The Lost Bus (2025)

NONSTOP DURCHS FLAMMENMEER

7/10


© 2025 Apple Originals


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: PAUL GREENGRASS

DREHBUCH: PAUL GREENGRASS, BRAD INGELSBY, BASIEREND AUF DEM BUCH VON LIZZIE JOHNSON

KAMERA: PÅL ULVIK ROKSETH

CAST: MATTHEW MCCONAUGHEY, AMERICA FERRARA, YUL VAZQUEZ, ASHLIE ATKINSON, DANNY MCCARTHY U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN



Paul Greengrass hat jede Menge Erfahrung mit Männern in Not. Jason Bourne zum Beispiel, ein desperater Geheimdienst-Charakter, die filmgewordene Generalüberholung eines Rollenbildes, welches James Bond lange Zeit vorgegeben hat. Zu seinem Meisterwerk zählt zweifelsohne Captain Phillips, eine packende Chronik moderner Piraterie, basierend auf wahren Ereignissen, und Hollywoods Good Guy Tom Hanks hätte dafür längst seinen dritten Oscar abholen sollen. Jetzt ist wieder so ein Kerl so ziemlich mit allem konfrontiert, was nicht nur das eigene Leben, sondern auch das vieler anderer gefährden könnte. Diesmal ist Oscarpreisträger Matthew McConaughey inmitten einer sich anbahnenden Katastrophe zu sehen, und er ist nicht gerade ein Typ der Sorte tougher Alltagsheld, sondern ganz im Gegenteil.

Die Relativität misslicher Lagen

Privat scheint es für Kevin McCay mies zu laufen, das Verhältnis zum Sohnemann, der lieber bei Muttern abhängt als beim mehr ab- als anwesenden Vater, ist so katastrophal wie die Wetterverhältnisse hier in Nordkalifornien, die von Wind, Hitze und Trockenheit geprägt sind. Und die vor allem eines begünstigen: den Waldbrand. Dazu muss man wissen: McKay fristet sein berufliches Dasein als Schulbusfahrer, die Leidenschaft für diesen Job steht ihm täglich ins Gesicht geschrieben. Da an besagtem Tag im November des Jahres 2018 aber die Hölle über den kleinen Ort Paradise hereinbricht (bekannt wurde diese Katastrophe als Camp Fire), wird der Scheiß-Drauf-Phlegmatismus rasch durch einen gewissen anderen Ehrgeiz abgelöst: Nämlich jenen, junge Menschenleben zu retten – eine Schulklasse von Kindern aus einem Ring of Fire zu evakuieren, der sich in rasender Gier immer weiter zusammenzieht und über alles und jeden hinwegfegt, der sich bei drei noch nicht in irgendein Gewässer gerettet hat. Selbst da bringt die immense Rauchentwicklung immer noch Schaden genug.

Wie also mit einem Schulbus – wohlgemerkt einem blechverkleideten, mehr schlecht als recht funktionierenden Vehikel, das nach Generalüberholung schreit und die Hitze anzieht wie Metall eben Hitze leitet – wie also mit einem Schulbus raus aus diesem Inferno, das eine Finsternis mit sich bringt, die an Mordor erinnert? Die Straßen sind verstopft oder gesperrt, die Kinder schmeißen logischerweise eins nach dem anderen die Nerven. Zum Glück hat McConaughey den Support von America Ferrara als bei der Sache bleibende Lehrkraft, die weiß, wie man Kinder am besten beruhigen kann, auch wenn alles danach aussieht, als würde es der letzte der Busse garantiert nicht schaffen, diesem glutheißen Schraubstock zu entkommen.

Menschliches gegen natürliches Chaos

Paul Greengrass weiß: Er muss zuallererst mal McConaugheys Figur bekannt genug machen, um auch das menschliche, nicht nur das effektvolle Drama spürbar werden zu lassen. Es gelingt ihm –  dank eben seines Stars, der verzweifelt, desillusioniert und beharrlich genug wirkt und das emotionale Durcheinander auch gekonnt gegen das Durcheinander an Flammen, Verheerung und Panik ausspielt. Neben McConaughey sind es aber weniger die Kinder noch America Ferrara noch sonst irgendwer, der es mit ihm aufnehmen kann: Es bleibt das phänomenal ins Bild gebrachte Feuer, dieser züngelnde Irrsinn, diese Dunkelheit, dieser Rauch, dieses unberechenbare Verzehren alles Brennbaren. Anders als Joseph Kosinski in seinem an die Nieren gehenden Feuerwehrdrama No Way Out – Gegen die Flammen, der einer menschlichen Tragödie während ähnlich verheerender Waldbrände in Arizona ein Denkmal setzt, hat The Lost Bus weniger Ensemble und spielt weitaus deutlicher auf der Klaviatur eines actionlastigen Katastrophenfilms mit einer Brise Sozialtristesse und unheilvollem Abenteuer. „Speed im Flammenmeer“ ist vielleicht ein Vergleich, aber es wäre nicht Paul Greengrass, wäre sein Film nicht neben all der schnell ermüdenden Feuersbrunst, die irgendwann immer die gleichen Bilder liefert, nicht eben auch das große Drama menschlichen Über-Sich-Hinauswachsens.

Heldenmut im Alltag ist eine Sache, dieses Pathos nicht zu erhöhen eine andere. Greengrass schafft es, seine Figuren nicht zu verkitschen. Dass er sich nicht allzu sehr auf die Effekte verlässt, reißt The Lost Bus raus aus einem semidokumentarischen Mittelmaß, das verbissen darum kämpft, einen gewissen Überblick zu bewahren in einer wohl knifflig umzusetzenden Chronik der Ereignisse.

The Lost Bus (2025)

7500

IM COCKPIT HÖRT DICH NIEMAND SCHREIEN

7,5/10

 

7500© 2019 Universum

 

LAND: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2019

REGIE: PATRICK VOLLRATH

CAST: JOSEPH GORDON-LEVITT, OMID MEMAR, AYLIN TEZEL, MURATHAN MUSLU, CARLO KITZLINGER, PAUL WOLLIN U. A. 

 

Ungefähr so könnte es gewesen sein: Mohammed Atta und seine Begleiter könnten vielleicht auf diese Art ins Cockpit der American Airlines-Maschine gelangt sein. Ist die Tür mal auf, stürmen wildgewordene Wüteriche, mit klebebandumwickelten Glasscherben bewaffnet, ins Allerheiligste des Fliegers und nutzen den Überraschungsmoment zu ihren Gunsten. Sie erlangen Kontrolle über ein Flugzeug, dass zum Beispiel ins World Trade Center donnern wird. Bei einem anderen dieser Flugzeuge am Morgen des 11. September konnten die Passagiere zumindest so viel Widerstand leisten, um den Vogel zumindest nicht auf dicht besiedeltem Gebiet abstürzen zu lassen. Paul Greengrass hat mit Flug 93 die Geschehnisse innerhalb dieses Flugzeugs rekonstruiert.

Patrick Vollrath, deutscher Kurzfilmregisseur und Schüler Michael Hanekes, der mit seiner Abschlussarbeit Alles wird gut sogar für einen Oscar nominiert wurde, hat sich so seine Gedanken gemacht, wie eine solche Situation auch ganz anders ausgehen hätte können. Dabei nimmt er eine radikale Reduktion vor, die in so einem extremen Fokus überhaupt noch nicht zu sehen war: sein Film spielt einzig und allein auf den wenigen Quadratmetern eines Cockpits. Stirb langsam auf engstem Raum, der Heimvorteil liegt beim Piloten, die Terroristen sind aggressiver als es der ominöse Hans Gruber jemals war, und es ist vorne wie hinten kaum Platz, um zu agieren. Gut, wir kennen Filme, die in stark begrenzten Räumen spielen, aber meist sind das Ein-Personen-Dramen, in denen hauptsächlich gesprochen wird. 7500, der sich mit dieser vierstelligen Kennzahl auf den Code für eine Flugzeugentführung bezieht, lässt aber gleich mehrere Personen aufeinander los. Im Mittelpunkt steht Joseph Gordon-Levitt als US-Pilot Tobias, der in Berlin lebt, und der gemeinsam mit seiner türkischstämmigen jungen Frau, eine Stewardess, während des Fluges Berlin-Paris Dienst schiebt (beide haben einen Sohn, das macht das Drama später noch unerträglicher). Alles sieht nach Business as usual aus. Bis das Flugzeug in der Luft ist, die Anschnallzeichen ausgeblendet sind und das Bordpersonal den Piloten das Sandwich serviert. Ab da bricht die Hölle los. Und ich meine Hölle, denn dieses Kammerspiel ist nichts für schwache Nerven.

Cockpit-Horror könnte man sagen. Und Vollrath, bei diesem Film fast schon ein Regie-Genie, nutzt innerhalb dieses vor Ecken, Kanten, Armaturen und Blicklichtern nur so strotzenden Raumes alle möglichen Quellen, um den Horizont auch nach außen hin zu erweitern. Niemals jedoch sieht man das Flugzeug als solches. Es gibt keine Pyrotechnik, keine großen Stunts, auch kein einziges Mal blickt Vollrath ins Hintere des Flugzeugs. Was man sieht, ist das, was vor verschlossener Tür passiert. Was man hört, ist das dumpfe Schreien, das Rangeln und Wimmern hinter dem Vorhang. 7500 reduziert alles, aber nur auf das Wesentliche, und lässt uns zum ratlosen Piloten werden. Die Essenz, die zurückbleibt, hat durch die wenigen akustischen wie visuellen Akzente einen stärkeren Impact als es herkömmliche Action meist je hätte. Vieles entsteht im Kopf, die Psychologie des Films triezt die Ungeduld bis zur Entwarnung und das Cockpit wird zum Panic Room. Fast scheint es, als müsste der Zuschauer interagieren, als müsste er, statt sich von üppigem Zinnober plätten zu lassen, den Film vor seinem geistigen Auge räumlich weiterdenken. Die Tür, die über Leben und Tod vieler entscheidet, die muss halten. Was auch immer da draußen passiert – lass keinen hinein! Ob es das Leid Unschuldiger ist, die als Druckmittel getötet werden oder das immerwährende, zermürbende Anlaufen wie mit einem Rammbock gegen die Macht über das Flugzeug. Es ist in jedem Fall ein Kampf um die Burg.

Gordon-Levitt (u. a. The Walk, The Dark Knight Rises) gibt alles. Er schreit, er heult, er fasst neuen Mut, er versucht, rational zu denken – bislang seine stärkste Performance. Vorstadtweiber-Star Murathan Muslu als stiernackiger Grimm und vor allem Omid Memar als völlig unberechenbarer, psychisch labiler Hysteriker geben dem Nervenkrieg noch mehr Zunder, und selbst hat man bald das Gefühl, sich ebenfalls anschnallen zu müssen, um nicht panisch irgendwo hinzurennen.

Action muss längst nicht mehr Kawumm sein, Action kann auch assoziativ sein oder einfach in der Ungewissheit über das unmittelbar Bevorstehende liegen. Das Ganze so zu implementieren ist Vollrath gelungen, nämlich mit den wenigsten Mitteln das Bestmögliche herauszuholen. Lange schon war ein Film nicht mehr so spannend und nervenaufreibend wie dieser.

7500