The Mule

NEVER TOO LATE FOR BREAKING BAD

6/10

 

themule© 2018 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: CLINT EASTWOOD

CAST: CLINT EASTWOOD, BRADLEY COOPER, DIANNE WIEST, LAURENCE FISHBURNE, ANDY GARCIA U. A.

 

Taglilien sind das halbe Leben, zumindest für Kriegsveteran Earl Stone. Und das, obwohl sie nur einen Tag lang blühen. Aber schön sind sie, geruchsintensiv und für Gartenfreaks und sonstige ein gefälliger Blickfang. Earl Stone hat sich da ein Unternehmen aufgebaut, trotz seines relativ hohen Alters. Aber wo die Leidenschaft eben hinfällt, da kann einer wie er sich nicht dagegen wehren. Als dann aber das verhasste Internet mit Onlineshops einem analogen Verfechter wie Earl Stone das Geschäft madig macht, würde nichts mehr übrigbleiben, außer sich frühzeitig ins Grab zu legen, denn die Familie, die hat ihm den Rücken gekehrt, mit Ausnahme seiner Enkelin, die Opa immer noch gernhat. Und da die Enkelin für ihr Studium dringend Geld braucht, der Alte noch nicht ins Gras beißen will und es durchaus Wege gibt, sich relativ leicht genügend Mammon zu verdienen, sattelt Earl Stone um – vom Gewächshaus ins Cockpit eines Autos – um Drogen zu transportieren, von A nach B, ganz entspannt. Ein Blick ins Transportgut – wozu denn? Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, so die Devise des knorrigen Reaktionärs, der mit Smartphones genauso wenig umgehen kann wie mit Afroamerikanern oder der eigenen Tochter.

Was unser geschätzter Walter White alias Bryan Cranston bereits in standfestem Mannesalter durchgezogen hat, probiert der unverwüstliche Clint Eastwood erst viel später aus – und zwar mit 90 Lenzen. Denn: It´s never too late for Breaking Bad. Und Clint ist ja auch kein Giftmischer, sondern nur ein Drogenkurier. Gar nicht so schlimm, oder macht das doch keinen Unterschied? Walter White würde sich mit Earl Stone gut verstehen. Die beiden hätten kooperieren können. Eine vertane Chance. Dann zumindest diese hier nutzen. Und Clint Eastwood nutzt sie souverän.

Sein selbstinszeniertes True-Story-Drama nach den Erlebnissen von „El Tata“ Leo Sharp wagt natürlich keine allzu großen Sprünge mehr. So altersbedingt auch der ehemalige Westernheld über den Asphalt schlurft, so vorsichtig und nichts überstürzend bewegt sich auch der Film vorwärts. Eine gute Idee, Clint die meiste Zeit des Filmes hinter dem Steuer zu wissen. Obwohl – ein Bad Guy ist er trotzdem, trotz seiner eigenwilligen Auslegung einer Möglichkeit, Gutes zu tun. Die Mittel zum Zweck? Können unter dieser Zielerfassung so übel gar nicht sein. Oder was bezweckt Earl Stone wirklich? Auf der Schneespur des alten Mannes: Bradley Cooper, ungewöhnlich nichtssagend für sein Format, direkt austauschbar. Genauso Laurence Fishburne. Die beiden Rollenprofile hätten durch wen auch immer besetzt sein können – sie haben weder eine Vergangenheit noch charakterliche Skills. Ein Schwachpunkt im Drehbuch, den Breaking Bad nicht hatte. Gut, das hatte auch mehrstaffeliges Serienformat – The Mule hingegen ist da nur ein knapp zweistündiger Film, der aber den Schlendrian aus manchen Szenen durch mehr Sorgfalt auf der Gegenseite eintauschen hätte können. Clint Eastwood selbst hingegen war seit Gran Torino nicht mehr so gut. Ihm macht sein Film sichtlich Spaß. So zwischen den Grauzonen der Moral herumzueiern bietet die Möglichkeit, nicht nur verkniffen dreinzublicken, so wie er es immer tut, sondern auch eine gewisse Selbstironie mitschwingen zu lassen, eine gewisse aufmüpfige Gelassenheit, die er als Wendehals Stone den Kartell-Handlangern unter der Fuchtel von Andy Garcia entgegenpfeffert. Das ist natürlich ein Spiel mit dem Feuer, und Clint gibt angesichts waffenfuchtelnder Argumente dann auch mal klein bei – um dann letztendlich das Richtige zu tun. Ohne Rücksicht auf Verluste, in diesem Fall sogar ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben.

Wie sagte Murtaugh aus Lethal Weapon immer? „Ich bin zu alt für diesen Scheiß.“ Clint Eastwood sagt das nicht, und wir werden ihn ähnliches auch niemals sagen hören. Mit The Mule hat die Kinolegende eine zwar nicht unglaublich spannende, aber genussvolle Charakterstudie eines alten Draufgängers verfilmt, der mit all seinen vorgestrigen Ansichten und seinem Unwillen dem neumodischen Fortschritt gegenüber unglaublich authentisch wirkt. Um ihn herum verblasst die ganze Entourage an austauschbar schablonierten Randfiguren, die auf ihre Art schon gefühlt tausendmal besser skizziert wurden. Eastwood weiß das womöglich, aber das ist ihm genauso egal wie seiner Filmfigur, die das alles gar nicht mehr so genau wissen will, weil es sich einfach nur gut anfühlt, nochmal einen draufzumachen. So viel zu verlieren hat man mit knapp 90 nämlich nicht mehr.

The Mule

Roma

DER GEFUNDENE FRIEDEN GUTER GEISTER

8/10

 

ROMA© 2018 Netflix

 

LAND: MEXIKO 2018

BUCH & REGIE: ALFONSO CUARÓN

CAST: YALITZA APARICIO, MARINA DE TAVIRA, DANIELA DEMESA, CARLOS PERALTA, DIEGO CORTINA AUTREY U. A.

 

Nur noch eine Woche ist es hin, dann wissen wir, wer für das Kinojahr 2018 den Goldjungen kassiert. Der beste Zeitpunkt, wohl einen der am heißesten gehandelten Bewerber unter den besten Filmen endlich mal anzusehen. Und tatsächlich ist dieser ein ungewöhnliches Stück Filmkunst. Eines, das auf den ersten Blick nicht in die handelsübliche Kategorie Bester Film zu passen scheint. Dafür ist Roma von Alfonso Cuarón viel zu persönlich, viel zu intim. Auch viel zu sehr verschlossen. Die Academy, die sich aus 6000 Jurorinnen und Juroren zusammensetzt, hat an diesen Erinnerungen in Schwarzweiß allerdings einen Narren gefressen, vielleicht auch, weil Roma bereits den Goldenen Löwen gewonnen hat. Aber das alleine kann es nicht sein. Vielleicht liegt es an Netflix, dem Streamingriesen? Der hat, keiner weiß genau wo, überall seine Hände mit im Spiel. Als Produzent, einflussreicher Medienfummler und Fast-Schon-Monopol mit einem unersättlichen Hang, das Angebot über die Nachfrage zu stellen. Jeder Netflix-User weiß: Roma wird von Netflix vertrieben, nur dort lässt sich der Streifen sichten. Die Chance, den Bauchladenhausierer durch einen Oscar mit der nötige Portion Kritiker-PR zu veredeln, lässt sich aber nur dann nicht vertun, wird Roma zumindest einige Male im Kino, und dann auch für Nicht-Abonnenten, der breiten Öffentlichkeit präsentiert. Gesagt, getan – und Roma wird für 10 Oscars nominiert. Irgendwie erschließt sich mir aber nicht die Logik dahinter. Warum gerade Roma?

Cuarons Film sticht aus Netflix´ zweifelhaft qualitativer Serien- und Filmschwemme heraus wie edles Porzellan im Elefantenladen. Sein Film bleibt ein Fremdkörper, allein auf weiter Flur, sehen wir mal vom Filmsortiment vergangener Dekaden ab. Es hat den Anschein, als Wäre Roma aus rein werbetaktischem Kalkül dort platziert worden. Und weniger aus einem künstlerischen Bewusstsein heraus, einfach, um der Zielgruppe von Netflix eine gewisse Sensibilität für künstlerische Filme angedeihen zu lassen. Doch wie auch immer, meine Review ist jetzt nicht ausschließlich ein fragender Blick auf das populäre Patschenkino-Portal, es sollte ohnehin eher eine Betrachtung dessen sein, was Roma an sich eigentlich ist: Ein kleiner, bewundernswert zarter Film, der in seiner Bescheidenheit Großes vollbringt.

Dabei plaudert Roma, anders als von mir angenommen, gar nicht mal direkt aus den Erinnerungen des knabenhaften Cuarón, der 9 Jahre alt war, als die Studentenaufstände des sogenannten Fronleichnam-Massakers eine blutige Spur durch Mexiko City zogen. Das war 1971, und natürlich trägt Roma neben all seines fiktiven Arrangements jede Menge autobiographische Züge. Das lässt sich auch vermuten, wüsste ich die Tatsache nicht, dass Alfonso Cuarón ganz bewusst und mit wehmütiger Hingabe jenes innige, familiäre Vertrauen niemals hätte missen wollen, die er und womöglich seine Geschwister mit der omnipräsenten Fürsorge seiner Hausmädchen verband. Libo haben sie eine von ihnen genannt, und ihr ist auch der Film gewidmet, das lesen wir in der letzten Einstellung, bevor der stille Abspann folgt. Überhaupt ist Roma oft schweigsam und unaufdringlich, bedient sich keines Soundtracks, spielt vielleicht das eine oder andere Mal eine Schallplatte an oder lässt das Autoradio schrummen. Schon die erste Einstellung, dem Fokus auf den Fliesenboden der häuslichen Einfahrt, über den sich alsbald Putzwasser ergießt, in welchem sich der Himmel spiegelt, unter welchem Flugzeuge ihre Kreiseg ziehen, lässt eine drängende Leidenschaft für photographische Perfektion erwarten. Curaón dirigiert hier manchmal auch selbst den Blickwinkel seiner Bilder. Emmanuel Lubezki, sein sonst bevorzugter Kameramann, bleibt diesmal außen vor. Dennoch sind die Kompositionen erlesen, von einer unzufälligen Perfektion eines Stanley Kubrick. In seinem satten Fotorealismus, der in kreisenden Kamerafahrten arrangierte Tableaus einer spontanen, willkürlich scheinenden Ordnung abtastet, erinnert Roma an Michail Kalatasows Soy Cuba aus dem Jahre 1964. Die Kamera schafft eine intime Nähe, aber auch nicht immer. Das, was wir von den blutigen Auseinandersetzungen auf den Straßen mitbekommen, bleibt auf Distanz, bleibt beobachtend, nicht integrierend. So, wie Cuarón dies womöglich selbst erlebt zu haben scheint. Nicht wirklich greifbar, eher unterschwellig, wie ein störendes, monotones Hintergrundrauschen, das aber Tragisches zur Folge hat. Und die das Kindermädchen Cleo auf eine harte Probe stellt.

Cleo, eine Mixtekin – devot, gewissenhaft und vor allem liebevoll – ist der Fixstern in diesem kleinen Sonnensystem aus drei Generationen einer Familie, die mir anfangs fremd ist, durch das Einwirken der guten Geister des Hauses aber als ikonographische Kernfamilie in ihrem eigenen Kokon autark bleibt, auch wenn sie kurz davor steht, auseinandergerissen zu werden. Cleo scheint über allem zu schweben, ihr Leben zweigeteilt in Privates und dem Privatem der zu dienenden Familie. Ein schwieriges, nicht unbedingt glückliches Leben. Genügend aber, für Cleo, die sich nach der Decke ihres kleinen Zimmers streckt, dass nicht mal ihr allein gehört. Yarica Aparicio ist in ihrer Rolle eine bereichernde Entdeckung, die in ihrer schier endlosen Duldsamkeit und aufopferndem Willen fürs Gute bittere Tränen weint und weit über ihre Grenzen geht, um zu sich selbst zurückzufinden. Die respektvolle Liebe, die Alfonso Cuarón hier in neorealistische Photographien gießt, die wiederum an das italienische Kino eines Vittorio des Sica erinnern, macht das Werk zu etwas ganz Speziellem, zu etwas, das sich nicht ans Publikum anbiedert, das sich einfach selbst genügt. Dass seine Geschichten ernst nimmt. Der Erinnerungen, der schwierigen Zeiten wegen, die da kamen und gingen. Für diese Zeiten, für dieses Damals ist dieser Film gemacht. Roma schielt nicht auf das Plus an den Kassen. Das ist direkt befreiend, da bleibt die Hoffnung, dass Geschichten wegen ihrer Geschichten wegen noch verfilmt werden. Cuarón, für mich nicht erst seit Gravity einer, der schon längst die Geschichte des Kinos mitgeschrieben hat, weiß sogar, bei seiner Rückkehr an den Ort seiner Kindheit sogar Zitate aus seinem filmischen Euvre zu integrieren.

Roma ist womöglich deswegen überall mit dabei, weil es das Kino wieder an seine eigentliche Aufgabe erinnert. Nämlich, auf eine ehrliche Art an das zu glauben, was es erzählt. Dabei darf es alles – idealisieren, verklären, wenig erklären. Nur nicht seine eigenen Werte verraten. Da ist Roma ein kraftvolles, in sich ruhendes Beispiel.

Roma

Gringo

DIE FIRMA DANKT!

6/10

 

GRINGO©2018 Tobis Film / Photo: Gunther Campine Courtesy of Amazon Studios

 

LAND: USA 2018

REGIE: NASH EDGERTON

CAST: DAVID OYELOWO, JOEL EDGERTON, CHARLIZE THERON, SHARLTO COPLEY, AMANDA SEYFRIED U. A.

 

Alles für die Firma, und natürlich auch alles für den besten Freund, der noch dazu der Vorgesetzte ist, was mal prinzipiell nie wirklich gute Vibrations erzeugt. Ist die Hierarchie mal festgelegt, haben persönliche Bande plötzlich nicht mehr so viel Zugkraft – oder finden ihren grenzenlosen Nutzen in der kollegialen Bereitschaft des Untergebenen. Der herzensgute Harold zum Beispiel hat keinen blassen Schimmer von den unerhörten Dingen, die da rund um ihn vorgehen, und die sowohl Privates wie Berufliches nicht mehr trennen wollen. Harold, das ist so eine unbeholfene Figur wie aus den desaströsen krimikomödiantischen Schieflagen aus der Feder der Coen-Brüder. Oder fast schon eine Art Jerry Lewis, während Dean Martin seinen devoten Grimassenschneider vorführt. Diesen sagenhaft blauäugigen Loser verkörpert überraschenderweise der ansonsten für ernste Mienen bekannte David Oyelowo, vorrangig in Erinnerung als Martin Luther King im Politdrama Selma. In Gringo allerdings entdeckt, liebt und herzt der Afroamerikaner seine komödiantische Seite, stets an der Schwelle zur Hysterie, herzzerreißend naiv und hyperaktiv wie nach ausgiebigem Koks-Konsum. Oyelowo weiß sich mit dieser Performance für den Casting-Entscheid überschwänglich zu bedanken. Als kleinkarierter, braver Workaholic, den die Umtriebe seiner Chefetage nach Mexiko führen, findet sich besagter Harold irgendwo zwischen Drogenkartell, selbstinszenierter Entführung und als ungewollt gerettetes Opfer wieder, das im Laufe des Filmes natürlich alles spitzkriegt, was im Land der unbegrenzten Drogen-Oligarchie und darüber hinaus im rechtsstaatlichen Amerika alles so abgeht. Sich händeringend zu wehren und dem falschen Freund das letzte Firmengeld aus der Tasche zu ziehen, das ist ein Prozess, der die launige Krimikomödie quer durch die ganze Laufzeit des Films auf Trab hält.

Stuntman Nash Edgerton, Bruder von Joel, der in Gringo die Rolle des schmierigen falschen Fünfziger übernimmt, hat für sein Langfilmdebüt ordnungsgemäß alle Hausaufgaben gemacht, auf Basis eines Drehbuchs, welches sich storymäßig trotz all seiner verwebten Handlungsfäden nicht in redundanten Nebensächlichkeiten verliert. Gringo ist ein schwarzhumoriger Thriller, nie wirklich ernstzunehmend, teilweise sogar überraschend, oft aber Vorbilder zitierend, die in der Chronik gerechtigkeitsliebender Krimischwänke bereits auf deutlich raffiniertere Art ihre grimmige Loserstory erzählt haben. Da kommt die Ballade vom Außendienstler in Mexiko nie wirklich aus dem Schatten heraus, unterhält aber dennoch und vor allem aufgrund der gut aufgelegten Darsteller, die mit David Oyelowo in diesem Live-Act-Cartoon um die Wette intrigieren. Charlize Theron als Business-Miststück par excellence zeigt wieder einmal ganz andere Seiten ihres Könnens, Joel Edgerton ist sowieso nur noch zum Abwatschen niederträchtig, und Sharlto Copley im Reinhold Messner-Look ist der fleischgewordene Wendehals für günstige Gelegenheiten. Alle gemeinsam sind ein pfiffiges Ensemble, nur inhaltliche Originalität, die lässt Gringo weitestgehend außen vor. Da helfen auch zeitweise überzogene Gewaltspitzen nichts, selbst der Wechsel zwischen Scherzlosigkeit und schadenfrohem Slapstick gibt dem ganzen Szenario nicht mehr Grip.

Am Ende des Filmabends lässt sich aber nicht wirklich großartig meckern, man fühlt sich unterhalten und an Genrefilme und -serien anderen Kalibers erinnert (ein bisschen The Mexican, ein bisschen Breaking Bad), während Edgerton´s schmissige Firmeninsolvenz als müßiges Fangenspiel zum Zeitvertreib wenigstens keinen schalen Geschmack hinterlässt, ganz so wie bei einem würzigen Joint, nach dessen Konsum man aber zumindest stoned wäre. Dieser Bewusstseinszustand bleibt aber in Gringo trotz heiß begehrter Hasch-Pillen unerreicht.

Gringo

Coco – Lebendiger als das Leben

MIT DEN AHNEN PLAUDERN

8/10

 

Coco©2017 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2017

REGIE: Lee Unkrich, Adrian Molina

MIT DEN STIMMEN VON Anthony Gonzalez, Benjamin Bratt, Gael García Bernal u. a.

 

 „Mach die Musik leiser!“ – Das wäre zumindest ein Imperativ gewesen, mit welchem der kleine mexikanische Junge Miguel zumindest irgendetwas hätte anfangen können. Aber gar keine Musik – das geht gar nicht. Miguel ist der einzige in seiner Familie, der Musik über alles liebt und seinem Idol, dem großen Ernesto de la Cruz nacheifern will. Aber Musik – Musik ist verpönt in Miguels Schusterfamilie, seit sein Ururgroßvater Karriere vor Familie gesetzt hat – und letzterer den Rücken kehrte. Also Schluss mit dem Geklimpere – Miguel hat gefälligst Schuster zu werden. Wie es aber bei zwölfjährigen Jungs so ist, darf mit Widerstand gerechnet werden. Der aufgeweckte, träumerische Bursche denkt gar nicht daran, sein Talent versauern zu lassen. Schon gar nicht am Tag der Toten, dem größten Fest Mexikos, an welchem es der Tradition nach wie alle Jahre einen Talentwettbewerb gibt. Nur blöd, dass seine Familie geschlossen dagegen ist. Widerstand überall. Nur seine Uroma Coco sagt nichts. Seine Uroma Coco kauert in ihrem Rollstuhl, dämmert vor sich hin und verliert allmählich all ihre Erinnerung. Vor allem die Erinnerung an ihren Papa, dem schwarzen Schaf der Familie. Und wie die alte Coco da so sitzt, nach vorne gebeugt und mit langen, weißen, geflochtenen Zöpfen – da sieht man wieder, dass die Pixar-Schmiede erneut wieder so etwas wie ein Wunder vollbracht hat. 

Denn die Filme von Pixar sind längst nicht mehr nur Kinderkram. In ihrer neuen Geschichte nach einem Originaldrehbuch beweisen die Kreativen hinter den Rechnern und Schreibtischen einmal mehr, dass ihr Mut zu Anspruch und weltbewegenden Themen keinesfalls familientaugliche Unterhaltung ausschließen muss. Denn Coco – lebendiger als das Leben ist ein zutiefst berührender Film über Familie für Familie. Interessant ist alleine schon die Tatsache, dass der titelgebende Charakter nicht der quirlige Miguel selber ist, sondern die steinalte Urgroßmutter, die mit so viel Liebe entworfen, modelliert und gezeichnet wurde wie selten eine Figur in einem animierten Film. Diese Oma schlägt alle, bis in jede Falte ihres Gesichts lässt sich das gelebte Leben nachfühlen, von welchem hier erzählt wird. Nämlich auch von denen, die nicht mehr sind. Man kann den Tag der Toten gleichsetzen mit dem Feiertag Allerheiligen hierzulande. Und wer den letzten James Bond: Spectre gesehen hat, kann ungefähr erahnen, was sich am Tag der Toten in Mexiko abspielt. Da kommen die Ahnen aus dem Jenseits in die Welt der Lebenden – aber nur, sofern man sich an sie erinnert und Gott behüte – nicht vergessen hat, ein Bild aufzustellen. Mit den Ahnen zu reden ist so eine Sache – das kann man mit Tischerücken probieren, oder mit einem Medium wie Lotte Ingrisch. Oder man erträumt sich die Verstorbenen einfach – allerdings ohne Echtheitsgarantie. Mal ehrlich, wer würde nicht gern seine Vorfahren kennenlernen, um sie aus dem Nähkästchen plaudern zu lassen. Da gibt es aus meiner Familie einige. Und selbst meinem Großvater würde ich gerne noch so einiges mitteilen. 

Miguel bekommt diese Chance – und es gelingt ihm irgendwie, ins Jenseits abzugleiten, ohne tot zu sein. Die Welt der Ahnen ist eine knallbunte, surreale Dimension, in der die Toten Skeletten gleich vor sich hin klappern, ihr Totsein vor dem endgültigen zweiten Tod fristen und eben die Dinge tun, die sie schon zu Lebzeiten immer getan haben. Auch hier haben die Animationskünstler und Designer eine Welt erschaffen, die so noch nie im Kino zu sehen war. Ein Jenseits, in welchem sich Hades für seine eigene Unterwelt fremdschämen würde. Die Gesichter der Verstorbenen sind auf eine Art entworfen, die zweifelsfrei als Totenköpfe zu identifizieren sind, andererseits aber auch so gestaltet sind, dass sie eine gewisse Gesichtsmimik zulassen – andernfalls würden sich Emotionen bei all den Ahnen nur erahnen lassen. Und Emotionen spielen eine wichtige Rolle. Emotionen und vor allem Erinnerungen. Spätestens ab diesem Punkt dringt die Geschichte um Miguel und die Toten in eine tiefere Bedeutungsebene vor. Coco wird zu einer Parabel über das Vergessen und Vergessen werden, über das ewige Leben in der Erinnerung der Lebenden. Dass der Wert der Familie bei Disney sowieso immer eine Rolle spielt, braucht gar nicht erst erwähnt zu werden. Das ist fast die Basis eines jeden Disney-Films. Doch dieser unerwartet ernste Kern der Geschichte, die nebenbei einfach wunderbar erzählt ist, gerät nie in stockende Betroffenheit oder gleitet ab in falsche Rührseligkeiten. Mit aufrichtigem Wagemut und unverschämter Leichtigkeit setzt sich die Ode an die Ahnen mit einem für gewöhnlich betroffen machenden Tabuthema auseinander, das längst kein solches sein muss. Mir fallen gerade die Riten der Madagassen ein – ihre Begräbnisse enden in ausgelassenen, bunten Festen, weit jenseits schwarz gewandeter Trauer. Auch ein Ansatz, der den letzten Meilenstein des Lebens als solchen besser wahrnimmt. Und Coco tut dies – die Gratwanderung zwischen Leben und Tod wird in Pixar´s neuem Film zum phantastischen, prächtigen Abenteuer in atemberaubender, erlesener Tricktechnik. Und zum erfolgreichstem Film aller Zeiten in Mexiko. Da kann man nur sagen; Viva La Vida. Und La Familia sowieso.

Coco – Lebendiger als das Leben