirrend kalten Winters. Der trostlose Ort ist nur noch ein Schatten seiner Begrifflichkeit. Sozialen Missstand gibt es an allen Ecken und Enden, und schon wieder verschwinden Menschen wie zum Beispiel die kleine Mackenzie, die niemand gesehen haben will. Lisandro Alonso verfolgt dabei Lakota-Polizistin Debonna, die für Recht und Ordnung sorgt während der langen Winternacht und nicht nur von dieser sozialen Verwahrlosung, sondern auch von ihren Kollegen bitter enttäuscht ist. Ihre Nichte Sadie (faszinierend: Sadie Lapointe) arbeitet im Jugendheim, um den desorientierten Nachwuchs mit Sport und Spiel auf dem rechten Weg zu halten. Was mit diesen beiden Frauen passieren wird, bleibt offen. Auch sie verschwinden, auf ihre jeweils ganz eigene Art. Zuletzt findet sich Eureka im brasilianischen Dschungel der Siebzigerjahre wieder: Ein Goldwäscher, nach einer Bluttat geflohen von seinem Stamm, muss sich seiner Tat stellen. Auch er ist auf der Suche. Vielleicht nach Absolution, vielleicht nach einem sicheren Leben. Die Allegorie des Verschwindens macht auch hier nicht Halt, in dieser letzten Episode.

So seltsam das alles auch klingt: Eureka ist seltsamer. Wer die Filme des Thailänders Apichatpong Weerasethakul (u. a. Memoria) kennt, wird ungefähr erahnen können, was es zu bedeuten hat, wenn ich meine, dass Alonso in seinen verharrenden, teils unerträglich langen Einstellungen die Essenz des wahrgenommenen Moments, des Daseins, der Existenz einfach nur durch stoische Betrachtung intensiviert. Tatsächlich gelangt er dadurch in die Tiefe, und je länger man hinblickt, um so mehr verändert sich das Bild. Oder es blickt das Bild, frei nach Nietzsche, geradewegs zurück. Das Transzendente dringt in die entbehrungsreiche Wirklichkeit, der Aminismus der Indigenen spielt dabei eine wesentliche Rolle, denn Eureka ist schwer mysteriös. Wonach Alonso genau auf der Suche ist, das könnte vieles sein. Kulturelle Identität, Geschichte, Familie, Stammbaum. Eine sichere Zukunft? Schließlich wissen wir: Eureka, vermutlich von Archimedes ausgesprochen, kommt aus dem Griechischen und heisst so viel wie Ich hab’s gefunden. Letztlich aber bleiben alle diese Figuren im Film auf der Suche nach etwas Verschwundenem, das auf unerklärliche Weise plötzlich nicht mehr da ist oder da sein will.

Unbefriedigender Existenzialismus als zerfranstes Geduldsspiel, das sich seinem Fluss hingibt, egal, welche Bahnen er nimmt: Gefunden hat in Eureka niemand etwas. Doch vielleicht ist es die Lösung aller Probleme, in einem gewissen kapitulierenden Pragmatismus den Abgesang zuzulassen.

Eureka (2023)

Cassandro (2023)

BUNTER VOGEL OHNE STIMME

3,5/10


Cassandro© 2023 Amazon prime


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: ROGER ROSS WILLIAMS

DREHBUCH: DAVID TEAGUE, ROGER ROSS WILLIAMS, JULIÁN HERBERT

CAST: GAEL GARCÍA BERNAL, ROBERTA COLINDREZ, PERLA DE LA ROSA, JOAQUÍN COSÍO, RAÚL CASTILLO, ANDREA PAZMINO, BAD BUNNY U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Ich muss zugeben, es hat mal auch für mich eine Zeit gegeben, da war die üppige Überdramatik akrobatischer Ringkämpfe ein Guilty Pleasure am Feierabend, der Eurosport-Kanal zumindest für ein paar Monate nicht nur eine unbeachtete Fußnote im Rahmen der Kabelkanäle. Da waren Kapazunder wie Adam Bomb, The Undertaker oder Yokozuna gern gesehene Rüpel oder heldenhafte Muskelprotze, die, schweißglänzend und die tobende Menge für sich einnehmend, andere Nullnummern oder manchmal gar ernstzunehmende Widersacher im Showdown aufs Kreuz legten. Auch Dwayne „The Rock“ Johnson war so jemand, oder Dave Bautista – beide nun im Filmgeschäft. In Lateinamerika, insbesondere in Mexiko, kennt man Saúl Armendáriz, genannt Cassandro. Der hat’s ebenfalls zum Film geschafft, allerdings auf andere Weise. Statt selbst in irgendein Genre der laufenden Bilder zu wechseln und dann dort groß aufzuspielen, wird er zur biographischen Gestalt, mit dem Gesicht von Gael García Bernal, der sich in hautenge Trikots zwängt und in permanenter Jubelstimmung nicht nur das queere Filmpublikum für sich einnimmt. Dieser Cassandro, der steht für Liberalismus, Akzeptanz und sexueller Freiheit. Für die zurecht ungenierte Zurschaustellung homosexueller Orientierung und dem Hinterfragen geschlechtlicher Rollenbilder, die vor allem im Showsport des Wrestlings gerne vor die Kameras gehalten werden, ohne den Status quo zu hinterfragen. Als Botschafter der willkommenen Andersartigkeit scheint der schräge Vogel zwar schmächtig, aber gewitzt. Und wie es beim Wrestling nun mal als Parameter gilt: je beliebter man als Fäuste schwingender Ringkämpfer wird, umso mehr und umso öfter müssen die Kontrahenten zurückstecken. Das ist abgemachte Sache, da passiert nichts zufällig. Auch wenn wir alle gerne so hätten, es wäre so.

Cassandro mausert sich in ungestümer Beharrlichkeit und allen zumindest anfangs laut werdenden Unkenrufen zum Trotz zum beliebten Außenseiter, der, obwohl er die Branche konterkariert, als Klasse für sich phobisches Gesellschaftsdenken aufbricht. Dieses Herzensprojekt des kernigen Texaners ist zweifelsohne lobenswert. Roger Ross Williams, der 2010 für seinen Dokumentar-Kurzfilm Music by Prudence gar einen Oscar gewann, taucht seine biographische Tragikomödie in schillernde Farben und setzt sie deutlich oft dem Rampenlicht aus. Die kreischenden Outfits sitzen perfekt, García Bernal strahlt über das ganze Gesicht. Dass Cassandros Werdegang auch mit einigen Schwierigkeiten verbunden war; dass das Emporkommen, der Widerstand aus dem Volk und gar der Tod der geliebten Mutter den Mann mit ziemlicher Sicherheit in ein Wechselbad der Gefühle gestoßen haben muss, lässt Williams niemals so recht spürbar werden. Es ist, als würde sein Avantgardist in permanent glückseligem Enthusiasmus sein Leben bestreiten, ganz ohne bewusstseinsverändernde Substanzen, was man kaum für möglich halten würde, wenn man es nicht besser wüsste. Es scheint, als lebe der von Bernal dargestellte Träumer und Idealist in einer Gemütsblase aus Verdrängung und bühnenhafter Oberfläche, auf der man gerade noch vor lauter Verzückung die Arme gen Publikum strecken kann, um jeden einzelnen in dieser zum Bersten vollen Sporthalle zu umarmen.

Diese beharrliche Erfolgslust flacht die biographische Figur allerdings deutlich ab. In die wahre Seele des Mannes durchzudringen, scheint hier unmöglich – da muss, da kann doch deutlich mehr gewesen sein als sich nur der Phrase Wenn du es willst, kannst du alles schaffen hingegeben zu haben. Als schier unglaubliches und gleichermaßen unglaubwürdiges Märchen stutzt sich Cassandro zu einem Testimonial zusammen, das wie ein Cartoon durch dessen eigene Lebenslagen stolziert, ohne innezuhalten und mehr von sich preiszugeben als nur den gelebten Traum. Diese Attitüde nutzt sich bald ab, das Drama wird belanglos, obwohl es das nicht sein sollte, denn die vermittelten Werte sind gut genug, um seine Zuseher emotional abzuholen. Aus all dem Potenzial nutzt Williams nicht viel mehr als die Rolle eines „Hans im Glück“, der aufgrund einer naiven Einstellung Liebkind eines Schicksals wird, das als fade erzähltes Gesellschafts- und Familienportrait kaum berührt.

Während Fighting with My Family, wohl einer der besten Wrestling-Filme, in welchem sogar Dwayne Johnson als er selbst der jungen Florence Pugh so einige Tipps gibt, wie man im Ring überlebt, die Balance zwischen Erfolgsgewieftheit und innerfamiliären Befindlichkeiten findet, und Aronofskys The Wrestler den destruktiven Abgesang zelebriert, findet Cassandro, anders als sein echtes Vorbild, nirgendwo seinen Platz.

Cassandro (2023)